Avá-Canoeiro

Veröffentlicht am 29. Dezember 2009

Erst ab den 70er Jahren trat ein Teil der Avá-Canoeiro erstmals in permanenten Kontakt mit der nicht-indianischen Bevölkerung. Einige Gruppen jedoch halten sich immer noch versteckt. Das gegenwärtige Bild dieses Volkes ist äusserst kritisch wegen ihrer geringen Zahl von Überlebenden und den schlechten Lebensbedingungen, unter denen diese existieren müssen.

Avá-Canoeiro

Andere Namen: Canoeiro, Carijó, Índios Negros
und Cara-Preta
Sprache: aus der Familie Tupi-Guarani
Population: 16 (2006)
Region: Bundesstaaten Goiás und Tocantins
INHALTSVERZEICHNIS
Name, Sprache und Lebensraum
Geschichte des Erstkontakts
Gegenwärtige Situation und Wohngebiete
Bevölkerung
Lebensweise und Nutzung der Ressourcen
Materielle Kultur
Gesellschaftliche Organisation und Territorium
Genutzte Ökosysteme
Gesundheit und Erziehung
Perspektiven
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IMGP4541
IMGP4523
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nach obenName, Sprache und Lebensraum

Man nennt sie auch “Schwarzgesichter“. Vom 17. Jahrhundert an bis etwa 1960 bezeichnete man sie einfach als “Canoeiros“ – Kanuten. Im 19. Jahrhundert war ausserdem der Name “Carijó“ gebräuchlich. Der Name “Avá-Canoeiro“ kam dann in den 70er Jahren auf, während der Kontaktversuche mit einer Gruppe von ihnen, die sich am Rio Araguaia herumtrieb.

Die Avá-Canoeiro sprechen eine Sprache aus der Tupi-Guarani Familie, aus dem Tupi-Stamm. Es existieren Dialekt-Unterschiede zwischen den Gruppen der Araraguaia-Region und denen am Rio Tocantins. Gegenwärtig leben zwei Gruppen der Avá-Canoeiro in permanentem Kontakt mit der brasilianischen Gesellschaft. Im Bundesstaat Goiás befindet sich ihr Lebensraum im “IT Avá-Canoeiro“, in den Distrikten Minaçu und Colinas do Sul. Im Bundesstaat Tocantins leben sie im Dorf Boto Velho oder “Inãwebohona“, im IT gleichen Namens; auf dem Indianerschutz-Posten Canoanã und im “IT Parque do Araguaia“, in den Distrikten Formoso do Araguaia, Lagoa da Confusão, Sandolândia und Pium. Ausser diesen beiden Gruppen des Tocantins und des Araguaia gibt es weitere zwei, die bisher noch nicht von der FUNAI kontaktiert worden sind. Eine von ihnen wandert wahrscheinlich durch die gebirgige Region der Quellflüsse des oberen Rio Tocantins (Goiás) und die andere bewohnt den Norden der Ilha do Bananal (Tocantins) im Innern des “IT Parque do Araguaia“.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Linguistische und historische Studien von Nimuendajú (1914) und von Rivet (1924) bestätigen, dass die Avá-Canoeiro Nachkommen der “Carijó“ aus São Paulo sind, die um 1724 oder 1726 nach Goiás gebracht wurden von der Truppe des Bandeirante Bartolomeu Bueno, dem Sohn des berüchtigten Anhanguera, um ihm bei der Verteidigung gegen die Indianer der lokalen Territorien beizustehen, die sie durchquerten, und ausserdem seinen Männern beim Goldschürfen zu helfen.

Mit dem Zusammenbruch jener Truppe schlossen sich die Avá-Canoeiro wieder als autonome Gruppe zusammen, blieben aber im Territorium von Goiás. Inzwischen haben neuere linguistische Studien von Aryon D’Alligna Rodrigues bestätigt, dass ihre Sprache eher den Dialekten der Familie Tupi-Guarani aus dem Norden Brasiliens ähnelt, was gegen ihre meridionale Abstammung spricht und auch die adäquate Anwendung des Namens “Carijó“ auf die Gruppe in Zweifel zieht, denn dies war der Name der Guarani aus der südlichen Küstenregion, die von den Paulistanern gefangen genommen wurden und dann mit den Bandeirantes-Expeditionen ins Interior verschleppt.

Die ersten Aufzeichnungen eines Kontakts datieren aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, als man den Lebensraum der “Canoeiro“ als entlang des Rio Tocantins und seiner Nebenflüsse beschrieb. Die Chronisten erwähnen Konflikte der Gruppe mit regionalen Bewohnern, wie auch mit Fazendeiros und Goldsuchern.

