Ka’apor

Veröffentlicht am 29. Dezember 2009

Das vornehme Indiovolk der Ka’apor erschien vor zirka 300 Jahren auf der Bildfläche – wahrscheinlich in der Region zwischen den Flüssen Tocantins und Xingu. Vielleicht wegen seiner Konflikte mit portugiesisch-brasilianischen Kolonisten und mit anderen eingeborenen Völkern, begannen sie eine lange, langsame Wanderung, welche sie gegen Ende des Jahres 1870 von Pará über den Rio Gurupi nach Maranhão brachte.

Ka’apor

Andere Namen: Urubu-Kaapor, Kaapor
Sprache: Tupi-Guarani
Population: 991 (2006)
Region: Bundesstaat Maranhão
INHALTSVERZEICHNIS
Name, Sprache
Landschaften und Geschichte ihrer Besetzung
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftliche und politische Organisation
Wirtschaft
Kunst und materielle Kultur
Religion
Quellenangaben

nach obenName

Ihre Selbstbezeichnung ist “Ka’apor” oder “Ka’apór” (der Apostroph zeigt ein kurzes Verhalten der Stimme an – die Betonung in der Ka’apor-Sprache fällt in der Regel auf die letzte Silbe). Andere Namen, unter denen dieses Volk bekannt geworden ist, sind: Urubu, Kambõ, Urubu-Caápor, Urubu-Kaápor, Kaapor.

“Ka’apor” scheint von “Ka’a-pypor” zu stammen – “Spuren im Wald”. Eine andere Bedeutung für “Ka’apor” wäre “Bewohner des Waldes”. Allerdings übersetzt diese Bezeichnung in Wahrheit besser den Namen, welchen die Ka’apor ihren Nachbarn gegeben haben, den Jägern und Sammlern “Guajá” – die von den Ka’apor als “Ka’apehar” = “Bewohner des Waldes” bezeichnet werden.

Eine Person kann in der Sprache der Ka’apor auch als “Awá” bezeichnet werden, was sich auf die reflexive Form “Jemand” bezieht und auf ein Subjekt, als Person, in der interrogativen Form “Wer”? “Awá” erscheint auch in verschiedenen anderen Sprachen der Familie Tupi-Guarani als Terminus für “Person” und für “Volk”. “Kambõ” scheint eine Assimilation aus dem Portugiesischen “Caboclo” zu sein, ein Terminus, der heutzutage von den meisten Brasilianern der Region benutzt wird, wenn sie sich auf die Ka’apor beziehen – er stammt wahrscheinlich aus Amazonien und wird ebenfalls von denen als Selbstbezeichnung gebraucht, welche mit Dritten die Ka’apor-Sprache sprechen.

Der Terminus “Urubu” (Geier) wurde dem Volk der Ka’apor offensichtlich während des 19. Jahrhunderts von ihren luso-brasilianischen Feinden angehängt – sie selbst greifen nicht auf diese Bezeichnung zurück, wenn sie mit Dritten von sich sprechen. Die Termini “Urubu-Caápor”und “Urubu-Kaápor” wurden von den brasilianischen Kontaktleuten des SPI in den 50er Jahren eingeführt, in einem Versuch, eine namentliche Schreibweise für dieses eingeborene Volk in der Ethnologie festzulegen.

nach obenSprache

“Ka’apor” ist eine Sprache aus der linguistischen Familie Tupi-Guarani. Sie wird von keiner weiteren bekannten Gruppe gesprochen, ausgenommen als Zweitsprache einiger Tembé und anderen Bewohnern der Region des Rio Gurupi, die aber ethnisch gesehen, keine Ka’apor sind. Dialekte dieser Sprache sind nur minimal entwickelt worden. Geringe grammatikale Unterschiede und freie Variationen wurden zwischen dem Ka’apor-Volk der Dörfer vom Turiaçu-Becken und denen vom Gurupi-Becken beobachtet. Ihre Sprache ähnelt trotz allem den anderen Tupi-Guarani-Sprachen nicht, die von ihren geografisch nächsten Nachbarn – den Tembé (Tenetehara) und den Guajá – gesprochen werden. Von diesen beiden hat sie höchstens eine leichte grammatische und fonetische Ähnlichkeit mit der Sprache der Guajá.

Historisch gesehen, ist es wahrscheinlich, dass die Ka’apor-Sprache wesentlich intimer mit der Sprache der Waiãpi verbunden ist – gesprochen 900 Kilometer weiter nördlich, auf der anderen Seite des Amazonasstroms. Beide wurden in den letzten 300 Jahren von anderen Sprachen beeinflusst und haben sich bis heute zu gegenseitiger Unverständlichkeit weiterentwickelt. Die Sprache der Ka’apor wurde grammatisch besonders von der “Língua Geral” Amazoniens beeinflusst – die der Waiãpi von den nördlichen Karib-Sprachen. Einen grossen Unterschied macht bei beiden die Betonung: in der Ka’apor-Sprache sind die Worte im Allgemeinen “oxitonal” – in der Sprache der Waiãpi dagegen “paroxitonal”.

Obgleich es in ihrer Sprache keine Regeln gibt, welche eine unterschiedliche Ausdrucksweise für männliche und weibliche Personen festlegen, wie bei verschiedenen anderen Völkern üblich, so stehen die Ka’apor trotzdem linguistisch einzigartig in Amazonien da, denn sie haben eine Signalsprache entwickelt, die sie zur Kommunikation mit Gehörlosen benutzen – bis in die Hälfte der 80er Jahre machten taub Geborenen etwa 2% ihrer Gesamtbevölkerung aus. Diese Schädigung war laut medizinischen Untersuchungsbefunden auf endemische Erbkrankheiten zurückzuführen, die inzwischen ausgerottet sind.

