Matis

Veröffentlicht am 12. September 2010

Zur Zeit des ersten Kontakts gegen Ende der 70er Jahre auf einige Hundert geschätzt, waren von den Matis, welche die Pano-Sprache sprechen, im Jahr 1983 nicht mehr als 87 Individuen übrig geblieben. In der Zwischenzeit hatte es unter ihnen verschiedene Epidemien gegeben – unter anderen auch eine Grippeepidemie, die von einer Equipe der FUNAI selbst eingeschleppt worden war, jedoch waren die Beamten dieses staatlichen Organs, das sich sarkastischerweise als „Indianerschutz-Organisation“ bezeichnet, nicht in der Lage, die sich schnell ausbreitende Krankheit einzudämmen.

Matis

nach obenEinführung

Die letzten Monate des Jahres 1981 waren besonders tragisch für die Matis: in ihnen raffte die Krankheit mehr als 50 von ihnen dahin – die Überlebenden, schockiert von dem Geschehen, flohen aus ihrem Dorf in die Wälder, um sich dann rund um den Posten der FUNAI am Ufer des Rio Ituí neu zu gruppieren, wo sie nach Medikamenten verlangten.

Als dann ein paar Jahre vergangen waren, und ihre angelegten Felder wieder normal produzierten, und kein Fleisch mehr fehlte, begannen sie auch wieder einige ihrer Rituale wiederzuentdecken – ihre Bevölkerung wuchs nun wieder. Trotzdem hat der demografische und psychologische Schock immer noch Nachwirkungen, der durch einen schlecht organisierten Kontakt mit unnötiger Todesfolge ausgelöst worden ist. Heutzutage leben die Matis nicht mehr in einem einzigen Dorf, und so nehmen sie auf eine etwas ängstliche Art und Weise ihr antikes Territorium wieder in Besitz.

nach obenNamen

Die Bezeichnung Matis stammt von Nicht-Indianern – genauer von den Beamten der FUNAI – die diesen Namen von einer Gruppe abgeleitet haben, die sich selbst „Matses“ nannte. Dabei muss man beachten, dass Matses auch die Selbstbezeichnung eines anderen Volkes ist – kulturell und linguistisch den Matis sehr ähnlich: die Matses, auch bekannt unter dem Namen Mayoruna.

Die Matis haben sich gewissermassen an diesen neuen Namen gewöhnt, der eine Variation von Matses darstellt, jedoch existieren andere Namen, mit denen sie in ihrem Umfeld bezeichnet werden.

Das Wort Matis – eigentlich ein „Ethnonym“, das heisst ein Name, welcher eine Ethnie bezeichnet – bedeutet in einem engeren Sinn „Menschenwesen“ oder „Person“. Der Terminus kann ebenfalls benutzt werden, um damit die Verwandtschaft eines Individuums zu bezeichnen.

Weil dieser Terminus verschiedene Bedeutungen haben kann, je nach dem Zusammenhang in dem er gerade benutzt wird, wird es notwendig, zwischen den einzelnen Matis (den Humanen) Unterschiede zu verdeutlichen – und das machen sie, indem sie Zusatzbegriffe benutzen, wie zum Beispiel „kimo“ oder „utsi“ und damit neue Nuancen schaffen. Zum Beispiel unterscheiden die Matis die „matis kimo“ von den „matis utsi“. Erstere sind die ihnen nahestehenden Humanen, mit denen sie eine feste Gesellschaftsstruktur verbindet – die „wahrhaftigen Personen“, während man „matis utsi“ als „andere Personen“ übersetzen kann.

Die Matis verfügen über zwei andere Selbstbezeichnungen: „Mushabo“ und „Deshan Mikitbo“. Erstere bezieht sich auf eine Gemeinschaft – alle Mitglieder einer Kommune, mit der gleichen Tätowierung. Mushabo bedeutet wörtlich „die Tätowierten“ (musha = Tätowierung, -bo = Plural). Obgleich im Pano-Gebiet die Ähnlichkeit zwischen den Gesichtstätowierungen nicht unbedingt einen Hinweis auf die ethnische Identität darstellt, so scheint es doch, dass sie genau diese Rolle in der letzten Zeit gespielt haben. Unabhängig von ihrer Herkunft, bezeichnen sich die Matis alle als Mushabo, und manchmal tauschen sie diesen Terminus aus gegen „Wanibo“, „Leute der Pupunha“ (die Pupunha ist eine Palmenart, typisch für ihr Wohngebiet).

Die Bezeichnung Deshan Mikitbo bedeutet „Leute von oben“, womit der Oberlauf ihres Flusses gemeint ist. Sie benutzen sie im allgemeinen, um sie von den „Korubo“ zu trennen, deren Territorium sich am Unterlauf des Rio Ituí oder auch des Rio Coari befindet – beide Völker sind traditionelle Feinde der Matis.

nach obenSprache

Im Alltag des Dorflebens benutzt man ausschliesslich die Muttersprache. Allerdings können heutzutage fast alle Männer im Alter zwischen 17 und 35 Jahren ein bisschen Portugiesisch, und dies erlaubt ihnen, in den Städten kommerzielle Transaktionen durchzuführen. Auch einige Frauen verstehen sich in Portugiesisch mitzuteilen.

Die Sprache der Matis gehört zur linguistischen Familie Pano.

Ausserdem verstehen viele Männer und auch ein paar Frauen die von den Marubo benutzte Sprache, und sie können sich auch mit ihnen unterhalten, denn sie stammt ebenfalls aus der Pano-Familie. Die Marubo haben der FUNAI beim Erstkontakt 1976 mit den Matis geholfen. Im Allgemeinen verstehen die Matis die Sprachen der „Kulina“, der „Matses“ (oder Mayoruna) und der „Korubo“.

nach obenLebensraum

Das von den Matis besetzte Gebiet erstreckt sich vom mittleren Rio Ituí über den Oberlauf des Rio Coari (einem rechtsseitigen Nebenfluss des Ituí) bis zum mittleren Abschnitt des Rio Branco (linksseitiger Zufluss des Rio Itacoaí). Das Gebiet befindet sich innerhalb der Grenzen des IT Vale do Javari.

Das Indianer-Territorium Vale do Javari hat eine Ausdehnung von 8.544.480 Hektar. Es stellt das zweitgrösste Indianer-Territorium Brasiliens dar und befindet sich in der Region des oberen Rio Solimões, im Südwesten des Bundesstaates Amazonas, nahe der Grenze zu Peru. Dieses Gebiet wurde 1999 als IT anerkannt – demarkiert vor Ort im Jahr 2000 und offiziell eingetragen im Jahr 2001. Es umfasst Gebiete, die von den Flüssen Javari, Curuçá, Ituí, Itacoaí und Quixito bewässert werden, neben den Oberläufen der Flüsse Jutai und Jandiatuba, und schliesst Teilstücke der brasilianischen Munizipien Atalaia do Norte, Benjamin Constant, São Paulo de Olivença und Jutaí mit ein.

Ausser den Matis leben noch andere Indianerstämme in diesem Territorium, so zum Beispiel die „Kanamari“ und die „Tsohom Djapá“ (beider Sprachen stammen aus der Katukina-Familie), die Marubo, Matses (Mayoruna), die Kulina Pano und Korubo (die Sprachen der Letzteren gehören zur Pano-Famile). Ausserdem leben in demselben Gebiet zirka acht isolierte Gruppen.

Auf der Basis der jüngsten, von verschiedenen lokalen Institutionen aufgestellten Zählungen, liegt die indigene Bevölkerungszahl dieses IT bei ungefähr 4.065 Indianern – wobei man nur die kontaktierten Gruppen eingerechnet hat. Wenn wir die isolierten Gruppen nach ihrer von den anderen Indianern angegebenen Zahlen schätzen wollen, könnten einige Hundert weitere Indianer dazukommen. Die indigenen Völker des Javari-Tals besitzen kulturell und gesellschaftlich ein paar Ähnlichkeiten, aber man kann andererseits auch signifikante Unterschiede feststellen.

nach obenGeschichte des Erstkontakts und Bevölkerungsdaten

Informationen über die Existenz von umherstreunenden Gruppen im Gebiet zwischen den Flüssen Ituí und Itacoaí hat man schon seit der Einrichtung des FUNAI-Büros am Oberen Solimões im Jahr 1971, im Ort Benjamin Constant. Dieses Büro diente als Stützpunkt für die Eröffnung der Landstrasse „Perimetral Norte“, welche dieses Munizip mit dem von Cruzeiro do Sul, im Bundesstaat Acre, verbinden sollte. Die Assistenz des Oberen Solimões wurde mit dem Ziel strukturiert, die Indianer des Javari zu kontaktieren, deren Territorien von besagter Strasse durchquert werden würden (Campanha Javari, 1986; Melatti, 1981).

