Bakairi

Veröffentlicht am 30. Dezember 2009

Bevor es Strassen gab und man Landepisten für Flugzeuge eingerichtet hatte, war es das Indiovolk der Bakairi, die den Zugang der wissenschaftlichen Expeditionen zum oberen Rio Xingu kontrollierten, wo ein Teil von ihnen lebte. Heute konzentrieren sie sich alle im Südwesten dieser Region, als Fischer und Ackerbauern, vor allem als “Mandioqueiros“ (Maniok-Pflanzer und –esser) wie alle Völker aus der Karib-Familie.

Bakairi

Andere Namen: Bacairi, Kurã, Kurâ
Sprache: Familie Karib
Population: 950 (1999)
Region: Mato Grosso
INHALTSVERZEICHNIS
Name und Sprache
Lebensraum, Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftliche und politische Organisation
Kunst, Kultur und Spiele
Kosmologie, Mythologie, Ritual
Zeitgenössische Aspekte
Quellenangaben

nach obenName und Sprache

Sie nennen sich selbst Kurâ, das bedeutet “Leute“ oder “Menschenwesen“. Sie betrachten sich selbst als die wahren Kurâ – die Menschheit par exellence – und Kurâ heisst, in einem engen Sinn, “WIR“, die Bakairi – “was uns gehört“. Der Terminus “Bakairi“ selbst ist ihnen von seiner Herkunft unbekannt, aber er findet sich in den Chroniken der regionalen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert.

Die Sprache der Bakairi gehört zur Karib-Familie. Nach Ansicht der Wissenschaftler präsentiert sie Gemeinsamkeiten mit der Sprache der Arára und der Txikão, ausserdem mit der von Nahukwá und Kuikúru. Alle Bakairi sprechen noch ihre Originalsprache, ausserdem sind sie des Portugiesischen mächtig. Seit den 60er Jahren übersetzen Missionare des “Summer Institute of Linguistics“ (S.I.L.) biblische Texte in die Sprache der Bakairi. Schulfibeln für die Alphabetisierung in ihrer Sprache wurden von ihnen erarbeitet. Diese Arbeiten sind auch dazu gedacht, interne Differenzen zu vereinheitlichen, die ein umsichtiges Studium verlangen.

nach obenLebensraum

Sie leben im Bundesstaat Mato Grosso, im “Indianer-Territorium Bakairi” (61.405,5905 Hektar) und “Santana“ (35.479,7443 Hektar). In beiden Territorien überwiegt die Cerrado-Vegetation. Santana befindet sich im Distrikt von Nobres und leitet seinen Ortsnamen von einem Nebenfluss des Rio Novo ab, der einen Teil seiner Grenze bildet, dann zum Rio Arinos hinunter fliesst, einem Nebenfluss des Rio Juruena, der in den Rio Tapajós mündet.

Das IT Bakairi liegt fast in seiner Gesamtheit innerhalb des Distrikts von Paranatinga, am rechten Ufer des Flusses Paranatinga, den man auch Rio Telles Pires nennt, einem Nebenfluss des Rio Tapajós. Ein kleinerer Teil des IT erreicht den Distrikt Planalto da Serra, am linken Ufer desselben Flusses. In der Nachbarschaft befindet sich der Morro do Urubu, Morro do Daniel (Morro = Hügel) und ein Teil der Serra Azul (Serra = Gebirge).

Juristisch sind beide Wohngebiete geregelt: demarkiert und registriert beim „Serviço de Patrimônio da União“ (Regierung) und dem Notariat zur Registrierung von Grundbesitz. Urbane Zentren mit grösserem Einfluss auf das Leben der Bakairi sind Nobres, Paranatinga und Cuiabá, die Hauptstadt des Bundesstaates.

nach obenBevölkerung

Die Bakairi haben heute eine Gesamtbevölkerung von zirka 950 Personen, von denen wohnen 898 im Indianer-Territorium und sind folgendermassen verteilt:

Distrikt Indianer-Territorium Lokale Gruppe Bevölkerung
Nobres Santana Santana
Nova Canaã
Boa Esperança
Quilombo
165
040
024
031
Paranatinga Bakairi Painkun
Kaiahoalo
Pakuera
Alto Ramalho
Painkun
Âtuby Aturua
050
045
285
030
020
180
Planalto da Serra Sawâpa 028
Gesamt 02 11 898

