Mura

Veröffentlicht am 31. März 2015

Die Mura sprechen nur die portugiesische Sprache, und sie verbinden die Rassenmischung und Territoriumsbesetzung in ihrer gegenwärtigen Form mit der Selbstbezeichnung “Mura“. Befragt, über ihren Geburtsort oder ihre indigene Identität, antworten sie oft: “Ich bin ein echter “Caboclo“ vom Rio Madeira“. Was den “echten Caboclo“ betrifft, bemühen sie sich die spezielle Situation der ethnischen Gruppe zu erklären und bestätigen ihre politische Einstellung “Mura“ zu sein durch die historischen Ereignisse bedingt. Sie bezeichnen sich selbst als “Caboclos“ (Mestizen mit indigenem und weissem Blut), normalerweise ein von den regionalen Bewohnern mit Abneigung gebrauchter Terminus, der einen “unreinen Indio“ definiert.

Von den Indios selbst jedoch wird der Terminus “Caboclo“ durchaus positiv betrachtet, und das sind die “Mura“ heute: gemischte Indios, deren Genealogie das Ergebnis der Einbeziehung von Einwanderern aus dem Nordosten, aus Maranhão, aus Peru und anderen Nicht-Indios ist, die sich mit der Mura-Ethnie durch Eheschliessungen vereinten, in der Regel mit Mura-Frauen. Wenn er sich selbst als “Caboclo“ bezeichnet, dann weist der “Mura“ auf seine biologische Komponente hin, dass indigene Blut, obgleich es gemischt ist – und mit “echt“ bezieht er sich auf die Zugehörigkeit einer bestimmten geografischen Region, einen Fluss (Madeira), einen Bach oder See, zum Beispiel. Er ist kein “reiner Indio“ mehr, weil er den zivilisatorischen Prozess durchgemacht hat, mit allen seinen schrecklichen Schattierungen, von der Kolonialperiode bis zur Gegenwart. Wenn sie sich selbst als “echte Caboclos“ bezeichnen, dann bestätigen die Mura ihr Bewusstsein hinsichtlich des komplexen historischen Prozesses, den sie erlebt und überlebt haben. Die (ignorante) regionale Gesellschaft jedoch bezweifelt, dass die Mura “wahrhaftige Indios“ sind.

Mura

nach obenSprache

Die “Mura“ der Flüsse Madeira und Solimões kommunizierten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihrer eigenen Sprache – die Mura-Sprache, aus einem isolierten Sprachstamm. Seit der portugiesischen Intervention bedienten sich diese Indios auch der so genannten “Línua Geral“ (auch “Nheengatu“ genannt), die dann langsam durch Portugiesisch ersetzt wurde.

1826 hinterliess ein anonymer Beobachter die Notiz, dass die Mura an der Mündung des Rio Madeira “die Lingua Geral und drei Dialekte sprachen – den nasalen, den gutturalen und den pfeifenden Dialekt“ (C. Moreira Neto, 1988: 358). Eine ähnliche linguistische Beobachtung wurde von Barbosa Rodrigues beschrieben (1975) am Rio Urubu – von Tastevin (1923) im Umfeld von Manaus – und von Curt Nimuendajú in Bezug auf die Mura der Flüsse Madeira und Solimões.

Das “Apaitsiiso“ – eine Sprache der “Prahã“-Indios, Bewohnern der Flüsse Marmelos und Maici, die von Nimuendajú (1946) als eine Untergruppe der Mura klassifiziert worden sind – besitzt dieselben Charakteristika. Die Studien von Henrichs (1964), Everett (1978 und 1983) und Gonçalves (1988 und 2001) beschreiben sie als eine tonale Sprache, in der die Bedeutungen durch bestimmte Tongebungen und Tonlagen ausgedrückt werden. Mittels unterschiedlichen Pfeiftönen und Schreien, zum Beispiel, können diese Menschen der Kommunikation eine bestimmte Modalität verleihen, die besonders für eine Unterhaltung auf weite Entfernung geeignet ist.

