Yudjá

Veröffentlicht am 30. Dezember 2009

Als Kanuten sind das Indiovolk der Yudjá antike Bewohner der Inseln und Halbinseln des unteren und mittleren Xingu, einem der bedeutendsten Flüsse des meridionalen Amazonien, gegenwärtig bedroht durch die Implantierung eines hydroelektrischen Komplexes. Seit einhundert Jahren etwa ist dieses Volk in zwei Gruppen zersplittert und durch eine enorme Entfernung voneinander getrennt.

Yudjá

Andere Namen: Juruna, Yuruna, Geruna
Sprache: Juruna, Familie Juruna (Sprachstamm Tupi)
Population: 348 (2011)
Region: Mato Grosso (Parque Indígena do Xingu)
INHALTSVERZEICHNIS
Geschichte der Besetzung und des Erstkontakts
Gesellschaftspolitische Neustrukturierung
Lebensraum
Produktive Aktivitäten
Das Toré-Ritual
Sprache und Gesellschaftliche Organisation

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Gespräch mit einem Mann:
Wie ist der Name dieses Flusses?
Dieser Fluss hat keinen Namen, wir nennen ihn einfach “Iya ithabï“.
Welches sind die Grenzen deines Landes?
Von “Altamira“ bis nach “Morená“ – dieser Fluss ist unser Land.
Was bedeutet dein Name?
Unseren Namen “Yudjá“ haben wir, weil wir von diesem Fluss sind, wir sind an diesem Fluss aufgewachsen.
Warum jagt ihr mit dem Kanu?
Weil wir nicht zu Fuss gehen wollen, schliesslich sind wir keine Indianer! Wir haben Kanus, um zu navigieren.

Gespräch mit einer Frau:
Warum hat der “Cauim“ (selbst hergestelltes alkoholisches Getränk) einen menschlichen Namen?
Nun, weil seine “Herren“ (Geniesser) von ihm besoffen werden! Alle Leute haben sich schon gefragt, wie das sein kann, wie kann der “Cauim“ ein menschliches Wesen sein? Er ist ein menschliches Wesen, weil er uns betrunken macht, uns ein bisschen tötet. Wir fallen in Schlaf und dann tötet uns der “Cauim“.

nach obenLebensraum

Die folgende Betrachtung konzentriert sich grundsätzlich auf die Gruppe innerhalb des PIX, wo sie eines der 14 Völker repräsentiert, die heute in diesem Park eine Heimat gefunden haben. Die Dörfer der Yudjá befinden sich im Nordteil des PIX, zwischen der Bundesstrasse BR-80 und dem Indianerschutz-Posten Diauarum. Von linguistischer und kultureller Perspektive aus gesehen, besitzen die Yudjá vier Dörfer, aber die können, nach ethnopolitischen Kriterien, in einem einzigen zusammengefasst werden: “Tubatuba“, an der Mündung des Rio Manissauá-Missu. Aus diplomatischen Gründen ziehen die Bewohner der beiden Dörfer, die aus der Teilung von “Tubatuba“ entstanden, es vor, als “Fazendas“ (Viehfarmen) definiert zu werden (“Fazenda Novo Parque Samba“ und “Fazenda Boa Vista“), denn dort halten sie eine bescheidene Herde von Rindern. Das andere Dorf “Pequizal“ ist eigentlich ein Kaiabi-Dorf, denn es hat einen “Herrn“ aus diesem Volk – auf der anderen Seite ist es ein Yudjá-Dorf, wegen der Sprache, die dort vorherrscht. Nach einer Zählung vom Juni 2001 betrug die Yudjá-Bevölkerung 278 Personen.

nach obenName

Die Bezeichnung “Juruna“ (Yuruna, Jurúna, Juruûna, Juruhuna, Geruna) wurde diesem Volk von ausserhalb gegeben, es bedeutet “schwarzer Mund“ in der “Lingua Geral“ (Umgangssprache in Amazonien) und bezieht sich auf ihre typische Gesichtstätowierung, mit der, so geht aus Berichten des 17. Jahrhunderts hervor, dieses Volk sich präsentierte, als Fremde zum ersten Mal in ihr Territorium am unteren Xingu eindrangen – wenige Jahre nach der Gründung der Stadt Belém (1615). Ihre Selbstbezeichnung ist “Yudjá“ (fonetisch: Judzschá) – trotzdem benutzten sie selbst ebenfalls “Yuruna“ als Selbstbezeichnung bis zu dem Tag, als Schulen in ihren Dörfern eingeführt wurden (in der Mitte der 90er Jahre) und sie von den Lehrern erfuhren, dass diese Bezeichnung “nicht korrekt“ sei.

Die Juruna oder Yudjá sehen sich im Gegensatz zu zwei humanen Kollektiven: 1) den “Abi“ (wilden Indianern, in ihrem Sprachgebrauch) – dazu gehören alle eingeborenen Völker, welche weder der Juruna-Sprache mächtig sind, noch “Cauim“ herzustellen verstehen, noch traditionelle Kanuten auf dem Rio Xingu sind. 2) den “Karaí“ (Weissen, in ihrem Sprachgebrauch), und das begreift alle anderen Rassen mit ein.

Die Yudjá werden in ihrer Mythologie als menschliche Prototypen bezeichnet – das heisst, Kanuten und Hersteller von “Cauim“. Die “Abi“ stammen von den Yudjá ab – sie verirrten sich in den Wäldern nach der Sintflut und wurden zu Wilden (“Imama“ – Anderen, jagenden Nomaden, Nicht-Kannibalen, Nicht-Produzenten von “Cauim“). Die “Karaí“ dagegen stammen von Kriegern ab, die – nachdem sie die Trennung zwischenden Yudjá und ihrem Schöpfer provoziert hatten, indem sie ihm Fleisch der “Abi“ verweigerten – nunmehr eine Verfolgung gegen ihn einleiteten, die den Schöpfer dazu veranlasste, ihre Sprache zu verdrehen (daraus ging auch die portugiesische Sprache hervor) und ihnen eine Koppel mit Rindern zu geben, damit sie sesshaft würden.

