Juma

Veröffentlicht am 2. Januar 2010

Die Juma gehören einer Volksgruppe an, die aus der linguistischen Familie Tupi-Guarani stammt und als Kagwahiva bezeichnet wird. Es ist wahrscheinlich, dass die Juma im 18. Jahrhundert etwa 12 bis 15 Tausend Individuen zählten. Nach sukzessiven Massakern und dem Voranrücken verschiedener Waldausbeutungsfronten (Gold, Latex, Paranüsse) waren sie im Jahr 1960 auf ein paar Dutzend Mitglieder reduziert – heute sind nur noch fünf Individuen am Leben: ein Vater mit seinen drei Töchtern und eine Enkelin.

Juma

Andere Namen: Yuma, Kagwahiva
Sprache: Sprachfamilie Tupi-Guarani
Population: 6 (2010)
Region: Süden des Bundesstaates Amazonas
INHALTSVERZEICHNIS
Lokal
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftliche Organisation
Zeitgenössische Aspekte

nach obenLokal

Die Juma der Gruppe Kagwajhiva, so geht aus historischen Berichten hervor, wanderten einst vom Gebiet des Oberen Tapajós ab in die Nähe des Rio Madeira (Nimuendajú, 1924; Menéndez, 1981/82). Während dieser Abwanderung gab es verschiedene Spaltungen, und heute sind die Kagwahiva-Gruppen über ein weites Areal verteilt: Am Oberen Madeira leben die Karipuna, die Uru-eu-wau-wau und die Mondawa, am Mittleren Madeira die Tenharim (vom Marmelos, vom Igarapé Preto und vom Sepoti), die Parintintin und die Jahui, und im Gebiet des Purus die Juma. Es ist ausserdem wahrscheinlich, dass es noch isolierte Kagwahiva-Gruppen gibt.

Die Juma leben im Gebiet des Rio Açuã, in der Nähe der Stadt Lábrea, im Süden des Bundesstaates Amazonas. Das Territorium der Gruppe befindet sich im Distrikt Canutama-AM und wurde 1993 demarkiert – eine Fläche von 38.700 Hektar und einem Umfang von 132 km – aber bis heute wurde dieses IT nicht offiziell bestätigt – besonders wegen gewisser Zweifel hinsichtlich des Überlebens dieses Volkes, denn die Überlebenden sind miteinander verwandt und können keine Nachkommen zeugen. Das Bild wurde dann noch unübersichtlicher, als gegen Ende 1998 die wenigen Juma von Beamten der FUNAI ins “Casa do Índio” in Porto Velho transferiert wurden, und danach in ein Dorf der Uru-eu-wau-wau am Oberen Jamary, wo Vater und Töchter der Juma-Familie sich mit Personen dieser anderen Ethnie verheirateten. Gegenwärtig leben sie alle noch in diesem Dorf, und ob sie in ihr Gebiet zurückkehren oder nicht, ist noch nicht entschieden. (Weitere Informationen über diesen Prozess finden Sie im Abschnitt “Gegenwärtige Situation”).

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Die Kagwahiva genannten Eingeborenen erscheinen erstmals 1750 in historischen Aufzeichnungen, im Gebiet am Oberlauf des Rio Juruena, unweit der Apiaká. Jener Ort war den Fronten der Latexsammler und Goldsucher praktisch unbekannt und wurde dann später als Geburtsort der “Lingua Geral” (in Amazonien übliche Allgemeinsprache) angesehen, in einer Anlehnung an die Tupi-Guarani-Sprache, welche von den dort ansässigen Völkern gesprochen wurde (Ferreyra, 1752).

