Ikpeng

Veröffentlicht am 30. Dezember 2009

Das Indiovolk der Ikpeng kam in die Region der Quellflüsse des Xingu am Anfang des 20. Jahrhunderts und lebte im Kriegszustand mit ihren Nachbarn des Oberen Xingu. Ihr Kontakt mit der nicht-indianischen Welt fand erst sehr viel später statt, am Anfang der 60er Jahre, und führte für die Mitglieder des Stammes zu einer Katastrophe: ihr Volk wurde auf weniger als die Hälfte reduziert – durch ansteckende Krankheiten und durch Feuerwaffen.

Schliesslich wurden sie an die Grenzen des “Parque Indígena do Xingu“ transferiert und “befriedet“. Heutzutage unterhalten sie eine Allianz mit den anderen Dörfern des Parks, jedoch bilden sie eine sehr eigenwillige Gesellschaft. Sie greifen zwar niemanden mehr an, halten aber im Grunde immer noch an ihrer Weltanschauung fest, dass der Krieg nicht nur die “treibende Kraft des Todes“, sondern der “Substitution der Toten durch die Eingliederung des Feindes in den Kern ihrer Gruppe“ sei – und so ist der Krieg für sie auch ein Mittel zur Erneuerung der Gesellschaft (auf diese besondere Denkweise gehen wir im Kapitel “Krieg und gesellschaftliche Erneuerung“ gesondert ein).

Ikpeng

Andere Namen: Txikão, Tchicão
Sprache: Der Familie Karib
Population: 459 (2011)
Region: Mato Grosso (Parque Indígena do Xingu)
INHALTSVERZEICHNIS
Name
Geschichte der Besetzung
Bevölkerung
Dorf und Zeremonienplatz
Das Moyngo-Fest
Gesellschaftliche Organisation
Krieg und gesellschaftliche Reproduktion
Die Bedeutung der Namen
Die Eingeborenen-Schule
IKPENG - MT
The Giving Pledge  .  .  .
Encontro das culturas  .  .  .
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Criação amorosa  .  .  .
Resgate cultural  .  .  .
Pedindo água  .  .  .
Pirelli  .  .  .
Os exilados do Xingu  .  .  .
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nach obenName

Der Name “Ikpeng“ entspricht der Eigenbezeichnung der Gruppe, bekannt wurde dieses Volk allerdings unter einem anderen Namen, den sie von ihren Feinden erhalten hatten: “Chicão, Tchicão oder Txicão“. Hinsichtlich des Terminus “Ikpeng“ gibt es verschiedene erklärende Versionen seiner Herkunft, von denen die Indianer berichten. Die Mehrheit bestätigt, dass es sich dabei um den Namen einer blindwütigen Wespe handelt, deren Larven die “Ikpeng“ auf ihrer Haut während eines Kriegsrituals zerreiben. Nach Auskünften der einen handelt es sich um einen Namen ihrer Vorfahren – andere sagen, dass es sich um einen Namen handelt, der ihnen von ehemaligen Feinden gegeben wurde, die von ihnen später “adoptiert“ wurden. Wie auch immer, es ist eine Tatsache, dass der Name “Ikpeng“ älter und authentischer ist als “Txikão“.

Der erste längere Kontakt der Ikpeng mit Brasilianern, den man aufgezeichnet hat, datiert aus dem Jahr 1964. Der Ethnologe Eduardo Galvão, der bei dieser Begegnung anwesend war, sammelte ein Dutzend Vokabeln, die ihm erlaubten, die Beziehung ihrer Sprache zu der Apiaká-Sprache (Tocantins) und zum Yaruma der antiken Feinde der Kalapalo und der Suyá (Galvão und Simões, 1965:24) herzustellen. Darüber hinaus gibt es grosse Ähnlichkeiten mit verschiedenen Araras-Gruppen aus dem Gebiet des Unteren Xingu – was zu dem Schluss führte, dass eine Arara-Sprache innerhalb der Familie Karib existiert. Die Sprache der Ikpeng ähnelt unserer Meinung nach eher den nördlichen Karib-Völkern Amazoniens (Apalai, Wayana, Trio etc.) als derjenigen der Kalapalo oder Kuikuru (beide Karib-Völker vom Oberen Xingu).

