Tapirapé

Veröffentlicht am 29. Dezember 2009

Die Tapirapé sind ein Indiovolk aus der linguistischen Familie Tupi-Guarani und leben im Gebiet des Gebirges “Serra do Urubu Branco”, im Bundesstaat Mato Grosso. Infolge ihres Kontakts mit den Fronten der expandierenden Kolonisation, ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, erlitten sie einen intensiven Bevölkerungsverlust – zur selben Zeit vertieften sie ihre Verbindung mit Gruppen der Karajá-Indianer, die bis dato als ihre Feinde galten.

Tapirapé

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nach obenLebensraum und Bevölkerung

Die Tapirapé leben in einer Region mit tropischem Regenwald, mit typisch amazonensischer Flora und Fauna, durchsetzt von Savannen-Landschaften und Cerrados. Als Ackerbauern befinden sich ihre traditionellen Dörfer im Umkreis von dichtem Wald auf erhöhtem Terrain, das nicht überschwemmt werden kann, wo sie auch ihre Felder bestellen. “Tapi’itawa”, das bekannteste ihrer Dörfer, befindet sich an einem Ort mit idealen Konditionen: auf einem nicht überschwemmbaren Terrain in unmittelbarer Nähe zum Hochwald mit den Feldern, ausserdem in der Nähe von offener Savanne rund um Zuflüsse des Rio Araguaia und an einem Bach, der selbst in der Trockenperiode nie versiegt. Die Tapirapé nutzen dieses Gebiet auf unterschiedliche Weise – je nach Jahreszeit und entsprechender Aktivität: zur Feldarbeit, zur Jagd, zum Sammeln und zum Fischfang.

Gegenwärtig verteilen sie sich auf zwei Indianer-Territorien: das IT Tapirapé/Karajá, mit 66.166 Hektar – registriert im Jahr 1983 – das sowohl von Tapirapé als auch von Karajá bewohnt wird, und das IT Urubu Branco, mit 167.533 Hektar – registriert im Jahr 1998.

nach obenGeschichte der Landbesetzung

Die Tapirapé sind ein Volk, welches vom Unterlauf der Flüsse Tocantins und Xingu stammt, wo sie sich bis zum 17. Jahrhundert aufhielten. Dann wanderten sie ins Gebiet des mittleren Araguaia ein, etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Dort wird von ihrer Präsenz, im Norden des Rio Tapirapé, ab diesem selben Jahrhundert berichtet (Baldus, 1970).

Die ersten Kontakte der Tapirapé mit ihren Nachbarn, den Karajá, geht auf Zeiten vor dem 17. Jahrhundert zurück. Seither schwanken ihre Beziehungen zwischen freundschaftlichem Zusammenleben bis Konflikt behaftet, und sogar feindlich, hin und her. Die Tapirapé kennen eine Reihe von historischen und mythologischen Erzählungen, welche von ihrer jahrhundertelangen Präsenz in den Wäldern des linken Araguaia-Ufers bestätigen, speziell in der Region der Gebirgskette, die unter dem Namen “Urubu Branco” bekannt ist, ausserdem im Norden der Ilha do Bananal, an der Mündung des Rio Javaé und dem mittleren Abschnitt des Rio Araguaia.

Bis ins 19. Jahrhundert fanden grosse Wanderungen von eingeborenen Gruppen aus Mittel-Brasilien statt, die auch auf die Tapirapé in den Wäldern von Pará stiessen und diese aus ihrem angestammten Wohngebiet vertrieben. Sie zogen sich in die Wälder am linken Ufer des Unterlaufs vom Rio Araguaia zurück. In der Geschichte der Tapirapé des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart können wir ihren Kontakt mit verschiedenen Karajá-Gruppen nachverfolgen, je mehr sich die Tapirapé der Ilha do Bananal näherten: mit den Nord-Karajá am Unterlauf des Araguaia, mit den Javaé im Innern der Insel und mit den Karajá des mittleren Araguaia und der Mündung des Rio Tapirapé.

Gegen Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts hatten sich die Tapirapé gespalten. Der eine Teil befand sich auf dem rechten Ufer des Rio Araguaia, im Bundesstaat Pará, etwas oberhalb der aktuellen Grenze zu Mato Grosso. Ihre Dörfer zogen sich schon im 18. Jahrhundert von Pará bis zum Norden des Rio Tapirapé hin. Der andere Teil des Stammes befand sich auf der Ilha do Bananal (heute Bundesstaat Tocantins), in Kontakt mit den Javaé-Indianern. Sie bewohnten die Nordspitze der Insel schon im Jahr 1775 (Baldus, 1970). Sie unterhielten eine intensive Verbindung mit den Javaé – besonders zwischen ihren Dörfern “Wariwari” und “Imotxi”, mit gegenseitigen Besuchen, einem regulären Handel und einem Austausch von Gesängen und Ritualen.

Das Territorium der Tapirapé reichte um 1900, und schon ein bisschen früher, vom linken Ufer des Rio Araguaia bis etwas oberhalb der heutigen Grenze zwischen den Bundesstaaten Mato Grosso und Pará. Damals waren es etwa 1.500 Personen, die sich auf fünf Dörfer verteilten, alle in der Nähe von Nebenfluss-Mündungen des linken Aragauaia-Ufers. Die Namen dieser Dörfer waren (vom Norden gegen Süden): Anapatawa, Xexotawa (gesprochen “Chichutawa”), Moo’ytawa (“Moutawa”), Makotawa (“Mankutawa”), und Tapi’itawa (“Tampiitawa”) (nach Wagley, 1988: 49).

Die Tapirapé, und besonders ihre nördlichen Dörfer, wurden immer wieder von Gruppen der Kayapó angegriffen – und gegen Osten versuchten sie sich weit weg vom Rio Araguaia zu halten, denn dort waren ihnen die Karajá nicht grün. Trotzdem berichtet der deutsche Ethnograf Fritz Krause (1908) von einem intensiven Kontakt zwischen Tapirapé-Gruppen und Karajá. Aber er deutet ebenfalls an, dass diese Kontakte zwischen gutartig und feindlich schwankten (Krause, 1940-44, vol 70: 137-140 und Wagley, 1988: 52-53).