Vor 1970 existieren keine Dokumente, in denen die Matis erwähnt werden und, noch bis 1972, wurden sie von den FUNAI-Beamten mit den Marubo verwechselt. Erst danach begann man, die Matis als selbständiges Volk mit eigener charakteristischer Kultur wahrzunehmen.

1974, dem Ziel der FUNAI entsprechend, alle eingeborenen Gruppen jener region zu kontaktieren, gründete man den „Posto Indigena de Atração (PIA) Ituí“ am linken Ufer des Rio Ituí, oberhalb der Mündung des Rio Novo de Cima (Melatti, 1981). Die Informationen hinsichtlich der genauen Epoche der ersten Kontakte mit den Matis widersprechen sich. Nach Berichten der „Campanha Javari 1986“ traf man am 25. August 1975 erstmals auf eine Indianerin mit einem Kind im Schoss in einer Hütte am Flüsschen Aurélio. Nach dem Bericht von Júlio Cezar Melatti (1981) geschah ein Erstkontakt am 21. Dezember 1976. Tatsache ist, dass die Matis seit dem Kontakt anfingen, Besuchsserien zum PIA Ituí zu unternehmen, weil sie daran interessiert waren, dort Haumesser, Beile, Hunde und Hühner geschenkt zu bekommen.

Im Jahr 1977 grassierte die erste Grippe unter ihnen – sie hatten sich von den Beamten des Postens angesteckt – aber nach offiziellen Berichten der FUNAI starb niemand. 1978 besuchten FUNAI-Beamte das Dorf der Matis und verbrachten einige Tage unter ihnen. Von diesem Moment an wurden die gegenseitigen Kontakte häufiger.

Die Bevölkerungszahl der Matis zur Zeit des Erstkontakts wird in unterschiedlichen Schätzungen präsentiert. Ein Sanitäter jener Zeit gab an, es seien 150 Personen. Nach einem Ex-Beamten der FUNAI wurde das Volk auf 300 Personen geschätzt, wobei man die Grösse der Gemeinschaftshäuser und deren einzelne familiäre Unterteilungen im Innern zugrunde legte. Während der Pastor der Mission „Novas Tribos do Brasil“ angab, dass sie aus mehr als 1.000 Individuen bestehen mussten, weil er beim Überfliegen eines Gebiets, das er zu den Matis gehörig identifizierte, insgesamt 12 dieser grossen Gemeinschaftshäuser entdeckt hatte (Campanha Javari, 1986). Die Matis selbst sagen, dass sie viele waren, bevor die FUNAI kam – und dass sehr viele von ihnen durch ein Fieber gestorben seien – aber es gibt keine genaueren Schätzungen (Campanha Javari, 1986).

Traditionell lebten die Matis in familiären Gruppen, welche sich auf fünf Gemeinschaftshäuser verteilten, die in weiter Entfernung voneinander standen. Die Zahl der jeweiligen Bewohner war unterschiedlich (Melatti 1981). Die folgenden „Malocas“ (Gemeinschaftshäuser) waren auf das Matis-Territorium verteilt: Maloca am Rio Coari – Maloca am Rio Branco – Maloca am Igarapé Boeiro – Maloca am Igarapé Jacurapá – Maloca zwischen den Igarapés Jacurapá und Boeiro.

Durch die Präsenz von Holzfällern und Latexsammlern in schlechter gesundheitlicher Verfassung, ohne medizinische Assistenz für die gerade kontaktierten Matis und auch durch Unvorsichtigkeit von Seiten der FUNAI-Funktionäre des Postens, wurden die Indianer von Anfang an mit Viren infiziert, gegen die ihr Organismus keine Abwehrkräfte zu entwickeln verstand. Ab 1978 begannen dann die vereinzelten Grippe-, Husten- und Durchfälle sich zu Epidemien auszuweiten. Und um das tragische Bild zu vervollständigen: Auf dem Posten gab es weder Medikamente noch Benzin zum Transport der schwersten Fälle – und so starben sie wie die Fliegen.

Zwischen 1976 und 1980 wurden 10 – 12 Sterbefälle registriert als Folge unterschiedlicher Krankheiten – zwischen Juni 1981 und Juni 1982 starben um die 50 Matis an der Grippe-Epidemie (die sich nach Ansteckung schnell in Lungenentzündung verwandelte). Zu jener Zeit entstand eine Generation von Waisen. Nach einer Aufstellung durch den Lehrer Tëpi Wassa Matis, zusammen mit seinem Vater Txema Matis, während einer der Aktivitäten für einen Kursus des „Centro de Trabalho Indigenista (CTI) “ wurden die Namen von 51 Matis-Mitgliedern zitiert, welche durch die Epidemien 1981 gestorben sind.

Im Jahr 1983 verringerte sich die Zahl der Matis von 135 auf 87 Personen – durch den Tod von 35% ihrer Bevölkerung (Porantim, 1982; Melatti, 1983; Campanha Javari, 1986). Kinder und alte Menschen waren am meisten betroffen. Unter den Alten überlebten nur sehr wenige. 1985 – drei Jahre nach jenen Epidemien – ergab eine Volkszählung durch die „Campanha Javari“, dass lediglich sieben Personen älter als 40 Jahre waren.

Im Februar 1982 bestätigen die Eintragungen der Leiter des Postens Ituí und des Postens Marubo übereinstimmend die Existenz einer Invasion des Rio Branco durch Holzfäller – genau im Gebiet der Matis. Es ist möglich, dass die für den Ausbruch einer neuen Grippe-Epidemie verantwortlich waren (Melatti 1883).

Wegen der grossen Zahl von Toten innerhalb jeder Familiengruppe, mussten sich die Matis neu strukturieren – ihre Heirats- und Gesellschaftsregeln und auch die Politik zwischen den einzelnen Gruppen neu ordnen. Daraus gingen dann zwei Basisgruppen hervor, welche sich bis heute erhalten konnten (Campanha Javari, 1986; Erikson, 1992).

Zu Nachforschungen über die Herkunftsregion der Gruppe bestätigt der alte Binã, dass seine Leute einst zwischen dem Rio Curuçá und dem Ituí gewohnt haben – er konnte aber nicht sagen, wann sie zum rechten Ufer gewechselt sind (Melatti 1981). Die Überlebenden der Epidemien erinnerten sich auch nicht, alle Älteren waren gestorben, und ihre Erinnerungen reichten nur bis zu jener Zeit zurück, als sie bereits im Gebiet wohnten, welches von den Flüssen Ituí, Itacoaí und Branco eingefasst wird (Campanha Javari, 1986). Nach Informationen eines Ex-Funktionärs der FUNAI befand sich das ursprünglich von den Matis besetzte Gebiet zwischen dem Oberlauf der Igarapés (Flüsschen) São Bento, Aurélio, Jacurapá und Coari.

nach obenGesellschaftliche Organisation

Bei den Matis gibt es eine Unterteilung der Wesen in zwei Kategorien: die „Ayakobo“ und die „Tsasibo“. Dies weist auf ein dualistisches System hin, welches man bei den indigenen Gesellschaften Südamerikas häufig antrifft (Crocker 1977). Allerdings sieht es so aus, als ob die Kategorie „Tsasibo“ die andere Kategorie „Ayakobo“ praktisch annulliert hat. Anstatt dass sich die Mitglieder der Gesellschaft auf zwei relativ gleiche Klassen verteilt haben, beanspruchen fast alle heutzutage den Status der „Tsasibo“ und verachten den der „Ayakobo“, die als minderwertige und lächerliche Wesen angesehen werden, die man konstant verspottet.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Matis allesamt „Tsasibo“ sind, während sie ihre Nachbarn (Marubo und Korubo insbesondere) als „Ayakobo“ betrachten. Jedoch stellt man bald fest, dass ein Teil der Matis-Mitglieder zum Pol der „Ayakobo“ gehören, obwohl sie dies zu verbergen suchen. Der Grund liegt bei ihrer „fremden Herkunft“: es handelt sich um Nachkommen von „Kriegsgefangenen“. Zwei der offensichtlichen „Ayakobo“-Männer besitzen den Nachnamen „Nawan Baku“ (Sohn eines Fremden), während man einen dritten „Marubo“ nennt, nach der benachbarten Ethnie. Diese Personen sind allesamt Nachkommen von geraubten Frauen verschiedener indigenen Gruppen der Nachbarschaft. Allerdings scheinen solche Raubzüge in einer längst vergangenen Zeit stattgefunden zu haben, denn offensichtlich hat während mehr als einem halben Jahrhundert kein Konflikt mehr stattgefunden. Die „unsere Ayakobo“ oder „Fremden aus dem Interior“ pflegen fast keine Verbindungen mit anderen Gruppen der Region, obwohl sie aus einer genetischen Verbindung zu ihnen hervorgegangen sind.