Jene Gruppen, die wir als Arara-Völker bezeichnen – Ikpeng, Yaruma, Apiakáund Arara – haben unter sich nicht nur linguistische Ähnlichkeiten bewahrt, sondern auch eine Reihe von kulturellen Aspekten, was zu der Annahme geführt hat, dass diese Gruppen einst aus einem gemeinsamen grossen Volksstamm hervorgegangen sind, der sich aufgespalten hat. Es gibt verstreute Informationen über diese Gruppen, sodass man ein flüchtiges Bild ihrer kulturellen Charakteristika entwerfen kann – wie zum Beispiel der Krieg als zentralen Aspekt innerhalb ihres Weltbilds, ihre grosse Mobilität, die extreme Zersplitterung der einzelnen Gruppen und das Fehlen von gesellschaftlichen Segmenten über die Grossfamilie hinaus (dieser letzte Punkt bezieht sich wegen fehlender Daten über die anderen Arara-Gruppen nur auf die Ikpeng). Die Herkunfts-Region der Arara-Gruppe ist wahrscheinlich der Norden Amazoniens, denn ihre Lebensart ist eher dem Land als dem Fluss angepasst, ihr Ackerbau ist diversifiziert – sie besitzen eine verbesserte Technologie und ein komplexes Kunsthandwerk (besonders eine interessante Baumwollverarbeitung).

Der Terminus “Arara“ ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts auf eingeborene Gruppen Amazoniens angewendet worden, und entsprechende Referenzen hinsichtlich Arara-Völkern, die den Mittleren und Unteren Xingu bewohnen, findet man in grösserer Zahl ab 1850 (Cf. Ehrenreich, 1895; Nimuendajú, 1931 und 1948). Es ist möglich, dass der Name “Arara“ von der dunkelblauen Gesichts-Tätowierung stammt, die von den Schläfen bis zu den Mundwinkeln führt, und deren drei parallel verlaufende Linien an die borstigen Hautfalten mit schwarzer Befiederung erinnern, welche das Auge des Ara (Arara) umgeben.

nach obenGeschichte der Besetzung

Es gibt keinerlei Hinweise auf die Existenz von schriftlichen Dokumenten über die Ikpeng vor ihrem Erscheinen in der Region des Xingu-Quellgebietes. Um diese Wanderung zu rekonstruieren, ist es notwendig, die Berichte der Ikpeng selbst zu analysieren, welche von ihnen nur oral wiedergegeben werden und sich oft mit ihrer Mythologie vermischen. Daher erlauben sie uns zwar eine gewisse, unterbrochene historische Rekonstruktion, aber mit geringer chronologischer Tiefe, in der die Vorfahren einer bestimmten Gruppe von Familienmitgliedern der Gegenwart sich kaum von den allgemein gültigen grossen Vorfahren mit übernatürlichen Kräften unterscheiden, von denen ihre Mythen berichten.

Also möchte ich an dieser Stelle eine Synthese der Wanderschaft der Ikpeng präsentieren, die mit mehr Details in meinem Werk “Em nome dos outros. Klassifizierung der gesellschaftlichen Relationen unter den Txicão des Oberen Xingu“ beschrieben wird.

In der Sprache der Ikpeng ist “Kantavo“ die Original-Gottheit, deren Geschichten auf eine Zeit zurück gehen, in der dieses Volk eine Menge Feinde hatte – und einen guten Verbündeten, die Txipaya. Ihre Relationen mit den Txipaia waren freundschaftlich und von gegenseitigem Nutzen, obwohl die Ikpeng erzählen, dass sie eine Gruppe von ihnen unter ihnen als Gefangene hielten. Von denen haben sie dann gelernt, wie man Körbe anfertigt und die Baumwolle zu Textilien verarbeitet, und noch andere Techniken. Und sie geben auch zu, dass sie von den Txipaya auch verschiedene Gesänge und rituelle Elemente übernommen haben, die sie dann in ihre eigenen integrierten. Wenn man dien Berichten auf den Grund geht, so fällt auf, dass antike Quellen (wie Nimuendaju, 1948 und Snethlage, 1910) eine Gruppe von “Xipaya“ beschreiben, welche die Ufer des Rio Iriri bewohnten, eines bedeutenden Zuflusses des Unteren Xingu, die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die Ikpeng also diese Region bewohnten.

Ungefähr um 1850 hatten die Ikpeng ein Gebiet besetzt, welches von vielen Flüssen durchquert wurde, und wo sie mit einer ganzen Reihe von anderen Gruppen Krieg führten. Aber die Namen, die sie den entsprechenden Flüssen geben, erlauben uns nicht, diese Region zu identifizieren. Dann gibt aber die Konfiguration des hydrografischen Beckens und die Beschreibung gewisser Natur-Ressourcen erste Hinweise, ausserdem die geografische Beschaffenheit des Terrains und die Namen und Charakteristika ihrer Feinde lassen den Schluss zu, dass es sich um das Becken der Flüsse Teles Pires und Juruena handelt – genauer, der Zone zwischen den Zusammenflüssen von Rio Verde – TelesPires und Teles Pires – Juruena.

