Jamamadi

Veröffentlicht am 29. November 2013

Die Jamamadi gehören zu den wenig bekannten indigenen Völkern aus der Region der Flüsse Rio Juruá und Rio Purus, die beide Gummi-Zyklen des 19. Jahrhunderts überlebt haben. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat man ihr Aussterben als Aussenseitergruppe befürchtet, aber dann gelang es den Jamamadi, sich zu erholen – sowohl zahlenmässig als auch in kultureller Hinsicht. Der vorliegende Text präsentiert die wenigen Informationen, die wir von dieser Ethnie zusammentragen konnten.

Andere Namen: Yamamadi, Kanamanti
Sprachfamilie: Arawá
Population: 882 (2010)
Region:Bundesstaat Amazonas
INHALTSVERZEICHNIS
Name
Sprache
Lebensraum
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Wirtschaftliche Aktivitäten
Politische und gesellschaftliche Organisation
Materielle Kultur
Religion, Mythologie und Rituale
Quellenangaben
Respedição Jamamadi
Jamãemadi I
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nach obenName

Es gibt gegensätzliche Meinungen hinsichtlich der Eigenbezeichnung und der kulturellen Identität der Jamamadi. Verschiedene Autoren behaupten, dass es weder linguistische noch kulturelle Unterschiede zwischen den “Jamamadi, Kanamanti“ und “Jarawara“ existieren, während andere sagen, dass sich die “Jamamadi“ in drei Untergruppen aufteilen: in “Kanamanti, Jarawara“ und “Banawa-Yafi“.

Die Frage nach der Selbstbezeichnung bleibt allerdings offen. Die Jamamadi des Indianer-Territoriums (IT) “Jarawara/Jamamadi/Kanamanti“ geben sich mit diesem Namen gegenüber Nicht-Indianern zu erkennen – auch gegenüber Repräsentanten anderer Ethnien – aber die Anthropologin Lúcia Helena Rangel erhält die These aufrecht, dass der Terminus “Jamamadi“ ihnen wahrscheinlich von den “Paumari“ gegeben wurde, was “Leute des Waldes“ bedeutet. Der amerikanische Ethnologe Steere hat diesen Terminus zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls als von den “Paumari“ stammend bezeichnet. Nach seiner Beschreibung bedeutet “jiwã-mãgi“ = “wilder Mensch“. In der Sprache der “Paumari“ bedeutet “jama“ = Wald und “makhari“ = Mann, Mensch.

Der Missionar Rick Reece ist der einzige Autor, der angibt, dass die “Jamamadi“ und “Banawá-Yafi“ sich selbst als “Kitiya“ bezeichnen. Rangel jedoch weist auf die Tatsache hin, dass verschiedene Ethnien der linguistischen Familie Arawá – wie die “Jamamadi, Kulina“ und “Deni“ – gemeinsame gesellschaftliche Organisationsprinzipien innerhalb kleiner Einheiten besitzen, die im Idealfall endogam und politisch autonom sind. Diese Einheiten werden durch die Endungen “-deni“ oder “-madiha“ gekennzeichnet. Die Selbstbezeichnungen der aktuellen Einheiten unter den Jamamadi seien: “Anopideni“ (“Volk des Vogels“), “Aptorideni“ (“Volk des Jaguars“), “Havadeni, Luaseredeni, Makoideni, Sirorideni, Sivakoedeni“ (“Volk des Bambus“), “Tamakorideni, Tanodeni“ (“Volk des Japu“), “Zoazoadeni“ und “Zomahimadi“. Angesichts dieser Situation wäre es nicht überraschend, wenn zukünftige Forschungen ergäben, das “Jamamadi“ lediglich ein von aussen eingeschleustes Referenzial ist, welches von verschiedenen lokalen Gruppen als oberflächliche Identifikation anerkannt wurde.

