Population Indigener in Brasilien

Veröffentlicht am 28. August 2011

Man nimmt an, dass es in unserer Welt von heute mindestens 5.000 indigene Völker gibt, insgesamt sind das zirka 350 Millionen Menschen (IWGIA, 2009). Bis in die Mitte der 70er Jahre glaubte man in Brasilien, dass das Verschwinden der indigenen Völker nicht zu verhindern sei.

Pataxó

In den 80er Jahren dagegen, stellte man fest, dass die demografische Kurve anfing, sich von ihrer Lethargie zu erholen und im Ansteigen begriffen war – und seither hat die indigene Bevölkerung des Landes nicht mehr aufgehört, konstant zu wachsen – und diese positive Entwicklung war bei den meisten der eingeborenen Ethnien zu beobachten – obwohl es da auch einige gab, deren Zahlen weiterhin zurück fielen und solche, die mit weniger als zehn Mitgliedern vom Aussterben bedroht sind. In der Auflistung der eingeborenen Völker Brasiliens, erarbeitet von der ISA, gibt es sieben, die nur noch aus 5 bis 40 Mitgliedern bestehen.

Unter den rund 300 indigenen Völker Brasiliens gibt es 43 deren Bevölkerung zum Teil in Nachbarländern lebt. Wo entsprechende demografische Informationen aufgeführt sind, werden diese Parzellen separat präsentiert – gemäss der Informationsquellen aus dem Nachbarland – sie zählen also nicht zu der globalen Schätzung der indigenen Bevölkerung in Brasilien.

Die mehr als 300 indigenen Völker bestehen insgesamt – laut Zählung des IBGE 2010 – aus knapp 900.000 Personen. Von diesen leben rund 340.000 in urbanen Zentren und ca. 560.000 in ländlichen Gebieten – sie entsprechen damit zirka 0,52% der brasilianischen Gesamtbevölkerung.

Wo leben sie?

Die indigenen Völker der Neuzeit sind verteilt auf das gesamte brasilianische Territorium. Viele dieser Völker leben auch in Nachbarländern. In Brasilien bewohnt die grosse Mehrheit der indigenen Kommunen auf kollektiven Terrains, die ihnen von der Zentralregierung zur exklusiven Nutzung zugesprochen worden sind. Die so genannten Indianer-Territorien (IT) heute sind 674 an der Zahl.

Wer lebt wo?

An dieser Stelle folgt eine Aufstellung der Bundesstaaten Brasiliens und ihrer indigenen Bewohner:

Im politischen Amazonien – bestehend aus den Bundesstaaten Amazonas, Acre, Amapá, Pará, Rondônia, Roraima, Tocantins, Mato Grosso und dem westlichen Teil von Maranhão – leben 60% der indigenen Bevölkerung. 10% bis 15% davon, so schätzt man, halten sich in Städten auf, aber darüber gibt es noch keine zuverlässige Aufstellung.

Die Anerkennung der Indianer-Territorien von Seiten der Regierung (Prozess der Demarkierung) ist immer noch ein offenes Kapitel in der brasilianischen Geschichte. Viele sind bereits demarkiert und ordentlich in einem Notariat registriert, andere befinden sich noch in der Phase der Anerkennung. Und es gibt auch indigene Territorien ohne irgendwelche Regulierung. Ausserdem befinden sich verschiedene ITs in Konflikten mit Landspekulanten und anderen Invasoren.

Indigene Völker

Immer noch, im 21. Jahrhundert, ignoriert die Mehrheit der brasilianischen Gesellschaft die riesige Diversifikation indigener Völker, die in diesem Land recht und schlecht ihr einfaches Leben fristen, und die von Rechts wegen die eigentlichen Herren dieses Landes sind.

Man nimmt an, dass sie einst zur Zeit der europäischen Invasion mehr als 1.000 Völker gewesen sind – zirka zwischen 2 und 4 Millionen Menschen insgesamt. Gegenwärtig findet man auf brasilianischem Territorium noch die Überlebenden von mehr als 230 verschiedenen Völkern, die mehr als 180 verschiedene Sprachen sprechen.

Der grösste Teil dieser Bevölkerung verteilt sich auf Tausende kleiner Dorfkommunen, die sich im Innern von 674 Indianer-Territorien (ITs) befinden – zwischen Nord und Süd des nationalen Territoriums.