Was ihre Feinde betrifft, so erwähnen sie die “Tapaugwo“ und die „Abaga“ – und die könnten den “Apiaká“ entsprechen, welche in dieser Periode (zwischen 1850 und 1900) ein Gebiet zwischen dem Rio Juruena und seinem Nebenfluss Rio Arinos besetzt hielten. Die Ikpeng beziehen sich auch auf die “Kumari“ – was auch als Bezeichnung auf kein Volk dieser Region zu passen scheint, es könnten aber die “Kaiabi“ gemeint sein. Dann erzählen sie noch von einer Gruppe Weisser, die Pferde und Kühe besessen hätten, von ihnen hätten die Ikpeng eine oder mehrere Personen gefangen genommen. Kurioserweise nennen sie diese letzte Gruppe “Tupi“. Ihre permanenten Feindseligkeiten, obwohl in unregelmässigen Abständen, provozierten sukzessive Verlegungen ihrer Dörfer.

Noch vor 1900, unter dem Druck ihrer Gegner, die ihrerseits unter dem Druck der voranschreitenden Kolonisation entlang des Teles Pires standen, überquerten die Ikpeng den die Serra Formosa (Gebirgszug), eine unbedeutende natürliche Barriere, welche das hydrografische Becken Teles Pires-Juruena von dem des Oberen Xingu trennt. In der neuen Region, so scheint es, trafen sie erneut auf ihre Feinde des Teles-Pires – die Abaga und die Kumari – sowie einer weiteren Gruppe, die sie “Pakairi“ nannten – deren Gemeinschaft auch “Weisse und einige Schwarze“ enthielt. In diesem Fall handelt es sich offensichtlich um die “Bakairi“ aus Paranatinga (wahrscheinlicher als die des Rio Novo), die schon von den Konsequenzen des Kontakts mit den Nicht-Indianern betroffen waren – gekleidet wie die weissen und mit der Viehzucht befasst, ausserdem gemischt mit “Caboclos“.

Jene sukzessiven Ikpeng-Dörfer in der Region des Oberen Xingu – zirka 12 während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – waren alle in der Nähe von kleinen Nebenflüssen oder toten Armen des Rio Jatoba oder des Rio Batovi gelegen, in der Nähe des 13. südlichen Breitengrades. Um 1930 leiten sie ihre Angriffe gegen die Dörfer im mittleren Abschnitt des Xingu ein – gegen Waurá, Nahukwá und Mehinako. Demzufolge kann man annehmen, dass die Geschichte der territorialen Besetzung der Ikpeng mit ihren Dörfern in der Region des Rio Iriri bis mindestens in die Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt, dem folgte eine Wanderung zum Oberen Tapajós und nach ein paar Jahrzehnten eine Verlegung zum Oberen Xingu – zwischen dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Befriedung der Ikpeng, die den Gebrüdern Villas-Bôas anzurechnen ist, bedeutete einen definitiven Bruch in der Geschichte und der Kultur dieses Volkes, der ihnen eine neue Relation mit den anderen Ethnien der Region abverlangte. Das Verhalten der gefürchteten Krieger kehrt sich im Jahr 1960 um, als die Ikpeng zwei junge Waurá-Frauen gefangen nahmen. Sie waren infiziert mit dem “weissen Tod“ – die Ikpeng fingen sich von ihnen einen fatalen Grippevirus ein und starben wie die Fliegen. Darüber hinaus entschlossen sich die Waurá zu einem Rachefeldzug, wofür sie Feuerwaffen verwendeten, die sie von einem Brasilianer eingetauscht hatten. Der Konflikt kostete 12 Ikpeng das Leben, aber es gelang den Waurá nicht, die Frauen zurückzuholen. Auf Grund der Krankheit und der Feuerwaffen verloren die Ikpeng in wenigen Monaten fast die Hälfte ihrer Mitglieder.

Im Jahr 1964 finden die Gebrüder Villas-Bôas sie in einem furchtbaren Zustand, krank und unterernährt. Sie bemühen sich nach Kräften, ihnen zu helfen und geben ihnen zum ersten Mal Metallwerkzeuge. Aber die Gruppen von Nicht-Indianer, welche in das Territorium der Ikpeng eindringen, bedrohen deren Existenz zunehmend und bringen erneut die Gefahr der Erkrankung mit sich – 1967 akzeptieren die Ikpeng die Verlegung in ein anderes Territorium, innerhalb der Grenzen des Parque Indígena do Xingu.

Unter dem Schutz der Autoritäten des Parks begeben sich die Ikpeng in die Abhängigkeit. In sanitärer und ernährungstechnischer Hinsicht, werden sie vom Indianerschutz des nächsten Postens unterstützt. Ausserdem stimulieren die Beamten die anderen Völker des Parks, generös mit ihren ehemaligen Feinden umzugehen. Und so verteilen sich die Ikpeng erst einmal für kurze Zeit auf die umliegenden Dörfer, indem je eine Familie von ihnen in einem Dorf Einzug hält. Aber die Relationen mit ihren Gastgebern gestalten sich schwierig, auch weil die Ressentiments aus der Zeit des Krieges gegen sie noch zu frisch sind.