Zu einem späteren Zeitpunkt wurde dann genau dieses Gebiet von einer Goldsucherfront heimgesucht, die sich immer weiter gegen Norden bewegte auf der Suche nach dem begehrten Metall (Menéndez, 1989:38). Der Druck, den jene Expansionsfront auf sie ausübte, sowie der Krieg mit den Munduruku, werden als Grund dafür angesehen, dass die Kagwahiva jener Region in den Umkreis des Rio Madeira abwanderten (Nimuendajú, 1924:207-208). Tocantins (1877:93), der sich unter den Munduruku aufhielt, beschreibt, dass als deren grundsätzliche Feinde die Parintintin anzusehen sind. Wie dem auch sei, Menéndez entsprechend (1989:47) existierte in besagter Region eine enorme interethnische Dynamik, die jene Abwanderung aus den verschiedensten Gründen rechtfertigt.

Die Gründung des “Diretório dos Índios” (Indianer-Direktorium) im Jahr 1757 – einer Zeit, welche mit den ersten Berichten über die Kagwahiva zusammenfiel – integrierte sämtliche Indianer, mit oder ohne Dörfer, ins koloniale System ohne Vermittler. Die “pombalinische” Politik (des regierenden Marquis de Pombal) erlaubte eine Aufstockung der Zahl weisser Siedler, sowie eine zunehmende Herrschaft über die Eingeborenen. In Konsequenz gab es eine Reaktion hinsichtlich jener “Diretórios”, die in einer Neudefinition der Indianerpolitik für die folgenden Jahre gipfelte. Wie auch immer, selbst nach dem Sturz des Marquis de Pombal bis zur Unabhängigkeitserklärung Brasiliens, war die Gesetzgebung in ihrem Kontext progressiv anti-indianisch (Moreira Neto, 1988:27-30).

Man machte sich überall die indianische Arbeitskraft zunutze, was eine allgemeine Konfliktsituation in dem Gebiet begründete. Jene Gruppen, die eine Unterwerfung ablehnten, unternahmen lange Wanderungen innerhalb des amazonensischen Territoriums. Was das Gebiet zwischen Rio Madeira und Tapajós betrifft, so führten jene Konflikte zu Flucht und Ausrottung ganzer Volksstämme, die an den Ufern der grossen Flüsse einst gelebt haben. In Konsequenz wechselten andere Gruppen, die bisher im Innern des Regenwaldes gelebt hatten, in die leeren Flächen über, dort wurden sie dann von den Chronisten jener Zeit entdeckt, welche das Gebiet im 17. und 18. Jahrhundert bereisten (Ribeiro, 1970:37; Menéndez, 1981/82:350).

Die Kagwahiva sind ein deutliches Beispiel dafür, denn nach den Referenzen vom Oberen Tapajós, werden sie im Jahr 1817 zum ersten Mal unter dem Namen “Parintin” registriert. Man nimmt an, dass ihnen diese Bezeichnung von den Munduruku gegeben worden ist, ihren Feinden. Im Jahr 1850 werden Kagwahiva und Parintin nebeneinander registriert, und etwas später verschwindet das Ethnonym Kahwahiva ganz, und alle entsprechenden Völker werden als Parintintin registriert (Menéndez, 1989:26). Erst nach einer Arbeit von Nimuendaju (1922) stellte man fest, das “Kagwahiva” eine Selbstbezeichnung der Parintintin ist, und dass die “Parintintin” lediglich eines dieser Völker waren (Nimuendajú, 1924:204-205).

Die Annäherung der Kagwahiva-Gruppen an die brasilianische Gesellschaft, im Gebiet des Rio Madeira, ergab sich erst nach einem langen Krieg, der zirka 70 Jahre währte – von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts – und er endete erst mit Eingreifen des Brasilianischen Indianerschutzes SPI, der den Latexsammlern der Region definitive Grenzen zuwies. Curt Nimuendajú war der bedeutendste Vermittler bei dieser Annäherung: vom SPI unter Vertrag genommen, organisierte er Expeditionen und hatte seinen Standort innerhalb des Indianergebietes. Aber als dem staatlichen SPI dann die Mittel ausgingen, schmiss Nimuendaju das Projekt nach nur fünf Monaten hin – an seiner Stelle verblieben verschiedene Helfershelfer. Wenige Jahre später berichtet einer von ihnen, José Garcia de Freitas, verängstigt von einer enormen Anzahl indianischer Gruppen, die er “Krieger-Clans” nennt:

