Umutina

Veröffentlicht am 1. Mai 2016

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Umutina Opfer von Gewaltaktionen des Weissen Mannes. Sie wurden von den Nicht-Indios als aggressiv und gewalttätig beschrieben, und dass sie mit Gewalt die Invasion ihres Stammesgebietes verhinderten. Trotz jener verlustreichen Folgen durch ihren Kontakt mit den Weissen – wie der Verlust ihrer Originalsprache, die Vertreibung aus ihrem traditionellen Territorium und den Tod vieler Angehöriger durch die Ansteckung mit Krankheiten – besitzt dieses Volk einen starken Sinn für ihre ethnische Identität. Sie betrachten sich als traditionelle Bewohner des Oberen Rio Paraguai und befinden sich derzeit in einem Prozess zur Wiederaufnahme ihrer traditionellen gesellschaftlichen und kulturellen Lebensgewohnheiten.

Umutina

Andere Namen: Barbados, Omotina
Sprachfamilie: Bororo
Population: 445 (2009)
Region: Bundesstaat Mato Grosso
INHALTSVERZEICHNIS
Name
Sprache
Bevölkerung
Lebensraum
Geschichte des Kontakts
Körperschmuck
Ernährung“
Gesellschaftliche Organisation
Kosmologie, Mythologie und rituelle Aspekte“

nach obenName

Das indigene Volk der Umutina wurde anfangs von den Nicht-Indios als “Barbados” (Bärtige) bezeichnet, weil ihre Männer (künstliche) Bärte trugen, die sie aus den Haaren ihrer Frauen oder aus dem Fell von Brüllaffen anfertigten. Sie nannten sich selbst “Baletiponé“, das heisst “Neue Leute“. Erst nach ihrem Kontakt und dem Zusammenleben mit den Indios Paresí und Nambikwara, ab 1930, wurden sie als “Umotina“, “Omotina“, oder “Umutina“ bekannt (eine Bezeichnung, die seit den 1940er Jahren gebräuchlich ist) – sie bedeutet: “Weisser Indio“.

nach obenSprache

Die Umutina sprechen ihre Originalsprache nicht mehr – sie ist als zum Sprachstamm “Makro-Jê“, der Familie “Bororo“ gehörig, klassifiziert worden. Ihr Verlust ist dem erzwungenen Kontakt dieses Volkes mit den Nicht-Indios zuzuschreiben, denen diese Menschen ab 1911 ausgesetzt waren. Nach wenigen Jahren grassierten verschiedene Epidemien in dieser Region, die fast alle Umutina töteten. Die wenigen Überlebenden flüchteten sich unter den Schutz des SPI (Indio-Schutz Organisation), die in diesem Gebiet tätig war, und sie wurden in einer Schule für Indios erzogen, wo ihnen nur die Kultur der Weissen beigebracht wurde – ihre Sprache zu benutzen war verboten, ebenso jedwede Aktivität, die mit ihrer traditionellen Kultur zutun hatte.

Gegenwärtig ist Portugiesisch die dominante Umgangssprache, aber die Mitglieder der Kommune kämpfen darum, mittels des Wissens ihrer Ältesten und dem von Lehrern und indigenen Studenten, die Umutina-Sprache wieder aufleben zu lassen.

nach obenBevölkerung

Im Jahr 1862 bestand das Volk der Umutina aus zirka 400 Individuen. Nach der “Befriedung”, die 1911 stattfand, zählten sie noch 300 Personen, aber schon acht Jahre später reduzierte eine Masernepidemie die Bevölkerung auf nur noch 200 Indios, die unter schwierigsten Umständen ihr Leben fristeten.

1923 registrierte ein Bericht des SPI eine Bevölkerungszahl “etwas mehr als 120“ und im Jahr 1943 waren es dann nur noch 75 Individuen – von denen fünfzig am Posten “Fraternidade Indígena“ (Indigene Bruderschaft) lebten, der bis heute der Hauptsitz der Umutina-Kommune geblieben ist. Zu jener Zeit lebten die restlichen Mitglieder dieser Kommune im letzten existenten Dorf am Oberen Rio Paraguai, im Norden des Bundesstaates Mato Grosso. Sie waren bekannt als “die Unabhängigen“, weil sie jeden Kontakt mit Nicht-Indios ablehnten.