Von 1820 an findet man die Canoeiro nicht nur an den Ufern der Flüsse sondern auch im Gebirge zwischen dem Rio Maranhão und den Siedlungen von Santa Tereza und Amaro Leite – ausserdem befanden sich einige ihrer Dörfer am Rio Canabrava und anderen Orten. Die Canoeiro reagieren feindlich auf die regionale Bevölkerung, sodass verschiedene Regierungen der Provinz unzählige offizielle Strafexpeditionen gegen sie ausrüsten. Ihre Gegenwart war für die Besetzung des goianischen Territoriums in dieser Periode von eminenter Bedeutung, denn sie behinderten die Ausbreitung der Weideflächen durch die Viehzüchter und störten die Verbindungsroute auf dem Rio Tocantins zwischen den damals wichtigsten Entwicklungspolen der Region, der Hauptstadt der Provinz und Porto Real – heute Porto Nacional. In Reaktion auf die Konflikte, die sich immer mehr zuspitzten, begannen einige Gruppen der Canoeiro, zwischen 1844 und 1865, in Richtung auf den Rio Araguaia abzuwandern. Bis zum Ende des Jahrhunderts hatten sie die Umgebung der Ilha do Bananal erreicht. Ein Teil ihrer Gruppe verblieb jedoch in der Region von Goiás, sie zogen zwischen den mit steilen Felsen bestückten Bergen mit schwierigem Zugang umher. Auf diese Weise hatten sich die Canoeiro Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine riesige Fläche zwischen dem Fuss der Serra Dourada bis ins Innere und den Osten der Ilha do Bananal verteilt. Definitiv getrennt, nimmt die Geschichte der Gruppen vom Araguaia und der vom Tocantins einen unterschiedlichen Verlauf.

Die Gruppen des oberen Rio Tocantins verblieben zwischen 1940 und 1998 innerhalb der Distrikte Santa Tereza, Cavalcante und Campinaçu. In dieser Zeit setzten sie die bewaffneten Konflikte gegen Fazendeiros und andere Eindringlinge in ihr Gebiet fort. Die erste offizielle Befriedungs-Front für diese Gruppen begann mit ihrer Arbeit um das Jahr 1946, mit der Gründung des Postens “Canoeiro“ in der Serra das Trombas, im Gebiet des Rio Canabrava, durch den CNPI (Conselho Nacional de Proteção ao Índio – Nationalrat zum Schutz der Indianer). Nach Berichten der Teilnehmer befanden sich die Dörfer der Indianer im Gebiet von Dueré, Natividade und Peixe. Die “Front“ legte Wege an, unterhielt visuelle Kontakte mit den Indianern, begann dann mit einer Übergabe von Geschenken, die angenommen wurde – aber es gelang ihnen trotz allem nicht, einen konkreten Kontakt mit den Avá-Canoeiro zu stabilisieren. Um 1950 wurden die Versuche dieser ersten Befriedungsfront als ergebnislos eingestellt.

Erst 1969 nahm man dann die Befriedungsarbeit wieder auf – nachdem Fazendeiros aus den Distrikten Cavalcante und Niquelândia von der FUNAI entsprechende Massnahmen verlangten, ihre Herden zu schützen, denn die Avá-Canoeiro schlachteten ihre Rinder ab, so hiess es. Nach Berichten der Viehbesitzer benutzten die Indianer Lanzen mit Eisenspitzen und wurden von den lokalen Bewohnern irrtümlicherweise “Quilombos“ genannt.

Die Befriedungsfront der FUNAI unternahm verschiedene Operationen während der 70er Jahre, ohne dass es ihr gelang, einen Kontakt mit den bewussten Indianern herzustellen – ausserdem wurden ihre Beamten der Korruption beschuldigt, und dass sie ihre Finger in An- und Verkauf von Ländereien hätten, die von den Avá-Canoeiros besetzt seien. Während die FUNAI mit ihrer fruchtlosen Aktion fortfuhr, hielten sich verschiedene Fazendeiros Gruppen von bewaffneten Totschlägern, um “ihr Land zu säubern“. In dieser Epoche verliessen die Indianer ihre Dörfer, die sich an den Flüsschen Jacira, Descobertas, Limeira, Boa Nova und Abaixo befanden.