“Bisher kennen wir neun Gruppen, die sich alle feindlich gegenüber stehen – sie bekriegen sich und quälen ihre Opfer mit den unglaublichsten Gräueltaten. Die wir kennen sind: die Kuandey (Gaviãozinhos) – die Odiahub (wahrscheinlich die heutigen Jiahui) – die Itauéry – die Tucut – die Miundê – die Pain – die Apairandê (die heutigen Tenharim) – die Kôte-Apain und die Boritá – eine Gruppe, die heute nur aus Frauen besteht (Freitas, 1930:7-8).

Wie es scheint, waren bis dato die verschiedenen Kagwahiva-Untergruppen in dieser Region nicht bekannt: alle wurden als Parintintin bezeichnet. Der ethnische Name Kagwahiva stammt dagegen aus viel früherer Zeit, und die Hinweise in ganz unterschiedlichen Lokalitäten scheinen auf eine Wanderung innerhalb eines weiten Territoriums der Region Madeira-Tapajós hinzuweisen. Unter Rücksicht auf die Eigenheiten der gesellschaftlichen Organisation dieser Gruppen kann man annehmen, dass sie auf kleinere Gruppen verteilt innerhalb der gesamten Region ansässig waren, sich bekriegten und wieder verbündeten.

Am Rio Purus wiesen die ersten offiziellen Aufzeichnungen bereits auf die Juma als Bewohner der Region hin. Und mit ihrer darauffolgenden Besetzung durch Nicht-Indianer begannen die Kriege gegen die Völker, welche sich dagegen zur Wehr setzten. Wie es im gesamten Amazonien damals geschah, so wurden auch hier Volksgruppen für den Erstkontakt vorgeschickt, um später zur Ausrottung der Indianer benutzt zu werden.

Mitte des 19. Jahrhunderts interessierte man sich für eine Verbindung dieses Flussbeckens mit dem Rio Madeira, um so einen Abschnitt mit vielen Wasserfällen desselben Flusses zu umgehen. Ab diesem Moment erscheinen genauere Daten über die indianischen Völker, welche in jenem Abschnitt lebten, ausserdem auch Berichte über die Region des Purus im Allgemeinen, welche das Klima, die Vegetation und die Fauna beschrieben. Die bedeutendsten Berichterstatter jener Zeit waren Manoel Urbano da Encarnação, der den Purus im Jahr 1861 bereiste, João Marfins da Silva Coutinho, 1862, und William Clandless, im Jahr 1864. Es sind Informationen, welche sich auch mit der Möglichkeit einer Besetzung der Purus-Region durch Nicht-Indianer beschäftigen, die bis dato ausschliesslich Indianergebiet gewesen ist.

Ein paar Geschehnisse aus jener Zeit wiesen darauf hin, dass die Juma sich gegenüber der Invasion ihres Gebiets ganz besonders entschieden entgegegensetzten. 1896 griffen sie ein Ehepaar an, welches sich in dieser Region angesiedelt hatte, und töteten beide. Grund war die Kurzschlusshandlung des Mannes, der auf eine Gruppe Indianer schoss, als diese ihn von weitem mit erhobener Hand grüssten! Die Ermordung des Paares hatte eine Aktion von Seiten der Polizei zur Folge, die Truppen schickte, welche von nun an in der Region patrouillierten, um eine Gefährdung der Latex- und Paranusssammler abzuwenden und damit eine Unterbrechung der wirtschaftlichen Ausbeutung der Region (Mattos,1870).