In nur zwei Jahren jedoch, reduzierte eine furchtbare Epidemie mit Keuchhusten und Lungenentzündung ihre Zahl auf 15 Personen, und wenig später flohen diese Übriggebliebenen ebenfalls zum SPI-Posten, wo eine Reihe von stammesinternen Ehen geschlossen wurden. Nach Aussage der “Associação Indígena Umutina Otoparé” (Vereinigung der Umutina) lag die Bevölkerungszahl im Jahr 2009 bei 445 Personen.

nach obenLebensraum

Ehemals lebten die Umutina am rechten Ufer des Rio Paraguai, ungefähr zwischen den Flüssen Sepotuba und Bugres. Ihr Herrschaftsgebiet jedoch, erstreckte sich bis zu den Ufern des Rio Cuiabá. Mit der Ankunft der Nicht-Indios verliessen die Umutina den Rio Sepotuba und wanderten weiter gegen Norden, wo sie sich schliesslich an den Ufern des Rio Bugres niederliessen, den sie “Helatinó-pó-pare“ nennen – er mündet in den Oberen Rio Paraguai. Sie verteilten sich auf zwei Dörfer, das eine heisst “Umutina“, wo die Mehrheit ihrer Mitglieder wohnte – 420 Individuen, und das andere aus jüngerer Zeit, nennen sie “Balotiponé“, dort wohnen die restlichen 25 Personen, unterteilt in fünf Familien (Daten von 2009). Die Dörfer befinden sich im “Indigenen Territorium Umutina“, auf einer Fläche von 28.120 Hektar, die 1989 demarkiert und registriert wurde – in den Munizipien Barra do Bugres und Alto Paraguai, zwischen den Flüssen Rio Paraguai und Rio Bugres, im Bundesstaat Mato Grosso. Das IT befindet sich in einem Übergangsgebiet zwischen Cerrado (im Süden) und Amazonien (im Norden) – der Cerrado bedeckt den grössten Teil des Territoriums.

nach obenGeschichte des Kontakts

Vor der “Befriedung”, die im Jahr 1911 durch den Paulistaner Helmano dos Santos Mascarenhas, auf Befehl des SPI und des Generals Candido Mariano Rondon, durchgeführt wurde, eilte den Umutina der Ruf voraus, aggressive und gewaltbereite Eingeborene zu sein, die eine Invasion ihres Lebensraumes unter Anwendung von Gewalt verhinderten. Die von ihnen benutzten Waffen waren Bogen und Pfeile, sowie eine flache Art von Keule, die sie “Keulen-Schwert“ nannten. Ihre Angriffe fanden im Schutz der Nacht statt, und sie verschonten weder Frauen noch Kinder. Nach einem Sieg feierten sie den Erfolg mit Gesang, der die kriegerischen Tugenden ihres Volkes pries und an vergangene Siege erinnerte. Auch von einem rituellen Kannibalismus wird berichtet.

Es war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Kontakte der Umutina mit der sich ausbreitenden nationalen Gesellschaft zu den dramatischsten Zusammenstössen führten – es wurde gekämpft und getötet auf beiden Seiten. Nach einem Bericht des Salesianer-Paters Nicolau Badariotti, aus dem Jahr 1898, war die Regierung von Mato Grosso entschlossen, aufgrund der Weigerung dieser Indios, Weisse durch ihr Gebiet ziehen zu lassen, eine Expedition zu ihrer totalen Vernichtung zu organisieren.

Dazu muss man bemerken, dass die Umutina kontinuierlich Gewalt und Unverständnis seitens jener Männer erfahren hatten, die sich Zivilisierte nannten. Selbst wenn sie sich ihnen in friedlicher Absicht näherten, wurden sie von den ignoranten Weissen mit einem Kugelhagel empfangen. Deren Reaktion lässt sich vielleicht aus der Art und Weise erklären, mit der sie von den Umutina begrüsst wurden: Die Indios nennen es “Saudação agressiva“ – aggressive Begrüssung, wenn sich die Krieger mit erhobenen Bögen und aufgelegten Pfeilen den Ankommenden nähern, nach rechts und links, und vor und zurück in die Luft springen, mit den Füssen auf den Boden stampfen und dabei kontinuierlich brüllen . . . offensichtlich wurde diese Art von Begrüssung von den Gästen missverstanden.

