Asuriní do Tocantins

Veröffentlicht am 29. Dezember 2009

Das Indiovolk Asuriní do Tocantins oder kurz Asurini bestätigt, dass es eine erste Schöpfung des Universums gegeben habe und dann eine Sintflut – als die Erde aufhörte zu existieren – sie “wurde weich”. Diese Katastrophe überlebte nur ein einziger Mensch, der sich auf einen hohen Bacabeira-Baum gerettet hatte. Da geschah es, dass “Mahira” den Tapir herbeirief, damit er mit seinem breiten Hintern die Erdoberfläche wieder hart machen sollte – und dann nahm er eine seiner eigenen Rippen und formte aus ihr eine Frau – und so nahm die menschliche Bevölkerung wieder zu.

Asuriní do Tocantins

Andere Namen: Akuawa, Asurini
Sprache: Aus der Familie Tupi-Guarani
Population: 384 (2006)
Region: Bundesstaat Pará
INHALTSVERZEICHNIS
Name, Sprache
Lebensraum
Bevölkerung
Geschichte des 1. Kontakts
Jäger, Fischer und Sammler
Das Dorf, Lebenszyklus
Ideologisches System
Anmerkung über die Quellen

nach obenName

Der Terminus “Asurini” stammt aus der Juruna-Sprache und wird seit dem vergangenen Jahrhundert angewendet, um verschiedene Tupi-Gruppen aus dem Gebiet zwischen den Flüssen Xingu und Tocantins zu benennen. Dieser Terminus tauchte zum ersten Mal im Lauf der 50er Jahre auf, als Funktionäre des SPI ihn während ihrer Befriedungsarbeit für eben dieses Volk gebrauchten.

Die Asurini do Tocantins sind auch als “Asurini do Trocará” bekannt (dem Namen ihres Lebensraums) und als “Akuáwa-Asurini”. Diesen letzten Namen hat ihnen der Ethnologe Roque Laraia in den 60er Jahren gegeben, der Grund war, dass dieser Forscher den Begriff “Akuáwa” als Selbstbezeichnung der Gruppe verstand. Es ist allerdings schon viele Jahre her, dass dieses Volk den Begriff “Asurini” als Selbstbezeichnung anerkannt hat. Auf der anderen Seite, so hat die Antropologin Lúcia Andrade in den 80er Jahren herausgefunden, besitzt der Begriff “Akuáwa” einen herabmindernden Beiklang, da er eigentlich für “Indianer aus dem Wald” oder “wilde Indianer” verwendet wird – also für Indianer mit keinem oder kaum Kontakt mit Zivilisierten.

nach obenSprache

Die Asurini bedienen sich einer Sprache aus der linguistischen Familie Tupi-Guarani, die von Carl Harrison, Robin Selly und vor kurzem auch von Velda Nicholson, Catherine Aberdour und Annette Tomkins studiert worden ist – alle vom Summer Institute of Linguistics (SIL).

Nach Harrison (1980) existieren verschiedene Unterschiedlichkeiten zwischen der Asurini-Sprache wie sie von der Trocará-Gruppe gesprochen wird, und der, deren sich die die Pacajá-Gruppe bedient. Nach seiner Meinung haben sich diese Differenzen aus der Tatsache ergeben, dass diese beiden Gruppen, bevor sie in einem Dorf zusammen lebten, vorher nur sporadische Kontakte hatten.

1962 waren die Mitglieder der Gruppe vom Pacajá-Gebiet einsprachig, während die Asurini vom PI Trocará schon Portugiesisch sprachen, was sie von den Funktionären des Postens und deren Familien gelernt hatten – ausserdem wurden sie sporadisch von zivilisierten Nachbarn am Rio Tocantind besucht. Schon 1973 sprachen alle Kinder und Jugendlichen dieser Gruppe nur noch Portugiesisch, während alle der Pacajá-Gruppe ihre eingeborenen Sprache benutzten. Inzwischen können alle Asurini fliessend Portugiesisch – Jugendliche und Kinder kommunizieren beinahe exklusiv in dieser Sprache.

nach obenLebensraum

Die Berichte der Asurini geben den Rio Xingu als ihre Stammregion an, wo sie zusammen mit den Parakanã gelebt hätten, mit denen sie in der Vergangenheit ein einziges Volk bildeten. Man nimmt an, dass die Asurini den Xingu in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts verliessen, motiviert durch eine Reihe von internen Teilungen und wegen Konflikten mit anderen Stämmen. Sie bewegten sich gegen Osten und besetzten den Oberlauf des Rio Pacajá und, später, das Umfeld des Rio Trocará, wo sie sich noch bis heute aufhalten.