Die Konflikte mit den Indianern nahmen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu, als immer mehr Einwanderungswellen aus dem Brasilianischen Nordosten in diese Region vordrangen, um ihre Ausbeutung zu betreiben, und sie stehen in direkter Verbindung mit dem wachsenden Bedarf an Gummi der amerikanischen und europäischen Industrie, die ihren Höhepunkt um 1910 erreichte (KrÖomer, 1985; Dal Foz Neto, 1985). Mit den Worten von Krömer:

“Als Konsequenz schmolz das Indianerterritorium drastisch dahin, und verschiedene Völker wurden komplett ausgerottet. Der Rückgang ihrer Bevölkerung beeinträchtigte die Produktion und gesellschaftliche Organisation der Indianer und zwang sie, sich aufzusplittern. Strafexpeditionen wurden von Kolonisations-Unternehmen organisiert, von Schiffseignern und Landbesitzern, unter Duldung oder sogar mit Beteiligung der repressiven Machthaber der Provinz” (Krömer, 1985:78).

Ebenfalls nach Krömer (1985:80): Die zahlenmässig grössten Völker des Rio Ituxi waren die Cacharari, Canamari, Guarayo, Apurinã, Huatanari, Paumari, Catauxi und die Juma. Ihre Dezimierung geschah proportional zur Zahl von Invasoren aus dem Nordosten, die dort einfielen, um in der Latex-Verarbeitung einen Job zu bekommen.

Verrufen als Kannibalen, pervers und wild, hielten die Juma in einer Isolation Abstand bis fast in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit der Gründung des SPI (Serviço de Proteção aos Índios), dem staat- lichen Indianerschutz, wurden Indianer-Posten in der Region gegründet – und später wieder aufgegeben.

Und nach Krömer: “Die Haltung des SPI führte nicht nur zum Untergang der Indianer-Posten, sondern erlaubte vor allem des Vordringen der Wirtschaftsfronten bis in die letzten Zufluchtsstätten der isolierten Indianer – und über die an ihnen begangenen Verbrechen hat man ein barmherziges Tuch gebreitet. Zwischen 1940 und 1965 geschah die systematische Ausrottung der Stämme Mamori, Katukina und Ximarimã am Rio Cuniuá; der Jamamadi-Indianer am Rio Pauini; und der Juma vom Rioo Mucuim und seinen Zuflüssen (Krömer, 1985:96).

Unter kontinuierlichen Verfolgungen leidend, versuchten die Juma, ihr Territorium und ihre Integrität bis zuletzt, und ungeachtet aller Opfer, zu verteidigen. “Die Juma oder Borabá wurden seitens gewissenloser Geschäftemacher und ihrer Kunden – voller Gier nach den Reichtümern einer Region, die beherrscht wurde von einem Indianerstamm, der eine “Zähmung” von Seiten der Weissen nicht akzeptierte – fast ausgerottet. Im Jahr 1948 schleusten dieselben Invasoren eine Gruppe peruanischer Exterminiatoren ins Gebiet des Rio Jacaré, einem Nebenfluss des Purus, um Indianer abzuschiessen – sie richteten ein Blutbad unter den Eingeborenen an” (Ferrarini, 1980:24).

Im November 1959 griffen die Juma ein Siedlerpaar am Flüsschen Trufary an, was eine Revolte unter der Bevölkerung von Canutama auslöste. (Dieser Angriff jedoch war die Folge einer vorausgehenden Invasion eines Indianerdorfes durch Nicht-Indianer). Nachdem der Vergeltungsangriff der Indianer bekannt geworden war, organisierte sich die Ortsbevölkerung in einer kleinen Armee, bewaffnet mit Flinten und Repetiergewehren, in der klaren Absicht, die Juma-Bevölkerung auszurotten. Diese Schlacht fand nur nicht statt wegen der Intervention des lokalen Polizeiinspektors, welcher die Gruppe von ihrem Entschluss abzubringen verstand (Lima, 1960).