Obgleich man die Bedeutung des Begriffs “Yudjá“ nicht analysieren konnte, halten sich die Juruna an diese Bezeichnung, denn für sie drückt sie ihren Anspruch aus, die “Herren des Xingu“ zu sein.

nach obenSprache

Die Yudjá sprechen eine Sprache des Tupi-Stammes, klassifiziert in der Familie gleichen Namens, welche ebenfalls die schon erloschenen Sprachen solcher Völker wie der Arupaia, Xipaia, Peapaia und Aoku (nicht identifiziert) einbegriffen, und auch der Maritsawá. Was die Yudjá-Kultur betrifft, so ähnelt sie spürbar solchen Völkern, die linguistisch zu der Familie Tupi-Guarani gehören. Ihre orale Tradition erwähnt eine Ersetzung von Yudjá-Worten durch solche aus dem Sprachgebrauch der “Shadi“ (nicht identifiziert). Curt Nimuendajú betrachtete die Sprache der Juruna (erst später als solche klassifiziert) als ein “unsauberes Tupi“, welches gewissen Einflüssen der Aruak- und der Karib-Familien unterworfen war (ausserdem verschiedenen eingeflossenen Vokabeln aus der “Lingua Geral“).

Nicht alle Männer der Yudjá von mehr als fünfzig Jahren beherrschen die portugiesische Sprache, und vielleicht nur die Hälfte der erwachsenen Frauen können sie einigermassen verstehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass einige von ihnen sie mit dem Portugiesisch zurechtkommen, aber in den fast zwei Jahren des Zusammenlebens der Autorin mit ihnen machten sie nicht ein eiziges Mal Gebrauch davon. Die Jungen fangen in ihrer Pubertät an, Portugiesisch zu sprechen. Mit der Einführung von zweisprachigen Schulen in den Dörfern ist es erlaubt zu folgern, dass die feminine Schüchternheit in dieser Beziehung über kurz oder lang beendet sein wird, und einer neuen Beziehung zwischen den Frauen der Yudjá und den Frauen anderer Xingu-Völker Platz machen wird (derzeit vollkommen vernachlässigt).

nach obenGeschichte und Bevölkerung

Stellen Sie sich mal ein Volk vor, das 2.000 Mitglieder im Jahr 1842 zählte – 200 im Jahr 1884 – 150 im Jahr 1896 und noch 52 im Jahr 1916 (diese Daten wurden in dieser Reihenfolge von Adalberto, Karl von den Steinen, Coudreau und Nimuendajú angegeben). In der Mitte dieser furchtbaren Erfahrung floh ein Teil der Yudjá zum Oberlauf des Rio Xingu. Ein Brief, geschrieben im Jahr 1920 von Curt Nimuendajú an den Direktor des SPI (Serviço de Proteção aos Índios – Indianerschutz) besagt folgendes: “Die Juruna, ehemals der bedeutendste Indianerstamm des Xingu, haben die furchtbaren Folgen des Vormarsches der Latexsammler zu spüren bekommen. Besonders die Leute des Colonel Tancredo Martins Jorge haben an der Mündung des Rio Fresco alle Arten von Verbrechen, bis zum Mord, an diesen armen Menschen begangen, bis diese sich endlich erhoben und flohen, geführt von ihrem Häuptling Máma, über die Grenze von Mato Grosso hinaus – sie haben sich schliesslich auf einer Insel, oberhalb des Martius-Wasserfalls, gesammelt. Dort hat sie Fontoura gefunden, als er im Auftrag der Gummi-Kommission 1913 den Xingu im Bundesstaat Mato Grosso hinabfuhr. Daraufhin machten die Yudjá ihren Frieden mit dem Latexsammler Major Constantino Viana, aus Pedra Seca, der mit ihnen seine Schiffe bemannte (1916) und bis nach Altamira mit ihnen den Strom hinabfuhr – wo innerhalb von wenigen Tagen elf Männer der Yudjá-Mannschaft starben. Als die Überlebenden mit dieser Nachricht zurückkehrten, floh der alte Máma erneut mit dem Rest seines Volkes den Fluss hinauf, und niemand weiss heute, wo er sich mit dieser Gruppe aufhält, die damals etwa 40 Köpfe zählte. Eine andere kleinere Gruppe, die Familie des Häuptlings Muratú, etwa 12 Personen, konnte sich, beschützt von den mächtigen Wasserfällen der Xingu-Biegung, am Jurucuá-Fall, wenig unterhalb der Mündung des Rio Pacajá, versteckt halten“.

Noch schlimmer dran waren andere Flussbewohner des mittleren Xingu, Nachbarn, die durch ihre Sprache und Kultur mit den Yudjá Verbindung hielten, wie die Peapaia, Arupaia und Takunyapé (letztere aus der Tupi-Guarani-Familie) – sie wurden alle ausgerottet von jener Invasionswelle der Latexsammler, die den mittleren Xingu in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heimsuchte.

Und dies war nicht das erste Mal, dass der Lebensraum der Yudjá und ihrer Nachbarn invadiert wurde. Wie schon gesagt, ist ihre Geschichte mit jener der europäischen Invasoren seit der Gründung der Stadt Belém verbunden. Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts, nach den ersten einhundert Jahren einer von Krieg, Gefangenschaft und Sklaverei geprägten Geschichte, war das offensichtliche Ergebnis, dass sämtliche Indianervölker (bzw. ihre Reste) sich aus der Region des unteren Xingu zurückzogen. In Übereinstimmung mit Nimuendaju kann man folgern, dass die Yudjá flussaufwärts flüchteten, während ein Tupi-Guarani-Volk, die Waiãpi, ihre Nachbarn am Ufer des Xingu, den Amazonas überquerten und weiter bis zum Rio Oiapoque zogen (an der äussersten Nordgrenze Brasiliens).

Die Hypothese jener progressiven Rückzüge als Folge der Invasionen – festgehalten auf einer Ethno-historischen Karte von Curt Nimuendajú (IBGE 1981) – darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im 17. Jahrhundert am unteren Xingu ein Genozid ungeheuren Ausmasses stattgefunden hat, dem viele eingeborene Völker zum Opfer gefallen sind, von denen wir heute nicht einmal mehr die Namen kennen.