Inzwischen gehen die Bakairi auch Ehen mit Nicht-Indianern ein, und die Kinder aus solchen Verbindungen werden, wenn sie die Grundregeln ihrer Gesellschaft achten, als Stammesmitglieder anerkannt.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Die mythologische Wiege der Bakairi, der Sawâpa-Wasserfall, befindet sich unterhalb des Zusammenflusses von Rio Verde und Rio Paranatinga. Wegen interner Konflikte und Druck von anderen feindlichen Indianerstämmen – besonders der Kayabí – wanderten die Bakairi in drei verschiedene Richtungen aus. Eine Gruppe wechselte zum Oberlauf des Rio Arinos – sie war die erste, welche von den Bandeirantes im 18. Jahrhundert kontaktiert und zur Arbeit in ihren Goldminen engagiert wurde. Eine andere Gruppe wechselte zum oberen Rio Paranatinga und wurde von Kolonisten in ihre Landwirtschaft involviert – das war in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Die dritte Gruppe, und das war die zahlenmässig grösste, wechselte in Richtung auf den Rio Xingu und verlor den Kontakt mit den anderen beiden. Die Bakairi der ersten beiden Gruppen wurden bekannt als “zahm“ oder “unabhängig“. Später hat Karl von den Steinen sie als “okzidentale“ bezeichnet und die Gruppe vom Xingu als “orientale“.

Ab 1847 beginnen die Bakairi vom Rio Arinos, die man auch als “Gruppe Santana“ bezeichnete, zusammen mit der Gruppe vom oberen Paranatinga, die “Indianer-Direktion“ in Cuiabá zu besuchen und dort Geschenke zu verlangen. Später engagieren sie sich in der Latex-Extraktion – vornehmlich die Santana-Gruppe – um ihre Produktion dann in der Hauptstadt zu verkaufen. Schliesslich wurden sie von weissen Latex-Unternehmern gezwungen, für sie in der Latex-Gewinnung zu arbeiten – und auf ihrem eigenen Land, das diese “Gummi-Barone“ besetzt hielten. Es war ihnen sogar verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen – unter anderen Gewaltmassnahmen, die man gegen sie verhängte – und Parzellen dieser Gruppe wanderten ab zum Rio Paranatinga, in den 20er und den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dort wurden sie von Beamten der Obrigkeit vertrieben, die behaupteten, dass die Indianer Vieh stehlen würden. Die Gründung des Indianerpostens Santana, im Jahr 1965, änderte allerdings nichts an dieser Situation. Der S.I.L. liess sich sporadisch in Santana blicken und auch die Missionare der Jesuiten. Jahre später vertrieben die Bakairi selbst alle Invasoren aus Santana. Erst 1975 wurde dort eine Schule eingerichtet.

Die Bakairi vom Rio Piratininga waren Führer, Kanubauer und Dolmetscher auf der Expedition des Karl von den Steinen – durchgeführt 1884 und 1887 – aber auch für andere Unternehmen, die seiner Expedition folgten. Durch sie restabilisierten sich die Verbindungen zwischen orientalen und okzidentalen Bakairi – um mit die Terminologie von den Steinens zu benutzen. Davor waren sowohl die Bakairi des oberen Xingu als auch alle anderen Völker, die dort lebten, den Weissen unbekannt.

Im Jahr 1920 wurde der Indianer-Posten gegründet und das Indianer-Territorium Bakairi demarkiert, allerdings wurde die Gruppe von “Antoninho“, dem berühmten indianischen Führer des von den Steinen, dabei vergessen und verblieb ausserhalb der Grenzen des IT. Erklärtes Ziel der Regierung war es, sämtliche Eingeborenen des Oberen Xingu in das für sie am Paranatinga demarkierte Gebiet zu locken und damit neue Ländereien für die Kolonisierung zu gewinnen. Jedoch lediglich die Bakairi folgten der Aufforderung und wechselten definitiv zum IT Bakairi – drei Jahre später gab es keinen mehr von ihnen am Oberen Xingu. Reduziert auf einen kritischen Bevölkerungsstand, reorganisierten sich die Neuankömmlinge in verschiedene Gruppen an den Ufern des Paranatinga – und wurden prompt als Zwangsarbeiter von den Angestellten der Regierung empfangen. Die anderen unabhängigen Indianervölker vom Oberen Xingu besuchten den Posten ihrerseits, um “Geschenke“ zu fordern.

