Kiriri

Veröffentlicht am 30. Dezember 2009

Kiriri ist ein Wort aus dem Tupi-Sprachgebrauch und bedeutet “schweigend” oder “stumm”. Diese Bezeichnung soll angeblich von den Tupi-Stämmen der Küste auf die Bewohner des Inlandes, des “Sertão”, angewendet worden sein. Das Indiovolk der Kiriri hat sich unter allen anderen Indianervölkern des Nordostens durch seinen beispielhaften Kampf um sein Land und seine Rechte hervorgetan.

Kiriri

Andere Namen: Kariri
Sprache: aus der Familie Kariri –
inzwischen sprechen sie alle Portugiesisch
Population: 1.612 (2006)
Region: Norden des Bundesstaates Bahia
INHALTSVERZEICHNIS
Geschichte der Besetzung und des Erstkontakts
Gesellschaftspolitische Neustrukturierung
Lebensraum
Produktive Aktivitäten
Das Toré-Ritual
Sprache und Gesellschaftliche Organisation

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nach obenGeschichte der Besetzung und des Erstkontakts

Als Indianer der Küste war der Kontakt der Kiriri mit der weissen Rasse, historisch betrachtet, einer der ersten überhaupt – er vollzog sich bereits kurz nach der portugiesischen Invasion im 16. Jahrhundert. Anfang des 18. Jahrhunderts sprach der damalige König von Portugal “allen Dörfern des Sertão mit mehr als 100 Hütten eine “Legua” im Quadrat als Lebensraum zu – und entsprach damit den unermüdlichen Anträgen der Jesuiten-Missionare, welche sich um die Schlichtung der Konflikte bemühten, die aus der Ausweitung der Viehzucht zwischen Weissen und Indianern immer wieder entstanden.

So wurde auch “Saco de Morcegos”, eins der vier Kiriri-Dörfer, welche von den Jesuiten gegründet worden waren – damals mit einer Bevölkerung von 700 Familien – entsprechend nach dem Willen des Königs demarkiert, das bedeutete eine “Legua de Seismaria” (6.600 Meter) von seinem Mittelpunkt in alle Richtungen, entsprechend der Sitte jener Epoche, von der Missionskirche im Zentrum zu insgesamt acht kolateralen Punkten – eine Fläche, die damit ein gleichmässiges Oktagon von 12.320 Hektar bildete.

Die “Alvara Régio”, welche jenen Schenkungs-Prozess des Königs reglementierte, wurde allerdings lange Zeit von den verschiedensten Invasoren missachtet und zu einem Papier ohne Wert degradiert, mit dem die Indianer vergeblich versuchten, ihre Rechte auf jenes Stück Land zu garantieren – und nach der Ausweisung der Jesuiten aus Brasilien, im Jahr 1756, hoben dieselben weissen Invasoren “Saco de Morcegos” in den Stand einer “Vila” und gaben dem Ort den gegenwärtigen Namen “Mirandela”.

Die Einrichtung einer zivilen Administration in den Dörfern des Hinterlandes hatte einen Mischprozess zwischen Indianern und Siedlern zur Folge, der wiederum einer Invasion des indianischen Lebensraums Vorschub leistete und damit einen Prozess der “Desindianisierung” einleitete, dem die übrigen Dörfer der Kiriri nicht widerstanden – sie wurden ebenfalls in den Stand von “Vilas” erhoben und im Verlauf des 19. Jahrhunderts einer Administration von so genannten “Indianer-Direktoren” unterstellt.

