Katukina Pano

Veröffentlicht am 30. November 2014

Es ist keine leichte Aufgabe herauszufinden, wer die eigentlichen “Katukina Pano“ sind, wenn man sich einzig und allein an dieser Bezeichnung orientieren kann. Seit der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts existieren historische Aufzeichnungen von Missionaren, Reisenden und Regierungsbeamten über die indigenen Völker am Rio Juruá, die sich auf Gruppen beziehen, die unter dem Namen “Katukina Pano“ bekannt sind. Dieser Name ist jedoch eine genetische Bezeichnung, die man insgesamt fünf Volksgruppen gegeben hat, welche zwar geografisch gesehen unweit voneinander leben, sich jedoch unterschiedlicher Sprachen bedienen – so der Anthropologe Paul Rivet (1920). Gegenwärtig sind es nur noch drei Gruppen: eine der linguistischen Familie “Katukina“ in der Region des Rio Jutaí, im Bundesstaat Amazonas, und zwei der linguistischen Familie “Pano“ im Bundesstaat Acre.

Katukina Pano

Andere Namen: Catuquina, Katokina, Katukena und Katukino
Sprachfamilie: Pano
Population: 594 (2010)
Region: Bundesstaat Acre
INHALTSVERZEICHNIS
Name
Sprache
Lebensraum
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Kontakt mit anderen Ethnien
Gesellschaftliches Leben
Die Katukina-Clans
Eigennamen
Männer und Frauen – das häusliche Leben
Das Zuckerrohr-Spiel
Quellenangaben

nach obenName

Keine der beiden “Pano“-Gruppen anerkennt den Namen “Katukina“ als Selbstbezeichnung. Die Mitglieder der einen Gruppe am Ufer des Rio Envira, nahe der Stadt “Feijó“, ziehen es vor, mit ihrer Selbstbezeichnung “Shanenawa“ aufzutreten. Die andern können vom Namen “Katukina“ zwar keinerlei Beziehung zu ihrer Sprache herstellen, haben ihn aber akzeptiert und sagen, dass ihnen dieser Name “von der Regierung verpasst“ wurde.

Der vorliegende Text behandelt lediglich die letzte dieser drei Gruppen. Der Name “Katukina“ wurde von den Mitgliedern ihrer Dörfer, die am Rio Campinas und Rio Gregório stehen, einst akzeptiert, unklar ist, wie er eigentlich zustande kam, da er mit ihrem linguistischen Hintergrund in keiner erkennbaren Beziehung zu stehen scheint. Führende Persönlichkeiten der jüngeren Generation haben sich in den letzten Jahren allerdings entschieden, die Bezeichnung “Noke Kuin“ als Name ihres Volkes zu propagieren, was frei übersetzt “Wahre Menschen“ bedeutet. Innerhalb ihrer Gemeinschaft kennt man weitere sechs Selbstbezeichnungen, die sich auf ihre Clans beziehen, in die ihr Volk aufgeteilt ist:

“Varinawa“ (Volk der Sonne), “Kamanawa“ (Volk des Jaguars), “Satanawa“ (Volk des Otters), “Waninawa“ (Volk der Pupunha – eine Palmfrucht), “Nainawa“ (Volk des Himmels) und “Numamawa“ (Volk der Juriti – Wildtaube). An dieser Stelle fällt auf, dass diese Bezeichnungen – mit Ausnahme von “Nainawa“ – mit einigen Clan-Bezeichnungen des Volkes der “Marubo“ identisch sind.

nach obenSprache

Die Sprache “Katukina” gehört zur linguistischen Familie “Pano”. Nasal gesprochene Laute gehören zu ihren Charakteristika. Der grösste Teil ihrer Worte ist zweisilbig und oksyton, (d.h. die Betonung liegt auf der letzten Silbe), und neue Worte können durch eine Kombination zweier Worte gebildet werden oder durch anhängen eines oder mehrerer so genannten “Suffixe“ – End- oder Nachsilben. Alle Katukina unterhalten sich miteinander nur in ihrer eigenen Sprache. Portugiesisch kommt lediglich für Interaktionen mit den Weissen zur Anwendung. Trotz ihres langjährigen Kontakts mit diesen, kann nur etwa die Hälfte der Katukina-Bevölkerung portugiesisch sprechen. Die von den Katukina der Flüsse Campinas und Gregório gepflegte Sprache unterscheidet sich wesentlich von jener der “Shanenawa“.

nach obenLebensraum

Der Lebensraum der Katukina besteht aus zwei Indigenen Territorien (IT) – das Volk am Rio Gregório lebt in einem IT, welches als erstes im Bundesstaat Acre demarkiert wurde, im Munizip Tarauacá – zusammen mit ihnen leben die Indios “Yawanawá“. Dieses IT wurde nach einer Revision seiner Grenzen im Jahr 2006 erweitert. Seine Bewohner leben in Dörfern am Rio Gregório und am Rio Tauari.

Das IT am Rio Campinas, der die Grenze zwischen den Bundesstaaten Acre und Amazonas bildet, befindet sich im Grenzgebiet der Munizipien “Tarauacá“ (Acre) und “Ipixuna (Amazonas). “Cruzeiro do Sul“ ist die dem IT nächstgelegene Stadt (55 km). Das Territorium wird von Ost nach West in seiner gesamten Ausdehnung von einer Landstrasse durchquert, der BR-364 (Rio Branco – Cruzeiro do Sul). Am Rand dieser Strasse verteilen sich die dort ansässigen Katukina auf fünf Siedlungen: “Campinas, Varinawa, Samaúma, Masheya“ und “Bananeira“.

Zu Beginn des Jahres 2000 trieb man die Asphaltierung der Strasse durch das IT am Rio Campinas voran, was zu einer starken Veränderung der ökologischen und wirtschaftlichen Situation führte. Heute sind die jagdbaren Tiere selten geworden, ein grosser Teil der Ernährung besteht inzwischen aus Industrieprodukten aus der Stadt, und der Verkehr von Fahrzeugen und fremden Personen innerhalb des IT hat zugenommen.

nach obenBevölkerung

In den letzten drei Jahrzehnten erfuhren die Katukina ein Bevölkerungswachstum von mehr als 300%. Nach Aufzeichnungen der FUNAI betrug die Gesamtzahl der Katukina 177 Personen im Jahr 1977 – 100 im Dorf des Rio Gregório und 77 im Dorf am Rio Campinas. Nach etwa mehr als 20 Jahren zählte man 1998 eine Bevölkerung von 318 Personen: 98 im IT des Rio Gregório und 220 im IT des Rio Campinas. Im Jahr 2008 hatte sich die Katukina-Population auf 585 Personen erhöht (nach FUNASA): davon 503 im IT des Rio Campinas und 82 in den Dörfern am Rio Gregório.