Damals war es noch nicht lange her, dass eine Gruppe von regionalen Landbesetzern in ein Dorf der Juma eingedrungen war und es komplett dem Erdboden gleichgemacht hatte:

“Ein paar Latex-Sammler, getrieben von einem perversen Instinkt, vollkommen ignorant gegenüber den Folgen ihres unüberlegten Handelns, hatten, nachdem sie auf die vollkommen leere “Maloca” der Indianer gestossen waren (die wahrscheinlich vor der Gefahr geflohen waren), sämtliche Körbe, Siebe, Matten, Kalebassen und anderes eingeborenes Hausgerät auf dem zentralen Platz aufgetürmt, um es anschliessend mit Hieben ihrer Macheten vollkommen zu zerstückeln. Noch nicht zufrieden, hackten sie auch noch die zentralen Stützen der Hütten so an, dass sie beim nächsten Wind zusammenstürzen mussten – immer noch nicht zufrieden, verschmierten sie die Hüttenwände und den -boden mit obszönen Figuren – dann schliesslich zogen sie sich zurück unter Mitnahme sämtlichen Nahrungsvorrats der Indianer – was sie nicht mitnehmen konnten, machten sie unbrauchbar” (Lima, 1960).

Diese Konfliktsituation mit der indianischen Bevölkerung wurde bis in die letzte Konsequenz vorangetrieben. Auf der einen Seite verteidigten die Juma ihr Territorium gegen die Invasoren, auf der anderen Seite organisierte sich die weisse Bevölkerung in Strafexpeditionen mit der eindeutigen Absicht, die Indianer auszurotten. Im Jahr 1964 geschah ein weiteres Massaker, als ein Geschäftsmann, der Geld von anderen Geschäftsleuten gesammelt hatte, eine Expedition in der Absicht ausrüstete, in Territorium der Juma Latex und Paranüsse zu extrahieren. Ein Mitglied dieser Gruppe bestätigte, dass sie mehr als 60 Indianer töteten – diese Aussage machte der Mann einige Jahre später, im Juni 1979, gegenüber der Zeitung “Porantim”.

Während der 60er Jahre versuchten die Juma alles, um den Vormarsch in ihr Territorium zu verhindern, während die Invasoren sich mit der “Reinigung der Region” beschäftigten, die Indianer mit Schüssen in die Flucht schlugen, die kontinuierlich ihre Feinde attackierten. Man setzte auch andere “zahme” Indianer gegen die Juma ein, wie zum Beispiel die Catauxi:

“Von einem Massaker in einem Dorf am Rio Içuã waren nur noch zwei Mädchen übrig geblieben. Man nahm sie mit nach Canutama, wo sie von Benedito dos Santos Pereira adoptiert wurden – sie starben bald. In anderen Dörfern gab es keine Gnade: Die Angreifer warfen Kinder in die Luft, um sie mit dem Bajonett aufzuspiessen; viele wurden auch ins Wasser geworfen, wo sie ertranken. Viele Strafexpeditionen dieser Art gegen die Indianer wurden immer wieder zusammengestellt – aber selbst als diese ihre komplette Ausrottung kommen sahen, ergaben sie sich nicht. Das endgültige Massaker fand 1964 am “Igarapé da Onça” (Flüsschen des Jaguars) statt. Der Angeklagte dieses Verbrechens ist Orlando França. Die Überlebenden zogen sich zum “Igarapé Joari” zurück, einem Zufluss des Içuã” (Krömer, 1985:98-99).

