Weisse Indios

Veröffentlicht am 7. November 2009

Nachfolgend wollen wir Ihnen die „weissen Indios“ Brasiliens vorstellen – Männer mit einer indianischen Seele.

Im Verlauf von zehn Jahren – zwischen 1907 und 1917 – verlegte die Gesellschaft für „Linhas Telegráficas Estratégicas“, vom Mato Grosso bis nach Amazonien, rund 2.000 Kilometer Telefonkabel und verband damit den Bundesstaat Mato Grosso mit dem „Territorium des Acre“, wie der heutige Bundesstaat damals noch hiess. Ihre Angestellten durchquerten im Lauf dieser Periode zirka 10.000 Kilometer bis dato von Weissen nie betretener Wildnis – und sie entdeckten, ganz nebenbei, noch 15 bisher unbekannte Flüsse.

Ein hartes Abenteuer von zehn Jahren Dauer, auch eine Expedition von wissenschaftlich sehr wertvollem Charakter, der sich Astronomen, Ethnologen, Botaniker, Zoologen und Geologen anschlossen, und deren Erkenntnisse wegbereitend für den Aufbruch gegen Westen wurden, der endlich, nach dem Bau der neuen Hauptstadt Brasília (1960), voll einsetzte. Aber vor allem war dieses Abenteuer eine humanitäre Mission und eine Reise aller Teilnehmer in die Selbstentdeckung.

Ihr humanitärer Anspruch kann aus der heutigen Sicht weit über alle erbrachten wissenschaftlichen Erkenntnisse gestellt werden. Unter der Leitung des Leutnants Candido Mariano da Silva Rondon gelang es der Expedition, mit den feindseligsten und gefürchtetsten Indianerstämmen Zentral-Brasiliens Kontakt aufzunehmen und sie definitiv zu befrieden. In einer Zeit, in der die Indianer, falls man auf sie traf, einfach abgeschossen wurden, eröffnete die „Kommission Rondon“ neue Perspektiven für die dramatische Relation zwischen Eingeborenen und Weissen. Rondon ersetzte Hass durch Zuneigung, Verdacht durch Vertrauen und die Karabiner durch bunte Glasperlen und wurde zum grössten Humanisten Brasiliens und respektiertesten Verteidiger der Indianer auf dem ganzen Kontinent. Und seine Prinzipien wurden auch durch die später noch folgenden Tragödien zwischen Indianern und Weissen nie infrage gestellt.   

CANDIDO MARIANO DA SILVA RONDON

da_silva_rondonEr war ein Nachkomme der Terena-Indianer und wurde 1865 in Mato Grosso geboren. Seine Karriere als „Eingeborenen-Kenner“ nahm um 1900 ihren Anfang, als er, nach seinem Abschluss der Militärakademie von Rio de Janeiro, zurück nach Mato Grosso kam, um bei der Verlegung der Telegrafenverbindung zwischen Cuiabá und dem Rio Araguaia zu helfen. Während dieser Arbeit widmete er sich der Befriedung des wilden Stammes der Boróro. Im Jahr 1907 wurde er beauftragt, die Telegrafenleitung bis hinauf zum Acre zu verlängern und dabei 3.000 Kilometer bisher unbekannter Wildnis zu durchqueren. Während dieses historischen Abenteuer-Epos fand er die Worte, deren Bedeutung zum Symbol seiner Beziehung zu den Indianern wurde, zum Markenzeichen seines Lebens und seines Werkes: „Sterben, wenn es nötig wird, töten niemals“! Im Jahr 1910 gründete Rondon den „Serviço de Proteção ao Índio“ (SPI), das erste gouvernamentale Organ für Indianerfragen, dem er vorstand – vier Jahrhunderte nach der Entdeckung Brasiliens durch die Portugiesen.