Von allen Angriffen, denen die Avá-Canoeiro von Seiten der Viehzüchter und anderer Landbesetzer ausgesetzt waren, sticht einer als besonders grausam und brutal hervor: Im Jahr 1966 überraschten Fazendeiros und Siedler ein ganzes Dorf und töteten zirka 15 Personen – die Mehrheit seiner Bewohner – und jagte die anderen in die Flucht. Die Leichen der Opfer trugen sie in einer der Hütten zusammen und setzten sie in Brand. Eigenartigerweise drang von diesem Verbrechen weder eine Nachricht zur FUNAI noch zur Presse durch. Infolge solcher Attacken wendete sich der grösste Teil der Avá-Canoeiro aus dem “Mata do Café“, wie ihre Heimat genannt wurde, gegen Osten und überquerten den Rio Maranhão, um sich in den Gebirgszügen des Distrikts Cavalcante zu verbergen.

Die Arbeit der Befriedungsfront der FUNAI am Oberen Tocantins verlängerte sich absolut inproduktiv bis in die 80er Jahre. Im Oktober 1983 entschloss sich eine Gruppe von Avá-Canoeiro, bestehend aus zwei Frauen, einem Mädchen und einem kleineren Jungen, Kontakt mit der lokalen Bevölkerung aufzunehmen. Der Anthropologe André Toral (Autor dieses Textes und damals Chef der Befriedungsfront), zusammen mit einem Polizeikommissar von Araguaína, erreichte schliesslich eine Sperrung des “Indianer-Territoriums Avá-Canoeiro“.

Gegenwärtig sind die Avá-Canoeiro des Oberen Tocantins in zwei Gruppen gespalten. Diejenigen, welche 1983 kontaktiert wurden, leben in der Nähe des Befriedungs-Postens. Die andere Gruppe, immer noch auf der Flucht, entzieht sich innerhalb des “IT Avá-Canoeiro“ und zwischen dem Zusammenfluss von Rio Preto und Rio Bagagem, in der Gebirgslandschaft um den Rio Maranhão, jeglichem Kontakt. Der Ausgangspunkt für die Flucht dieser Gruppe scheint derselbe zu sein, wie bei den anderen, die auf der Flucht sind: der “Mata do Café“ (Kaffeewald) und die Berge in den Distrikten Niquelândia, Cavalcante und Minaçu, entlang dem Oberlauf des Rio Tocantins, von wo sie sich Ende der 70er Jahre abgesetzt haben.

Was die Gruppen im Bereich des Rio Araguaia betrifft, so datieren die ersten Versuche einer Kontaktaufnahme aus dem Jahr 1940, als der Bischof Dom Sebastião Tomaz, mit Amtssitz in Conceição do Araguaia, frustriert seinen Versuch einer friedlichen Kontaktaufnahme mit den Avá-Canoeiro der Ilha do Bananal aufgeben musste, denn die Indianer begrüssten seine Delegation mit einem Pfeilregen und bekräftigten damit ihre Absicht, der Isolation den Vorzug zu geben. Und dieser Versuch wurde dann erst dreissig Jahre später von der FUNAI wieder aufgenommen.

Im ersten Semester des Jahres 1974 kontaktierte man acht Avá-Canoeiro und brachte sie zum Indianerschutz-Posten Canoanã. Klaus D. Günther, Autor des BrasilienPortals, war im Auftrag der brasilianischen Illustrierten “MANCHETE“ als Reportagefotograf bei dieser “Befriedung der Indianer“ dabei und schildert an dieser Stelle seine Eindrücke:

Ohne entsprechende Ausrüstung, gelang es den Mitarbeitern des Postens nicht, den Tod von drei Indianern durch eine Grippeinfektion im selben Jahr zu verhindern.

Im Jahr 1988 verlegte man dieselbe Gruppe in das gesperrte “Indianer-Territorium Avá-Canoeiro“ am Oberlauf des Rio Tocantins (Goiás). Das Experiment der Zusammenführung beider Gruppen misslang und, wenige Zeit später, war die Araguaia-Gruppe schon zum Indianerschutz-Posten Canoanã zurückgekehrt.