nach oben„Shobo Kimo“, das Gemeinschaftshaus

So wie seine Bewohner (die „Deshan Mikitbo“ – Leute flussaufwärts), muss auch das Gemeinschaftshaus in Richtung flussaufwärts ausgerichtet sein. Das traditionelle Haus der Matis, in rechteckiger Form, besitzt zwei Bedeckungen, die „deshan“ genannt werden – also zwei „Nasen“ – eine an jeder Extremität. In Übereinstimmung mit dem Idealmodell ist das „shobo“ flussaufwärts ausgerichtet, so wie eine der Dachbedeckungen, welche in dieselbe Richtung zeigt, und deshalb „die wahre Nase“ (deshan kimo) genannt wird.

Im Moment der Konstruktion eines Hauses würde niemand vergessen, es entsprechend der Ordnung auszurichten, welche vom Lauf der Gewässer vorbestimmt ist – allerdings geschehen immer wieder Abweichungen von dieser Ordnung. Wenn man zum Beispiel die Hängematten in Flussrichtung aufspannt, gibt es das Risiko, dass man sich im Schlaf in die Diagonale dreht und dadurch dieselben schrecklichen Konsequenzen herauf beschwört, wie wenn man ein Bad in Richtung flussabwärts nehmen würde – besonders schwangere Frauen riskieren dabei, dass sich ihre Föten gegen ihr Leben im Uterus drehen und „sitzend“ geboren werden (eine von den Frauen äusserst gefürchtete Situation, denn selbst wenn die Mutter überlebt, läuft das Baby Gefahr, sein ganzes Leben mit den Folgen einer traumatischen Geburt kämpfen zu müssen).

Sowohl beim Bad wie auch in der Hängematte, der richtige Kurs der Matis-Welt und ihrer Gesellschaft, verläuft aus diesen Gründen nach einer korrekt vorgegebenen Orientierung aller Individuen. Die Mitgliedschaft in der Kommune der „Deshan Mikitbo“ verlangt die Respektierung einer Reihe von Einschränkungen.

Traditionell war ein „Matis-Dorf auf ein einziges Gemeinschaftshaus begrenzt, umgeben von Pflanzungen und kleineren, weniger oder weiter entfernten Unterständen, wohin man sich zurückziehen konnte um auszuruhen von der Arbeit auf dem Feld, oder sich mit der Herstellung von Kunsthandwerk beschäftigen, vor neugierigen Blicken geschützt, und auch vor Sonne und Regen.

Es wäre einfältig anzunehmen, dass diese Lebensart und die gesellschaftliche Zusammenstellung der Matis noch heute jenem traditionellen Standard entspricht. Seit die Matisin regelmässigem Kontakt mit den „Neobrasilianern“ leben, hat sich bei ihnen viel verändert – auch ihre Architektur hat sich an einem neuen Baustil orientiert: einem Haus auf Stelzen (palafitas) nach dem Muster der „Ribeirinhos“ (Flussufer-Bewohner) der Region. Diese Häuser, oft als „takpan“ bezeichnet (dem Namen des Holzes, aus dem sie gefertigt sind), werden im Allgemeinen als „nawan shobo“ bezeichnet – „Häuser der Weissen“. Dieser Name übersetzt nicht nur die Herkunft „nawa“ seines Stils, sondern gibt auch ihre Bestimmung an: denn diese Häuser werden zum Aufbewahren von nicht-indianischen Gütern benutzt!

Nach einer längeren Periode in einem einzigen Dorf zusammengepfercht (seit Anfang der 80er Jahre), haben die Matis nun angefangen, sich neu zu organisieren (seit 2005) – und zwar in ihrem angestammten territorialen Besetzungsstil, nach dem die Verteilung von Familiengruppen auf unterschiedliche Dörfer im Mittelpunkt steht.

nach obenSHO – die schamanistische Substanz

Sie ist die Quelle der Macht – sowohl der Schamanen wie auch der bedeutenden Männer. Ambivalent par excellence, präsentiert diese Substanz sowohl positive wie unheilvolle Aspekte. In ihrer benefizienten Form überträgt man sie während Ritualen oder „durch Ansteckung“, wenn zum Beispiel sich jemand in die Hängematte einer anderen Person legt. Und so kann man auch die SHO-Mikroben bewusst weiterleiten (mit kleinen Blasrohren) oder unbewusst einfangen, zum Beispiel durch Einatmung. Und deshalb können die Matis auch die Weissen mit Krankheiten belegen, ohne dass sie dies aus Gründen der Rache tun.

Eng mit dem Geschmacksbereich verbunden, präsentiert sich „SHO“ in zwei grundsätzlichen Formen: als „bata sho“ (süss) und als „sho comum“ (chimu – bitter). Die süsse Form, eine weibliche Essenz, schützt – während die bittere Form als maskulin gilt und gefährlich ist. Man sagt, dass krank sein und zu leiden wörtlich als „bitter sein“ (chimwek) bezeichnet wird.

Die Weissen (nawa), welche viel Salz konsumieren (alimento bata) und ebenfalls viel Pfeffer (alimento chimu) sind wegen ihrem starken Gehalt an Sho Comum (shimu) gefürchtet – deshalb die Epidemien, für die sie wissentlich verantwortlich sind – und, wegen Bata Sho, deshalb ihre relative Immunität gegenüber Krankheiten. Die Matis verstehen es nicht, zwischen „Bata“ und „Chimu“ ein Gleichgewicht herzustellen, so wie die Weissen, was letztere privilegiert.

In früherer Zeit, in der Absicht ihre Jagderfolge zu verbessern und, ganz besonders, um die Effektivität ihrer Blasrohre zu steigern, nahmen die Männer traditionellen Abstand von jeglicher BATA-Nahrung (süssen Nahrungsmitteln wie Papaya, Ananas, Zuckerrohr), und hielten eine Diät und einen Lebensrhythmus ein, welche von Zeichen des „Chimu“ bestimmt waren. Chimu ist ein umfassender Begriff, der ausser der Bitterkeit der Lebensmittel auch die Bitterkeit des Lebens im allgemeinen einbegreift – also den Schmerz, die Enthaltsamkeit, den Scharfsinn und andere von den Matis äusserst hoch bewertete Qualitäten – aber deren Exzess zu Leid und Tod führen kann.

Die Jäger pflegten verschiedene Arten von bitteren oder sauren Substanzen einzunehmen (rohen Pfeffer, Teeaufgüsse aus bitteren Lianen (curare pesho), sowie verschiedene nicht identifizierte Pflanzen) – sie injizierten sich das Gift von Kröten (kampo) in die Haut – tropften sich irritierende Flüssigkeiten (buchete) unter die Augenlider – peitschten sich gegenseitig aus – kurz, sie kultivierten das Pikante und Bittere – den Chimu. Ihr Gehalt an SHO war gross, und das machte sie stolz, und zu besseren Jägern, aber gleichzeitig – nach der Theorie der Matis – setzte es sie auch erhöhter Krankheitsgefahr aus.

Ab dem Erstkontakt begannen die Matis Verbindungen zu den Marubo herzustellen, die der FUNAI als Interpreten gedient hatten, weil ihre Sprache ebenfalls aus der Pano-Familie stammt und der Sprache der Matis ähnelt. Verschiedene Marubo-Familien kamen vom oberen Ituí herab, um sich im PIA Ituí anzusiedeln, der sich am Mittellauf desselben Flusses befindet – angelockt von der Präsenz der FUNAI. Auf diese Weise wurde der Kontakt zwischen den Völkern intensiviert, und die Konsequenzen dieser Annäherung wurden ebenfalls spürbar (Campanha Javari 1986). Auf der einen Seite die Marubo, welche seit mehr als einem Jahrhundert in Kontakt mit der sie umgebenden brasilianischen Gesellschaft standen, auf der anderen die gerade frisch kontaktierten Matis.

