Enawenê-nawê

Veröffentlicht am 29. Februar 2016

Das Volk der Enawenê-nawê kommuniziert in einer Sprache aus der linguistischen Familie Aruak, und seine Mitglieder leben in einem einzigen grossen Dorf in der Nähe des Rio Iquiê, einem Nebenfluss des Rio Juruena, im Nordwesten des Bundesstaates Mato Grosso. Jedes Jahr veranstalten sie ein langes Ritual, das den unterirdischen und den himmlischen Wesen gewidmet ist – erstere nennen sie “Iakayreti“ und die andern “Enore nawe“. Während dieser Periode singen und tanzen sie und bieten diesen Geistwesen ihre Speisen an – in einer komplexen Zeremonie opfern sie ihnen Salz, Honig und andere Lebensmittel – vor allem Fisch und Maniok. Entsprechend organisieren sie ihre Arbeit mit dem Ziel einer Produktion von Lebensmitteln für ihren täglichen Bedarf auf der einen Seite und für die rituellen Opfergaben auf der andern.

Seit Beginn der 2000er Jahre allerdings sind ihre Selbsterhaltung und ihr gesellschaftliches Leben ernstlich bedroht. Wenn ein Konstruktions-Projekt von elf kleineren Wasserkraftwerken im Umfeld des Indio-Territoriums (IT) Enawenê-nawê verwirklicht werden sollte, kann es die Ökologie ihres aquatischen Ambientes in seiner Gesamtheit gefährden und eine Durchführung ihrer rituellen Zeremonien direkt kompromittieren, die für das Leben der Enawenê-nawê von höchster Bedeutung sind. Des Weiteren sind sie umgeben von anderen Bedrohungen, wie der Invasion ihres IT und einer Verschmutzung der Flüsse und ihrer Ländereien durch die Aktivitäten von Ackerbau und Viehzucht, der Extraktion von Bodenschätzen und der Ausbreitung von Soja-Plantagen im Umkreis ihres Territoriums.

Enawenê-nawê

Enawene Nawe - MT
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nach obenName, Sprache

Bis zum Anfang der 1980er Jahre waren die Enawenê-nawê noch als “Salumã“ bekannt. Im Jahr 1983, nach einigen Erfahrungen im Kontakt mit ihnen, verstanden die Jesuiten-Missionare schliesslich, dass sich diese Indios selbst als “Enawenê-nawê“ bezeichnen. Seither wird dieser Terminus zu ihrer Identifikation benutzt.

Die Enawenê-nawê reden in einer Sprache, die nach einer kürzlichen Untersuchung ihrer Phonetik und Phonologie (Rezende 2003) darauf hindeutet, dass sie zur Familie Aruak (Maipure) gehört.

nach obenLebensraum

Die Enawenê-nawê bewohnen eine Übergangsregion zwischen Cerrado und Amazonas-Regenwald. Dieses Gebiet befindet sich im Tal des Rio Juruena, einem der Quellflüsse des Rio Tapajós, im nordwestlichen Teil des Bundesstaates Mato Grosso. Die dem IT am nächsten gelegenen Städte sind Brasnorte, Juína, Comodoro und Sapazel, die letzten drei gehören zum gleichen Distrikt wie das IT.
Das IT Enawenê Nawê hat als nächste Nachbarn die indigenen Völker Menky, Nambikwara, Rikbaktsa, Iranxe und Cinta Larga.

Seit Mitte der 1980er Jahre befinden sich ihre Dörfer im Umkreis des Rio Iquiê. Dieser Fluss ergänzt das Becken des Juruena, und einige seiner Quellflüsse erreichen sogar die Stadt Vilhena, im Bundesstaat Rondônia.

Die Siedlungsgeschichte der Enawenê-nawê im Gebiet des Juruena-Tals besteht einerseits aus einer intensiven Nutzung des Bodens zu ihrer Selbsterhaltung, zum andern aber auch aus feindlichen Angriffen und Flucht. Landwirtschaft, Fischfang und Konflikte bestimmten also die Bewegungen und Umzüge in diesem Gebiet des Oberen Juruena, inklusive im Quellgebiet des Rio Aripuanã, dem einzigen Fluss, der nicht zum Juruena-Becken gehört, sondern zum Rio Madeira.

Ihr traditionelles Territorium der letzten 150 Jahre (mindestens) erstreckte sich vom Rio Doze de Outubro und Rio Camararé im Südwesten, bis zu den Quellen des Aripuanã-Beckens im Nordwesten, den Quellen des Rio Preto und Rio Juina Mirim im Norden und Nordosten, und als südöstliche Grenze schliesslich der Rio Papageio und der Obere Rio Juruena selbst, an seinem Zusammenfluss mit dem Rio Juína.

Die Enawenê-nawê durchstreiften diese Region regelmässig, errichteten Dutzende von Dörfern, Jagd- und Fischerei-Camps. Nach mehreren feindlichen Angriffen in verschiedenen Epochen – von Seiten der Rikbaktsa und der Cinta-Larga – entschlossen sie sich zu einer definitiven Abwanderung aus ihrem angestammten Gebiet, aus Furcht vor den zunehmend heftigen Attacken ihrer Feinde.

Man kann sagen, dass jene Region im Herzen der “Serra do Norte“ das ursprüngliche Territorium der Enawenê-nawê darstellt, denn ausser ihrer Eigenschaft als Bühne unzähliger Dörfer und ebenso zahlloser Wanderungen dieses Volkes bis in die 1940er Jahre, bot sie ihm viele fundamentale Ressourcen für seine soziokulturelle Reproduktion und besitzt einen bemerkenswerten kosmo-geografischen Aspekt: nämlich den Zusammenfluss von drei Quellflüssen (Rio Preto, Rio Arimena und Rio Aripuanã), gelegen auf einem Höhenzug mit einer ganz speziellen Fauna und Flora – eine ökologische Nische in einer Region, die wegen ihres Übergangs von Cerrado zum Regenwald bereits ein besonderes Ökosystem darstellt.

Dieser Höhenzug, mit phantastischen Felsformationen, wird von den Enawenê-nawê als Wohnung der “Yakairiti“ angesehen, jener unterirdischen Geistwesen, denen sie den grössten Teil ihrer jährlichen Ritenzyklen widmen, mit musikalischen und ökologischen Inhalten. Ausserdem sammeln sie dort auch ihre Jenipapo-Früchte (dana), unersetzlich für das Ritual “Lyaõkwa“ und die entsprechende Bemalung ihrer Körper – daher nennen sie dieses Gebiet auch “Danakwa“ (Jenipapo-Platz). Sie haben nie aufgehört, diese Früchte an jenem Platz zu sammeln, selbst als sie sich mitten im Krieg gegen ihre Feinde befanden.

Trotz alledem, um zu überleben sahen sie sich gezwungen, ihre Dörfer in Richtung Süden zu verlegen, wobei sie an den Ufern des Rio Juruena entlang wanderten – einem Fluss, der wegen seiner Grösse nicht ihrem Geschmack entsprach – und dort wurden sie ebenfalls angegriffen, sowohl von den Cinta-Larga als auch von den Rikbaktsa, die beide Ufer des Flusses für sich beanspruchten.

Immer weiter wanderten sie in Richtung Süden und erreichten in den 1950er Jahren die Ufer des Rio Iquiê, wo sie nun ihrerseits die dort lebenden Nambiquara vertrieben. Jahre später wurden sie dann von ihren historischen Feinden, den Cinta-Larga, erneut angegriffen und gezwungen, ihre Flucht bis zum Rio Camararé fortzusetzen.

Im nächsten Jahrzehnt stiessen die Enawenê-nawê auf die telegrafische Front (Männer, die Telefonmasten aufstellten und Kabel verlegten) und zogen sich vor ihnen ebenfalls zurück. Sie entschieden sich schliesslich, sich in der Nähe des Rio Primavera niederzulassen, einem kleinen, rechten Nebenfluss des Rio Camararé, mitten im Nambiquara-Territorium. Dort blieben sie bis Mitte der 1980er Jahre, wanderten dann zurück in das Gebiet des Rio Iquiê, wo sie bis heute leben und sich niemals sehr weit von diesem Fluss entfernen.