Anfang der 70er Jahre gruppieren sie sich neu und errichten ein Dorf in der Umgegend des Postens Leonardo Villas Boas, an der Piste, die zur Mündung des Rio Kuluene mit dem Rio Tatuari führt. Aber sie passen sich dort nicht an und gegen Ende der 70er Jahre ziehen sie ins Gebiet des Mittleren Xingu um, unterhalb des Dorfes “Terra Preta“ der Trumai. 1985 gründet Megaron Txucarramãe, der indianische Leiter des Parks (er stammt von den Kaiapó) den Indianerposten Pavuru, etwa 15 Minuten vom Ikpeng-Dorf “Moyngo“ entfernt. Gegenwärtig wird der Posten von den Ikpeng betreut, fast ist er zu einem zweiten Dorf geworden, in dem Familien der FUNAI-Funktionäre leben (Chef des Postens, Assistenten, Bootspiloten etc.), einer der Lehrer und Ikpeng-Funktionäre des Gesundheits-Distrikts. Darüber hinaus ist eine Familie verantwortlich für den Wachposten “Ronuro“, nahe der traditionellen Ikpeng-Region am Rio Jatobá. Im Allgemeinen sind gerade die Ikpeng besonders in die Verteidigung des Parks eingebunden – sie beobachten, kontrollieren und nehmen auch Invasoren fest, wie zum Beispiel Holzfäller oder Angler.

Das bedeutendste Ziel der Ikpeng allerdings ist die Wiedergewinnung ihres alten Territoriums, das sie bewohnten bevor sie in den Park umgesiedelt wurden. Es liegt im Gebiet des Rio Jatobá, im Grenzbereich des PIX, aber ausserhalb seiner Grenzen. Im September 2002 wurde eine Expedition der Ikpeng in dieses Gebiet unternommen, um Heilpflanzen zu sammeln und Schneckenhäuser zur Verarbeitung für Körperschmuck.

nach obenBevölkerung

Als ich die Ikpeng kennenlernte, wenige Wochen vor ihrer Umsiedelung in den Park, befand sich ihre Bevölkerung tatsächlich in stark reduziertem Zustand. Die 56 Individuen, welche lebend zum Posten Leonardo Villas-Bôas gebracht wurden, schrumpften dann auf 50 – Resultat eines Unfalls und weiterer fünf Todesfälle durch Krankheit. Erst ab 1969 nahmen die Geburten wieder zu und als ich zu ihnen zurückkehrte, im Jahr 1972, hatten die Ikpeng wieder eine Bevölkerung von 62 Personen erreicht.

Die Bevölkerungskurve der Ikpeng vor dem Gegenangriff der Waurá – der den Anfang ihrer Dekadenz prägte – war relativ stabil gewesen, denn die Zusammenstösse mit anderen Gruppen hatten nie besonders viele Tote gefordert und bis dato waren sie auch noch keinen Virusinfektionen ausgesetzt gewesen. So zählten sie zwischen 1932 und 1952, nach Berichten verschiedener Quellen, noch um die 150 Personen. Wenn wir uns nach den Gründen für diesen brutalen Bevölkerungsschwund während der 60er Jahre fragen, in der die Ikpeng auf weniger als die Hälfte ihrer Zahl reduziert wurden, so stellen wir fest, dass die Sterblichkeit durch eingeschleppte Krankheit weitaus grösser war als durch Gewalt. In den folgenden Jahrzehnten erfolgte dann ein erfreuliches demografisches Wachstum, und heute bestehen die Ikpeng aus insgesamt 315 Personen.

nach obenDorf und Zeremonienplatz

Wie bereits erwähnt befindet sich das Dorf der Ikpeng am Mittleren Xingu, unterhalb des Dorfes “Terra Preta“ der Trumai. Das Model des Ikpeng-Dorfes hat in seinem Zeremonien-Zentrum den “Mond“ oder den rituellen Platz, als eine Elipse mit zwei Feuern. Auf ihm steht eine Hütte ohne Wände, mit einem Giebeldach, die sie “Mungnie“ nennen – hierbei handelt es sich nicht, wie bei den Indianern des Oberen Xingu, um ein reines Männerhaus, denn auch die Frauen haben Zutritt. Vielmehr sind darin verschiedene Abteilungen untergebracht: ein Atelier für die Herstellung von Kunsthandwerk – besser beleuchtet als die halbdunklen Innenräume der Wohnhäuser – ein Raum für zeremonielle Vorbereitungen, ein Raum, in dem Freunde ausserhalb des Familienclans trinken und essen können und schliesslich eine Art Arsenal, in dem einige Personen unter einem strikten Tabu die “Toucado otxilat“ anfertigen – den Schmuck und die Utensilien des Kriegers.