Anfang der 50er Jahre starb unter den Yudjá des Oberen Xingu der letzte Angehörige des Volkes der Takunyapé – ihrer antiken Alliierten. Man erinnert sich seiner Aufregung, als er hörte, dass Mitglieder des Kaiabi-Volkes im Park angekommen seien. Aber, welch eine Enttäuschung! Ihre Sprache war zwar ähnlich der seinen, aber doch nicht die Sprache der Takuyapé, nicht seine Sprache. Mit den Takunyapé hatten die Yudjá 1686 die Expedition des Gonçalo Pais de Araújo und seiner Verbündeten, den Kuruáya, vernichtend geschlagen. Mit 30 Kanus hatten sie ihn auf dem Fluss angegriffen – zur Jahrhundertwende, um 1900, hätten sie dagegen keine 30 Kanus mehr zusammengebracht, so sehr war ihr Volk inzwischen dezimiert worden.

Die mündlich überlieferte Geschichte der Yudjá berichtet anscheinend nichts von ihrem Lebensraum am unteren Xingu, auch nichts von ihrer letzten demografischen Tragödie. Stattdessen schreiben sie sich die Ausrottung der Takunyapé, Arupaia und Peapaia durch kriegerische Auseinandersetzungen selbst und ihren verehrenswürdigen Feinden, den Txukahamãe, zu und bestätigen, dass ihr Original-Territorium sich über die gesamte “grosse Schleife“ des Xingu ausgebreitet habe (damit meinen sie die Xingu-Schleife, in der Altamira liegt), bis zur Mündung des Rio Fresco. Ihre Vorfahren hätten dieses Gebiet dann verlassen und wären flussauf geflohen, noch bevor die Weissen aufgetaucht seien – weil sie den Häuptling getötet hatten, der damals den drei Dörfern ihres Volkes vorstand. Die erste Begegnung mit den Weissen wäre dann am Rio Fresco passiert – später hätten sie sich Constantino Viana angeschlossen, dem Besitzer von Latex-Sammelstellen am Oberlauf, in Pedra Seca. Angst vor Repressalien, wegen des Todes einer Kuh, die durch den Manioksaft einer Yudjá-Frau starb, veranlasste sie dann stromauf zu fliehen – “bis zum letzten Wasserfall des Xingu“ (dem Von-Martius-Fall).

Trotz alledem schliesst ihre Mythologie nicht die Augen vor dem Genozid. Von den drei Himmeln, die zusammen mit der Erde einen Kosmos aus vier Stockwerken bildeten, sind bereits zwei zusammengestürzt, und es ist zu erwarten, dass der andere auch noch einstürzen mag – ausgelöst von Selã’ã, als Strafe für die Ausrottung der eingeborenen Xingu-Völker. Nach der Mythologie heisst es: “Selã’ã wurde zornig und stürzte den Himmel ein, wollte die Weissen ausrotten. Der Fluss war verschwunden. Das war zu der Zeit, als die Yudjá am Rande ihrer Ausrottung standen, und Selã’ã den Fluss zu erkennen suchte – aber da war kein Fluss mehr, und er wurde wütend und riss den Himmel ein. Die Sonne erlosch, alles wurde dunkel. Die Juruna wurden nachdenklich, die wenigen überlebenden Juruna. Jene, die sich unter einem grossen Felsen versteckt hatten, nur die konnten sich retten – die anderen, die unter freiem Himmel standen, starben – und alle Weissen, alle Weissen starben, die wilden Indianer starben und die Juruna. Und die unter dem Felsen fingen an, den zusammengestürzten dicken Himmel mit einem Stück Holz zu durchdringen. Die Überlebenden reproduzierten sich. Und Selã’ã sprach zu einem Juruna aus unserer Vergangenheit: “Wenn die Indianer verschwinden, wenn die Yudjá von den Inseln verschwinden, dann werde ich den Himmel einstürzen lassen, den letzten Himmel“!

Um sich am Xingu zu halten, mussten die Yudjá einige blutige Konflikte mit den anderen Völkern der Region austragen – besonders mit den Kamayurá und den Suyá, die mit zwei Episoden in der Erinnerung der Gruppe haften, die es wert sind, erzählt zu werden. Zu einer gewissen Zeit hatten die Yudjá ihre gesamte politische Autonomie verloren: ihre Krieger waren massakriert, und die restlichen Personen waren von den Suyá gefangen genommen worden (einige von ihnen wurden später noch von den Kamayurá geraubt). Am Ende floh ein alter Mann, um in Pedra Seca Hilfe bei Constantino Viana und seinen Männern zu holen – Resultat war ein Massaker unter den Suyá und die erneute Unabhängigkeit der Yudjá, die nun ein neues Dorf bauten – mit nur vier Männern, etwa zehn Frauen und fast ohne Kinder. Einige Jahre später, um 1950, gleich nach der Wiederherstellung des Friedens durch die Expedition Roncador-Xingu, mit der sie zwei Jahre zuvor Kontakt gehabt hatten, war die Gesamtzahl der Yudjá wieder auf 37 Personen angewachsen.

Sie lebten damals in zwei Dörfern und schlossen sich im Jahr 1967 in einem einzigen zusammen. Ein Konflikt, zwischen dem Ende der 70er und dem Anfang der 80er Jahre, führte zu einer erneuten Aufspaltung der Gruppe, in der sich jetzt, unter anderen, 18 erwachsene Männer befanden. Im Jahr 1984 hatten dann die beiden Dörfer “Saúva“ und “Tubatuba“ 7 bezw. 13 Familien, die zusammen eine Bevölkerung von 80 Personen ausmachten. Ein Konflikt mit den Txukahamãe bewog alle Yudjá, sich im Dorf Tubatuba, im Oktober 1988, als eine einzige Dorfgemeinschaft zusammenzuschliessen. Im August 1990 hatten die 27 Familien dieser Gemeinschaft eine Gesamtzahl von 121 Personen erreicht. Ihre letzte Teilung fand 1996 statt, und die beiden Familiengruppen, die Tubatuba verliessen, bezeichnen ihre Dörfer jetzt als “Fazendas“.

