Waiwai

Veröffentlicht am 30. April 2015

Indios, die als Waiwai identifiziert werden, und sich auch selbst so bezeichnen, leben verteilt auf weite Teile der Grenzregionen zwischen Brasilien und Guyana. Sie gehören in ihrer Mehrheit der linguistischen Familie “Karib” an. Ihre Gemeinschaft aus verschiedenen Indio-Völkern ist durch jahrhundertealte Tauschgeschäfte und ein wachsendes Netz gesellschaftlicher Verbindungen in dieser Region entstanden. In diesem Handelsnetz sind sie seit historischer Zeit bekannt als Spezialisten für die Lieferung von hochwertigen Maniok-Reiben, sprechenden Papageien und Jagdhunden. Der Ruf ihrer grossen Wanderungen auf der Suche nach “bisher nicht bekannten Völkern” reicht bis in die heutige Zeit.

Waiwai

Wai Wai
Engenharia e Arquitetura indígena!
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nach obenName und Mitbewohner

Der Name “Waiwai” (oder auch “Wai-Wai” geschrieben) wird hier als Sammelbegriff benutzt, so wie ihn auch jene Indios benutzen, die sich mit ihm identifizieren und gegenwärtig durch ihn identifiziert werden – im Bewusstsein, dass er nicht einer einzigen, substanziellen Ethnie entspricht, sondern eine Erfindung ist, die sowohl durch politische wie intellektuelle Projekte motiviert wurde.

Zahlreiche Indios, die gegenwärtig in den Waiwai-Kommunen leben, haben ihre eigenen Stammesbezeichnungen, wie zum Beispiel die “Hixkaryana, Mawayana, Karapawyana, Katuenayana” und “Xerewyana” (“yana” ist eine kollektive Bezeichnung), unter anderen. Es waren (und sind es immer noch) die berühmten Expeditionen der Waiwai auf der Suche nach “unbekannten Völkern” (enîhni komo), die intensive Tauschgeschäfte mit anderen Stämmen dieser weitläufigen Region ermöglichten (und immer noch ermöglichen). Aus diesem Handelsnetz entstanden (und entstehen immer noch) zahlreiche Eheschliessungen und Einladungen ganzer Familien, sich der Waiwai-Kommune anzuschliessen – wie es bei den oben zitierten Stämmen der Fall war.

Nach 1950, als die Waiwai es der UFM (Unenvangelized Field Mission) erlaubten, sich unter ihnen niederzulassen – gegenwärtig in Zusammenarbeit mit der MEVA (Evangelische Mission Amazoniens) – erfuhren ihre Expeditionen auch materielle Unterstützung (wie die zur Verfügungstellung von Aussenbordmotoren und manchmal sogar des Flugzeugs der Mission) und immaterielle Unterstützung (wie der Vortrag zur evangelischen Bekehrung) durch diese Mission. Resultat des permanenten Kontakts mit der Mission – und auch mit den nicht-indigenen Kontaktpersonen der FUNAI und der FUNASA, ausserdem durch sporadische Kontakte mit Wissenschaftlern und der nationalen Bevölkerung allgemein – war eine Festigung der Bezeichnung “Waiwai”, ein Name, mit dem man nicht nur die von ihnen bevorzugt gesprochene Karib-Sprache bezeichnete, sondern auch das indigene Kollektiv insgesamt – man sprach von den “Waiwai-Kommunen” (oder einfach den “Waiwai”) einer bestimmten Gegend.

nach obenSprache

Die Waiwai-Sprache, die zur linguistischen Familie “Karib” gehört, stellt das vorherrschende Idiom dar, welches von den Bewohnern der Waiwai-Kommunen in ihrer Umgangssprache benutzt wird. Bis zu Beginn des Jahres 2000 waren in diesen Kommunen auch verschiedene andere Sprachen üblich, bei Angehörigen anderer Stämme, die bei den Waiwai eingeheiratet hatten oder die während der Phase ihrer Zentralisierung in grossen Dörfern, zwischen 1950 und 1980, in Massen eingewandert waren, um mit den Waiwai zusammenzuleben.

Noch im Jahr 1980 gab es, neben der dominanten Umgangssprache (die alle erlernten), Zuwanderer, die sich in anderen Karib-Sprachen unterhielten (Katuena, Hixkaryana, Xerew, Karapayana) oder in Sprachen aus der “Arawak”-Familie (Mawayana, Wapixana). Und es gab Individuen mit Muttersprachen, die in Vergessenheit gerieten und sich verloren haben (Parukoto, Taruma, Cikyana), so wie einige Personen benachbarter Völker, die bei ihren Waiwai-Ehegatten wohnten und andere Sprachen mitbrachten (Makuxi, Tiriyó, Atroari). Heutzutage sprechen alle jungen Leute, die in den Waiwai-Kommunen geboren und aufgewachsen sind, nur noch die dominante Sprache.

Ab der 90er Jahre leiten einige Waiwai-Kommunen (zum Beispiel die von “Mapuera”), eine Phase der Dezentralisierung ein – sie waren zu gross geworden, um ihre Bevölkerung von den zur Verfügung stehenden Ressourcen ernähren zu können. Seither kehren viele der Völker, die mit den Waiwai zusammenlebten, zurück in ihre angestammten Territorien und gründen neue Dörfer, in denen ihre Muttersprache wieder die dominante ist. Dies ist zum Beispiel der Fall bei den “Hixkaryana, Karapayana, Katuena” und den “Xerew”. Die “Mawayana”, reduziert auf ein halbes Dutzend Überlebende, die noch ihre Muttersprache sprechen können, sind bei den W’aiwai geblieben.

Solche Prozesse der Zentralisierung und Dezentralisierung tragen zum Verständnis bei, warum sich die Sprache der Waiwai zur allgemeinen Umgangssprache der Region entwickelt hat, in der sie vorzugsweise auch in Versammlungen der Region gesprochen wird, die seit dem Jahr 2003 organisiert werden.

nach obenMission und Schrift

Seit ihrer Ankunft im Jahr 1949 erlernten die Gebrüder Hawkins, amerikanische Linguistik-Missionare der “Unevangelized Fields Mission (UFM)”, die Waiwai-Sprache, publizierten Artikel, in denen sie ihre Struktur analysierten, und entwickelten eine Orthografie, um den Waiwai (und anderen Stämmen, die sich ihnen angeschlossen haben) Lesen und Schreiben beizubringen. Robert Hawkins schrieb Lektionen über die Sprache für andere Missionare und übersetzte die Bibel in die Waiwai-Sprache. Bis in die Mitte der 80er Jahre unterrichteten Missions-Lehrerinnen die Kinder in der Schreibweise des Waiwai (und ein bisschen Portugiesisch) in den Schulen, und sie bereiteten besonders interessierte Schüler auf eine Lehrtätigkeit vor. Heute gibt es nur noch eine Missions-Lehrerin (in Mapuera), aber einige der ehemaligen Schüler, die sie als Lehrer ausgebildet hat, verbreiten das Gelernte nun in ihren Kommunen. In anderen Kommunen gibt es Makuxi-Lehrer und Neo-Brasilianer, die nur Portugiesisch sprechen und lehren – wieder in anderen lernen die Kinder keinerlei Schriftsprache – weil die Schulen fehlen.