Es ist wahrscheinlich, durch die kulturelle Verwandtschaft der dort ansässigen Indianer untereinander, dass ein grosser Teil der Bevölkerung dieser Dörfer sich nach Saco de Morcegos geflüchtet hat, dessen Überleben mit seiner entfernteren Lage von den landwirtschaftlichen Routen zu erklären ist, sowie einer relativ geringeren Fruchtbarkeit seiner Erde, im Vergleich mit jener der anderen Dörfer. Auf diese Weise könnte Saco de Morcego in fortschreitendem Masse auch von nicht-indigenen Bauern besetzt worden sein, die aus den höher im Kurs stehenden Arealen des Agreste rausgeekelt wurden.

nach obenGesellschaftspolitische Neustrukturierung

Die Zeit der Verfolgungen und administrativen Verordnungen, welche das 19. Jahrhundert beherrschten und die Aktionen der “Indianer-Direktoren” – immer öfter gegen die Rechte und Interessen der Indianer gerichtet, die eigentlich von diesen Staatsdienern beschützt werden sollten, nahmen nach der Abschaffung dieser Direktion eher noch zu – die von Indianern besetzten Ländereien waren der Besitzgier von Landbesetzern und kleineren Fazendeiros schutzlos ausgesetzt. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts sollten die Ländereien, welche ihnen vom König von Portugal einst überlassen worden waren, von den Kiriri eingefordert werden – Anstoss dazu gab die Einrichtung eines Postens des Serviço de Proteção aos Índios (SPI), des staatlichen Indianerschutzdienstes in Mirandela, im Jahr 1949. Jene Initiative – Resultat von unablässigen Eingaben an seinen Direktor und Gründer, Marschall Rondon, von Seiten des Pfarrers Renato Galvão aus dem Nachbardistrikt Cícero Dantas – wurde bestätigt durch einen Besuch des Ingenieurs Luiz Adami vom Landwirtschaftsministerium (1941) und vom Indianer-Sachverständigen Sílvio dos Santos (1947). Beide Berichte dieses offiziellen ersten Kontakts mit den Kiriri stellen die Tatsache heraus, mit welcher Genauigkeit diese Indianer sich auf das oktagonale Format bezogen, das ihrem eingeforderten Territorium zugrunde lag – und das sie aufzuzeichnen verstanden, inklusive aller acht Markierungen durch die es begrenzt war, obwohl einige von ihnen längst von Invasoren zerstört worden waren. In diesem Fall hatten sich die Indianer natürliche Kennzeichen und Markierungspunkte gemerkt, die jene Grenzmarkierungen ersetzten:

“Von der Fazenda “Picas” gegen Norden bis zum Stein der Quelle im Nordosten – dann zum Eisenholzbaum auf der Strasse nach Salgado im Westen – vom Eisenholzbaum zum Runenstein im Tal des Juá, im Südwesten – dann zum Batico-Stein in der Catuaba-Ebene, im extremen Süden der Region, an der Strasse nach Pombal – vom Batico nach Casa Vermelha, an der Strasse nach Curral Falso, im Südosten – von da zum “Pedra do Gentio” im Osten – dann nach “Marcação”, einer alten Fazenda, die noch bewohnt ist, an der Strasse nach Banzé im Nordosten – und von da schliesslich zum Ausgangspunkt” (Rosalba 1976).

Die Existenz eines Indianer-Postens in Mirandela schafft eine interethnische Verbindung, welche die indigene Herkunft der Kiriri offiziell legitimiert und damit eine legale Basis zwischen Indianern und der nationalen Gesellschaft schafft. Während der folgenden zwanzig Jahre nach seiner Einrichtung, die mit einer allgemeinen Dekadenz des SPI zusammenfielen, sind die Aktivitäten der Postenbeamten insofern bemerkenswert, als sie sich bemühten, Konflikte zwischen Indianern und Kolonisten zu schlichten, sowie kleinere Bitten der Indianer zu erfüllen, wie zum Beispiel den Bau einer Schule, eines Erste-Hilfe-Postens, ihnen Werkzeuge zu beschaffen oder Medikamente, etc. Allerdings wurde die Frage ihres Territoriums während jener Zeit nicht mehr behandelt, in Anbetracht jener dringenderen Erfordernisse.