In den letzten Jahren haben die Avá-Canoeiro vom Tocantins den Schock des hydroelektrischen Kraftwerks “Serra da Mesa“ absorbieren müssen, das von der „Furnas Centrais Elétricas S.A.“ betrieben wird, einem Ableger der “Eletrobrás“. Das Wasserkraftwerk ist ihr direkter Nachbar – sein Areal grenzt an das IT Avá-Canoeiro. Mittels eines Abkommens, welches mit der FUNAI zelebriert wurde, akkreditiert „Furnas“ monatlich 2% von den an die von der Überflutung des Stausees betroffenen Distrikte gezahlten Royalties, für die Indianer. Diese Summe wird von der FUNAI solange verwaltet, bis die Indianer eines Tages selbst in der Lage sind, sie direkt zu verwalten. Ausser einem überfluteten Teil durch den Stausee, wird das IT Avá-Canoeiro auch noch von Strassen und Hochspannungsleitungen durchquert und von anderen Einrichtungen des Kraftwerks “Serra da Mesa“ beeinträchtigt.

Die Avá-Canoeiro vom Araguaia, die sich weiterhin versteckt halten, ziehen in ihrer Region umher. Neuere Berichte lokalisieren sie im Innern der Ilha do Bananal, im nördlichen, dicht bewaldeten Teil des “Mata do Mamão“. Die Unschlüssigkeit offizieller Initiativen sie zu finden, überlässt sie den Aktionen von Verbrechern, ohne dass die FUNAI oder die brasilianische Gesellschaft etwas von ihrem Schicksal erfährt.

nach obenGegenwärtige Situation und Wohngebiete

Die kontaktierten Avá-Canoeiro vom Araguaia leben beim Indianerschutz-Posten Canoanã, im Interior des IT “Parque do Araguaia“ (mit einer Fläche von annähernd 1.395.000 Hektar), gelegen am Ufer des Rio Javaés, auf der Ilha do Bananal, im Südosten des Bundesstaates Tocantins. Der Park ist der IBAMA unterstellt und umfasst das nördliche Drittel der Insel.

Die Gruppe ohne permanenten Kontakt lebt ebenfalls im Norden der Insel, innerhalb der Areale des “Parque Indígena“ und des “Parque Nacional do Araguaia“. Im Jahr 1991 begann die FUNAI mit dem Prozess der Ausweisung von Siedlern aus dem “Parque Indígena do Araguaia“, der vollkommen von illegalen Landbesetzern vereinnahmt war (die Milchkühe halten) und kleinen Ackerbauern. Von den zirka 900 Besetzern und Eindringlingen verbleiben noch rund 200, die Mehrheit von ihnen im südlichen Teil der Insel.

Der Regulierungsprozess der Avá-Canoeiro Ländereien am Tocantins begann mittels eines Dekrets, unterzeichnet vom Präsidenten der FUNAI am 8. April 1985, das zu Zwecken der Befriedung eine Fläche von 38.000 Hektar sperrte, die in den Distrikten Cavalcante und Minaçu (Goiás) liegt. Das Dekret beabsichtigte ein Gebiet zu schützen, in dem sich die noch isolierten Avá-Canoeiro herumtrieben, und ausserdem das Gebiet der Gruppe, die 1983 Kontakt aufgenommen hatte, abzuriegeln. Danach wurde das Gebiet unter dem Namen “Terra Indígena Avá-Canoeiro“, durch einen Erlass des Justizministeriums vom 2. Oktober 1996, definitiv zum Besitz der Indianer erklärt. Noch ist die Gegend allerdings von einer grossen Zahl von Siedlern besetzt, die eine Wiedergutmachung von Seiten der Regierung erwarten, um sich zurückzuziehen.

nach obenBevölkerung

Gegenwärtig existieren nur 15 kontaktierte Personen der Avá-Canoeiro, und man schätzt, dass weitere 25 noch ohne Kontakt mit der brasilianischen Bevölkerung versteckt leben. Unter den schon kontaktierten besteht die Gruppe vom Araguaia aus 9 Personen mit folgenden Eigenschaften:

Die gegenwärtig in permanentem Kontakt mit der brasilianischen Bevölkerung lebenden Avá-Canoeiro vom Rio Tocantins sind nur 6 Personen mit folgendem Profil:

Name Ungefähres Alter Geschlecht
Mátxa 55 männlich
Nakwátxa 55 weiblich
Tuie 26 weiblich
Iawi 30 männlich
Trumak weniger als 15 männlich
Putitxawa weniger als 15 weiblich

Unter denen ohne Kontakt mit der FUNAI schätzt man, dass die Gruppe des Oberen Tocantins 10 Personen stark ist und die vom Araguaia 15 Personen.

Insgesamt erlitt die Bevölkerung der Avá-Canoeiro, die wahrscheinlich nie eine Gesamtbevölkerung von zirka 300 Individuen überschritten hat, ihre grösste Dezimierung zwischen 1960 und 1970, als sie vom Prozess der Besetzung der Bundesländer Goiás und Tocantins eingekreist wurde.