Obgleich seit 1911 befriedet, gingen die Angriffe von Latexsammlern und Landbesetzer gegen die Umutina noch lange Zeit weiter – und die wehrten sich, so gut sie konnten. 1919 wurden sie wieder von einer Masen-Epidemie heimgesucht, die zur Entvölkerung und Schwächung dieser indigenen Gruppe beitrug. Weitere Krankheiten brachen aus, viele Personen starben. Die Waisen wurden von den Beamten des SPI-Postens aufgenommen und von ihnen aufgezogen. Heute sind sie verheiratet, ihre Kinder sprechen die Sprache ihrer Eltern nicht mehr und frequentieren die Schule des Postens, die sich im Dorf “Umutina“ befindet.

Kontakte anderer indigener Gruppen und den Umutina, noch vor der Ankunft des Weissen Mannes in diesem Gebiet, nahmen mit den Paresí kriegerische Formen an, während sie mit den Habusé, zum Beispiel, freundschaftlicher Art waren – und von denen die Umutina selbst berichten, dass sie grossen Einfluss auf ihre Kultur gehabt hätten.

Die bedeutendsten Beschreibungen der Sitten und Gebräuche im Leben der Umutina stammen von dem Forscher und Ethnologen Harald Schultz, der sich nach 1940 mehrmals bei ihnen aufgehalten hat – insgesamt verbrachte er acht Monate mit jenen 23 Indios in dem schon erwähnten “letzten Dorf“. Er zählt in seinem Bericht die Namen aller Erwachsen auf, mit denen er Kontakt hatte: Amajunepá, Amaxipá, Waquixinepá, Uapodonepá, Boroponepá, Kupodonepá, Soripa, Ariabô, Torika, Atukuaré, Pare, Bakonepá und Manepá.

nach obenKörperschmuck

In den 1940er Jahren, der Periode, in der Harald Schultz bei den Umutina weilte, erzählt er, dass die Frauen ihr Haar kurz zu schneiden pflegten, und ihre Hüften mit einem rohrartigen, selbstgewebten Rock aus Baumwolle bedeckten. Die Männer benutzten den in den Makro-Jê Gruppen üblichen Penis-Schaft und langes Haar, welches sie oben auf dem Hopf zusammenrollten und mit einem Baumwollstreifen umgaben, sodass es aussah wie ein kleiner Turban.

Weitere bevorzugte Schmuckstücke der Frauen waren Ketten aus Affenzähnen und Flussmuschelschalen, sowie Ketten aus Menschenhaaren. Sie trugen auf dem Rücken Ketten mit Anhängern aus Schnäbeln verschiedener Vögel, Krallen von Tieren, Knochen, befiederte Vogelbälger, kleine Schädel und Unterkiefer von Fischen, und kleine Kalebassen – zum Schutz gegen böse Geister und Krankheiten – die der Trägerin ein langes Leben sicherten.

Die Männer bevorzugten Ketten aus Jaguarzähnen. Den kleinen Knaben wurde die Unterlippe durchbohrt und ein so genannter “Tembetá“ durch das Loch gesteckt, ein kleiner Pflock aus einem Stängel einer Bananenstaude. Dieser kleine Pflock musste jeweils in gewissen Abständen erneuert werden, weil er eintrocknete.

Die Bemalung des Körpers gehörte zu den regelmässigen Aktivitäten. Dafür kamen sowohl die Farben der Jenipapo-Frucht (blauschwarz) als die der Urucum (grell rot) zur Anwendung – blauschwarze Designs wurden bevorzugt. Die Männer schmückten sich mit Darstellungen des Gürteltiers, des Riesenotters, des Brüllaffen, während ihre Frauen die Zeichnungen verschiedener Fischspezies bevorzugten. Für die Bemalung der Kinder waren Zeichnungen von kleineren Fischen reserviert, ausserdem auch Schmetterlinge und Blätterformen.