Gegen Ende 1960 zeigen sich die Folgen des Niedergangs des SPI-Organs auch in Mirandela, auf einem vollkommen leeren Posten, der ausserdem noch gegenüber den Oligarchien seiner Nachbarschaft kompromittiert ist. Die Situation der Kiriri jener Zeit war geprägt von Auseinandersetzungen zwischen den indigenen Zentren, mit hohen Sterbeziffern und Alkoholsucht, sowie Angriffen von Nicht-Indianern.

Im Jahr 1972 – gegenüber einer totalen Operationsunfähigkeit von Seiten des Schutzorgans, damals schon die neue FUNAI, ausserdem gegenüber der Notwendigkeit, eine unabhängige, organisatorische Struktur zu schaffen, welche den regionalen Strukturen begegnen könnte und einen kollektiven Kampf um die Demarkierung ihres Territoriums aufnehmen würde – wählten die Kiriri einen indianischen Führer als ihren “Cacique” (Häuptling) – ausserdem einen Rat, der von einem Repräsentanten in jeder Kommune zu bilden war.

Im Verlauf des Organisationsprozesses, der jener Wahl des Häuptlings folgte, unternahmen die Kiriri eine Reihe von Aktionen – über deren Folgen man sie vorher aufgeklärt hatte – zur ethnischen Revitalisierung der Gruppe, zur Wiederaufnahme von Verbindungen mit anderen indigenen Gruppen und, die Vertrautmachung mit den administrativen Gepflogenheiten des Staates. 1976, als ein Postenchef auftauchte, der eine gewisse Erfahrung mit Indianern hatte, politisch unabhängig war und, vor allem, sich bereit zeigte, die kollektiven Projekte der Kiriri zu unterstützen, da war der Moment gekommen, sich in erster Linie auf die Politik zu konzentrieren und damit auf eine Entscheidung zur Demarkierung und zum Rausschmiss der Invasoren aus dem Indianerland – auf der Basis des vom König Portugals ihnen einst geschenkten Landes, mit anderen Worten, der 12.320 Hektar grossen Fläche, welche damals jener “Legua im Quadrat” entsprach – und plötzlich ging es voran:

1979
Organisation eines Kommunen-Feldes in der Catuaba-Ebene, die im Süden des Territoriums liegt, an der Strasse, welche die Bevölkerung von Mirandela mit dem Distrikt Ribeira do Pombal verbindet, charakterisiert durch eine starke regionale Besetzung von Invasoren.

1981
Demarkation des Indianerterritoriums Kiriri (IT) mit 12.320 Hektar Fläche.

1982
Besetzung der Fazenda “Picos”, gelegen in der Kommune “Lagoa Grande”, grösste Fazenda im Innern des Kiriri-Territoriums, unterhalten von Landbesetzern und Farmern als Befestigung gegen die Indianer. Ihr ehrgeiziger Besitzer, Artur Miranda, wurde von Politikern der Region unterstützt und von den Indianern als ihr Erzfeind betrachtet.

1985
Besetzung einer Fazenda von 700 ha innerhalb der Kommune “Baixa de Cangalha”.

1986
Die Kiriri blockieren eine wichtige Strasse von Mirandela zum Dorf Marcação und vereinnahmen sämtliche Besitztümer und Felder von dort ansässigen Siedlern.

1987
Die FUNAI findet die Siedler ab und der INCRA bringt 37 Siedlerfamilien von Nicht-Indianern aus dem Kiriri-Territorium auf den Fazendas “Taboa” und “Serrinha” im Distrikt “Quijigue” unter.

1989
85% des Kiriri-Territoriums bilden den Distrikt “Banzaé”- abgetrennt von Ribeira de Pombal in einem politischen Schachzug getarnt als ein Versuch, jenen Distrikt von der Gegenwart der Indianer “zu befreien”. Mirandela war strategisch als Sitz des neuen Distrikts ausersehen worden.