Gegenwärtig leben sie im IT Trocará, 24 Kilometer nördlich des Distrikthauptquartiers von Tucuruí (Bundesstaat Pará). Dieses Indianer-Territorium (IT), mit 21.722 Hektar Fläche, wurde in seiner Demarkierung offiziell durch das Dekret No. 87.845 vom 22. November 1982 anerkannt und ist registriert im Notariat für Landbesitz von Tucuruí sowie im Landbesitzer-Verzeichnis der Union.

Das IT Trocará wird in seiner gesamten Breite von der Bundesstrasse BR-153 durchquert, welche das Gebiet in zwei Teile trennt. Das Dorf und der FUNAI-Posten befinden sich im Osten der Strasse, im Teil, der von dem Rio Tocantins bewässert wird. Der Westteil besteht aus einem Dreieck von Wäldern, welche die letzte Reserve unberührten Regenwaldes von einer gewissen Proportion in dieser Region darstellen.

Das IT Trocará befindet sich eingeschlossen innerhalb der region des Projekts “Grande Carajás”, welches des Bundesstaat Maranhão und Teile von Pará und Tocantins miteinbezieht. Dieses immense Mineralien-Förderprogramm – es wird begleitet von einer Reihe von infrastrukturellen Massnahmen (wie das Wasserkraftwerk Tucuruí und eine Eisenbahnstrecke, welche die Serra dos Carajás mit der Hauptstadt von Maranhão, São Luis, verbindet) – hat radikale Veränderungen in der gesamten Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur der Region ausgelöst, in der auch die Asurini leben.

Das Wasserkraftwerk von Tucuruí, welches sich am Fluss etwa 30 km oberhalb des Dorfes Trocará befindet, hat den gesamten Distrikt vollkommen verändert. Seine Erstellung – zwischen 1975 und 1984 – löste eine Einwanderung von Tausenden Personen in dieses Gebiet aus. Deshalb wuchs doe Stadt Tucuruí zwischen 1970 und 1980 jährlich um 22,7%, während zum Beispiel Belém im gleichen Zeitraum sich nur um 3,3% pro Jahr vergrösserte.

Das Territorium der Asurini wurde zwar vom Stausee der UHE Tucuruí nicht überschwemmt – aber sie wurden von so genannten “indirekten Effekten” betroffen, mit anderen Worten: den Konsequenzen der tiefgreifenden Veränderungen in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Struktur der Region und dem ökologischen Ungleichgewicht, welches die Installierung des Kraftwerks und des Staudamms nach sich zogen. Unter diesen Veränderungen sind auch eine Reihe von neuen “Fazendas” zu nennen, die in demselben Gebiet aus dem Boden schossen. Das IT Trocará befindet sich inzwischen vollkommen eingekreist von Rinderfarmen, deren Besitzer das einzig übrig gebliebene Regenwaldgebiet belauern.

Die Abholzung rund um das Indianerreservat brachte natürlich auch herbe Konsequenzen für die Fauna des Asurini-Territoriums. So beschweren sich die Indianer darüber, dass bestimmte Tierarten schon nicht mehr anzutreffen sind, und dass die Jagd immer schwieriger würde. Ausserdem lockt der Wald ihrer Reserve immer wieder Jäger von ausserhalb an, die ihr Gebiet konstant invadieren.

Ein anderer indirekter Effekt des Wasserkraftwerks und der damit verbundenen schnellen Besetzung der Region war eine schnelle Verbreitung der Malaria unter den Asurini, die 1985 das grösste Gesundheitsproblem der Gruppe darstellte.

nach obenBevölkerung

Die Tabelle zeigt deutlich, wie die Bevölkerungszahl der Asurini do Tocantins vom Zeitpunkt ihres Kontakts durch die Waldläufer der Regierung zugenommen hat.

Bevölkerung der Asurini do Tocantins

Jahr Bevölkerung am Posten Quelle
1953 190 Laraia 1979
1955 066 Arnaud 1961
1961 026 Arnaud 1961
1962 035 Laraia 1979
1970 048 Trocará IP archive
1976 092 Vidal 1980
1980 106 Vidal 1980
1982 120 Andrade 1982b
1984 132 Andrade 1984b
1990 191 Funai 1990
1994 225 Funai 1994

Wie man in der oben aufgeführten Tabelle erkennen kann, verblieb die Asurini-Bevölkerung bis 1976 unter 100 Individuen. Einen Teil ihres Wachstums verdanken sie dem Zuzug von anderen Asurini aus dem gebiet des Rio Pacajá im Jahr 1974. Von diesem Zeitpunkt an wuchs ihre Bevölkerungsziffer ständig – 1984 bestanden sie zu 55% aus Kindern bis zum Alter von 14 Jahren.