Just in jener Periode des Verlusts ihrer Ländereien und Rückgang ihrer Bevölkerung, begannen Missionare der “South American Indian Mission“ unter ihnen aktiv zu werden – aber die mussten sich in den 60er Jahren auf Druck der Bakairi selbst wieder zurückziehen. Man implantiert im Jahr 1922 eine Schule. Zwanzig Jahre später drängt man die diversen lokalen Gruppen in einem einzigen Dorf zusammen – an der Seite des Postens – denn ihre natürliche Mobilität und Verteilung auf das Gebiet, essentiell wichtig für ihre gesellschaftliche und kulturelle Lebensart, wurden als der Erziehung und der medizinischen Betreuung abträglich erklärt. Diejenigen, welche sich dieser Anordnung nicht fügen wollten, wurden in andere Indianer-Territorien verbracht – besonders in solche ihrer Feinde. Einige von ihnen nahmen, ebenfalls gezwungenermassen, an der “Befriedung“ einer Gruppe Xavante am oberen Rio Batovi teil. Eine Parzelle dieser Xavante wanderte dann in das IT Bakairi ein – aber im Jahr 1974, mit einer Bevölkerung von 180 Personen, die für dieses Territorium zuviel wurden, zogen sie sich zum Rio Kuluene zurück.

Die 80er Jahre sind geprägt von kommunalen Entwicklungsprojekten, finanziert von der Weltbank, die für beide Gebiete Lastwagen und mechanisierte Landwirtschaft einführen, unter anderen Verbesserungen. Im Indianer-Territorium Bakairi kann man in dieser Periode eine Landfläche zurück gewinnen, die den Bewohnern, anlässlich einer zweiten Demarkierung zuvor, gestrichen worden war. Die ungleichen Möglichkeiten zur Nutzung der neu eingeführten technischen Güter resultieren in einer erneuten Spaltung des gemeinsamen “Dorfes“ in die gegenwärtig existierende Stückelung der lokalen Gruppen.

nach obenGesellschaftliche und politische Organisation

Die Bakairi sind Flussbewohner, Ackerbauern und Fischer, die Jagd und das Sammeln von Waldfrüchten spielen eine komplementäre Rolle. Die leben verteilt in verschiedenen Gruppen, jede beherrscht ein bestimmtes Territorium, begrenzt von Flüssen und Bächen, und nutzt dort die entsprechenden Ressourcen. In der Regel entspricht die Namensgebung dieser politisch-territorialen Einheiten den Namen der Flüsse oder Bäche in ihrem Umfeld. Ein Individuum oder eine Familie wird identifiziert als Abkömmling des Ortes an dem es oder sie lebt, es gibt also eine Verbindung zwischen Identität und Territorialität. Und die soziologisch grösste Einheit in dieser Gesellschaft ist die lokale Gruppe.

Und die “lokale Gruppe“ setzt sich im Allgemeinen aus einer Gruppe von Geschwistern beider Geschlechter zusammen – oder aus zweien, die untereinander heiraten – und wird geführt von jener Person, die dazu die besten politischen Fähigkeiten besitzt. Die Chefs solcher Gruppen sind die Stützen, welche die politische und juristische Ordnung aufrechterhalten, mittels eines Ältestenrats. Dem Führer steht es zu, das delikate Gleichgewicht zwischen ihnen auszutarieren und sie vor anderen lokalen Gruppen und auch Nicht-Indianern zu repräsentieren.

Die residenziellen Einheiten oder Wohngemeinschaften sind linear geordnet, sie bilden Strassen – eine Idee der Beamten des Indianerschutzes. Aber es gibt stets einen Ort, an der Seite des Hauses eines Führers, den man als “Zentrum der Siedlung“ betrachtet, wo Versammlungen abgehalten werden und Rituale stattfinden. Einige Gruppen besitzen auch noch ein Haus der Männer “Kadoêti“, in dem sie die rituellen Masken aufbewahren.