Im Gegensatz zu offiziellen Dokumenten und einigen anthropologischen Texten, welche die “Kanamanti“ als indigenes Volk anerkannten – ist “Kanamanti“ die Selbstbezeichnung jener “Jamamadi-Gruppen“, die einst die Dörfer in der Region des Igarapé Saburrum bewohnten, und die jetzt mit anderen Gruppen der “Jamamadi“ im IT Jarawara/Jamamadi/Kanamanti zusammenleben. Die “Jarawara“ bezeichnen die “Kanamanti“ als “Wahati“.

nach obenSprache

Die Sprache der “Jamamadi“ gehört zur kleinen Familie Arawá aus dem okzidentalen Amazonien. Sie wurde in all ihren Details von den amerikanischen Missionaren Barbara und Robert Campbell von der SIL (Sociedade Internacional de Lingüística) erforscht, die damit an 1963 eine Pionierarbeit leisteten, indem sie eine simple, klare Schreibweise entwickelten. Nach ihrem Bericht ist die Sprache der “Jarawara“ jener der “Jamamadi“ am ähnlichsten. Die Mehrheit der “Jamamadi“ ist einsprachig, das heisst, nur Wenige sprechen bisher Portugiesisch.

nach obenLebensraum

Das gegenwärtige Territorium der Jamamadi begreift Ländereien des Mittleren Purus ein, in den Bundesstaaten Amazonas und Acre – in den Regionen der Igarapés Curiá und Saburrun (Sabuhã), Zuflüsse des Rio Piranhas – und an den Igarapés Mamoriazinho, Capana, Santana und Teruini, Nebenflüsse des Rio Purus. Die Jamamadi sind bekannt als Bewohner des “Terra-firme“ Regenwaldes – das heisst dichte, ombrophyle Waldgebiete der Tiefebenen.

Die ITs (Indianer-Territorien) “Caititu,Camadeni, Igarapé Capanã,Inauini/Teuini“ und “Jarawara/Jamamadi/Kanamanti“ sind Bestandteil des Demarkations-Projekts PPTAL (Projeto Integrado de Proteção às Populações e Terras Indígenas da Amazônia Legal), im Bereich des Pilotprogramms für den Schutz der Tropischen Wälder in Brasilien (PPG7).

Die Jamamadi sind die einzigen Bewohner der ITs “Igarapé Capana“ und “Inauini/Teunin“, während sie in den anderen mit den “Apurinã“ und “Paumari“ oder mit den “Jarawara“ (Jarawara/Jamamadi/Kanamanti) zusammenleben.

nach obenBevölkerung

Die Informationen über die gegenwärtige Bevölkerung der Jamamadi sind noch annähernde Zahlen. Ein Vergleich zwischen den Daten der FUNAI, des PPTAL und unseren eigenen Feldbeobachtungen erlaubt uns, eine Schätzung von rund 800 Individuen zu präsentieren (aus dem Jahr 2000).

Was die Geburten- beziehungsweise Sterbeziffern betrifft, so verfügen wir bisher nur über eine Statistik der Kommune im IT Jarawara/Jamamadi/Kanamanti. Der Autor registrierte mittlere Jahreswerte für Geburten mit 3,3% für die Periode 1996 – 2000. In einer Zählung vom Missionar Robert Campbell (SIL) im Jahr 2000, repräsentieren die Altersgruppen zwischen 0 und 19 Jahren 59,9% der Bevölkerung.

Interethnische Ehen scheinen extrem selten zu sein. Es gibt lediglich Informationen über einige Eheschliessungen zwischen Jarawara und Banawa-Yafi. Und noch gibt es keine Aufzeichnung über Jamamadi-Mitglieder, die in einer Stadt leben.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Ihr traditionelles Territorium war die Region zwischen den Flüssen Rio Juruá und Rio Purus, mit natürlichen Grenzen durch die Flüsse Mamoriazinho, Pauini und dem rechten Ufer des Rio Xiruã. Der englische Reisende William Chandless hat es im 19. Jahrhundert gefunden, am linken Ufer des Rio Purus, zirka 300 Meilen breit, zwischen den Flüssen Sepatini und Hyuacu. Der deutsche Ethnologe Paul Ehrenreich fand das Territorium Jamamadi ebenfalls, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, am linken Ufer des Rio Purus – von der Mündung des Rio Ituxi bis oberhalb des Rio Pauini.

Die erste Erwähnung der Jamamadi stammt aus einer historischen Quelle von 1845, vom Militär Henrique Matos, der “viele Dörfer“ erwähnt. Zu jener Zeit arbeiteten einige Jamamadi bereits als Handlanger für den Kommerzianten Manoel Urbano da Encarnação, der die Ausbeutung der “Drogen der Sertão“ (allerlei Gewürze und Heilpflanzen) am mittleren Rio Purus kontrollierte. Der französische Naturalist Castelnau entdeckten ebenfalls “Jamaris“ im Jahr 1847.