Ungefähr 60% des Ka’apor-Volkes sind einsprachig, die anderen 40% sprechen ein verdrehtes, regionales Portugiesisch. Ein sehr geringer Prozentsatz (vielleicht 2%) sprechen auch Tembé oder eine andere Indianersprache, wie zum Beispiel Guajá. Ein Grundschulprogramm in Portugiesisch und in Ka’apor ist ihnen angeboten worden – abwechselnd in Schulen der FUNAI, auf dem Posten Canindé, und in ihrem Dorf “Zé Gurupi”, seit den 70er Jahren. Bisher hat allerdings kein einziger Ka’apor-Indianer die Volksschule beendet, geschweige denn eine Fakultät. Eine Minorität von jungen Ka’apor frequentiert diese Schulen, und im Volk überwiegen die Analphabeten.

nach obenLandschaften und Geschichte ihrer Besetzung

Die Ka’apor leben im Norden von Maranhão. Ihr Territorium grenzt im Norden an den Rio Gurupi – im Süden bilden die mittleren Zuflüsse des Rio Turiaçu die Grenze – im Westen der Igarapé Milho (Mais-Bach) und im Osten eine Grenzlinie in Richtung Nordwest-Südost, fast parallel zur Bundesstrasse BR-316. Alle Bäche und Flüsse entleeren sich in drei grosse Ströme: Maracaçumé, Turiaçu und Gurupi, die ihrerseits in den Atlantischen Ozean münden.

Das Terrain reicht bis auf eine maximale Höhe von 250 Metern über dem Meeresspiegel im bergigen Gelände, wo die Quellen von Maracaçumé, Turiaçu und Gurupi dicht beieinander liegen. Es regnet zwischen 2.000 und 2.500 mm pro Jahr – der grösste Teil dieser Niederschläge fällt unter dem Einfluss der Winde aus östlicher Richtung – zwischen Januar und Mai. Die dominierende Vegetation ist der prä-amazonische Regenwald. Bestimmte pan-amazonische Spezies fehlen allerdings in dieser Region, wie zum Beispiel der Paránuss-Baum, der Assaçu, der Mucajá, die Buriti-Palme und die Victoria Régia (Wasserlilie). Verschiedene Arten der aquatischen Fauna des Rio Amazonas – Fischotter, Delfine und Seekühe – fehlen ebenfalls. Aber die Diversifikation der Spezies, die Landschaft und Physiognomie des prä-amazonensischen Regenwaldes können mit anderen Orten des Amazonas-Regenwaldes verglichen werden.

Der grösste Teil der Land-Fauna – inklusive Säugetiere, Insekten, Reptilien und Vögel – ist typisch für Amazonien. Einige davon sind sogar endemisch in diesem Gebiet oder selten und bedroht, wie der Jaguar, der goldene Sittich, der “Macaco Capuchinho Ka’apor” (ein Kapuzineraffe, der nach den Indianern benannt ist: Cebus Kaporii) und der “Sagui barbado” (ein kleiner, bärtiger Primat, Chiropotes satanas). Unter den Bäumen des Hochwaldes, welche den Lebensraum der Ka’apor beherrschen, kommen “Matá-matá (Eschweilera coriacea), Breu (Protium spp.), Andiroba (Carapa guianensis), Pau cachimbo (Mabea caudata) Toari (Couratari spp.), Bacaba (Oenocarpus disticha) und Pente-de-macaco (Apeiba spp.) regelmässig vor. Unter dem niedrigeren Bewuchs, welcher sich auf antiken Acker-Parzellen ausgebreitet hat, finden wir “Jenipaparana (Gustavia augusta), Babaçu (Attalea speciosa), Tucumã (Astrocaryum vulgare), Inajá (Attalea regia), Taperebá (Spondias mombin), Jatobá (Hymenaea spp.) und Abiu (Pouteria spp.).

Andere wichtige Vegetations-Komplexe werden von Sumpf- und periodisch überschwemmten Wäldern gebildet, unter denen folgende Spezies vorkommen: “Açaí (Euterpe oleracea), Sumaumeira (Ceiba pentandra), Marajá (Bactris spp.) und Embaúba (Cecropia spp.). Flächen von geringerer Ausdehnung sind die Felder unterschiedlicher Zeitläuften und die Fruchtbaum-Gärten der Indianer. Sie pflanzen unter anderem: Maniok, Süsskartoffeln, Inhame, Bananen, Urucum, Baumwolle und Papayas.