Im Jahr 1982 entschliesst sich die FUNAI – beim Versuch, die von Nicht-Indianern und den Marubo verursachten Probleme in den Griff zu bekommen – die Überlebenden der Matis und den Posten selbst zum Igarapé Boeiro zu verlegen, wo die Matis sich in zwei Malocas einquartieren (Melatti, 1983; Campanha Javari, 1986).

Am Igarapé Boeiro jedoch erleben die Matis eine Periode, in der Nahrungsmittel fehlen, weil sie keine Felder besitzen – und dieser Umstand verleitet sie dazu, die fehlenden Pflanzen und Feldfrüchte von den Feldern der Marubo und anderen Uferbewohnern zu stehlen. Ausserdem befinden sie sich an einem Ort, wo es für sie schwierig ist, an Curare zu kommen, dem Gift, welches sie an den Pfeilspitzen ihrer Blasrohre benutzen, und an „Tatchi“, einen traditionellen Tee-Aufguss von grosser spiritueller Bedeutung. Dieser Prozess des Mangels und gleichzeitigen Bevölkerungskonzentration an einem einzigen Ort minderte die Mobilität der Gruppe und provozierte Konflikte zwischen ihnen (Campanha Javari, 1986).

Im Jahr 1987 zogen die Matis in eine Gegend in der Nähe des Rio Novo um und, 1993, liessen sie sich am linken Ufer des Rio Ituí nieder, oberhalb des Igarapé Jacurapá (Campanha Javari).

Dann im Jahr 1998, weil sie sich von den Marubo des Oberen Ituí und von den Marubo des antiken PI Ituí an der Mündung des Rio Novo de Cima eingekreist fühlten – ihnen ausserdem verschiedene Dinge fehlten – bauten sich die Matis ein neues Dorf am Igarapé Aurélio, Unterlauf des Ituí. Viele von ihnen leben an diesem Ort bis zum heutigen Tag, verteilt auf drei grosse Malocas an der Mündung jenes Flüsschens.

Ab dem Jahr 2005 – fünfundzwanzig Jahre nach den traumatischen Epidemien – beginnen die familiären Gruppen sich entsprechend ihrem traditionellen Muster zu organisieren. Einer von ihnen verliess das Aurélio-Dorf und gründete ein neues: das Dorf „Beija Flor“ (Kolibri), vom ersten 45km weit in gerader Linie entfernt.

Mit dem Wachstum der Bevölkerung wurden auch rituelle Praktiken, welche nach dem Tod der Alten und Schamanen brach gelegen hatten, wieder aufgenommen (Erikson 1991). Im Jahr 1986 zum Beispiel, liessen die Matis ihr bedeutendstes Ritual wieder aufleben: die Tätowierungs-Zeremonie. In jenem Jahr akzeptierten 26 Jugendliche, sich tätowieren zu lassen – nur zwei weigerten sich – und dies demonstrierte das Interesse der meisten an einer Rückkehr zu den Traditionen.

Dieses Beispiel steht im Gegensatz zu der allgemeinen Sehnsucht der Gruppe im Jahr 1995, als sie sagten, dass die Tätowierungs-Zeremonie verschwunden sei wegen der Annäherung der Nicht-Indianer und dem Tod der Stammesältesten – denn dieses Ritual wird als gefährlich angesehen, weil voller übernatürlicher Gefahren, welche nur den Ältesten bekannt waren.

Irgendwann zwischen den Jahren 1993 und 1998 fand ein weiteres Tätowierungs-Ritual statt – ebenfalls im Jahr 2002. Dies war eine Überraschung für alle diejenigen, welche die Matis aus der Nähe kannten, denn man war allgemein der Ansicht, dass von diesem Ritual vollkommen Abstand genommen hatten – besonders auch wegen der Scham, die manche der Jüngeren fühlten, wenn sie sich vor den Nicht-Indianern mit ihrem tätowierten Gesicht präsentieren mussten.

nach obenProduktive Aktivitäten

Die Jagd – mit dem Bogen, mit dem Blasrohr oder mit dem Gewehr gilt unter den Matis als die höchst bewertete männliche Aktivität (Erikson 1987).

Die jagdbaren Tiere sind Caitetu kleineres Wildschwein), Queixada (grosses Wildschwein), Anta (Tapir), Preguiça (Faultier), Macaco aranha (Spinnenaffe – den man in der Region „schwarzer Affe“ nennt) Macaco barrigudo (Wollaffe), Macaco zogue-zogue (Affenart), Macaco boca branca (Weissmaulaffe) und Souim (Affenart), Macaco parauacu (Affenart) und Jacaré (Kaiman). Verschiedene Vogelarten ergänzen den Speisenplan, wie zum Beispiel Arara (Ara), Mutum (Auerhahn), Jacu (Fasanenart), Cujubim und Nhambu-galinha (hühnergrosser Laufvogel). Die Indianer benutzen auch Fallen. Um Affen zu töten bevorzugen sie das Blasrohr – das Curare-Gift wird aus einer bestimmten Liane gewonnen, die sie sammeln (Melatti 1981).

Die Landwirtschaft der Matis besteht aus wechselnden Kulturen die auf abgebrannten Flächen produziert werden. Die Felder bestehen aus gerodeten Waldstücken, die abgebrannt und dann bepflanzt werden – wenn der Boden nichts mehr hergibt, werden neue angelegt. Die bedeutendsten Produkte dieser Pflanzungen sind: Macaxeira (Maniok), Banana (Bananen), Pupunha (Palmfrucht) und Milho (Mais) – der Mais als Nahrungsmittel ist eine rituelle Speise (Melatti 1981).

Die bevorzugten Fische auf dem Speisenplan der Matis sind: Cará, Piau, Tamboata und Traíra, der Poraquê ist der von den Frauen bevorzugte Typ. Darüber hinaus fangen sie: Piranhas, Matipiris, Branquinhas, Curumatã, Pacu und Pirarucu. Sie jagen auch Land- und Wasserschildkröten und sammeln deren Eier (Melatti 1981). Die bedeutendsten Sammelprodukte sind Patauá, Buriti (Palmenart), Puna (Frucht), Cacau (Kakao) und Cupu (Frucht) (Melatti 1981).

Tumi, der Matis-Indianer mit dem meisten „wahrhaftigen SHO“ begab sich in die Stadt, um sich dort der Behandlung einer gutartigen Infektion zu unterziehen – viele seiner Stammesangehörigen glaubten, dass er verloren sei, und sie verbreiteten, dass er den Exzess von „nawan sho“ („sho der Weissen“ weil zu viel süss/salzig) nicht überleben würde. Seine Ehefrau weinte Tränen der Trauer um ihn – und er kehrte tatsächlich nie mehr zurück.

Geschützt durch ihre „Bata-Ernährung“ nimmt man von den Frauen an, dass sie durch die Weissen weniger gefährdet sind, was vielleicht ihre Rolle in den vordersten Reihen beim Erstkontakt erklärt – bei dem sie ausserdem viele Male die Initiative eines Dialogs mit den „Invasoren“ ergriffen (Cedi 1981: 85). Auf jeden Fall ist es unbestritten, dass der Symbolismus der Matis ihr „feminines Bata“ dem „Bata der Fremden“ annähert und diese Termini dem männlichen, endogenen „Chimu“ gegenüberstellt (Erikson 1990).

Vielleicht hat sich die Haltung der Matis gegenüber dem SHO seit jener demografischen Katastrophe der 80er Jahre geändert. Sie entschieden sich übereinstimmend, einem grösseren Teil jener Praktiken zu seiner Erreichung zu entsagen, denn alle fanden, dass es sehr gefährlich für sie sei, sie beizubehalten. Und obwohl diese einst im Mittelpunkt des zeremoniellen Lebens und ihrer Rituale gestanden hatten, wurden gewisse schmerzhafte Chimu-Praktiken abgeschafft, weil man erkannt hatte, dass sie die Jugendlichen verwundbar machten gegen Krankheit und Tod (Erikson 1987). Die Malagueta-Pfefferschoten wurden nicht mehr gepflanzt und die brennenden Augentropfen nicht mehr hergestellt. Die Rituale, anlässlich derer die Vorfahren die Kinder auspeitschten oder bei denen die Jugendlichen tätowiert wurden, führte man nicht mehr durch. Man reduzierte auch die Anzahl der Lippen- und Nasenstachlen, welche man früher als Körperschmuck durch die Haut gebohrt hatte – auch sie waren Vektoren des SHO – um zu demonstrieren, dass ihre Träger nun nicht mehr in der Lage waren, so viele davon zu ertragen.