Die Elementar-Familie (Kernfamilie) besitzt ein starkes Autonomieprinzip. Sie kann die vorhandenen Verbindungen abbrechen und sich einer anderen lokalen Gruppe anschliessen, in der sie Verwandte hat, egal ob väterlicher oder mütterlicherseits eines der beiden Ehepartner. Die frisch verheirateten Männer leben im Haus des Schwiegervaters – ausgenommen erstgeborene Söhne von Häuptlingen – bis zur Geburt des ersten Sohnes, ab da können sie wählen, wo sie anschliessend wohnen wollen – mit ihren Verwandten oder denen der Ehefrau. Das Verwandtschaftssystem ist bilateral, das heisst, Verwandte von beiden Seiten – väterlicher- oder mütterlicherseits – sind gleich gestellt. Terminologisch sind der Vater und sein Bruder gleich gestellt, genau wie die Mutter und deren Schwester. Es gibt unterschiedliche Termini für die Schwester des Vaters und den Bruder der Mutter.

Eine Heirat vereint vorzugsweise entfernte Verwandte – sowohl gesellschaftlich als auch biologisch gesehen. Man darf die Namen von gestorbenen Verwandten nicht aussprechen. Diese sind Eigentum der Blutsverwandten und dürfen erst wieder ausgesprochen werden, wenn sie erneut zirkulieren, das heisst, einem Nachkommen verliehen worden sind. Im Idealfall sind es die Grosseltern mütterlicher- oder väterlicherseits, die dem Neugeborenen den Namen geben. Jeder von ihnen bewahrt mindestens einen Namen eines Blutsverwandten mit demselben Geschlecht des Kindes in seinem Gedächtnis. Eine Person erbt mindestes vier Namen – zwei von der Linie der Mutter und zwei seitens des Vaters. Es gibt Personen mit zehn und mehr Namen, das verleiht ihnen Prestige. Es ist dem Vater untersagt die Namen aus der mütterlichen Linie auszusprechen – und das Gegenteil ist ebenfalls untersagt. Ausser ihren indianischen Namen haben alle auch einen portugiesischen Rufnamen.

nach obenKunst, Kultur und Spiele

Die Kunst der Bakairi präsentiert in allen ihren Artikeln Themen aus der spirituellen Welt, auf den Flechtarbeiten, den Wendern für’s Fladenbrot, den Sitzbänkchen – Zeichnungen mit Genipapo (schwarzer Pflanzenfarbe), Urucum (roter Pflanzenfarbe) und Tabatinga (einem weissen Ton). Solche Charakteristika spiritualisieren die materiellen Dinge und materialisieren die spirituellen.

An dieser Stelle gebührt den Masken besondere Beachtung, vor allem denen des “Iakuigâde-Rituals“, die in zwei Versionen angefertigt werden:

1) die „Kwamby“ – sie sind oval und stellen Führer und Schamanen dar und 2) die “Iakuigâde“ – rechteckig, geschnitzt aus Holz, sie repräsentieren Schutzgeister aus der Wasserwelt. Kunstvoll gestaltete Körperbemalungen für Männer wie für Frauen – im Stil des Oberen Xingu – aus Genipapo, Urucum und Tabatinga, sowie Pflanzenharz, gehören zu jedem Ritual.

Was ihre materielle Kultur betrifft, so sind die Hängematten aus Baumwolle und Buriti-Fasern besonders attraktiv – sie werden auf vertikalen Webstühlen gefertigt. Unter den Spielen ist der Fussball das beliebteste, es werden interne und interethnische Turniere veranstaltet.

nach obenKosmologie

Den Kosmos – organisiert von Kwamóty und seinen Enkeln Xixi und Nunâ – stellt man sich in verschiedenen Schichten vor, die sich an der Linie des Horizonts vereinen. Es existieren zwei Erden – eine konkave und eine konvexe – die eine ist die negative Form der anderen, jede mit ihren Flüssen und unterirdischen Gewässern. Die unterirdischen Gewässer der “oberen Erde“ werden von einer Art Glocke zurückgehalten, einem riesigen Schirm, dessen Ränder an den Extremitäten unserer Erde von immensen mythologischen Fröschen festgehalten werden. Zwischen dieser Glocke und unserer Erde befindet sich die zum leben nötige Luft. Die Sonne und der Mond – auf denen Xixi und Nunâ wohnen – bewegen sich so, dass auf dieser Erde Tag ist und gleichzeitig auf der anderen Nacht und umgekehrt. Diese Schichten sind miteinander durch unsichtbare Wege verbunden, welche nur die Schamanen sehen und begehen können.