Diese sieben Überlebenden verblieben zwar innerhalb ihres angestammten Landes, aber sie stellten von nun an gegenüber den weissen Invasoren und Verantwortlichen für diesen Völkermord keine ernstzunehmende Gefahr mehr dar. Letztere leben noch heute in dieser Region – ihnen wurde nie der Prozess gemacht. Wenige Monate vor diesem Massaker waren Missionare des “Summer Institute of Linguistics (SIL)”, Arno und Joyce Abrahamson, in derselben Region angekommen, begleitet von einem Dolmetscher. Anfangs hatten sich die Indianer jedem Kontakt widersetzt – schliesslich erlaubten sie den Missionaren, ihre Sprache zu studieren – sie blieben bis etwa 1979. Ende der 70er Jahre denunzierte der “Missionarische Rat für Indianerfragen” jenes Massaker mittels der Zeitung “Porantim” und charakterisierte es als Genozid. Aber alles deutet darauf hin, dass die unselige Tat in Vergessenheit geriet.

1992 wurde der letzte Mann des Juma-Volkes, welcher die beiden übrig gebliebenen jungen Frauen seines Stammes hätte heiraten können um damit sein Volk zu retten, von einem Jaguar angegriffen und getötet.

nach obenGesellschaftliche Organisation

Die Juma sind ein Volk aus der linguistischen Tupi-Guarani-Familie und bilden eine Untergruppe der Kagwahiva. Gegenwärtig existieren noch folgende Kagwahiva-Gruppen: Jiahui, Tenharim (vom Rio Marmelos, dem Igarapé Preto und vom Rio Sepoti), Parintintin, Juma, Uru-e-wau-wau, Mondawa und Karipuna – möglicherweise ausserdem ein paar isolierte Gruppen. Gegenwärtig bilden die Letzten des Juma-Volkes nur noch den Rest einer Kernfamilie – alle verheiratet mit Mitgliedern der Uru-e-wau-wau.

nach obenZeitgenössische Aspekte

In den 90er Jahren, nach dem Tod des letzten Mannes, welcher mit den Frauen derselben Ethnie Kinder hätte zeugen können, waren die Juma auf sechs Individuen zusammengeschrumpft – ein Seniorenpaar, ein Mann und seine drei Töchter – die sporadisch von der FUNAI eine gewisse Zuwendung erfuhren, mittels der “Administração Regional de Rio Branco” (Regionalregierung von Rio Branco), die einen Eingeborenen-Posten in Lábrea betreibt – ausserdem von der “Kontaktfront Rio Purus”, welche dem “Departamento de Índios Isolados” (Abteilung für Isolierte Indianer) der FUNAI angehört.

Anfang der 90er Jahre versuchte man eine Heirat der Juma-Mädchen mit Parintintin- und Uru-e-wau-wau-Männern in die Wege zu leiten – wegen der kulturellen und linguistischen Ähnlichkeiten zwischen diesen Kahwahiva-Völkern. Repräsentanten des CIMI (Missionarischer Eingeborenenrat) stimulierten jenen Austausch mit den Parintintin, während Mitglieder der FUNAI dafür waren, dass die Juma-Mädchen sich mit den Uru-eu-wau-wau verbänden, und begründeten ihren Einwand damit, dass der Kontakt der Parintintin mit der nationalen Gesellschaft bereits zu weit fortgeschritten sei – im Gegensatz zu den Juma, die noch kein Portugiesisch sprachen und noch vollkommen nach ihren traditionellen Sitten und Gebräuchen zu leben gewohnt waren. Indianer beider genannter Ethnien besuchten das Juma-Dorf, aber sämtliche Versuche schlugen fehl.

1994 wurde dann eine eher absurde Alternative präsentiert, als die französische Zeitschrift ACTUEL eine Anzeige publizierte, in der sie vermögende Ehemänner für die Juma-Frauen suchte. Die Anzeige veröffentlichte auch eine Telefonnummer der FUNAI in Brasília, wo verschiedene Angebote von jungen Amerikanern eingingen.

Es ist noch nicht so lange her, da entschloss sich diese kleine, von Krankheiten geschwächte Gruppe, in die Nähe der Strasse umzuziehen, welche Lábrea mit Humaitá verbindet. An diesem Ort trafen sie öfter auf Fischer, welche auf dem Rio Purus vorbeikamen. Die nutzten die Schwäche der Gruppe für ihre Zwecke aus, verführten die Juma-Mädchen und nahmen sie mit auf ihren Fahrten auf dem Fluss (Cf. Boletim de Ocorrência de 31/07/98).