Alles, was den SHO betrifft, kann sich gegen die Personen wenden, und deshalb, im Fall eines Unglücks, sind sie es, die sich gegen den SHO wenden und gegen die Produkte, ihn zu erreichen. Die Generation vor dem Erstkontakt hatte sich bereits vom Tabakgenuss (ampushute) und den Rauschmitteln (kawaro) abgewandt. Nach der Tragödie jener Epidemien erwies es sich als notwendig, auch den Konsum von „bitteren Produkten“ zur Steigerung des Jagdglücks Abstand zu nehmen. Unter diesen entbehrte man ohne Zweifel am meisten den „tachik“, einen stimulierenden Teeaufguss aus einer bestimmten Liane.

Nach einem Bericht von Hilton Nascimento ist bemerkenswert, dass in den letzten Jahren einige dieser Chimu-Praktiken bei den Matis wieder aufgenommen worden sind. Das ist zum Beispiel der Fall bei den brennenden Augentropfen – der Injektion von Krötengift – der Auspeitschung von Jugendlichen und Kindern – der frequenten Besuche von „mariwin“ (Vorfahren) im Dorf, die besonders während der Maiserntezeit stattfinden – und dem Tätowierungs-Ritual. Was den „tachik“ betrifft, so sind nur die Älteren dazu übergegangen, ihn wieder zu trinken, denn die Jüngeren zeigen kein Interesse an diesem Trank.

Es ist ganz bestimmt die Angst vor dem Tod gewesen, und nicht der Wunsch nach einer Vereinfachung des Lebens, wodurch sich die Matis vom SHO entfernt haben. Alles in allem gibt es keinen Zweifel, dass auch das plötzliche Dahinsterben der Ältesten, welche die Jugend ermutigt haben könnten, sich den traditionellen Regeln ihres Volkes anzupassen, diese neue Situation ebenfalls beeinflusst hat. Einige dieser Jugendlichen behaupten heutzutage, dass ihre Ältesten gar nichts wussten, dass Zucker und Salz Bata-Nahrungsmittel) ein wahrer Segen seien, und dass heutzutage glücklicherweise der Biss einer Schlange nicht mehr so „chimu“ sei wie ehemals. Im Gegenzug demonstrieren einige andere junge Leute eine enorme Nostalgie gegenüber der Vergangenheit, haben Sehnsucht nach einer Epoche in der, so sagen sie, man den ganzen Tag auf der Jagd verbringen und in der Nacht tanzen konnte, ohne die geringste Müdigkeit zu spüren – eine Zeit, in der die jagdbaren Tiere, dank dem SHO, nicht so selten war wie heute.

Alles in allem kann man sagen, dass man inzwischen weniger Angst vor dem SHO hat als früher. Man kann feststellen, dass heutzutage die Injektionen des Krötengifts (kampo) allgemein wieder in Gebrauch sind. Und obwohl man es gegen Ende der 80er Jahre verneinte, hat man heute wieder den Mut zuzugeben, dass einige der Männer den SHO besitzen und sehr wohl – wenn sie wollten – ihn dazu benutzen könnten, anderen Menschen zu schaden. Einige Jäger zögern auch nicht mehr, sich erneut einen Vorrat an Curare anzulegen. Insgesamt kann man folgern, dass ihr demografisches Wachstum den Matis ihr Selbstvertrauen zurück gegeben hat.

nach obenDie Mariwin: Geister der Vorfahren

Omnipräsent in den an die Kinder gerichteten Ansprachen, muss man sich die Mariwin als genetische (unpersönliche) Vorfahren vorstellen, deren Rolle darin besteht, die Kinder zu schlagen mit dem Ziel, sie hart, diszipliniert, aktiv und kräftig zu machen. Oft erscheinen maskierte Erwachsene im Dorf, welche jene Geister der Vorfahren repräsentieren – sie schwenken ihre Ruten, bäumen sich auf und winden sich, und sie grunzen schrecklich dabei. Zu ihnen bringt man die Kinder, und alle werden sie dann tüchtig verhauen – bis auf diejenigen, denen es gelingt, sich zu verstecken.

Die Schläge sollen nicht bestrafen, sondern aufmuntern, Trotz aktivieren. Die Gerten der Mariwin sind aus der Blattrippe einer Palme (daratsintuk) gefertigt, und jede Gerte, zerbrochen oder nicht, kann nur einmal benutzt werden. Darin bemerkt man die individuelle Natur einer Verbindung zwischen der Palme und jedem Kind, wovon man ableiten kann: so wie die Heilpflanzen und die Nadeln des Tätowierers jeweils nur ein einziges Mal benutzt werden, so haben auch die von den Mariwin ausgeteilten Schläge einen besonderen therapeutischen und präoperativen Wert.

Schläge schaffen Wachstum: Im Fall vegetativen Mangels – wenn das Gemüse anfängt auszugehen, und um die Zeit zwischen den verschiedenen Ernten zu verkürzen, legen die Matis ihren Schmuck und Bemalung an, um dann auf die Pflanzen ihrer Beete einzuschlagen und damit ihr Wachstum zu fördern. Die Kinder werden zum Beispiel auch öfter ausgepeitscht und ab zwei bis drei Jahren in ihr Zahnfleisch gestochen. Solche Behandlung bereitet sie vor auf das, was später kommt, leitet ein Leben ein, das geprägt ist von therapeutischen Schnitt- und Stich-Behandlungen, unter denen besonders die ornamentalen Perfurationen der Nase und Lippen, die Tätowierungen und die Aktionen der Mariwin erwähnt werden sollen.

Es gibt unter den Mariwin zwei Typen: die PUT („Roten“ – ihr ganzer Körper ist von orangerotem Lehm bedeckt) und die WISU („Schwarzen“ deren Körper mit grauer Asche beschmiert ist). Die Roten werden als den Lebenden nahestehend betrachtet, sie stammen aus entfernten Gebieten, in denen die Matis einst gelebt haben. Die Schwarzen kommen von noch weiter her: aus den Löchern zwischen den Ufern der grossen Flüsse. Ihre Schläge tun den ihnen nicht bekannten Kindern besonders weh, denn bei denen halten sie sich nicht zurück.

nach obenGesichts-Ornamente

Es ist offensichtlich, dass der Erstkontakt die Relation der Matis zu ihrer traditionellen Ornamentik gestört hat. Einige Ornamente wurden seither nicht mehr benutzt, während neue Elemente eingeführt und als traditioneller Schmuck am Körper integriert wurden – das heisst, ab einem bestimmten Alter.

Die Älteren entrüsteten sich über die Jungen, dass sie wie Frauen aussähen oder wie „nawa“, Nicht-Indianer. Früher, so sagten sie, benutzten die Erwachsenen die gesamte Palette ihrer Ornamente. Seit den letzten Jahrzehnten gibt es nur noch wenige, die ihren Gebrauch nicht aufgegeben haben. Obwohl ihr Ideal der Ornamentierung nicht mehr realisiert wird, haben die Matis deshalb nicht das Wissen um das entsprechende Alter und die Reihenfolge ihrer Durchführung verloren.

nach obenDie Reihenfolge der Ornamentierung

Die Matis-Kinder müssen sich ihrer ersten Durchbohrung des Ohrläppchens bereits im Alter zwischen vier und fünf Jahren unterziehen. Durch das Loch wird ein erstes, sehr schmales Holzpflöckchen gesteckt – der erste „paut“ (Ohrstecker). Im Lauf der Jahre erweitert man das Ohrloch mit breiteren Pflöcken, und wenn es den Durchmesser eines Fingers erreicht hat, wird der Pflock durch eine runde Scheibe ersetzt – die „tawa“.

Einige Jahre nach der Perfuration der Ohrläppchen, etwa mit acht Jahren, wird die Nase durchstochen, um das erste Paar „demush“ anzubringen (Schnauzenhaare, wie bei verschiedenen Säugetieren) – feine schwarze Nadeln von einer Palmenart. So wie bei der ersten Perfuration, zieht sich auch dieser Prozess über Jahre hin. Die Zahl der „demush“ nimmt zu, bis sie fast die ganze Nase bedecken – etwa zehn Stacheln auf jeder Seite.