In der Vergangenheit waren diese beiden Erden einmal miteinander verbunden durch eine Art Leiter, die Kwamóty stehen gelassen hatte, damit sie, die urweltlichen Bakairi, in beiden Teilen verkehren könnten. Weil sie aber anfingen Klatsch zu verbreiten, unter sich und zwischen den beiden Erden – und damit Uneinigkeit in der sich bildenden Gesellschaft säten – nahm er die Leiter weg und löste damit eine Überflutung der unteren Erde aus, aus der sich nur zwei Geschwisterpaare retten konnten. Die beiden Erden entfernten sich weiter von einander, Sonne und Mond trafen sich. Die Sonnenfinsternis wird von den Bakairi als Ankündigung der Rückkehr zum Chaos gesehen.

Kwamóty bannte das Chaos, indem er die erwähnte Glocke schuf, aber er überliess die Menschenwesen ihrem Schicksal. Da fingen sie an, den Schmerz kennenzulernen, den Kampf ums Überleben und den Tod.

Die Struktur des Universums erklärt sich erst mit dem Tod, denn die Erde auf der sie lebten erlaubte ihnen nicht, ihre Toten in ihr zu begraben. Kwamóty kehrt, mit einer letzten Geste, die Positionen der beiden Erden um. Dadurch werden die am meisten gefürchteten kosmischen Kräfte befreit: die “Iamyra“. Jede Person befreit mit ihrem Tod zwei “Iamyra“: eine fährt aus dem linken Auge – sie wird die Flüsse dieser Erde bewohnen, wo sie die Fische, die Wassertiere und die Wasservögel kontrolliert und beschützt. Die andere “Iamyra“ fährt aus dem rechten Auge – sie wird auf der anderen Erde wohnen und ist in der Hierarchie allen anderen übernatürlichen Wesen übergeordnet, denn sie kontrolliert die Zyklen der Natur – inklusive die Jahreszeiten und die kosmische Ordnung.

Es gibt zwei Jahreszeiten: “Kopâme“ – die Zeit des Wassers (Mitte September bis Mitte April) und “Adâpygume“ – die Zeit der Trockenheit (Mitte April bis Mitte September). Ausserdem benennt man die entsprechenden Übergangszeiten mit “kopâme ipery” – Beginn des Wassers – und “Adâpygume ipery“ – Beginn der Trockenheit.

Zeit und Raum sind miteinander verknüpft durch die Zirkulation einer vitalen Substanz, die “Ekuru“ heisst. Sie findet sich in allen lebenden Wesen und wird durch die Nahrung eingenommen, dann breitet sie sich im Blut aus. Ohne sie würde das Blut (Yunu) gerinnen und der Tod eintreten. Diese Substanz verliert sich aus dem Körper durch Flüssigkeiten, Abfälle (Haare, Hautschuppen, Nägel) Sekrete und Exkremente desselben, und das ausgeschiedene “Ekuru“ wird im Kontakt mit der Erde von der Vegetation wieder aufbereitet. Nur die Pflanzen enthalten “Ekuru“ in seiner reinsten Form. Das ausgeschiedene “Ekuru“ behält in sich die Eigenschaften desjenigen, von dem es stammt. Die vom Menschen stammenden Reste – wie geschnittene Haare, Exkremente und Spucke – erschaffen “Kadopy“, die sind dem Ekuru ähnlich, aber übernatürlich. Ihre bevorzugten Plätze sind verlassene Häuser, schattige Orte. Sie zeigen sich den Lebenden und erschrecken sie, was Ohnmacht und Krankheit zur Folge hat.