Im Allgemeinen finden die grossen Rituale der Ikpeng auf diesem zentralen Platz statt und prägen die verschiedenen Stadien eines Lebens – meistens sind die Dorfbewohner alle daran beteiligt. Zum Beispiel im Endstadium der Initiation, (deren Höhepunkt die Tätowierung des Gesichts der Knaben zwischen acht und zehn Jahren ist), kehren die Jäger von einem wochenlang im Wald verbrachten Ausflug zurück, beladen mit Stücken von über dem Feuer gedörrten Wild, das sie in einem riesigen Korb aufbewahrt haben, den sie auf dem Rücken mittels eines Stirnbandes transportieren. Das Fleisch wird auf dem Dorfplatz abgestellt und an die Mitbewohner verteilt.

Die zeremoniellen Bereiche sind stets von eliptischer Form, denn die beiden Tanzgruppen kreisen immer um zwei gegensätzliche Punkte, in deren Mitte sich das “Mungnie“ befindet.

nach obenDas Moyngo-Fest

Das bedeutendste Fest dieses Volkes ist die männliche Initiation, sie geben ihm den Namen “Moyngo“ – dabei werden den Jungen die Gesichter tätowiert. Diesem Ritual gehen zahlreiche Tanzzeremonien voraus – gegen Ende veranstalten die Väter der Knaben – sie sind die Herren des Festes – eine gemeinsame Jagd. Etwa einen Monat später schicken die Jäger einen Boten ins Dorf zurück, der ihre Rückkunft ankündigt. Die treffen dann am folgenden Tag am Rand des Dorfes ein, welches sie mit Tänzen, Flötenspiel und dem Gesang ihres Häuptlings empfängt. Die Jäger entledigen sich ihrer Jagdbeute (vor allem Affen), die sie aus einem riesigen Korb, schon zu Dörrfleisch verarbeitet, an die Dorfbewohner austeilen, deren Frauen ihnen mit Beiju-Fladenbrot entgegengeeilt sind. Die Teilnehmer bestreichen ihre Körper mit einem Baumharz und bekleben sich dann über und über mit Vogelfedern. Mit Einbruch der Dunkelheit betreten sie den Dorfplatz, wo ihnen “Pereba doce“ (ein süsser Brei) zur Stärkung gereicht wird. Nun fasst jeder Vater seinen zu tätowierenden Sohn an der einen Hand und hält in der andern eine Fackel – zusammen tanzen sie die ganze Nacht hindurch. Erst am nächsten Morgen werden die Kinder dann tätowiert: zuerst zieht man die Linien im Gesicht mit den Stacheln der Tucum-Palme – dabei ist kein Schmerzenslaut zu hören, obwohl die Prozedur höllisch weh tut – und dann wird in die offenen Kratzwunden ein schwarzer Kohlestaub eingerieben, der vom verbrannten Harz des Jatobá-Baumes stammt (so bleiben die Linien für immer sichtbar).

Die Ikpeng haben auch einige Feste des Oberen Xingu in ihre Zeremonien aufgenommen, wie zum Beispiel das “Tawarawanã“ und das “Yamurikumã“ – und sie feiern sie jährlich. Darüber hinaus haben sie ebenfalls gewissen Körperschmuck, wie zum Beispiel die Schneckenhaus-Halsketten und –gürtel, ihren eigenen zu diesem Zweck gefertigten Utensilien angegliedert.

nach obenGesellschaftliche Organisation

Drei bedeutende organisatorische Klassen der Ikpeng-Gesellschaft sind hervorzuheben: das Volk, das Haus und das Feuer. Es gibt keinen Ausdruck in ihrer Sprache, der “das Volk“ bezeichnen würde – als gemeinsame Einheit von Sprache und Kultur – aber es gibt verschiedene Formen, die besonderen Aspekte der Kollektivität auszudrücken. In Gegenwart eines Nicht-Ikpeng wenden sie gern das ausschliessende “Wir“ an (Txmana), das sich der Gruppe Fremder oder Feinde (Uros) entgegenstellt. Als Referenz benutzen sie auch öfter den Ausdruck “Ompan Ikpeng ninkun“ – es bedeutet “alle die Ikpeng“.

Die gesellschaftliche Gesamtheit der Ikpeng ist eine moralisch solidarische Gruppe in Relation auf die Aussenwelt, die nur eine Sprache spricht (tximna muran) und sich als “Gesamtheit der Männer“ innerhalb von Zeremonien und Ritualen selbst zu bezeichnen pflegt, und in denen die bedeutende Menschheit des “wir“ sich gegen die zweifelhafte Menschheit der Fremden und Feinde stellt.