Wenn man heute von den indigenen Völkern in Brasilien spricht, dann sollte man zuerst einmal folgende Fakten anerkennen (und nicht ignorieren):

Auf den von den portugiesischen Invasoren (sie waren nämlich nicht die “Entdecker“) kolonisierten Ländereien – auf denen sie einen Staat gründeten, den sie “Brasil“ nannten – gab es bereits menschliche Populationen, und die lebten auf diesem Land seit vielen Tausend Jahren. Wir wissen immer noch nicht genau, woher sie kamen – wir nennen sie deshalb “Urvölker“ oder „“Eingeborene“ – eben weil sie schon hier waren, lange bevor die Europäer den südamerikanischen Subkontinent entdeckten!

Bestimmte Personengruppen, die heute auf dem Territorium Brasiliens leben, sind historisch mit diesen eingeborenen Naturvölkern verwandt.

Die Indianer des heutigen Brasiliens blicken auf eine sehr lange Geschichte zurück, die sich noch lange vor jener der okzidentalen Zivilisation, in prähistorischer Zeit, zu entwickeln begann – die ersten humanen Einwanderungen aus der “alten Welt“ (wahrscheinlich über die Behringstrasse) liegen mindestens 10.000 Jahr zurück (beweisbar an gefundenen Höhlenmalereien und Gebrauchsgegenständen). Und die Geschichte “von denen“ begegnete erstmals “unserer“ vor lächerlich 500 Jahren!

Und wie alle Menschen, so haben auch die indigenen Völker ihre eigene Kultur, eine uralte Kultur, die sich aus ihrem Umgang mit der sie umgebenden Natur und den ihnen begegnenden anderen Eingeborenen entwickelt hat. Eine Geschichte, die sich in erster Linie an der Natur, und ihrer persönlichen Anpassung an diese, orientiert hat – sie hatten keine entwicklungstechnischen Ambitionen, dagegen verstanden sie es, in unvergleichlicher Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben, von den Gaben der Natur zu profitieren, ohne ihr dadurch Schaden zuzufügen. Was Wunder, dass sie auch an gottgleiche Wesen in dieser vollkommenen Natur glaubten – für sie tanzten und ihnen Opfer brachten.

Mit der Invasion der Portugiesen war dann plötzlich ihr genügsames Leben zu Ende – zuerst traf es die eingeborenen Völker an der Atlantikküste, die den gepanzerten Eindringlingen nackt und freundlich entgegen kamen.

Die territoriale Aufteilung in Länder (Brasilien, Bolivien, Venezuela etc.) stimmte natürlich nicht überein mit der indigenen Besetzung des Subkontinents. In vielen Fällen hatten sich Völker, die heute in internationalen Grenzgebieten leben, sich schon lange vor den entsprechenden Grenzziehungen der Invasoren dort niedergelassen – und deshalb macht es mehr Sinn, von indigenen Völkern in Brasilien zu sprechen als von indigenen Völkern Brasiliens.

Die genetische Bezeichnung “indigene Völker“ bezieht sich auf Menschengruppen, die auf unseren gesamten Planeten verteilt waren und es noch sind – allerdings in stark dezimierter Zahl. Menschen unterschiedlicher Rassen, Sitten, Gebräuche und Sprachen, die eins gemeinsam hatten: Ihre enge Verbundenheit mit der sie umgebenden Natur, aus deren Garten sie ihre Existenz bestritten und ihn deshalb pfleglich behandelten.

Índios Ameríndios

Die indigenen Völker im gesamten amerikanischen Kontinent – nicht nur die in Brasilien – werden als “Indios“ (Indianer) bezeichnet. Dieses Wort ist das Ergebnis eines historischen Irrtums der ersten Kolonisatoren, die sich in Indien glaubten, als sie die amerikanische Küste betraten. Außer diesem Irrtum hat der Gebrauch dieser Bezeichnung im Brasilien von heute – auch durch die Indios selbst – sie zu einem Synonym des indigenen Individuums gemacht.

Und weil es gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Indios von Nord-, Zentral- und Südamerika gibt, ziehen einige Wissenschaftler es vor, sie als “Amerindios“ zu bezeichnen. Diese Indios oder Ameríndios sind somit die indigenen Völker Amerikas.

Jahrzehnte zurück gab es ein anderes Wort, welches man in Brasilien häufig benutzte um die Indios zu bezeichnen: Man nannte sie “Silvícolas“ (“die im Wald geboren werden oder dort leben“). Dieser Terminus ist vollkommen unangebracht, denn was eine indigene Person ausmacht, ist nicht, dass sie im Wald geboren wird oder dort lebt!