Die ersten Waiwai, die man als Magister in den Bundesstaaten Roraima und Pará ausbildet, fangen an, die indigene Sprache in einigen Kommunen zu lehren, jedoch fehlt es an geschriebenem Material in Waiwai, ausser der religiösen Literatur. Die Mehrheit der Männer spricht ein bisschen Portugiesisch (das sie eher anlässlich ihrer Besuche in den Städten gelernt haben als in den Schulen), einige sogar fliessend, während die Mehrheit der Frauen nur wenig oder gar nichts in Portugiesisch versteht – eine Situation, die sich nur langsam verändert.

nach obenLebensraum und Bevölkerung

Die Zentralisierungs- und Dezentralisierungsbewegung prägt sowohl die territoriale Besetzung – welche besonders auf der Autonomie der lokalen Gruppen beruht, aber auch auf der Politik der aktuellen Gemeinschaft, und einen permanenten Kontakt und den Handel mit Nicht-Indios einbegreift – als auch die Konzentration und Ausbreitung der Bevölkerung, in unterschiedlichen historischen Momenten, in der Region, die den Rio Essequibo in Guyana erfasst, die Rios Anauá und Jatapuzinho in Roraima (Brasilien), die Rios Jatapu und Nhamunda in Amazonas (Brasilien), und den Rio Mapuera in Pará (Brasilien).

Die historischen Aufzeichnungen beweisen, dass ein konstantes Zusammenleben mit Nicht-Indios in den letzten fünfzig Jahren – anfangs mit nordamerikanischen Missionaren der “Unevangelized Fields Mission (UFM)”, danach mit der “Missão Evangélica da Amazônia (MEVA)” und mit Agenten der FUNAI und FUNASA, ausser den sporadischen Kontakten mit Wissenschaftlern und mit der nationalen Bevölkerung – einen Konzentrationsprozess der Gemeinschaftshäuser bewirkt hat, die sich vorher verteilt an den Hängen der Serra do Acaraí befanden, an der Grenze zwischen Brasilien und Guyana. Die Entstehung neuer, von den Missionaren eingeführten Niederlassungs-Standards – die grosse Dörfer zur Folge hatten, wie zum Beispiel “Mapuera” – bedeuteten allerdings nicht, dass sich die Autonomie der lokalen Gruppen deshalb auflöste oder ihren Sinn verlor, ganz im Gegenteil. Alles deutet darauf hin, dass dieser Zentralisierungsprozess gegenwärtig von einem anderen Ausbreitungsprozess abgelöst wird, wie die Abwanderung und die Schaffung neuer Waiwai-Kommunen wie “Catual, Soma, Samaúma” beweisen – und das sind nur ein paar der zahlreichen Beispiele.

Die offiziell anerkannten brasilianischen Indio-Territorien der Waiwai erfassen Teile der Bundesstaaten Amazonas, Pará und Roraima:
IT Nhamundá-Mapuera (Pará), mit 2.218 Personen im Jahr 2005;
IT Trombetas/Mapuera (Amazonas/Roraima/Pará), mit 500 Personen im Jahr 2005;
IT Wai-Wai (Roraima), mit 196 Personen im Jahr 2005.

nach obenDie Waiwai in Guyana

(von Stephanie Weparu Alemán, Anthropologin, Iowa State University)
Die Waiwai-Bevölkerung in Guyana lebt in zwei Dörfern in der Südregion des Landes (2006). Das erste davon ist “Masakinyari” (Ort der Moskitos) am Oberlauf des Rio Essequibo. Die Zahl seiner Bewohner schwankt zwischen 130 und 170 – eine Schwankung, die von der Jahreszeit abhängt und den entsprechend ausgedehnten Besuchen zwischen den Dörfern, sowie der Zahl der Wapixana-Familien, die sich andauernd ändert. Die Bewohner von “Masaknyari” unterhalten einen ständigen Kontakt mit den Waiwai-Kommunen in Brasilien, auf der anderen Seite der Serra de Acaraí.

Bis in die 50er Jahre gab es viele kleinere Waiwai-Dörfer und die anderer Gruppen entlang des Oberen Essequibo. Der Zusammenschluss von einigen zu grösseren Kommunen geschah durch die Präsenz der “Unevangelized Fields Mission”, verantwortlich für die Gründung des Dorfes “Konashenay” (Gott liebt Dich hier). Dieses Dorf erreichte eine Bevölkerung von 500 Personen, dann teilten sich die Bewohner wieder in kleinere Gruppen auf.

Das Dorf “Masakinyari” beherbergt auch Mitglieder des Dorfes “Sheparyimo” (Dorf des “Grossen Hundes”), welches zwischen den 70er und den 80er Jahren existierte, und der Restbevölkerung des Dorfes “Akotopono” (Dorf der “Alten grossen Waffe”), das seit der 80er Jahre bis zur Gründung des neuen Dorfes “Masakinyari”, im Jahr 2000, existierte. Kurz vor der Gründung des neuen Dorfes wanderten viele Familien, und fast alle Wapixana, ab zu einem Ort am Rio Kuyuwini, nahe eines Ortes, der als “Pista Parabara” bekannt ist. Ein Weg von dort zu den Savannen von “Rupununi”, im Norden, führt zu den Dörfern der “Wapixana” und der “Macuxi”, und auch zu den Orten “Lethem” und “Bon Fim” – und in Brasilien zu der Stadt “Boa Vista”.

Dieses Dorf in “Parabara” hatte im Jahr 2006 zirka 70 Einwohner, die Hälfte waren “Wapixana”. Es hat einen Waiwai-Namen: “Erepoimo” (Dorf des “Grossen Keramik-Brenners”) – so wurde einst ein kleines Waiwai-Camp zwischen 1940 und 1950 am Oberen Essequibo genannt.