Die nächste Etappe besteht aus einer Durchbohrung der Nasenscheidewand zur Einführung des so genannten „detashkete“. Auch in diesem Fall das Prinzip der progressiven Erweiterung, allerdings erreichen nur die Männer die letzte Phase der Auswechselung des Holzpflocks durch eine besondere „detashkete“, ein Schmuckstück, welches aus dem Material einer Flussmuschel angefertigt wird.

Als nächstes, im pubertären Alter, kommt der Moment der Durchbohrung der Unterlippe. Die Frauen beginnen sich mit dem „kwiot“ (Lippenschmuck aus hellem Holz) zu schmücken – etwa zur Zeit ihrer ersten sexuellen Erfahrungen – und gehen besonders vorsichtig damit um. Im Gegensatz dazu sind die Männer weniger vorsichtig damit, ihr Lippenschmuck ist auch viel kleiner. Die Familienoberhäupter tragen einen Lippenschmuck aus schwarzem Holz. Ohne Zweifel legen die Männer weniger Wert auf diese Verzierungen, denn sie tragen einen weiteren Lippenschmuck, diesmal in der Oberlippe. Man weiss von diesem Volk, dass unten = feminin ist und oben = maskulin (die Hängematte des Mannes wird stets über der seiner Frau aufgespannt).

Zwei bis drei Jahre nach dem ersten „kwiot“ – manchmal auch etwas früher, man folgt dabei den periodisch angeordneten Ritualen – kommt die Zeit der ersten „musha“, der Tätowierungen: Innerhalb einer Zeremonie werden den Adepten zwei parallele Linien über den Schläfen und zwei weitere über den Backen eintätowiert – dieser Moment bedeutet einen Höhepunkt im Leben jedes Matis. Es werden Jugendliche beider Geschlechter simultan tätowiert, und vom Design her identisch, denn dieses Symbol der Zugehörigkeit zu ihrem Volk ist für alle gleich. Zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr – jetzt gelten sie als erwachsen – durchbohren die Männer das Gesicht in der Vertiefung, die sich zu beiden Seiten der Nase, um den Mund, bis zum Kinn zieht – also zwischen Oberkiefer und Backen. Dahinein werden dann die „mananukit“ gesteckt, relativ dicke, lange Stäbchen aus schwarzem Palmenholz. Wie auch im Fall der „kwiot“, war die Zahl der „mananukit“ Träger in früheren Zeiten sehr viel grösser als heutzutage.

Während der zweiten Tätowierungszeremonie wird jede(r) Jugendliche mit einer Serie von parallelen Linien (sechs bis acht) auf beiden Backen tätowiert. Die Zahl der angebrachten Linien ist nicht immer auf beiden Seiten die gleiche. Zu bemerken ist noch, dass während desselben Rituals bestimmte Jugendliche auf den Schläfen und der Stirn tätowiert werden, während die Älteren der Operation an den Backen unterzogen werden. Die Matis geben an, dass die erste Operation (Stirn/Schläfen) sehr viel schmerzhafter ist als die zweite (Backen).

Die graduelle Verleihung jener Ornamente bezeichnet die einzelnen Etappen der individuellen Reife, nach einer traditionellen festgelegten Ordnung. Es gibt nichts Überraschendes in Verbindung mit ihr, denn die Matis verfügen über eine geradlinige Sicht ihrer Existenz – eine Folge von vorbereiteten Etappen, eine progressive Evolution in Richtung auf ein idealisiertes Altwerden.

Die einzelnen Reifeprozesse und die je nach Alter auftretenden Fragen sind in diesem Fall von grosser Bedeutung, denn sie erklären, dass alles zu seiner Zeit kommen wird: jedes Nahrungsmittel, alles Wissen wird gleichermassen in die Hierarchie einbezogen. Das Fleisch, zum Beispiel, wird progressiv in die Ernährung einbezogen – ein junger Mann muss zuerst einmal mit dem Blasrohr umgehen können, bevor er mit dem Bogen jagen darf – die junge Frau muss zuerst einmal eine Hängematte knüpfen können, bevor sie ein Gefäss aus Ton herstellen darf, etc. Techniken und Wissen werden graduell vermittelt – und die Verleihung der Ornamente folgt derselben Logik.

nach obenDie „Musha“ Zeremonie

Wie schon gesagt wurde, bezeichnen sich die Matis selbst auch als „mushabo“ (tätowierte Leute), oder als „wanibo“ (Pupunha-Leute) – denn die von ihnen benutzten Stacheln zum Tätowieren stammen von der Pupunha-Palme. Anfügen möchte ich noch, das „musha“ auch der Ausdruck für „Stachel“ ist.

Die Tätowierungen der Matis, so wie auch die der anderen Pano-Gruppen, sind ein mächtiger gemeinsamer Nenner – sozusagen ihr Personalausweis, der durch ihre gemeinsamen Gesichtszeichnungen ihre Zugehörigkeit zur gleichen ethnischen Gruppe beweist – zu den „mushabo“, wie sie sich nennen.

Ab den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben die Matis ihren Ornamenten eine neue Bedeutung gegeben, und besonders ihren Tätowierungen sind eng verbunden mit einer neu aufkommenden, kollektiven Matis-Identität. Die Wiedererscheinung des „Musha“-Rituals im Jahr 1986 – nach zehn Jahren der Abwendung – war gleichzeitig eine Bestätigung ihrer eigenen Identität im Gegensatz zu der Identität der „nawa“ (Nicht-Indianer).

Die Tätowierungszeremonie der Jugendlichen ist ohne Zweifel eine der zentralen Achsen um die sich das rituelle Leben der Matis dreht. Ihr „Musha“-Ritual kann bis zu vierzehn Tagen dauern, und ihm gehen stets einige Wochen mit Vorbereitungen für dieses Fest voran: Die Männer befassen sich mit der Zubereitung des Fleisches, das in Ermangelung von Kühlaggregaten gemahlen und anschliessend über Feuer gedörrt wird – die Frauen stellen das Getränk her und neue Keramiktöpfe, unverzichtbar für die Zeremonie.

Im Verlauf des Festes erscheinen auch die Mariwin (Geister der Vorfahren) – nicht nur einzeln und einen Moment lang – sondern in Massen und während aller Tage des Rituals. Und in der Nacht, anstatt zu schlafen, tanzen alle innerhalb der Maloca und imitieren verschiedene Tiere auf recht komische Art und Weise.

Solange das Fest dauert, sind alle mobil und arbeiten buchstäblich Tag und Nacht rund um die Uhr. Man darf sich mit allem beschäftigen, nur nicht faul sein (chikeshek). Während der gesamten zeremoniellen Periode tragen pflanzliche Drogen (tachik) physische Stimulanzien dazu bei, den Rhythmus aufrecht zu erhalten – ausruhen ist (theoretisch) verboten. Um nicht in Versuchung zu geraten, nehmen die Frauen ihre Hängematten frühmorgens ab und verbergen sie bis zum Sonnenuntergang. Das Ausruhen kommt später, nach dem bedeutendsten Moment des Festes: der Tätowierung der Heranwachsenden (beider Geschlechter), die sich anschliessend einer Reklusions-Periode (Rückzug aus der Gemeinschaft) unterziehen müssen (während fünf Tagen).

Die Tätowierung selbst wird mit Palmstacheln durchgeführt, die in eine schwarze Paste getaucht worden sind – einer Mischung aus Harz, Jenipapo, Mamon und Wisute, sowie einem Gemisch aus verbrannten Nimen- und Timpa-Blättern (nicht identifizierte Pflanzen). Der Prozess, von dem sie sagen, dass er auf Stirn und Schläfen besonders schmerzt, wird von Jungen und Mädchen als schwierige und gefährliche Prüfung erlebt, während der man viele blutige Gesichter zu sehen bekommt, jedoch auch voller Stolz, denn sie haben vor allen Anwesenden ihren Mut bewiesen und, ganz besonders, gegenüber den Mariwin. Letztere, obwohl auch anwesend während der Zeremonie, nehmen an der Tätowierung keinen direkten Anteil.