Die Vorfahren der Ka’apor, von denen man annimmt, dass sie vor der luso-brasilianischen Expansion im Süden von Pará geflohen sind, erreichten und besetzten ihr gegenwärtiges Territorium in Maranhão gegen Ende 1870. Die Herkunft des Ka’apor-Volkes als ethnische Gruppe geht auf ein Tupi-Guarani-Zentrum in Amazonien zurück, welches sich zwischen dem unteren Rio Tocantins und dem Xingu während des 17. und 18. Jahrhunderts befand. Die eingeborenen Bewohner jener Region waren damals bekannt unter dem Namen “Pacajás”. Die “Waiãpi” sind wahrscheinlich eine andere Volksgruppe, die aus jenem Zentrum stammt. Auch die “Amanajós” aus dem Becken des unteren Rio Tocantins/Capim stammten höchst wahrscheinlich daher. Während die Waiãpi gegen Norden wanderten, den Amazonas überquerten und sich dann in ihrem gegenwärtigen Territorium entlang der Grenze Brasiliens mit Französisch Guyana einrichteten, führte die Wanderung der Ka’apor gegen Osten, sie überquerten den Tocantins. Man hat historische Dokumentationen, aus denen hervorgeht, dass sie sich nacheinander im Becken des Rio Acará (zirka 1810), des Rio Capim (zirka 1825), des Rio Guamá (1864), des Rio Piriá (1875) und des Rio Maracaçumé (1878) niedergelassen haben. Einhundert Jahre später, im Jahr 1978, wurde die “Área Indígena Alto Turiaçu” – bestehend aus 5.301 Quadratkilometern hohen Amazonas-Regenwaldes, besetzt von allen Überlebenden der Ka’apor, einigen Guajá, Tembé und Timbira – von der “Fundação Nacional do Índio (FUNAI)” demarkiert. Diese Demarkation wurde bestätigt vom Dekret nº 88.002 im Jahr 1982, unter der Administration des Präsidenten João Figueiredo. Trotzdem wurde etwa ein Drittel des Indianerterritoriums später illegal in Ortschaften verwandelt, Reisfelder und Weiden durch Bauern ohne Land, Fazendeiros, Holzfäller und Lokalpolitiker – seit Ende 1980.

nach obenBevölkerung

Die letzte genaue Zählung stammt von 1982, als die Gesamtbevölkerung der Ka’apor sich auf 494 Personen belief. Die gegenwärtige Population schwankt zwischen 600 und 1.000 Personen – wobei sich diese Zunahme auf das natürliche Bevölkerungswachstum der letzten Jahre stützt und nicht etwa auf einen Zulauf von Emigranten. Schätzungen aus vorhergehenden Zählungen zeigen an, dass die Ka’apor-Bevölkerung nach ihrem Erstkontakt 1928 mit der brasilianischen Bevölkerung deutlich reduziert wurde. 1928 betrug die Bevölkerungszahl ungefähr 2.000 Individuen, 1943 nur noch 1.095, 1954 etwa 912, 1962 etwa 822 und 1975 nur noch 488 Individuen.

Die fünfzig Jahre ihres kontinuierlichen Bevölkerungsschwunds – der 20er bis zu den 70er Jahren – werden in erster Linie Epidemien infektiöser Erkrankungen der Atemwege und unzulänglicher medizinischer Betreuung zugeschrieben. Heute beweisen entsprechende Daten, dass die gesamte Ka’apor-Bevölkerung auf dem sicheren Weg der Erholung ist, mit einer natürlichen Zuwachsrate von 3% und mehr. Und sie haben inzwischen durch Impfung eine Immunität gegen die ehemals tödlichen Viren entwickeln können.

Ehen ausserhalb der Gruppe, mit Mitgliedern der Tembé, Guajá und auch Brasilianern, sind seit den 50er Jahren – vielleicht sogar früher – üblich und machen etwa 5% der Ka’apor-Verbindungen aus. Die allgemeine Lebenserwartung lag früher bei zirka 45 Jahren und ist dank der medizinischen Versorgung heute auf 55 bis 60 Jahre angestiegen. Die Hauptursachen für früheren Tod (und Invalididität) sind bei den Ka’apor die Tuberkulose (heutzutage endemisch – wahrscheinlich aber vor 1928 unbekannt), Komplikationen bei der Geburt, Syndrome und Komplikationen nach der Geburt, Malaria, Gelbfieber und andere Infekte der Leber und des Blutes, Jagdunfälle, Stürze von Bäumen, andere Unfälle und Ermordungen.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Die Ka’apor erlebten zahlreiche dokumentierte Kontakte mit der luso-brasilianischen Gesellschaft noch während sie der Volksgruppe der “Pacajá” angehörten, schon während des 17. Jahrhunderts, und später dann die “Befriedung” – der endgültige Kontakt, im Jahr 1928. Die meisten jener dokumentierten Episoden waren gewalttätig. Die Ka’apor des Capim-Beckens griffen Dörfer im Guamá-Becken an – etwa zwischen 1820 und 1830 – wo sie sich mit Frauen und Kanus eindeckten. Die Ka’apor des Capim-Beckens wurden andererseits von Milizen, und deren alliierten Rekruten vom Volk der “Turiuara”, die ebenfalls einer Tupi-Guarani-Familie angehörten, vernichtend geschlagen. Einige Ka’apor-Männer raubten Dörfer im Guamá-Becken aus, das war 1864. Danach zerstörten 25 Soldaten der “Guarda Nacional” ein Ka’apor-Dorf als Racheakt. Und Monate später verfolgten 150 Soldaten derselben “Guarda Nacional” die überlebenden Ka’apor bis zu den Quellen der Flüsse Guamá und Gurupi. 1874 lebten ein paar Ka’apor im Becken des Rio Piriá, pflegten aber keinerlei Kontakt mit regionalen Siedlern.

Ende 1870 griffen Ka’apor-Krieger einen “Quilombo” (Fluchtburg entlaufener schwarzer Sklaven) auf der Maranhão-Seite des Rio Gurupi an und trieben die Bewohner in die Flucht – danach benutzten sie die Einrichtungen für ein eigenes Dorf – in der Nähe des heutigen Dorfes “Gurupiuna”. Zwischen 1870 und 1911, der Ankunft des SPI (Serviço de Proteção aos Índios) gingen die Angriffe der Ka’apor auf Siedlungen und Dörfer in Pará und Maranhão immer weiter. Sie attackierten auch Telegrafenarbeiter, Goldsucher, Sammler sowie andere Indianer – wie die Guajajara, die Tembé, Guajá und die Kren-Yê Timbira. In den meisten Fällen schienen sie an Werkzeugen aus Metall interessiert zu sein, mit denen sie ihre Felder bearbeiten und dauerhafte Pfeilspitzen herstellen konnten.