Die Expedition “Serafim da Silva Salgado“ begegnete im Jahr 1852 einer Zahl von 400 Jamamadi an der Mündung des Igarapé Macuiany und weiteren 100 an der Mündung des Igarapé Euacá. Manoel Urbano da Encarnação fand weitere zwei Dörfer anlässlich seiner Expedition im Jahr 1861 und beschrieb die Jamamadi als Nachbarn der Apurinã – sie seien zahlreich und abhängig von der Jagd und der Feldarbeit.

Ziel der Anstrengungen der italienischen Franziskaner Venâncio Zilocchi und Matteo Canioni, im Jahr 1877, war in erster Linie die Anlockung von Jamamadi-Gruppen zur Mission “Imaculada Conceição“ am Rio Purus – gelegen am linken Ufer des Igarapé Mamoriazinho. Die Padres fanden acht verlassene Dörfer vor, deren Bewohner sich zur Quelle des Rio Cainahã geflüchtet hatten – Grund war der Tod zweier Frauen durch einen Apurinã. Canioni gelang es schliesslich, 50 Jamamadi anzulocken, aber die wollten nicht in der Mission bleiben, aus Furcht vor den Apurinã und weil ihnen die Nahrung fehlte. Bei einem späteren Versuch gelang es den Padres, eine andere Gruppe, die sie unterwegs am Mamoriazinho getroffen hatten, zum Besuch in ihrer Mission zu bewegen, aber diese Jamamadi kehrten ebenfalls in ihre Dörfer zurück, nachdem sie Kleidung und Werkzeug entgegen genommen hatten – und liessen die Missionare frustriert zurück.

Chandless schrieb 1866, dass die Jamamadi ausschliesslich im Festland-Regenwald (Terra-firme) sowie an den Igarapés (Bächen) lebten – dass sie den grossen Rio Purus mieden, denn sie hatten keine Kanus, was man als Indiz dafür interpretieren kann, dass sie schon lange ein Volk des festen Landes gewesen sind. Der Latex-Händler Labre, Gründer des Ortes “Lábrea“, beschrieb sie im Jahr 1872 ebenfalls als auf dem Festland lebend. Nach Informationen dieses Autors waren sie Ackerbauern ohne Kontakt mit anderen Völkern, sie galten als furchtsam und flohen den Kontakt mit Weissen.

Trotz ihrer Versuche, sich von den Weissen fernzuhalten, gelang es ihnen nicht, gewissen Schicksalsschlägen jener Epoche ganz auszuweichen – einige Gruppen liessen sich als Latexsammler anwerben, andere als Lieferanten von Feldprodukten – wieder andere liessen sich allmählich in ein Abhängigkeitssystem integrieren oder wurden mit Gewalt in ein solches gezwungen.

Der amerikanische Ethnologe Joseph Steere fand im 19. Jahrhundert Jamamadi-Gruppen am Oberlauf des Mamoriazinho, nachdem er Areale mit verlassenen Feldern durchquert hatte. In einem grossen, verlassenen Dorf erfuhr er, dass vor kurzem 130 Bewohner von einer Masern-Epidemie befallen worden seien, die von einem Indianer eingeschleppt worden war und zirka 100 Personen getötet hatte.
Euclides da Cunha berichtete, nachdem er die Region in den Jahren 1904 und 1905 besucht hatte, dass man am Rio Inauini ein Camp von peruanischen Latexsammlern gefunden hatte, die 60 Jamamadi als Hilfsarbeiter gefangen hielten. Diese befanden sich innerhalb eines Kreises bewaffneter Männer, um jedweden Fluchtversuch zu verhindern. Man hatte sie in ihrem Dorf eingefangen – viele Meilen entfernt – und anschliessend zum Camp getrieben, unter jeder Art von Gewaltanwendung. Einige starben schon auf dem Hinweg, andere bald nach Ankunft im Camp.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Jamamadi fast ausgestorben. Der Indianerposten “Manauacá“ des SPI (Serviço de Proteção aos Índios = Indianerschutzdienst) am Rio Teunini, wurde gegründet, um die Jamamadi zu beschützen. In den 30er Jahren wohnten zirka 85 Jamamadi im Umkreis des Postens, sie sammelten Latex und Paranüsse. 1943 wurde der Posten an einen anderen Ort verlegt, aber nur 28 Jamamadi blieben dort bis zu seiner Deaktivierung 1945.