Die frisch angefertigten Tatoos sind besonders fragil und brauchen Vorsichtsmassnahmen. Nach der Zeremonie ist es notwendig zu baden, sagen die Matis, um das Blut der Verletzungen abzuwaschen und so die Fixierung der Zeichnung zu verbessern. Nach der Operation dürfen die Jugendlichen nicht aus ihrer Reklusion heraus (während der ersten Tage), es sei denn in Gruppen und mit einem ganz speziellen Hut auf: für die Jungs der „tukuru“ und für die Mädchen der „shaë“.

nach obenBestattungsrituale

Ein Toter wird in Fötus-Position bestattet. Dazu wird er in eine Hängematte gewickelt und innerhalb seines, von ihm bewohnten Separés in der Maloca eingegraben – die Oberfläche des Grabes wird mit gestossenem Lehm geglättet. Das Gemeinschaftshaus wird von allen Bewohnern verlassen und nach ein paar Tagen abgebrannt. Nach einem Bericht von Paula (1969: 20-21) werden das Eigentum des Toten mit ihm bestattet – seine Hängematte über seinen Kopf gelegt und das Grab dann zugeschüttet. Alle Objekte, welche nicht in die Grube passten (Blasrohr, Bogen, Pfeile) werden später verbrannt.

Es gab den Fall eines Indianers, der in der Stadt Atalaia do Norte gestorben war – das passierte vor vielen Jahren – nach dessen Tod man den FUNAI-Chef des Postens bedrohte, weil er die Habseligkeiten jenes Toten an seine Familie zurück gegeben hatte, anstatt sie mit ihm in der Stadt begraben zu lassen. Seine Sachen wurden dann verbrannt, sowohl beim Posten als auch im Haus, in dem er gewohnt hatte. Etwas später brannte auch jene Maloca beim Posten lichterloh, die von den Matis konstruiert worden war, um sich während ihrer Postenbesuche darin aufzuhalten – sie war einst unter Mithilfe des Verstorbenen errichtet worden.

nach obenKontemporane Aspekte

Dreissig Jahre nach den ersten Kontakten mit der FUNAI und ein viertel Jahrhundert nach der letzten tödlichen Epidemiewelle, scheinen die Matis nur noch wenige Schritte von ihrem wiedererlangten demografischen, psychologischen und kulturellen Gleichgewicht zu stehen. Ende des Jahres 2005 wurde ihre Bevölkerung auf 280 Personen geschätzt – gegen 87 im Jahr 1987. Die Rituale, die Malocas, die Tätowierungen und sogar ein bisschen Schamanismus wurden wiedergewonnen, während sich die Kontakte mit der Aussenwelt zunehmend verbessert haben – die Jugend wird alphabetisiert – in zwei Sprachen, der ihren und in Portugiesisch – die Schule der Matis wird vom CTI (Centro de Trabalho Indigenista) unterhalten. Die Matis scheinen ihr Vertrauen in die Zukunft wiedergefunden zu haben. Jedoch ihre chaotische sanitäre Situation, von der sie heute umgeben sind, droht sämtlichen Optimismus zunichte zu machen. Epidemien von Hepatitis B und D sowie die Malaria umzingeln gegenwärtig das Javari-Becken und setzt sowohl das physische wie kulturelle Überleben dieses Volkes einem grossen Risiko aus.

Unter den kürzlich vorgenommenen Veränderungen ist eine der bedeutsamsten zweifellos die Teilung der Matis in zwei verschiedene Kommunen: „Aurélio“ und „Beija-Flor“. Letztere wurde 2005 gegründet und befindet sich in gerader Linie 45km flussabwärts des alten Dorfes, welches 1998 entstand. Aus soziologischer Sicht war dieser Schritt schon lange voraus zu sehen – die Komposition der beiden familiären Gruppen hatte sich bereits seit 1980 in zwei Parteien gespalten.

Diese Trennung, welche einige Matis seit mehr als 20 Jahren herbeisehnen – und nicht durchführen konnten, weil beide Seiten es vorzogen, in der Nähe der FUNAI-Assistenz zu verbleiben – beweist inzwischen eine zurück gehende Abhängigkeit von diesem Schutzorgan. Apropos: Im Februar 2006 liessen sich weder Beamte der FUNAI noch der FUNASA (Gesundheitsvorsorge) im einen oder anderen Dorf der Matis blicken, und die Reserven der Medikamente waren wieder einmal am Ende (es fehlten ganz besonders Schlangenserum und Malaria-Mittel). Die Errichtung eines neuen Dorfes bezeugt ausserdem den Wunsch vieler, sich von den Marubo fernzuhalten (die oberhalb am Fluss Ituí leben) und sich gleichzeitig der Stadt ein bisschen zu nähern.

Das Heranwachsen einer neuen Generation von jungen Erwachsenen gibt der gegenwärtigen Situation weitere Bedeutung. Jene nach dem Erstkontakt Geborenen haben schon seit etwa sechs Jahren ihre Erwachsenenreife erreicht, Familien gegründet und eine Reihe neuer Beschäftigungen in ihren Tagesablauf aufgenommen, unter ihnen den Fussball, eine neue Passion der Jugend. Einige andere junge Matis, mit häufigerem Kontakt zur Stadt, haben bereits die Freuden des Alkoholkonsums ausprobiert, und das zweite Semester des Jahres 2005 wurde von der Einführung dieser Getränke in ihrem eigenen Dorf geprägt, anlässlich ihrer Tanzfeste, die in der Regel in einem Chaos enden. Die Älteren, die sich dem Cachaça standhaft verweigern – sie sehen in ihm eine Caiçuma (ihr traditionelles Getränk) von exzessiver Gärung, das ihnen nicht schmeckt – und sie bemängeln, dass es für die Jugend besser wäre, sich mit der Jagd zu beschäftigen als den ganzen Tag Fussball zu spielen.

Die von der FUNAI eingeführte Schule – später von der Präfektur des Munizips übernommen und ab März 2002 vom CTI – hat sich zu einem wichtigen Ort entwickelt, welcher dem Tag der Jugend den Rhythmus angibt und ihren Interessen zu entsprechen scheint. 2005 wurde das erste didaktische Buch in der Matis-Sprache (Pano) herausgegeben, erarbeitet von Schülern und Lehrern (unter Leitung von Hilton Nascimento und Maria Elisa Ladeira vom CTI) sein Titel: „Matsesëntxu darawakit”.

Alle diese Innovationen präsentieren viele positive Aspekte. Die andere Seite der Medaille – welche die Ältesten nicht müde werden zu reklamieren – ist die Tatsache, dass sich die jungen Leute nicht mehr dafür interessieren, auf die Jagd zu gehen. Sie scheinen ihr ganzes Interesse verloren zu haben, ein Blasrohr auch nur anzufassen – wer es immer noch benutzt, sind einige wenige Jugendliche und solche Männer, die vor oder kurz nach dem Erstkontakt geboren wurden.

Dies geschieht parallel zu einer tiefgreifenden Änderung der Jagd-Strategien, welche man in die Praxis umgesetzt hat, um das Dorf zu versorgen. Das Bevölkerungswachstum, die relative Verringerung der Anzahl von Jägern und die Einführung von Gewehren und Motoren führten zu einer grösseren Abhängigkeit von Wildschweinen als Jagdbeute – nur das Fleisch von Wildschweinen ist entsprechend ergiebig – während eine Jagd wie früher, verteilt auf die verschiedensten kleineren Beutetiere, langsam ausstirbt. Und die Abhängigkeit von nicht-indianischen Gütern (wie Patronen, Treibstoff, etc.) nimmt zu.

Was die Kleidung betrifft, können wir feststellen, das sich die bei den Jugendlichen definitiv durchgesetzt hat – und ihr Outfit besteht heute aus: Jeans, Turnschuhen, Baseball-Käppi und Sonnenbrille. Lediglich diejenigen im Alter über dreissig – die letzten, welche über die gesamte traditionelle Ornamentierung verfügen – spazieren noch mit nacktem Körper umher ohne sich zu genieren. Die Mehrzahl der Frauen bestätigt eine Tendenz, die sich schon seit etwa zehn Jahren unter den Jugendlichen abzeichnet, und durch die sie sich heute kaum noch von ihren Nachbarn, den Marubo unterscheiden: mit modischem Haarschnitt, Baumwollrock, Ketten und Make-up.

Die antiken Ketten aus „murumuru“ werden zunehmend ersetzt durch Kunststoffperlen, und die Ketten aus Affenzähnen – ehemals überall präsent – sind irgendwie verschwunden, weil auch die kleinen Affen, von denen sie stammen, immer weniger geworden sind – und wegen dem unersättlichen Markt für Touristen.