Das IT Enawenê-nawê wurde zwar demarkiert, bei dieser Demarkation versäumte man jedoch, die Gebiete von grundlegender Bedeutung für dieses Volk mit einzubeziehen, wie zum Beispiel das Gebiet des Rio Preto und seiner Quellen. Die Demarkation basierte auf oberflächlichen Studien, untermauert lediglich durch eine erste Sammlung von Daten durch die MIA (später OPAN) kurz nach dem Erstkontakt. Erst zum Anfang der 1990er Jahre nahm man tiefer gehende Studien in Angriff, mit denen man 1995 endlich fertig wurde, nachdem die erste Demarkation längst abgeschlossen und von der Regierung abgesegnet worden war. Dazu kommt noch die Tatsache, dass der Erstkontakt mit Weissen (1974) in einem Moment ihres Exodus und einer relativen Abkehr von ihrem traditionellen Territorium stattfand, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt als Flüchtlinge im Nambiquara-Territorium aufhielten.

Aus diesem Grund befindet sich das IT Enawenê-nawê heute in einem Revisions-Prozess betreffs seiner Grenzen, deren Studien (hoffentlich) in Kürze abgeschlossen sein werden.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Seit 1962 wurden den Jesuiten-Missionaren von Latex-Sammlern, die in ihrer Region arbeiteten, Nachrichten über die Präsenz von Indios zugetragen, die später als “Enawenê-nawê“ bekannt geworden sind. Man schilderte sie als friedlich, denn sie griffen die Latex-Sammler nicht an, verschlossen jedoch die Bachläufe, um die Weissen am Zugang zu ihren Dörfern zu hindern.

Im September 1973 wurde während eines Überfluges der Mission Anchieta ein Dorf am Ufer des Oberen Juruena gesichtet. Entsprechend seiner Lage war man sich einig, dass es sich um eine Gruppe der Nambiquara-Indios handeln müsse, aus diesem Grund nahmen die Missionare im folgenden Jahr ein paar Indios des gleichen Volkes als Begleiter und Dolmetscher mit sich, um einen Kontakt mit den Bewohnern dieses Dorfes zu versuchen.

Nachdem sie ein kleineres Jagdcamp der Indios entdeckt hatten, befielen sie jedoch erste Zweifel über die Zugehörigkeit der unbekannten indigenen Gruppe, denn man fand einen zerbrochenen Pfeil, dessen Befiederung mit den Pfeilen der Rikbaktsa identisch war – ausserdem wurde klar, dass diese Indios in Hängematten zu schlafen pflegten, denn innerhalb der Hütten fand man Pfosten mit entsprechenden Stricken aus Embira-Fasern, und auch das deutete auf eine versprengte Gruppe der Rikbaktsa hin. Also wählten die Missionare zu ihrer nächsten Expedition ein paar ihrer befreundeten Rikbaktsa-Männer als Begleiter aus.

Bei diesem zweiten Versuch erreichten sie unentdeckt ein neues, gerade erst bearbeitetes Feld. Vorsichtig schlichen sie weiter und standen schliesslich etwa zwanzig Meter hinter den ersten Ocas (Behausungen) des Dorfes. Die begleitenden Rikbaktsa lauschten der Unterhaltung einiger Frauen, konnten jedoch keines ihrer Worte verstehen – und den Missionaren wurde schliesslich klar, dass jene Indios weder den Nambiquara noch den Rikbaktsa angehören konnten.

Als sich die Missions-Equipe nun auf dem Dorfplatz zeigte, fing eine chaotische Rennerei an, und es stellte sich heraus, dass nur Frauen und Kinder anwesend waren, und die beeilten sich, zum Wald zu rennen, um sich dort zu verstecken. Wahrscheinlich waren die Männer auf der Jagd. Die Missionare entdeckten nur einen Mann mittleren Alters, mit einer physischen Defizienz, der nicht zu fliehen vermochte. Die Missionare und ihre indigenen Begleiter setzten sich vor ihm auf den Boden und legten Macheten und Äxte als Geschenke vor seine Füsse.

Und sie verstanden schliesslich, dass die Bauweise der Ocas, das runde Flötenhaus, der Sprachakzent des Mannes und alle Gegenstände ringsherum typisch waren für ein Volk aus der Sprachfamilie Aruak.

Sie verliessen das Dorf, um die Nacht an jenem frisch bearbeiteten Feld zu verbringen, in der Absicht, am folgenden Tag ins Dorf zurückzukehren. Als sie dann morgens gerade wieder aufbrechen wollten, wurden sie von der Initiative dreier Indios überrascht, die, während sie einen kleinen Bach überschritten, schon von weitem zu rufen anfingen, um sich dann bis auf wenige Meter Abstand ihrem Camp zu nähern. Sie waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet – einer war ziemlich alt und die beiden anderen standen etwa in der Mitte ihres Lebens.

Gemeinsam begaben sich nun alle zum Dorf – aber dort war keine Menschenseele zu sehen, offensichtlich waren sie alle noch im Wald. Die drei Indios verschwanden in einer Oca und kamen mit Kalebassen voller “Chicha de mandioca“ (fermentiertes Getränk aus Maniok) zurück – die sie den Besuchern anboten. Der ältere Mann ging währenddessen in den Wald und kam nach einiger Zeit zurück mit drei Frauen, einem weiteren Mann mittleren Alters und einem Jungen von vielleicht zehn Jahren. Damit war der Erstkontakt mit dieser indigenen Gruppe besiegelt.

nach obenBevölkerung

Man schätzt, dass zur Zeit des Erstkontakts das Volk der Enawenê-nawê aus zirka 130 Personen bestand. Ihre Bevölkerungszahlen demonstrieren, dass nicht nur die Zahl ihrer Mitglieder seit 1974 bis ins erste Jahrzehnt der 2000er Jahre enorm gewachsen ist, sondern auch, dass der Rhythmus dieses Wachstums besonders in den letzten Jahren an Schnelligkeit zugenommen hat. In der Mitte von 1996 – 22 Jahre nach dem ersten Kontakt – hatte sich die Zahl der Enawenê-nawê auf 260 Personen verdoppelt. Und von 1992 bis 2006 vergrösserte sich die Bevölkerung von 216 auf 435 Personen, das heisst, dass ihre Bevölkerung sich nicht erst nach 22 Jahren, sondern inzwischen schon nach 14 Jahren, wieder verdoppelt hat. Die Daten lassen ausserdem keinen Zweifel an der Tatsache, dass das Bevölkerungskontingent Enawenê-nawê im Jahr 2006 im Durchschnitt viel jünger ist als in den 1970er Jahren. Die Kinder (dinwá) stellen inzwischen fast zwei Drittel der Bevölkerung, was sehr wahrscheinlich bedeutende Konsequenzen für die reproduktive Kapazität dieses Volkes haben wird.

nach obenMaterielle Kultur

Der Jesuiten-Pater Tomáz de Aquino Lisbôa, der 1974 an der Erstkontakt-Expedition teilgenommen hatte, beschrieb bei dieser Gelegenheit auch das Aussehen dieser Indios. Er erzählte, dass die Männer lange Haare trugen, die bis auf den Rücken reichten und über den Ohren abgeschnitten waren. Sie waren von guter Statur, eher hell als dunkel, trugen auf der Brust einen Schmuck aus in runden Holzfassungen steckenden Federn, schmale Streifen aus Baumwolle um den Bizeps und die Waden, sowie breitere Bänder um die Knöchel. Der Penis war umwickelt mit einem Artefakt aus Palmstroh. In den Ohrläppchen präsentierten sie schwarze Ringe aus Tucum, in die weisse Perlmuttdreiecke eingearbeitet waren.