Umzüge von einem IT ins andere sind häufig und hängen von der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Situation des einen oder anderen ITs in bestimmten Perioden ab. Gegenwärtig konzentriert sich der grösste Teil der Katukina-Bevölkerung im IT-Campinas wegen eines Umzugs der Bevölkerung zwischen 1994 und 1997 und verstärkte sich, als die Asphaltierungsarbeiten der BR-364 begannen.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Die Katukina, so wie die anderen indigenen Gruppen am Oberen Juruá, wurden praktisch eingekreist von der wirtschaftlichen Ausbeutung dieser Region – etwa um 1880, angefangen mit der Extraktion des Naturgummis. Die von ihnen bewohnte Region war reich an Kautschuk (Castilloa elastica) und Latex (Hevea brasiliensis) und wurde deshalb von Peruanern und Brasilianern gleichermassen besetzt, die von zwei gegensätzlichen Seiten dort eindrangen. Erstere blieben nicht lange, denn sie waren hinter dem Kautschuk her, den man durch Fällen der Bäume gewann – weshalb ihre Quellen bald versiegten. Während die brasilianischen Latexsammler sich dort auf länger einquartierten, denn ihre oberflächlichen Einschnitte in den Stämmen der Hevea brasiliensis erlaubten eine Extraktion des Latex über unbestimmte Zeit.

In den ersten Jahren ihres Kontakts mit den Weissen erlebten die Katukina eine Periode kontinuierlicher Umzüge, durch die sie versuchten, ihr Leben vor den konstanten Überfällen durch Exterminierungs-Kommandos zu retten, deren Ziel es war, die indigene Bevölkerung zu eliminieren, um ihre Sammleraktivitäten nicht zu stören – organisiert wurden diese Killer-Expeditionen sowohl von peruanischer wie von brasilianischer Seite. Stets auf der Flucht, verteilten sich die Katukina in der Region, ohne Möglichkeiten sich wieder zu vereinen wanderten sie durch den Wald, lebten von der Jagd, vom Sammeln und auch von Diebstählen in den Feldern der Weissen, die sie unterwegs kreuzten, denn sie selbst konnten keine mehr anlegen, da sie den Killer-Kommandos ihren Standort verraten hätten.

Anfang des 20. Jahrhunderts ging die Verfolgung der Indios zurück, eines Teils weil die Kautschukbäume inzwischen rar geworden waren, zum andern weil sich Grenzkonflikte zwischen Brasilien und Peru ergeben hatten, die mit einem Vertrag im Jahr 1909 beigelegt wurden. Dann fiel der Gummi-Preis auf dem Weltmarkt so stark (1912), dass auch die Verfolgungen der Indios von brasilianischer Seite eingestellt wurden. Die Katukina jedoch wurden noch lange von jenem Trauma permanenter Verfolgung geplagt – noch heute erzählen sie von diesen Horror-Erinnerungen, die ihnen von ihren Vätern und Grossvätern übermittelt wurden – sie erzählen von Flucht und Tod, von endloser Gewalt und zerstückelten Körpern.

Mit der Besiedelung der Region wurde den Katukina ihr angestammtes Territorium drastisch beschnitten – und man darf auch die vielen Mitglieder ihres Volkes nicht vergessen, die an den eingeschleppten Zivilisationskrankheiten starben, weil ihr Organismus gegen sie keine Antikörper zu bilden imstande war. Ohne andere Alternative engagierten sich die Katukina schliesslich bei den Latex-Sammlern, blieben jedoch auf einzelne Kernfamilien verteilt in der Region, und diese arbeiteten jeweils für unterschiedliche Unternehmen. Diese Art der Existenz führte zu einem Verfall ihrer Gesellschaft, denn sie waren nicht mehr in der Lage, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und kulturellen Prinzipien zu gestalten und zu organisieren.

In diesem Hin und Her zwischen Flüssen und Latexunternehmen blieb der Rio Gregório ihr zentraler Sammelpunkt – genauer die Latex-Sammelstelle “Sete Estrelas“ – zu der alle Katukina stets nach verschieden langen Perioden der Abwesenheit zurückkehrten. In den 50er Jahren gab es eine Unterbrechung dieser Umzüge, und der grösste Teil der Katukina, wenn nicht alle, waren im Latex-Camp “Sete Estrelas“ versammelt. Dann geschah eine Trennung innerhalb dieser Gruppe – einerseits wegen einer Auseinandersetzung zwischen dem Häuptling der Katukina und dem neuen Kommandanten des Latex-Camps, andererseits auch wegen einem Streit mit den “Yawanawá“ – einem benachbarten indigenen Pano-Volk ihres Dorfes am Rio Gregório, mit denen ihr Verhältnis schon immer zwischen offener Feindschaft und gespielter Freundschaft geschwankt hatte. Ein Teil der Gruppe machte sich auf, einen neuen Arbeitgeber zu suchen, die Konflikte mit den “Yawanawá“ hinter sich zu lassen und sich einen neuen Ort zum Errichten ihrer Hütten zu suchen. Den neuen Arbeitgeber fanden sie in einem Latex-Camp nahe der Mündung des Rio da Liberdade, im Grenzgebiet zwischen den Bundesstaaten Acre und Amazonas, wo sie acht Jahre lang lebten.