Zur Zeit ihrer Kontaktaufnahme (1953) bestand das Volk der Asurini aus 190 Personen. Noch bevor dasselbe Jahr zu Ende gegangen war, starben 50 ihrer Leute an Grippe und Desinterie. Nach dieser Epidemie zogen sich die meisten Überlebenden wieder in den Regenwald zurück. Im Jahr 1956, nach einem Zusammenstoss mit dem leitenden Beamten des Postens, zog sich auch die dort verbliebene Gruppe ihrerseits in die Tiefen des Waldes zurück. Zwei Jahre später kehrten die Überlebenden derselben Gruppe zurück. Anfang 1962 kam ebenfalls die erste Gruppe vom Pacajá zum Posten zurück. Zu dieser Zeit waren es noch insgesamt 30 Indianer – und noch einmal wurden sie von der Grippe und dem Durchfall befallen – 14 Überlebende flohen entsetzt in den schützenden Wald und liessen 7 Waisen am Posten zurück.

nach obenGeschichte des 1. Kontakts

Die Asurini do Tocantins tauchen zum ersten Mal in den historischen Aufzeichnungen über den Vormarsch einer Pionierfront am Anfang des 20. Jahrhunderts auf – in der Region oberhalb des Wasserfalls “Itaboca” (heute bedeckt vom Stausee der UHE Tucuruí). Die Region zwischen Marabá und Tucuruí verwandelte sich ab den 20er Jahren in ein bedeutendes Paranuss-Sammelgebiet. Und mit dem Ziel, den Transport der Produktion der Paranuss von Marabá nach Belém zu garantieren, wurde die Konstruktion einer Bahnlinie in Angriff genommen, welche die 12 Kilometer von Stromschnellen im Rio Tocantins umgehen sollte, um die Orte Tucuruí (damals noch unter dem Namen “Alcobaça”) und Jatobal zu verbinden. Diese Eisenbahnlinie durchquerte das Territorium der Asurini und Parakanã, die vehement auf diese Invasion reagierten.

Die Bahnlinie wurde 1895 in Angriff genommen und in Teilstücken erst 1945 beendet. Noch 1935 waren erst zirka 67 Kilometer von den 117 insgesamt geplanten fertig gestellt. Und gegen Ende der 20er Jahre erreichten die Konflikte zwischen Indianern und Schienenarbeitern ihren Höhepunkt. Im Jahr 1928, nach einem vom Ingenieur Amyntas Lemos organisierten Überfall, der mit dem Tod von acht Indianern endete, verstärkten die Asurini ihre Angriffe gegen die Regionalbevölkerung.

Zwei Jahre später griffen die Asurini Paranuss-Sammler in der Gegend von “Joana Peres” an und töteten sie. Im Mai desselben Jahres (1930) töteten die Indianer noch zwei Personen. 1933 setzten sie sich gegen eine Polizeitruppe zur Wehr – töteten alle und nahmen ihre Waffen und sonstige Ausrüstung an sich – das war beim Kilometer 12 der Bahnlinie.

1937 traten die Asurini in Kontakt mit Beamten des SPI (Indianerschutz). Trotzdem wurden sie wenig später wieder von Bahnarbeitern angegriffen, und als Repressalie überfielen sie eine Arbeiterbaracke, töteten zwei und verletzten einen dritten Arbeiter.

Im Jahr 1945 organisierten der Direktor der Tocantins-Bahn und der Inspektor der lokalen Polizei in Tucuruí eine bewaffnete Expedition gegen die Asurini. Ein Massaker wurde nur durch den umstand verhindert, dass die Verfolger die Indianer nicht finden konnten. Der SPI leitete darauf hin einen Prozess gegen den Ingenieur ein, aber die Anklage wurde von Richter des juristischen Bezirks Cametá als insignifikant fallen gelassen.

1948 traten die Asurini mit regionalen Siedlern eines Gebiets in Kontakt, das als “Cachoeira de Itaboca” bekannt ist – sie wurden mit einem Kugelhagel empfangen und anschliessend zwei Tage lang durch den Wald verfolgt. 1949 töteten die Asurini eine Frau am Kilometer 52 der Bahnlinie und einen Arbeiter am Kilometer 18. In demselben Jahr griffen sie auch die Holzbaracke des SPI am Kilometer 67 an und verletzten einen der Beamten schwer.

Das Jahr 1949 war das kritischste in diesem Dauerkonflikt. Landarbeiter verliessen ihre Felder und die Arbeiter zur Instandhaltung der Bahnlinie setzten ihre Arbeit nur unter dem Schutz von bewaffneten Männern fort. In demselben Jahr machte der SPI aussergewöhnliche Anstrengungen, sich den Asurini zu nähern – aber die fruchteten erst ganze vier Jahre später.

Der offizielle Kontakt der Asurini mit der Befriedungsfront des “Serviço de Proteção aos Índios” fand im März 1953 statt, an einem Ort, der “Sítio Apinajé” heisst – zwischen den Bächen Piranheira und Trocará – ganz in der Nähe der Gegend, die sie heute bewohnen. Die Entscheidung der Asurini, das Camp des SPI aufzusuchen, scheint durch ihren Konflikt mit den Parakanã ausgelöst worden zu sein. Ein Grossangriff der Parakanã soll angeblich eine der Asurini-Gruppen dazu gezwungen haben, sich in den Schutz der SPI-Beamten zu begeben. Diese Gruppe bestand aus 190 Indianern, die sich am Posten niederliessen.