Auf einer Inspektionsreise besuchte Dorval de Magalhães indigene Gruppen am Igarapé Duque, einem Zufluss des Rio Mamariá, und fand dort 22 Indios, von denen die Frauen Jamamadi waren und die Männer Apurinã – sie wurden vom Kommerzianten Manoel Bezerra de Araújo ausgebeutet. Magalhães registrierte ebenfalls der Präsenz von Jamamadi-Gruppen am Rio Piranha und am Igarapé Curiá.

Zwischen den Jahren 1940 bis 1960 wurden die Jamamadi, so wie andere indigene Völker dieser Region, Opfer von Exterminierungs-Expeditionen, besonders am Rio Pauini.

Eine gegen Ende des Jahres 2000 vom Autor durchgeführte Aufstellung der antiken und der gegenwärtigen Niederlassungen im IT Jarawara/Jamamadi/Kanamanti erlaubt eine vorläufige Übersicht der Wanderungen der letzten 60 bis 80 Jahre. Die ehemals bewohnten Regionen waren die Igarapés Curiá, Curiazinho und Saburrun – und, ausserhalb der aktuellen IT-Grenzen, die Igarapés Apahá, Aripuanã und Rio Piranha. Während verschiedener Jahrzehnte verlegten die Kommunen ihren Wohnsitz immer weiter nach Süden, jedoch mieden sie stets den Rio Purus. In diesem Zusammenhang bildet das Dorf São Francisco, mit der SIL-Mission, seit Ende der 60er Jahre eine Art Grenzdorf für diese Wanderungen wegen seiner grossen Anziehung.

Ein historisch bedeutendes Ereignis, von dem die Jamamadi berichten, war eine Serie von Epidemien, von der sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts heimgesucht wurden – und sie scheint auch für verschiedene Abwanderungen verantwortlich zu sein.

Als Robert und Barbara Campbell in dieser Region ankamen (1963), fanden sie die Jamamadi-Bevölkerung auf zirka 80 Personen reduziert vor – mit nur wenigen Kindern in desolatem Zustand. Von da an wendete sich die Situation vollkommen. Die gegenwärtige Bevölkerungszahl beträgt zirka 240 Individuen.

Was die interethnischen Verbindungen betrifft, kann man feststellen, dass die Jamamadi immer noch den Kontakt mit den Weissen (sie nennen sie “Jara“) meiden. Die Beziehungen zu den “Paumari“ sind freundschaftlich, was sich aber nicht auf die “Jarawara“ erstreckt, mit denen sie manchmal im Clinch liegen.

nach obenWirtschaftliche Aktivitäten

Der jährliche Zyklus wird von den Regenzeiten bestimmt, mit grösseren Niederschlagsmengen zwischen November bis Februar, und von den Wasserständen, die in der Regel zwischen März und April höher, und zwischen Juli und Oktober niedriger, sind.

Die Jamamadi sind vor allem andern Ackerbauern und Jäger der “Terra-firme“. Die beiden meist kultivierten Pflanzen sind die Maniok und die “Macaxeira“ (Manihot utilissima), von denen sie mindestens 17 Sorten der ersten, und 8 von der zweiten Pflanze, kennen. In der Antike war die “Macaxeira“ von grösserer Bedeutung als heute – damals buk man Fladen aus dem Mehl der Macaxeira. Heute bildet die Maniok die Ernährungsbasis. Eine beliebte Speise ist zum Beispiel das “Brot aus Maniokmehl“ (Yawa) – eine Maniokmehlmasse, aufbewahrt in mit Bananenblättern ausgelegten Körben und dann gekocht im Topf.

Es ist interessant festzuhalten, dass die Jamamadi sich nicht mit Unkrautjäten aufhalten, sondern sich stattdessen auf die unterschiedlichen Baumgruppen und ihre Früchte konzentrieren oder auf die intensive Jagd von kleineren bis mittelgrossen Tieren. Und weil die Felder im Verlauf eines Jahres von invasiven Pflanzen völlig überwuchert werden, müssen die Jamamadi jährlich neue Felder anlegen – dies bedeutet jedoch keinen völligen Verlust der überwucherten Areale, denn die Knollen der Maniok- und Macaxeira-Pflanzen können noch über mindestens drei Jahre lang weiter geerntet werden.