Die Frauen trugen ihr Haar lang, ebenfalls über den Ohren abgeschnitten, wie bei den Männern. Sie trugen Gürtel, die mehrmals um ihre Hüften reichten und aus Tucumfasern bestanden, über mit Urucum rot gefärbten Miniröcken aus Baumwolle. Um die Waden trugen sie Ringe aus Latex. Um den Nabel herum präsentierten sie tätowierte Ornamente. Wie die Männer hatten sie schmale Baumwollstreifen um die Arme gewickelt, die den Bizeps zur Geltung brachten. In den Ohren dieselben Ringe wie bei den Männern.

Diese Charakteristika wurden Jahre später auch von der Anthropologin Virgínia Valadão beobachtet. Sie berichtet, dass die Enawenê-nawê Hängematten, Röcke und Armbänder aus Baumwolle anfertigen, die sie selbst anbauen. Sie färben die Frauenröcke rot, mit der Pflanzenfarbe Urucum, und bemalen damit auch ihre Körper. Zu besonderen Anlässen benutzen sie auch die schwarze Farbe aus der Jenipapo-Frucht. Sie pflegen ihre Haare stets perfekt beschnitten zu halten, mit einem Pony über der Stirn bis über die Ohren, und am Hinterkopf lang herabfallend, bis zu den Hüften.

Tierzähne, Fruchtkerne und Vogelfedern, vorzugsweise vom roten Ara, von Papageien, Fasanen und Raubvögeln, ergänzen die Ketten und den Kopfschmuck. Die meisten dieser Vögel werden als Haustiere gehalten, die ab und zu zur Schmuckanfertigung ein paar Federn lassen müssen – die aber wieder nachwachsen. Die Enewenê-nawê kennen eine Behandlung der Schwanzfedern vom Papagei mit einem Sekret, das sie von Fröschen extrahieren – die Federn nehmen dadurch eine goldgelbe Färbung an.

Die Frauen präsentieren zwei auf die Haut tätowierte Halbmonde rechts und links ihres Nabels. Sie tragen kurze, rote Röcke aus Baumwolle, schwarze Ketten aus Tucumschalen um die Hüften und Ohrringe aus Muschelschalen. Die Männer tragen ein so genanntes “Estojo peniano“ (Penis-Futteral) – das ist ein Streifen aus getrockneter Buriti-Palmfaser, der dazu dient, den Penis zu “befestigen“. Es ist überaus schamlos, sich ohne dieses Strohfutteral zu zeigen – wie wenn der Mann nackt umherginge – und die Jungen fangen an, es zu tragen, wenn sie das jugendliche Alter erreicht haben.

Zur Durchführung ihrer Rituale verfügen die Enawenê-nawê über eine grosse Vielfalt an Bambus und Kalebassen unterschiedlicher Typen und Grössen, aus denen sie Flöten und Rasseln herstellen. Jede rituelle Gruppe spielt ein unterschiedliches Instrument, und die auf dem Dorfplatz produzierte Musik, während des Yãkwa-Rituals zum Beispiel, klingt wie die eines grossen Orchesters. Jedes Instrument gehört zu einer bestimmten rituellen Gruppe, und die gehört ihrerseits zu einer bestimmten Gruppe von Geistwesen.

Gesellschaftliche Organisation

nach obenDas Dorf

Es besteht aus in einem Rund kommunaler, rechteckiger Behausungen und einem frei im Zentrum des Dorfplatzes stehenden runden Haus, welches sie “Yãkwa“ nennen – darin befinden sich die bei Ritualen benutzten Bambusflöten. Auf dem Dorfplatz, um den sich die einzelnen Behausungen gruppieren, werden Rituale und auch die Kopfballspiele durchgeführt – ein traditioneller Sport der Enawenê-nawê – die Bälle sind aus Latex, den sie aus Gummibäumen (Hevea brasiliensis) extrahieren. Sie holen Wasser, baden und waschen ihre Töpfe in kleinen Bächen in der Nähe des Dorfes, kleinere Felder zur Selbsterhaltung liegen ebenfalls im näheren Umkreis.

Die Behausungen bestehen aus Baumstämmen unterschiedlicher Stärke, die mit Lianen untereinander zu einem Gerüst verbunden sind, das mit Buriti-Palmstroh bedeckt ist. Diese Oca hat einen Eingang auf der Seite zum Dorfplatz und einen anderen zur Rückseite. In ihrem Innern gibt es einen Bereich für die allgemeine Zirkulation seiner Bewohner, bestehend aus einem langen, breiten und zentralen Korridor der die beiden Eingänge verbindet. Dort befinden sich grosse “Jiraus“ (eine Art hochbeiniger Tische) auf denen die Bewohner zum Beispiel Maiskuchen, Maniokmasse zum Trocknen und andere Lebensmittel deponieren.

In jedem dieser Häuser wohnen verschiedene Familien, die alle miteinander verwandt sind. Jede Familie setzt sich zusammen aus einem Vater und Mutter – unverheirateten Töchter und Söhne haben ihr eigenes Feuer, ihre Hängematten in der Nähe und einen “Jirau“ zur Aufbewahrung ihrer Besitztümer. Innerhalb dieser Gruppierungen sind die Männer verantwortlich für die Versorgung mit Feuerholz, für das Roden von Bäumen für die Felder und das Abbrennen des Unterholzes für denselben Zweck, während die Frauen periodisch das Unkraut jäten, die Ernte einbringen und die Lebensmittel zubereiten.

Wie bei den älteren Paaren, markieren Matten, nach Art einer spanischen Wand, auch den Platz der jüngeren Paare. Die Töchter halten sich in der Nähe ihrer Eltern auf, während die jungen Ehemänner ins Haus ihres Schwiegervaters umziehen. Eine solche Wohneinheit aus mehreren Familien ist verantwortlich für eine gemeinsame Küche und die Bearbeitung der Maispflanzungen ihrer Wohngemeinschaft.

Das Innere einer solchen Behausung ist sehr angenehm und voller Aktivitäten. Während des Tages, wenn es draussen sehr heiss ist, schützen diese Häuser vor der Hitze. Des nachts werden sie von Fackeln aus Harz, eingerollt in Pacova-Blätter erhellt, und die Feuer einer jeden Familie werden entzündet.

nach obenDie Clans

Sie sind die bedeutendsten Einheiten der gesellschaftlichen Struktur Enawenê-nawê. Sie bestehen aus patrilinearen Segmenten (die Zugehörigkeit zu einem Clan erfolgt aus der paternalen Linie), platzmässig verteilt nach der Regel der “uxorilokalen“ Heirat, nach der ein Ehemann, zusammen mit seiner Ehefrau, ins Haus seines Schwiegervaters umzieht. Die Clans üben bedeutende eheliche, rituelle, wirtschaftliche und politische Funktionen aus.

Diese Clans setzen sich nicht nur aus Personen zusammen, sondern werden auch durch Legionen von unterirdischen und himmlischen Geistwesen belebt, alle vereint in spezifischen Flöten-Gruppen. Wie die Enawenê-nawê versichern, bestehen diese Gruppen aus Abkömmlingen mythologischer Bevölkerungen, die einst verteilt über das gesamte Tal des Rio Juruena und Umgebung existierten, bis sie durch eine Reihe von Katastrophen (Angriffe feindlicher Völker, von Geistern und Raubkatzen, Überschwemmungen, Krankheiten u.a.) fast ganz ausgerottet wurden. Die Überlebenden dieser Katastrophen hätten sich um die “Yakaireti“ versammelt – das sind die übernatürlichen Wesen im Innern der Erde.

Die Clans, oder wie die Enawenê-nawé zu sagen pflegen, die “Yãkwa“, bestehen aus den “Resten“ eines oder mehrerer mythologischer Völker, bei denen eine Heirat innerhalb ihrer Mitglieder üblich war. Aus Ihnen gingen die gegenwärtigen Enawenê-nawê hervor, die sich der “Yãkwa“ bedienen, um einerseits ihre Schöpfer zu benennen, andererseits jedoch die von ihnen geschaffenen exogamischen Einheiten (welche eine Heirat innerhalb ihrer jeweiligen Mitglieder verbieten) zu zelebrieren.