Im selben Jahr des Kontakts starben dann mehr als 50 Indianer an Grippe und Durchfall. Diese Periode wird von den Asurini als eine Epoche beschrieben, in der sie nicht mal genug Zeit fanden, alle ihre Toten begraben zu können. Der grösste Teil der Überlebenden dieser Katastrophe kehrte noch im gleichen Jahr in den Schutz des Waldes zurück. Lediglich eine kleinere Gruppe blieb beim Posten bis 1956. In diesem Jahr jedoch bekommen sie Krach mit den SPI-Beamten und entscheiden sich 1958 ebenfalls für die Rückkehr in den Wald.

1962 taucht die zweite Asurini-Gruppe, welche im Wald geblieben war, plötzlich am SPI-Posten auf. Und noch einmal schlägt die Grippe zu und fordert erneut eine Reihe von Toten – die Überlebenden flüchten erneut in den Wald, ins Gebiet des Rio Pacajá.

Als der Anthropologe Roque Laraia sich unter den Asurini aufhielt, im Jahr 1962, fand er eine Gesamtbevölkerung von 35 Individuen vor. Laraia beobachtete, dass die Asurini sich in einer Situation von extremer Abhängigkeit von den Beamten des Postens Trocará befanden, weil sie andererseits eine Phase profunder gesellschaftlicher Desorganisation durchliefen, infolge ihres drastischen Bevölkerungsschwundes. Jene Gruppe, welche in die Region des Rio Pacajá zurückgekehrt war, kam ohne irgendwelche Unterstützung des SPI zurecht, sie lebten von Jagd, Fischfang, Feldarbeit und einem kleinen Handel, den sie mit den regionalen Siedlern aufrecht erhielten. Diese Gruppe verblieb in ihrer Region bis 1974, als sie schliesslich ins Dorf Trocará umzogen. Alles deutet darauf hin, dass die beiden lokalen Gruppen vom Trocará und vom Pacajá schon einige Zeit vorher Beziehungen unterhielten, aus denen sich schliesslich der Umzug entwickelte.

Im Jahr 1973 besuchten die Forscher des “Summer Institute of Linguistics” (Nicholson und Aberdour) die Asurini do Pacajá und nahmen ein Tonband mit, auf dem die Gruppe vom Trocará sie zu einem Besuch einlud. Diese Einladung auf der einen Seite, und die Schwierigkeiten durch eine fehlende Unterstützung der Landesregierung auf der andern, veranlasste die Asurini do Pacajá ihren Wohnsitz nach Trocará zu verlegen. Nach ihren Berichten hat die FUNAI im Jahr 1974 ein Boot geschickt, um sie abzuholen. Und von diesem Zeitpunkt an sind die Asurini niemehr zum Pacajá zurückgekehrt.

nach obenJäger, Fischer und Sammler

Die Nahrung, welche die Asurini am liebsten mögen, und die sie auch als am nahrhaftesten bezeichnen, ist Fleisch von einer Jagdbeute. Sie jagen Säugetiere wie den Tapir, Hirschwild, Wildschweine, aber auch Nasenbären, Affen, Agoutis und Gürteltiere, sowie Vögel, zum Beispiel Auerhähne, Tukane und Fasanen. Die Jagd gilt als bevorzugte Beschäftigung der Männer, aber auch einige Frauen gehen auf die Jagd.

Gegenwärtig jagen die Asurini mit Gewehren und während der Nacht, denn tagsüber, so sagen sie, treffen sie schon kein Wild mehr an. Es ist für sie äusserst schwierig, überhaupt an Gewehre, die nötige Munition und Batterien für die Taschenlampen heranzukommen, und durch diese Dinge sind sie abhängig von der FUNAI, die sie ab und zu mit diesen Dingen beglückt – aber in viel zu kleiner Stückzahl. Es gibt inzwischen immer längere Perioden, in denen die Indianer kein Fleisch zu essen haben.

Der Fischfang, welcher das fehlende Wildfleisch ausgleichen könnte, ist inzwischen, so scheint es, ebenfalls von den ökologischen Veränderungen in der Region betroffen. Trotzdem ist seine Bedeutung als Nahrungsquelle heute wesentlich grösser für die Gruppe, als vor der Kontaktaufnahme. Er wird sowohl von erwachsenen Männern wie von Frauen und Kindern praktiziert – von letzteren aber weniger häufig. Die Indianer fischen mit Angeln, Netzen und Reusen im Rio Trocará, in den nahen Seen des Rio Tocantins ebenfalls, aber selten im grossen Strom Tocantins selbst.