Unter den Karajá-Gruppen sind die Javaé zu nennen, mit denen sie einerseits friedliche Verbindungen pflegten, die aber im 19. Jahrhundert in Feindseligkeiten ausarteten. Mit den Karajá selbst besserten sich die Kontakte dann im Lauf der Zeit – von der Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart sind sie freundschaftlich. Besonders die Nord-Karajá pflegten sie während der Trockenperiode zu besuchen, wenn sie sich auf den Savannen südlich der Serra do Urubu Branco aufhielten. Dann tauschten sie mit den Tapirapé verschiedene Güter und auch Nahrungsmittel aus – allerdings war es nicht selten, dass diese friedlichen Tauschgeschäfte durch Missverständnisse in Konflikten endeten, die mit Waffengewalt ausgetragen wurden. In der Nähe eines Ortes, des sie “Tyha” nennen, am Ufer des Rio Tapirapé, im Süden der Serra do Urubu Branco, haben die Tapirapé zwei Friedhöfe angelegt, in denen sie tote Karajá begraben haben, die etwa 1905 bis 1910 in zwei grossen Schlachten gefallen sind, die auf der Savanne im Territorium der Tapirapé ausgetragen wurden. Die Karajá waren stets hinter den Gütern der Tapirapé her, versuchten ausserdem ihre Frauen und Kinder zu entführen. Tatsächlich bemerkten die meisten der östlichen Besucher, welche sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter den Nord-Karajá aufhielten, Frauen, Mädchen und Kinder der Tapirapé, die dort als Gefangene lebten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlitten die Tapirapé immer häufiger Attacken der Kayapó, was sie veranlasste, ihre nördlichen Dörfer zu verlassen, die sich im Süden von Pará und im Norden von Mato Grosso befanden, in der Nähe der heutigen Orte “Conceição do Araguaia” und “Vila Rica” – sie zogen sich zurück in ihre Dörfer am Fuss der Gebirge, verborgen in dichtem Wald und den Savannen des mittleren Rio Tapirapé, schon im Staat Mato Grosso. Die gegenwärtigen Tapirapé bezeichnen das Gebiet dieser Dörfer, die in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts besiedelt wurden, als “Yrywo’ywawa” – den “Ort an dem der weisse Geier trinkt” – oder, wie er von den Bewohnern der Region allgemein genannt wird: “Serra do Urubu Branco”. Dieses Territorium enthält viel Wald auf höheren Terrains, ein Relief, welches aus Gebirgszügen und Hochebenen besteht. Die Serra do Urubu Branco befindet sich an der Ostseite der Serra dos Tapirapé und, zusammen mit dieser, bildet sie einen Ausläufer der Serra do Roncador in Richtung auf den Rio Araguaia. Von diesen Dörfern aus, zu denen ausgedehnte Felder am Fuss der Serra gehörten, erreichten sie die Weite der Savannen, welche sich bis zu verschiedenen Nebenflüssen des Araguaia hinzogen – besonders während des trockenen Sommers dienten sie ihnen für lange Jagd- und Sammel-Expeditionen. Im Norden dieser Region, im Einzugsbereich des Rio Beleza, befand sich das Dorf Xexotawa, eines der nördlichsten und das einzige, welches bis Ende dieser Periode bewohnt wurde. Im Westen und Süden wurden die Grenzen ihres Territoriums durch die Dörfer Tapi’itawa, Tokynookwatawa und Xoatawa markiert.

Gegenwärtig gibt es bei den Tapirapé ungefähr zehn “gemischte” Paare, das heisst, aus Karajá-Frauen und Tapirapé-Männern. Lediglich ein Paar besteht aus einem Karajá-Mann und einer Tapirapé-Frau. Diese Ehen, schon in den 50er und 60er Jahren geschlossen, waren die Antwort auf einen Bevölkerungsschwund – vor allem fehlte es den Tapirapé an Frauen, und das führte dazu, dass einige junge Tapirapé-Männer Karajá-Frauen ehelichten und einige Zeit im Haus ihrer Schwiegereltern verbrachten, denn wie die Karajá, so sind auch die Tapirapé “matrilokal” (nach der Heirat muss der Ehemann eine Zeit im Haus seines Schwiegervaters bleiben).

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Seit 1910 bis 1947 erhielten die Bewohner von “Tapi’itawa”, dem grössten Dorf der Tapirapé, regelmässig Besuche der Regierungsbeamten des antiken SPI (Indianerschutz-Organisation), von Latex-Sammlern, Dominikaner-Missionaren, Protestantischen Missionaren, Anthropologen und nationalen wie ausländischen Reisenden. Jenes Dorf, in welchem die Tapirapé-Bevölkerung in den Jahren ihres gewaltigen Bevölkerungsschwunds Zuflucht suchte, ist eine der ältesten Siedlungen und Eingangstor zum Territorium Tapirapé. Die schweren Malaria- und Grippe-Epidemien, oder einfache Erkältungskrankheiten, rafften sie dahin wie die Fliegen – auf weniger als 100 Personen gegen Ende der 40er Jahre (Baldus, 1970). Die Überlebenden konzentrierten sich im Dorf Tapi’itawa, versuchten in Kontakt mit der nationalen Bevölkerung zu bleiben und hielten Distanz zu den nördlichen Abschnitten ihres Territoriums, in dem sich die Kayapó herumtrieben.

1946, trotz dieser kontinuierlichen Gefahr durch die Kayapó, entschloss sich ein bedeutender Tapirapé-Führer mit Namen “Kamaira”, das nördliche Dorf “Xexotawa” wieder zu bewohnen – zirka zwanzig Personen begleiteten ihn. Diese Gruppe hatte sich dafür entschieden, lieber die Gefahr eines Angriffs durch feindliche Indianer auf sich zu nehmen, als sich andauernd dem Kontakt mit Fremden auszusetzen und den Krankheiten, welche von jenen eingeschleppt wurden. Ein Jahr später (1947) griffen dann die Kayapó-Metuktire nicht ihr Dorf sondern das von ihnen verlassene Tapi’itawa an – es wurde geplündert und der grösste Teil ihrer Häuser verbrannt, inklusive das Männerhaus. Einige Tapirapé wurden getötet, und dieser Vorfall bewirkte, dass sich die Tapirapé von Tapi’itawa nunmehr in kleine regionale Gruppen spalteten, die Zuflucht in den umliegenden Fazendas und auf dem SPI-Posten “Heloísa Alberto Torres” suchten (heute PI Tapirapé/Karajá). Danach war die kleiner Gruppe in “Xexotawa” an der Reihe: sie wurden ebenfalls von den gefürchteten Kayapó angegriffen. Das Datum kann nicht genau rekonstruiert werden, denn diese Gruppe hatte keinen Kontakt mehr mit der nationalen Bevölkerung. Der nächtliche Angriff der Kayapó kam überraschend und spaltete die schon relativ kleine Tapirapé-Gruppe in zwei Lager auf, deren Mitglieder von der jeweils anderen Gruppe nichts mehr wussten – sie hielten sie für tot.