Zwei Ereignisse aus den 70er Jahren trugen zur derzeitigen definitiven Festlegung der Katukina-Dörfer bei: die Eröffnung der BR-364 (Strasse von Rio Branco nach Cruzeiro do Sul) und die Ankunft der Mission “Missão Novas Tribos do Brasil“ (MNTB), welche die Katukina des Rio Gregório mit der christlichen Botschaft beglücken wollten. Jene Gruppe, die sich ein Jahrzehnt zuvor zum Rio da Liberdade abgesetzt hatte, schloss sich nun dem 7. Strassenbau-Bataillon (BEC) an, um bei der Abholzung für den Bau der Strasse zu helfen – andere kamen zu demselben Zweck vom Rio Gregório hinzu. Nach Beendigung der Abholzung bekamen die Katukina die Erlaubnis vom 7.BEC, am Rand dieser Strasse zu wohnen – dies schien ihnen ein guter Platz zu sein, wegen seiner Nähe zur Stadt “Cruzeiro do Sul“, wo sie ihre Produkte verkaufen und die Industrieprodukte für ihre Existenz bekommen könnten. Jene, die es vorzogen, ins Dorf am Rio Gregório zurückzukehren und dort zu bleiben, sahen in den Missionaren des MNTB eine Möglichkeit, medizinische und erzieherische Unterstützung zu bekommen.

Dann endlich in der Mitte der 80er Jahre, nach so vielen Jahren des Herumirrens und der Umzüge, sahen sich die Katukina im Besitz eines gesetzlich garantierten Lebensraums innerhalb des ihnen vertrauten Territoriums – hier blieben sie und gaben alle Verbindungen mit den Latex-Baronen endgültig auf.

nach obenKontakt mit anderen Ethnien

Im Verlauf ihrer Geschichte kamen die Katukina mit verschiedenen indigenen Gruppen der Juruá-Region in friedlichen und auch feindlichen Kontakt – erst vor kurzem auch mit Gruppen aus der Region des Rio Javari. Die “Kulina“, die “Yawanawá“ und die “Marúbo“ sind die drei Gruppen, mit denen diese Kontakte als besonders intensiv und signifikant bezeichnet werden können.

Der Kontakt zwischen Katukina und Kulina – letztere gehören zur Sprachfamilie “Arawá“ und leben gegenwärtig in verschiedenen Dörfern entlang der Flüsse Juruá und Purus, in Brasilien und in Peru – war bis in die 60er Jahre sehr häufig. Mitglieder beider Gruppen pflegten die Durchführung bestimmter Rituale gemeinsam zu zelebrieren. Heutzutage treffen sie sich nicht mehr, denn durch die vielen Umzüge der Kulina wohnen beide Gruppen inzwischen weit entfernt voneinander – aber die Katukina erinnern sich gut an die Gesänge, die sie von den Kulina gelernt haben. Sie wurden ins musikalische Repertoire der Katukina aufgenommen und werden heute noch von ihnen intoniert, obwohl sie ihren Inhalt nicht verstehen.

Die Pano-Gruppe der “Yawanawá“ ist der nächste und älteste Nachbar der Katukina – heute teilen sie sich das IT am Rio Gregório mit ihnen. Die Yawanawá waren aber auch einst ihre meist gehassten Feinde – sie werden von den Katukina beschuldigt, in der Vergangenheit ihre Frauen geraubt und Krieg gegen sie angefangen zu haben. Beschuldigungen der Hexerei, ebenfalls häufig, halten sich bis in unsere Zeit. Trotz ihrer Rivalitäten gehen sie jedoch in der Regel friedlich miteinander um. Gemeinsame Rituale, Heiraten untereinander und sogar Wohngemeinschaften – in Vergangenheit und Gegenwart – sind nicht selten. Die Ambivalenz bestimmt ihre Beziehungen, vor der direkten Opposition. Und das funktioniert so gut, dass jene unzähligen Jahre der Rivalität sie niemals definitiv auseinander gebracht haben – in den 80er Jahren haben sich die beiden Gruppen sogar zusammengefunden, um gemeinsam de Demarkierung ihres Territoriums voranzutreiben.

Die “Marúbo“, etwas weiter weg, unterhalten ebenfalls regelmässigen Kontakt mit den Katukina – aber erst seit wenigen Jahren. Diese kurze Zeit der Annäherung hat jedoch bewirkt, dass sich die Katukina heute am meisten mit ihnen identifizieren. Das erste Treffen zwischen den beiden Gruppen scheint innerhalb der 80er Jahre stattgefunden zu haben, als Missionare des MNTB (die ebenfalls unter den Marúbo des Rio Ituí tätig sind) zwei Katukina vom Rio Gregório zu den Marúbo mitnahmen, um sie kennenzulernen. Jedoch scheint dieser Besuch keine weiteren Folgen gehabt zu haben. Die Annäherung der Katukina und Marúbo geschah erst im folgenden Jahrzehnt, 1992, durch eine zufällige Begegnung am Hafen der Stadt “Cruzeiro do Sul“: Die Katukina spazierten durch die Hafengegend, als sie ein paar Worte vernahmen, die ihrer Sprache sehr ähnlich waren – also näherten sie sich. Sie stellten sich vor, wechselten ein paar Worte und entdeckten dann, dass sie ausser der Sprache noch andere Gemeinsamkeiten hatten. Die bedeutendsten waren ihre Clan-Bezeichnungen, bei denen es ebenfalls solche Namen wie “Satanawa, Varinawa, Kamanawa, Waninawa“ und “Numanawa“ gab. Bei dieser Gelegenheit tauschten sie ein paar Geschenke aus und vereinbarten neue Zusammentreffen.

Nach dieser bedeutsamen Begegnung in “Cruzeiro do Sul“ begannen einige Katukina die Dörfer der Marúbo am Rio Ituí zu besuchen – und kurz darauf folgte ein Gegenbesuch der Marúbo in den Dörfern des IT am Rio Campinas. Nach diesen Besuchen begannen die Katukina über die Ähnlichkeiten und Unterschiede nachzudenken, die sie zwischen den Marúbo und sich selbst festgestellt hatten, und über die Gründe, mit denen man sie erklären könnte. Sie kamen zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich in ferner Vergangenheit einmal ein einziges Volk gewesen sein müssen. Allerdings muss die Trennung voneinander schon vor sehr langer Zeit stattgefunden haben, denn weder die Ältesten der Katukina noch der Marúbo konnten sich an eine solche Trennung erinnern oder hatten durch ihre Vorfahren von ihr gehört. Sie musste noch lange vor der Begegnung mit den Weissen stattgefunden haben.