Während der Monate Juli und August, solange bis die Überschwemmungen komplett zurück gegangen sind, ist das Fischen in den Seen in der Nähe des Dorfes recht schwierig – es wird erst besser gegen Ende des September. In diesem Zeitraum lohnt sich der Fischfang nur in den weiter ab gelegenen Flüssen, was dazu führt, dass sich eine ganze Kernfamilie – manchmal auch die gesamte Verwandtschaft – aufmacht, um an einem Ort ausserhalb des IT zu kampieren – wo sie auch noch eher mal jagdbares Wild antreffen. Das sind die Gelegenheiten, nach Aussagen der Asurini “wo wir gut essen und dick werden”.

In den Monaten zwischen Januar und April (der Regenzeit) sammeln die Asurini Waldprodukte wie Açaí, Bacuri (Palmfrüchte) und Paranüsse. Sammeln gehört in diesem Fall zu den “männlichen” Beschäftigungen – aber die Frauen helfen oft dabei. Solche Naturprodukte sind teils für den Eigenbedarf, teils für den Verkauf in Tucuruí bestimmt – nur die Paranüsse, deren Quantitäten relativ gering sind, werden nicht verkauft.

nach obenDas Dorf

Gegenwärtig wohnen die Asurini alle zusammen in einem einzigen Dorf, es liegt etwa drei Kilometer vom Ufer des Rio Tocantins entfernt. 1988 standen in diesem Dorf dreissig Häuser, welche die einzelnen Kernfamilien beherbergten.

Die Häuser sind aus Paxiúba-Holz gefertigt, welches für Wände und Böden verwendet wird, und deren Dächer mit Ubim-Stroh gedeckt sind – auch die Wände werden mit diesem Palmstroh dicht verflochten. Die Architektur der Häuser folgt einem regionalen Standard, einige sind auch auf Holzstelzen gesetzt, gegen mögliche Überschwemmung. Seltener sieht man noch den alten Taipa-Baustil. Seit vier oder fünf Jahren hat man auch einige neuere Häuser aus Holz und mit Ziegelbedeckung gebaut – als man vom Staat eine Abfindung für eine Strasse durchs Indianergebiet in Bargeld bekam.

Die Behausungen sind im Allgemeinen unterteilt in drei Räume – den Wohnraum, die Küche und ein Zimmer. Im hinteren Teil befinden sich kleinere Anbauten mit den Abwassergruben. Einige Häuser haben mehr als ein Schlafzimmer – eins für das Elternpaar und ein anderes für die Kinder, aber zum grössten Teil haben sie nur ein grosses Zimmer, in dem die gesamte Familie schläft. Dieser Raum wird ausser zum Schlafen auch zur Mittagsruhe genutzt – manchmal dient er auch als Arbeitsraum für die Vorbereitung von Munition oder zum Nähen von Kleidung – Dinge, die ein bisschen Privatsphäre verlangen und Abstand von den Kindern.

Den grössten Teil ihrer Zeit verbringen die Bewohner im Küchenraum. Einige Hausbewohner haben ihre Küche auch in einer geringen Entfernung vom Wohnhaus installiert – als ein ziemlich offenes Gerüst, ohne laterale Wände. In dieser Küche befinden sich ein Holzrost (der “Jirau”) und die Feuerstelle, im Allgemeinen umgeben von einem Rund aus Backsteinen. Holz und Lehm. Einige Familien, die aus jüngeren Leuten bestehen, benutzen auch einen mit Gas betriebenen Herd. Der “Jirau” ist ein Vielzweckinstrument und wird u.a. benutzt zur Zubereitung des Fleisches, der übrigen Speisen und auch zum Abstellen der gewaschenen Teller und Töpfe. Die Holzroste werden vor einem Fenster ausserhalb des Hauses aufgestellt, wo das Geschirr in der Sonne trocknen kann.

In der Küche – entweder auf Schalen oder in Zwischenräumen im Dachstroh – werden die Haushaltsutensilien aufbewahrt: Teller, Messer, Besteck, Becher, Zahnbürsten, Angelschnur und vieles andere. Im selben Raum befinden sich auch die meisten Möbel des Hauses: die Tische und Stühle. Und in diesem Raum werden auch die Mahlzeiten eingenommen und eventuelle Gäste empfangen. Für Besucher steht ausserdem ein Patio (Innenhof) vor dem Haus zur Verfügung. Als Objekte ihres Haushalts pflegen die Asurini auch Hängematten zu besitzen (und, sehr viel seltener Betten), Schränke, Radios, Plattenspieler und, in ein paar Häusern, auch Fernseher.

Die Wohnhäuser werden von den Männern gebaut und, im Allgemeinen, führen sie diese Aufgabe alleine aus. Der Bau eines neuen Hauses kann auf Grund des Alters der antiken Behausung notwendig werden oder auf Grund eines Umzugs an einen neuen Ort, der durch einen Streit mit den Nachbarn ausgelöst wurde.