Die eine Gruppe wendete sich gegen Süden und versteckte sich im Einzugsbereich des verlassenen Dorfes “Xoatawa”, während die andere sich im Umkreis von “Xexotawa” verborgen hielt, im Gebiet des Oberlaufs des Rio Crisóstomo. Sowohl die Gruppe von “Xoatawa” als auch die von “Xexotawa” verblieben vorerst untergetaucht in den Wäldern und hatten während mehrerer Jahrzehnte keinerlei Kontakt mehr mit den übrigen Tapirapé, der nationalen Bevölkerung oder anderen Indianern – bis sie schliesslich den Weg zurück zu ihrem Volk fanden. Die Mitglieder dieser isolierten beiden Gruppen leben heute wieder in derselben Region, die ihnen damals Schutz geboten hatte, und die man inzwischen “Serra do Urubu Branco” nennt.

nach obenNeue Bedrängung durch die Kolonisationsfronten

Obwohl die Besetzung der Region durch Nicht-Indianer schon auf die 40er Jahre zurückgeht, waren es die 50er, in denen sie sich wesentlich verstärkte, mit neuen Fronte nationaler Expansion, die in erster Linie von grossen landwirtschaftlichen Unternehmen angeführt wurde, sowie von Landspekulanten, deren Invasion von einer Politik der Landesregierung abgesegnet wurde, die sich auf zwei Richtlinien stützte: 1.) Verbesserung und Erweiterung des regionalen Strassennetzes zur Unterstützung der Viehzüchter und 2.) Entwicklung und Konsolidierung der viehzüchterischen Aktivitäten.

Im Jahr 1954 installiert sich die “CIVA (Companhia Imobiliária do Vale do Araguaia” – Immobilienunternehmen) im entstehenden Örtchen “Santa Teresinha”. Diese Unternehmung bekommt von der Regierung Mato Grossos die Konzession zum An- und Verkauf von Titeln über weite Gebiete um den Rio Araguaia. Die Nachfolgerin der CIVA, die “Companhia Colonizadora Tapiraguaia”, welche Ende der 50er Jahre ihre Aktivitäten wegen Insolvenz einstellen musste, fuhr fort, Ländereien, welche an die IT’s Karajá und Tapirapé grenzten, zu verkaufen. Das gesamte Territorium nördlich des Rio Tapirapé – eingeschlossen der Indianerschutz-Posten “Heloísa Alberto Torres”, sowie die traditionell von Tapirapé und Karajá besiedelten Ländereien der “Barra do Tapirapé” – wurden einfach in “Lotes” (Parzellen) aufgeteilt und an Private verkauft, ohne weitere Skrupel. Die Ländereien im Gebiet der Serra do Urubu Branco teilte man ebenfalls in Parzellen auf und verkaufte sie nach derselben bizarren Konzeption – “es seien herrenlose Terrains ohne menschliche Besetzung”. Sogar das Land des Ortes “Santa Teresinha” – gegenwärtig Sitz des Distrikts mit demselben Namen – parzellierten dieselben Gangster und verkauften sie an Fazendeiros, die wiederum seine traditionellen Bewohner, in diesem Fall Brasilianer, aufforderten, ihr Gebiet zu verlassen.

nach obenDie Mission “Irmãzinhas de Jesus”

Nach einem Bericht von Wagley (1988) versuchte der Verantwortliche des SPI-Postens, Valentim Gomes, mit Unterstützung der Dominikaner-Missionare, die verstreut lebenden Tapirapé-Familien zu überreden, sich zusammenzuschliessen und ein Dorf in der Nähe und unter dem Schutz des SPI-Postens zu errichten. Er hatte nur mässigen Erfolg mit diesem Vorschlag, denn die Bewohner des Gebietes von Urubu Branco, im Dorf “Xoatawa” zogen es vor, zu bleiben wo sie waren; und die Bewohner von “Xexotawa”, am Oberlauf des Flüsschens Gameleira, hatten ebenfalls keine Lust, umzuziehen. Nur die Bevölkerung von “Tapi’tawa” folgte der Aufforderung – sie begaben sich in die Nähe des Postens, etwa 80 km von ihrem bisherigen Dorf entfernt, und errichteten eine neue Siedlung an der Mündung des Flusses, der bis heute ihren Namen trägt: Rio Tapirapé.

Ab 1951 installiert sich, auf Betreiben des Dominikaner-Bischofs von Conceição do Araguaia, die “Missão das Irmãzinhas de Jesus” (Mission der Schwestern Jesu) im Dorf der Tapirapé, an der Mündung des gleichnamigen Flusses, und leistet ihnen vor allem medizinische Hilfe. In den 70er Jahren beginnt ein Laienpaar der pastoralen Equipe des Prälats von “São Félix do Araguaia” ein Projekt der Alphabetisierung unter den Tapirapé in ihrer eingeborenen Sprache.

Der Einzug der Mission, sowie die Aufnahme einer regelmässigen Gesundheitsvorsorge von ausgesprochen guter Qualität, sind der Grund zu einer demografischen Erholung der restlichen 51 Tapirapé (Wagley, 1988), die sich im neuen Dorf mit Namen “Tawyao”, nahe beim SPI-Posten, angesiedelt haben. Die Bewohner von “Xoatawa” und “Xexoatawa” dagegen, ohne irgendwelche Assistenz von aussen, verloren immer wieder Mitglieder durch Krankheiten, Angriffe von Landbesetzern und Hunger.

Einmal fest installiert in der Nähe der Karajá, an der Mündung des Tapirapé in den Araguaia, besserten sich die Kontakte zwischen beiden Gruppen zusehends – 1949-50 begannen sie mit einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Austausch, der ihre Freundschaft endgültig festigte.

Im Jahr 1964 nahm eine erste Gruppe der Überlebenden von “Xexotawa” mit der regionalen Bevölkerung von “Lago Grande”, am Ufer des Araguaia, Kontakt auf. Dabei handelte es sich um drei Frauen und zwei Kinder. Sie hatten Lago Grande erreicht, nachdem sie langsam den Rio Crisóstomo entlang gewandert waren. Sie gehörten jener Gruppe von Tapirapé an, die seit achtzehn Jahren isoliert im Wald gelebt hatte. Man brachte sie in das neue Dorf “Tawyao” im Schutz des SPI-Postens. 1970 begegneten die letzten Bewohner des isolierten Dorfes “Xexotawa” unbeabsichtigt einem regionalen Jäger, und dieser Kontakt war friedlich – kurze Zeit darauf besuchten sie ihre Ex-Verwandten im neuen Dorf unter dem Schutz des SPI – und blieben.

nach obenInvasion von Unternehmern & privaten Landbesetzern

In den 70er und 80er Jahren gab es im Gebiet der Serra do Urubu Branco und der umliegenden Region viele gewalttätige Zusammenstösse zwischen Pionieren der Landbesetzung und grossen Unternehmen, die sich um die nicht-indianische Invasion der Gegend stritten. Bescheidene private Einwanderer sahen sich plötzlich dem illegalen Druck von bewaffneten Milizen ausgesetzt, die von grossen landwirtschaftlichen Unternehmen bezahlt wurden, um die Siedler zum Verlassen ihrer besetzten Grundstücke zu veranlassen oder einfach rauszuschmeissen.