Die erdgebundenen “Kadopy“, aus den Abfällen des Körpers, haben eine kurzlebige Existenz, im Gegensatz zu den “Iamyra“, die als Essenz zu verstehen sind. Schädliche Rückstände der Kadopy und Iamyra verunreinigen den Raum und machen ihn unwirtlich und ungesund. Und das ist einer der Gründe für seine Unbeständigkeit.

In der Regenzeit, durch die überall herrschende Feuchtigkeit, dringt das “Ekuru“ rascher in den Boden ein und wird von den Pflanzen absorbiert. Während in der Trockenzeit der Zyklus des “Ekuru“ sich nur mit grosser Langsamkeit vollzieht. Lediglich an den Ufern der Flüsse und Bäche ist sein Rhythmus etwas beschleunigt, und das resultiert dort in fruchtbareren Böden, die weniger Schadstoffe enthalten und deshalb auch dem Leben der Menschenwesen förderlicher sind.

Und so erklären sie die Existenz der unterschiedlichen Landflächen, die sie “Iduanary“ und “Pojianary“ nennen – das “Waldgebiet“ und das “Grasgebiet“. Aus dem Wald und den Flüssen gewinnen sie das essenzielle “Ekuru“ ihres Lebens. Die Kurâ-Bakairi ernähren sich nur von Pflanzen und von vegetarisch lebenden Tieren – Fleischfresser sind für sie tabu.

In den Galeriewäldern legen sie ihre Felder an und jagen – immer gruppenweise. Wegen der Gefahren, die ihnen drohen, ist die Gegenwart von Frauen während der Jagd untersagt, bevor sie nicht die Erde der Felder für die Bepflanzung vorbereitet haben. Unter den zahlreichen Gefahren ist besonders der “Ynhangõnrom“ zu erwähnen, ein übernatürliches Monster, der “Herr des Waldes“, der einen enormen Brustkorb besitzt, aus dem er eine tödliche Milch auf jene spritzt, die ihm begegnen. Er hat einen kleinen Diener, “Karowi“, ein ebenso schreckliches Ungeheuer. In den dichteren Wäldern kann man auch auf die “Iamyra“ treffen, die dort Unterschlupf suchen, wenn sie noch auf dieser Erde vom Tag überrascht wurden. Man kann sie auch auf den Feldern antreffen, denn sie sehnen sich nach den Plätzen ihrer Verwandten, wo sie lebten und arbeiteten. Der Kontakt mit diesen übernatürlichen Wesen ist der Grund für bio-psychisches Ungleichgewicht und drohendem Tod. Die Namen von Toten auszusprechen bedeutet, sie wachzurufen, was man tunlichst vermeiden sollte, bis deren Namen wieder “zirkulieren“ – das heisst, neuen Erdenbürgern weitergegeben wurden.

Jede Tierart hat ihren “Herren“ – ein übernatürliches Wesen, das sie beschützt und sich folglich gegen jene wendet, die Tiere exzessiv töten oder gar ausrotten. Ein böser Geist, „Kilâino“, verunsichert die Jäger, sodass sie sich in den Wäldern verirren. Im Verbund mit der Wasserwelt gibt es viele übernatürliche Wesen. Ausser den “Herren“ einer jeden Fischspezies, jeden Wassertiers und –vogels, gibt es den “Pakororo“, einen enormen weissen Jaguar, ein übernatürliches Wesen, das die Kanus der Fischer umkippt – ausserdem der “Poro Tapekéim“, ein gigantischer Monsterfisch, der Kanus umwirft und die Insassen verschlingt. Es gibt weiterhin eine Legion von übernatürlichen Wesen mit menschlichen Formen, die sie “Kurâmã“ nennen. Unter den genannten übernatürlichen Wesen fürchten die Bakairi allerdings am meisten die subaquatischen “Iamyra“, denn die können die Gestalt von Fischen annehmen. Und bei so vielen Gefahren, was Wunder, dass die Wasserwelt in ihrer Mythologie essentiell männlicher Natur ist.

nach obenMythologie

Ihre Mythologie ist besonders reich und vielgestaltig, allerdings präsentiert sie auch viele Elemente, die denen der Kultur vom Oberen Xingu ähnlich sind. So erzählt sie von der Schöpfung der Welt, von den Halbgötter-Zwillingen, von Flüssen, Nacht und Tag, von der Sonne – so wie von der Vergabe der Güter, welche ursprünglich der Tierwelt angehörten – der Maniok, der Hängematte, und anderen – an die Bakairi. Die grossen Rituale des “Kado“ rufen mittels ihrer Gesänge die bedeutendsten Teile der Schöpfungsgeschichte in die Erinnerung aller Teilnehmer zurück.