Nach Auskunft der Katukina kann man ihre Ähnlichkeiten mit denen der Marúbos an verschiedenen Aspekten feststellen: Die Marúbo unterteilen sich in verschiedene Sektionen, und einige von ihnen haben die gleichen Namen wie die Clans der Katukina – die Sprache der Marúbo ist der Katukina-Sprache ähnlich – die Gemeinschaftshäuser, in denen die Marúbo leben, sind den Häusern ähnlich, in denen die Katukina vor dem Kontakt mit den Weissen lebten. Die Katukina sind sich darüber einig, dass die Art und Weise, in der die Marúbo heute leben, genau ihrer eigenen Lebensart in der Vergangenheit entspricht – sie betrachten die Marúbo als eine “Proto-Katukina-Gesellschaft“.

nach obenGesellschaftliches Leben

Die übliche Komposition der Katukina-Dörfer besteht aus so genannten “Haushalts-Gruppen“, die sich aus einem älteren Ehepaar, umgeben von ihren Söhnen und unverheirateten Töchtern, den verheirateten Söhnen, Schwiegertöchtern und Enkeln zusammensetzen. Nach der Heirat zieht die Ehefrau ins Haus ihres Ehemannes um. Diese Regelung kehrt jene Regel um, die in der Vergangenheit üblich war, als die frisch gebackenen Ehemänner ins Haus des Schwiegervaters umziehen mussten. Vereint durch die Bande der Verwandtschaft und der Ehen, kooperieren die Bewohner derselben “Haushalts-Gruppe“ miteinander in Bezug auf die täglichen Aktivitäten.

Im Dorf am Rio Campinas bestehen die Haushalts-Gruppen aus zwei bis sieben Häusern, die sich am Strassenrand entlang ziehen – mit unterschiedlichen Entfernungen voneinander, vielleicht zwischen fünf bis zehn Minuten zu Fuss. Während im Dorf am Rio Gregório fast alle Haushalts-Gruppen am rechten Ufer des Flusses verteilt sind, in der Nähe des Flugfeldes und der Niederlassung des MNTB.

Die Regeln betreffs einer Eheschliessung bei den Katukina bestimmen, dass ein Mann sich mit einer Frau verheiratet, die er seine “Pano“ nennt – eine Kategorie, welche die Tochter des Bruders seiner Mutter und die Tochter der Schwester seines Vaters einschliesst. Eine Frau verheiratet sich mit ihrem “Txai“ – eine Kategorie, die den Sohn des Bruders ihrer Mutter und den Sohn der Schwester ihres Vaters einschliesst. Es ist üblich, dass ein Mann nach einer Scheidung oder als Witwer die Schwester seiner Ex-Gattin heiratet. Polygamie ist erlaubt – normalerweise sind die Frauen eines Mannes Schwestern.

Die Katukina besitzen ein weit gefächertes Repertoire an Mythen, die von den Strafen Jener erzählen, die sich des Inzests schuldig gemacht haben. Der Mond ist der Kopf von “Oshe“, einem Jüngling, den man beim Geschlechtsverkehr mit seiner Schwester ertappte, und der sich, um der Todesstrafe zu entgehen, in den Himmel flüchtete. Jeder heranwachsende Katukina kennt diese Geschichten, die ihnen unzählige Male während ihrer Kindheit von den Grosseltern erzählt worden sind.

nach obenDie Katukina-Clans

Wie schon berichtet, unterteilen sich die Katukina in sechs Clans: “Varinawa, Kamanawa, Nainawa, Waninawa, Satanawa“ und “Numanawa“. Diese Clans organisieren sich mittels eines Prinzips der einseitigen Abstammung – allerdings sind sie sich uneinig, ob dieses Prinzip auf mütterlicher oder auf väterlicher Seite beruhen sollte – die Einen verteidigen diese und die Andern jene Seite. Immer wieder entbrennen heisse Diskussionen um diesen Streitpunkt der “korrekten“ Abstammungsseite. Die Einen behaupten, dass sie sich in Übereinstimmung mit ihrer Vergangenheit auf die Abstammung von ihrer Mutter beziehen – die Andern, als Verteidiger der väterlichen Herkunft, behaupten, dass es in jüngeren Jahren eine Umkehrung dieser antiken Regel gegeben habe.

Was diese Diskussion immer wieder aufflammen lässt, ist die Idee eines “korrekten, reinen“ Prinzips, das die traditionelle Ordnung wieder herstellen soll. Jene, die ihre Abstammung von der mütterlichen Linie ableiten, suchen das Modell dieser Ordnung in der Vergangenheit ihres Volkes und drücken mittels unzweifelhafter Genealogien das aus, was sie als Ideal empfinden. Auf der anderen Seite diejenigen, welche die patrilineare Abstammung vertreten, suchen ebenfalls nach der “Reinheit“ der Tradition – aber mit einem wesentlichen Unterschied: Ihr Modell haben sie vom benachbarten Volk der “Kaxinawá“ (ein anderes Pano-Volk) übernommen. Einige Katukina erklären, dass sie vor zirka fünfzehn Jahren erfuhren, dass sich die “Kashinawá“ patrilinear (In einem patrilinearem Verwandtschaftssystem werden alle Beziehungen über die Vaterlinie gebildet) orientieren. Und weil schon seit einiger Zeit niemand von ihnen mehr wusste, wie ihre Vorfahren eigentlich gelebt hatten, entschlossen sie sich, ebenfalls die patrilineare Abstammung zu vertreten, so wie die “Kashinawá“. Die Absicht dieser Übernahme ist klar: Wenn es keine gängigen und zweifelsfreien Regeln (mehr) gibt, muss man sie von Anderen kopieren.

Die Frage nach dem Prinzip der verschiedenen Katukina-Einheiten muss demnach als “noch offen“ beantwortet werden. Die interne Debatte dreht sich um gleichermassen absurde wie interessante Standpunkte – die eins gemeinsam haben: Man ist sich im Klaren, dass man etwas durch den Kontakt mit den Weissen verloren hat. Etwas, das man nur durch eine Rückkehr in die Vergangenheit und in sich selbst wiedergewinnen kann – diesen Gedanken vertreten die Verteidiger der matrilinearen (Mutter)-Linie – während ihre Kontrahenten bei anderen Pano-Völkern nach dem Modell suchen, welches wahrscheinlich auch für die antiken Katukina einst gegolten hat.