Die “Língua Geral“, geschaffen von den Jesuiten aus den Tupi-Guarani-Sprachen der Küste, war bis zu ihrer Ausweisung aus Brasilien durch den Marquês de Pombal (1755) die offizielle Sprache der Kolonie “Grão Pará“ (heute Bundesstaat Pará), die von allen Eingeborenen in den Missionen, im Kommerz und an ihren Arbeitsplätzen benutzt wurde. Bis zum 19. Jahrhundert benutzten die Mura sie bei der Kommunikation mit Kolonisten, Missionaren, schwarze Sklaven und anderen indigenen Völkern. Im 20. Jahrhundert büsste die “Língua Geral“ ihre interkulturelle Bedeutung gegenüber dem Portugiesisch ein.

Heutzutage bemühen sich die Mura, ihre linguistische und kulturelle Tradition wiederzubeleben – inklusive die diversen “Dialekte“ ihrer eigen Mura-Sprache.

nach obenLebensraum

Die historischen Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts weisen auf die Präsenz der Mura in weiten Teilen des östlichen Amazoniens hin. Die Ausbreitung ihrer territorialen Besetzung und ihre Bevölkerungsdichte wurden vom Pionier Curt Nimuendajú (1948) erfasst. Ab dem 17. Jahrhundert sollen die Mura von der peruanischen Grenze (Region Loreto) in verschiedene Regionen der hydrischen Komplexe der Flüsse Japurá, Solimões, Madeira, Negro und auch des Rio Trombetas (Region Oriximiná) abgewandert sein. In diesem Gebiet ihrer Besetzung erreichte ihre Bevölkerungszahl (geschätzt) zwischen 30.000 und 60.000 Personen. Während dieser Periode führten Aktionen von Soldaten und Missionen zu einer Minderung der Bevölkerung bei verschiedenen Ethnien, die in diesen Gebieten lebten, was aber im Fall der Mura zu einem Wachstum und der Ausbreitung ihrer Bevölkerung gegen Osten führte. Im 18. und 19. Jahrhundert, infolge diverser Attacken von Seiten der Kolonisten, unterhielten die Mura starke Positionen in den hydrografischen Becken der Flüsse Madeira, Solimões und Purus.

Gegenwärtig besetzen die Mura immer noch weite Territorien in diesen selben Flussbecken. Sie sind verbreitet in mehr als 40 Indio-Territorien (ITs) in unterschiedlichen Regulierungsphasen des Grundbesitzes, verteilt auf die Munizipien Alvarães, Anori/Beruri, Autazes, Borba, Carceiro da Várzea, Novo Aripuanã, Itacoatiara, Manaquiri, Manicoré und Uarini – alle innerhalb des Bundesstaates Amazonas, vor allem im Gebiet des Rio Madeira und Purus. In den urbanen Zentren, wie der Hauptstadt Manaus und den Städten der bewohnten Munizipien, gibt es Stadtteile, die fast ausschliesslich von Bevölkerungssegmenten der Mura besetzt sind, die direkte Verbindungen mit den Bewohnern der Dörfer innerhalb der ITs unterhalten.

nach obenBevölkerung

Aufgrund der weiten Verbreitung und Mobilität der Mura in einem riesigen Territorium, fallen die Volkszählungen sehr ungenau aus und sind äusserst schwierig durchzuführen. Die FUNAI hat zwischen 1991 und 2008 Zählungen im Verlauf ihrer territorialen Besitzregelungen der ITs durchgeführt, die auf eine annähernde Zahl von 9.300 Personen als Bewohner von ITs hindeuten. Diese Aufstellung berücksichtigt allerdings nicht die Bevölkerung von Indio-Territorien, deren Demarkationsprozess noch nicht abgeschlossen ist, und auch nicht die Bewohner von urbanen Zentren – was es sowohl in den Dörfern wie in den Städten schwierig macht, oder eigentlich unmöglich, zu einem präzisen Ergebnis betreffs ihrer demografischen Statistik zu kommen.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Die Anwesenheit der Mura im hydrografischen System des Rio Madeira ist dokumentiert seit Anfang des 18. Jahrhundert. Die ersten kolonialen Aufzeichnungen sprechen von einem Volk von Flussschiffern, die die verschlungenen Wasserwege beherrschen und die Kunst des Überlebens auf Flüssen und Seen. Die während des Hochwassers auf Booten lebten und in provisorischen Behausungen aus Stroh auf den Stränden während des Sommers. In den seltenen Beschreibungen jener Epoche wurden diese Menschen mit ihren eigentümlichen Charakteristika bezeichnet als ein Volk ohne Religion, ohne Gesetze, ohne Landwirtschaft, ohne Dörfer und ohne materielle Kultur.