Bei verschiedenen formellen Anlässen, wie Festen und Zeremonien, trugen die Männer Tierfelle auf dem Rücken, die sie “Akariká“ nannten, von denen Schultz sagte, dass sie in Verbindung mit religiösen Ritualen benutzt wurden.

nach obenErnährung

Die Umutina sind, gemäss ihrer Tradition, Indios aus dem Wald, Ackerbauern, Jäger und Fischer. Schultz hat beobachtet, dass sie, obwohl ihr Leben stets in Nähe von Flüssen verlief, sie keine Kanus herstellen konnten – sie überquerten Wasserläufe an einer Furt zu Fuss.

Des weiteren berichtet er, dass die Umutina keine fermentierten Getränke kannten und auch keinen Tabak, weder zum Rauchen noch zum Schnupfen, sie äusserten sich sogar, dass sie diese Sitte hassten.

Die Ernährungsgrundlage dieser Indios war der Mais, den sie in Form von Broten, Fladen und Brei konsumierten, sie rösteten ihn auch oder assen ihn gekocht, und sie bereiteten einen “Chicha“ aus Mais, allerdings ohne Fermentierung. Neben dem Mais pflanzten sie hauptsächlich Maniok, Cará, Bohnen, Bananen, Wassermelonen, Pfeffer, Baumwolle, Urucum und einige andere Spezies.

Der Wald bescherte ihnen Früchte, Knollen, Pilze und Honig wilder Bienen. Die Jagd in ihrem Territorium war seit 1940 stark zurückgegangen, durch professionelle Jäger, welche die Tiere abschossen, nur um ihre Felle abzuziehen. Die Fischerei jedoch, behielt ihre grosse Bedeutung. Sie kannten keine Tierfallen, Staudämme oder grosse Netze. Für den Fischfang im Fluss benutzten sie nur Bogen und Pfeile, und mit dem Umgang dieser Waffen waren sie wahre Meister. In den zahlreichen Seen fischten sie mittels des Timbó-Lianengiftes, womit man die Fische betäubt und an der Wasseroberfläche aufsammeln kann.

Der grösste Teil des IT Umutina befindet sich in einem guten Erhaltungszustand, und dort haben sie ihre Felder angelegt, von denen sie einige Nahrungsmittel zur Selbsterhaltung ernten – zum Beispiel Reis, Mais, Bohnen, Cará, Süsskartoffeln, Bananen, Wassermelonen und andere. Die Vorbereitung des Bodens, die Pflanzung und Einsaat, sowie die Ernte werden mittels traditioneller Techniken ausgeführt. Zirka 90% der Bevölkerung betätigt sich im Fischfang. Diese Aktivität wird während des ganzen Jahres praktiziert, und das traditionelle Fischen mit “Timbó“, wird als traditionelle Methode von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die Nähe der Stadt erleichtert das Einkaufen von Industrieprodukten, die heutzutage den grössten Teil der Ernährung ausmachen.

Im IT Umutina findet man auch zahlreiche native Fruchtarten und einige Spezies von Heilpflanzen, darunter die “Poaia“, die zur Zeit sogar wissenschaftlich untersucht wird. Einige Honigsorten, wie der “Europa, der Jataí und der Borá“ werden zur Ergänzung des Speiseplans gesammelt.

nach obenGesellschaftliche Organisation

Die Dörfer der Umutina, bestehend aus 3 bis 5 Häusern, waren am Waldrand positioniert, unweit des Flusses, auf einer erhöhten, trockenen Stelle, und stets in der Nähe eines Baches mit sauberem, frischen Wasser.