In den 70er Jahren, unter dem brasilianischen Militärregime, konzentrierte man die Politik auf die Notwendigkeit der Besetzung des Amazonasgebiets – besonders das Ministerium des Innern, mit dem die neu gegründete “Fundação Nacional do Índio (FUNAI)” verbunden war, bescheinigte dieser Aufgabe allerhöchste Priorität. Die zentrale Figur der Opposition gegen die legitimierten territorialen Forderungen der Tapirapé war Coronel Nobre da Veiga, damals Präsident der FUNAI, sowie der damalige Direktor des “Parque Indígena do Araguaia”, Sergeant José Tempone. Auf dem Höhepunkt ihrer verzweifelten Verhandlungen mit der Militärregierung und ihrer Indianer-Agentur erhielten die Tapirapé 1981 die Unterstützung des Prälats von São Félix do Araguaia, der Katholischen Kirche und zahlreicher ziviler Institutionen aus Brasilien und dem Ausland – sie alle verlangten von der brasilianischen Regierung die Erfüllung ihres eigenen Grundgesetzes. Der “Fall Tapirapé”, zu dem sich Kirche und zivile Gesellschaft vereinten, um einen beispielhaften Fall gegen eine autoritäre Staatsmacht zu verteidigen, wurde zum Paradigma der Relationen zwischen Indianern und nationalem Staat dieser Zeit.

Die grossen Fazendas mit ihren Nachfolgern in der beherrschenden Gesellschaftsklasse, bilden die Basis der regionalen Landbesetzung, mit denen bis zum heutigen Tag die Tapirapé, die Karajá und andere Eingeborene, welche gegen Recht und Gesetz von ihrem traditionellen Land vertrieben wurden, in Konflikt geraten. In der Region von Urubu Branco, besonders gegen Ende der 80er Jahre bis zum heutigen Tag, hat man Kunde von einer Reihe von blutigen Auseinandersetzungen zwischen privaten Bauern und Milizen lokaler Fazenda-Besitzer. In dieser Region, die sich zu einer der explosivsten des Landes hinsichtlich der Landbesetzung entwickelt hat, pflegen Fazendeiros und Wirtschaftsunternehmer so genannte “Pistoleiros” anzuheuern, die als bewaffnete Milizen jeden von dem Land jagen, welches sie als ihr Eigentum ansehen.

Nach der Anerkennung des IT Tapirapé/Karajá im Jahr 1983 verfolgen die Tapirapé schon ein Jahr später ihr nächstes Ziel, die Anerkennung ihres traditionellen Territoriums, welches sie niemals verlassen hatten: die Region von Urubu Branco. Während der Zeit zwischen 1950 und 1980 wohnten sie in diesem Gebiet bis 1970 und danach nutzten sie es als Jagdgebiet, zum Sammeln von Waldfrüchten und ritueller Praktiken.

Am 20. November 1993 verloren sie die Geduld, auf entsprechende Massnahmen von Seiten der FUNAI zu warten: 62 Tapirapé besetzten eine Fazenda und zogen wieder in ihr altes Dorf Tapi’itawa auf diesem Land ein. 1994 bestätigte der Präsident der FUNAI endlich den Bericht der GT (Technische Abteilung), ausgefertigt ein Jahr zuvor, der die Region des “IT Urubu Branco” den Vorschlägen der Tapirapé entsprechend definierte. Im Oktober 1996 unterzeichnete der Justizminister Nelson Jobim das Dekret 599, welches dieses Indianer-Territorium als permanenten Besitz der Tapirapé-Indianer bestätigte, der noch im gleichen Jahr als solcher im Gesetz verankert wurde.

nach obenGesellschaftliche Organisation

Ein Tapirapé-Dorf setzt sich aus Häusern zusammen, welche in Kreisform um das “Männerhaus” (Takara) herum angeordnet sind. Bis in die 50er Jahre waren diese Häuser von Grossfamilien bewohnt. Eine Tapirapé-Familie setzt sich im Idealfall aus einer Gruppe von verwandten Frauen zusammen (Mutter, Töchter und Enkelinnen), die zwei bis drei Generationen repräsentieren. Gegenwärtig jedoch, hat die Grossfamilie an Bedeutung verloren, und die Kernfamilie (Ehepaar mit Kindern) ist inzwischen die übliche Hausbewohnergruppe.

Abgesehen von der Verwandtschaft gibt es ein anderes organisatorisches Prinzip innerhalb der Gesellschaft Tapirapé, die sie “Gesellschaften der Vögel” nennen – oder einfach “Wyra”. Exklusiv maskulin, werden diese Gesellschaften unterteilt in zwei grosse “Hälften”, die sich ihrerseits aus drei verschiedenen Altersgruppen zusammensetzen: aus älteren Männern, reifen Männern und Jugendlichen. Ein Mann schliesst sich der “Gesellschaft der Vögel” seines Vaters an und, im Lauf seines Wachstums tritt er in die nächste Gruppe seiner Hälfte über. Die “Wyra” agieren kompetitiv als Jagdgruppen, bei zeremoniellen Anlässen und Gesängen, bei Feldarbeiten, dem Bau von Häusern etc. So spalten die “Wyra” die männliche Bevölkerung in zwei Hälften und jede Hälfte in drei Altersgruppen. Wagley (1988) bezieht sich auf jene “Hälften” als unterteilt in “Weisse Vögel” und “Papageien” – organisiert folgendermassen:

Weisse Vögel Altersgruppen Papageien
wrachinga Jugendliche:10 – 16 Jahre wrankura
wranchingió Reife Männer: 16 – 35 Jahre anancha
wranchingó Ältere Männer: 35-55 Jahre tanawe

Auszug aus Wagley, 1988:117

Das andere organisatorische Prinzip der Gesellschaft Tapirapé stellen die “Essgruppen” (Tataopawa) dar. Wie ihr Name schon sagt, versammeln sie sich zum Vertilgen von Nahrung, gegenwärtig haben sie eine rein zeremonielle Funktion. Bis Ende der 40er Jahre jedoch, agierten sie als Regulatoren für die Verteilung und den Konsum von Nahrungsmitteln (Wagley, 1977:15) des Feldes, der Jagd, dem Sammeln und dem Fischfang – Mittler zwischen der Dorfgemeinschaft und den jeweiligen Hausbewohnern. Die “Essgruppen” vereinen Personen unterschiedlicher Häuser in ihrer Verbindung, mit denen sie eine gesellschaftliche Einheit bilden. Eine spezifische “Essgruppe” wächst, indem die Söhne einer Familie der Gruppe ihres Vaters beitreten und die Töchter der ihrer Mutter. Wagley zitiert acht “Tataopawa-Gruppen”:

Tataopawagruppe Essens-Gruppen
Amirapé (die Ersten)
Maniutawera (die der Maniok)
Awaiku (die der süssen Maniok)
Tawaupera (die des Dorfes)
Chakanepera (die des Alligators)
Chanetawa (die von unserem Dorf)
Pananiwana (die vom Fluss)
Kawano (die von der Wespe)

Auszug aus Wagley, 1988:128

Die wirtschaftliche Bedeutung der “Gesellschaften der Vögel” und der “Essgruppen” in ihrer Rolle zur Produktion und dem Konsum von Nahrungsmitteln ist fundamental. Nur durch sie funktioniert das gesamte zeremonielle Leben der Gruppe. Entsprechend einer fröhlichen, antiken Rivalität wetteifern die “Gesellschaften der Vögel” untereinander und versuchen, sich in ihren Aktionen für ihr Dorf zu überbieten.

Ein Tapirapé-Dorf sollte im Idealfall eine genügende Bevölkerungszahl aufweisen, um entsprechende “Gesellschaften der Vögel” und “Essgruppen” überhaupt zusammenstellen zu können. Ohne diese Einheiten können weder die wirtschaftlichen Aktivitäten noch das zeremonielle Leben richtig funktionieren. Obwohl kommunale Produktionsformen überlebt haben – und zwar hauptsächlich durch die Aktivität der “Wyra” – ist es offensichtlich, dass diese im Lauf der Zeit immer mehr rituelle und religiöse Funktionen übernommen haben.

nach obenFührung

In politischer Hinsicht ist die Gesellschaft der Tapirapé extrem gleichberechtigt. Die Führer der verschiedenen Wohngemeinschaften des Dorfes treffen sich täglich, innerhalb von abendlichen Zusammenkünften der Männer im Hof des Männerhauses. Dort diskutiert man alle Fragen, welche die Dorfgemeinschaft betreffen. Die wichtigsten Funktionen des “Häuptlings” bestehen gegenwärtig aus der Verwaltung einiger Güter der Kommune, wie zum Beispiel eines Sparbuchs, eines Motorbootes und einiger Rinder. Er nimmt auch, im Namen seiner Kommune, Kontakt mit Dritten auf – ob sie Indianer sind oder nicht. Diesem Inhaber der formellen Häuptlingswürde bleibt nicht viel mehr übrig als jene Entscheidungen zur Kenntnis zu nehmen, die bereits bis zum Geht-nicht-mehr vom Kollektiv der Männer ausdiskutiert worden sind. Es gibt unter den Tapirapé keine Figur eines mächtigen “Cacique” oder “Capitão”, der sich den Absichten einer Mehrheit entgegenstellen würde.

Die gegenwärtigen Führer sind relativ junge Männer, zwischen 30 und 40 Jahre alt, die gut portugiesisch sprechen, lesen und schreiben können, und besonders gut informiert darüber sind, was in ihrem Land vorgeht, denn sie verfolgen die Nachrichten im Radio mit grösster Aufmerksamkeit (vielleicht haben sie inzwischen sogar schon einen Fernseher im Dorf?) Sie taten sich besonders im Affront gegen die FUNAI und Fazendas während der 70er und 80er Jahre hervor. Es sind getestete Führer, die sich des Vertrauens ihres Volkes in einem aufreibenden Verhandlungsprozess würdig erwiesen, der ihnen einen Mindest-Lebensraum auf der Erde des Bundesstaates Mato Grosso garantiert hat, um nicht auf die Ilha do Bananal abgeschoben zu werden. Diese jungen Männer stellen ein Führungsprofil dar, welches mit dem der antiken Häuptlinge kontrastiert, betagten Senhoren mit einem begrenzten Sprachschatz in Portugiesisch, die weder lesen noch schreiben konnten, aber ein solides rituelles Prestige mitbrachten, sowie eine profunde Kenntnis der traditionellen und historischen Kultur – und die sich politisch gesehen, auf die Kraft ihrer jeweiligen residenziellen Segmente verliessen.

nach obenProduktive Aktivitäten

Die Tapirapé leben in Kommunen, deren wirtschaftliches Überleben in erster Linie von ihren landwirtschaftlichen Aktivitäten abhängt. Ihre Felder produzieren nicht nur die Basis für ihre Existenz, sondern strukturieren, zusammen mit der Jagd, auch ihr spirituelles Leben.

Ihre wirtschaftliche und religiöse Basis gründet auf einem dafür geeigneten Terrain: hoch gelegene Wälder, die nie überschwemmt werden. Nur ein solches Ökosystem erlaubt die Existenz und Anwendung jener Prinzipien, durch die eine Dorfgemeinschaft organisiert werden kann: 1.) die mit einander verwandten Gruppen, 2.) die Gesellschaften der Vögel – “Wyra“ und 3.) die Essgruppen – “Tataopawa“.

Mindestens seit dem 19. Jahrhundert bewirtschafteten die Tapirapé Territorien, welche einerseits für die Anlage der Felder und für die Jagd geeignete Hochwälder aufwiesen, auf der anderen Seite nahe genug der Ufer von Nebenflüssen des Araguaia gelegen waren, damit reich an Seen zum Fischen und bestanden von Savannen, in denen man sich , je nach Jahreszeit, dem Sammeln der verschiedensten Waldfrüchte – Nüssen, Honig und Eiern von Schildkröten – widmen konnte.

Ein Dorf, so die Vorstellung der Tapirapé, muss in der Nähe seiner Felder angelegt werden – am besten sollten sich die Konzepte Dorf und Feld sogar mischen. In bestimmten Perioden, wie zum Beispiel zur Ernte am Anfang des Jahres, wohnen die Tapirapé in Unterständen, die sie inmitten ihrer Pflanzungen aufstellen – und ihr gesamter religiöser Kalender richtet sich nach der Reifung der Frucht auf ihren Feldern.

Die sporadisch wechselnde Bodenbearbeitung der Tapirapé, bis in die 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als sie noch ein immenses Territorium zur Verfügung hatten, ist gegenwärtig von einer intensiveren Nutzung der für die Landwirtschaft geeigneten Terrains abgelöst worden. Heutzutage ist es bei ihnen üblich, ihre schon vor Zeiten benutzten Felder wieder zu aktivieren und Pflanzungen an Orten anzulegen, die sie ebenfalls schon vor Jahren genutzt haben.