Im Umkreis der Dörfer kann man ein Mosaik von Galeriewäldern entdecken, Felder und Fruchtbaum-Areale in unterschiedlichen Wachstumsabschnitten, die den Jamamadi eine Reihe von kultivierten und wilden Pflanzen und Früchten, sowie jagdbare Tiere bieten. Die Jagd nimmt eine wichtige Stellung im Leben dieser Waldmenschen ein. In einigen Dörfern fällt einem Besucher die grosse Zahl an Wildtieren auf, die in Käfigen gezüchtet werden. Es gibt zwei Jagd-Modalitäten:

(1) die “nahe Jagd“ – sie findet innerhalb der Waldgebiete rund um das Dorf statt – und
(2) die “Jagd weit weg“ – in diesem Fall verbindet man mit den langen Jagd-Wanderungen saisonale Camps zur Extraktion von “Copaíba“-Harz.

Der Fischfang ist für die Jamamadi lediglich eine komplementäre Beschäftigung. Sie fischen mit Bogen und Pfeil, Angelhaken und Harpunen, benutzen aber auch Lianen-Gift, das sie “Kona“ nennen, und das in der Region als “Tingui“ bekannt ist. Dazu werden die Pflanzenstängel zwischen Steinen weich geklopft – der heraustropfende Saft betäubt die Fische – sie treiben an der Wasseroberfläche. Diese Art des Fischfangs in grossen Mengen, wird während der Trockenperiode in einem ruhenden Gewässer oder Flussabschnitt vorgenommen, um für alle Teilnehmer an einem grossen Fest genügend Verpflegung zu haben.

Die Jamamadi sammeln Waldfrüchte und wilden Bienenhonig und stellen verschiedene, nicht alkoholische Getränke aus Açaí, Bacaba und Pupunha-Früchten her.

Produkte, die sie vor allem kommerzialisieren, stammen entweder aus gesammelten Waldfrüchten oder von ihren Feldern – ausserdem stellen sie auch in bescheidenem Umfang Kunsthandwerk her. Unter den regionalen Produkten kommerzialisieren sie vor allem das für therapeutische Zwecke verwendete Copaíba-Öl, welches sie in ihren Sommer-Camps aus den entsprechenden Bäumen zu “zapfen“ pflegen.

Solche Camp-Gruppen bestehen aus fünf bis zehn Männern. Jeder von ihnen besitzt sein Werkzeug, um die Baumrinde einzuritzen (Pique). Die Zeit des Aufenthalts in einem Camp wird bestimmt von der notwendigen Zeit, die man braucht, um die mitgebrachten Gefässe mit Copaíba-Öl zu füllen – zwischen 15 und 25 Tagen.

In den Camps gibt es keine Felder oder Fruchtbäume. Deshalb nehmen sich die Männer in der Regel einen Vorrat an Maniokmehl vom Dorf mit und jagen an Ort und Stelle ein Tier für den Grill. Derweil sind auch die zurück gebliebenen Frauen in den Dörfern nicht müssig – sie stellen Matten und Körbe her, sie fischen und jagen gelegentlich auch kleinere Tiere.

Das “Zapfen“ von Copaíba-Öl ist harte Arbeit, kostet Zeit und ermüdet – und eigentlich lohnt es sich kaum, denn was die Händler, die sporadisch den Fluss hinaufkommen, ihnen dafür im Tausch anbieten, ist einfach skandalös! Diese Geschäftemacher nutzen die Gelegenheit, die Índios mit billigen Waren abzuspeisen und, dass die Jamamadi wenig Ahnung vom Wert des Geldes haben, kommt diesen Halsabschneidern entgegen. Auf diese Weise ergaunern sie sich Gewinne, die bei 3.000% und mehr liegen – nach meinen Berechnungen!!!

Die Praxis, die Copaíba-Bäume zu fällen, um das Öl zu extrahieren, hat die Anzahl der Bäume in vielen Teilen der Indianer-Territorien ziemlich dezimiert. Aus diesem Grund extrahieren die Jamamadi des Mittleren Purus inzwischen nicht mehr die “Sorva“, ein weiteres Waldprodukt, dessen Bäume auf der “Terra-firme“ bereits rar geworden sind.