Die Bewohner beider Dörfer stehen in verwandtschaftlicher Beziehung zu Mitgliedern der brasilianischen Waiwai-Dörfer, ein Grund dafür, dass es nur geringe kulturelle Unterschiede zwischen diesen Dörfern auf beiden Seiten der Grenze gibt – es sei denn, die unterschiedlichen Beziehungen zwischen den entsprechenden Staaten Guyanas und Brasiliens. Die Guyanesen der Küste beziehen sich in der Regel auf die Waiwai-Dörfer im extremen Süden des Landes als “Gunn’s Strip” (die Piste von Gunn), womit eine Landepiste in einer kleinen Savanne dieser Region gemeint ist – oder als “Konashen” (oder Kanashen), wobei sie sich auf das antike Missions-Dorf beziehen.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Die Schwierigkeit herauszufinden, welches tatsächlich die ersten Nachrichten hinsichtlich jener indigenen Gruppen waren, aus denen sich später die aktuellen Waiwai-Kommunen zusammensetzten, liegt in der Tatsache, dass die ethnischen Bezeichnungen, denen man die unterschiedlichen indigenen Gruppen Amazoniens zuordnete, sich im Lauf der Jahre immer wieder änderten. Eine der ersten Informationen, obwohl nur ein einfacher Hinweis, stammt aus dem 17. Jahrhundert (R. Harcourt 1603) und ein anderer aus dem 18. Jahrhundert (Sanders 1721 in Lizermann 1911 zitiert in Bos 1985).

Im 19. Jahrhundert berichteten drei Reisende über die Waiwai. Der Erste war der deutsche Geograph Robert Hermann Schomburgk, der seine Reisen zwischen 1835 und 1839 durchführte, später erneut im Jahr 1843, im englischen Guyana und in der Region des Orinoco. Er trifft auf die Waiwai auf beiden Seiten der Grenze Brasilien/Guyana, markiert durch die Serra Acaraí, mit zwei Dörfern am Rio Mapuera und einem im Norden des Rio Essequibo, voneinander getrennt durch eine Entfernung von zwei Tagen Fussmarsch. Der Reisende schätzt die Bevölkerung dieser drei Dörfer auf 150 Personen. In den Berichten von Schomburgk finden sich verschiedene Daten, die auf die Existenz eines weit gespannten Handelsnetzes zwischen den verschiedenen indigenen Gruppen der Region hinweisen. Leider gibt es nur wenige Angaben, die sich direkt auf die Waiwai beziehen, jedoch wird ihm von den benachbarten Gruppen berichtet (von den “Mawayana” und den “Taruma” zum Beispiel), dass die Waiwai bekannt waren wegen ihrer guten Baumwoll-Plantagen und ihrer Geschicklichkeit in der Jagd – wegen ihrer guten Jagdhunde und ihren begehrten Maniok-Reiben.

Der nächste Reisende, der englische Geologe Barrington Brown (1876-1878), trifft im November 1870 auf die “Taruma-Indios, die Wapixana und die Mawayana”, als diese von einer kommerziellen Expedition zu den Waiwai zurückkehren, die, noch ohne Kontakt mit den Weissen, Werkzeuge, Stoffe und Glasperlen gegen ihre Maniok-Reiben und abgerichtete Jagdhunde mit diesen benachbarten Gruppen einzutauschen pflegten. Von ihnen erfährt Brown auch, dass sich die Waiwai momentan im Süden der Serra Acaraí aufhalten.

1884 trifft der dritte Reisende, der französische Geograph Henri Coudreau (1889) die Waiwai in “Mapuera”, im Gebiet südlich der Serra Acaraí, während der nördliche Teil der Serra nur von den “Taruma” bewohnt war. Coudreau schätzte die Bevölkerung der “Ouayeoue” (Waiwai) auf drei bis viertausend Personen ungefähr, mit sechs bis sieben Dörfern, aber diese Zahl wird als übertrieben bezeichnet (von Fock 1963, zum Beispiel). Wie bereits Schomburgk, weist auch Coudreau auf ein weit gespanntes Netz von Tauschgeschäften der Waiwai mit verschiedenen Gruppe dieser Region hin, berichtet von kommerziellen Beziehungen der Waiwai im Norden mit den “Wapixana”, den “Atroari” und den “Taruma”, im Westen mit “Pianokoto (Tiriyó) und an den Flüssen Trombetas-Mapuera mit den “Mawayana” und den “Xerew”, unter anderen. Nach Coudreaus Tod führte seine Gattin Olga die Expeditionen fort (1900). Im Gegensatz zu ihrem Mann, der schrieb, dass die Waiwai und Mawayana keine industriellen Güter besassen, beschreibt sie deren Geschicklichkeit im Tausch dieser begehrten Artikel, wie Glasperlen, Spiegel, Haumesser, Kämme und Beile.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts vertieften die Waiwai ihren Kontakt mit den “Taruma-Indios, sie nahmen auch friedliche Verbindungen mit den “Tiriyá” des Trombetas-Paru im Westen auf, während sie sich im Kriegszustand mit den Stämmen am Mittleren Mapuera befanden (Fock 1963:5). Das Territorium der Waiwai entsprach damals dem Gebiet des Oberen Mapuera, im Norden begrenzt von der Serra Acaraí. Im Süden ihres Territoriums lebten andere Stämme, die heute ins Volk der Waiwai integriert sind, und die sich langsam gen Norden vorschoben, vertrieben von der Front der Latexsammler im Becken des Rio Trombetas. Von Norden nach Süden lebten die folgenden Stämme: “Tutumo, Mawayana, Xerew” und “Katwena”.

Reisende, die das Indio-Gebiet besuchten, taten dies in der Regel von Nord nach Süd – sie starteten in Guyana und nicht in Brasilien – deshalb beziehen sich deren Informationen lediglich auf die indigenen Bewohner der Grenzregion. Expeditionen dieser Art schleppten Krankheiten unter den Indios ein, die auch durch die kommerziellen Kontakten mit “Taruma” und “Wapixana” übertragen wurden, und so erlitten die Waiwai um 1890 einen starken demografischen Einbruch auf Grund von bisher unbekannten Krankheiten. Eine Zunahme intertribaler Eheschliessungen war die Folge. Schon vorher waren Ehen zwischen Waiwai und anderen Völkern üblich, gegen Ende des Jahrhunderts verstärkten die Waiwai diesen Prozess mit den “Parukoto”-Indios (besonders mit “Xerew” und den “Mawayana”) im Süden und den “Taruma” im Norden (Fock 1963:267).

nach obenIm 20. Jahrhundert

Anfang des 20. Jahrhunderts teilten sich die Waiwai in zwei Territorien: im Norden, in der Serra Acaraí, und im Osten die Gruppe am Oberen Mapuera. Das erste Jahrzehnt ist geprägt von intertribalen Konflikten, welche zu einer Trennung der beiden Untergruppen führte und gleichzeitig eine starke Dezimierung der Bevölkerung verursachte. Die Konflikte entstanden zwischen Waiwai und den Parukoto. Im Dezember 1913, als Farabee die Waiwai besuchte, waren die Kriege bereits verebbt, und die antiken Feinde Parukoto integriert in die Waiwai-Nation – jedoch waren die Parukoto in der Überzahl (Howard 2001:234-235).