Die Bäche und kleineren Gewässer in der Nähe des Dorfes werden fast als ein erweiterter Wohnraum angesehen – eine Erweiterung des Dorfes. In diesen Gewässern waschen die Frauen Kleidung und Töpfe, und sie bringen auch das Trinkwasser von dort mit nach Hause. Ebenfalls dort badet man. Die Kinder verbringen einen grossen Teil des Tages damit zu, in diesen Gewässern zu plantschen. Jede Wohngemeinschaft benutzt einen bestimmten Abschnitt eines dieser Gewässer. Auf den Arealen zwischen den Wohnhäusern und den Gewässern pflegt man kleinere Beete mit Mais, Cará, Kartoffeln, Bananen und Ananas anzulegen.

Die Wohnhäuser des Dorfes reihen sich entlang eines Fussweges, der am FUNAI-Posten anfängt und am “Casa de Farinha” (Haus zur Maniok-Zubereitung) endet – letzteres befindet sich an der Peripherie des gesellschaftlichen Wirkungsbereichs. Entlang dieser zentralen Linie formieren sich auch einige Häusergruppen, in denen sich die einzelnen residenziellen Sektionen zu treffen pflegen. Jede dieser Hausbewohner-Einheiten besitzt ihr gemeinschaftlicher Patio (Innenhof) – in der Regel vor der Residenz des ältesten Paares. Tagtäglich finden in diesen Patios Zusammenkünfte statt, deren Aktionen die interne Politik betreffen.

Es gibt, darüber hinaus, aber auch einen bestimmten Ort für Interaktionen der gesamten Dorfgemeinschaft: das “Tekataua” – ein permanentes Zeremonien-Haus. An diesem rituellen Ort treten die Dorfbewohner als Einheit auf. Es gibt keinen vorbestimmten Ort für die Konstruktion des Tekataua, eine einzige Regel besagt, dass es mit seiner Vorderfront gen Osten aufgestellt werden muss – in Richtung des grossen Jaguar-Geistes. Mit seiner Aufstellung folgt man also nicht den Belangen der Gesellschaft (dem Dorf), sondern dem allgemeinen Glauben ans Übernatürliche.

Das Tekataua wird lediglich für rituelle Gelegenheiten benutzt, es ist nicht als politische Arena gedacht. Die politischen Entscheidungen werden “informell” im Bereich der Wohnhäuser getroffen, ohne dass dafür das ganze Dorf als Einheit in Bewegung gesetzt wird. Politik macht man so nebenbei. Eventuell kann ein Meeting der Indianer mit einem Beamten der FUNAI, der gerade im Dorf zu Besuch weilt, im Tekataua stattfinden – aber auch in diesem Fall ist es üblich, dass eine solche Zusammenkunft eher am Posten der FUNAI stattfindet.

Dieser FUNAI-Posten stellt einen nichttraditionellen Versammlungsort der gesellschaftlichen Interaktionen dar, vornehmlich für Versammlungen betreffs der Aktionen des Indianerschutzorgans und der Schule. Letztere schafft die Basis für Beziehungen zwischen Kindern diverser residenzieller Sektionen, die normalerweise innerhalb des dörflichen Ambientes im Alltag nicht gegeben wären.

Ein anderer nichttraditioneller Aufenthaltsort ist das kollektive Haus zur Maniok-Zubereitung (Casa da Farinha), gebaut von der FUNAI. Dieses Gebäude beherbergt die Öfen zum Rösten des Maniokmehls, das Schnitzelwerk, die Siebe und andere für diese Arbeit benötigten Gerätschaften. Traditionell führte jede Kernfamilie oder Hausbewohnergemeinschaft diese Arbeiten im eigenen häuslichen Umfeld aus. Einige machen es immer noch so, aber dann nur für den Eigenbedarf. Die Maniokmehl-Produktion für kommerzielle Zwecke hat die Einrichtung dieser neuen Infrastruktur notwendig gemacht.

Das Asurini-Dorf strukturiert sich auf den residenziellen Sektionen, denen die ausgedehnte uxorilokale Familie als Modell dient. Deren paradigmatische Komposition besteht also aus : dem Chef-Ehepaar, deren unverheiratenten Kindern beider Geschlechter und ihren verheirateten Töchtern, die ihre Ehemänner in diese Gruppe einbringen.

Jede residenzielle Sektion stellt eine räumliche Einheit dar, insbesondere eine wirtschaftliche und politische. Innerhalb solcher Sektionen besteht ein regulärer Tausch von Lebensmitteln, Zusammenarbeit bei wirtschaftlichen Aktivitäten, alltägliches Zusammenleben und Solidarität in Momenten einer Krise, wie Krankheit, Streit und unterschiedliche politische Meinung.