Erst am Ende des 20. Jahrhunderts, mit der zunehmenden ethnologischen Erforschung der unteren Territorien Südamerikas, wurden diese Ansichten infrage gestellt. In seiner Erforschung der “Mura-Pirahã“ interpretierte Marco Antônio Gonçalves (1988, 1990, 1993) die oben erwähnten “fehlenden Eigenschaften“ als Ausdruck eines minimalistischen Kulturstandards, der in der zwang freien Lebensweise das bedeutendste Element seiner Lebensphilosophie sieht.

nach obenDas Mura-Feindbild

Die Mura, das wurde bereits gesagt, blicken auf eine sehr lange Kontaktgeschichte mit der nationalen Gesellschaft zurück. Seit antiken Zeiten erfanden und verbreiteten Kolonisten und katholische Missionare geradezu absurde Vorurteile gegen dieses Volk, die darin gipfelten, ihnen sogar die Bezeichnung Menschen abzusprechen. In der Mitte des Jahres 1714 versuchte man vergeblich, die Mura in den Dörfern der Jesuiten im Gebiet des Rio Madeira anzusiedeln. Und seither wurden sie als Bedrohung der in dieser Region befindlichen Niederlassungen anderer Völker angesehen – wegen ihrer häufigen Angriffe solcher Kommunen, wie auch gegen kommerzielle Schiffe, die auf dem Rio Madeira verkehrten. Die Geschichte der “Vila de Trocano“ – kolonialer Name “Borba“, der ersten Siedlung in Amazonien – illustriert jene Periode: Von den Mura bedrängt, verlegten die Jesuiten “Trocano“ insgesamt fünfmal (Ferrari, 1981).

Solche Situationen und Ansichten fundamentierten sowohl die praktische Gewalt als auch die Ausnahmegesetze gegen die Mura. Die ersten Denunzierungen dieses Volkes kamen aus der “Junta der Missionen“, einer Behörde mit juristischen Machtbefugnissen, die sich aus den katholischen Orden zusammensetzte, die in “Grão-Pará“ bis 1755 das Sagen hatten. Einige dieser Orden hatten ein wirtschaftliches Interesse am Rio Madeira. Die Jesuiten, zum Beispiel, mit ihren nativen Kakao-Plantagen, die ein bedeutendes Exportvolumen zustande brachten (Azevedo, 1919). Für solche Unternehmen war die Präsenz der Mura an den Ufern des Rio Madeira eine Bedrohung, die bekämpft werden musste.

Dies ist das Szenario, in dem die Idee eines Untersuchungsprozesses gegen die Mura des Rio Madeira keimte (1738-1739), der sich zu einer juristischen Aktion auswuchs, die von den religiösen Orden angeregt wurde, welche im Gebiet des Rio Madeira tätig waren. Von da an wurden die Mura als offizielle Feinde der Kirche und der portugiesischen Krone eingestuft, die entweder getötet oder versklavt werden durften. Während des gesamten 18. Jahrhunderts, nach jenem Prozess, wiederholten und verstärkten Dokumente über die Mura jene verleumderischen Schilderungen dieses Volkes. Die historischen Eintragungen bezeichnen sie als “eine wilde Bevölkerung, der man nur mit Krieg und Ausrottung begegnen kann“.