Obwohl also die Regel der Abstammung immer noch nicht definiert ist, kann man die internen Einheiten, aus denen die Clans der Katukina-Gesellschaft bestehen, sehr wohl unterscheiden, denn unter ihnen hat sich inzwischen eine Notlösung durchgesetzt, die man mit “angenommener oder vorläufiger Herkunft“ bezeichnen könnte – so werden zum Beispiel die gegenwärtigen “Varinawa“ als Nachkommen der antiken “Varinawa“ betrachtet, die gegenwärtigen “Kamanawa“ als Nachkommen der antiken “Kamanawa“, und so fort.

nach obenEigennamen

Die Katukina benutzen zwei Arten von Namen: Einen in ihrer eigenen Sprache und einen anderen in Portugiesisch. Die Namensgebung der zweiten Art unterliegt keinem vorgegebenen Muster – jedwede Person kann diesen Namen in Portugiesisch für ein neugeborenes Kind vorschlagen, der gerne angenommen wird, besonders wenn er im Dorf noch von niemandem benutzt wird. An den ersten Namen werden dann der Name des Vaters und der Mutter angehängt.

Während für die Wahl des portugiesischen Namens die Einzigartigkeit Hauptkriterium ist, ist das Gegenteil der Fall, wenn es sich um den Namen in Katukina handelt: Hier wiederholen sich die Namen, denn sie stammen alle aus einem gemeinsamen “Archiv“ – einer mündlich überlieferten Sammlung, um deren Bewahrung sich alle Mitglieder bemühen. Das heisst dann in der Praxis, dass die Eltern für ihre Kinder Namen ihrer eigenen Verwandten wählen.

Es sind die Eltern, die ihren Kindern ihre Namen geben – sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts – manchmal konsultieren sie vorher die älteren Personen ihrer Familie. Bei den Katukina ist die persönliche Namensgebung ein simpler Vorgang – ohne irgendwelche Rituale oder Zeremonien, wie bei anderen indigenen Völkern. Ist er einmal ausgesucht, genügt es, wenn die Eltern anfangen, ihn zu benutzen. Und dieser Name der Kindheit ist definitiv.

Die persönliche Namensgebung der Katukina hat viele Varianten – es ist nur nicht gestattet, einem Sohn den eigenen Namen zu geben oder den eines toten Sohnes. Unter den zur Verfügung stehenden Alternativen wählen die Eltern meistens den Namen der Grossmutter mütterlicher- oder väterlicherseits, im Fall eines Mädchens, und wenn es ein Junge ist, den Namen des Grossvaters mütterlicher- oder väterlicherseits. Die Übertragung von Namen der Grosseltern verdeutlicht den affektiven Zusammenhalt zwischen ihnen und ihren Enkeln, der bei den Katukina besonders ausgeprägt ist. Eine andere Alternative, die weniger praktiziert wird, stellen die Namen von Tanten und Onkeln des Kindes dar. In diesem Fall kann man jedoch beobachten, dass diese bereits gestorben sein müssen, um in die Namenwahl aufgenommen zu werden – die Wahl eines ihrer Namen ist gewissermassen eine Form der Wiedererweckung, der Neuzirkulation, und damit wird auch das “Namensarchiv“ neu belebt. In diesem Fall bedeutet die Wiedererweckung des Namens eine Würdigung und einen besonderen Sympathiebeweis für die Person, welche einst diesen Namen getragen hat.

Abgesehen davon, dass die Namen immer wieder verwendet werden, gibt es aber keinerlei Anzeichen für die Idee einer Wiedergeburt, oder dass eine Person die andere ersetzen soll. Die Identität zwischen Gleichnamigen beschränkt sich einzig und allein auf den Namen.

nach obenMänner und Frauen – das häusliche Leben

Einer der bedeutendsten gesellschaftlichen Unterschiede, der sämtliche Aktionen des Alltags durchdringt und bestimmt, ist bei den Katukina die Trennung der Geschlechter. Schon sehr früh werden die Kinder in die ihrem Geschlecht entsprechenden Rollen eingewiesen. Obwohl man bis zur Pubertät von ihnen keine Hilfe bei den Aktivitäten des Haushalts erwartet, erlernen sie bereits mit den leichteren Aufgaben umzugehen. Nach der Pubertät werden sie dann voll eingesetzt – die Eltern verlangen die Mitarbeit ihrer Kinder. Jungen und Mädchen müssen alle ihre Aufgaben kennen und beherrschen, bevor sie heiraten können, und das lernen sie durch die Zusammenarbeit mit ihren Eltern.

Die beiden bedeutendsten maskulinen Aufgaben bestehen aus der Jagd und der Vorbereitung der Felder. Erstere ist zweifellos die beliebteste Aktivität eines jeden Jünglings. Allerdings verlangt die Jagd viel mehr als nur Kraft und Geschick. Schon im Alter zwischen 12 und 14 Jahren beginnen die Söhne ihre Väter in den Wald zu begleiten, um alle Geheimnisse und Fähigkeiten erlernen, die ein guter Jäger kennen muss: Zum Beispiel die Fährten der Tiere zu lesen, ihre Stimmen auseinander zu halten, ihre aktiven und inaktiven Zeiten zu unterscheiden… etc. Die beste Zeit für die Jagd sind die “Wintermonate“ – die Regenperiode zwischen November und April – wenn der grösste Teil der von den Tieren begehrten Früchte reift und vom Baum fällt. Wenn der Regen den Waldboden durchfeuchtet, sind die Fährten der Tiere gut zu erkennen, und die nassen Blätter begünstigen die lautlosen Bewegungen des Jägers.

Obwohl man die Jagd über alles schätzt, wird der grössere Teil des Speiseplans von der Bewirtschaftung der Felder gedeckt – und diese Arbeit nimmt auch die meiste Zeit von Männern und Frauen in Anspruch. Die “Macaxeira“ (Maniok) und “Banana“ (Banane) gehören zu den meist verwendeten Feldprodukten. Daneben pflanzen die Katukina Süsskartoffeln, verschiedene Knollenfrüchte wie “Cará, Taioba und Inhame“, Papayas, Ananas, Zuckerrohr und Baumwolle. Seit kurzer Zeit haben sie auch ein grosses, gemeinsames Reis- und Maisfeld angelegt – zum Verkauf der Ernte.