In den Jahren 1919, 1922 und 1923 besuchte der Missionar Cuthbert Cary-Elwes S.J. die Waiwai, und auch er berichtet von der Bedeutung ihrer kommerziellen Aktivitäten mit den Taruma und den Wapixana (Colson und Morton 1982). Die Waiwai und die Parukoto des Nordens und Ostens bewohnten immer noch die Gebirgsregion, aber die Gruppe im Norden war im Begriff, auch den Oberen Essequibo, in Guyana, zu besetzen, wo sie von Walter E. Roth zu Beginn des Jahres 1925 erwähnt werden. Noch bevor Roth die Waiwai aufsuchen konnte, wie er in seiner Reise geplant hatte, hatten die Waiwai ihn bereits ausfindig gemacht, weil sie gehört hatten, dass sich ein Reisender in ihrem Gebiet befinde, der wertvolle Waren mit sich führte, wie Salz, Angelhaken und Beile. Die kommerziellen Verbindungen mit den Taruma waren abgeklungen, wie dieser Autor berichtet, denn die Taruma dieser Gegend waren praktisch ausgerottet, und die Hinterbliebenen in die Waiwai-Nation integriert worden (Roth 1929:IX, X).

Von 1925 bis 1950 etwa, findet eine Abwanderungsbewegung der Waiwai in Richtung auf den Oberen Essequibo statt. Sie verlassen die Bergregion und die Quellgebiete, um sich an den Ufern grösserer Flüsse niederzulassen. Die anglo-brasilianische Grenzkommission von 1935 bestätigt diese Bewegung: Die Mehrheit der Indios Waiwai befand sich am Rio Essequibo, in Britisch Guyana, während der Rio Mapuera von anderen Völkern bewohnt war (Xerew, Mawayana, etc.) der Parukoto-Gruppe, gemischt mit einigen Waiwai, denn Waiwai und Parukoto hatten eine gemeinsame Sprache und ähnliche Lebensgewohnheiten. Die Parukoto, die vom Mittleren Mapuera stammten, hatten zum Beispiel bei den Waiwai den Gebrauch von Kanus eingeführt, charakteristisch für die indigenen Völker Amazoniens (Fock 1963: 8-9).

Bis zum Jahr 1950 erlebte die Situation der Waiwai keine grossen Veränderungen, es sei denn territoriale, wie verschiedene Besucher feststellen konnten: 1938 die Expedition Terry-Holden, des “American Museum of Natural History” (siehe Aguiar 1942) – und 1947 Peberdy, Repräsentant der Regierung von Guyana (Peberdy 1948).

nach obenMissionstätigkeit

Anfang 1950 geschahen grosse Veränderungen im Leben der Waiwai mit der Intervention einer “Missions-Front” am Oberen Essequibo: die “Unenvangelized Fields Mission / UFM”, von der die Mehrheit der indigenen Bevölkerung vom Rio Mapuera und vom Rio Nhamundá nach British-Guyana gelockt wurde. Der evangelische Reporter Homer E. Dowdy erzählt in seinem Buch “Christ’s Witchdoctor – vom wilden Zauberdoktor zum Dschungel-Missionar”: dass am Anfang dieses Unternehmens die drei Missionare Neill, Rader und Robert Hawkins standen, drei Brüder aus Texas, deren Ziel es war, sich innerhalb indigener Regionen zu etablieren, die noch nicht evangelisiert waren und dort im Namen ihrer Mission Seelen für Christus zu retten, indem sie ihnen das Evangelium brachten. Bevor sie den Kontakt mit den Waiwai aufnahmen, hatten die beiden älteren Brüder, Neil und Rader, bereits zehn Jahre lang mit den Macuxi am Ufer des Rio Branco zusammengelebt.

1948, als sie bereit waren, die Waiwai zu kontaktieren, erhielten die Hawkins-Brüder keine Genehmigung von der brasilianischen Regierung, und deshalb entschlossen sie sich, nach Britisch-Guyana zu reisen, wo ihnen zuerst einmal eine Genehmigung ebenfalls versagt blieb (Dowdy 1963: 33). Erst im nächsten Jahr, im Januar 1949, nachdem der verantwortliche Regierungsbeamte abgelöst worden war, gab ihnen sein Nachfolger die Genehmigung, die Waiwai am Rio Essquibo zu besuchen.

Die Mission unter den Waiwai wurde von verschiedenen Missionaren gegründet, und im Jahr 1949 lebten nur noch wenige Waiwai auf der britischen Seite. Jedoch auf der brasilianischen, im Grenzgebiet, war die indigene Bevölkerung ansehnlich. Von Anfang an bestand das Interesse der Missionare darin, ins brasilianische Territorium einzudringen (den Rio Mapuera hinunter zu fahren und bis zum Rio Nhamundá vorzudringen), um viele Hunderte Indios zur Mission auf dem Gebiet des damaligen Britisch-Guyana zu locken (Frikel 1970: 29-30). Um die Indios zu ködern, schickten die Missionare indigene Boten, die ihnen begehrte Waren in Aussicht stellten, wie Angelhaken, Spiegel, Messer und Glasperlen, und die Botschaft, dass “die Welt in einem grossen Feuer zerstört werden würde, und dass sie ihnen den Weg zur Rettung in ein besseres Leben zeigen könnten” (Almeida 1981). Mit diesem Lockruf wuchs die Bevölkerung der Mission von 80 auf mehr als 250 Personen in nur drei Jahren – ein Konglomerat von Gruppen, zusammen mit den Waiwai gab es Mouyennas (Mawayena), Xerew, Piskaryenna und Hixkaryana. Diese Konzentration führte schnell zu einem Dorf, genannt “Kanashen (oder Konashenay) – ein künstliches Dorf, gegründet von der Mission, dessen Name die Missionsidee verkörpern sollte – “Kanashen” bedeutet “Gott liebt Dich hier” – um die Indios anzulocken, sich hier anzusiedeln.

Es gibt eine Reihe von Erzählungen und Versionen über die so genannte “Bekehrung” der Waiwai-Indios, in allen spielt die charismatische Gestalt des Schamanen Ewka eine entscheidende Rolle, der sowohl für die Indios als auch für die Nicht-Indios zur bedeutenden Referenz in diesem Bekehrungsprozess wurde, wie die verschiedenen ethnographischen Quellen demonstrieren, die aus unterschiedlichen Zeitabschnitten stammen. Nach Dowdy, der Ewka (und auch seinem Buch) den Titel “der Zauberdoktor Christi” gab, handelt es sich um einen wilden Schamanen, der sich in einen Missionar des Dschungels verwandelte und die Geschichte der Waiwai prägte, die zusammen mit ihrem spirituellen Führer ihre Furcht vor der Geisterwelt “Kworokyam” gegen den Glauben an Christus eingetauscht haben.