1989 begann die FUNAI von Brasília mit den Verhandlungen eines Vertrages mit einem Anthropologen, um den Juma eine Alternativlösung präsentieren zu können – sie dachten dabei an Eheschliessungen mit Personen einer ähnlichen gesellschaftlichen Organisation, da es keine Möglichkeiten interner Heirat mehr gab. Zur selben Zeit – ohne die Repräsentanten der FUNAI in Kenntnis zu setzen – verlegte die Regionalregierung von Porto Velho die Juma von ihrem angestammten Land in das “Casa do Índio” (Haus des Indianers – eine von der Zentralregierung in Städten eingerichtete Institution, in der “reisende Indios” übernachten können) – mit der Begründung, in Anbetracht des schwachen Gesundheitszustandes der beiden Alten und einer schwangeren Frau, dass sie dort besser betreut werden könnten. Schliesslich überführte man sie ins IT (Indianer-Territorium) Uru-eu-wau-wau am Oberen Jamary. Diese Überführung beschleunigte den Tod der beiden Alten – die genauen Gründe ihres Ablebens sind unbekannt und wurden erst zwanzig Tage nach ihrem Tod den Repräsentanten der Eingeborenenorganisationen und den Nicht-Governamentalen bekannt.

Heute sind die Juma auf fünf Individuen reduziert: Ein Vater, seine drei Töchter und eine Enkelin. Sowohl der Vater als auch die Töchter sind mit Mitgliedern der Uru-eu-wau-wau verheiratet und leben derzeit zwischen der Entscheidung, auf ihr Land zurückzukehren oder im Dorf am Oberen Jamary zu verbleiben.

Erst im Jahr 1999 wurde diesem untergehenden Volk endlich eine systematische anthropologische Assistenz bewilligt – nachdem sie bereits ihr Land verlassen hatten und vom Wohlwollen anderer Eingeborenengruppen und der FUNAI abhängig geworden waren, die sie als Lösung für den Frauenmangel unter den Uru-eu-wau-wau betrachteten. Dieser Faktor, verbunden mit einem möglichen Umzug der drei bedeutendsten Jäger – jetzt verheiratet mit den Juma-Frauen – stimmt bedenklich insofern, als die Krise des Juma-Volkes nunmehr eine Krise unter den Uru-eu-wau-wau heraufbeschwört: Wenn die drei Uru-eu-wau-wau ins Juma-Land umziehen sollten, wird die Situation im Dorf am Oberen Jamary kritisch – wenn die Juma dagegen bei den Uru-eu-wau-wau bleiben, gehen sie als Volk unter, und das IT Juma wird wohl nie demarkiert werden. In der Zukunft – und für den Fall, dass die Kinder jener Ehen nicht als vollkommene Uru-eu-wau-wau anerkannt werden – könnten sie versuchen, ihr Stammland zu beanspruchen, ein Land, das wahrscheinlich von Invasoren längst übernommen worden ist, und dessen natürliche Ressourcen längst zerstört worden sind.

Es existiert keine Möglichkeit, diese schwierige Situation auf die Schnelle zu lösen. Dazu muss von offiziellen Vertretern der Regierung, sowie nicht-governamentaler Organe ein Gremium gebildet werden – und vor allem müssen sämtliche Entscheidungen von Seiten der Indianer selbst respektiert werden. In Übereinstimmung mit der gegenwärtigen Situation ist es nicht möglich, Entscheidungen zu treffen, welche die Selbstbestimmung der beiden Völker ausser acht lassen – die jetzt durch Heirat miteinander verbunden sind.

© Edmundo Antonio Peggion – Anthropologe an der Universität von São Paulo (USP) – Oktober 2002
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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