Obwohl die demografische Dichte der Jamamadi-Region sehr niedrig liegt (zwischen 0,03 bis 0,1 Bewohner/km2) nutzen sie ihren Raum effektiv mittels ihrer weit auseinander liegenden Sammel- und Jagd-Camps.

nach obenPolitische und gesellschaftliche Organisation

Die lokalen Gruppen sind in der Regel sehr klein. Ein Dorf mit mehr als 100 Einwohnern liegt weit über dem Durchschnitt. Die Abstammung richtet sich an der paternalen Linie aus (Patrilinearität). Was die ehelichen Verbindungen betrifft, so bevorzugt man traditionell Ehen zwischen “gekreuzten Cousins“ (Kinder der Schwester des Vaters oder Kinder des Bruders der Mutter). Dieser Grundsatz wurde bis heute bewahrt, aber Ausnahmen dieser Regel nehmen in einigen Kommunen mittlerweile zu – vielleicht durch den Einfluss der Missionare.

Nach der Eheschliessung wohnt das Paar zusammen mit der Familie der Braut (Uxorilokalität), kombiniert mit der Verpflichtung des Bräutigams, seinem Schwiegervater zu Diensten zu sein. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes können die Beiden einen Umzug in ein eigenes Heim in Erwägung ziehen. Ausserdem gibt es noch eine traditionelle Regel, nach der ein erster Sohn von der Grossmutter mütterlicherseits aufgezogen wird – während alle späteren Söhne von der Grossmutter väterlicherseits aufgezogen werden.

Im Allgemeinen sind die Ehen sehr stabil. Die Zahl der Scheidungen war bereits von Ankunft der Missionare sehr niedrig, aber das aussereheliche sexuelle Verhalten, das damals äusserst liberal gehandhabt wurde, haben die Missionare geändert.

Die persönlichen Namen sind zwar immer noch indigen – aber gleichzeitig benutzt man christlich-portugiesische Namen für die offizielle Registrierung.

nach obenMaterielle Kultur

Die Häuser der Jamamadi gleichen denen der Flussufer-Bevölkerung: konstruiert auf Stelzen, Böden aus Brettern der “Paxiúba“ und gedeckt mit Stroh der “Canaraí“. Innerhalb der Häuser hat jede Familie ihren eigenen Schlafplatz. Die jungen, unverheirateten Mädchen schlafen beschützt unter dem Moskitonetz der Familien, während jeder Bursche sein eigenes Moskitonetz besitzt.

In früheren Zeiten waren die Behausungen von konischer Form – einige gehörten zu den grössten indigenen Konstruktionen, die man je gesehen hatte. Nach Berichten von Joseph Steere hatten sie Durchmesser bis zu 40 Metern und eine Höhe bis zu 40 Metern. Sie waren unterteilt in bis zu 25 familiäre Bereiche.

An die Seiten der Häuser hat man kleine “Rückzugs-Hütten“ (Wawasa) gebaut, die nach antikem Muster erstellt wurden, in ihnen halten sich die Mädchen nach der ersten Menstruation auf (getrennt von der Aussenwelt).

Die Jamamadi konstruieren auch kleine Hütten (Tapiris) in den saisonalen Sammel- und Jagd-Camps.

Sie schlafen in Hängematten, die aus Baumwolle gewebt oder aus der Rinde der “Castanheira nova“ hergestellt sind. Diese Rinde wird geschlagen, danach gewaschen und getrocknet, um die Fäden herauszulösen, die mit der Hand auf dem Oberschenkel eingerollt und gedreht werden, bis sich ein Strick ergibt – und der wird auf einem Holzkern aufgerollt.

Unter den im Haushalt verwendeten Objekten erwähnen die alten Berichte die Utensilien aus Keramik – ohne irgendeine Verzierung oder Bemalung, und die “Tipitis“ (Maniokpressen).

Die kontemporäre Bekleidung besteht aus von den Weissen übernommenen Stücken oder solchen, die aus eigenen Materialien geschneidert sind. Früher benutzten die Männer lediglich eine Schnur, an der sie den Penis fixierten, manchmal etwas verborgen durch ein paar Fäden an der Penisschnur, und die Frauen trugen Tangas aus Baumwolle.