Dowdy berichtet von Ewkas ersten Beziehungen zu den “Kworokyam” in seinem Buch “Das Zentrum spirituellen Lebens der Waiwai” (1963: 23) – dass sich diese Verbindung in einem Traum mit Wildschweinen offenbarte. Unter der Führung der Wildschwein-Geister erhielt Ewka seine schamanistischen Kenntnisse und ging mit ihnen einen Pakt ein, niemals Fleisch von diesen Tieren zu essen – im Gegenzug konnte er auf ihre bereitwillige Unterstützung zählen, zum Beispiel bei Heilungen und bei der Jagd. Als die Missionare erschienen, war Ewka bereit, ihnen die Sprache der Waiwai beizubringen, und während unzähliger Stunden dieses Sprachunterrichts, hörte er auch die Beschreibungen der Missionare bezüglich ihres Gottes und seines Sohnes Jesus. Den Augen der Missionare, die sich mit der Lebensart der Waiwai beschäftigten, inklusive ihre Sprache lernten, um sie zu kathequisieren und auf den Weg zu Gott zu bringen, (den sie mit “Kaan yesemarî” bezeichneten), entging nicht, welch grosse Bedeutung die Waiwai auf einen “Tausch der Seele” (yekatî yewru) legten – deshalb übersetzten sie den “Heiligen Geist” mit “Kiriwan Yekatî” – dem “Guten Geist” Gottes. Sie predigten, dass die Waiwai in stetem Austausch mit diesem Geist stehen müssten, um nicht im Fegefeuer zu enden, sondern einst in den Himmel aufzufahren. Mit grossartigen Geschenken, wie zum Beispiel mit Aussenbordmotoren und roten Shorts, überlegten sich die Missionare, dass sie auch Ewka bekehren könnten, wenn es ihnen gelänge, ihn davon zu überzeugen, dass Jesus Christus der gute Geist ist, unendlich mal grösser und mächtiger als jene bösen Geister, die nach Meinung der Missionare durch “Kworokyam” repräsentiert wurden, und die sie als Teufel übersetzten. Also machten die Missionare Ewka den Vorschlag, er solle nicht nur ein Wildschwein töten sondern auch von seinem Fleisch essen, denn nur auf diese Weise könne er sich selbst und allen andern beweisen, dass ihre Geister nichts ausrichten können gegen den, der von dem wahrhaftigen Gott beschützt wird. Und so geschah es – zuerst liess sich Ewka taufen und danach alle Mitglieder seiner Gruppe. Ab 1956 fand fast jede Woche eine öffentliche Bekehrung zum neuen Glauben an Christus statt, während der Versammlungen und Gottesdienste, die man in “Kanashen” eingeführt hatte – am Mittwoch, Freitag und Sonntag.

Die Beziehungen, welche die Waiwai mit den Missionaren eingingen, fanden in diversen Bereichen statt, und deshalb kann man diesen Prozess nicht einfach nur als “Bekehrung” zum Christentum bezeichnen, sondern muss ihn im Zusammenhang mit einem komplexen Netz von Leistungen sehen, die für die Existenz der Indios nützlich waren. An dieser Stelle sollte man sich daran erinnern, dass schon die ersten Reiseberichte auf das spezielle Interesse der Waiwai hinweisen, ein weit gespanntes Netz von Tauschgeschäften mit verschiedenen anderen indigenen Gruppen ihrer Region aufrecht zu erhalten – wie mit den Wapixana, den Tiriyó, den Mawayana und den Xerew, unter vielen anderen. In diesem Zusammenhang zeigten sie besonderes Interesse für die Beziehungen mit den Missionaren, und nahmen deren Vorschlag, als ihre Boten bei den anderen Stämmen aufzutreten, mit Begeisterung an. Also kontaktierten sie mit der “frohen Botschaft” die “Xerew” am Unteren Mapuera (1954) – die “Mawayana” am Oberen Mapuera (1955-56) – die “Tiriyó” und Waiana in Surinam (1957) – die “Kaxuyana” am Rio Cachorro und die “Hixkaryana” am Rio Nhamundá (1957-58) – zwei Gruppen der “Yanomami” (“Xirixana” und “Waika” 1958-59 und 1960-62) – verschiedene Gruppen in der Serra Tumucumaque (“Tunayana, Wajãpi, Wayana” und “Kaxuyana” – 1963-65) – die “Katwena” und “Cikyana” am Rio Trobetas (1966-67) und die “Waimiri-Atroari” am Rio Alalaú (1969-70) (Howard 2001: 285-286). Bei diesen Kontakten handelte es sich um etwas, das den Waiwai nicht neu war, etwas, das sie schon vor der Begegnung mit den Missionaren als Teil ihrer Existenz betrachtet hatten – jetzt konnten sie diese Beziehungen allerdings mit einer ganz speziellen Unterstützung pflegen und weiter ausbauen, indem sie ihren Handelspartnern die materiellen und immateriellen Vorzüge der Mission in Aussicht stellten.

Jedoch wird die Mission “Kanashen” im Jahr 1971 des Landes verwiesen von einer sozialistischen Regierung, die sich inzwischen an die Macht in Britisch Guyana manövriert hatte. Die indigenen Bewohner zerstreuen sich, nur wenige Familien bleiben in der Gegend. Ein kleiner Teil wandert ab nach Surinam, zur “Mission Araraparu”, während die Mehrheit über die Grenze nach Brasilien wechselt. Die indigenen Pastoren Kiripaka und Yakuta, letzterer ein Bruder von Ewka, organisieren im gleichen Jahr einen Umzug von fünfzehn Familien zum Rio Anauá, im brasilianischen Staat Roraima. Die Übrigen, geführt von Ewka, kehren 1974 zum Rio Mapuera zurück, ihrer antiken Heimat. Die aus Guyana ausgewiesenen Missionare trennen sich und begleiten die Bewegung der Indios auf brasilianischer Seite. Ein Teil von ihnen lässt sich bei den Waiwai in Roraima nieder und wird in die missionarische Organisation MEVA aufgenommen. Ein anderer Teil lässt sich am Mapuera nieder (1976) und wird in die MICEB (Missão Cristã Evangélica do Brasil) integriert. Zu jener Zeit werden die Expeditionen zur Kontaktaufnahme mit anderen indigenen Gruppen fortgesetzt, und es werden auch neue Lebensräume für die Waiwai erschlossen, wie zum Beispiel bei der Kontakt-Expedition zu den “Karapawyana” am Rio Jatapu (1974-1980), mit denen die Waiwai vier Jahre später eine neue Waiwai-Kommune am Nebenfluss Jatapuzinho gründete.

nach obenGegenwärtige Beziehungen zu Nicht-Indios

Das Interesse der Waiwai, mit unterschiedlichen “Anderen” Beziehungen einzugehen, ist nicht auf die indigene Welt begrenzt – auch nicht auf die nicht-indigene (die sich in den letzten fünfzig Jahren öffnete und ihre Kontakte sich vertieften), und nicht nur auf die humane Welt. Was ihre aktuellen Beziehungen mit Nicht-Indios betrifft, sind zu erwähnen: die Missionare (vor allen evangelische, aber auch katholische in Anauá, im IT Wai Wai), die Agenten der FUNAI, Fuanasa, des MEC, lokale Politiker und Autoritäten, Uferbewohner, Händler, Wissenschaftler, ausserdem Farmer, Goldsucher, Holzfäller und Siedler, unter denen einige als bedrohlich oder als Druck ausübend eingestuft werden.