Zu Beginn der 1940er Jahre lebten die übrig gebliebenen Umutina in Gruppen von Kernfamilien, innerhalb von drei kommunalen Häusern. Die femininen Bewohner jeden Hauses waren Blutsverwandte. Eine Heirat wurde von den Eltern der Braut verhandelt und entschieden. Der Anwärter musste vor allem andern ein guter Jäger sein, sonst wurde er vom zukünftigen Schwiegervater abgelehnt. Wurde er angenommen, musste er seine Geschicklichkeit bei der Jagd und dem Fischfang unter Beweis stellen. Nach der Heirat zog der Bräutigam ins Haus seiner Braut um und hatte seinem Schwiegervater zur Hand zu gehen. Im grössten, von Schultz besuchten Haus, residierten vier Generationen vereint unter einem Dach.

Haus und Feld waren Eigentum der Ehefrau. Falls der Mann Witwer wurde und er eine neue Braut fand, die er heiraten wollte, verliess er das Haus seiner verstorbenen Frau. Die Kinder aus seiner ersten Ehe verblieben allerdings bei der Familie der Verstorbenen und wurden von dieser aufgezogen.

Die Umutina bestätigten dem Ethnologen, dass sie nur in Kriegszeiten einem Häuptling und Führer gehorchten, und tatsächlich hat Schultz während seines Aufenthaltes im Dorf keine Person bemerkt, die der Gemeinschaft irgendwelche Befehle erteilt hätte. Die familiären Gruppen wurden von einer alten India orientiert. An ihrer Seite, innerhalb der erwähnten grössten Famile, gab es einen respektierten, alten Mann, dessen Meinung in der Regel von allen akzeptiert wurde.

nach obenKosmologie, Mythologie und rituelle Aspekte

Die Heilkunde der Umutina stützte sich auf eine bestimmte Anzahl von Heilpflanzen ihres Lebensraumes. Sie fürchteten bestimmte Geister, die ihnen Krankheiten brachten, und sie mieden den Fleischverzehr vom Capivara (Hydrochoerus hydrochaeris) und vom Paka (Cuniculus paca), weil sie glaubten, dass der “Schatten“ dieser Nagetiere “Anfälle und Krämpfe“ verursache. Unter den Restgruppen gab es keine heilkundigen Schamanen mehr, die in den meisten Fällen von ihnen als “bösartig“ bezeichnet wurden. Und wenn sie sich zu einer Bedrohung für die Gruppe entwickelten, wurden sie “eliminiert“ – so entnimmt man es aus den Berichten dieser Indios, wenn sie von ihren Schamanen erzählen.

Man findet in ihren Mythen die Figur von Haipuku, eine Ahnengestalt, der ein Paar Indios Umutina zeugte und ein anderes Paar Indios Habusé. Sonne (Míni) und Mond (Hári) waren Kameraden, von deren gemeinsamen Abenteuern sie mit Geist und Humor zu erzählen wussten. Sie hoben Míni als intelligent und manchmal schlecht hervor, während sie Hári als unvorsichtig schilderten, weil er den Lauf der Sonne zu imitieren versuchte und an seiner Unfähigkeit scheiterte. Míni wickelte seine sterblichen Überreste in eine Strohmatte, die sie “neben sich platzierte“. Nach einiger Zeit wurde der Mond wieder lebendig und stieg am Himmel auf.

Dieser Strohmatte, welche sie in ihren Mythen immer wieder erwähnen, schreiben die Umutina die Kraft zu, Tote auferstehen zu lassen. Gemeint ist dieselbe Matte aus dem Stroh der Buriti-Palme, welche die von Harald Schultz beschriebenen Indios der 1940er Jahre als Sitzunterlage, Schlafmatte und zum Einwickeln Verstorbener benutzten – niemals durfte sie von Fremden benutzt werden, sie war ein Objekt von religiöser Bedeutung. Diese Matten wurden nur aus Buriti-Fasern gefertigt, dem selben Material wie die für die rituellen Tänze bei Totenfeiern benutzten Kostüme. Zahlreiche Legenden erklären die Entstehung der Flüsse, der Fische, der anderen Tiere, der Feldfrüchte und der Krankheiten.