Diese Dokumente jedoch, wenn man sie kritisch betrachtet, präsentieren Unhaltbarkeiten und offensichtliche Wiedersprüche. Der Fall der “Memória do Gentio Mura“ (Memorandum der Mura-Leute), zusammengetragen von Alexandre Rodrigues Ferreira, ist bemerkenswert. Dieser Text, der als Basis für die Kriegserklärung der Portugiesischen Krone gegen die Mura diente, wurde in Belém verfasst, noch bevor der Autor seine berühmte Reise durch Amazonien überhaupt angetreten hatte – geschrieben als Fiktion. Jene Basis der Denunzierung gegen die Mura, und die Beschreibung ihrer Kampftechniken, war kopierte Literatur – der Autor hatte aus Chroniken und Reisebeschreibungen die Kampftechniken der Tupi-Indios von der Küste kennengelernt und diese dann den Mura als Charakteristika angehängt. 1751, als der Marquês de Pombal die Indios mit dem so genannten “Diretório Pombalino“ von der Vormundschaft der Missionen befreite, (das die Jesuiten des Landes verwies), waren die Mura eine Ausnahme in diesem Gesetz, denn sie wurden immer noch als offizielle Feinde der Krone betrachtet. Zusammen mit den “Karajá“ und den “Munduruku“ waren sie “von der Freiheit ausgenommen“. Und als unversöhnliche Feinde der Krone wurde die Versklavung dieses Volkes offiziell akzeptiert.

Die ersten Dorfgründungen von “befriedeten“ Mura-Indios datieren aus der Mitte des Jahres 1784. Diese Siedlungen wurden von den Mura während der Erntezeit der Felder benutzt. Die übrige Zeit des Jahres verbrachten sie mit ihren traditionellen Beschäftigungen – der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln von Waldfrüchten – wozu sie sich in ihrem Element bewegten, den Armen und Seen des hydrografischen Madeira-Beckens. Obwohl man bei diesen Siedlungen den Gesichtspunkt einer sesshaften Effizienz diskutieren kann, haben sie doch eine neue Phase des Zusammenlebens dieser indigenen Gruppen mit der kolonialen Bevölkerung eingeleitet.

nach obenDie Angst vor den Mura

Das von den Mura durchstreifte, immense Territorium ist ein immer wiederkehrendes Thema in der Geschichte Amazoniens – dazu gesellte sich die Angst vor einer Erhebung dieses riesigen Volkes gegen die Kolonisierung. Für die meisten Autoren erklärt dies die diversen Militäraktionen, die gegen die indigene Gruppe ab Mitte des Jahres 1774 stattfanden. In verschiedenen Zusammenhängen bezogen sich die Kolonisatoren auf die Argumente jenes Prozesses von 1738 und verlangten eine vollständige Ausrottung dieses Volkes, um den Ruin der “Zivilisation“ in Amazonien zu verhindern.

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die besonderen Eigenschaften ihrer Territorialität und ihrer gesellschaftlichen Organisation zur Erschaffung jener negativen Figur des “Mura-Feindes“ führten – und nicht Gewaltaktionen ihrerseits. Auf der einen Seite wollte die Kolonie die extreme territoriale Mobilität der Mura bekämpfen und ihre Aversion gegen die Sesshaftigkeit, die ihnen erlaubte, die von ihnen durchstreiften Areale immer weiter auszudehnen. Auf der anderen Seite hatte man die Absicht, eine besondere Taktik der Mura zu unterbinden, die darin bestand, in ihre Gruppen die verschiedensten ethnischen Elemente aufzunehmen, wie Flüchtlinge aus Missionen und Kolonialsiedlungen, zum Beispiel Schwarze, arme Weisse und von ihrem Land vertriebene Indios. Die Angst vor den Mura wuchs ins gigantische – sie entwickelten sich zu einer Art Schreckgespenst, dass plötzlich und unerwartet zwischen dem Rio Negro, dem Purus und dem Madeira auftauchen konnte…

nach obenDie Mura und die Aktionen des SPI

Der “Serviço de Proteção aos Índios” (Regierungsorgan “Indianerschutz”) war seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Mura-Territorium (Munizip von Borba) präsent, zwecks Demarkierung ihres Indio-Territoriums (IT). Im Jahr 1917 autorisierte die Regierung des Staates Amazonas die Abtretung von Ländereien an die indigene Bevölkerung, was den SPI in Bewegung setzte, um entsprechende Gebiete für die Mura in den Munizipien Manicoré, Careiro, Itacoatiara und Borba zu demarkieren.