Die zweite Klasse in der Ikpeng-Gesellschaft ist die Hausbewohner-Gruppe. Sie wohnen alle unter einem Dach eines Hauses, dessen Architektur den Konstruktionen vom Oberen Xingu ähnlich ist, unterteilt in Haushaltseinheiten von unterschiedlicher Art und Dimension. Das Haus privilegiert keine bestimmten gesellschaftlichen Verbindungen, sondern pflegt dieselben Relationen, die auch zwischen den Bewohnern verschiedener Häuser bestehen – vielleicht in einer etwas engeren Form. So ist es zum Beispiel üblich, dass die Frauen eines Hauses gemeinsam die Maniokwurzeln verarbeiten oder das Fladenbrot zusammen zubereiten. Und die Männer einer solchen Wohngemeinschaft gehen auch in der Regel gemeinsam auf die Jagd.

Jede dieser verschiedenen Kern-Familien oder Wohneinheiten gruppiert sich um ein gemeinsames Feuer herum, welches zum Kochen und, in kühlen Nächten auch zum Wärmen, dient. Diejenigen, welche dieses Feuer miteinander teilen, bilden die dritte erkennbare Klasse der Ikpeng-Gesellschaft – in der Regel bestehend aus Ehemann, Ehefrau und deren Kindern (Biologischen oder auch adoptierten). Da die Ikpeng in Polygynie und Poliandrie leben, kann sowohl der Mann als auch die Frau mehr als einen Partner haben, der oder die dann mit an diesem Feuer sitzt.

Im Allgemeinen unterscheiden die Ikpeng die Blutsverwandten nicht von den Angeheirateten. Möglicherweise sind also alle Stammesmitglieder irgendwie untereinander verwandt, die graduellen Unterschiede in dieser Verwandtschaft hängen von den Regeln der ehelichen Beziehungen ab. Es gibt unter den Ikpeng kein Bewusstsein einer “genetischen Linie, eines Stammbaums – ein Sohn stammt immer von seinem Vater und eine Tochter immer von ihrer Mutter ab. Die Empfängnis als solche resultiert aus der Kopulation – aber der männliche Fötus (tempano) setzt sich einzig und allein aus dem Sperma zusammen. Deswegen ist es notwendig, das Wachstum des Embryos kontinuierlich zu nähren – und der Ehemann einer Frau ist nicht dazu in der Lage, diese Aufgabe allein zu erfüllen. Dafür dienen die regulären Liebhaber der zukünftigen Mutter und, gelegentlich, auch andere Männer, die sich dieser Aufgabe widmen dürfen. Die Aufgabe der Mutter allerdings, ist nicht die eines blossen “Gefässes der Empfängnis“ – ihr Körper gibt vielmehr dem Kind die Form, während die Väter für seine Substanz verantwortlich sind.

Die Kern-Familie, oder besser die Einheit, welche aus der Mutter, ihren Kindern, ihrem Ehemann und den “assoziierten Erzeugern” besteht, bildet eine substanzielle Gemeinschaft, innerhalb derer es einen dauernden Austausch von Fluiden und Gemütszuständen gibt, welche in ihrem Gesamt eine neutrale oder ausgeglichene Wirkung, in ihren Exzessen allerdings physisch und psychisch schädigende bis fatale Veränderungen bei den schwächsten Mitgliedern der Gemeinschaft bewirken können, den Kindern.

Die Regel der bilateralen Abstammung und irgendwelche anderen gesellschaftlichen Regeln bestimmen in keiner Weise irgendein gesellschaftliches Segment zwischen der ethnischen Kommune und dem engeren Kreis der Familie. Wirtschaftliche und politische Faktoren dagegen, können die Form einer Gruppe beeinflussen und so den kollektiven Arrangements eine gewisse Plastizität verleihen.

Ein Status mit Prestige (Werem: “der Meister“ oder Weblu: “der Geber“ oder einfach Oke: “der Grosse“) hängt von persönlichen Qualitäten und Anstrengungen ab und ist nicht erblich. Es gibt immer verschiedene “Werem“ in einer Gemeinschaft, in deren Umfeld sich mit der Zeit ein Netz von Angehörigen bildet. Schliesslich hat jedes Haus seinen “Herrn“, der für die tägliche Koordination der allgemeinen Aktivitäten verantwortlich ist, der aber nicht notwendigerweise auch die Funktion eines Häuptlings innehat.

nach obenKrieg und gesellschaftliche Reproduktion

Krieg steht im Mittelpunkt der Ikpeng-Kultur, er bildet die Basis ihrer Mythologie und Grundelement ihrer Vision von der Welt. Erst in zweiter Linie ist Krieg für sie auch eine Möglichkeit der Beschaffung von Gütern. Er hat vielmehr seine grösste Bedeutung als Rache für ihre Toten – man kann sogar sagen: um dem Tod an und für sich “ein Schnippchen zu schlagen“. Für die Ikpeng ist einzig und allein die Hexerei ihrer Feinde schuld am Tod ihrer Stammesmitglieder – und so ersetzen sie die Toten durch Kriegsgefangene.