nach obenRitual

Im täglichen Leben der Bakairi kann man verschiedene Rituale beobachten, die sich nicht unbedingt an einen Festkalender halten, sondern auch spontan aus den Gegebenheiten des Alttagslebens entstehen können, wie Eheschliessungen, Krankheiten, erste Menstruation und Tod – wobei die beiden letzteren eine gesellschaftliche und alimentäre Reklusion erforderlich machen. Ausserdem existiert ein ganzer Komplex von heiligen Riten zwischen den verschiedenen Gruppen, die man mit “Kado“ bezeichnet, und deren Veranstaltungen man während der Trockenperiode abwickelt. Unter diesen auch das “Anji Itabienly” – die Maistaufe, welche den Beginn des Bakairi-Jahres einleitet und den Ekuru-Zyklus. Die Zeremonie richtet sich nach der ersten Maisernte, noch grün, im Januar oder Februar. Mitte April, wenn die Regenzeit zuende geht, werden grossartige Rituale abgehalten, zu denen man die rituellen Masken benutzt – die “Kápa“ und “Iakuigâde“ – aber niemals gleichzeitig. Diese Rituale werden in der Regenzeit abgesetzt und die rituellen Masken im “Kadoêti“ aufbewahrt.

Von den beiden genannten Zeremonien ist die “Iakuigâde“ die interessantere. Dazu gehören 23 rituelle Masken, jede repräsentiert einen Schutzgeist von bestimmten Fischspezies, von Wassertieren und Wasservögeln. Schliesslich feiert man auch von Zeit zu Zeit das “Sadyry“ – die Initiation der halbwüchsigen Knaben mit der Durchbohrung ihrer Ohrläppchen. Solche interkommunalen Riten haben gemeinsame Elemente – wie die Bemalung der männlichen und weiblichen Körper, mit Genipapo und Urucum, die gemeinsamen Jagden und Fischzüge, die kollektiven Mahlzeiten. Jede dieser Zeremonien findet unter dem Vorsitz des Führers der lokalen Gruppe statt, der sie promoviert – und für die spirituelle Seite ist der Schamane zuständig.

Die Kado-Zeremonien sind den Toten gewidmet, welche die Zyklen der Natur kontrollieren. Ausserhalb dieser Riten finden unter den Bakairi aber auch interkommunale Juni-Feste statt, die ebenfalls für den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht unwichtig sind.
Schamanentum

In einer Welt so voller übernatürlicher Wesen und Krankheitsquellen, fällt den Schamanen natürlich eine wichtige Rolle zu. Sie verstehen sich darauf in die Körper von Tieren einzudringen und in die von Kranken. Sie kennen überhaupt keine Kommunikativen Schranken: sprechen die Sprache der “Iamyra“, der Tiere, der Schutzgeister und anderer Wesen. Und sie werden aktiv im Fall von Krankheiten, dem Verlust von Gütern (denn sie verstehen sich auf die Kunst, Verlorenes wiederzufinden) unter anderen Fähigkeiten – ihre Teilnahme an interkommunitären Ritualen ist deshalb unverzichtbar. Durch sie versucht man das Gleichgewicht der Kräfte wieder herzustellen und dem Leben seine Ordnung zurück zu geben.

nach obenZeitgenössische Aspekte

Ab dem Jahr 1985 übernahmen die Bakairi vom Rio Paranatinga selbst die Leitung des Indianer-Postens der FUNAI, dazu die Schulleitung und ein paar andere bezahlte Positionen, die normalerweise von Nicht-Indianern besetzt sind. Vier Jahre später gründeten sie die “Museums-Werkstatt Kuikare“, mit Unterstützung der „Fundação Nacional Pró-Memória“ und schufen danach die “Vereinigung Kurá-Bakairi“. Unter den Aktionen der letzteren ist besonders jene zur AIDS-Verhütung zu erwähnen, mit Unterstützung des Gesundheitsministeriums. Die Lehrer der Bakairi bilden sich mittels des “Projeto Tucum“ des Bundesstaat Mato Grosso zum Magister heran – inzwischen gibt es bereits einen ausgebildeten Pädagogen und eine Erzieherin aus dem Volk der Bakairi.