Die Abtretung kleiner Parzellen und die Konzentration der Mura-Bevölkerung in Dörfern, so wie sich die Situation noch heute darstellt, ist eine historisch begründete Tatsache in diesem Zusammenhang und stammt wahrscheinlich aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Durch diese Massnahme beabsichtigte man die Nutzung des einst traditionellen Gebiets der Mura möglichst einzuschränken, um die Indios in entsprechend demarkierten Bezirken einzupferchen, um den Rest des Gebietes der nicht-indigenen Gesellschaft zur Verfügung zu stellen.

Die historischen Quellen deuten auf diverse Interessenkonflikte zwischen den Agenten des SPI und den Mura hin. Curt Nimuendajú, der sich 1926 in Borba aufhielt, bezieht sich auf den Tod eines SPI-Mitarbeiters in Sapucaioroca und Vista Alegre, der von den Mura angeklagt wurde, dass er von Indio-Territorien Land für Privatleute abzwackte.

In Jutaí do Igapó-Açú gab es bei der SPI-Niederlassung einen Inspektor, Sr. Odorico Ferreira Chaves, der in einer Dokumentation als ein nicht-indigener Führer erwähnt wird, der sich innerhalb des Dorfes niedergelassen hatte, um die Arbeitskraft der Indios für eine Kommerzialisierung von Paranüssen auszunutzen.

nach obenDie Mura und die Aktionen der FUNAI

Die Verpachtungspolitik während der SPI-Periode erklärt teilweise das Abwanderungs-Phänomen der Mura in Richtung der urbanen Zentren der Region. Eine systematischere Erhebung der Migrationsströme der indigenen Bevölkerung in Richtung der Mura-Stadtteile von Borba und Autazes könnte diese jüngere Episode der Mura-Geschichte klären, sowie die Aktionen der Indio-Politik aufhellen, durch die diese Gruppe gezwungen wurde, ihre Dörfer zu verlassen, um sich im urbanen Raum in Stadtteilen niederzulassen, die exklusiv von Mura bewohnt werden.

Die erneute Besitzergreifung – und die offizielle Anerkennung – ihrer traditionellen Territorien ist ein jüngeres Phänomen in der Geschichte der Mura. Dieser Prozess der Wiederbesetzung und Neuorganisation der Dörfer begann Mitte der 70er Jahre und wurde im kommenden Jahrzehnt fortgesetzt. Die Mura nahmen seit den Gründungsjahren an der COIAB (Coordenação das Organizações Indígenas Brasileiras) teil, durch Führungspersönlichkeiten, die den CIM (Conselho Indígena Mura) gegründet hatten.

1987 wendete die FUNAI (Fundação Nacional de Assistência ao Índio) – Nachfolgerin des SPI – ihre Aufmerksamkeit den Mura zu, genauer dem Territorium von Cunhã-Sapucaia und Jutaí, Interessengebiete der Petrobras (brasilianische Erdölgesellschaft), die Forschungen und später die Förderung von Erdöl und Erdgas in den Indio-Territorien des Rio Preto do Igapó-Açu beabsichtigte. Die Forschungsarbeit bestand aus dem Anlegen von Pfaden und zweier seismischen Linien in einem Territorium, so dachte man in Brasília, welches nicht zum IT der Gruppe gehörte. Mit Beginn der Arbeiten konstatierten die Autoritäten und Forscher, dass jenes Interessengebiet der Petrobras sehr wohl auf das Territorium der Mura fiel. In ihren Berichten registrierten sie mit Erstaunen, dass plötzlich die Mura aus dem Wald hervortraten und die Rückgabe jenes Territoriums forderten.