Seit ihrer Einquartierung bei den Waiwai, zu Beginn der 50er Jahre, hatten die Missionare den Unterricht in der Schriftsprache eingeführt als Grundlage zur Erfüllung ihrer Aufgabe, der Kathequese. Sie betrachteten dies als ein privilegiertes Mittel, um die Bibel unter ihnen zu verbreiten, die sie ganz (Altes und Neues Testament) in die Sprache der Waiwai übersetzt haben. Im Jahr 2001 publizierte die UFM International (aus Pennsylvania/USA), in Zusammenarbeit mit der MEVA (Boa Vista/Roraima/Brasilien), unter dem Titel “KAAN KARITAN – Die Bibel in der Waiwai-Sprache”, die sich mit vergoldeten Lettern auf einem harten, schwarzen Einband präsentierte – mit mehr als 600 Seiten und einer ersten Ausgabe von 4.000 Exemplaren.

Die Einführung der Schriftsprache stellt zweifellos ein machtvolles Instrument zur Darlegung des Evangeliums dar, aber werden die Waiwai dadurch ihre Tradition der mündlichen Überlieferung von Wissen und ihre kosmologischen Praktiken und Konzeptionen aufgeben? Man sollte nicht vergessen, dass es die Waiwai sind (so wie verschiedene andere indigene Völker), die gegenwärtig Zugang zur schulischen Erziehung fordern, als fundamentale Bedingung für ihre Autonomie. Dieses Instrument der schriftlichen Kommunikation erlaubt den Waiwai, ihre Kultur den Nicht-Indios in einer annehmbaren Form vor Augen zu führen: schriftlich gefasste Projekte, diverse Dokumente, deren Autoren sie sind.

Die Erfahrungen in den verschiedenen Waiwai-Kommunen der drei ITs sind sehr unterschiedlich in Bezug auf die existierenden (oder nicht existierenden) Schulen und der Ausbildung ihrer indigenen Lehrer. Im Staat Pará, zum Beispiel, arbeitet eine Equipe des “Núcleo de Educação Escolar Indígena” zusammen mit Lehrern des Dorfes “Mapuera”, in dem 60% der Kinder im Schulalter die Schule auch besuchen. Im Staat Roraima ist dieser Prozess jüngeren Datums, aber es gibt bereits diesbezügliche Dialoge und Kooperationen zwischen den Waiwai und dem CIR (Indianerrat von Roraima), sowie Organisationen wie der OPIR (Organisation indigener Lehrer von Roraima) und den Waiwai-Frauen mit der OMIR (Organisation der indigenen Frauen von Roraima).

Hinsichtlich der Agenten von FUNAI und Funasa sind die Erfahrungen ebenfalls unterschiedlich. Im Staat Pará, zum Beispiel, gibt es einen Waiwai, der mit einer gewissen Regelmässigkeit in der FUNAI arbeitet, während die Posten-Chefs in Roraima dauernd wechseln. Die Gesundheits-Programme sind in ihrer Mehrzahl abhängig von einer gemeinsamen Arbeit zwischen der Funasa und NGOs. So ist es, zum Beispiel, in Roraima die CIR, die zusammen mit der Funasa die Gesundheit der Indios kontrolliert. Zusammen geben sie auch Kurse, um Agenten der Waiwai am Rio Jatapuzinho und am Anauá auszubilden – dort erhalten sie auch einen Arbeitslohn, um die monatlich ankommenden Medikamente zu kontrollieren.

Programme und Projekte, die unter den Waiwai entwickelt werden, sind sehr vielfältig. Neben Programmen zur Ausbildung indigener Gesundheits-Agenten und Lehrer, gibt es Projekte zum Sammeln von Waldprodukten (wie zum Beispiel der Paranuss), zur Zucht von Wasser- und Landtieren (wie zum Beispiel Fischen und Rindern), zur Produktion von Produkten zum Verkauf (wie zum Beispiel Kunsthandwerk), zum Schutz und der Kontrolle des Territoriums (einige in Zusammenarbeit mit anderen indigenen Agenten, wie den Waimiri-Atroari), und andere.

Und es gibt die Projekte mit unerwünschten Konsequenzen, wie die Planung von Wasserkraftwerken – “Cachoeira, Carona” und “Nhamundá” – ausser dem schon fertigen Wasserkraftwerk am Rio Jatapu, Ende der 80er Jahre, das den Waiwai das Leben schwer macht. Um die Folgen dieser Konstruktion abzumildern, hat die Regierung den Waiwai vom Jatapuzinho einen Generator für die Stromerzeugung und eine bestimmte monatliche Menge Dieselöl dafür gewährt, die sie im Kraftwerk abholen können. Der Präfekt von “Caroebe” ergänzt dieses Geschenk mit einer monatlichen Menge zwischen 150 und 200 Litern Diesel monatlich für die Kommune. Ausserdem gibt es am Jatapuzinho einige “Rentner”, die ein Minimum-Salär aus der staatlichen Rentenversorgung erhalten.

nach obenGesellschaftspolitische und wirtschaftliche Praktiken

Der jährliche Lebenszyklus der Waiwai wechselt zwischen Trocken- und Regenperiode – die erste beschert ihnen reichlich zu essen und ein bewegtes kollektives Leben, die zweite das Gegenteil, sie ist geprägt von einer abnehmenden Nahrungsvielfalt und führt dazu, dass sich die einzelnen Familien auf entlegenere Felder verteilen.

In Funktion dieses Zyklus, aber auch wegen der Probleme, die aus den grossen Bevölkerungskonzentrationen entstehen, gibt es zwei Arten von Feldern: solche, die nahe beim Dorf liegen, und andere, die viele Kilometer weit entfernt angelegt worden sind. Auf letzteren verbringen viele Familien einen grossen Teil der Regenperiode, und sie nehmen sie in Anspruch, wenn die Ressourcen in Dorfnähe nicht für alle Bewohner ausreichen.