Alle zwei Jahre übernehmen die Clans abwechselnd die Aufgabe der “Harikare”, eine Rolle, die von den Enawenê-nawê als Verantwortung für die Kultivierung des grossen Maniokfeldes neben dem Dorf definiert wird. Der jeweilige Clan ist dann auch für die Herstellung von vegetativem Salz verantwortlich, das während der Rituale zur Versammlung der “Yãkwa“ konsumiert wird. Der Clan, dem die Funktion des “Harikare“ zugeteilt ist, scheint in den Zeremonien die mythologischen Gruppen der Antike (oder ihre “Reste“) zu repräsentieren, während die anderen Clans im Kollektiv jene Gründer-Geister der heutigen Gesellschaft verkörpern und verantwortlich sind für die Übergabe von Fischen an die “Harikare“, die sie mit ihnen gegen pflanzliche Lebensmittel tauschen.

nach obenMythos der Herkunft

Die Enawenê-nawê erzählen, dass die antiken Völker, von deren “Resten“ sie abstammen, anfänglich das Innere eines riesigen Felsens bewohnten. Dank der Hilfe eines Spechtes, der ein Loch in den Felsen bohrte und einen Durchgang zur Aussenwelt schuf, verteilten sich die Völker auf der Oberfläche der Erde. Diese Völker waren alle, ohne Ausnahme, auf die eine oder andere Weise, unvollständig: Dem einen standen zum Beispiel nur Objekte aus Palmstroh zur Verfügung, beim andern hatten die Männer kein Stroh für ihr Penisfutteral, und wieder andere konnten sich nur vom Fleisch der Vögel ernähren.

Eine Reihe von Katastrophen, die von den unterirdischen Geistwesen provoziert wurden, hat sie dann fast ausgerottet. Die wenigen Überlebenden dieser Völker, geführt von den Wesen des Himmels, begaben sich einer nach dem andern in ein bestimmtes Dorf, in dem die Gründer des “Aweresese“ zuhause waren, eines der ersten und bedeutendsten Gründer-Clans. So wie sie eintrafen, begaben sie sich in das “Haus der Clans“, wo sie ihre Flöten in einer bestimmten Position ablegten die, so sagen die Enawenê-nawê, sich bis heute nicht geändert hat. Als sie dann alle versammelt waren, schämten sich die Überlebenden jener dezimierten Völker über ihre kulturellen Unvollkommenheiten und lehrten einander die jeweiligen guten Seiten ihrer Kultur. So lernten die Anihiare von den Anderen, zum Beispiel, nicht länger Wildfleisch zu essen, während sie ihrerseits den Andern zeigten, wie man ein Penisfutteral benutzt.

Die historischen Enawenê-nawê – das sind die, welche nach der Versammlung aus dem Clan-Haus der Flöten hervorgingen – verstanden nun ihr kulturelles Universum als eine Kombination aus den unterschiedlichsten Traditionen jener mythologischen Völker, die einst aus jenem Felsen befreit worden waren – und die heutigen Enawenê-nawê gleichen ihnen aufs Haar.

nach obenDer Mensch Enawenê-nawê

Für die Enawenê-nawê ist jede Person eine Dreifaltigkeit an Energie. Wenn sie stirbt, verwandelt sie sich in drei kosmische Subjekte, einen “Enore“, einen “Iakayreti“ und einen “Dakoti“. Die vitalen Ausdrucksformen, demonstriert durch das Klopfen des Herzens in der Brust, die Atmung, die Lebendigkeit der Augen, die Sprache, die olfative Sensibilität und das Gehör, verbinden sich in dem, was als “Hesekonase“, die “himmlische Seele“ bekannt ist, die zum “Eno“ aufsteigt, der bedeutendsten Schicht des Kosmos. Dort verwandelt sie sich in einen Gott (Enore) und lebt in Gemeinschaft mit ihren Blutsverwandten aus demselben Clan.

Die an verschiedenen Stellen der Arme und Beine feststellbaren Schläge vor den Gelenken (Puls), bilden den “Oyakoare“ oder “Wayakoriri“, eine Substanz, die von den “Iakayreti“, den Repräsentanten des Patri-Clans des Toten, benutzt wird, um mit ihr ein Geistwesen derselben Rasse und Familie zu schaffen, das fortan an einem der sichtbaren hydro-geografischen Orte der Natur lebt.

Ein “Dakoti“ ist eine Art Kopie oder “Duplikat“ der gestorbenen Person, ihr Schatten – etwas Lebendiges, das mit dem Toten, und wie er, aufgehört hat zu existieren und sich zu bewegen. Und in dieser Form macht es sich auf den Weg in die Stadt der Gespenster, am Ende des Regenbogens. Der Körper, oder besser, der Kadaver, er verwest einfach und verschwindet wieder in der Erde.

nach obenTod

Für das Begräbnis des Toten bereiten die Enawenê-nawê aus der Rinde einiger Bäume des Galeriewaldes eine Art Sarg (oder Urne) in Form eines Tubus von der Grösse der Leiche. Diese Arbeit ist geprägt von Weinen, Lamentieren, Kommentaren, Schreien und Gesten, begleitet von einem andauernden Hin und Her im Dorf und einer grossen Ansammlung von Menschen rund um den Toten. Ist die Begräbniszeremonie beendet, wird diese Sarghülle mit der Leiche innerhalb des Hauses in eine tiefe Grube gelegt, die sich genau unter jener Stelle befindet, an der die Hängematte des nun Verstorbenen zu seinen Lebzeiten aufgespannt war. Mit dem Toten werden auch seine persönlichen Objekte beerdigt: Ketten, Kopfschmuck, Kleidung, Pfeile und Bogen, Beil, Machete… alles, was von einem seiner Verwandten als Erinnerungsstück an den Verstorbenen bezeichnet wird. Und nach dem Begräbnis wird sein Name nicht mehr erwähnt.

Nun beginnt die Verwandlungsreise der dritten Enawenê-Subjektivität: Der gesamte Grabinhalt folgt seiner Bestimmung in die Stadt der Schatten – die Hülle und die Beigaben des Toten verlieren sich während der langen Reise. Ohne die vegetative Rindenhülle, steht die tote Person plötzlich einer gigantischen Spinne gegenüber. Ist es eine Frau, die keine Körpertätowierung besitzt – die Insignien der Initiation, Zeichen zwischen den Brüsten und um den Nabel – wird sie unverzüglich von der Spinne verschlungen. Die Männer dagegen, sind von dieser Inspektion befreit, Kinder beider Geschlechter werden ebenfalls verschont. Aber die Reise ist noch nicht zu ende. Nach der Spinne muss die tote Person den grössten aller Flüsse überqueren – von dem manche sagen, es sei der Rio Aripuanã und andere meinen, es sei der Amazonas. Die Überquerung findet mittels einer Brücke statt, die von bunten, ineinander verschlungenen Schlange gebildet wird – ist man drüben, wird man mit einem Fest empfangen, als Clan-Genosse, von den “Dakoti“.

Nach dem Tod einer Person, während vieler Wochen, führen die engeren Verwandten zu bestimmten Stunden des Tages eine rituelle Trauerzeremonie durch – mit Weinen und Singen, womit sie ihre Trauer und Sehnsucht nach der verstorbenen Person ausdrücken. In diesen Momenten sprechen sie über die Bedeutung des Verstorbenen und drücken ihren Groll gegen die “Iakayreti“ aus, die anscheinend mit einer Opfergabe in Form von Lebensmitteln nicht zufrieden waren.

nach obenLebensphasen

Die Enawenê-nawê unterteilen ihr Leben in verschiedene Alterskategorien, nach denen die Personen im Verlauf ihrer physischen und kulturellen Entwicklung klassifiziert werden – und zwar:

Tiraware/Tirawalo (der Fötus im Uterus):
Damit eine Frau schwanger werden kann, sind zahlreiche sexuelle Vereinigungen notwendig. Ihrer Meinung nach ist eine Schwangerschaft das Ergebnis die Vereinigung des Spermas mit dem Menstruationsblut im Uterus. Der Torso, die Arme und das pulsierende Herz sind das Erste, was sich im mütterlichen Uterus entwickelt, danach die Beine und der Kopf. Wenn eine Frau mit mehr als einem Mann während der Schwangerschaft Geschlechtsverkehr hat, entsteht das Baby aus dieser Zusammenarbeit.