Vergessen und ausgebeutet durch die Macht der Obrigkeit seit Mitte des 20. Jahrhunderts, sahen sich die Mura plötzlich vor einem globalen Event von unabsehbaren Dimensionen, der ihnen radikale Veränderungen innerhalb ihrer Gesellschaft versprach. Man winkte mit dem Entschädigungsgeld für die Indios, ausserdem bot man den Mura die Möglichkeit einer Eingliederung in die Arbeitsfronten, und man stellte ihnen Geschenke, Fresskörbe und andere Utensilien in Aussicht, sowie die Gelegenheit eines Zusammenlebens mit einem technologischen Apparat erster Güte.

Unter der Vermittlung der FUNAI einigte man sich auf einen Entschädigungsbetrag für die Indios. Ein Teil des Geldes wurde an den Führer Sapucaia ausgezahlt, den erwählten Repräsentanten der Mura-Bevölkerung. Der andere Teil der Summe wurde auf einem Sparkonto angelegt, das von der “wirtschaftlichen Umstellung“ der Regierung Collor konfisziert wurde.

Obwohl frustrierend vom monetarischen Gesichtspunkt aus, hatte der durch die Erdölforschung provozierte Event dennoch bemerkenswerte Effekte. Er mobilisierte die Mura erneut zur Verteidigung ihrer Territorien und lancierte ihre Führer, die bei den Verhandlungen zugegen waren, in eine andere politische Sphäre, welche die Dynamik ihres lokalen Lebens in Zukunft direkt mit Brasília regelte.

nach obenPolitik und gesellschaftliche Organisation

Die starke Präsenz der Mura im hydrografischen Becken des Rio Madeira weist auf die Präferenz dieses Volkes hin, ein Leben am und auf dem Fluss zu führen. Der Fluss garantiert ihr Existenzminimum und die Mobilität der einzelnen Gruppen. Die Aussagen der Mura, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bezüglich ihrer Wohnungen, demonstrieren eine weit auseinander gezogene Besetzung familiärer Einheiten von Seen und Wasserläufen. Die Konzentration der Mura in Dörfern, so wie sie sich heute präsentieren, war das historische Ergebnis einer Intervention des SPI und geschah wahrscheinlich in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Die Option der Mura an Seen zu leben, ist ein Merkmal ihrer kulturellen Tradition, die auf historischen und mythologischen Grundlagen fusst. Ursprünglich fanden diese geschickten Fischer und Kanuspezialisten des Rio Madeira in Flussarmen und Seen reichlich Nahrung – hier deckten sie sich mit Fischen und Schildkröten ein. Historische Gründe, die bereits geschildert wurden, und die Tod und Sklaverei beinhalteten, führten dazu, dass die Mura zu Seen und Flussarmen flüchteten, die weitab von den üblichen zentralen Schifffahrtswegen lagen, wo ihre Kolonie sich gegenüber anderen Eingeborenen dieser Regionen zunehmend bedrohlicher entwickelte.

Die zeitgenössischen Dörfer der Mura bestehen aus einer Ansammlung von Behausungen, die nicht mehr als dreissig Wohneinheiten enthalten, aufgestellt am höher gelegenen Ufer entlang von Seen und grösseren Wasserarmen. Die Lebensdauer eines Mura-Dorfes ist relativ kurz: Neue Bevölkerungskerne im Territorium ersetzen die alten Dörfer, die verlassen werden, bis zu einer erneuten Besetzung. Im Lauf seines Lebens baut ein Mura-Mitglied mehr als zehn Hütten im selben Territorium.