Ob es der geringen gegenwärtigen Zahl von Restmitgliedern gelingt als Eingeborenen-Gruppe zu überleben und ihre Autonomie zu erhalten, ist noch eine Frage ohne Antwort. Historisch gesehen, haben es Banden von Avá-Canoeiro isoliert verstanden, sogar in noch kleineren Kontingenten zu überleben. Jedoch die Jüngeren unter ihnen leiden jetzt schon unter der Isolation des Gebietes in dem sie derzeit leben.

nach obenLebensweise und Nutzung der Ressourcen

Anders als man vielleicht versucht ist anzunehmen, ist ihre Lebensweise als herumziehende Nomaden eine historische Zufälligkeit, welche die Avá-Canoeiro-Gruppen in unterschiedlichen Epochen ereilte und zu unterschiedlichen Ergebnissen führte. Nichts deutet darauf hin, dass ihre Kultur auf eine solche Lebensweise je abgestimmt war. Im Gegenteil, man kann inzwischen klar erkennen, dass es sich um eine Gruppe handelt, die eigene Überlebensformen entwickelt hat – wie Ackerbau kombiniert mit der Jagd, Ernte mit erlegtem Wild – was höchstens ein jahreszeitliches Nomadenverhalten bedeutet, weit entfernt von einer Lebensweise, die andauernde Ortswechsel voraussetzt, zu denen sie während der letzten einhundert Jahre gezwungen wurden.

Die Gruppen des oberen Rio Tocantins, seit mindestens vier Jahrzehnten zu dauernden Ortswechseln gezwungen, gaben die Aktivitäten der Feldarbeit und der Herstellung von Keramik auf – und fingen sie wieder an, als man ihnen dazu Zeit und Möglichkeiten gab. Während die Nachkommen von Gruppen, die zwischen 1840 bis 1860 zum Araguaia zogen, nicht eine einzige Pflanze kultivieren, sie leben exklusiv von der Jagd, von Sammeln der Waldfrüchte und vom Stehlen auf den Feldern und den regionalen Viehherden. Aktivitäten, die sich mit dem Nomadenleben nicht vertragen, haben sie vergessen.

nach obenMaterielle Kultur

Im Gegensatz zu den Gruppen vom Tocantins ignorieren die vom Araguaia ihre Aktivitäten auf dem Gebiet der Keramik, der Musik mit Flöten, die Herstellung von Pfeifen und das Heilen mit Tabakrauch völlig. Vergleicht man die beiden Gruppen, so kann man folgern, das jene Avá-Canoeiro, die längere Zeit auf kontinuierlicher Flucht waren, eine Reihe von Eigenschaften aus ihrer materiellen Kultur vergessen oder vorübergehend verdrängt haben. Man sollte jedoch betonen, dass dieses Volk eine grosse Anpassungsfähigkeit besitzt, das geht schon aus der Verschiedenheit der Ökosysteme hervor, in die sie gezwungenermassen vorübergehend abgedrängt waren und den prekären Umständen, unter denen sie existieren mussten. Ihre materielle Kultur begnügt sich mit wenigen Dutzend Dingen, von denen nur die Musikinstrumente und die Pfeifen keine eminent praktische Funktion besitzen. Körperbemalung und Federschmuck sind praktisch verloren gegangen.

Im Gegenzug haben die Avá-Canoeiro eine Reihe von Elementen in ihre materielle Kultur aufgenommen, die aus der zivilisierten Gesellschaft stammen – besonders Nahrungsmittel und Metallartikel. Wahrscheinlich hat diese Einbeziehung sogar noch vor ihrem Eindringen in das Territorium von Goiás, und vor ihrer Charakterisierung als isolierte Gruppe, stattgefunden. Als sie sich vom Zusammenleben mit der kolonialen Gesellschaft zurückzogen, wurde die Aquise solcher Produkte schwierig, also praktizierten sie häufig Überfälle, Diebstähle und Plünderungen. Gegenwärtig begnügen sie sich mit Diebstählen oder verwenden die Reste von Metallprodukten, welche die Bevölkerung wegwirft, wie Autokarosserien, Büchsen und andere Dinge aus Metall, die sie in Mülldeponien finden, am Rand der Städte, Fazendas und Siedlungen.