Wesekoitakori/Wesekoitakolo (das Neugeborene):
In dieser Phase leben Vater und Mutter zurückgezogen und befolgen die vorgeschriebenen Einschränkungen bezüglich ihrer Ernährung, damit das Neugeborene nicht von Geistern gequält wird, die Krankheiten oder gar seinen Tod verursachen. Dem Baby werden die Haare geschnitten, und seine Ohrläppchen werden durchbohrt, um den Ring aus Tucum zu bekommen. Ausserdem werden um seine Hand- und Fussgelenke Baumwollbändchen gebunden. Seine Ernährung besteht aus Muttermilch – von der Mutterbrust und auch von Tanten und Grossmüttern. Bäder aus Kräutern sind üblich, damit der Säugling gesund bleibt und einfache Bemalungen mit Urucum sind ebenfalls zu empfehlen.

Enawehorairi/Enawehorailo (das Schosskind):
In dieser Phase werden die Kleinkinder bereits mit Ketten, Armreifen und Knöchelbinden geschmückt. Nach der “Seligsprechung“ durch den Schamanen dürfen sie “Oloiti“ (Erfrischungsgetränk aus Maniok) konsumieren, “Ketera“ (Brei aus Maniokstärke) und Honig, der mit Wasser verdünnt wird. Die älteren Geschwister helfen bei der täglichen Versorgung des Babys.

Anolokwari/Anolokwalo (Kind, das sitzen und krabbeln kann):
In dieser Phase erhält das Kind ein Paar Ohrringe aus Perlmutter, ausserdem ein paar Ketten, um den Hals zu schmücken. Die Mädchen tragen einen Gürtel aus Tucumfasern und Körperbemalung aus der roten Urucum-Frucht.

Atetoarese/Atetoarese (Kind, das stehen kann):
In dieser Phase, so sagen die Enawenê-nawê, werden die Kinder von den “Enore nawe“ beschützt, damit sie nicht hinfallen und sich nicht verletzen.

Atonaharese/Atonahalose (Kind, das laufen kann):
Das Kind bekommt Knöchelbinden aus Baumwolle, die von der Mutter im Webstuhl angefertigt worden sind. Die Mädchen benutzen Ringe aus Latex an den Beinen, unter dem Knie. Fisch dürfen die Kinder jetzt zum ersten Mal essen.

Dinoarese/Dinoalose (Kleinkind, zwischen 3 und 6 Jahre alt):
Es beginnt, ohne Hilfe der Eltern im Bach zu baden. Jetzt lernen sie von den Erwachsenen eine Reihe von Aktivitäten – wenn sie zum Beispiel die Eltern aufs Feld begleiten oder während der familiären Ausflüge zum Fischen. Die Mädchen bleiben stets in Obhut der Mutter.

Enawaretese/Enawalotese (Kind zwischen 7 und 11 Jahren):
In diesem Alter werden die Prozesse der Übertragung von Wissen und das Erlernen verstärkt. Die Jungen begleiten die Väter beim Fischfang und die Mädchen gehen mit ihren Müttern zur Feldarbeit.

Awitaretese/Awitalotese (zwischen 12 und 16 Jahren):
Der Junge beteiligt sich am Fischfang ohne den Vater. Wenn schon irgendwelche Heiratsabsichten existieren, ist er dem zukünftigen Schwiegervater zu Diensten, unter Beistand des Vaters, damit die Braut und die Schwiegermutter ernten können. Die Mädchen kümmern sich um die kleineren Kinder, nehmen an Ritualen teil, so wie die Jungen im gleichen Alter.

Awitariti/Awitaloti: (Übergangsphase)
Dies ist die Übergangsphase zum erwachsenen Leben. Die Jungen erhalten das Penis-Futteral, das sie “Olokoiri“ nennen, und die Mädchen die Tätowierung um den Nabel herum und zwischen den Brüsten (nach der ersten Menstruation). In dieser Phase sind sie bereit zur Heirat. Die Markierungen dieser Phase ihres Lebens (Penisfutteral und Tätowierung) sind von grossem gesellschaftlichem Wert, denn sie bezeugen die geschlechtliche Reife der entsprechenden Person.

Enetonasare/Enetonasalo (Geburt des ersten Kindes):
Die Frauen ändern ihren Körperschmuck und gehen zur Bemalung mit Urucum (rot) über, mit anderem Design als in der vorherigen Phase.
Kolakarinasare/Kolakalonasare: ab der Geburt des zweiten Kindes.

Kolakalare/Kolakalalo (Geburt des ersten Enkels):
Die Körperbemalung wird durch einen feinen Streifen Urucum-Farbe ergänzt – den Frauen werden einige Restriktionen hinsichtlich ihrer Beteiligung an bestimmten Ritualen auferlegt.

Ihitariti/Ihitaloti: (das Alter)
Diese Phase wird durch das Erscheinen von Körperfalten definiert – der Körperschmuck wird vernachlässigt oder ganz unterlassen.

nach obenNamensgebung

Unter den Enawenê-nawê verfügt jeder Clan über eine Sammlung von Namen. Diese Namen werden väterlicherseits weitergegeben und bringen die Nachfolge in Schwung, wenn zum Beispiel eines seiner Mitglieder stirbt, an den man sich dann zwar selten erinnert, aber wenn, dann niemals unter seinem Namen sondern mittels verwandtschaftlicher Termini (Onkel, Grossvater, Cousin etc.). Ein Individuum erhält bei seiner Geburt einen Namen, der vom Vater seines Vaters, also dem Grossvater väterlicherseits, ausgewählt wurde und einen zweiten vom Vater seiner Mutter, dem Grossvater mütterlicherseits.

Der so genannte Brautdienst (jene Verpflichtungen, welche der frisch gebackene Ehemann seinem Schwiegervater schuldet), kann bei den Enawê-nawê mit Fischen abgegolten werden. Daraus folgt, dass der Grossvater mütterlicherseits den von ihm ausgesuchten Namen “vergisst“. Und dies hat zur Folge, dass dieser Mann nun definitiv in den Clan seines Grossvaters väterlicherseits (und seines Vaters) integriert wird.

nach obenKosmologische Aspekte

Der Kosmos dieses Volkes wird in vier Ebenen dargestellt: In der Ebene über der Erde, auf der sie leben, findet man das “Eno“, die Wohnung der himmlischen Götter der (die) “Enore(lo) nawe“ – unterhalb der Erdoberfläche ein weites, unheimliches Universum, das von den “Iakayreti“ beherrscht wird – und die vierte und letzte Ebene ist ein unendlicher, unerreichbarer Raum ohne Leben.

Die himmlische Ebene
Im “Eno”, von dem die Erde lediglich eine Kopie und eine Spiegelung darstellt, leben die Seelen jedweder Arten von Tieren. Die Vegetation dort ist üppig und stets grün, der Boden aussergewöhnlich fruchtbar und wird konstant kultiviert. Seine beiden bedeutendsten Ströme bilden ein perfektes Delta, nachdem sie verschiedene Nebenflüsse aufgenommen haben. Dort befindet sich ein einziges Dorf, in dem leben die “Enore(lo) nawe“. Entlang ihrer Ufer sind eindrucksvolle Kanus aus Holz verankert, für den Transport und den Fischfang.
Im Himmel des “Eno“ gibt es Mond und Sterne, sowie, im Gegensatz zum Eindruck, dass die Sonne auf- und untergeht, zieht sie nach Meinung der Enawenê-nawê ihre Bahn über die himmlische Ebene, in einer Bewegung entgegen dem Uhrzeigersinn: Wenn dort die Sonne geboren wird, geht sie auf der Erde unter – wenn dort Nacht ist, ist hier Tag.