Die nachfolgende Aufstellung bezieht sich auf den Juni 2001 und begreift Ehepartner ein, welche eigentlich Mitglieder der Kaiabi, Txukahamãe und Ikpeng sind, andererseits sind Angehörige der Yudjá, die von dem Volk der Suyá als Ehepartner integriert wurden, nicht mitgezählt. Die jungen Leute des Postens Diauarum wurden in die Zählung von Tubatuba einbegriffen, denn dort leben ihre Familien.

Yudjá-Bevölkerung im Juni 2001

Örtlichkeit Familien Bevölkerung
Tubatuba 27 162
Fazenda Boa Vista 2 9
Fazenda Novo Parque Samba 6 34
Pequizal 6 35
Piaraçu 3 17
PI Diauarum 4 19
Insgesamt 48 278

Anmerkungen:
Piaraçu ist ein Ex-Wachposten an der Grenze des Parks und am Rand der Bundesstrasse BR-80. Er wird geführt von einem Txukahamãe, der mit einer Yudjá-Frau verheiratet und der auch der Besitzer der “Fazenda Boa Vista“ ist. Die Fazenda “Novo Parque Samba“ kennt man auch als Dorf “Paquiçamba“. Was das Dorf “Pequizal“ betrifft, so ist es ein nur noch gelegentlich benutzter “Sommersitz“ einiger Dörfer der Yudjá. Es war ein bewohntes Dorf zwischen 1950 und 1960 und wurde 1967 aufgelöst. Eine Häuptlingstochter entschloss sich allerdings, hier mit ihrem Mann zu bleiben, der selbst zu dem Volk der Kaiabi gehört. Im Jahr 1984 war das Dorf nur noch von diesem Paar und vier halbwüchsigen Söhnen bewohnt, bis dann in den 90er Jahren die Söhne anfingen Familien zu gründen und ihre Schwiegereltern ebenfalls dorthin umzogen. Vom Gesamt dieser Familien sind 10 aus Heiraten von Yudjá-Frauen mit anderen Ethnien gegründet worden: 8 mit Kaiabi, 1 mit Txukahamãe und 1 mit Ikpeng).

nach obenFührer und Gruppen

Die Yudjá-Gesellschaft besteht aus bilateralen Verwandtschaften, die entlang des Flusses verteilt sind und sich bei bedeutenden Ereignissen um einen “Anführer“ oder “Chef“ scharen: Ein Mann, der die Charakteristika eines “Ältesten“ (Se’uraha) und eines Verwandten (Saha) der meisten reifen Männer in sich vereint – Männer, die selbst “Hausherren“ ihrer Wohngemeinschaften sind. Letztere basieren vorzugsweise auf Relationen zwischen Mutter und Töchtern und zwischen Schwiegervater und Schwiegersöhnen.

(Das Lexikon der Juruna-Sprache unterscheidet verschiedene Arten von Relationen und/oder Positionen in Bezug auf den “Hausherrn“: Iwa, Ijifa, Iju’a, Iui’a, Iu’a, I’uraha, Awai).

Die Produktion im gesellschaftlichen Zusammenleben wird grundsätzlich von einem soziologischen Prinzip angekurbelt, verkörpert durch die Figur des “Herrn“ oder “Anführers“. Durch seine Vermittlung wird eine Gruppe von Personen, deren verwandtschaftliche Bande sie zusammenhalten, in eine politische Bewegung verwandelt – aus einer Haushaltsgemeinschaft (einer Gruppe von Kernfamilien als Bewohner eines Hauses) kann sie zu einer Dorfgemeinschaft wachsen oder einer Gruppe von Dorfgemeinschaften, die sich um ein “Mutterdorf“ schart.

In einer Gesellschaft mittlerer Grösse, zum Beispiel der eines Dorfes, kann sich deren Einheit, räumlich gesehen, in einem “Haus des Cauim“ einfinden, welches im Idealfall vom “Herrn des Dorfes“ konstruiert wird (sonst kann auch ein altes, leer stehendes Haus dazu verwendet werden). Es dient als Küche des Kollektivs, für die femininen Arbeiten der Verarbeitung von Feldfrüchten, sowie als Salon für den gemeinsamen Cauim-Genuss.

Es gibt noch einen anderen Ausdruck der gesellschaftlich anerkannten Figur eines “Herrn“ oder “Führers“, welcher ebenfalls eine gewisse Bedeutung zukommt. In diesem Fall handelt es sich um eine Position, die kurzfristig von jedem verheirateten Mann eingenommen werden kann, der Initiative genug aufbringt, eine Gruppe seiner Mitbewohner zu einer kollektiven Aktivität zu veranlassen, wie zum Beispiel einer Jagd, einem Fischzug mit Timbó, einem gemeinsamen Fest oder auch zum gemeinsamen Transport eines Kanus aus dem Wald bis zum Kanuhafen. Den andern Mitgliedern ein “Cauim-Saufgelage“ zu offerieren, gehört ebenfalls zur unabdingbaren Einführung eines jeden Mannes, der sich die Stellung eines “Herrn“ über eine kollektive Aktivität verschaffen möchte – mit diesem Angebot wird er automatisch zum “Herrn der Gruppe“. Jeder Mann hat das Recht, eine solche Position einzunehmen, aber in der Praxis sind viele Männer zu schüchtern, um dieser Ambition nachzugeben.

