Matipu

Veröffentlicht am 30. Dezember 2009

Das Indiovolk der Matipu lebt im südlichen Teil des „Parque Indígena do Xingu“ und ist damit einer von zehn Indianerstämmen, welche in der Kulturregion des Oberen Xingu durch ein Netz von Tauschhandel und inter-gesellschaftlichen Zeremonien miteinander verbunden sind. Unter diesen Gruppen fühlen sich die Matipu besonders zu den anderen Repräsentanten der Karib-Familie hingezogen, den Kalapalo, den Kuikuro und den Nahukuá, mit denen sie auch durch Einheiraten enge Bande geknüpft haben.

Matipu

Andere Namen: keine bekannt
Sprache: aus der Familie Karib
Population: 149 (2011)
Region: Mato Grosso (Parque Indígena do Xingu)
INHALTSVERZEICHNIS
Erste Eindrücke von den Matipu
Lebensraum
Ernährung und Heilpflanzen
Materielle Kultur
Tanz und inter-gesellschftliche Rituale
Der Festkalender
Amussá (Etnia Matipú)
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nach obenErste Eindrücke von den Matipu

Eine Begegnung mit den Matipu bringt einige typische Eigenheiten zum Vorschein, die den Besucher in Erstaunen versetzen mögen. Zuerst einmal wird man überrascht von ihrem lauten Lachen, offen aber manchmal auch förmlich. Oder die frühmorgendlichen Schreie der Männer an der Eingangstür zu den Häusern. Der nachsichtige Blick der Frauen gegenüber dem Mutwillen der Kinder. Die unternehmungslustige Art der Kinder, ihre Freiheit und ihr Verantwortungsgefühl gegenüber den Hausarbeiten, und die tausend verschiedenen Spielereien, die sie mit Blättern, Holz, Wasser und Tieren erfinden – letztere wissen sie perfekt nachzuahmen. Hervorzuheben auch ihre privaten Umarbeitungen der wenigen, verschmutzten Kleider der „Caraíbas“ (Weissen), die sie besitzen, und ihre Hingabe zu ihrem wunderbaren Körperschmuck, wie zum Beispiel den Ketten aus Schneckenhaus-Plättchen, die so gut gehütet werden, dass sie stets wie neu aussehen.

Ein Matipu zu sein, zeigt sich auch im besonderen Ernst bei den Vorbereitungen der Zeremonien zur Initiation der Knaben – das Ritual „Iponhe“ anlässlich der Durchbohrung der Ohrläppchen der von Stammesführern abstammenden Jugendlichen, vereint mit einer freudigen Hingabe beim Singen und Tanzen und der Konfektion des Körperschmucks wie der Bemalung. Eine Hingabe, die viele Stunden verschlingt, in denen die Männer eigentlich mit der Feldbearbeitung oder dem Fischfang beschäftigt sein sollten – und die Frauen sich erheben und ihre Männer als Faulpelze beschimpfen, die in den Hängematten schaukeln, um ihre Instrumente zu stimmen und darüber die Welt vergessen – während die Frauen Maniok raspeln für den täglichen Konsum des „Beiju“-Fladenbrotes.

nach obenLebensraum

Die Matipu lebten in einem Dorf in der Nähe der Mündung von Rio Kurisevu und Rio Buriti, in der Umgebung einer Lagune. Im Jahr 2002 errichteten sie ein neues Dorf, das sie „Jagamü“ nennen, auch im Gebiet des Rio Kurisevu. Im traditionellen Dorf war eine politische Auseinandersetzung entbrannt, die zur Trennung der zwei gegnerischen Parteien führte. So gibt es jetzt zwei Matipu-Dörfer.

nach obenErnährung und Heilpflanzen

Die Matipu ernähren sich grundsätzlich von Fisch und Ackerbau und, im Gegensatz zu den grösseren Kommunen hat die Mehrheit der Bewohner keinen Zugang zu industrialisierten Lebensmitteln der Städte. Also leben sie fast ausschliesslich von Fisch und den Produkten aus der „wilden Maniok“ – wie Fladenbrot und Brei. Die von ihnen bevorzugten Fische sind (ihrer Bedeutung nach): der „Tucunaré“ (eine Hechtart), der „Bicuda“, die „Piranha“, der „Piau“, der „Penteado“, der „Peixe cachorro“, der „Pirarara“ und manchmal auch der „Matrinchã“ (Süsswasserwels). Eventuell gelingt es ihnen auch eine „Tracajá“ (Wasserschildkröte) und ihr Gelege aufzuspüren, oder ein paar Vögel zu schiessen, wie das „Mutum“ (Auerhahn) oder das „Jacu“ (Zigeunerhuhn) oder einen Affen. Als Gewürz benutzen sie „Homi“, eine kleine, scharfe Pfefferschote um den Fisch zu würzen, und das Salz „Agahe“ aus Wasserpflanzen – das „Salz der Índios“.