Die Aufgabe ihres traditionellen Systems der Bodennutzung und das Fehlen von entsprechenden Terrains in der Nähe ihres Siedlungsgebiets, in das sie Anfang der 50er Jahre umgesiedelt wurden, hat die Ergebnisse ihrer Landwirtschaft über die Massen reduziert. Gegenwärtig bauen sie vor allem an: Maniok zur Herstellung von Mehl, Mais, Reis, Bananen, Papaya, zahme (ungiftige) Maniok, Aipim, Cará, Süsskartoffel, Kürbis, Erdnüsse, Andu (einen Bohnenart), Baumwolle und andere, weniger bedeutende Arten. Im Umkreis ihrer Häuser ziehen sie Bäume mit Urucum (rote Farbe), Mangos und “Cuité“, aus deren Fasern sie die “Kari“ herstellen, eine kleine Tasche, die sich als Kunsthandwerk gut verkauft.

In der Vergangenheit war es üblich, wenn sich im Lauf der Jahre die neu angelegten Felder immer weiter vom Dorf entfernten, dass man das Dorf aufgab und ein neues in unmittelbarer Nähe der Felder anlegte. Wagley (1977) schätzt, dass es zirka zwanzig Jahre dauerte, bis sich der Wald an einer solchen Stelle regeneriert hatte und der Ort erneut besetzt werden konnte. Die veränderten Lebensbedingungen der Neuzeit haben die Tapirapé von diesem Verlegen ihrer Dörfer abgebracht. Die Felder liegen heutzutage um die 15 bis 20 km vom Dorf entfernt, eine Strecke, welche die Tapirapé täglich zu Fuss zurücklegen, beladen mit geernteten Feldfrüchten auf dem Rückweg.

Aus der Perspektive der Landwirtschaft ist das Potential des IT Tapirapé/Karajá sehr begrenzt, und das Profil der wirtschaftlichen Nutzung dieses Gebiets ist unvereinbar mit einem Volk, dessen Existenz bisher von der Landwirtschaft abhing. Mehr als 60% ihres Territoriums liegt so tief, dass es jährlich überschwemmt wird. Ein anderer bedeutender Teil besteht aus Weiden mit Sandböden, ungeeignet für den Ackerbau. Die geeigneten Teile, nördlich und nordwestlich des Dorfes Tawyao, werden allerdings sehr intensiv genutzt.

Angesichts dieser Schwierigkeiten setzen die Tapirapé immer mehr auf “nicht traditionelle” Aktivitäten, wie die Produktion von Kunsthandwerk, Fischfang und die Rinderzucht, als Ergänzung ihrer existenziellen Notwendigkeiten. Ihre Ankunft (1949) an der Mündung des Rio Tapirapé, einer Region, deren Reichtum aus fischreichen Seen besteht, hat sie dazu veranlasst, dass der Fang von Fischen zunehmend an Bedeutung für ihren Lebensunterhalt zunahm. Und heute hat sich das Verhältnis von Jagd zu Fischfang ins Gegenteil verkehrt. Trotzdem wollen die Tapirapé auf die wichtige Proteinquelle der Jagd nicht verzichten – individuelle oder kollektive Jagdausflüge werden regelmässig unternommen, besonders aber zum Höhepunkt der Regenzeit (Februar und März) im Umkreis des Dorfes Tawyao und dem Gebiet von Urubu Branco. Fleisch von der Jagdbeute ist praktisch das einzige tierische Protein, welches die Gruppe während der Regenzeit zu sich nehmen kann, denn Fische fängt man in dieser Zeit keine.

nach obenJagd

Die Jagd besitzt ausser ihrer Bedeutung zur Ernährung der Gruppe, auch eine fundamentale symbolische Funktion. Mittels der Jagd aktivieren die Tapirapé einen grossen Teil ihrer gesellschaftlichen Strukturen. Nur die kollektiven Jagden erlauben eine gemeinsame Aktion der Wyra, der “Gesellschaften der Vögel”, und der “Essgruppen”, der Tataopawa. Die rituellen Jagden sind auch Anfang und Bedingung für die Realisation des Festes der Initiation der Jugendlichen – ihrem bedeutendsten religiösen Zeremoniell – durch welches neue Mitglieder der Gesellschaft vorgestellt und eingegliedert werden.

In der symbolischen und religiösen Bedeutung der Jagd liegt der Grund, warum sich die Tapirapé regelmässig einmal im Jahr auf eine Wanderung in die Serra do Urubu Branco begeben. Dafür müssen sie grosse Schwierigkeiten überwinden: Die Widrigkeiten und die Arroganz der Neo-Besetzer dieses Territoriums, welche sich im Recht wähnen, den Indianern zu verbieten, dieses Territorium zu begehen, das sie seit Jahrhunderten durchquerten. Sie springen über Zäune, vermeiden Strassen und Fazendas, verwischen ihre Spuren und stellen sich jedweden anderen Schwierigkeiten, um das Zeremoniell ihrer Riten auf ihrem seit Traditionen heiligen Boden zu begehen.

Die Tierarten, welche von den Tapirapé wegen ihres nutritiven Wertes am meisten geschätzt werden, sind: das Wildschwein “Queixada” (Dicotyles albirostris), das Wildschwein “Caetetu” (Dicotyles tayassu), das “Paca” (Coelogenys paca), der Ameisenbär (Myrmecophaga jubata), die griechische Landschildkröte (Testudo tabulata), der Nasenbär (Nasua narica), Der Kapuzineraffe (Cebus, sp), eine andere Schildkröte (Podocnemis expansa) und ihre Eier, die Wasserschildkröte (Podecnemis unifilio) und ihre Eier, der Campeiro-Hirsch (Dorcephalus bezoarticus), der Mateiro-Hirsch (Mazama americana), das Gürteltier (Euphrarctus sexintus), der Brüllaffe (Alouatta, sp), der Tapir (Tapirus americanus) und eine Entenart (Alopochen discolor) unter anderen.

Diese Aufstellung ist praktisch dieselbe, wie die von Wagley (1988) ausgeführte, die einzige Korrektur, die zu machen wäre ist die, dass wegen der Abnahme von Wild heutzutage die meisten durch Nahrungs-Tabus einstmals “verbotenen Spezies” – wie zum Beispiel Hirsch und Gürteltier – inzwischen für den Konsum freigegeben wurden.