Gemachte Beobachtungen in den Jahren 1984 bis 1994 haben gezeigt, dass die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen vielmehr auf einem gemeinsamen Konsum als auf einer gemeinschaftlichen Produktion beruhen. Es existiert ein kulinarischer Kodex, der den drei gesellschaftlichen Einheiten (der Familie, der Hausbewohner- und der Dorfbewohner-Gruppe) unterschiedliche Nahrungs-Kategorien zuschreibt und der Yudjá-Dorfgemeinschaft erlaubt, die täglichen Mahlzeiten im Kollektiv einzunehmen. Indessen fanden solche gemeinsamen Mahlzeiten im Tubatuba der Jahre 1999 und 2001 nicht mehr in derselben gewohnten Häufigkeit statt, hatten an Wert verloren – gleichzeitig konnte die Autorin einen relativen Mangel an Kanus feststellen, was auf eine Veränderung der Fischfangfrequenz hindeutet – darüber hinaus hatten sich einige Familien inzwischen einen Herd mit Flaschengas und individuellem Geschirr angeschafft und hatten Reis und Nudeln zu ihrer Lieblingsspeise erkoren, die sie als “wertvolle Industrieprodukte“ plötzlich mit niemanden mehr teilen wollten.

nach obenKosmologie und Schamanentum

Ein Teil des kosmologischen Wissens und des rituellen Lebensbereiches hängt bei allen Indianern in erster Linie von den Schamanen ab – aber unter den Yudjá gibt es keine solchen “Seher“ mehr seit dem Jahr 1980. Einige Personen versuchten, sich selbst mit entsprechenden Heilmitteln zu versorgen, aber dann verliess sie der Mut, sie hatten Angst vor der Anwendung – wie ein Häuptling 1989 erzählte: “Ich sah mich plötzlich Auge in Auge mit einem riesigen Jaguar und fürchtete mich die “Arïpa“ (Naturmedizin) noch mal zuzubereiten. Hatte Angst, dass der Jaguar wiederkommen würde. Ist gefährlich, mit dem Jaguar zu spielen! Habe nur ein bisschen davon getrunken und ein einziges Bad (in der Medizin) genommen. Dann nach ein paar Tagen war ich fischen, und der Jaguar kam direkt auf mich zu, als ich gerade einen Fisch mit dem Pfeil erlegt hatte. Er kam ganz nah heran und zeigte mir die Zähne – da nahm ich den Bogen und versuchte, nach ihm zu schlagen, aber er wich aus. Ich hatte keinen Jagdpfeil mehr, und meine Fischpfeile – nur zwei – steckten in den erlegten Fischen. Was für ein gefährlicher Moment! Hab geglaubt, dass er mich packen würde. Deshalb mein Versuch, ihn mit dem Bogen auf die Nase zu hauen. Aber der Jaguar trat nur ein bisschen zurück und sah mir direkt in die Augen. Ich zog meine Pfeile aus den Fischen, tötete sie und dann rief ich dem Jaguar zu – komm her! Hatte vor ihn mit dem Pfeil zu treffen – aber plötzlich war er verschwunden. Sehr gefährlich eine solche Begegnung! Wenn es nur ein Traum gewesen wäre – halb so schlimm – wenn er gekommen wäre, um nur mit mir zu spielen, halb so schlimm. Aber es war kein Traum – und er wollte auch nicht spielen“.

Es gibt verschiedene Gründe für das Fehlen der Schamanen unter den Yudjá. Zum Beispiel darf man weder die Auswirkungen der demografischen und soziologischen Tragödie vergessen, welche durch den Gummi-Zyklus ausgelöst worden ist, noch die “befohlene“ Eingliederung der indianischen Völker des Oberen Xingu, in der Mitte des 20. Jahrhunderts, durch das für den Indianerschutz zuständige staatliche Organ – und auch nicht die politischen und kulturellen Zusammenhänge, welche im PIX gelten. Die Yudjá behelfen sich in der Regel mit dem therapeutischen Beistand von Schamanen der Kaiabi und, seltener, von Schamanen der Kamayurá (wenn es um die Abwehr von Hexerei geht).

Ab 1987 sind einige Personen der Yudjá, Frauen und Männer, von Schamanen der Kaiabi in die Geheimnisse des Heilens eingeweiht worden – sie können in einem Notfall zu einer simplifizierten Therapie herangezogen werden. Ohne dass sie die übliche formelle und lange Prozedur einer “Schamanen-Lehre“ der Kaiabi durchlaufen haben, vereint ihre Praxis einen Glauben an kosmische Mächte mit persönlicher Theorie über die Ursachen einer Krankheit – und die bedeutendste Schamanin unter ihnen bestätigt, dass sie im Grunde von den Menschen selbst und ihrem Verhalten provoziert werden: die von den Personen an die Dinge verschwendete Kraft wird durch (die Seelen der) Dinge auf den Körper derselben Personen, oder den ihrer Anverwandten, reflektiert. Und es ist dem Schamanen gegeben, solche Krankheiten zu extrahieren. Neben jenen von den Kaiabi konstituierten “Heilern“, ist der bedeutendste Schamane von Tubatuba heutzutage ein Mann aus dem Volk der Ikpeng.

Drei fundamentale Koordinaten der Yudjá-Kosmologie sind:
1) Zuerst der Gegensatz zwischen Leben und Tod – er ist weit davon entfernt, für die Yudjá ein so drastischer Gegensatz zu sein wie in unserer Weltanschauung, denn für sie gibt es da einige wichtige Übergänge, die von der dynamischen Funktion der “kosmologischen Maschine“ erzeugt werden und abhängig sind: von so was wie kleinen, vorübergehenden “Toden“ angefangen, die vom Schlaf provoziert werden, und deren typischer Ausdruck die Träume sind, bis zum vorzeitigen Tod im besonderen. Das Verhältnis zwischen Leben und Tod ist für sie weniger die reziproke Exklusion (wenn du tot bist, kannst du nicht lebendig sein) als vielmehr eine Inklusion: hier bist du tot, aber du lebst an einem anderen Ort – oder, hier lebst du noch, aber im Jenseits bist du schon gestorben. Mit anderen Worten, es handelt sich hier um ein Verhältnis relativer Trennung, mit Raum für mögliche wichtige Einschübe. Die Yudjá-Schamanen waren die Meister jener Übergänge.