Zirka 50 Kiriri-Familien kampieren im Umfeld von Mirandela, nachdem ihre Behausungen von einer Überschwemmung teilweise zerstört worden sind. Sie halten sich permanent vor Ort auf, bis 1995, und bilden einen Widerstandskern, der auf die Nicht-Indianer in Mirandela Druck ausübt.

1990
Das IT-Kiriri erhält seine administrative Demarkierung im Dekret No. 98.828 vom 15. Januar offiziell bestätigt – nachträglich werden noch die auf diesem Land befindlichen Immobilien-Abfindungen geregelt – Reg. CI mat. 2969, Buch 2m, f. 83, vom 23. März desselben Jahres.

1991
Die FUNAI findet ein paar Nicht-Indianer in Mirandela ab und ihre Häuser werden von Familien der Kiriri besetzt.

1995
Die Kiriri besetzen ganz Mirandela und vertreiben sämtliche Nicht-Indianer aus dem Bezirk.

1996
Die Kiriri besetzen den Ort “Gado Velhaco” in 2,5 km Entfernung von Mirandela.

1997
Die Nicht-Indianer verlassen den Ort “Baixa da Cangalha”.

1998
Die Kiriri besetzen die Orte “Marcação, Araçá, Segredo” und “Pau Ferro” und vertreiben die letzten nicht-indianischen Bewohner aus dem Indianer-Territorium Kiriri.

nach obenLebensraum

Das Indianer-Territorium Kiriri hat eine Ausdehnung von 12.300 Hektar und befindet sich im Norden des Bundestaates Bahia, in den Distrikten von Banzaê (95%) und Quijingue (5%), in einer halbtrockenen Region, einem Übergangskorridor zwischen “Agreste” und “Caatinga”. Das geografische Relief der Gegend ist irregular, mit Vorkommen von Tafelbergen und Klippen mit weiten Ebenen dazwischen. Die Wasserläufe trocknen zeitweise aus wegen der geringen Regenfälle pro Jahr. Man kann eine akzentuierte Versteppung und Verwüstung beobachten, einen fortschreitenden Erosionsprozess, der von einer wirtschaftlichen Nutzung über mehr als drei Jahrhunderte provoziert wurde. Mirandela, Zentrum des IT, liegt 24km nordwestlich des Ortes Ribeira do Pombal, dem wirtschaftlichen Zentrum der Gegend.

Die traditionellen Zentren der Kiriri-Besetzung – Sacão, Baixa da Cangalha, Cantagalo, Lagoa Grande, Cacimba Seca – wurden in jüngerer Zeit durch Orte ersetzt, die einst von Nicht-Indianern gegründet worden waren: Mirandela, Gado Velhaco, Marcação, Araçá, Pau Ferro, Segredo, Baixa do Camamu, Baixa da Cangalha („Biombo“).

nach obenProduktive Aktivitäten

Die Kiriri betreiben in der Regel eine Landwirtschaft, die auf ihre Selbsterhaltung ausgerichtet ist – sie verkaufen sporadisch, und in kleineren Mengen, auch gewisse Überschüsse ihrer Felder, die in der Regel Maniok, Bohnen und Mais produzieren, darüber hinaus ein paar Gemüsesorten, die sie in den Gärten hinter ihren Häusern zu kultivieren pflegen. Aus der Gesamtproduktion wird ein Teil zum häuslichen Verbrauch während des Jahres aufbewahrt, ein anderer Teil sofort in Gebrauchsartikel für die Familie investiert. Eine andere Strategie besteht darin, sich eine kleine Reserve anzulegen, um sie für eine graduelle Anschaffung von Gütern zu nutzen und davon auch die Samen für die nächste Einsaat abzuzweigen.