Die Art ihrer Behausungen unterscheidet sich nur unwesentlich vom Standard der Häuser nicht-indigener Flussbewohner Amazoniens. Es sind Häuser mit einem gestampften Lehmboden oder mit Brettern ausgelegt, Wände aus Palmstroh oder Holz, und das Dach ebenfalls mit Palmwedeln gedeckt. Die Küche befindet sich ausserhalb des einzigen Raumes, der als Aufenthalts- und Schlafraum dient, die Küche enthält einen mit Holz befeuerten Herd, der stets brennt, einige Keramikkrüge mit Wasser und weitere wenige Haushaltsutensilien. Die einzelnen Behausungen beherbergen Familieneinheiten, die sich um einen Häuserkern gruppieren, in dem die älteren Frauen des Dorfes wohnen.

Der Grad der Annäherung und der Tauschhandel zwischen der nationalen Bevölkerung und den Dörfern der Mura basiert auf verwandtschaftlichen Beziehungen und auch politischen Verbindungen. Die politischen Arrangements betreffen in erster Linie Vereinbarungen bezüglich der Nutzung natürlicher Ressourcen im Einflussbereich der verschiedenen Munizipien. Denn die Mobilität der Mura darf nicht verstanden werden als die gesetz- und regellose Ausbeutung jedweden Territoriums, auf denen sie ihren Fuss setzen.

Andererseits leben sie auch nicht isoliert. Die Mura betätigen sich in vielen multilokalen Vereinigungen, welche die Grenzen ihrer Dörfer und ihres Indio-Territoriums weit überschreiten. Darin sind nicht nur Bewohner der Mura-Kommunen aktiv, sondern auch Verwandte, die in den Städten der regionalen Munizipien leben, in Itacoatiara, Borba, Autazes und sogar in Manaus.

nach obenProduktive Aktivitäten

Die Wirtschaft der Mura, obwohl in erster Linie an der Selbsterhaltung orientiert, ist in unterschiedlichen Graden auch von zusätzlichen Arbeitsaktivitäten und dem Kommerz geprägt: Verkauf von Maniokmehl, Beteiligung an Fischereiunternehmungen und dem Ökotourismus, sowie an der Holz- und Palmstrohextraktion zum Verkauf in der Stadt. Verschiedene Kommunen bilden unterschiedliche Wirtschaftsprofile, in einer Gradation, die von der Extraktion und Kommerzialisierung von Holz, bis zu landwirtschaftlichen Aktivitäten und der Kommerzialisierung von regionalen Feldfrüchten reicht. Und alle Mura-Dörfer stellen Besatzungsmitglieder für ökotouristische Schiffe oder erfahrene Fischer für kommerzielle Fangschiffe zur Verfügung.

In ihrer neueren Kontaktgeschichte mit der nationalen Gesellschaft spielten die Mura die Rolle des halb versklavten Arbeiters, der seine Arbeitskraft und sein Land verkauft gegen eine Gesundheitsfürsorge und ein paar Industrieguter, innerhalb einer Serie von Wirtschaftszyklen, durch die Amazonien geprägt wurde. Die Art von Arbeitsverhältnis, welche man den Mura historisch aufgezwungen hat – weit weg von der Unterstützung und dem Schutz der Landesregierung – vollkommen der skrupellosen Ausbeutung der “Patrões“ und “Regatões“ (fahrende Händler) unterworfen, findet gegen Ende des 20. Jahrhunderts sein internes Echo im Verhältnis zwischen den Führern und den Mura-Kommunen.

Die Arbeit in den Kommunen ist folgendermassen aufgeteilt: Die Männer jagen, fischen und roden das Land für die neuen Felder oder die Erweiterung der Pflanzungen. Kinder und Frauen bereiten den Fisch zu für die täglichen Mahlzeiten, die auch ergänzt werden durch eventuelles Wildfleisch nach einer Jagd durch die Männer. Die Knaben erlernen sehr früh Taktiken der Jagd – im IT Cunha-Sapucaia begleiten sie ihre Väter auf den Jagdpfaden, die jeweils im “Besitz“ einer bestimmten Familie sind.