Die Männer sind verantwortlich für die Anlegung der Felder, das heisst, sie roden zwischen Mai und Juli eine entsprechende Fläche, indem sie Büsche ausgraben und grössere Bäume umlegen und deren Wurzelstöcke entfernen – das ist Schwerarbeit. Ist diese Etappe abgeschlossen, unterbrechen sie die Arbeit, solange bis die Vegetation getrocknet ist – um sie dann, etwa gegen Ende August bis Anfang September, abzubrennen – gleich darauf pflanzen sie die Maniok-Setzlinge. Alle anderen Pflanzen werden von den Frauen eingesät oder eingesteckt. Die Pflanzung von Reis und Mais zum Verkauf wird von beiden Geschlechtern betreut.

Während die maskulinen Aktivitäten in der Regel ausserhalb der Häuser stattfinden, wird ein grosser Teil der femininen, wie die Zubereitung der Speisen, Erziehung der Kinder, Wäsche und Geschirr waschen, innerhalb derselben verrichtet. Die einzigen Ausnahmen sind die Maniok- und Bananenernten auf den Feldern.

Darüber hinaus, wenn sie über eine entsprechende Zeit verfügt, sollte eine Frau auch die Zubereitung des “Caiçuma“ nicht vergessen, ein fermentiertes Getränk – entweder aus Maniok (Atsa matxu) oder aus Bananen (Mane mutsa) – dessen Herstellung relativ einfach ist: Bananen werden gekocht, dann zerquetscht und mit etwas Wasser gemischt. Der “Caiçuma“ aus Maniok verlangt ein bisschen mehr Einsatz und Zeit: Die Wurzelknollen werden geschält, gewaschen und in kleine Würfel geschnitten, die man in einen Topf mit Wasser zum Kochen bringt, bedeckt von Bananenblättern – man kann auch ein paar Süsskartoffeln dazugeben. Wenn die Würfel weichgekocht sind, werden sie von den Frauen mit einer Holzgabel zerdrückt, dann lässt man diese Masse erkalten. Später zerkauen die Frauen diese Maniok-Masse solange, bis sie die Konsistenz einer Paste annimmt. Die nächste Etappe ist das Sieben dieser Paste und die anschliessende kurze Gärung von ein bis zwei Tagen – zum anschliessenden Trinken setzt man ihr mehr oder weniger Wasser zu. In vergangenen Zeiten, so sagen die Frauen, machten sie auch „Caiçuma“ aus Palmfrüchten und Mais.

Inzwischen halten die Frauen den Gärungsgrad des “Caiçuma“ besonders niedrig, denn, so erzählen sie, früher hätten sich die Männer an dem “Caiçuma azedo“ (Katxa matxu) mit stärkerer Gärung so besoffen, dass sie jedes Mal miteinander zu streiten anfingen. Und um dem Einhalt zu gebieten, bereiten die Frauen jetzt nur noch den “Caiçuma doce“ mit niederer Gärung. Apropos Gärung: Der mehr oder weniger fortgeschrittene Grad der Gärung bestimmt nicht nur den Alkoholgehalt sondern auch die Grösse des Konsumentenkreises. Damals, als die Frauen noch den länger gegärten, stark alkoholischen “Caiçuma“ zubereiteten, war der Kreis der Konsumenten viel grösser, und der Konsum verbunden mit verschiedenen Zeremonien und Ritualen. Heute trinkt man den schwachen “Caiçuma“ fast nur noch innerhalb der häuslichen Gemeinschaft – der Entschluss der Frauen, keinen starken Caiçuma mehr herzustellen, hat auch jene Zeremonien der Katukina einschlafen lassen.

Zum grössten Teil üben Männer und Frauen ganz unterschiedliche Aktivitäten aus, in ebenso unterschiedlicher Umgebung. Trotzdem gibt es Aktivitäten, die man grundsätzlich gemeinsam und in derselben Umgebung ausführt, wie zum Beispiel das Fischen und das Sammeln von Waldfrüchten.

Die Katukina pflanzen auch “Tingui“ (Mascagnia rigida) – eine toxische Pflanze, aus deren Blättern sie eine Paste bereiten, die sie in Buchten mit ruhigem Wasser auflösen, um damit die Fische zu betäuben und einfach einsammeln zu können. An solchen Fischzügen nehmen nur die Kinder unter sechs Jahren nicht teil und die Personen, die man zu deren Aufsicht beauftragt hat. Die Periode zur Durchführung solcher kollektiver Fischzüge liegt zwischen Juni und November – während des Sommers bis zu Beginn der Regenzeit – wenn die Flüsse und Bäche wenig Wasser führen, und die Fische sich in den tieferen Buchten konzentrieren. Seit der Asphaltierung der BR-364 und einer signifikanten Zunahme der Bevölkerung im IT des Rio Campinas, sind Jagd und Fischfang stark beeinträchtigt worden, und die Katukina müssen einen Teil ihres Konsums an Fleisch und Fisch auf dem Markt in “Cruzeiro do Sul“ kaufen.

Das Sammeln von Waldfrüchten wird zwar in der Mehrheit von Frauen und halbwüchsigen Kindern ausgeführt, benötigt aber auch die Teilnahme von Männern, und zwar deshalb, weil die häufigsten Früchte (“Açaí, Buriti, Patauá, Bacaba“ und Kokosnüsse) auf sehr hohen Palmen wachsen, und man deshalb mindestens einen männlichen Begleiter braucht, um am Stamm hochzuklettern und die Früchte abzuschneiden.

Vor einer Heirat orientieren die Eltern beider Parteien ihre Kinder noch einmal hinsichtlich der Aufgaben, die nach der Eheschliessung auf sie warten: Der Ehemann muss auf die Jagd gehen und seiner Frau ein Feld vorbereiten – die Ehefrau ihrerseits muss die Maniok auf dem Feld ernten und das Essen zubereiten, sowie den “Caiçuma“, ausserdem die Kinder hüten und die Wäsche waschen. Diese Aufgaben wurden ihnen bereits mehrmals wiederholt, und die beiden Ehepartner wissen, dass eine Missachtung ihrer Aufgaben zur Scheidung führt.