Der Gebrauch von Instrumenten und Werkzeugen aus Metall hat Tradition in der Gruppe. Sie haben Techniken entwickelt, das Metall kalt zu bearbeiten und ihm die richtige Form für die jeweilig beabsichtigte Funktion zu geben. So verwandeln sie geschickt alte Autofederungen in rustikale Haumesserklingen, Benzinfässer in Pfeilspitzen, Nägel eines Weidezauns in Bohrer, Angelhaken etc. Ihre Pfeile mit scharfen Metallspitzen sind vielleicht das typischste Produkt aus der Manufaktur der Avá-Canoeiro, bekannt und registriert von verschiedenen Autoren seit Anfang des 19. Jahrhunderts.

Andere Gerätschaften ihrer materiellen Kultur enthüllen deren Verwandtschaft mit den Materialien aus dem regionalen Gebrauch. Ihre Tötung von Rindern und Pferden nahm so frequente Formen an, dass sie dadurch auch eine Reihe von Artikeln aus Leder, Horn, Hufen, Haar, alten Kordeln, Stofffetzen, Salz (das finden sie in den Salzlecken fürs Vieh auf den Weiden), Nylonschnur, Säcke, Agrarinstrumente und –produkte, die sie in Hütten der regionalen Bevölkerung auf den Feldern finden.

Durch ihre direkte Kenntnis und Nutzung aller dieser Produkte und der Bedeutung der Viehhaltung und der regionalen Felder für ihre Ernährung, fängt man an daran zu zweifeln, dass die Ortswechsel der Avá-Canoeiro nur in der Absicht vorgenommen werden, ihre totale Isolation von der regionalen Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Es ist wahrscheinlicher, dass sie nach einem Gebiet suchen, in dem sie eine Position der Mitte in Bezug auf die nationale Gesellschaft einnehmen können: nicht völlig isoliert, aber auch nicht ganz nah. Ihr zukünftiger Lebensraum sollte diese scheinbar gegensätzlichen Prämissen verbinden: in der Nähe der Weissen, um von ihren Ressourcen zu profitieren, aber in einer Zone mit dünner Besiedelung – sodass sie sich vor einer eventuellen Verfolgung verstecken könnten. Aus der Sicht der Avá-Canoeiro müsste diese ideale Region ihnen ausserdem permanente Jagd- und Sammlermöglichkeiten bieten.

nach obenGesellschaftliche Organisation und Territorium

Als Überlebensstrategie leben die Avá-Canoeiro in kleinen Gruppen von hoher Mobilität, die sich über weite Entfernungen des brasilianischen Zentralen Westens fortzubewegen verstehen. In diesem Sinne unterscheiden sie sich nicht von anderen Tupi-Gruppen, wie zum Beispiel den Guajá in Maranhão und anderen, die durch historische Zufälligkeiten gezwungen wurden, ständig ihren Lebensraum zu wechseln.

Die verschiedenen Gruppen der Avá-Canoeiro pendeln zwischen zwei Arten von Lebenshaltung hin und her. Keine von beiden sieht allerdings eine totale Unabhängigkeit und Isolation von den Ressourcen der regionalen Gesellschaft vor. Die erste Art zielt auf eine grössere Isolation, kombiniert mit einem gewissen Grad an Fixierung in einem definierten Gebiet. Die andere bevorzugt rigoroses Nomadentum und mehr Unabhängigkeit von den Ressourcen der regionalen Bevölkerung, ihren Feldern und Herden. Die erste Art der Lebenshaltung wurde im Gebiet des Oberen Tocantins praktiziert, in Zeitläufen vor den 70er Jahren, als sie aus den fruchtbaren Wäldern der Region vertrieben wurden. Sie betrieben Ackerbau auf Böden des Hochwaldes, kombiniert mit der Jagd und dem Sammeln.

Die Gruppen vom Araguaia, im Gegensatz zu denen vom Tocantins, hatten jegliche Feldarbeit vollkommen eingestellt und passten sich stattdessen einem intensiven Nomadentum an – mit konstanten Schlachtungen von Weidetieren. Auch nach ihrem Kontakt 1973 entwickelten die Avá-Canoeiro, die man im Indianerschutz-Posten Canoanã untergebracht hatte, keinerlei landwirtschaftliche Aktivitäten. Im Gegenteil: bis zum Ende der 80er Jahre war es unter den Älteren üblich, dass sie in ihre gewohnten Praktiken verfielen und die Rinder der benachbarten Fazendas “erlegten“, wenn sie Hunger hatten – die Besitzer beschwerten sich bei der FUNAI und der Staat musste ihnen die Tiere ersetzen.