Vor 1820, so scheint es, pflegten die Ka’apor friedliche Beziehungen mit der luso-brasilianischen Gesellschaft – besuchten sogar die Niederlassungen der Missionen – was aus der Ka’apor-Folklore zu entnehmen ist. Und wenn das stimmt, würde dieser Umstand erklären, warum es soviele Einflüsse anderer Sprachen in der ihren gibt, von denen viele aus der in Amazonien damals gesprochenen “Língua Geral” stammen, geläufig den Missionaren und einem Grossteil der Bevölkerung von Pará im 18. und 19. Jahrhundert.

Im Jahr 1911 machte der SPI gezielte Anstrengungen, die Ka’apor zu “befrieden”, organisierte eine Gruppe von Waldläufern, welche einen Haufen Geschenke in Form von Metallwerkzeugen und anderen, den Indianern kostbaren Gütern, den Rio Turiaçu hinauf transportierte, in der Absicht, sie damit anzulocken. Aber die Ka’apor-Krieger, denen es gelang, die SPI-Beamten auseinander zu bringen, verletzten einen von ihnen mit einem Pfeilschuss in den Unterkiefer, worauf man den “Befriedungsversuch” abbrach. Auf der anderen Seite des Ka’apor-Territoriums, entlang des Oberlaufs vom Rio Gurupi, versuchten andere SPI-Agenten, ebenfalls vergeblich, diese Indianer zwischen 1911 und 1912 zu befrieden. Von 115 bis 1917 dann, fehlten dem SPI die finanziellen Mittel, um die Ka’apor noch einmal diesbezüglich anzugehen. 1918 und 1920 – nach ein paar Jahren der Ruhe – begannen die Ka’apor erneut mit ihren Angriffen zur Erbeutung von Metallwerkzeugen, diesmal in der Ortschaft “Bragança”, nahe der Atlantikküste. Aber die Ka’apor wurden auch von erbosten brasilianischen Bürgerwehren verfolgt. Ein Agent der Telegrafenkompanie in Maranhão organisierte Invasionen von Ka’apor-Dörfern und spiesste die Köpfe seiner Opfer auf Stangen um seine Telegrafenposten.

Endlich im Oktober 1928 fanden beide Seiten, dass sie nun genug Gewalt erfahren und ausgeteilt hätten. Aus der traditionellen Ka’apor-Perspektive ging es dann folgendermassen weiter: “Ein Ka’apor-Mann mit Namen “Pa’i” (Pater) befriedete (mu-katu) die Brasilianer auf dem Posten Canindé des SPI, in der Region von Gurupi”. Der SPI behauptet dagegen, dass es die Anstrengungen seiner Beamten gewesen seien, die Werkzeuge und andere Güter zu den Ka’apor getragen hätten, um endlich Frieden zu machen. Am 15. Dezember 1928 besuchten 94 Ka’apor den Posten Canindé des SPI. Etwa zur selben Zeit näherten sich Krieger der Ka’apor dem Ort “Alto Turi”, am Rio Turiaçu, mit nach unten gerichteten Pfeilspitzen, zum eichen ihrer friedlichen Absichten. Die Konflikte mit den Ka’apor waren vorbei – aber vielleicht nicht für immer.

Zirka 1.300 Landbesetzer, Holzfäller und Fazendeiros drangen in die “Terra Indígena Turiaçu” ein – seit 1989 offiziell für die Ka’apor registriert – und roden dort den Wald. Ungefähr ein Drittel des Ka’apor-Territoriums, besonders entlang seiner westlichen Grenze – zwischen dem Gebiet des “Igarapé do Milho” und des “Igarapé Jararaca” – wird abgeholzt und von “Bauern ohne Land” besetzt, animiert von illegalen Landverkäufern und Lokalpolitikern. Die gegenwärtige Situation gleicht der Ruhe vor dem Sturm und eskaliert hie und da bereits. Angriffe von Besetzern und Holzfällern auf Indianerdörfer, sowie Gegenattacken der Indianer auf die Camps der Besetzer innerhalb ihres Territoriums, sind seit 1993 wieder im Gange – und haben auf der Besetzerseite bereits mindestens zwei Tote gefordert.

Der Friede zwischen den Ka’apor und der brasilianischen Gesellschaft, den man 1928 schliesslich erreichte, wird inzwischen wieder unterminiert, und es scheint, als ob sich ein neuer Kampfstil entwickelt. Für die Ka’apor ist der Feind von heute nicht mehr so klar auszumachen, wie 1928. Damals waren alle diejenigen ihre Feinde, welche nicht zu ihrem Volk gehörten. Jedoch ist inzwischen der interethnische Kontakt wesentlich komplexer geworden. Der “Conselho Indigenista Missionário” und andere interessierte NGOs – wie die “Survival International-United Kingdom” und andere – brachten das Problem der illegalen Invasionen des Ka’apor-Territoriums an die Öffentlichkeit, auch in die nationale und internationale Presse, alarmierten die brasilianische Landesregierung, die europäische “Kohle und Stahl Kommune”, das Europa-Parlament und den Amerikanischen Kongress. Aber die Brasilianische Regierung hat bis zur Stunde noch nicht eingegriffen, um diese Invasion zu stoppen.