In den Kommunen, die sich mehr mit Aktivitäten zur Holzverwertung beschäftigen, sind es die Männer, die den Dschungel nach verwertbarem Holz durchforsten, sie werden von Kindern und Jugendlichen begleitet, die sich an den jeweiligen Aufgaben, je nach Vermögen, beteiligen. Die Frauen sind für die Feldbestellung verantwortlich. Die gesamte Kommune beteiligt sich an der Ernte der Paranuss. Ein eventueller Ernteüberschuss wird gleichmässig auf die einzelnen Familien verteilt.

Die Mura kombinieren Aktivitäten unterschiedlicher Art zu ihrer Selbsterhaltung. Die Ernährungsbasis ist Fisch, den man leicht und in Mengen in den Bächen und Flüssen der Region findet. Er wird gebraten oder gekocht genossen, mit Maniokmehl, das von jeder Familie separat in so genannten Maniok-Häusern der Kommune hergestellt wird. Sie konsumieren ausserdem Kaffee, Zucker, Reis, Nudeln, Salz und Kekse – Dinge, die sie in den Städten kaufen. Ausserdem verbrauchen sie Medikamente, Kleidung, Benzin und verschiedene Werkzeuge.

Die Felder der Mura werden in der Regel nach jedem zweiten Erntezyklus an einen neuen Platz verlegt. Die Nebenprodukte der Maniokwurzel werden während des ganzen Jahres konsumiert. Die Dörfer besitzen mindestens eine “Mühle“ zur Produktion des Maniokmehls, obwohl es wünschenswert ist, dass jede Grossfamilie ihr eigenes Maniokhaus hat. Auf ihren Feldern pflanzen sie verschiedene Maniok-Sorten, sowie andere Wurzeln und Knollenfrüchte, die ihre Ernährung mit den notwendigen Nährstoffen ergänzen.

Die Mura sind besonders geschickte Fischer und Jäger. Sie lieben den Fisch – Jaraqui, den Traíra, den Tucunaré, den Matrinxã – und Fleisch vom Wild: Tapir, Hirsch, Wildschwein, Kapuzineraffe, Brüllaffe, Landschildkröte, Fasan und Auerhahn. Diese Aktivitäten werden nach altem Brauch unternommen – der Fischfang mit Pfeil und Bogen, Harpune und auch mit Angelhaken. Zur Jagd bedienen sie sich der Hunde. Nur ein paar Bewohner besitzen Karabiner.

Das Sammeln von verschiedenen Nussarten ist eine der bedeutendsten Aktivitäten aller Kommunen. Nüsse sind äusserst begehrt und ergänzen die tägliche Ernährung, zusammen mit diversen regionalen Früchten, wie zum Beispiel “Açaí, Babaçu, Bacaba, Buriti, Piquiá, Tucumã, Uixi“ und andere – sowie die Früchte des Dorfes, die man im Umkreis der Behausungen pflanzt, wie “Abacate (Avocado), Abacaxi (Ananas), Acerola, Banana (Banane), Cacau (Kakao), Café (Kaffee), Caju (Cashew), Cana (Zuckerrohr), Carambola (Sternfrucht), Coco (Kokosnuss), Cupuaçú, Goiaba (Guave), Jaca (Jackfrucht), Jambo, Jenipapo, Jutaí, Laranja (Orange), Lima, Limão (Limone), Mamão (Papaya), Manga (Mango), Maracujá, Pupunha“ und “Melancia (Wassermelone)“.

Die extraktiven Aktivitäten gehören zu den traditionellen Praktiken der Mura, sie betrieben sie in uralten Zeiten noch vor dem Ackerbau und sie übertreffen diesen an Bedeutung. Mit dem Sammeln und dem Verkauf der Paranuss entwickelten die Mura ihre Fähigkeiten, sich im Verbrauchermarkt zu behaupten. Die gesammelten Erfahrungen werden nun beim Verkauf von Holz verwendet, dem heutzutage gängigsten Produkt auf dem lokalen Markt. Mit der Dekadenz der Paranuss-Ära wuchs die Nachfrage nach Holzverarbeitung und Viehzucht in der gesamten Region.

© Marta Amoroso, Anthropologin – Dezember 2009
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther

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