Die wirtschaftlichen Aktivitäten der Kiriri sind in gewisser Weise auf den regionalen Markt ausgerichtet, und man kann beobachten, das die Spezialisierung der von ihnen produzierten Güter, sowie die praktizierte Landwirtschaft, die Möglichkeiten einer halb-autarken Wirtschaft stark begrenzen, und stattdessen eine aktive Kommunikation mit den nächsten kommerziellen Zentren erforderlich machen, die von den Kiriri regelmässig frequentiert werden, um dort ihre Produkte abzusetzen und dafür Artikel einzutauschen, welche lokal nicht produziert werden, wie zum Beispiel Fleisch, Kaffee, Speiseöl, Zucker, Salz und weitere Artikel von geringerer Bedeutung. Auf dem lokalen Markt verkaufen sie auch, je nach Jahreszeit, ihre Sammlung von Waldfrüchten, wie Cashew, Umbu und Pinha – ausserdem sporadisch auch ihr Kunsthandwerk, bestehend aus Keramik und Flechtarbeiten.

Die einzelnen Pflanzungs- und Erntezyklen der verschiedenen Kulturen sind so eingerichtet, dass sie ein Existenzminimum der Haushaltsgruppen während des landwirtschaftlichen Jahres garantieren. Die weissen Bohnen, zum Beispiel, auch als Typ “Carioca” oder “de arranca” bekannt, wird bei den Kiriri in Gemeinschaft mit dem Mais gepflanzt, und zur gleichen Zeit wie dieser: zwischen Ende April bis Ende Mai – die Ernte kann dann bereits ab August erfolgen. Die “Grünen Bohnen” oder auch “de rama” und “ligeirinho” (schnellwachsend) genannt, ebenfalls in Gemeinschaft mit dem Mais, werden im Februar gepflanzt und normalerweise zwischen Ende März bis Mitte Juli geerntet. Die Maniok dagegen, eine Pflanze mit relativ langem Wachstumszyklus – zwischen ein bis einundeinhalb Jahren – wird in den Monaten Juni, Juli und August geerntet, und dann beginnt man mit den “Farinhadas” – der Verarbeitung der Maniok zu Mehl.

Die Kiriri verfügen gegenwärtig über motorisierte, so genannte “Casas-de-Farinha” (Maniok-Verarbeitungseinheiten), die der Kommune von der FUNAI übergeben worden sind und die ehemaligen handbetriebenen Verarbeitungs-Mühlen der einzelnen Familien ersetzt haben. Mit diesen motorisierten Einheiten verarbeitet jede Haushaltsgruppe ihre jeweilige Feldproduktion und bezahlt dafür eine Nutzungsgebühr in Form einer gewissen Menge Maniokmehl an die Dorfadministration. Der regionalen Sitte unter den Bauern folgend, ist die Kernfamilie der Kiriri die basische Produktions- und Verbrauchseinheit, und die Zusammenarbeit aller ihrer Glieder, von Kindheit an, ist kontinuierlich und notwendig für ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Erhaltung und Weiterentwicklung. Die unterschiedlichen pflanzlichen Kulturen der Felder – die oft sehr weit auseinanderliegen – bedeuten auch eine Vorsichtsmassnahme gegen eventuelle Ernteausfälle in der einen oder anderen Region, die einerseits mit der rückgängigen Fruchtbarkeit des Bodens zutun haben können oder mit Schädlingsbefall, zum Beispiel.

Ausser jenen Arbeiten, welche innerhalb der Hausarbeitsgruppe selbst erledigt werden, gibt es interfamiliäre Kooperationsstrukturen, die als “Batallione” bezeichnet werden und an denen sich im Allgemeinen nur Mitglieder der Kiriri-Ethnie beteiligen. Dieser Kooperation liegt ein “Austausch von Tagen” zugrunde – das heisst: Gruppen, die verwandtschaftlich miteinander verbunden sind, stellen sich in diesem “Batalion” zur Verfügung um gemeinsam heute das Feld der einen und morgen das Feld einer anderen Familie zu bearbeiten – jede Familie der Beteiligten kommt mal dran. Der jeweilige “Herr des Batallions”, das ist jenes Familienoberhaupt, dessen Feld gerade bearbeitet wird, muss für die Verpflegung des “Batallions” an diesem Tag sorgen.