In den letzten siebzig Jahren (1928 – 1998) passte sich die Gesellschaft und Kultur der Ka’apor zunehmend, jedoch noch nicht ganz, der brasilianischen Gesellschaft an. Viele von ihnen sprechen inzwischen portugiesisch, aber alle sprechen noch “Ka’apor” als ihre Muttersprache. Ein Teil hat den Glauben an Tupã-ra’ïr („Sohn des Donners“ oder „Jesus Cristus“) angenommen – der von Missionaren des “Summer Institute of Linguistics” eingeführt worden ist, die zwischen 1963 und 1985 in ihrem Gebiet tätig waren. Traditionsverbundene Ka’apor dagegen verehren die heilenden Kräfte von “Ïrïwar”, eines weiblichen, indianischen Geistwesens aus dem Wasser, dessen Geschichte teilweise aus der Mythologie der Tembé stammt, und ie im Schamanentum eine bedeutende Rolle spielt.
Die Ka’apor aller Altersgruppen hören Nachrichten und Musik aus Brasilien und der übrigen Welt mittels Kurzwellen-Transistoren – andererseits verbringen sie aber auch viel Zeit mit politischen Reden und sich gegenseitig in ihren Dörfern zu besuchen – wobei sie lange Wege durch den Regenwald unter die Füsse nehmen.

nach obenGesellschaftliche und politische Organisation

Ein Ka’apor-Dorf (Hendá) besteht in der Regel aus einer oder zwei Wohngemeinschaften, deren Mitglieder jeweils mütterlicherseits untereinander verwandt sind. Der älteste Bruder der verheirateten Schwestern in jeder Wohngemeinschaft ist normalerweise der Anführer (Kapitã), das heisst, ein Dorf, welches aus mehr als einer Wohngemeinschaft besteht, kann auch mehr als einen Anführer haben. Die Mitglieder einer Wohngemeinschaft folgen der “uxorilokalen” Regel – nach der die meisten Männer ihr Geburtshaus und ihre Wohngemeinschaft nach der Heirat verlassen, um fortan mit den Eltern ihrer Frauen zu leben – aber wenigstens ein Mann bleibt in seinem Geburtshaus, normalerweise der Sohn des Anführers, und seine Frau zieht in diesem Fall zu ihm. Und wenn sie die Tochter der Schwester seines Vaters sein sollte, kann sie sogar aus derselben Wohngemeinschaft stammen. Die Wohngemeinschaft ist politisch betrachtet, eine Fraktion, sie basiert einerseits auf der Tatsache der gemeinsamen Residenz und andererseits auf der gemeinsamen Blutsverwandtschaft.

Die politische Macht des “Chefs” ist begrenzt auf die Arrangements von Ehen seiner Schwestern mit Männern, die bereit sind, in seine Wohngemeinschaft einzuheiraten, und die ihm ihre Loyalität vesprechen, ihre und die ihrer späteren heiratsfähigen Töchter, damit er und seine Söhne sie später heiraten können. Eine gewisse Tendenz geht zu Heiraten mit einer Tochter der Schwester des Vaters.

Die verwandtschaftliche Terminologie ist eine “dravidianische” – womit ich sagen will, dass die Ka’apor einige ihrer angeheirateten Verwandten mit Termini ihrer Blutsverwandten bezeichnen – und umgekehrt (zum Beispiel wird sowohl für “Onkel” als auch für “Schwiegervater” dasselbe Wort – “Tutyr” – benutzt). Diese dravidianische Verwandtschaftsterminologie bezieht auch die Regel einer Heirat von so genannten “gekreuzten Cousins” (Kinder eines Bruders und einer Schwester) mit ein. Die Abstammung ist bilateral, und es gibt keine Hälften, Sibs oder Linien. Es existieren auch keine Alters- oder zeremonielle Klassen. Das Privileg von Ansehen und Respekt gewinnt der Anführer durch seine Grosszügigkeit mit den Mitgliedern seiner Gruppe und der Umsicht bei seinen politischen und materiellen Ambitionen. Die Gesellschaft ist eine gleichberechtigte – es gibt keine zentrale Autorität (obwohl sich das vielleicht ändern kann, wegen des wachsenden Drucks von Seiten der Invasoren). Jedes Dorf agiert als eine politisch autonome Einheit.

Ein Dorf kann, wie gesagt, aus mehr als einer untereinander verwandten Wohngemeinschaft bestehen, besonders dann, wenn solche Gemeinschaften auf mehr als 30 Personen anwachsen. In der Vergangenheit bestand ein mittelgrosses Dorf der Ka’apor aus 25 bis 50 Personen – heute bestehen einige, wie “Gurupiuna (im Norden) und Zé Gurupi (im Süden) aus mehr als 100 Bewohnern – und es ist nicht gesagt, dass das Anführer-Modell aus der Vergangenheit überhaupt noch eine Zukunft haben wird. Einige Ka’apor-Dörfer werden zu Siedlungen.