Als Waldindianer übt die Jagd eine fast magische Anziehung auf den Tapirapé aus. Im Gegensatz zum Fischen erregt ihn die Jagd. Im Dezember 1993 genügte es, dass jemand ins Dorf rief, er habe Wildschweine im Umkreis gesehen, dass ein Haufen von Männern, bewaffnet mit Gewehren, Bogen, Pfeilen und Keulen, sich in einem verrückten Wettlauf an ihre Verfolgung machten. Die Tapirapé brauchen die Jagd für ihre Gesellschaft, zur Nahrung und für ihre Religion.

nach obenSammeln und Fischen

Das Sammeln wird individuell von den Familien durchgeführt, die während des Sommers durch die offenen Savannen streifen. Dieselben tief liegenden Areale werden während der Regenzeit von den über die Ufer tretenden Flüssen überschwemmt. Nach einer Aufstellung der Schüler der Tapirapé-Schule im Jahr 1988, sammeln ihre Mitbürger 47 verschiedene Waldfruchtarten. Unter ihnen ist besonders die “Pequi” bemerkenswert – aber das Gesamt der gesammelten Früchte ist eine bedeutende Vitamin- und Mineralien-Quelle für ihre Ernährung. Die Tapirapé besitzen eine profunde botanische Kenntnis ihres Lebensraums und profitieren von wertvollen Pflanzenspezies, die ihrer Existenz nützlich sind. Ausser den familiären Sammel-Exkursionen in weiter weg liegende Gebiete, kann man in der Regel Frauen und Kinder im Umkreis des Dorfes antreffen, die den Cerrado regelmässig in der gleichen Absicht absuchen.

Das Sammeln geschieht häufig in Verbindung mit dem Fischfang – wenn die Bewohner des Dorfes in den Cerrado hinaus wandern, am Ufer von Seen kampieren, dann widmet sich ein Teil dem Fischen, während der andere nach Eiern von Schildkröten im Sand der Ufer sucht, Waldfrüchte, Honig, Nüsse und andere Dinge in den angrenzenden Galeriewäldern findet.

Die grössten, kollektiven Fischzüge finden im Sommer in Lagunen statt, in kleineren Bächen und Flussmündungen – man benutzt Reusen, schiesst die Fische mit Pfeil und Bogen an flachen Stellen, bedient sich des Lianengifts “Timbó” oder benutzt Netz und Harpune. Letztere werden besonders zum Fang des geschätzten “Pirarocu” eingesetzt, des grössten Süsswasserfischs der Welt. Während des Winters (Regenzeit) fischt man zwar auch, aber das Ergebnis ist unbedeutend.

nach obenKunsthandwerk und Viehzucht

Das Kunsthandwerk ist gegenwärtig ihre bedeutendste und praktisch einzige kommerzielle Aktivität, mittels derer sie ein bisschen Geld für die Anschaffung von Gütern verdienen, die heutzutage unentbehrlich geworden sind, wie Metallgegenstände, Kleidung, Waffen und Munition zur Jagd, Salz etc. Ihr Kunsthandwerk besteht aus der Erarbeitung von Korbwaren, Bogen und Pfeilen, Paddeln, Lanzen, dekorierte Kürbisschalen, Keulen, Federschmuck und dem berühmten “Cara Grande” (einer halbrunden Tanzmaske). Im Allgemeinen alles Artikel von exzellenter Qualität, was die Materialien betrifft und ihre Verarbeitung. Der Ankauf wird von so genannten “Regatões” betrieben, Händlern, die mit ihren Booten vorbeikommen, und direkt von Touristen, welche im Sommer das Dorf besuchen. Auch die “Artindia”, eine Ladenkette für Kunsthandwerk der FUNAI, sowie diverse Aufkäufer von spezialisierten Geschäften im Süden des Landes, kaufen ihre Produktion regelmässig. Die Tapirapé unternehmen auch auf eigenen Kosten Reisen in den brasilianischen Süden, um dort ihr Kunsthandwerk mit etwas mehr Gewinn zu verkaufen.

Die Viehzucht scheint der Suche nach neuen Formen des Überlebens zu entsprechen – innerhalb eines begrenzten Raumes. Die Tapirapé sind die Einzigen, unter den von der Administration des “Parque Indígena do Araguaia” registrierten Gruppen, deren Rinderherde kontinuierlich wächst, weil sie unkontrollierte Verkäufe und Schlachtungen zu verhindern wissen. Ihre zirka 200 Rinder stehen unter Kontrolle von Tapirapé-Cowboys aus ihrem Dorf, die von der Kommune bezahlt werden. Obwohl diese keine grösseren Kenntnisse der Viehzucht besitzen – gegenüber zuvor angeheuerten regionalen Cowboys – stellten die Tapirapé-Indianer zu ihrer Zufriedenheit fest, dass jetzt ihre Herde zu wachsen begann, während sie vorher abgenommen hatte, weil jene Regional-Cowboys heimlich Teile ihrer Herde in den Schlachthof von Santa Teresinha verhökert hatten.

nach obenRitual und Schamanentum

Physische und emotionale Sicherheit der Individuen hängen von der Macht ihrer Schamanen ab. Nach Auskunft der Tapirapé kann eine Frau nur ein Kind bekommen, wenn ihr der Schamane die Seele ihres zukünftigen Kindes übergibt. Denn in der übernatürlichen Welt der Geister (Achunga) gibt es eine unendliche Zahl von Seelen. Der Geist, beziehungsweise die Seele des Kindes dringt in die Frau ein, angerufen vom Schamanen. Auf diese Weise werden Fruchtbarkeit und Sterilität der Frauen auf die Intervention der Schamanen zurückgeführt.

Nach dem Glauben der Tapirapé befindet sich die wichtigste “Reserve” von Kinderseelen – von fundamentaler Bedeutung für den Fortbestand der Gruppe – ausgerechnet in der Serra do Urubu Branco. Genauer, in einer enormen Felswand, aus der in der Regenzeit ein majestätischer Wasserfall schiesst, den sie “Yrywo’ywawa” nennen – “Ort, an dem der weisse Geier (Königsgeier) Wasser trinkt” – jener vom Aussterben bedrohte Vogel hat in diesem Gebirge eine seiner letzten Zufluchtsstätten.

Dieses Gebiet, von den Tapirapé als heilig verehrt, ist die Wohnung von “Tarepiri”, einer mythologischen Persönlichkeit, die sich nur den Schamanen zeigt, die nach ihr suchen. Tarepiri ist der Wächter des “Yrywo’ywawa” und auch des “Towajaawa” (auch bekannt unter dem Namen “São João”, ein anderer heiliger Ort, an dem der Königsgeier ebenfalls vorkommt). Tarepiri wird als der “Vater der Kinder vom Ort, an dem der Urubu Branco trinkt” angesehen – “Yrywo’ywawa hakawa”. Tarepiri verteidigt die Unversehrtheit dieses Ortes vor den Fremden und öffnet ihn nur den Schamanen. Um die Kontinuität von Geburten innerhalb der Tapirapé zu sichern, müssen sich die Schamanen auf ihren Traumreisen bis zum “Yrywo’ywawa” begeben, dort die Seele eines Kindes einfangen, um sie dann in den Schoss einer Frau zu senden. Ein anderer wichtiger Wächter des “Yrywo’ywawa” und des “Towajaawa” ist Karowara, der Donner, in dessen Obhut sich ebenfalls eine grosse Zahl von Kinderseelen befindet.