2) An zweiter Stelle stehen die symbolischen Achsen der Welt, welche durch die Gegensätzlichkeiten zwischen Fluss und Wald, Himmel und Erde bestimmt werden – jede von ihnen ausgerichtet entweder auf die Existenz oder die Nichtexistenz von Kannibalismus. Fluss und Himmel haben eine positive Verbindung mit letzterer. Und man sagt, dass alle existierenden Dinge von jenen Gegensätzlichkeiten ausgehend, dupliziert werden können: die Menschen (die Völker des Flusses und die des Waldes), die Geister der Toten (diejenigen der grossen Felsen am Ufer des Xingu, die kein Menschenfleisch mögen, und die des Himmels), die Säugetiere (die Arten des Waldes und die “Isãmï“ vom Grund des Flusses), die Yudjá und ihre entsprechenden “ãwã“ aus dem Fluss, die “Abi“ aus dem Wald und ihre entsprechenden “ãwã“ aus den Sümpfen und dunklen Orten des tiefen Waldes. Ausserdem nimmt man an, dass alle Arten von Dingen auf der Erde auch im Himmel vorkommen (“er ist eine Erde ähnlich der unseren“).

3) Die dritte und letzte fundamentale kosmologische Koordinate bezieht sich auf den Gegensatz zwischen dem Standpunkt eines aufgeweckten, intelligenten Menschen und den althergebrachten, wie die der Tiere, der “Isãmï“, der „ãwã“ und schliesslich auch der “i’ãnay“ (der Toten). Die Dynamik und die Komplexität der Yudjá-Kosmologie hängen eng mit der Gegenüberstellung dieser unvereinbaren, möglicherweise gefährlichen, Standpunkte zusammen.

Das Schamanentum der Yudjá basierte auf zwei unterschiedlichen Bereichen, beide aber verbunden mit einer Gesellschaft von Toten. Es war selten, dass ein Schamane in beiden Bereichen praktizierte: Die Toten der Felsen am Xingu fürchten die des Himmels über alle Massen, deren Gesellschaft sich aus den Seelen der Krieger um den Häuptling und Schamanen “Kumahari“ zusammensetzt.

Jeder Bereich war mit einem grossen Festival zu Ehren seiner entsprechenden Kategorie von Toten verbunden. Für die “Toten der Felsen“ (’ï’ãnay karia) war das Fest vom Ton der Flöten bestimmt und von Gesängen, welche von den Toten selbst in den Mund des Schamanen gelegt wurden. Das andere Fest, “Duru karia (oder ’ãmï karia) entwickelte sich aus der Musik einer Gruppe von “Trompeten“ (Duru). Bei diesem Fest zogen “Kumahari und seine Genossen“ es vor, das gegrillte Wildbret der Indianer von ausserhalb zu verzehren, anstatt das von den Yudjá angebotene Essen – und sie verweigerten sogar den Cauim-Genuss – gaben vor, schon vollkommen betrunken zu sein. Ganz im Gegenteil zu den Gästen von den Felsen: nach dem Essen tranken sie reichlich und würzten den Cauim der Yudjá-Frauen mit einer Portion eigenen Cauims, den sie aus dem Jenseits mitgebracht hatten. Beide Festivals dauerten so ungefähr einen Monat, und sie wurden von verschiedenen Dörfern besucht. Die letzten Grossveranstaltungen dieser Art waren in den 70er Jahren.

Trotzdem kann man nicht behaupten, dass das rituelle Leben der Yudjá heutzutage nicht mehr gepflegt wird. Ihre Alltagsroutine wird regelmässig von kürzeren Ritualen unterbrochen, die nur vier bis fünf Tage beanspruchen und natürlich den vielen “Cauinagens“ (Saufgelagen) – um dann jedes Jahr wieder mit zwei grossen Festivals aufzuwarten, von denen jedes etwa einen Monat dauert und alle Nachbarn eingeladen werden.

Die Mythologie erzählt von einer himmlischen Menschheit, die unsterblich ist (die “Alapa”) – von ihnen stammen die Gesänge des “Festes der kultivierten Pflanzen” (Koataha de abïa), das von den Frauen veranstaltet wird. Die “ãwã“, den Schöpfern des “Cauim“, die in Dörfern auf dem Grund der Flüsse und Seen leben, werden von den Yudjá mit zwei Festen geehrt, angeführt von Klarinetten (Pïri), die Tänzer mit sehr dekorativem Körperschmuck, der die ethnische Identität darstellt.

Keines dieser Feste hat dieselbe kosmologische Bedeutung wie die Rituale der Schamanen, aber sie sind auf jeden Fall von grossem gesellschaftlichem Wert und fördern ihren Zusammenhalt.

nach obenHerstellung und Konsum alkoholischer Getränke

Unter den vielen fermentierten Getränken, welche die Yudjá kennen und selbst herstellen, sind zwei “Cauins“ (Sammelbegriff für fermentierte Getränke) aus Maniok, wegen ihrer nutritiven und symbolischen Bedeutung, besonders hervorzuheben: “Dubia“ und “Yakupa“. Und durch seine enorme alkoholisierende Wirkung betrachtet man den “Dubia“ als voller Mysterien – seine Fermentierung ist nichts weniger als eine “Verwandlung seiner Substanz“. Als Objekt diverser symbolischer Relationen mit einer Person, ist der “Dubia“ gleichzeitig ein “Sohn“ der Frau, die ihn herstellt, als auch das “Fleisch einer Jagdbeute“, dessen Haare das Herz der ihn Geniessenden kitzeln. Seine “Seele“ schlägt den Weg zum Land der Toten ein, welche die Felsen des Xingu bewohnen – während man mit seinem Kadaver (der aus den Resten der frisch ausgepressten Maniokmasse besteht, die man zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet hat) den “Yakupa“ produziert, einen erfrischenden “Cauim“, eine Art Softdrink, der täglich innerhalb der Familien konsumiert wird.

Über ihre besondere Vorliebe für “Cauim“ hinaus verstehen es die Yudjá tatsächlich, extrem viel zu trinken. Für das Fest zu Beendigung der “Reklusion“ ihrer Tochter im Mai 2001, produzierte Kushina, assistiert von den jungen Cousinen und Nichten ihrer Tochter, zirka 1.500 Liter “Dubia“ – während ihre Cousine den Vorrat noch mal mit weiteren 400 Litern ergänzte. Dieser “Cauim“ wurde von der Dorfgemeinschaft zwischen Mitternacht und vier Uhr des folgenden Tages leer gemacht!