Eine solche Konzentration schlägt sich in der Zunahme eines natürlichen Bevölkerungswachstums nieder, aber auch im Druck auf den zur Verfügung stehenden freien Raum im Indianerterritorium – sowohl auf der Seite der zunehmenden eingeborenen Bevölkerung als auch von Seiten der ins Indianerland drängenden Landbesetzer. Vielleicht bieten die grösseren Konzentrationen den Indianern mehr Schutz.

nach obenWirtschaft

Als Ackerbauern hängt das Überleben der Ka’apor, wie das vieler anderer in Amazonien lebenden Völker, von dem Gedeihen der wilden Maniok ab, ihrer bedeutendsten Kalorienquelle. Sie verzehren sie fast ausschliesslich in Form von Mehl. Ausserdem kultivieren sie etwa fünfzig Arten von Pflanzen. Sie werden als Nahrung, Gewürz, Heilmittel, für Fasern, Werkzeuge und Waffen verwendet. Darüber hinaus jagen sie und sammeln Früchte des Waldes, und sie fischen in kleineren Bächen ihrer Umgebung – damit erhalten sie den Rest ihrer gewohnten Nahrung. Die wichtigsten jagdbaren Tiere ihres Gebrauchs sind: Hirsch, Wildschwein, Paca, Aguti, Brüllaffe, zwei Arten von Landschildkröten und verschiedene Arten von Vögeln. Aber nicht alles, was in ihrem Wohngebiet essbar ist, wird auch von ihnen verwendet. Einige essbare Spezies werden nur wenige Male von bestimmten Personen gegessen. Dieser Komplex von Nahrungsmittel-Tabus konzentriert sich auf bestimmte Riten, die mit der weiblichen Fruchtbarkeit zusammenhängen, besonders mit der Menstruation und dem Ritual der Pubertät. Für Personen in einer solchen Situation ist das einzig erlaubte tierische Fleisch das der “Gelbfuss-Schildkröte”.

Für die Nahrung der Ka’apor wichtige Fische sind: Surubim, Pacu, Piranha, Traíra und Jeju. Die bedeutendsten Waldfrüchte sind: Bacuri (Platonia insignis), Cupuaçu (Theobroma grandiflorum), Piquiá (Caryocar villosum) Açaí (Euterpe oleracea), Bacaba (Oenocarpus distichus) und Abiu-cutite (Pouteria macrophylla).

Die Arbeitsaufteilung nach Geschlechtern wird nicht besonders rigoros gehandhabt, aber die Frauen widmen der Zubereitung von Nahrungsmitteln viel mehr Zeit als die Männer, das gilt besonders für die Zubereitung der wilden Maniok. Dafür verbringen die Männer mehr Zeit auf der Jagd als die Frauen. In der Regel flechten die Männer die Körbe – inklusive die schlauchartigen “Tipitis“ (Maniokpressen), während die Frauen Töpfe und Schalen aus Ton formen und brennen – inklusive die enormen Behälter (Kamuši), aus denen der aus Maniok gepresste, fermentierte “Caxiri” bei Zeremonien der Namensgebung ihrer Kinder den Gästen serviert wird.

nach obenKunst und materielle Kultur

Die Kunst der Herstellung von Federschmuck ist bei den Ka’apor besonders perfektioniert, durch sie sind sie berühmt geworden – zwei dicke Bücher wurden ihr gewidmet. Die dazu benutzten Federn stammen von den verschiedensten Vögeln, auch von Tangaren, die besonders schwer zu jagen sind, wegen ihrer minimalen Grösse und ihren bevorzugten Aufenthalt in den Baumkronen. Die älteren Kunsthandwerker fertigen Federkronen, Ohrgehänge, Halsketten, Armreifen, Oberarmbänder und Lippenschmuck aus Federn. Sie werden in ihrem Gesamt nur anlässlich der Namensgebung ihrer Kinder zur Schau gestellt – als Beweis ihres Zusammengehörigkeitsgefühls als Volk.

Die Kunst der Ka’apor zeigt sich auch in den charakteristischen geometrischen Zeichnungen, die von den Frauen mit Urucum-Saft in die Gesichter der Personen und mit einer Farbe aus der Rinde des “Makuku” (Liciana spp.) auf den Kopf gemalt werden. Leider verblasst die Kenntnis des Kunsthandwerks langsam, weil sie immer seltener für eigene Zwecke gebraucht wird.

Die materielle Kultur bezieht auch die Architektur des Hauses und der Landschaft mit ein, Werkzeuge, Waffen, Gebrauchsgegenstände, Hängematten und Kleidung. Die Keramik wird inzwischen von entsprechenden Behältern aus Kupfer oder Aluminium ersetzt, aber diese Kunst ist noch nicht ganz verloren. Das Haus ist auf einem rechteckigen Grundriss errichtet und besitzt ein schräges Dach. Es beherbergt normalerweise eine Kernfamilie oder maximal eine Grossfamilie. Die tragenden Balken sind aus dem “Acariquara-Baum” gefertigt, besonders resistent gegen Fäulnis, die anderen Querbalken und Dachsparren aus bis zu zwanzig verschiedenen Edelholzarten. Die Bewohner schlafen in Hängematten aus Baumwolle – selbst angebaut und verarbeitet – befestigt an Pfosten, die von den erwachsenen Männern behauen und eingepflanzt werden. In der Regel wird ein mittleres Feuer im Haus unterhalten, um zu kochen und die kühlen Nächte während der Trockenperiode zu erwärmen. Die Frauen sammeln auch das Feuerholz, halten das Feuer in Gang und verrichten die meiste Küchenarbeit.