Eine residenzielle Sektion pflegt sich auch in einer räumlich besonderen Konfiguration auszudrücken: In einem Rund angeordnete Häuser, die sich einen gemeinsamen Innenhof (Patio) teilen. Die Bewohner einer solchen Hausgemeinschaft teilen sich ausserdem auch dieselben Badeplätze am Bach – die eine besondere Bedeutung des alltäglichen Zusammenlebens für die Frauen des Dorfes haben, die dort eine längere Zeit des Tages mit dem Waschen der Wäsche und der Reinigung des Geschirrs verbringen.

Die Verteilung der Felder pflegt mit der Anordnung der residenziellen Einheiten übereinzustimmen. Die Bewohner einer gemeinsamen Sektion legen auch ihre Felder aneinander grenzend an. Das Projekt der “gemeinsamen Landwirtschaft” der FUNAI hat die räumliche Feldverteilung etwas durcheinander gebracht, denn es sieht ein einziges grosses Feld für Maniok, Reis und Kakao vor, dessen Ernte für den Verkauf vorgesehen ist. Aber die Felder für den Eigenbedarf (mit Cará, Kartoffeln, Bananen, Ananas, Mais) werden nach wie vor in der altbewährten Weise innerhalb der residenziellen Sektionen angelegt.

Wirtschaftliche und politische Autonomie sind das Markenzeichen dieser Sektionen. In diesem Sinne scheint das Asurini-Dorf nichts weiter als eine Gegenüberstellung jener Einheiten zu sein, die im Alltag in völlig unabhängiger Form operieren. Die einzige Gelegenheit, während der die Bewohner der verschiedenen Sektionen als Einheit agieren, sind die Rituale. Es ist so, als ob jede residenzielle Einheit ein eigenes kleines Dorf bilde.

nach obenLebenszyklus

Jedes Asurini-Kind wird als Frucht einer sexuellen Beziehung seiner Mutter mit “Mahira” (mythologischer Held) geboren, was während des Schlafes geschieht. Wenn sie einen solchen “sexuellen” Traum hat, weiss die Frau, dass sie schwanger ist – sie soll dann möglichst oft den Beischlaf mit ihrem Mann praktizieren, damit sein Samen den Fötus wachsen lässt. Alle Männer mit denen die Frau während dieser Zeit sexuelle Beziehungen hat, werden als biologische Väter des Kindes betrachtet.

Die Entbindung wird innerhalb des Hauses vorgenommen, wo sich nur Frauen und Kinder aufhalten, denn die erwachsenen Männer dürfen nicht mit dem Blut der Gebärenden in Berührung kommen. Ihr stehen eine oder auch mehrere Geburtshelferinnen zur Seite – in der Regel ihre Mutter. Der Vater des Neugeborenen darf das Haus nur nach Stunden betreten, um sein Kind kennenzulernen. Die Plazenta und die Nabelschnur werden vergraben, damit kein Tier sie fressen kann, was dem Kind schaden würde.

Die Zurückgezogenheit der Eltern, bis der Nabelknoten vertrocknet und abfällt, verlangt eine Reihe von Tabus der Nahrungsaufnahme von ihnen, sie müssen schwere Arbeiten vermeiden und im Haus verbleiben. Das Neugeborene muss mit der schwarzen Jenipapo-Farbe bemalt werden, damit es schneller wächst. Aus demselben Grund hört man den Vater täglich für das Baby singen.

Einige tage nach der Geburt erhält das Kind einen Namen, der in der Regel von den Grosseltern ausgesucht wird, die alle Namen der Vorfahren kennen. Der Name ist stets der von einem Verstorbenen, scheint aber keine Beziehung zwischen diesem und dem Kind herzustellen. Die Namen bezeichnen Tiere, Früchte, Pflanzen und andere Dinge. Traditionell hatte ein Mann zwischen drei und vier Namen. Der Empfang des zweiten Namens war an das Zeremoniell der Unterlippen-Perforation gebunden – was einen jungen Mann zum Tragen eines Lippenpflocks und dem Penis-Schutz berechtigte. Dieses Ritual wird heutzutage nicht mehr praktiziert – der Medizinmann war der letzte Träger eines Unterlippenpflocks.

Die Jünglinge heiraten im Alter von 15 Jahren. Bevorzugte Ehefrauen eines Mannes sind die Tochter der Schwester seines Vaters und die Tochter seiner eigenen Schwester. Die Mehrzahl der Ehen sind monogam, aber die Anthropologin Lúcia Andrade hat in den 80er Jahren auch zwei polygame Ehen beobachtet, die noch in den 60er Jahren geschlossen wurden.

Nach der Verheiratung, so ist die Regel, ziehen die frischgebackenen Eheleute ins Haus der Schwiegereltern um. Wenn es sich um die erste Heirat des Mannes handelt, wohnt er von jetzt an im Haus seines Schwiegervaters. Nach einer gewissen Zeit – die mit der Geburt seines ersten Kindes endet – baut der junge Ehemann sein eigenes Haus in der Nähe der Wohnung seiner Schwiegereltern.