Diese Erwartung einer gegenseitigen Kooperation zwischen Männern und Frauen drückt sich auch in einem Ritual aus, in dessen Verlauf sich beide das Gift eines Baumfrosches (Phyllomedusa bicolor) auf bestimmte Körperteile applizieren: die Männer auf Arme und Brust – die Frauen auf ihre Beine. Sie nennen den Frosch “Kampô“ oder “Kambô“, und ihm schreiben sie eine ganze Reihe von guten Eigenschaften zu, um mit der “Tikish“ (frei übersetzt als “Faulheit“) aufzuräumen, die “Panema“ (fehlendes Jagdglück) zu beseitigen und auch Krankheiten zu heilen. Die Wirkungen einer solchen Kampô-Applikation wird von ihnen als Hitzewellen, Rötung des Gesichts, Erbrechen und Durchfall beschrieben. Nach ihrer Interpretation vertreibt man so das Schlechte aus dem Körper, das eine vollkommene Entwicklung aller physischen Kapazitäten verhindert. Die Männer, so sehen es die Katukina, brauchen die Kraft in ihren Armen und der Brust, zum jagen und der Feldvorbereitung – die Frauen brauchen die Kraft in ihren Beinen, um die schweren Körbe der Ernte und ihre Kinder tragen zu können.

Als Stimulanz zur Jagd oder als Gegenmittel zur Faulheit muss das “Kampô-Gift“ von einer zweiten Person appliziert werden – von jemandem, der von diesem Übel nicht befallen ist, das man austreiben will. Und so kann nicht einfach irgendein Mann das “Kampô“ einem vom Pech verfolgten Jäger verabreichen – es muss ein besonders guter Jäger sein, der sein Jagdglück nun auf den Pechvogel übertragen soll. Und eine Frau, die eine andere, von Faulheit geplagte Kollegin, wieder in die Gänge bringen soll, muss selbst eine exzellente Hausfrau und Gastgeberin sein, die sich um ihre Kinder kümmert, das Feld bepflanzt und aberntet, und stets einen guten “Caiçuma“ für Besucher bereit hält, unter anderen Aufgaben. Es gibt auch die Möglichkeit einer Selbstapplikation, aber die ist älteren Personen vorbehalten. Für die Katukina liegt die Wirkung des “Kampô“ in einer höheren Ebene, welche die Effektivität der toxischen Substanz mit den moralischen Qualitäten der damit behandelten Person verbindet.

Etwa um die Jahrhundertwende wurde die Anwendung des Froschgiftes (Kampô) durch einen Gummisammler, der in den 60er Jahren in der Nähe der Katukina gelebt hatte, unter der zivilen Bevölkerung des Interiors ausgestreut und breitete sich schnell auch über die brasilianischen Grenzen hinweg aus. Diese Popularisierung, registriert in verschiedenen Artikeln der nationalen und auch internationalen Presse, konnte nicht ohne bedenkliche Folgen bleiben – sie führte zu teilweise schockierenden gesellschaftlichen Auswirkungen durch esoterische Therapeuten, die mit viel Erfolg einen vielversprechenden Markt mit der Kommerzialisierung der Kampô-Applikation aufgezogen haben.

nach obenDas Zuckerrohr-Spiel

Die Spiele oder “Spässe“, wie sie von den Katukina genannt werden, bringen Männer und Frauen jeden Alters auf die Beine und gegeneinander im Disput um den Zuckerrohrstängel oder die Papaya – oder durch gegenseitige Attacken mit Lehm und Feuer. Das Wort “Vete“ bezeichnet alle diese Spiele, wird aber stets von der Frucht angeführt, um die es bei dem jeweiligen Spiel geht, oder von der Substanz, mit der man sich attackiert. Somit bezeichnet “Travata vete“ das “Spiel mit dem Zuckerrohr“ und “Ti’i vete“ das “Spiel mit dem Feuer“.

Man braucht keine besonderen Anlässe, um diese Spiele durchzuführen. Es genügt, wenn man Zuckerrohr oder Papayas in grossen Mengen vorrätig hat, und die Dorfbewohner in entsprechender Stimmung sind. Es gibt also keine bestimmten Daten für die Spiele, sie finden aber häufiger in den trockenen Sommermonaten statt, wenn sich die Bewohner lieber im Freien aufhalten.

Das Spiel beginnt, indem ein Mann einen Zuckerrohrstängel ergreift und sich mit ihm einer Frau nähert, vor deren Füssen er ihn auf dem Boden schleifen lässt. Jedoch provoziert er damit nicht irgendeine Frau, sondern sucht sich eine von jenen aus, die als seine “Pano“ angesehen werden (gekreuzte Cousinen, potenzielle Ehefrauen etc.). Die Frau erwidert die Provokation, indem sie sich in einen “Kampf“ um den Zuckerrohrstängel mit dem Provokateur einlässt. Nach und nach nähern sich andere Frauen, um ihr beizustehen, und da der Mann nun in Bedrängnis gerät, bekommt er von seinen Freunden Schützenhilfe gegen die Frauen. Schliesslich entstehen mehrere Gruppen, die sich um einen Zuckerrohrstängel streiten – die Kinder bilden eine Gruppe, und die Mädchen, die ihre Pubertät noch nicht erreicht haben, gehören zu ihnen. Verheiratete und Junggesellen “spielen“ gegeneinander in einer oder mehreren Gruppen, je nach Anzahl der Teilnehmer.

Die Mitspieler, vor allem die Männer, verletzen sich bei diesen Spielen. Die Frauen dürfen zuschlagen (und sie schlagen tatsächlich) mit all ihrer Kraft, um den Zuckerrohrstängel (oder die Papaya, je nachdem) aus den Händen der Männer zu entwinden. Am Ende der Spiele sieht man die Männer mit völlig zerrissenen Kleidern und sichtbaren Schwellungen und Kratzwunden auf Rücken und Brust vom heftigen Widerstand der weiblichen Mitspieler – die Männer dürfen niemals zurückschlagen, ihre einzige Waffe, die Frauen zu attackieren, besteht aus der verbalen Form.

Diese Aggressionen – verbal und physisch – stehen im Mittelpunkt der Spiele, aber es scheint so als ob sie nur existierten, um eine sexuelle Verführung zu kaschieren, denn zwischen Neckereien und Schlägen finden auch erotische Körperkontakte statt. Rund um einen Zuckerrohrstängel ballen sich Männer und Frauen, die praktische andauernd mit ihren Körpern aneinander kleben.