Eine andere Art von Gemeinschaftsarbeit führt das “Ausserordentliche Batallion” durch, wenn Arbeiten anstehen, die nur gelegentlich einmal erforderlich sind, wie zum Beispiel der Bau eines Hauses, einer Schule oder auch die Neuanlage von Feldern. Zu einem solchen Unternehmen lädt man längere Zeit im Voraus eine entsprechende Zahl von Mitarbeitern ein, die sich aus Verwandten, Nachbarn und Freunden zusammensetzen, und sich das vorhandene Essen und Trinken teilen. Auf den Feldern der Kiriri – und auch auf jenen der Bauern der Region – benutzt man ein technisches Instrumentarium, welches aus Hacken, Spaten, Rechen, Pflug, Sichel und anderen Handwerkzeugen besteht. Kein Indianer verfügt über künstliche oder chemische Düngemittel (die sie als “Gifte” bezeichnen). Um mit ihrem relativ geringen fruchtbaren Bodenbestandteil auszukommen, haben sie gelernt, unterschiedliche Pflanzengattungen gemeinsam anzupflanzen und auch von Jahr zu Jahr die Kulturen eines Feldes zu wechseln.

Die einzelnen Aktivitäten des landwirtschaftlichen Jahres sind sehr unterschiedlich und mehr oder weniger aufwendig, je nach den Notwendigkeiten der jeweiligen Saison – deutlich ist ein Rückgang der Aktivitäten in den Sommermonaten zu beobachten, kritische Monate, in denen sich die meisten Männer der Kommune gegen Bezahlung bei regionalen Unternehmen verdingen.

nach obenDas Toré-Ritual

1974 organisierten Führer der Kiriri eine Karawane von zirka einhundert Indianern zum Indianer-Territorium (IT) Tuxá, im Distrikt Rodelas, im Norden des Staates Bahia. Primär, um ein Fussballspiel zwischen den beiden Völkern auszutragen, aber auch in der Absicht, dem dortigen Toré-Ritual beizuwohnen und es zu erlernen. “Toré” ist ein Ritual innerhalb eines unter den Völkern des Sertão weit verbreiteten Glaubenszyklus – in seinem Mittelpunkt steht das “Jurema” (Cf. Nascimento, 1994 – Jurema ist ein Narkotikum, das die Indianer aus Pflanzen gewinnen). Unter den Stämmen des Nordostens ist das Toré-Ritual ein Symbol der ethnischen Einheit, Quelle ideologischer Elemente und der Legitimierung politischer Ziele. In die erlernte Struktur des Toré haben die Kiriri dann neue Elemente einfliessen lassen: zum Beispiel ihre “encantados” (übernatürliche Wesen), welche jenen beigeordnet wurden, die man von den Tuxá ausgeliehen hatte, und denen man zunehmend mehr Bedeutung gab – das übernommene melodische Repertoire ergänzten die Kiriri mit ihren eigenen Melodien, und sogar die Choreographie sowie die entsprechende Körperbemalung und –schmuck wurden gewissen Innovationen unterzogen (Martins, 1985).