Die Avá-Canoeiro-Gruppe vom Oberen Tocantins zeigt dagegen eine unterschiedliche Haltung gegenüber landwirtschaftlichen Aktivitäten. Der Ort, an dem sie sich gleich nach ihrem Kontakt im Jahr 1983 installierten, am Flüsschen “Corrego do Macaco“, wurde von ihnen selbst ausgesucht, vor allem, weil es ein Ort ihrer antiken Felder war, wie die vielen Lichtungen innerhalb des Waldes bewiesen, bevor die Beamten der FUNAI weitere Bäume roden liessen. Unabhängig davon, legten die Indianer etwa 800 Meter hinter dem Indianerschutz-Posten Felder für Mais, Reis und Bohnen an, und obwohl sie etwas spät dran waren, bemühten sie sich, alle Details des landwirtschaftlichen Kalenders zu erfüllen.

Die Haltung der Araguaia-Gruppe bezüglich der Feldarbeit ist deutlich die von Personen, welche derart ans Nomadenleben angepasst sind, dass sie niemals, während ihrer gesamten Existenz in der Isolation, irgendeine Art von Ackerbau betrieben haben. Nachkommen derer, die seit mehr als einem Jahrhundert aus dem Gebiet des Oberen Tocantins wegzogen, sind sie wahrscheinlich die fünfte oder gar sechste Generation von Männern und Frauen, die in dauernder Bewegung sind, und deshalb keine Aktivitäten entwickelt haben, welche mit ihrem Nomadentum unvereinbar wären.

Eine winzige Gruppe, bestehend aus drei Frauen und einem halbwüchsigen Jungen, hat, ungeachtet ihrer Schwäche gegenüber den zahlreichen Bewohnern der Region des Oberen Tocantins, Mengen von Schweinen und Hühnern “erlegt“ und diverse Felder geplündert, während der Zeit ihrer erzwungenen Koexistenz mit der regionalen Bevölkerung, vor dem Kontakt mit der FUNAI. Die kleine Gruppe vom Araguaia, gleich nach dem Kontakt im Jahr 1973, tötete und verzehrte einen Ochsen der Fazenda Canuanã S.A. alle drei Tage – was sicher nicht als normales Verhalten angesehen werden kann, sondern einerseits am Entgegenkommen der Leute lag, die diesen aussergewöhnlichen Kontakt zustande brachten, und andererseits an der Cleverness der Indianer, die dieses Entgegenkommen nutzten.

Nach dem Kontakt können sie nun nicht mehr auf ihre heimliche Jagd auf die Rinder und die Plünderung der Felder anderer Leute zählen. Ihr Daueraufenthalt auf dem Posten hindert die Indianer, sich ihre Nahrung weiterhin so zu beschaffen, wie sie es in der Vergangenheit gewohnt waren, und versetzt sie dadurch in die Abhängigkeit der Regierungsbeamten. Aus der Sicht der Avá-Canoeiro heisst das, dass sie nun von diesen Beamten ernährt werden müssen, denn die hindern sie daran, sich ihre Nahrung auf traditionelle Art und Weise zu beschaffen. Die Logik der Gedanken dieser Indianer scheint zu sein: “Wenn ihr (die Beamten der FUNAI) uns daran hindern wollt, für unsere Nahrung selbst zu sorgen, wie wir es zu tun pflegten, dann müsst ihr für uns sorgen, dass wir keinen Hunger leiden“.

Andererseits waren die Initiativen der FUNAI-Beamten, sie nicht zu füttern, sondern darauf zu bestehen, dass sie Felder anlegten und selbst auf die Jagd gingen, von den Indianern nicht als eine Form der Autonomie oder des Respekts vor ihren kulturellen Eigenheiten verstanden worden – sondern als Kleinlichkeit und Geiz, die nicht selten Ressentiments bewirkten.