Als Heilmittel kennen sie die mehrere Pflanzen: die „Knamissuá“ zur schnellen Heilung und Vernarbung von Schnittwunden – man raspelt es, zerquetscht die Raspel und legt sie dann auf die Wunde. „Titirrerré“ macht Schluss mit dem Durchfall – man kocht es und nimmt es dann ein. Die „Já uhite“ ist eine Pflanze vom Ufer der Lagune – sie wird als „Viagra“ der Indianer verehrt: „damit die Männer bei guter Gesundheit bleiben“. Die Matipu kennen auch Heilmittel aus Wurzeln, wie das „Husago“, das man zur Straffung und Stärkung der Haut nach der Vernarbung anwendet. Und sie kennen Kräuter, die sie den Jugendlichen während der „Reklusion“ verabreichen, „um stark zu werden“.

nach obenMaterielle Kultur

Eine der Besonderheiten des lokalen Kunsthandwerks ist die „Halskette aus Schneckenhaus-Material“, deren männliches Modell – bestehend aus rechteckigen, einzeln zugeschliffenen Schneckenhaus-Plättchen – nur von Männern hergestellt wird. Während die runde Version – fingernagelgrosse, rund geschliffene Plättchen – einerseits von den Frauen als Halskette, andererseits von den Männern als Gürtel benutzt wird – und diese Version kann von beiden Geschlechtern angefertigt werden.

Die berühmten, zeremoniellen Sitzbänkchen, aus einem einzigen Stück Holz herausgeschnitzt, sind ebenfalls Stücke, die der Mann herstellt – sie werden als stilisierte Tierkörper, wie Vögel, Schildkröten, Kaimane und andere, dargestellt. Die Männer widmen sich auch dem Federschmuck, der Anfertigung von Tanzrasseln (gefüllt mit Samenkernen oder Kieselsteinen) und unterschiedlichen Halsketten (aus Schneckenhaus, Tierzähnen, Baumrinde und Fruchtkernen) – und die Korbflechterei ist ebenfalls eine Domäne der Männer. Besondere Erfahrung und Geschicklichkeit verlangt die Herstellung eines Kanus, wofür sie einen einzigen Baumstamm verwenden – deshalb heisst es auch „Canoa de pau furado“ (Kanu aus einem ausgehöhlten Stamm). Sie erzählen, dass in früherer Zeit die Kanus aus der Rinde eines Jatobá-Baums gemacht waren – sie aber heute den „Jacaraúba-Baum“ vorziehen – die Matipu nennen ihn „Katsehü“ (den Kanubaum).

Den Frauen kommt die Aufgabe der Hängemattenherstellung zu, eine kunsthandwerkliche Tätigkeit, die sie besonders gut beherrschen, so wie das Flechten von Schlafmatten und Vorlegern mit Tiermotiven (Schildkröte, Kaiman, Vögel), Halsketten und Armbänder aus Samen und Fruchtkernen (Tucum) und am liebsten aus eingetauschten Keramikperlen. Zur Herstellung der Hängematten benutzen sie Kordel aus Buriti-Fasern und Baumwolle – beide auf den Feldern des Dorfes gepflanzt und von den Frauen geerntet und verarbeitet.

nach obenTanz und inter-gesellschftliche Rituale

Im Tanz drücken die Matipu ihre ganze Kosmologie und ihre besondere Wesensart aus, die im Zusammenhang mit der Zeremonie sichtbar wird. Während ihrer Rituale geschieht es, dass der einen oder andere „wie ein Vogel tanzt“, das heisst, einen Vogel imitiert – einen Kampf mit einem Feind simuliert – oder einem Geist seinen Tanz widmet, der eine Krankheit verursacht hat. In allen diesen Fällen provoziert diese durch den Tanz ausgedrückte Mimik eine sichtbare Veränderung sowohl an der Person des Tanzenden als auch in der Gesellschaft. Deshalb spielt auch der Tanz eine so wichtige Rolle in der Erziehung der Matipu. (Näheres über die Rituale des Oberen Xingu lesen Sie im Text „Parque Indígena do Xingu“).