Die Umutina glaubten, dass sie drei Seelen besässen: eine davon stieg zum Himmel auf, die zweite wurde in einem Tier wiedergeboren – vorzugsweise in einem Vogel, aber auch in Säugetieren und sogar in einem Jaguar – und von der dritten kannte man die Bestimmung nicht. Was die Inkarnation betrifft, so begegnete der Indio im Traum jenem Tier, welches seine Seele dereinst nach seinem Tod erwählen würde. Hatten sie das entsprechende Tier im Traum gesehen, erzählten sie es ihren Angehörigen, damit diese nach seinem Tod jenem Tier mit Respekt begegneten – sie durften es nicht mehr jagen – denn es war fortan der “Träger seiner Seele“. Das Faultier und die Lüge wurden als “schlecht“ angesehen, so schlecht, dass sie die Rast und ewige Ruhe der Seele beeinträchtigen würden – sie würde durch den Wald irren, ohne Nahrung, ohne Wasser und ohne Ruhe.

Von jener Zeit, als Harald Schultz unter ihnen weilte, erzählt der Ethnologe, dass in seinem Haus verschiedene Vögel lebten – Jabiru-Störche, Fasanen, Falken und Aras – die, so sagten die Indios, alle “Träger der Seelen ihrer Verstorbenen“ waren. Diese Vögel, wenn sie starben, wurden mit derselben Zeremonie bestattet, wie die Leichen ihrer Angehörigen, nur mit ein bisschen weniger Pomp.

Der Körper eines gestorbenen Familienmitglieds wurde in einer Strohmatte eingerollt und in der Erde des Hauses selbst begraben – die Verwandten schliefen auf dem Grab. Und es war nicht leicht, sie zum Verlassen eines Hauses zu bewegen, in dem es solche Grabstätten gab. Wenn sie dazu gezwungen wurden – zum Beispiel durch ihre Arbeit auf neu angelegten Feldern, deren Entfernung zur Wohnstätte von Jahr zu Jahr zunahm – dann verwandelten sie solche Häuser Begräbnisstätten, die sie noch eine Zeitlang pflegten, bis sie soweit entfernt wohnten, dass sich der Weg nicht mehr lohnte.

Zu Beginn der Regenperiode, wenn der Mais die ersten grünen Körner ansetzte, bereiteten sie das grosse “Totenfest“ vor – sie nannten es “Adoé“ – das zwischen fünf bis sechs Wochen dauern konnte und während dem insgesamt achtzehn rituelle Tänze präsentiert wurden.

Für dieses Fest rodeten den Wald auf einer Fläche von 25 x 35 Metern. An einem Ende dieses Terrains pflegten sie eine Hütte aus Palmstroh zu errichten, die sie “Zári“ nannten, dazu bestimmt, “die Geister der eingeladenen Vorfahren zu beherbergen“. Diese Hütte zu betreten, war den Frauen untersagt. In ihr bereiteten sich die Männer auf die Tänze vor – bemalten ihre Körper und flochten die Masken und anderen Zubehör aus Buriti-Fasern.

Am anderen Ende des gerodeten Terrains bauten sie ein neues Wohnhaus. Andere familiäre Gruppen, die am Fest beteiligt waren, verlegten ihre Häuser in die Nähe des “Festplatzes“, der “Bodod’o“ genannt wurde. An den rituellen Tänzen durften nur solche Indios teilnehmen, in deren Familien im vergangenen Jahr eine Person verstorben war. Während der Feiern repräsentierten die Protagonisten der Zeremonien simultan einen oder mehrere Geistwesen der Verstorbenen.

Jeder Tanz hatte einen Namen. Die Gesänge, Ausstattung der Tänzer und Choreografie wechselten jedes Mal. Zur Herstellung der Ausstattung der Tänzer kam nur Stroh der Buriti-Palme zur Anwendung. Einige Tänze waren anscheinend den Schutzgeistern der Jagd, des Fischfangs, der Feldarbeit und anderen gewidmet, die sie als ihre Vorfahren verehrten.

Die Feiern wurden geleitet von einer männlichen Führungsperson, die nach jedem Ritual das Palmstroh bekam, aus dem die Ausstattung der Tänzer bestand – aus denen die Frauen dann Schlafmatten für ihre Familien flochten.

© Harald Schultz, 1952; Bearbeitung Sônia de Almeida, 1982 – April 2009
Equipe des Verlags “Enciclopédia Povos Indígenas no Brasil”
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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