Es ist nicht nur Lebensfreude, die sich in der Sauferei von “Cauim“ ein Ventil verschafft, im Gegenteil, die Sauferei holt auch bei den Yudjá viele Probleme an die Oberfläche – hier sehen sich die Teilnehmer solcher Gelage ihren persönlichen Antagonismen gegenüber. Rivalitäten zwischen Ehepartnern und Verwandten können dabei dramatische Situationen schaffen, aber die provozieren selten eine Spaltung des ganzen Dorfes (was aber genau der Fall war, als sich 1996 das Dorf Tubatuba teilte).

Für die Yudjá ist der “Cauim“ tatsächlich eine, wenn auch symbolische, Person – eine Reflektion über die Sterblichkeit der Menschheit – und das Besäufnis, dieser figurative Kannibalismus, wie eine Reflektion über das Ende der menschlichen Gesellschaft.

nach obenZeitgenössische Aspekte

Die Yudjá haben ihre Lebenshaltung prinzipiell auf den Ackerbau abgestimmt – die Maniok ist dabei ihr wichtigstes Feldprodukt – ausserdem auf den Fischfang mit Pfeil und Bogen sowie dem Angelhaken. Aber da sie auch gerne Fleisch von gejagten Beutetieren verzehren, stellen sie ihnen zwischen der Beendung ihrer Feldarbeit bis zum Anfang der Regenzeit (im September) ebenfalls nach.

Sie können auf ein effizientes medizinisches Versorgungssystem rechnen, das von der “Escola Paulista de Medicina“ gegründet und kontrolliert wird, dessen Sanitäter Mitglieder der indianischen Gesellschaften des PIX sind. Die Yudjá kümmern sich besonders um die Gesundheit ihrer Kinder und haben den Wunsch, eine Apotheke in ihrem Dorf Tubatuba einzurichten. Aber besonders bedauerlich finden sie die Tatsache, dass sich ihre Stammesgenossen heutzutage nicht mehr für die langen Ausflüge per Kanu interessieren, die man in vergangener Zeit während des niedrigen Wasserstandes in der Trockenperiode unternahm, um zu jagen und an den sandigen Flussufern zu campieren.

Bis vor noch nicht allzu langer Zeit investierten die einzelnen Mitglieder der Yudjá noch viel Zeit in die Kanuherstellung und die Navigation auf den Flüssen. In der Zeit zwischen 1984 und 1990 besass die Mehrheit der Männer zwei oder sogar drei Kanus – ein kleineres zum Fischen und ein grösseres zum Reisen. Und 2001 gab es dann schon viele unter ihnen, die nicht einmal ein einziges Kanu besassen, und diejenigen, welche eins hatten im Hafen von Tubatuba, befestigten es mit Kette und Vorhängeschloss an einem Baum – um sich den Ärger zu ersparen, es nicht vorzufinden, wenn sie fischen gehen wollten. Aber von den Reisekanus, mit einer Kapazität bis zu 15 Personen, gab es schon kein einziges mehr.

Das Desinteresse für die Kanus wird von einer bedeutenden Investition in die Produktion von Kunsthandwerk ausgeglichen – hier liegt die bedeutendste Einnahmequelle der Yudjá heute. Sie haben eine Reihe von aus Holz geschnitzten Sitzbänken aus stilisierten Tierkörpern im Programm und eine ebenso dekorative Reihe Keramik-Gefässe, mit faszinierenden grafischen Darstellungen. Männer und Frauen produzieren diese Objekte für den Verkauf, in dem sie von der bedeutendsten indianischen Organisation des PIX, der ATIX (Associação Terra Indígena Xingu) unterstützt werden, eine Initiative, die sich aus den Bemühungen des Volkes der Kaiabi entwickelt hat.

Ausser der Kunsthandwerks-Produktion ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch die Schule zum Desinteresse an den Kanus beigetragen hat, denn die Hauptbenutzer der Kanus, halbwüchsige Knaben, haben ihr Interesse nunmehr dem Lernen verschrieben.

Im Jahr 1948 hatten lediglich zwei Männer eine Einnahmequelle – sie waren Sanitäter. Im Juni 2001 waren es mindestens 14 Männer, die in irgendwelche professionelle Aktivitäten involviert waren. Obwohl schon der Verbrauch von Industrieartikeln (vor allem Kleidung und Schuhe für Männer und Kinder) unter ihrem Volk für grosses Ansehen sorgt, wächst der Wunsch der Eltern zusehends, ihren Kindern ein Studium in der Stadt ermöglichen zu können.

Auf der anderen Seite haben verschiedene Elternpaare, nach Erfahrungen mit der öffentlichen Schule, ihre Entschlossenheit gezeigt, Mädchen in der Pubertät wieder “einzusperren“, das heisst, in die schon lange nicht mehr praktizierte “Reklusion“ zu verweisen. Die Tatsache, dass die Schule die Mädchen für die Aktionen der jungen Burschen eher exponiert, motiviert ihre Eltern, sie wieder zu isolieren (während der Zeit von einem Monat bis zu einem Jahr) in der Absicht, ihre Jungfräulichkeit und damit ihre Ehre zu bewahren und ihnen eine “gute Partie“ garantieren zu können.