Die Männer gehen aus diesem Spiel niemals als Sieger hervor. Wenn sich die Frauen eines Zuckerrohrstängels (oder einer Papaya) bemächtigt haben, rennen sie zu den älteren Frauen, die lediglich zuschauen, und übergeben ihnen ihre “Beute“ (vorzugsweise ihren Müttern). Danach beginnt die Rangelei erneut um einen weiteren Zuckerrohrstängel. Wenn die Männer im Vorteil sind und das Spiel unter ihrer Kontrolle haben, beginnen sie, ihre Spöttelei zu verstärken – brüsten sich als die Stärkeren und ziehen manchmal einige Frauen hinter sich her, die sich in das Objekt ihres Disputs verkrallt haben. Wenn dieses Objekt eine Papaya ist, dann werfen sich die Männer die unreife Frucht gegenseitig zu – von einer Seite zur andern. Die Spiele enden erst dann, wenn die Frauen sämtliche Früchte, die sich unter Kontrolle der Männer befanden, erobert haben.

Die Tatsache, dass die Männer dieses Spiel niemals gewinnen, bekommt einen gewissen erklärenden Sinn, wenn man die wirtschaftlichen Aspekte der Katukina betrachtet. Die Verteilung aller Nahrungsmittel, nicht nur des Fleisches, obliegt den Frauen. Niemals bieten Männer Fleisch, Fisch oder andere Nahrungsmittel ihren Gästen oder anderen Männern an – es sind stets die Frauen, die diese Rolle übernehmen.

Die Spiele können demnach interpretiert werden als eine Darstellung des kooperativen Verhaltens zwischen Männern und Frauen innerhalb der Dorfgemeinschaft. Wie in der Produktion kooperieren die Männer beim Spiel miteinander. Auch die Frauen bilden eine solidarische Gruppe, aber ihre Kooperation konzentriert sich auf die Verteilung. An dieser Stelle muss man allerdings korrigieren und zugeben, dass die Frauen keinen Sieg, sondern ein Unentschieden erringen, indem sie das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern wieder herstellen und damit in der gesamten Dorfgemeinschaft.

Über den Symbolismus jener im Spiel ausgedrückten wirtschaftlichen Kooperation hinaus kann man auch eine starke sexuelle Provokation in deutlichen Flirts und heimlichem Verschwinden von Pärchen in den Wald, während und nach dem Spiel beobachten. Das soll nicht heissen, dass wirtschaftliche und sexuelle Kooperation gleichwertig anzusehen sei, aber zwischen ihnen besteht zweifellos eine gewisse Verbindung. So wie Männer und Frauen Produkte und Dienstleistungen austauschen müssen, um zusammen zu leben, müssen sie auch sich selbst einbringen und austauschen, um sich fortzupflanzen. Ausserdem geschieht durch die Spiele der Katukina ein Umsturz ihres alltäglichen Verhaltens. Die zwischenmenschliche Zurückhaltung verwandelt sich während der Spiele in eine absolute Ausschweifung, in der sich die gesamte Dorfgemeinschaft wie in einer Ektase befindet, welche das dichte Netz wirtschaftlicher und sexueller Beziehungen zwischen Männern und Frauen für einen Moment verdeutlicht. Die Spiele der Katukina heben den Austausch hervor, aber nicht nur einen wirtschaftlichen Austausch zwischen Männern und Frauen zur Garantie ihrer physischen Existenz, sondern auch einen Austausch im höheren Sinn, der auf längere Sicht die Kontinuität ihrer Gesellschaft garantiert.

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Die Ethnographie der Katukina wurde erarbeitet von Edilene Coffaci de Lima in verschiedenen Feldforschungsperioden seit Anfang 1990. Sie hat die interethnischen Beziehungen, die gesellschaftliche Organisation und die schamanistischen Konzeptionen innerhalb ihrer Doktorarbeit abgehandelt, die sie an der Universität von São Paulo (USP) und auch in Artikeln von spezialisierten Büchern und Zeitschriften veröffentlicht hat.

An der Universität von Brasília (UnB) hat Homero Moro Martins seine Examensarbeit 2006 geschrieben, welche den Versuch darstellte, im Umweltministerium ein Projekt zu implantieren, das die traditionellen Kenntnisse bezüglich eines Gebrauchs von “Kampô“ schützen sollte – das “Projekt Kampô“. Gegenwärtig entwickelt Paulo Roberto Homem de Góes seine Examensarbeit an der Staatlichen Universität von Paraná (UFPR), in der er ebenfalls versucht, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Verbreitung des “Kampô“ unter Nicht-Indianern zu verstehen.

Die Sprache der Katukina wurde in verschiedenen Studien behandelt. Die Nasalisierung der Vokale und die Phonologie der Katukina-Sprache bildeten das Thema der Examensarbeit von Luizete Guimarães Barros, an der Staatlichen Universität von Campinas (UEC). Maria Sueli de Aguiar untersuchte die Syntax der Katukina-Sprache, sowohl in ihrer Examens- als auch Doktorarbeit ebenfalls an der UEC. Und es gibt noch die Doktorarbeit von Élder José Lanes, an der UFRJ, die sich mit einer Vergleichsstudie der Pano-Sprachen befassen. Ausserhalb des akademischen Bereichs hat die Mission der “Novas Tribos do Brasil“ einige Bücher der Alphabetisierung in der Katukina-Sprache herausgebracht. Die Indios Benjamim André Katukina (Shere) und Francisco Chagas Lopes (Teka) haben eine Sammlung von Katukina-Mythen zusammengestellt, und verschiedene Bücher zur Alphabetisierung – alle herausgegeben von der CPI des Bundesstaates Acre.

Im Jahr 2006, in einer Partnerschaft mit Nicole Algranti von der “Taboca Filmes“, brachten die Katukina zwei CDs heraus mit schamanistischen Gesängen, ausserdem eine DVD, auf der sie verschiedene Aspekte ihres Lebens registriert haben – die Auswirkungen der BR-364, die Jagd und ein paar Zeremonien.

Der spiritistische Pater Constantin Tastevin ist der Autor der besten historischen und ethnographischen Aufzeichnungen von jenen indigenen Gruppen, die als “Katukina“ in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bekannt waren.

© Edilene Coffaci de Lima, Universidade Federal do Paraná – Januar 1999
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther

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