Die “Enore(lo) nawe“ sind gütige Wesen und physisch beneidenswert, sie werden als Vorfahren, Grosseltern der Enawenê-nawê, angesehen. Sie sind ziemlich kräftig, besitzen wohlriechende, gut geformte Körper mit einer weissen Haut, die Zähne sind perfekt und ihre Haare bewundernswert gut gekämmt und beschnitten. Ihr Körperschmuck gleicht jenem unserer Männer bei Zeremonien: die Haut mit Urucum eingerieben, mit blutroten Insignien, dreieckigem Ohrenschmuck aus Perlmutter von Süsswassermuscheln, gut gearbeiteten Ketten aus Tucum-Samen, Armbinden, Armreifen, Fussknöchelbinden und Beinschmuck aus den roten Federn der Aras und den schwarzen der “Mutums“ (Auerhahn).

Sie verbringen ihre Tage nach Art der Menschen, aber in perfekter Art und Weise, ökologisch abgestimmt, gesellschaftlich und moralisch korrekt. Sie praktizieren Fischfang, pflanzen und ernten, sind Herren über bedeutende Pflanzen- und Tierarten. Sie weben Hängematten, holen Feuerholz, bereiten ihre Speisen selbst zu, widmen sich Ritualen und praktizieren ein eifriges Geschlechtsleben. Im “Eno“ vereinen sich die Geistwesen in kollektiven Zeremonien, sich berührend, singend, tanzend und üppig zusammen speisend im Partio des Dorfes. Wenn sie erste Anzeichen von Alterung bemerken, begeben sie sich zu einer kristallklaren Lagune, in der sie baden, die Haut wechseln und wieder jung aus dem Wasser kommen. Sie sind immun gegen irgendwelche Krankheiten, bleiben ewig jung und unsterblich.

Im ”Eno” sind die Häuser in einem exakten Kreis aufgestellt. Im Zentrum dieses Kreises gibt es ein kleines Männerhaus, genannt “Haiti”, wo die Flöten für die rituellen Zeremonien aufbewahrt werden.

Die unterirdische Ebene
Während der “Eno“ die Ebene physischer und moralischer Ordnung darstellt, ist die unterirdische Ebene (Ehatekoyoare) ein Ort der Misanthropie (Menschenfeindlichkeit). Ohne irgendeine Form gesellschaftlichen Lebens, unerreichbar, ausser durch Vermittlung eines Schamanen, wird diese Ebene des Kosmos von einem endlosen Dämmerlicht beherrscht, einer “kalten Sonne“ und permanentem Regen – eine gespenstige Schattenwelt. In ihr leben und verkehren die “Ikayreti“, missgebildete, zwergenhafte Wesen, die für das Leiden der Menschen verantwortlich sind, für Krankheiten und Tod.

Im Gegensatz zu der Schönheit und physisch-gesellschaftlichen Perfektion der himmlischen Götter, sind die “Ikayreti“ missgestaltet, ohne Schmuck an Armen und Beinen. Sie haben keine Augen, ihre Haare sind lang und ohne Pflege, sie haben keinerlei Körperzeichnungen, können weder lachen noch weinen, sind faul, geizig und bucklig. Sie bauen oder kultivieren rein gar nichts, sind stets abhängig von den Menschen, von denen sie anlässlich ihrer festlichen Banketts ernährt werden müssen. Die unterirdische Ebene ist ihre exklusive Wohnung, aber sie erstreckt sich auch auf Inseln, Gebirge, Wasserfälle, Lagunen und Flussufer.

Trotz dieser weiten Verbreitung kann man sie mit ihren Namen unterscheiden, und sie sind auch stets mit den einzelnen Clans der Menschen verbunden.

Den “Iakayreto“ gehören bedeutende Pflanzenarten, und ihnen ist die gesamte Feldproduktion gewidmet. Sie sind die Herren der Fische, die sie nur geben, wenn ihnen dafür etwas eingetauscht wird, was sie am meisten lieben: das pflanzliche Salz, welches nur wir Menschen herzustellen verstehen. Wenn sie Salz bekommen haben, ernähren sie sich erneut von Fisch, den sie mit den Menschen während der Festbanketts im Dorf teilen.

Stets besorgt, für die “Iakayreti“ genügend Nahrung zu produzieren und ihnen anzubieten, organisieren die Enawenê-nawê exklusiv für diese Unterweltbewohner üppige Banketts, und so kommen die aus ihrer Unterweltebene hervor, während der Zeremonien. Sie schlüpfen in die Körper der Menschen, um sich durch sie zu mästen und konzentrieren sich nur auf Fressen und Saufen.

Jedoch nicht jede Art von Nahrung befriedigt den Appetit jener Beutemacher. Fast immer suchen sie nach einem Grund zur Unzufriedenheit und besuchen fast täglich das Dorf auf der Suche nach Nahrung. Wenn sie mit dem was sie finden unzufrieden sind, kehren sie wütend in ihre Welt zurück und planen unabwendbar, wie sie ihre Wut an den Enawenê-nawê auslassen können.

Die terrestrische Ebene
Auf der Erde leben und zirkulieren, ausser den Menschen, zwei andere Arten von Wesen, die “Dakoti“ und die “Atahare-wayate“. Riesige Unholde, die im Innern von Bäumen wohnen (Geister des Waldes) und Besitzer von verschiedenen Pflanzenarten sind. Sie besitzen ein ungewöhnlich grosses Maul und können eine Person verschlingen. Sie schlafen im Wald und werden durch Blutgeruch aufgeweckt, dann verschlingen sie Personen, die bestimmte Tabus übertreten haben (jede Dorfgemeinschaft erlegt sich bestimmte Tabus auf hinsichtlich Tieren, die nicht gejagt und nicht gegessen werden dürfen).

Die “Dakoti“ sind spektrale Wesen mit tiefliegenden, glanzlosen Augen. Sie bestehen aus keiner Materie, haben kein Fleisch, keine Knochen und auch kein Blut – sie sind zahnlos und fast ohne Haare auf dem Kopf. Sie ernähren sich von Insekten, kleinen Fröschen und Pilzen. Es sind vor allem Unheil verkündende Wesen, sind bucklig und laufen stets gebückt umher. Ihre Erscheinen (selten von jemandem zugegeben oder enthüllt) ist eine Ankündigung von Krankheit und Tod – entweder die Person betreffend, die ihnen begegnet, oder einer Verwandten derselben. Sie pflegen das Dorf der Enawenê-nawê zu besuchen, oder sich in seiner Nachbarschaft einzuquartieren, wenn jemand unter den Einwohnern dem Tod geweiht ist. Sie sind auch Boten der “Iakayreti“, indem sie den Verwandten der kranken Person die Nachricht vom Zorn dieser Promotoren des Todes bringen.

nach obenSchamanismus und Hexerei

Er ist der einzige Mann des Dorfes, der die Fähigkeit besitzt, sich in die himmlische Ebene zu versetzen. Und dies geschieht normalerweise während besonderer Träume oder in einer Trance. Es beginnt, wenn der Schamane (Sotayreti) in seiner Hängematte liegt und im Halbschlaf Sätze murmelt, von denen immer mehr Personen angezogen werden und sich um ihn scharen – bei der Gelegenheit erfahren sie von der Gefahr einer Krankheit oder gar des bevorstehenden Todes einer Person, von der Verschlechterung oder einer Verbesserung des Gesundheitszustandes einer anderen. Der Schamane kann auch in einem Stadium der Trance plötzlich erregt über den Dorfplatz oder die Umgebung des Dorfes eilen – besonders des nachts – mit aggressiven Gesten, stets mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und auf der Suche nach üblen Wesen, die nur für seine Augen zu erkennen sind. Nur der Schamane ist fähig, einen “Ikayreti“ zu identifizieren, der, wenn er entdeckt wird, sofort ins Innere der Erde flüchtet. Er kann zwar vom Schamanen erkannt, aber niemals getötet werden – letzterer erklärt seinen Mitbewohnern allerdings, was er gesehen hat und zeigt ihnen einen zerbrochenen Pfeil, während er stolz seinen Angriff beschreibt.