nach obenQuellenangaben

Vor 1884 existieren aus der Feder der Bandeirantes – den Erforschern des nördlichen Mato Grosso und Administratoren der damaligen Provinz – lediglich flüchtige Notizen. Erst ab den Expeditionen des Karl von den Steinen zum Xingu, in den Jahren 1884 und 1887, verdichten sich die Informationen über ihr Volk. Aus dem Werk dieses deutschen Forschers stechen zwei Bücher hervor: “Expedition von 1884 zur Erforschung des Xingu (1942) und “Unter den Eingeborenen Zentralbrasiliens (1940), zwei Klassiker der südamerikanischen Ethnologie. Sie enthalten wertvolle Informationen über die “Orientalen“ und „Okzidentalen Bakairi“ – ihre Geschichte, Sprache, gesellschaftliche Organisation, Mythologie, Rituale und Relationen mit anderen eingeborenen Völkern. Diesen beiden Expeditionen folgten verschiedene andere, besonders zu erwähnen sind die von Max Schmidt, der unter anderem auch wichtige Einzelheiten über die Wanderungen der Bakairi vom Xingu zum Paranatinga festhielt, sowie über die Relationen berichtete, welche die Indianer mit den regionalen Nicht-Indianern aufnahmen, inklusive mit den Agenten der Obrigkeit. Kalervo Oberg und Fernando Altenfelder Silva, die sich ebenfalls unter den Bakairi Mitte des 20. Jahrhunderts aufhielten, veröffentlichten Artikel über ihre gesellschaftliche Organisation und die rituelle Reklusion.

Es gibt ausserdem fünf monographische Studien über die Bakairi von akademischer Prägung. Die erste, von Edir Pina de Barros (1977), vereint Informationen über ihre Geschichte und gesellschaftliche Organisation, ihr Verhältnis zu Missionaren, Agenten des Indianerschutzes und Landbesitzern der Region. Die Frage der Identität und ethnischen Zugehörigkeit wird analysiert. Dieselbe Wissenschaftlerin präsentiert in ihrer Doktorarbeit (1992) detaillierte Informationen über Geschichte, gesellschaftliche Organisation, Namensgebung, Rituale und Schamanentum. Verschieden ihrer Artikel wurden in spezialisierten Fachzeitschriften publiziert.

Eine weitere Referenz gebührt der These von Debra Sue Picchi (1982), die sich auf den Schock der mechanisierten Landwirtschaft auf das traditionelle System der Lebenshaltung, den nutritionellen Status und die Gesundheit, konzentriert. Dafür wurden historische und kulturelle, vor allem ökologische Fakten berücksichtigt. Darlene Yaminalo Taukane – sie ist selbst eine Bakairi – schrieb in ihrer erst kürzlich veröffentlichten Dissertation über die schulische Erziehung unter den Bakairi des Paranatinga, inklusive der Überlegungen der indianischen Lehrer zu dieser Materie und der Stellung der Schule in einem Zukunftsprojekt – und ein besonders wichtiges Kapitel über den Prozess der Sozialisierung in ihrer Gesellschaft.

Hinsichtlich der Sprache existiert eine Doktorarbeit von Tânia Conceição Clemente de Souza über Rede und Mundart der Bakairi vom Paranatinga. Unter diesem Aspekt ist auch die klassische Studie von Capistrano de Abreu zu erwähnen, erarbeitet mit Hilfe eines Informanten, der vom Paranatinga nach Rio de Janeiro verbracht wurde, im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Und es gibt die Studien von Missionaren des „Summer Institute of Linguistics“, aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Hier stechen die Übersetzungen biblischer Texte und Heftchen zur Alphabetisierung in der Muttersprache hervor. Unter ihrem Protektorat produzieren die Bakairi Texte in ihrer eigenen Sprache – einige davon bereits veröffentlicht.

© Edir Pina de Barros, Universidade Federal de Mato Grosso, Juni 1999
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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