Die Felder werden vorbereitet, indem man auf einer bestimmten, ausgesuchten Fläche die Bäume fällt, das Buschwerk abbrennt und die Bodenfläche säubert – zwischen August und September – wenn die Regenperiode zu Ende geht. Das Säen und Pflanzen der Stecklinge geschieht dann zwischen Januar und März in Gemeinschaftsarbeit. Die vorwiegend gepflanzten Spezies sind: Baumwolle, Ananas, Bananen (verschiedene Arten), Zuckerrohr, Papaya, Knollenfrüchte wie “Cará” und Kartoffeln (verschiedene Arten) und, vor allem, die wilde Maniok, aus der sie, nach Entfernen des Giftstoffes, Mehl, Fladenbrot und ein fermentiertes Getränk herstellen.

Ausser einer Agrarwirtschaft, die auf Brandrodung beruht, basieren ihre Aktivitäten zur Selbsterhaltung auf der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln von Waldprodukten. Als bevorzugte Jagdbeute sind zu nennen: Tapir, Hirsch, Wildschwein, Affen, Auerhahn, Fasan, Aguti, Paca, Gürteltiere, Tukane, Aras, Falken und andere. Die Vögel werden hauptsächlich wegen ihrer Federn erlegt, die im Kunsthandwerk und zur Befiederung ihrer Pfeile Verwendung finden. Seit 1950 sind die Männer der Waiwai daran gewöhnt, mit Gewehren zu jagen, aber wenn Munition fehlt, greifen sie wieder auf Pfeil und Bogen zurück – besonders für den Fischfang. Die bevorzugten Fische sind: “Traíra, Surubim, Pacu, Piranha”, und andere. Ihre Sammeltätigkeit bedeutet eine wichtige Ergänzung zur Ernährung, durch sie nehmen sie wichtige Vitamine und Mineralien zu sich. Unter dieser Vielfalt sind besonders die wild wachsenden Obstsorten und die verschiedenen Palmfrüchte bedeutend – allen voran die Paranuss. Letztere wird auch zum Verkauf gesammelt, so wie das überschüssige Maniokmehl, Kanus und Artikel aus dem Kunsthandwerk. Mit dem finanziellen Erlös dieser Produkte werden Aussenbordmotoren, Kleidung, Angelhaken, Angelschnur, Munition, Salz und Industrie-Hängematten eingekauft.

Die Produktion von Kunsthandwerk nimmt immer dann besonders zu, wenn die Waiwai bestimmte Industriegüter kaufen wollen. Die Frauen fertigen unter anderem Keramik, Maniokreiben, Lendenschurze und Samenketten an – die Männer flechten Körbe, stellen Kämme, Federschmuck, Bogen, Pfeile, und andere Dinge her. Ein grosser Teil des Kunsthandwerks wird zum Verkauf nach Boa Vista (Roraima) und nach Manaus transportiert, und in den letzten Jahren haben ein paar junge Leute ihr Kunsthandwerk auch während des “Festa do Boi” in Parintins verkauft. Die Waiwai, vor allem die jungen Leute, verdienen sich auch Geld oder Waren, indem sie sporadisch in den kleineren Dörfern der Nicht-Indios arbeiten – zum Beispiel in “Entre Rios” und in “Caroebe”.

nach obenVerwandtschaft und gesellschaftspolitische Organisation

Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Waiwai sind direkt verbunden mit ihrer gesellschaftspolitischen Organisation, die auf der komplementären Stellung der Geschlechter, der Kooperation zwischen Nachbarn, den Verpflichtungen des Schwiegersohns gegenüber seinem Schwiegervater, den Verbindungen zwischen Geschwistern und der Anerkennung einiger besonders einflussreicher Männer beruht.

Es gibt keine Clans, Abstammungslinien, Hälften, gesellschaftliche Klassen oder Unterscheidungen nach wirtschaftlichem Reichtum. Die Blutsverwandtschaft und Affinität werden bilateral definiert, und die verwandtschaftliche Terminologie basiert auf verschiedenen Kriterien, darunter: Beziehungen zwischen Geschlecht und Generation, gekreuzte gegen parallele Beziehungen und relatives Alter von Geschwistern. Aus der Sicht eines Erwachsenen macht man folgende Unterschiede: “Epeka komo” (Nachbarschaften, die aus Brüdern und ihren Familien bestehen) – “Woxin komo” (Familien aus der Verwandtschaft der Ehefrau oder des Ehemannes, die deren Angang darstellen) und “Tooto makî” (Personen, zu denen man keine Beziehungen unterhält).

Junge Leute heiraten in der Regel zwischen dem 16. und 24. Lebensjahr. Die als ideale Verbindung geltende Ehe ist die zwischen “gekreuzten Cousins”. Der Schwiegersohn übernimmt eine Reihe von Aufgaben gegenüber seinem Schwiegervater (bei ihm zu wohnen, ein Haus zu bauen, ein Feld anzulegen, Jagdbeute und Fischfang der Familie des Schwiegervaters abzuliefern, etc.). Nur langsam gewinnt der Schwiegersohn seine Unabhängigkeit zurück – oder schneller, wenn er selbst zum Schwiegervater wird und dadurch dieselben Rechte über seinen Schwiegersohn erhält.

Bis zur Ankunft der Missionare war es üblich, dass jedes Waiwai-Mitglied verschiedene Ehemänner und Ehefrauen im Lauf ihres (seines) Lebens haben konnte (am häufigsten war eine Monogamie mit möglicher Scheidung und Neuheirat – jedoch Polygynie und Polyandrie gab es ebenfalls, die waren aber meistens zeitlich begrenzt). Unter dem Einfluss der Missionare wurden neue Normen eingeführt: ein Zölibat vor der Heirat, dauerhafte Monogamie und Verbot einer Scheidung.

Jede Waiwai-Kommune stellt eine effektive Einheit politischer Organisation dar. Es gibt keine ethnischen, tribalen oder regionalen Organisationen, obwohl durch die komplexen und signifikanten Beziehungen der verschiedenen Waiwai-Kommunen Zusammenschlüsse in Form von Verbänden entstanden sind (wie zum Beispiel die AITA TROMA in Mapuera), um die neuen Aufgaben erfüllen zu können, die sich durch den komplexen Kontakt mit Nicht-Indios ergeben haben.

Der Führer einer Kommune ohne eine gewisse Kapazität zur Überzeugung seiner Leute ist kaum vorstellbar, denn die ist notwendig, um zum Beispiel Arbeitskräfte für den Bau eines neuen Dorfes zu mobilisieren, neue Felder anzulegen oder Vorbereitungen für ein Fest zu treffen. Häufiger als den Waiwai-Terminus “Kayaritomo” für den Führer eines Dorfes, gebraucht man heute – nach einem permanenten Kontakt mit anderen Indios der Region – die Bezeichnung “Tuxawa”. Ihm steht es zu, die internen Beziehungen und auch solche zu den Nicht-Indios zu koordinieren – er nominiert Führer für gemeinsame Arbeiten (Antomañe komo) und Pastoren (Kaan mîn yeniñe), die zusammen als “Enîñe komo” anerkannt werden – jene, welche die Kommune kontrollieren und für sie sorgen.