Der Tod eines der ihren zieht unweigerlich eine Strafexpedition des ganzen Stammes nach sich. Sie erkennen den Tod nicht als ein natürliches Phänomen an, als Unglück oder Folgeerscheinung einer schweren Krankheit. Tod resultiert für sie stets aus einer direkten oder indirekten Aktion des Fremden/Feindes (Uros). Während des Krieges kann sich die Mordlust des Feindes in sichtbarer Gewalt manifestieren – bei anderen Gelegenheiten bedient sich der Gegner dagegen der Hexerei, um dasselbe Ziel zu verfolgen – besonders durch die Entsendung von Krankheiten. Dieser Feind ist nicht etwa eine abstrakte Körperschaft, sondern Personen in der Umgebung des Dorfes, in der Regel Nachbarn. Da Morde unter den Ikpeng äusserst selten sind – und wenn mal einer geschieht, so glaubt man, dass er unter Einfluss eines bösen Geistes geschah, von dem der Mörder besessen war und deshalb nicht wusste, was er tat – so schiebt man die willkürliche Schlechtigkeit stets den Feinden zu – nur unter denen existiert sie.

Aber der Feind, wenn er denn einmal gefangen ist, wird in die Ikpeng-Gesellschaft integriert, wird bestens behandelt und ist ein Prestige-Objekt für die Familie, welche ihn adoptiert. Und sie versucht nun systematische, die Kultur ihres Kriegsgefangenen zu ridikularisieren, um ihm gleichzeitig ihre eigenen Lebensgewohnheiten schmackhaft zu machen. Resultat: viele Kriegsgefangene weigerten sich, zu ihrem Volk zurückzukehren, selbst als sie dazu Gelegenheit hatten.

In diesem Sinne vollzieht sich die gesellschaftliche Reproduktion auf zwei unterschiedliche und vor allem auch ganz gegensätzliche Arten: die biologische Geburt und die soziologische Eingliederung. Man kann also als Ikpeng auf die Welt kommen (mit Ikpeng-Eltern) oder man kann tatsächlich auch Ikpeng werden – als Gefangener und Eingegliederter – indem man einen Ikpeng ersetzt, der gestorben ist. Ungeachtet dessen, dass die Zahl der in die Gesellschaft eingegliederten Gefangenen in der Realität sehr klein ist, gibt es ein intellektuelles und moralisches Bedürfnis, Gestorbene durch Gefangene zu ersetzen.

Ein anderes Element bezüglich der Position eines Kriegsgefangenen, messen die Ikpeng an seiner “Namens-Kapazität“ (Er kann einen Ikpeng-Namen bekommen oder den seiner eigenen Sprache behalten – oft erhält er zusätzlich noch einen ethnischen Namen, der seine Abstammung verrät). Und der Gefangene erhält eine privilegierte Stellung, sollte er sich an viele, den Ikpeng fremde Namen, erinnern können – daraus folgt heute, dass ein Teil der Ikpeng Namen von den Nachbarstämmen des Oberen Xingu tragen.

Also vollzieht sich die Substitution der Toten durch zwei Faktoren: einerseits die Geburten, heutzutage mehr als andererseits durch die Kriegsgefangenen, aber inzwischen gibt es eine Menge Freiwillige anderer Stämme, die sich in die gelobte Ikpeng-Gefangenschaft begeben, um dort die Privilegien zu geniessen.

nach obenDie Bedeutung der Namen

Die Mehrheit der Ikpeng besitzt eine eindrucksvolle individuelle Reihe von Namen (zwischen sechs und fünfzehn im Allgemeinen – ein Dutzend als Mittelwert). Die Kette von Namen eines jeden wird anlässlich eines bestimmten Rituals zitiert (Orengo eganoptovo: “Aufzählung der Namen“), das im Zusammenhang mit der Zeremonie zur Rückkehr eines gelungenen Kriegszugs steht.