Heutzutage, einmal abgesehen von den fehlenden finanziellen Mitteln, sind Ratten aus der Stadt das grösste Problem der Yudjá. Nach Berichten der Autorin dieser Studie im Jahr 1994, begann die Plage mit einem Hausboot, welches vom Mittleren Xingu stammte und für den PIX im Jahr 1992 von einer ONG (Fundação Mata Virgem) gekauft worden war. Im August 1999 konnte die Autorin beobachten, dass die Rattenplage einen Grad der Unerträglichkeit erreicht hatte, die das Yudjá-Dorf Tubatuba zu verheeren drohte. Die Strohdächer der Behausungen zerstört, ebenso die Güter der Menschen; eine Unendlichkeit von Löchern am Bootshafen und im Wald, der das Dorf umgibt; die Apotheke und eine Art Friedhof für die Knochen der gejagten Tiere und die Skelette der Fische, völlig durchwühlt. Die Ratten zerstörten sogar die noch grünen Bananenrispen, die zum Reifen ins Gebälk gehängt wurden. Obwohl die Mütter ihre Aufmerksamkeit verdoppelten, wurden Babys von den Biestern angegriffen, und es gab niemanden, der nicht schon von Ratten während des Schlafs in die Füsse gebissen worden war. Schlafen, so bestätigte ein Mann, war nur möglich, wenn es einem gelang, die Ratten und ihre nächtlichen Umtriebe zu vergessen. Aber auch der natürliche Humor dieser Menschen kam in solcher Situation nicht zu kurz, und sie fingen an, sich über ihre eigene Misere lustig zu machen, und die angeknabberten Füsse des Einen schürten Lachsalven der Andern. Im Jahr 2001 hatte man die Rattenplage wenigstens soweit im Griff, als man die Essensvorräte in grossen, hoch über dem Boden aufgehängten Kisten untergebracht hatte – und viele neue Häuser wurden nun nicht mehr nach Indianerart gebaut. In den anderen Yudjá-Dörfern war die Plage noch nicht so sehr vorangeschritten – andere Einrichtungen des PIX (der Indianerschutz-Posten Diauarum und der Piaraçu) dagegen, waren ebenfalls überbevölkert von Ratten. Der Häuptling der Yudjá erklärte (2001), dass es keinen Ort mehr für die Yudjý gäbe, wohin sie umziehen könnten, wegen der Rattenplage. Oberhalb lebten die Kaiabi und unterhalb von ihnen die Txukahamãe. “So unwahrscheinlich es klingt, aber der Xingu reicht nicht mehr aus, um die Yudjá unterzubringen“.

Es gibt noch einen anderen Faktor, der die Navigation der Yudjá auf dem Xingu zu destimulieren scheint – das sind ihre Beziehungen zu den Txukahamãe. Wie schon gesagt, sind die Yudjá eines von 14 Ethnien, die den “Parque Indígena do Xingu“ bewohnen. Trotz der beachtlichen Ausdehnung dieses Indianer-Territoriums von 2.642.003 ha, leben die Yudjá relativ begrenzt, wenn man bedenkt, dass mindestens die Hälfte des Flussabschnitts, der von ihrem Stamm seit 100 Jahren genutzt worden ist, heute zum Indianer-Territorium (IT) Capoto-Jurina gehört, und ihr Verhältnis zu den dort lebenden Txukahamãe nicht ausreichend gut ist, um die natürlichen Ressourcen zwischen der BR-80 und dem Von-Martius-Wasserfall nützen zu können (und gerade dort befindet sich auch das einzige “Dorf der toten Seelen“ in dieser Region).

Alles in allem, die bedeutendste momentane Herausforderung scheint aus der Schaffung einer Methode zu bestehen, die ihnen zur Seite stehenden Hilfsorganisationen auf ihre Probleme zu sensibilisieren (wie die FUNASA, unter anderen staatlichen Organisationen, und die ONGs) – offensichtlich allerdings für ihr Wohlergehen ist, vor allem andern, die Kontrolle der Rattenplage.

Schliesslich deutet die Politik der Repräsentanten der nationalen Gesellschaft (des Gesundheitswesens, der Erziehung, des Umweltschutzes und der Kultur), zu deren Betreuungsaufgaben auch das Volk der Yudjá gehört – als eine Art Hypothese – auf folgende zwei gegensätzliche Tendenzen hin: die demografische Erholung der Bevölkerung auf der einen, aber auch die Obstruktion von Mitteln zur Wiederherstellung ihrer Gesellschaft. Mit Erfolg, denn das demografische Wachstum scheint tatsächlich nicht mehr von einer Erstarkung der Yudjá-Gesellschaft begleitet. Geld hat den Verlust der verwandtschaftlichen Relationen gefördert, sowie eine grössere Unabhängigkeit der einzelnen Familien. So bedeutet die von jener Politik provozierte Herausforderung für die jüngeren Yudjá abzuwägen, ob sie sich lieber in eine Gesellschaft innerhalb einer Dorfgemeinschaft einordnen wollen, deren Wohlergehen indirekt in den Händen der Weissen läge, oder lieber einen privaten Weg einschlagen, zu dessen Entwicklung sie als junge Leute die besten Voraussetzungen mitbringen. Eine Frage von allgemeinem Interesse ist es allerdings, ob nicht die “Karaí“, je mehr sie die Yudjá auf die Konfrontation mit ihrer Welt vorbereiten, sie paradoxerweise ihre Transformation in bedürftige Indianer einleiten, gefangen im integrierten Kapitalismus ihrer Aussenwelt.

nach obenQuellenangaben

Anthropologische Studien dieses Volkes wurden von Adélia Engrácia de Oliveira in der Mitte der 60er Jahre durchgeführt, sowie von der Autorin dieses Berichts zwischen 1984 und 1985 und 1988 bis 1990, ausserdem im Jahr 1999 bis 2001. Die Doktorarbeit der Erstgenannten ist 1970 publiziert worden – die Dissertation und Doktorarbeit der zweiten Autorin sind bisher unveröffentlicht. Die behandelten ethnografischen Themen beider Autorinnen sind fast gleich (gesellschaftliche Organisation, Verwandtschaft, Mythologie und Kosmologie), darüber hinaus bietet die Untersuchung von Tânia Lima ein breiteres und tiefer gehendes Bild, durch ihr persönliches Verständnis der Juruna-Sprache. Artikel dieser Autorin über die kosmologischen Aspekte der Yudjá wurden in Fachzeitschriften publiziert. Die Juruna-Sprache selbst wurde von der Linguistikerin Cristina Martins Fargetti studiert. Sie hat das Video „Sãluahã“ herausgebracht, das ein Fest der Reklusion zweier Mädchen behandelt. Über die Gruppe “Juruna“ des Mittleren Xingu wurden Artikel von Lúcia M. M. de Andrade und Eduardo Viveiros de Castro in dem Buch “As Hidrelétricas do Xingu e os Povos Indígenas“ (Comissão Pró-Índio de São Paulo, 1988) veröffentlicht.

© Tânia Stolze Lima, “Universidade Federal Fluminense”, im November 2001
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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