Die zeitgenössischen, femininen Schmuckstücke sind: Kopfschmuck aus Ara- und Tukanfedern, geklebt mit Baumharz – verschiedene Arten von Halsketten aus Samen oder Affenzähnen – Armbänder aus Flussmuscheln, verbunden durch eine Baumwollschnur.

Die Jamamadi besitzen kleine Kanus, die aus einem Stück angefertigt sind. In früheren Zeiten waren die aus der Rinde des “Jutaí“ – waren etwa fünf Meter lang und einen Meter breit.

Was ihre Waffen betrifft, so haben die Bogen bis zu zwei Meter Länge und sind aus Palmholz. Ihr Mittelstück ist breiter als die beiden Extremitäten. Der Innenteil des Bogens ist flach, der Aussenteil konvex. Die Bogenbespannung besteht aus Palmfasern. Die Pfeile sind bis zu 1.70 Meter lang. Ihr Schaft – zirka 1,50 m lang – besteht aus Schilfrohr (Taquara). Die Pfeilspitze – etwa 15 bis 18 Zentimeter, besteht aus “Paxiúba-Holz“. Manchmal wird sie zu einer triangularen Form geschliffen – mit Hilfe von Capivara-Zähnen als Werkzeug – und dann leicht eingekerbt. In ihrer Gesamtlänge wird die Pfeilspitze mit Gift beschichtet. Wegen der Einkerbungen bricht die Pfeilspitze im Körper der Jagdbeute ab – das lähmende Gift führt zum Herzstillstand. Früher benutzten die Jamamadi auch Blasrohre.

nach obenReligion, Mythologie und Rituale

Es gibt kaum Berichte, welche die Religion oder die Mythologie der Jamamadi betreffen. Allerdings hat Rangel einen Teil ihrer These den Theorien über den Schamanismus der Jamamadi gewidmet – sie interpretiert ihn als verantwortlich für die Spaltung der Kommunen. Auch unsere Kenntnisse hinsichtlich Ritualen und Festen der Jamamadi sind sehr fragmentär. Eins ihrer bedeutendsten Feste scheint die feminine Initiation zu sein – das heisst, eine Reihe von Ritualen, welche den Übergang der Mädchens in den Status einer erwachsenen Frau markieren.

Was man jedoch leicht beobachten kann, ist ihre Verehrung des Schnupftabaks (Sina) bereits im Alltag. Er wird hergestellt aus grünen Tabakblättern, die geröstet werden, dann getrocknet und zerstampft in einem Mörser aus Holz. Zu diesem Pulver gibt man eine Portion Kakaoasche. Der Schnupftabak wird zu verschiedenen Gelegenheiten verkonsumiert.

Die Jamamadi praktizieren das “Ritual do Chinã“ (hat nichts mit China zu tun, sondern ist eine “portugisierte“ Form des indigenen Terminus “Sina“ = Schnupftabak) an dem die ganze Familie teilnimmt. Der Hausherr schüttet eine Portion „Sina“ auf ein grünes Blatt, das er in der Hand hält – dann wandert das Blatt von Hand zu Hand, und mittels eines hohlen Knochens vom Bein eines Falkens inhaliert jeder ein Bisschen. Der obere Teil des Röhrenknochens wird mit Wachs geglättet, um ihn so bequemer ins Nasenloch einführen zu können. Die Röhre selbst wird nach Gebrauch mittels einer Feder gereinigt.

nach obenQuellenangaben

Die einzige ethnografische Monografie über die Jamamadi ist jene These der Doktorarbeit von Lúcia Helena Vitalli Rangel “Os Jamamadi e as armadilhas do tempo histórico“ (Die Jamamadi und die Fallen der Geschichte) vom Jahr 1994 bei der PUC von São Paulo. Andere ethnografische Quellen sind die Berichte des Forschers William Chandless, der Ethnologen Paul Ehrenreich und Joseph Steere, zu Beginn des 20. Jahrhunderts und, in etwas jüngerer Zeit, von Gunter Kroemer (vom CIMI-Lábrea).

Die Sprache der Jamamadi wurde in erster Linie von den Missionaren Barbara und Robert Campbell studiert – aber es gibt viel Material, das auf eine Veröffentlichung wartet.

© Peter Schröder, Universidade Federal de Pernambuco – Februar, 2002
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther

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