Auf den ersten Blick scheint nur noch die Beibehaltung der Tätowierungen die Matis zu unterscheiden. Anfang des Jahres 2002 – obwohl drei Jugendliche die traditionellen Praktiken ablehnten – haben sich nicht weniger als 45 Jugendliche (24 Jungen und 21 Mädchen) nach altem Brauch tätowieren lassen – ausserdem hat man während demselben Ritual auch verschiedenen Kindern Ohren und Nasen durchstochen. Die Ohrenscheiben, die Lippenpflöcke und die nasalen Stacheln sind zweifellos in zunehmendem Masse seltener geworden, aber die Praxis der Tätowierung ist weiterhin lebendig.

nach obenNeue Akteure

Was die Aussenpolitik betrifft, so ist das markanteste Ereignis zweifellos das Auftreten neuer Akteure genau im richtigen Moment, in dem die traditionellen Partner ihre Rolle schwinden sehen. Die FUNAI von Atalaia do Norte, ehemals sehr mächtig und respektiert von den Matis, ist in ihren Augen an die zweite Stelle gerückt, und die Position des Postenchefs ist seit mehr als einem Jahr unbesetzt. Auf der anderen Seite hat die „Frente de Proteção Etno-Ambiental Vale do Javari“ der „Coordenação Geral de Índios Isolados (CGII) “ der FUNAI in Brasília an Bedeutung gewonnen. Dieser Wachposten, welcher sich am Zusammenfluss von Rio Ituí und Itacoaí befindet, stellt regelmässig einige Matis als Dolmetscher, Jäger, Maurer und Flurpolizei an. Dieselbe Basis wird auch als Vermittlung beim Verkauf von Kunsthandwerk benutzt.

Die Matis, deren Sprache jener der Koruba genügend ähnelt um sich zu verständigen, übernahmen eine wichtige Rolle bei den ersten Kontakten zwischen letzteren und den Nicht-Indianern. Daraus folgte dann, dass sie in politischer Hinsicht ihre Hoffnungen auf die „Frente de Proteção“ (Schutzfront) setzten, denn der „Conselho Indigena do Vale de Javari (CIVAJA) “ (Indianerrat des Javari-Tals) schien ihnen zu sehr beherrscht von den Marubo, so dass sie sich dort kaum eine Einflussnahme versprachen. In letzter Zeit sind allerdings diese Verbindungen mit dem erwähnten Wachposten etwas abgekühlt.

Die „Frente de Proteção“ bietet nicht mehr als drei Anstellungen (anstelle von sechs, wie früher), und es ist den vorbeikommenden Matis untersagt, innerhalb des Postenareals zu übernachten, ausserdem, weil die Kommunikation mit den Matis sich schwierig gestaltet, hat man sich immer mehr an die Marubo gehalten, die Portugiesisch besser beherrschen. Und darüber hinaus haben die Frente-Leute festgestellt, dass bestimmte Matis-Mitglieder direkt mit einer kleinen Gruppe kontaktierter Korubo Geschäfte macht, in der Absicht, auf diese Weise an ihre Tatchik-Lianen zu kommen, die sie bei ihren Ritualen rauchen, und die im Gebiet der Korubo recht zahlreich vorkommen.

Trotzdem sind auch die Relationen zwischen Matis und Korubo, nach einer stabilen Periode, in letzter Zeit etwas weniger freundschaftlich: Die Korubo werden beschuldigt, mit ihren „tatchik“ (auf die sie sozusagen ein Monopol besitzen) allzu sehr zu geizen. Ausserdem wurde der Tod eines Angehörigen der Matis (durch Hepatitis) von seiner Familie als Ergebnis einer Vergiftung von Seiten der Korubo interpretiert, die von dem jungen Mann besucht worden waren, als er noch als Angestellter auf dem Wachposten arbeitete. Die Relationen zwischen diesen beiden Gruppen wurden erst kürzlich von Bárbara Maisonnave Arisi (2007) studiert.

Schon seit einigen Jahren nehmen die Matis an den „Jogos Indígenas“ teil, bei denen sie – davon abgesehen, dass sie manchmal unter unwürdigen Bedingungen untergebracht und verpflegt werden – die Gelegenheit haben, „die Welt zu sehen“ und etwas von ihrem Kunsthandwerk zu verkaufen.

Unter den neuen Akteuren, die ein Treffen mit den Matis suchen, befinden sich Touristen und Filmproduzenten, denen eine bedeutende Rolle in der Öffnung der Welt und der Erschliessung materieller Güter zukommt, welche sie ihnen mitbringen. Die Touristen (und Filmleute), denen eine Genehmigung für einen solchen Besuch der Matis versagt wird, benutzen in der Regel eine eigenmächtige Strategie indem sie die Matis ausserhalb ihres IT treffen. In erster Linie sind es allerdings die „offiziellen Dokumentarfilme“, welche ihnen die grössten Gewinne bescheren – mit teuren Gütern, wie Bootsmotoren, Radiostationen, Ferngläsern, Mikroskopen und Hunderten von Litern Treibstoff – alles Dinge, die sie auf normalem Wege sich niemals hätten leisten können.

Einige längere Dokumentarfilme der Matis wurden für den Discovery Channel, ARTE, Canal+, Canal Futura und die BBC in den Jahren 1998, 2000, 2004 und 2006 gedreht. Bemerkt haben wir schliesslich noch, dass die Matis in zunehmendem Masse noch Letícia in Kolumbien gehen, um dort ihr Kunsthandwerk zu verkaufen – und dass sie dort nicht immer gerecht bezahlt werden.

nach obenBedrohter Schamanismus

Die erste Frau, die im neuen Dorf Beija-Flor – Symbol einer neuen Ära in der Geschichte der Matis – in den Geburtswehen lag, gebar Zwillinge, und gleich darauf wurden zwei Dorfbewohner von einem Jaguar angefallen. All das wurde von der neuen Kommune als ein schlechtes Omen betrachtet. Ausserdem weigerte sich ein erwachsener Mann, der wegen seines Krankheitszustands in den nächsten Ort (Tabatinga) hätte transportiert werden müssen, das Dorf zu verlassen – erklärte, dass er es vorziehe, unter den Seinen zu sterben, als in ein Krankenhaus zu gehen.

Das führte zu grosser Unruhe. Der Mann war von der Malaria befallen und behauptete, dass die Weissen gar nichts tun könnten, um ihn zu retten – im Gegenteil: sie würden ihn darüber hinaus noch zusätzlichen übernatürlichen Gefahren aussetzen. Ironie seines Schicksals: Dieser Mann fühlte sich besonders verletzlich, weil er sich in einem schamanistischen Lernprozess befand und das Unglück von seinem Dorf abzuwenden suchte. Es war ein oder zwei Jahre her, dass ihm sein Vater, der längst gestorben war, ihm im Traum erschienen war, um ihn zu lehren, wie er die Seinen gegen Gefahren schützen könnte, von denen sie umgeben seien.

Viele Interviews enthüllen, dass seitdem jene Epidemien nach der Kontaktaufnahme die letzten Schamanen ihrer Gemeinschaft dahingerafft haben, sich die Matis gleichermassen verletzbar und abhängig von den Nicht-Indianern fühlen. Sie sprechen von sich als einem Waisen-Volk, da ihre Älteren zu früh starben, sodass sie ihnen nur wenig von ihren Kräften vermitteln konnten, die in ihnen wohnten. Indem sie die Vergangenheit ein bisschen idealisieren, bestätigen die gefragten Personen übereinstimmend, dass ihr Leben vor dem Erstkontakt unzweifelhaft besser gewesen sei, denn jene „importierten“ Krankheiten waren noch nicht über sie gekommen, während traditionelle Übel stets unter der Kontrolle der „xomerekit“ und der „dawëchekit“ (Schamanen und Kräuterexperten) von früher abgewendet worden waren. Mit ihrer Abwesenheit wird es zunehmend schwieriger innerhalb des Waldes in Ruhe und Frieden zu leben.

© Herausgeber-Team der Enziklopädie „Povos Indígenas no Brasil“
Nach dem Text „Qu’est-ce qu’un ‚ethnonyme‘?: L’exemple Matis (Amazonas, Brésil) “ (im Jahr 2004), von Philippe Erikson
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther

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