Die freie Fläche rund ums Haus ist der Hof und wird von Unkraut freigehalten. Jede Wohngemeinschaft besitzt auch ihr eigenes Häuschen zur Verarbeitung der Maniok, wo eine grosse Wanne zur Mehlbereitung (ehemals aus Ton – heute aus Kupfer) auf einem Herd aus Lehmziegeln tront. Die fein geschrotete und ausgepresste Mandiokmasse wird von den Frauen in dieser von unten erhitzten Wanne hin und her geschoben, während sie austrocknet und zum Mehl (U’i) wird, dem bedeutendsten Nährmittel und Kaloriengeber der Indianer. Die Ka’apor mischen das Mehl dann zum Verzehr wieder mit Wasser und trinken den Brei (U’i-tikwar). Ebenfalls im Hof beschäftigen sich die Männer mit dem grössten Teil ihrer Schreinerei, Korbflechterei und dem Modellieren der Werkzeuge aus Metall, während die Frauen sich mit der Weberei, mit nähen und Keramikarbeiten befassen.

nach obenReligion

Einige Ka’apor behaupten, dass ihre authentischen Schamanen während einer kosmischen Überschwemmung umgekommen seien, aber in einigen Dörfern ist das Schamanentum immer noch Realität, obwohl es von den Tremembé eingeführt scheint. Die Schamanen von heute rufen die Vorfahren (Yande ramu~i~) an, und eine Reihe anderer Geistwesen, wie zum Beispiel auch “Ïrïwar” (die Mutter des Wassers), von denen man glaubt, dass sie den Schamanen helfen, die Zukunft zu erkennen, den Bestand der jagdbaren Tiere zu erweitern und Krankheiten diagnostizieren und heilen zu können.

Es scheint offensichtlich, dass es im Schamanentum der Ka’apor einen afrikanischen Einfluss gibt. Eines der Geistwesen, dessen Assistenz man anruft, ist der “Kurupïr” (Curupira) – ein bösartiger Zwerg mit deformierten Füssen und schwarzer Haut, den man auch als “der kleine Schwarze” zu bezeichnen pflegt. Gesangsrituale, Tänze, Tabakqualm und Trance der Schamanen begleiten diese Beschwörungen. Die Schüler helfen beim Singen und fallen ab uns zu ebenfalls in Trance.

Die schamanistischen Aktivitäten finden in der Regel in der Öffentlichkeit statt, alle Altersstufen der Dorfbevölkerung können zuschauen. Die Schamanen der Ka’apor behaupten, dass sie von der “Mutter des Wassers” in einen Bach geschleudert wurden – was man natürlich schwer nachprüfen kann, was aber vielleicht irgendwelchen Bewusstseinsstörungen durch Fasten oder einem übermässigen Tabakkonsum zugrunde liegen mag.

Das Spektrum des Todes manifestiert sich mit Erscheinungen von Gespenstern der Vorfahren, die man “Angã” nennt, sie provozieren eine morbide, unheilbare Furcht. Verletzungen der “Tabus” (die ebenfalls vom Schamanen auferlegt werden) können der betreffenden Person übernatürliche Strafen einbringen. Zahlreich sind die Reinigungs-Rituale betreffs menschlichen Blutes (Awa ruwï) und der Aderlass. Männer, die andere getötet haben, inklusive Landbesetzer der regionalen Gesellschaft, ritzen ihre Körper in alter Tradition mit einem Zahn des “Cutia” (Nagetier) und werden auf eine spezielle Diät gesetzt. Während der ersten Menstruation wird das Mädchen zwölf Tage lang vor der Öffentlichkeit in einem geschlossenen Verliess verborgen. Dann scheren ihr die Eltern oder Geschwister den Kopf kahl – applizieren ihr einen breiten Gürtel mit lebenden Tapiís (Pachycondyla commutata) Ameisen um die Hüfte und die Brust – und ritzen ihre Beine der Länge nach mit Cutia-Zähnen bis sie rund herum bluten. Unter den Waiãpi muss die erstmals Menstruierende (Yaï-ramõ) eine ähnliche Probe bestehen, was die Vermutung nahelegt, dass dies ein ziemlich antikes Ritual sein muss – vielleicht geht es sogar zurück auf die Anfänge der linguistischen Familie Tupi-Guarani selbst.

Der Glaube, dass das Blut der Menstruation (Yaï) die Gesellschaft verseuchen kann, wird durch entsprechende Nahrungs-Tabus untermauert (Frauen, die ihre Tage haben, dürfen von den Landtierarten lediglich das Fleisch der Schildkröte essen) – und durch Einschränkungen von körperlichen Aktivitäten (eine Frau, die ihre Periode hat, darf nicht auf dem Feld arbeiten, nicht kochen oder den anderen Essen verteilen, nicht einmal im Fluss der Allgemeinheit baden) – und durch die Existenz einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Hausmittelchen für einen “exzessiven menstrualen Fluss” (Yaï-hu). Während einer Schwangerschaft (Nino-rahã) werden sowohl Mutter wie Vater bestimmte Nahrungs-Diäten auferlegt – einige Monate lang oder auch länger – in dem Glauben, dass andere Nahrungsmittel das neugeborene Leben gefährden könnten.

Die schönste Zeremonie in der Kultur der Ka’apor ist die Namensverleihung an ihre Kinder. Grundsätzlich handelt es sich bei diesem Ritual um eine Bestätigung der Fruchtbarkeit der Ka’apor und der Festigung der exogamen Verbindungen zwischen den Wohngemeinschaften, welche Überleben und Wachstum der Bevölkerung garantieren. Wenn das Kind die Geburt und die Nahrungseinschränkung, sowie die Isolation seiner Eltern, überlebt hat, wird es zum Kandidaten für einen Namen. Normalerweise geschieht dies, wenn das Kind gerade sein Krabbelalter erreicht hat – es kann aber auch länger dauern, bis zu einem Jahr oder mehr, nach seiner Geburt. Diese Zeremonie ist keine individuelle, wie zum Beispiel bei der femininen Pubertäts-Zeremonie, im Gegenteil, sie ist sogar äusserst kollektiv. Verschiedene Kinder in der Gruppe zwischen einem Jahr oder etwas mehr, bekommen ihre Namen alle auf einmal. Und da jedes Kind Paten braucht (Ipai-anhang) sowie seine eigenen Eltern dabei, ergibt dies das grösste Fest der Gesellschaft Ka’apor.