Die schamanistischen Aktivitäten verlangen nach einer Gegenleistung seitens der Familie des Begünstigten – mit Ausnahme des Todes des Patienten – die in der Regel aus Tucum-Ketten, Fischen, Mais, Angelhaken oder anderen Objekten des persönlichen Gebrauchs besteht. Sowohl ein Mann als auch eine Frau können das Amt eines Schamanen ausüben, jedoch genügt es nicht, es sich zu wünschen: Die Praxis erlangt man nach einer anerkannten Initiation, und nur ein erfahrener Sotayreti kann Lehrer und Führer eines Initianten sein. Scheinbar einfach, verlangt die Initiation zum Schamanen kontinuierliche Stadien der Trance, einer Fähigkeit, die man durch das Aufsaugen von patogenischen Substanzen und überzeugende Schilderungen von Kontakten und Träumen mit den himmlischen Geistwesen erlangt.

Wegen seiner besonderen Fähigkeiten, mit den übernatürlichen Mächten kommunizieren zu können, seiner Macht zu heilen und vorzubeugen, ist der Schamane eine Figur von besonderem gesellschaftlichen Prestige. Er ist es, der die Verbindung zwischen der Ebene der himmlischen Götter und der Menschenwelt herstellt, entweder mittels Reisen bis zum “Eno“ oder indem er die Präsenz der “Enore nawe“ im Dorf organisiert. Deshalb – solange es einen Schamanen unter dem Volk der Enawenê-nawê gibt, sind sie nicht allein und den bösartigen Wesen ausgeliefert, die, obwohl sie in anderen Sphären leben, sich ganz in der Nähe befinden und kontinuierlich den Frieden und die Existenz der Menschen auf der Erde bedrohen.

Der Bläser
Neben dem Schamanen existiert der (oder die) “Hoenaytare(lo)“ – wörtlich “Bläser“ (Bläserin), ein Mann oder eine Frau, der(die) eine bestimmte Kenntnis magischer Worte besitzt, welche durch blasen oder anhauchen der bedürftigen Person transportiert werden und die Macht besitzen, gegen den Angriff zerstörerischer Wesen zu agieren. Bläser können allerdings auch im umgekehrten Sinn agieren, indem sie bestimmten Personen Krankheit und Tod bringen. Einen Bläser engagiert man, zum Beispiel, im Fall einer Verletzung von Tabus oder Ernährungsvorschriften.

Der Pflanzenspezialist
Der “Baraytare” hat ein besonders ausgeprägtes Wissen über Pflanzen und deren Anwendung – in den meisten Fällen als Tonikum bei physischen Aktivitäten (vor allem bei Kindern, um besser gehen zu können, um stark und resistent zu wachsen, etc.), aber auch im Fall von femininen Verhütungsmitteln und auch bei der Behandlung von Schnitten, kleineren Wunden und sichtbaren Verletzungen, die mit oder ohne Beteiligung von bösartigen Wesen entstanden sind. Die Benutzung von Heilpflanzen kann allerdings auch bei Operationen durch den Schamanen nötig werden.

Der Hexer
Der “Iholalare” ist ein Provokateur von bösartigen Mächten und Praktiken, und er agiert einzig und allein um sich zu rächen. Seine besondere Fähigkeit ist die Herstellung und Benutzung von starken Giften. Er hält sich unerkannt innerhalb der Gesellschaft auf, stets versteckt und einsam – ein Hexer (oder eine Hexe) ist eine Person, die niemals, von wem auch immer, als solche bezeichnet oder akzeptiert werden kann. Obwohl es die Enawenê-nawê vermeiden, über dieses Thema zu sprechen, sind sie überzeugt davon, dass es verschiedene Hexer unter ihnen gibt.

Ritueller Zyklus
Der rituelle Kalender der Enawenê-nawê ist mit ihren wirtschaftlichen Aktivitäten gekoppelt. Ihre gesamte Gesellschaft unterhält ein konstantes Tauschverhältnis zwischen ihren rituellen Gruppen und den unterirdischen Geistwesen (Iakayreti) sowie mit den himmlischen Gottheiten (Enore nawe), das mittels jährlicher Ritual-Zyklen aufrecht erhalten wird. Die Feldprodukte, die Fische und die Produkte, die sie im Wald sammeln, sind sowohl für den Eigenbedarf als auch für den Tausch bestimmt.

Die Sammel-Camps für die Honig-Ernte markieren die Periode der Rituale “Salumã“ und “Kateokõ“, die den Enawenê-nawê gewidmet sind. Ihre Aktivitäten und Zeremonien sind verbunden mit jenen gutartigen Wesen, und deshalb sind sie von Frohsinn geprägt.

Die kollektive Vorbereitung des Maniokfeldes beginnt im August, mit dem Ritual “Lerohi“ und es wird im nächsten Jahr, während des Rituals “Yãkwa“, bepflanzt – beide Rituale sind den Iakayreti gewidmet. Während des Yãkwa pflanzen die Männer des nachts die ersten Setzlinge und sprechen eine Art Gebet, ausserdem giessen sie ein Getränk aus Maniok auf das Feld und verstreuen gegrillte Fischstücke rund um die Setzlinge, die sie als “Maniok-Mütter“ bezeichnen, als Referenz auf die Legende über die Herkunft der Maniok.

Diese Legende besagt, dass die erste Maniok ein kleines Mädchen war, das seine Mutter bat, es bis zum Hals einzugraben und seinen Vater, es stets mit Fisch zu versorgen. Und so produzierte sie immer köstlich zarte Maniokwurzeln, die ihre Mutter dankbar erntete. Bis dann eines Tages eine andere Frau erschien, um die Wurzeln zu stehlen und die gesamte Pflanze ausriss. Das kleine Mädchen weinte bitterlich, hörte auf zu sprechen und starb. Und von da an wuchsen die Maniokpflanzen nicht mehr von allein, sondern die Menschen waren gezwungen, sie jedes Jahr neu zu pflanzen, so wie sie es immer noch tun müssen.

Auch der Fisch wird als edle Nahrung angesehen und spielt eine bedeutende Rolle in ihren Ritualen. Zum Fangen der Fische konstruieren die Enawenê-nawê Dämme und Fallen, in denen grosse Mengen an Fisch gefangen werden, die ins Dorf geschafft und während der folgenden vier Monate konsumiert werden, in denen eine Reihe von Gesängen und Tänzen des Yãkwa-Rituals stattfindet.

nach obenProduktive Aktivitäten

Der Fischfang, die Ernte und der Ackerbau finden nicht zu exklusiven Zeiten, oder getrennt vom Jahreskalender, statt, sondern stellen darin eingeschlossene und ergänzende Aktivitäten dar, die in bestimmten Momenten zum Mittelpunkt des sozio-ökonomischen Szenarios dieser Indios werden, innerhalb einer bestimmten Zeit ihres Produktions-Zyklus.

Fischfang
Er wird während des ganzen Jahres praktiziert, richtet sich jedoch in seinen angewandten Techniken nach den jeweiligen klimatischen Bedingungen – der Trockenzeit, der Überschwemmungsperiode, ob die Wasserläufe viel oder wenig Wasser führen. In jedem dieser Momente – oder während des Übergangs von einem zum andern – wird eine Technik angewendet, welche die besten Ergebnisse beim Fangen der Fische verspricht. In der Nähe, oder auch weiter weg vom Dorf, werden die Stellen des Fischfangs von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen aufgesucht – in grösseren oder kleineren Gruppen, von nahen oder fernen Verwandten, aber auch von Einzelpersonen.

Der Fischfang ist auch eine bedeutende Aktivität im rituellen Lebensbereich, wo der Fisch, zusammen mit den Feldprodukten, besonders der Maniok, das bevorzugte Nahrungsmittel der Geister darstellt – sowohl der himmlischen wie der unterirdischen. Und der Fischfang gehört zu den eminenten maskulinen Aufgaben.