Gewöhnt an eine Lebenshaltung mittels der Jagd, des Sammelns und der “Erlegung“ von Rindern ihrer Umgebung, litten die Avá-Canoeiro vom Araguaia, nach ihrem Kontakt 1973, regelmässig Hunger. Ihre Sesshaftmachung hinderte sie an der Ausübung der Jagd und am Sammeln von Waldfrüchten, wie sie es in der Vergangenheit zu tun pflegten. Die Lebenshaltung der Avá-Canoeiro von Canoanã spaltete sich schliesslich in zwei Perioden: eine magere, in der Nahrung fehlte, wenn sie nur am Posten herumlungerten – und eine reichliche, seltenere, nachdem sie auf die Jagd gegangen waren und Fleisch und pflanzliche Nahrung wieder im Überfluss hatten. Letztere bekamen sie von den in der Nähe lebenden Javaé-Indianern, mit denen sie Wild gegen Feldfrüchte tauschten.

nach obenGenutzte Ökosysteme

Die Avá-Canoeiro leben im Innern der Ilha do Bananal, einer Senke in Zentralbrasilien, die ein dichtes Bewässerungsnetz besitzt, welches aus mittleren und grossen Flüssen besteht, aus Bächen, Quellen, Lagunen und Seen. Die Böden sind im Allgemeinen sauer und von geringer Fruchtbarkeit. Im höher gelegenen Ostteil der Insel, der zum Territorium der Javaé gehört, und in dem auch die kontaktierten Avá-Canoeiro sowie deren “wilde“ Stammesmitglieder leben, gibt es auch tiefere Böden mit typischer Cerrado-Vegetation und Wäldern. Die Vegetation der Insel setzt sich aus Cerrado, Cerradão, trockenem und überschwemmtem Wald, weiten überschwemmten Savannen, trockener Randvegetation und Sandbänken zusammen (Ministério da Agricultura/ IBDF 1981:27).

Die Ilha do Bananal kann in ambientaler Hinsicht als ein Übergangsgebiet zwischen Cerrado und Amazonas-Regenwald beschrieben werden. Für eine Gruppe von Eingeborenen, die man als Jäger und Sammler bezeichnen kann, wie die Avá-Canoeiro vom Araguaia, ist dieses Gebiet aussergewöhnlich gut geeignet, denn es bietet ihnen einerseits Ressourcen für die Jagd und das Sammeln, andererseits ein natürliches Versteck vor ihren Verfolgern – sowohl der Siedler als auch der anderen Indianer, wie Karajá und Javaé, die bis vor kurzer Zeit ihre Feinde waren. Waldgebiete, wie der “Mata do Mamão“ im nördlichen Teil der Insel, und die Flächen des Cerrado, die auf der Insel häufig sind, bieten ihnen tierisches Protein und die Pflanzenspezies, welche sie in ihre Nahrung einbeziehen.

nach obenGesundheit und Erziehung

Es gab niemals irgendein Gesundheits- oder Erziehungsprogramm, das speziell für die Avá-Canoeiro des Indianerschutz-Postens Canoanã organisiert worden wäre. Diese fehlende Umsicht führte zum Tod von vier der Kontaktierten im Jahr 1973, wenige Zeit nach ihrer Ankunft auf dem Posten – Opfer von Viren, gegen die ihre Körper keine organische Verteidigung aufbauen konnten, weil sie mit ihnen durch diesen Kontakt zum ersten Mal in Berührung kamen.

Die Kinder der Avá-Canoeiro frequentierten die Schule auf dem Posten, die exklusiv für die zweisprachige Alphabetisierung in Javaé und Portugiesisch eingerichtet ist, was ihnen natürlich unüberwindbare Probleme bescherte, denn ihre Sprache ist vollkommen anders als die der Javaé. Dadurch erklärt sich die Tatsache, dass diese Kinder heute die Schule nicht mehr besuchen. Alle Avá-Canoeiro sind immer noch Analphabeten. Den Jüngeren gelingt es, mit viel Geduld, ihren Namen zu zeichnen.

nach obenPerspektiven

Die schon kontaktierten Gruppen leben umgeben von prekären sanitären Umständen und ewiger Nahrungsmittelknappheit. Und sie leiden unter dem Fehlen von Partnern für eine physische und gesellschaftliche Kontinuität. Eine mögliche Lösung schien die Zusammenführung der Gruppen vom Araguaia und vom Tocantins zu einer einzigen Kommune, aber diese Perspektive scheint für immer verloren. Getrennt seit mehr als einem Jahrhundert, haben die Avá-Canoeiro vom Tocantins und vom Araguaia kulturelle Differenzen – inklusive in ihrer Sprache – entwickelt, die sie einander fremd werden liessen. Deshalb war dieser Versuch, den die FUNAI im Jahr 1988 unternahm, nicht von Erfolg gekrönt – die Avá-Canoeiro vom Araguaia marschierten einfach zur Ilha do Bananal zurück – denn der Rio Tocantins bot ihnen auch nicht solche Jagdmöglichkeiten wie die Insel.

© André Toral, Anthropologe und Mitarbeiter der ISA
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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