Die Gebrüder VILLAS BOAS – Orlando, Cláudio und Leonardo

Waren praktisch natürliche Nachfolger des Werkes von Rondon, mit dem sie bereits während dessen Expedition „Roncador-Xingu“ – 1945, unter der Leitung des SPI, angefangen hatten zu arbeiten. Als diese Expedition zum geografischen Zentrum des Landes aufbrach, waren die „Sertões“ von Zentral-Brasilien noch Terra Inkognita. Abgesehen von den Inspektionsreisen eines von Spix und eines von Martius (1875), eines Carl von Steinen (1884) und Rondon selbst, der den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt begleitete, war diese Region nie mehr von Weissen betreten oder gar erforscht worden.

orlando_villas_boasDie Gebrüder Villas Boas hatten die Nase voll von ihrem faden Leben als Notare und Buchprüfer in der Grossstadt São Paulo und waren bereit, sich fürs Abenteuer zu engagieren und der Expedition „Roncador-Xingu“ anzuschliessen, welche die „Fundação Brasil Central“ durchführte, um zu verhindern, dass jene weiten unbewohnten Regionen durch irgendwelche „ausländischen Mächte“ vereinnahmt würden. Aber die Leiter der Expedition rekrutierten nur erfahrene Waldläufer, und da Orlando, Cláudio und Leonardo noch nie im Urwald gewesen waren, wurden sie abgelehnt. Aber sie weigerten sich, umzukehren und wurden schliesslich doch noch angenommen. Am 12. Juni 1945 waren sie bei der Gruppe, die den Rio das Mortes überquerte und in das noch unangetastete Territorium der gefürchteten Xavante-Indianer eindrang. Auf persönlichen Wunsch von Rondon (der selbst an der Expedition nicht teilnahm) sollten sie einen friedlichen Kontakt mit den Xavante versuchen, der ihnen auch gelang.  

Von den drei Brüdern tat sich besonders Orlando hervor: in den folgenden zwei Jahren konstruierte er 18 Landepisten für Kleinflugzeuge, befriedete die Xavante, die Juruna und die Caiabi. 1951, als die Expedition zu Ende ging, begann Orlando mit einer Kampagne für die Schaffung eines Nationalparks im Gebiet des Rio Xingu, in welchem das Leben der wilden Indianer eine Chance hätte, ungefährdet seinen Lauf zu nehmen. Zehn Jahre später, als endlich der Nationalpark Wirklichkeit wurde, machte man Orlando zu seinem ersten Direktor. Der „Parque Indígena do Xingu“ wurde zur Modell-Idylle sämtlicher Eingeborenen-Reservate unseres Planeten. Und trotz konstanter Bedrohungen ist er bis heute ein Refugium und indianisches Heiligtum geblieben – Ergebnis der Hingabe und der Anstrengungen der drei Brüder Villas Boas – mitten im grünen Herzen Brasiliens.

CURT NIMUENDAJU

Curt_NimuendajuSein Nachname bedeutet in der Tupi-Sprache: „derjenige, welcher sich sein eigenes Heim baute“ und war eine solch perfekte Definition seines Lebens, dass Curt Unkel 1906 seinen Nachnamen entsprechend änderte. Er war erst drei Jahre vorher im Hafen von Santos (São Paulo) an Land gegangen, nachdem ihn ein Schiff aus Deutschland hierher gebracht hatte – er stammte aus Jena, wo er im Jahr 1883 das Licht der Welt erblickte. Im Gegensatz zu seinen Reisekameraden, die in den Süden Brasiliens weiterzogen, entschied er sich für die Wälder im Westen von São Paulo. Dort traf er auf die Guarani-Apinacauá, wurde vom Stamm aufgenommen und später adoptiert – und änderte seinen Namen. Hier begann die Karriere des grössten brasilianischen Ethnologen aller Zeiten. In den folgenden 40 Jahren durchquerte Curt Nimuendaju Brasilien vom Norden bis zum Süden, studierte und lebte mit den Kaingang, Terena, Xavante, Caiapó, Xetá, Txucarramãe, Arara, Parintintin, Macu und mit vielen anderen Stämmen. Er hinterliess mehr als 50 deutsche Bücher – kaum eines wurde je ins Portugiesische übersetzt. Er starb 1945 an den Ufern des Amazonas, ohne je wieder zum Leben mit den Weissen zurückgekehrt zu sein. Er wurde von seinen indianischen Freunden begraben – als ein Indianer, der er tatsächlich geworden war.