Es gibt auch ganz formelle Gelegenheiten, bei denen die Namen von einem “Grossen“ aufgezählt werden (der nicht gleichzusetzen ist mit Häuptling). In diesem Fall beginnt dieser seine Rede mit der Aufzählung der Namen, die er auch noch mehrmals wiederholt, um zu betonen, was er zu sagen hat. Jede Kette von Namen nennt sich “Orengo“ und setzt sich einerseits aus einem üblichen und bedeutenden Namen, dem “Emiru“ – den man in einer bedeutenden Phase des Lebens bekommt, stets nach dem Tod der Eltern – und den Namen “Imon“ – die man seit der Geburt bekam, zusammen.

Der Prozess der Namensgebung ist kumulativ – das heisst, während seines Lebens wird ein Individuum bei verschiedenen Anlässen verschiedene Male mit einem Namen belegt, die er alle behält. Der Gebrauch dieser Namen steht im Gegensatz zum Gebrauch der Beinamen oder “Spitznamen“ – letztere sind affektive Zunamen, aus Spott oder Bewunderung. Der Beiname (Amut) ist ein Terminus, welcher eine Art Objekt spielerischen Gebrauchs charakterisiert. Im Gegensatz zu den übrigen Namen, sind die “Amut“ von beschreibender Natur, einzigartigen Inhalts und werden wieder vergessen. Die Mehrheit der Ikpeng besitzt Beinamen, die eher im Alltag benutzt werden, im Gegensatz zu den Namen bei formellen Anlässen. Mit anderen Worten: obwohl alle Mitglieder eine Menge von Namen besitzen, ist ihr alltäglicher Gebrauch selten. Alles in allem ist der Prozess der Namensgebung bei den Ikpeng von fundamentaler Bedeutung innerhalb ihres Weltbildes und der Reproduktion ihrer Gesellschaft.

Das Aussuchen von Namen geschieht nicht etwa willkürlich, sondern orientiert sich nach ganz bestimmten Regeln der Namensübertragung und ebenso nach Kriterien der gesellschaftlichen Qualität und Identität. So vermeidet man, einem Kind den Namen eines Vorfahren zu geben, der “kein guter Mensch“ gewesen ist oder an einer bestimmten Krankheit gelitten hat – denn sonst besteht die Gefahr, dass sich sein Schicksal in dem Nachkommen wiederholt.

Auf diese Art unterhalten die Ikpeng mittels der Übernahme von Namensreihen eine kontinuierliche Verbindung mit ihren Ahnen, die zurück geht bis auf ihre Gründer-Helden ihrer Mythologie. Aber nicht nur die Kontinuität ihrer Gesellschaft wird erhalten, im Lauf der Zeit werden auch ganz neue Namen in die Gesellschaft aufgenommen – sei es, dass verschiedene Beinamen als Hauptnamen aufgenommen werden, oder weil neue Namen von Kriegsgefangenen in das Repertoire übernommen werden. Wenngleich es nur wenige sein mögen, so ist doch die Bedeutung der Gefangenen als Namensgeber gross – und, für den Fall, dass sie Kinder mit einem Ikpeng haben sollten, werden sie vorzugsweise in der Namensgebung zu Rate gezogen.

In der Logik der Ikpeng hinsichtlich der Gefangennahme als Ersatz für einen Toten, kann man den Schluss ziehen, dass ihr System vom substanziellen Gesichtspunkt aus dadurch in der Waage gehalten wird, dass man einen Fremden gefangen nimmt, wenn einer der eigenen Mitglieder stirbt. Vom Gesichtspunkt gesellschaftlicher Qualität allerdings, bedeutet die Substanz des Fremden eine Qualitätsverbesserung: wegen der Ergänzung mit neuen Namen.

Obwohl der gegenwärtige historische Moment, in dem sie leben, ihren kriegerischen Zyklus und die Gefangennahme von Fremden unterbrochen hat, operiert dieses Modell dennoch in ihrem Bewusstsein und konzentriert in ihrer symbolischen Vorstellung ihre ganzbesondere Art und Weise zu denken und die Welt zu betrachten.

nach obenDie Eingeborenen-Schule

In den letzten Jahren hat das Volk der Ikpeng der Erziehung durch die Schule einen grossen Stellenwert eingeräumt. Unter ihnen gibt es vier Lehrer und ihr Dorf ist das mit der grössten Anzahl von Schülern im Park (107). Im Jahr 1994 erarbeiteten die Ikpeng-Lehrer mit Hilfe von Linguistikern eine Schriftsprache im Zusammenhang mit einem Projekt zur Ausbildung von Lehrern des Parque Indígena do Xingo (gesponsert vom Instituto Socioambiental ISA). Resultat: die Ikpeng-Schriftsprache wird von den Schülern inzwischen regelmässig benutzt – sie lernen ausserdem die portugiesische Sprache schreiben, die bereits von der Mehrheit ihrer Bevölkerung mündlich beherrscht wird.

© Patrick Menget, Anthropologe und Professor der ‚Université Libre de Bruxelles“, Januar 2003
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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