Besonders die Matipu präsentieren eine gewisse Tiefe, ein Entrücktsein, in ihrer Art zu tanzen. Für sie ist es von besonderer Bedeutung, zu einem Ritual in einem Nachbardorf eingeladen zu sein – oder auch nicht – denn eine solche Einladung steht in engem Zusammenhang mit Macht, und gleichzeitig auch mit Affinität, Freundschaft, Rivalität und Verführung. Deshalb lassen sie sich auch sehr viel Zeit für die Vervollkommnung im Training und in der Verschönerung ihrer Körper und ihres Charakters, die beide zu solchen Festen in Erscheinung treten.

nach obenDer Festkalender

Die Matipu-Feste folgen bestimmten Kriterien der Trocken- und der Regenperiode. Innerhalb der ersten finden die meisten inter-tribalen Rituale am Oberen Xingu statt.

An dieser Stelle sind die repräsentativsten Rituale dieser Gruppe aufgelistet, welche innerhalb der Trockenperiode stattfinden:
1. Egitsu (Kwarup in der Tupi-Sprache)
Ein Fest, welches sämtliche Dörfer des Oberen Xingu vereint und zu Ehren illustrer Toten veranstaltet wird.

2. Hagaka (Jawari in der Tupi-Sprache)
Ein Fest, welches als von den Trumai stammend angegeben wird. Eine Art „Seelen-Erlösung“ eines illustren Toten durch Gesänge, Tänze und einen Speer-Wettkampf. Die Mythologie der Aruak und Karib-Familie gibt an, das dies ein Fest zu Ehren der Vögel sei, besonders der Falken – und der Schlangen, inklusive „fliegenden Schlangen“.

3. Iponhe
Das „Fest der Vögel“ nach der Mythologie – und auch das Fest der Durchbohrung der Ohrläppchen von Knaben, welche die Voraussetzungen für Führungspersönlichkeiten des Oberen Xingu mit sich bringen – ausserdem ein Ritual des Übergangs zum Erwachsenen-Status (Initiation).

4. Itão Kuegu (Jamugikumalu in der Aruak- und Yamuricumã in der Tupi-Sprache)
Ein Fest der Frauen, bei dem sie, rituell gesehen, die öffentliche Macht übernehmen und den Dorfplatz besetzen. Dabei bedrohen und denunzieren sie öffentlich die Männer, welche ihre Aufgaben nicht erfüllen oder ihre Frauen betrügen. (Diese Rituale sind im Text „Parque Indígena do Xingu“ näher beschrieben).

Und nun die bedeutendsten Rituale während der Regenzeit:
5. Duhe
Das Fest der Papageien – aber auch der Eulen und des „Pacu“ (Speisefisch). Es findet in der Regel zwischen November bis April statt.

6. Kagutu
Hier geht es um die „heiligen Flöten“ des Oberen Xingu, deren Fest von den Frauen nicht gesehen, nur gehört, werden darf – es spielt auf den Diebstahl eines Objekts der Macht an. Dieses Ritual kann sowohl inter-kommunal als auch inter-tribal stattfinden – die Flöten werden innerhalb des Männerhauses geblasen, anschliessend wandern die Bläser rund um die Hütten des Dorfes – während die Frauen sich in ihren Häusern einschliessen müssen, mit dem Rücken gegen die Tonquellen gekehrt.

7. Takuaga
Ein typisches Fest der Karib-Familie vom Xingu – die es als von den Bakairi stammend bezeichnen. Fünf blutsverwandte Männer spielen (und tanzen) fünf Flöten unterschiedlicher Grösse und Tonalität – sie repräsentieren Vater, Mutter, zwei Kinder und den Grossvater. Dasselbe Ritual kann auch vom Medizinmann der Familie eines Kranken „verordnet“ werden.

So investieren die Matipu einen grossen Teil ihres gesellschaftlichen Lebens in die Vorbereitung und die Teilnahme an inter-kommunalen und inter-tribalen Ritualen und Zeremonien, in denen Gesang, Tanz und die Mythologie ihre besondere Vision vom Leben verkörpern und zum Ausdruck ihrer eigenwilligen Identität werden.

© Karin Maria Véras, Journalistin und Anthropologin, im April 2003
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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