Der jährliche zeremonielle Zyklus der Tapirapé setzt sich aus Ritualen wie folgt zusammen: Er beginnt mit den “Xepaanogawa” Ende September, Anfang Oktober), dann folgt die Konstruktion des “Takara” (Dezember), dann folgt der “Ka’o” und der “Marakayja” (Ende Februar, Anfang März) und endlich hören die Feierlichkeiten mit dem “Tawa-Ritual” (Ende Juni) auf.

In das “Marakayja”, dem bedeutendsten und längsten Tapirapé-Ritual, ist der rituelle Höhepunkt aller Tapirapé-Zeremonien einbezogen: die Initiation der Knaben und ihr Übergang in die Kategorie der Männer. Für diese lange Zeremonie gilt es, genügend Fleisch heran zu schaffen – geführt von ihren Schamanen begeben sich die Männer des Dorfes zur Jagd in die Serra do Urubu Branco. Die Schamanen haben auch Macht über die Tiere und werden schon dafür sorgen, dass sie genügend Fleisch mit nach Hause bringen, welches beim Marakayja-Fest verzehrt werden soll. Die einzelnen Jagdgruppen, gebildet aus den Hälften der “Wyra”, verfolgen Rotten von Wildschweinen, die ein besonders beliebtes Fleisch liefern – sie wetteifern miteinander um die grössere Zahl von erlegten Tieren. Die Schamanen begeben sich in ihren Träumen zum “Haus der Wildschweine”, welches in der Serra “Towaiyawá” (nach der Aufzeichnung von Wagley) oder “Towajaawa” (nach der Schreibweise von Tapirapé-Schülern) zu finden ist – dort kopulieren sie mit den weiblichen Wildschweinen, um die Herden zu vergrössern. Die Durchführung des “Marakayja-Rituals” wird solange hinausgezögert, bis genügend Fleisch vorhanden ist, und die Jäger ins Dorf zurückkehren können.

nach obenZeitgenössische Aspekte

Ein wichtiger Faktor, um den Bevölkerungsrückgang zu stoppen und ein erneutes Wachstum einzuleiten, waren die Regulierung der ärztlichen und edukativen Versorgung. Die gesundheitliche Vorsorge und Behandlung wurde komplementär von der FUNAI auf der einen und von der Mission “Irmãzinhas de Jesus” auf der andern Seite, übernommen. Zur Gesundheitsfürsorge muss erwähnt werden, dass einem Projekt der “Irmãzinhas de Jesus” grosser Erfolg beschieden war, welches ab 1952 indianische Assistenten und Krankenpfleger trainierte und ausbildete, die heute die grossen Verantwortlichen für das gesamte Gesundheitswesen sind. Alphabetisiert und gut ausgebildet, widmen sie sich mit Hingabe ihren Aufgaben, die Diagnosen, Behandlungen, Indikationen von Medikamenten, Krankenberichte, Laboruntersuchungen, wie Analysen zur Identifikation von Tuberkulose und verschiedenen Typen von Malaria, einbeziehen.

Durch die Existenz von verschiedenen Rentnern der FUNRURAL und der Eingang von Entlohnungen für die Lehrer der “Escola Estadual de Primeiro Grau Tapirapé” (Schule) – die von der “Secretaria Estadual de Educação” des Bundesstaates von Mato Grosso getragen wird, sowie von der Präfektur in Santa Teresinha, welche die indianischen Assistenten der Krankenstation bezahlt – ist im Tapirapé-Dorf stets etwas Geld vorhanden. Der gelegentliche Verkauf von Agrarprodukten in dem Städtchen Santa Teresinha trägt ebenfalls zum Einkommen der Kommune bei. Die Dörfler benutzen dieses Geld, um Salz, Metallwerkzeuge und Kleidung anzuschaffen, von deren Fehlen sie am meisten betroffen sind. Im Gegensatz zu vielen anderen eingeborenen Gruppen, erweisen sich die Tapirapé ausgesprochen umsichtig im Umgang mit diesen Objekten industrieller Fertigung. Werkzeuge werden über viele Jahre sorgfältig gepflegt und bis zu ihrem absoluten Verbrauch benutzt. Kleidung wird sorgfältig gewaschen und geflickt. Spenden von der FUNAI werden der gesamten Kommune zugänglich gemacht – seien es Samen oder landwirtschaftliche Werkzeuge etc.

Dank des Erfolgs eines im Dorf implantierten Erziehungsprojekts kann die absolute Mehrheit der Tapirapé von weniger als dreissig Jahren nun lesen und schreiben – in ihrer eigenen Sprache und in Portugiesisch. Und seither tätigen die Tapirapé, kurioserweise, einen grossen Teil ihrer Bestellungen per Nachnahme!

nach obenQuellenangaben

Dieser Text über die Tapirapé wurde mittels des „Relatório de Identificação e delimitação da área indígena Urubu Branco“ (Identifizierung und Demarkierung des Eingeborenen-Territoriums Urubu Branco) erarbeitet – organisiert von dem Anthropologen Andrés Amaral de Toral und beendet im Jahr 1996. Diese Aufstellung diente als Basis im Demarkations-Prozess des “IT Urubu Branco” – welches den Tapirapé 1996 von der Regierung als permanenter Lebensraum zur Verfügung gestellt wurde.

Zwei bedeutende Arbeiten über die Tapirapé waren bis dato erschienen. Herbert Baldus hatte 1970 “Tapirapé – Tribo tupi no Brasil Central” heraus gebracht: er besuchte diese Indianer in den 30er und 40er Jahren, und seine ausführliche Ethnografie bringt unzählige Dokumentationen und historische Referenzen, grundlegend für das Verständnis ihrer Kultur. Die andere fundamentale Arbeit ist das Studium des Nordamerikaners Charles Wagley, der das Buch “Willkommenstränen: Die Tapirapé-Indianer von Zentral-Brasilien” publiziert hat (1988). Dieser Anthropologe begleitete die Tapirapé während 35 Jahren und verbrachte 1939-40 eine zusammenhängende Periode von 15 Monaten bei ihnen.

© Andrés de Amaral Toral, Anthropologe, November 2004
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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