Das Toré-Ritual wird in der Regel in einer Samstagnacht zelebriert – mit einer Unterbrechung in den Osterwochen – auf weiträumigen Terrains mit einem verschlossenen Haus, in dem der Behälter mit “Jurema” aufbewahrt wird, und in dem sich die privaten Sequenzen des Rituals abspielen. Die Zeremonie beginnt mit der Versammlung der Teilnehmer auf dem grossen Platz und innerhalb des erwähnten Hauses, von wo aus eine Art von Beweihräucherung ihren Anfang nimmt, die sich dann über das gesamte Terrain ausbreitet, mittels grosser, konischer Pfeifen aus Holz, die mit einem Schnitzrelief geschmückt sind. Bestimmte Personen beginnen mit dem Inhalieren der “Jurema” – sie tanzen und inhalieren abwechselnd die Droge, welche ihnen von den Ältesten oder politisch einflussreichsten Personen dargeboten wird. Kommandiert vom Schamanen folgen die “Säuberungsarbeiten” des Terrains – mit einer Trillerpfeife ruft er die “Encantados” (Geistwesen) an, sich an dem Fest zu beteiligen. Jetzt stellt man sich auf zu den allgemeinen Gesänge, anfangs in langer Reihe, mit dem Schamanen an der Spitze, gefolgt von den Männern, den Frauen und den Kindern – in dieser Reihenfolge. Die lange Reihe schlängelt sich über das gesamte Terrain, in choreographisch festgelegten Bewegungen, und mit jedem neuen Liedabschnitt steigern sich die Emotionen der Menge bis zum Klimax, der im “Eintreffen” der “Encantos” gipfelt: mit den offensichtlichen Zeichen der Trance der “Mestras”, deren Körper sich die Geistwesen bemächtigen.

In diesem Moment verändert sich die Form der langen Menschenschlange – man gruppiert sich nunmehr rund um die “Encantos”, welche sich in der Mitte des Terrains postiert haben und die sie umringenden Personen in einer Sprache anreden, die anscheinend indigenen Ursprungs sein soll, die aber auch von den Kiriri nicht mehr verstanden wird. Anschliessend werden die “Geistwesen” zu jenem isoliert stehenden Haus geführt, um von einzelnen Personen konsultiert zu werden – sowohl im kommunalen als auch im privaten Bereich – die Vermittler und Interpreten ihrer Botschaften sind die politischen Führer der Kiriri und, im besonderen, die Schamanen (Rocha Jr.,1983).

nach obenSprache und Gesellschaftliche Organisation

Heute sprechen die Kiriri lediglich Portugiesisch, obwohl sie sporadisch noch ein paar Fragmente des Kipeá-Dialekts gebrauchen, aus der Kariri-Sprachfamilie. Gegen Ende der 80er Jahre verdoppelten die Kiriri ihre politische Struktur, indem sie sich in zwei Fraktionen organisierten – gegenwärtig die effektivsten Einheiten politischer Aktionen innerhalb der Gruppe – geführt von ihren jeweiligen Häuptlingen, Schamanen und Ratgebern. Jeder Häuptling wird von seinen Ratgebern unterstützt, so genannten “lokalen Chefs”, die verantwortlich sind für die Administration der einzelnen “Nucleos”, welche die kleinste politische Einheit der Kiriri darstellen. Historisch gesehen, sind unter diesen “Nucleos” jene Areale zu verstehen, auf denen sich diese Indianer dermaleinst festgesetzt hatten, bis zum Ende des missionarischen Dorfes in ihrem Zentrum in Mirandela. Jedes dieser “Nucleos”, insgesamt sind es sechs, untersteht der Autorität eines Ratgebers, dem ein “Adjutant” assistiert.

Unter der Bevölkerung der Kiriri gibt es eine mehr oder weniger kontinuierliche Ab- und Zuwanderung, welche von politischen oder gesellschaftlichen Konflikten angetrieben wird. Ausserdem gibt es mit relativer Regelmässigkeit saisonale Abwanderungen, um sich in grösseren Städten oder bei benachbarten Grossgrundbesitzern ein Zusatzgeld zu verdienen – aber zur Pflanz- oder Erntezeit ist man dann wieder zurück.

© Sheila Brasileiro – Analistin in Anthropologie am PR-BA/MPF
Doktortitel in Sozialwissenschaften FFCH/UFBA – Juli 2003
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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