Die gesellschaftliche Kontrolle geschieht niemals mittels physischer Gewalt, sondern durch Überzeugung, öffentlichem Druck und, in signifikanter Art und Weise, durch Klatsch. Jede Unstimmigkeit wird mit aufwendigen Verhandlungen beigelegt – wie zum Beispiel auch durch einen rituellen Dialog (Oho), der einst Forscher wie Fock (1950) stark beeindruckte. Die Furcht vor Hexerei spielte ebenfalls eine Rolle als Mittel zum Zweck, und gegenwärtig drohen die Pastoren mit einer Strafe Gottes im Fall eines Verstosses gegen die Gesellschaft. In ernsten Fällen anberaumt ein Rat aus Führungspersönlichkeiten (Tuxawas, Arbeiterführer und Pastoren) lange Verhandlungen mit allen Beteiligten, um eine Lösung zu finden. Einige Streitigkeiten werden sogar öffentlich diskutiert – in der Kirche oder im grossen Zeremonienhaus (Umana), wo sonst die Feste stattfinden.

nach obenRituale und Veränderungen

Die beiden grossen, kollektiven Festlichkeiten unter den Waiwai waren, vor dem Eintreffen der Missionare, das “Shodewika” (Fest, zu dem ein Dorf das andere besucht) und das “Yamo” (ein Ritual, in dem die Geister der Fruchtbarkeit von maskierten Tänzern eingeladen werden, ein paar Monate im Dorf zu Gast zu sein). Bei diesen Festen trank man stets fermentierte Getränke im Überfluss, tanzte und hielt Wettkämpfe ab. Nach einigen Jahren des missionarischen Widerstandes fügten sich die Waiwai endlich ihrem Wunsch, von fermentierten Getränken auf Buriti-Saft überzugehen – eine Veränderung, die damals noch vom charismatischen Führer Ewka eingeführt wurde, als die Waiwai noch am Rio Essequibo in Britisch-Guyana lebten.

Heutzutage feiern die Waiwai noch zwei grosse Feste, die sie zusammen mit den Missionaren benannt wurden: “Kresmus” (eine Waiwai-Aussprache des englischen Wortes “Cristmas”), begangen am Jahresende, und im April das Osterfest, an dem häufig Taufen vorgenommen werden. Wie die Namen und Daten anzeigen, sind in diesen Festen gewisse christliche Referenzen integriert, man muss aber darauf aufmerksam machen, dass das Weihnachtsfest genau in die Trockenperiode fällt, und das Osterfest auf das Ende dieser Periode – Jahreszeiten, in denen die Waiwai auch schon vor Ankunft der Missionare festliche Rituale begingen. Und erhebt sich die Frage, ob es den diversen Sektoren der Evangelisierung tatsächlich gelungen ist, die kosmologischen Konzeptionen und Philosophien der Waiwai zu ersetzen. Vieles deutet darauf hin, dass die Logik eines Ersatzes keinen Sinn zu ergeben scheint, wohl aber eine Logik der Veränderung und der Auswahl.

Eine relevante Veränderung hat in Bezug auf die Besucher dieser Feste stattgefunden: Es sind nicht mehr die Besucher eines anderen Dorfes, die teilnehmen, sondern die Waiwai-Jäger desselben Dorfes, die nach einer langen, mehrwöchigen Jagd zurückkehren mit Wildbret für das Fest. Diese Rückkehr ist rituell geprägt von zwei unterschiedlichen Abschnitten: Im ersten erscheinen die Männer als “Jäger”, entsprechend geschmückt mit Federn vom grossen Falken (Yaimo) und dem kleinen (Wikoko), und sie tragen alles frische Fleisch ihrer Jagd, befestigt an ihren Körpern, hin zum grossen Zeremonienhaus (Umana). Dort schiessen sie ihre Pfeile auf Tiere aus Holz ab, die zu diesem Zweck an der Decke aufgehängt sind.

Danach kehren sie zu ihren Kanus zurück und inszenieren die zweite Phase des Rituals – die Ankunft der “Besucher”, formieren sich vor dem “Umana” mit grossen Bambusflöten, und ihre Frauen tragen die “Awci” (eine Art Rucksack aus Bananenblättern) mit dem in kleinen Würfeln gerösteten Fleisch ins Haus. Innen bieten die “Saft-Frauen” (Yîmîtîn) den Jägern/Besuchern Buriti-Saft (You Yukun) und Fladenbrot zur Stärkung an und erhalten von ihnen die frischen Fleischstücke, um sie fürs kollektive Fest zu grillen.

Während aller Festtage werden die Mahlzeiten im Kollektiv eingenommen und verschiedene Gottesdienste abgehalten, mit einer Reihe von Liedern, viele davon speziell für das Fest komponiert, das auch von Tänzen begleitet wird und einer Vielzahl an Spielen und Wettkämpfen, unter ihnen sowohl solche indigenen Ursprungs (zum Beispiel der “Tanz der Tiere”) als auch Neuheiten aus dem Kontakt mit Nicht-Indios (zum Beispiel Fussball).

nach obenSchamanismus

Heutzutage gibt sich kein Waiwai mehr als Schamane zu erkennen – aber weil der Schamanismus nicht durch die Zu- oder Abnahme der Schamanen definiert werden kann, heisst das nicht, dass die schamanistische Denk- oder Handlungsweise nicht mehr existent sind. Zum Beispiel manifestieren sie sich in Form von Beschuldigungen, welche die Hexerei betreffen – fast immer den Waiwai einer anderen Kommune nachgesagt, oder Indios aus anderen Orten. Kein Tod wird einfach als ein natürliches Ereignis hingenommen, sondern stets in Verbindung gebracht mit einem Geschehnis anderer Ordnung. Ich möchte an dieser Stelle nicht den Versuch machen, diese Hintergründe zu enthüllen, welche in versteckten Bereichen zirkulieren. Die Waiwai sagen dazu, dass die Nutzung gewisser Kräfte geheim sei, dass niemand darüber spreche, aber dass jeder wisse, dass dieser Austausch von Hexerei sich nicht einfach so verlieren, sondern noch sehr lange überleben wird.

© Evelyn Schuler Zea, Anthropologin der Universität São Paulo (USP), mit Informationen von Catherine V. Howard und Carlos Machado Dias Junior – Oktober 2006
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther

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