Einer der Elternteile ist der “Herr” (-yar) des Festes – und er (oder sie) bereitet den traditionellen “Caxiri” aus fermentierter Maniok zu – manchmal auch aus Caju oder Bananen. Alle Erwachsenen und die älteren Kinder trinken ihn dann während des Abends. Am nächsten Morgen hängen alle ihre Hängematten im grössten Haus des Dorfes auf – die Männer lehnen sich zurück und paffen schweigend lange Zigarren. Während dessen sitzen die Mütter der noch namenlosen Kinder auf Bacaba-Matten und halten ihre Kinder auf dem Schoss. Alle Erwachsenen und viele Jugendliche haben sich mit Ornamenten bemalt und mit Federn geschmückt – diese wundervollen roten, gelben, grünen und schwarzen Federkronen leuchten in einer schier überwältigenden Farbenpracht, welche sogar die ersten Strahlen der Morgensonne in ihre Schranken weist.

Dann schreit plötzlich einer der Paten den Namen eines Kindes, den er selbst ausgesucht hat – und er wiederholt ihn dann mehrmals, begleitet vom Chor der Männer und Frauen. Jetzt wirft der Vater oder die Mutter desselben Kindes einen zweiten Namen in die Menge, einen, den sie ausgesucht haben – auch der wird von den Anwesenden viele Male wiederholt. Das entsprechende Kind wird nun vom Paten emporgehalten, der dabei auf einer Knochenflöte bläst, die an einer Kette aus roten, blauen und schwarzen Federchen hängt. Er tut ein paar Tanzschritte nach vorn und wieder ein paar zurück, während er das Kind in seinen Armen wiegt – und dann verkündet er der Welt noch mal den Namen eines neuen Menschenwesens der Ka’apor.

So verfahren sie mit jedem einzelnen der anwesenden Kinder – bis endlich die neuen Namen sich fest in der Erinnerung der Anwesenden eingegraben haben. Der Pate ist meist ein Verwandter oder ein Geschwisterteil des jeweils entgegengesetzten Geschlechts von einem Elternteil, sodass man von der Idee ausgehen kann, das das entsprechende Patenkind sich in der Zukunft mit einem eigenen Kind des Paten verheiraten kann. Alles in allem versucht die Ka’apor-Gesellschaft sich in die Zukunft hinüber zu retten, durch die gemeinschaftliche Verteilung möglichst vieler neuer Namen. Aber ob dieses Ritual tatsächlich weiterhin Bestand haben wird als Grundlage der Kultur des Ka’apor-Volkes, wird vom Ergebnis ihres gerechten Kampfes um ihren Lebensraum abhängen.

nach obenQuellenangaben

Die Bücher, welche über die Ka’apor publiziert worden sind, behandeln die allgemeinen Situation der Gesellschaft und Kultur aus der Perspektive ihrer ersten Ethnografen Ende der 50er Jahre (Francis Huxley, Affable Savages, und Darcy Ribeiro, Diários Índios) – Folgen epidemischer Krankheiten und Bevölkerungsrückgang der Ka’apor während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts (Darcy Ribeiro, Uirá Sai à Procura de Deus) – Wörterbuch der Ka’apor-Sprache, übersetzt ins Portugiesische (James Kakumasu, Dicionário por Tópicos, Urubu-Kaapor-Português) – dei Kunst des Federschmucks und damit verbundene Aktivitäten (Darcy und Berta Ribeiro, Arte Plumária dos Índios Kaapor, und Peter Gerber (ed.), Ka’apor: Menschen des Waldes und ihre Federkunst) – sowie die menschliche Ökologie und Ethnobotanik der Ka’apor im Lauf der Zeit (William Balée, Footprints of the Forest).

Wissenschaftler und Forscher haben bedeutende Studien der Ka’apor-Bevölkerung in Artikeln und Kapiteln von Büchern veröffentlicht (Aguiar e Neves) – Jagd und Jagdrituale der Ka’apor (Balée) – die Geschichte des Kontakts im 20. Jahrhundert und die zerstörerischen Folgen für die Bevölkerung durch die eingeschleppten Krankheiten während dieser Periode (Lopes; Ribeiro; Rice) – die Primaten-Fauna im Lebensraum der Ka’apor (Queiroz) – eine Beschreibung der Ka’apor-Grammatik (Kakumasu) – eine Reihe von Artikeln über die Ethnobotanik der Ka’apor und das Verhältnis des Volkes zu seiner Umwelt (Balée) – Probleme der Landvermessung und der Justiz, denen die Ka’apor Ende des 20.Jahrhunderts gegenüber standen (Balée). Interessante Dissertationen und Thesen über die Ka’apor begreifen ein generelles ethnografisches und ethnohistorisches Studium ein (Balée) und einen exzellenten Beitrag zum Studium der Ka’apor-Sprache (Corrêa da Silva).

Im Laufe seiner Feldforschung orientierte Darcy Ribeiro die Produzenten eines Dokumentarfilms ethnografisch über den Alltag einer Ka’apor-Familie, der von Heinz Forthmann realisiert wurde und erst kürzlich auf Video überspielt – mit Kommentaren von Darcy Ribeiro selbst. Und seinerseits inspiriert von der Erzählung des “Uirá” von Darcy Ribeiro, produzierte Gustavo Dahl einen Spielfilm.

© William Balée, Tulane University, September 1998
(aus dem Englischen von Ana Valéria Araújo, Advokatin, Mitglied der Direktion der ISA)
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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