Die Enawenê-nawê sind geschickte Fischer. Wahlweise benutzen sie Angelhaken, Bogen und Pfeile, Pflanzengifte, kleine und grosse Fallen und die Errichtung von Staudämmen. Ein solcher Staudamm zum Fischfang ist eine reife Ingenieursleistung, die aus einem partiellen Verschluss des Bachbettes besteht, und zwar von beiden Ufern zur Mitte hin. Die offene Bachmitte, wird mit einem Netz von ineinander verflochtenen Baumästen versperrt. Darin befinden sich Dutzende konischer Reusen, durch die sich der verengte Wasserstrom nun mit ziemlicher Gewalt seinen Weg bahnt. Fische, die in Richtung der Mündung schwimmen, werden praktisch in die Reusen hineingerissen. Die Fallen werden regelmässig kotrolliert, und die gefangenen Fische sofort eingesammelt und in kleinen geflochtenen Körben aufbewahrt. Der Inhalt dieser Körbe wird dann über einem konstanten Feuer geräuchert.

An einem solchen Fischzug beteiligen sich nur erwachsene Männer und Kinder ab einem Alter von etwa sechs Jahren. Sie verteilen sich auf Gruppen (die sie “Yãkwa“ nennen) – zirka drei bis fünf Personen – die besagte Fangtechnik an verschiedenen Bächen und kleineren Flüssen anwenden. Ist die Stelle für den Staudamm definiert, konstruieren sie ihn und errichten dann auch ihr Camp in seiner Nähe, wo sie zwei bis drei Monate verbleiben, um immer wieder Fische aus den Reusen zu entnehmen und zu räuchern. Diese Art des Fischfangs bringt grosse Mengen ein, die dann während der vier Monate des Yãkwa-Rituals konsumiert werden.

Es gibt keine Fischart, die von den Enawenê-nawê verschmäht wird – sie akzeptieren sogar die “Girino“ (eine Kaulquappe) als einen Typ von Fisch. Die häufigsten Spezies sind “Piaus (Leporinus obtusidens), Traíras (Tigersalmler – Hoplias malabaricus), Matrinxãs (Brycon amazonicus), Tucunarés (Buntbarsch – Cichla ocellaris)“ und “Jaús (Zungaro-Wels – Zungaro zungaro)“.

Sammeln
In der Umgebung des Dorfes sammeln die Indios wild wachsende Früchte, Insekten, Pilze, Honig und andere Gaben der Natur. Die besten Orte dafür sind jedoch weiter abgelegene Plätze, wo die Enawenê-nawê ihre Camps errichten, zum Beispiel während der Fischzüge oder der Maisernte – dann verteilt sich die Bevölkerung über weite Flächen und verringert so den Druck auf die Ressourcen um Umfeld des Dorfes. Diese Aktivitäten fallen auf den Beginn der Regenperiode, wenn entsprechende Ressourcen reichlich vorhanden sind.

Frauen, Männer und Kinder, sie alle beteiligen sich an der einen oder anderen Sammelaktion. Es gibt einige Dinge, die nur von Männern gesammelt werden, andere nur von Frauen und Kindern, und wieder andere, an deren Sammlung sich alle beteiligen.

In einigen Epochen ist die Geschäftigkeit um die Beschaffung wild wachsender Produkte grösser, wie zum Beispiel im Fall der Paranussernte, oder der Bacaba-Frucht, der Pequi- der Buriti-Nüsse, und ganz besonders, wenn es um die Honigernte wilder Bienen geht. Ameisen und Termiten, sowie eine reiche Vielfalt an Pilzen, sind Bestandteile der Nahrung – besonders während der Regenmonate werden sie ins “Beiju-Fladenbrot“ gemischt oder separat gekocht und gegrillt – selten werden sie roh verzehrt.

Einige dieser “Appetithäppchen“ werden während jener längeren Expeditionen gesammelt und andere individuell. Die meisten essbaren Sammelprodukte werden von der Grossfamilie während der täglichen Mahlzeiten verzehrt oder auch zwischendurch als Leckerbissen, andere werden im Kollektiv während eines Rituals genossen, zum Beispiel die Paranüsse und der Honig – zwei besonders wohlschmeckende und beliebte Ingredienzien der Zeremonien, die einen sind den unterirdischen und die andern den himmlischen Geistern gewidmet.

Das vegetative Salz und der Honig sind Sammelprodukte, die sich auf dem Feld der sozio-kosmologischen Repräsentanz ergänzen. Das Salz ist ein seltenes Produkt feinster Manufaktur und seine Herstellung ist begrenzt. Es wird als “symbolisches Nahrungsmittel“ konsumiert und ist aussergewöhnlich effizient bei der Anrufung der unterirdischen Geister. Der Honig andererseits, ist ein häufiges Nahrungsmittel, er wird in verschiedenen Monaten des Jahres gesammelt und bei jenen Ritualen verwendet, die den himmlischen Wesen gewidmet sind.

Ackerbau
Die Enawenê-nawê pflegen eine deutliche Trennung zwischen den Maniok- und den Maispflanzungen. Erstere befinden sich im Umkreis ihres Dorfes, auf Flächen mit durchlässigem, sandigem Boden. Die Maispflanzungen hingegen, befinden sich weit weg vom Dorf, auf dem fruchtbarsten Boden des Territoriums, wo die Indios ein temporäres Camp während der Zeit der Feldbearbeitung aufschlagen. Besagte Trennung zeigt sich auch in den Produktionstechniken und in den Perioden ihrer Anwendung.

Was die gesellschaftliche Zusammenarbeit betrifft, so kümmert sich eine familiäre Gruppe um ihr entsprechendes Maniokfeld, während die Arbeit auf den Maispflanzungen von der gesamten Haushaltskommune durchgeführt wird. Und im inneren Bereich dieser Pflanzungen entdeckt man sämtliche domestizierte Pflanzenarten, die den Enawenê-nawê bekannt sind.

Ausser den familieneigenen Feldern besitzen sie eine Maniok-Pflanzung, die vom Kollektiv bewirtschaftet wird und einzig und allein der Belieferung der Yãkwa- und Lerohi-Zeremonien dient. Alle zwei Jahre wird diese Pflanzung erneuert, und diese Arbeit vereint alle Dorfbewohner, Männer und Frauen, auf einem dafür vorgesehenen Platz. Intern ist diese kollektive Pflanzung in Parzellen unterteilt, welche der Zahl von erwachsenen Personen entsprechen, die für ihre Instandhaltung (harekare) während einer Periode von zwei aufeinander folgenden Jahren verantwortlich sind.

Ihr “Feldbearbeitungs-Kalender“ beginnt genau mit der Kultivierung der Maniok. Die kollektive Pflanzung wird zu allererst angelegt, und sofort nach der Identifizierung des dafür geeigneten Ortes, machen sich alle Männer, mit Ausnahme der Gruppe “harekare“ daran, das Terrain zu säubern und zu planieren. Nachdem das kollektive Feld fertig vorbereitet ist, ist es an der Zeit, sich um die familiären Felder zu kümmern.
Die Enawenê-nawê kultivieren zwei Arten der Maniok: die zahme (süss und ungiftig) und die wilde Maniok (bitter und giftig). Die “Wilde“ wird wegen ihrer grossen Zubereitungsvielfalt bevorzugt – zum Beispiel als Fladenbrot “Beiju“, als eine Art Bier niedriger Fermentierung, als Baby-Brei oder als Suppe. Die “zahme Maniok“ hingegen wird in der Regel nur gekocht oder gegrillt verzehrt.

Während die Aktivitäten in Zusammenhang mit der Rodung und Vorbereitung des Bodens unter der Verantwortung der Männer stehen, sind alle anderen Aktivitäten Aufgabe der Frauen, wie das Säen und Pflanzen, das Unkraut jäten und die Ernte der Feldfrüchte einbringen.

© Team der “Enciclopédia Povos Indígenas no Brasil“ vom Instituto Socioambiental – im Dezember 2009
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther

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