Der Schwiegersohn unterhält eine ihn verpflichtende Beziehung zu seinem Schwiegervater, welche von ihm eine vielgestaltige Kooperation mit diesem verlangt: bei wirtschaftlichen Aktivitäten, politischer Unterstützung – aber von ihm auch einen gewissen Abstand und Respekt gegenüber seinem Schwiegervater fordert. Die Beziehung zwischen den beiden pflegt kameradschaftlich und formell zu sein – es gibt einen gewissen Abstand zwischen ihnen, in dem sich die existierende Hierarchie ausdrückt.

Ein Schwiegersohn muss seinen Schwiegervater bei allen wirtschaftlichen Aktivitäten unterstützen, zum Beispiel bei der Vorbereitung des Feldes. Es ist auch üblich, dass beide zusammen auf einen längeren Jagdzug gehen, der eine Übernachtung im Wald während zwei bis drei Tagen verlangt. Hervorheben möchte ich, dass es sich nicht nur um Dienstleistungen des Schwiegersohns gegenüber dem Vater seiner Frau handelt, sondern dass die beiden eher so eine Art Kooperation betreiben – von der sie beide profitieren. Der Unterschied drückt sich in der Macht der Entscheidung des Schwiegervaters aus – ein Schwiegersohn wird schwerlich einer Entscheidung seines Schwiegervaters widersprechen.

Und diese Macht der Entscheidung hat auch ihren Einfluss auf die Politik innerhalb der Asurini-Gesellschaft, wo es keine öffentliche Diskussionsbühne der Dorfgemeinschaft gibt, auf der die Männer wirtschaftlich und politische Entscheidungen gemeinsam treffen könnten. Es gibt keine Häuptlingsfigur, welche die Macht hätte, das ganze Dorf als Einheit zu mobilisieren. Die Macht der Entscheidung in dieser Gesellschaft scheint also auf die Beziehung zwischen Schwiegervätern und ihren Schwiegersöhnen begrenzt – begrenzt auf die Sphäre der einzelnen residenziellen Sektionen. Auf diese Weise ist das politische Prestige eines Asurini-Mannes direkt von den Ehen seiner Töchter abhängig. Je älter also ein Mann wird – je mehr Söhne er verheiratet und je mehr Schwiegersöhne er erhält – umso einflussreicher wird er auch in der Politik. Je mehr Schwiegersöhne ein Mann um sich scharen kann, umso grösser das Kontingent von “Parteigenossen”, das er zu mobilisieren vermag. Andere Quellen für Prestige sind das Schamanentum und, früher, die Aktivitäten der Kriegsführung, welche in kombinierter Form die Bedeutung eines Individuums stärken konnten.

Die Vorbereitung eines Mannes zum Medizinmann beginnt bereits, wenn er noch sehr jung ist – während der Teilnahme an den so genannten “Tabak-Festen”. Eine solche Teilnahme verspricht ausserdem auch das biologische Wachstum des Individuums zu beeinflussen. Wenn also ein Junge den Eltern zu klein für sein Alter erscheint, bringen sie ihn zu diesem Fest, damit er dort reichlich tanze und sein körperliches Wachstum vorantreibe.

Die Rituale tragen zur biologischen und gesellschaftlichen Fortbildung eines Asurini-Mannes bei. Und eine Kenntnis des Schamanismus ist unumgänglich für die gesellschaftliche Bildung eines Mannes. Es handelt sich nicht um ein Thema, das nur Spezialisten vorbehalten ist. So mag die Macht zu heilen zwar begrenzt sein, aber die Kenntnisse und der Kontakt mit dem Übernatürlichen sind Grundelemente der männlichen Persönlichkeit. Und so steckt in jedem Asurini-Mann ein bisschen vom Medizinmann!

nach obenIdeologisches System

Die Asurini glauben, dass Mahira, “unser alter Grossvater”, der Schöpfer aller Menschenwesen sei und verantwortlich für die Weltordnung. Er koordinierte die physische Anordnung der Welt und härtete, mit Hilfe des Tapirs, die Erdoberfläche, die weich war, trennte den Himmel von der Erde, erlöste die Nacht, welche von der Eule gefangen gehalten wurde, etc.) Ausserdem trug er seinen Teil zur Kultur der Menschen bei, verlieh ihnen Grundkenntnisse, wie zum Beispiel die Anpflanzung von Maniok, die Herstellung der Flöten und die Komposition der Musik. Und so erklärt ein Asurini: “alles, was vom Indianer erfunden worden ist, hat ihm Mahira beigebracht”.

Am Anfang der Zeit wohnte Mahira in einem Dorf mit den Asurini. Er hatte eine Frau und eine Tochter. Aber die war nie sehr lange verheiratet, denn Mahira gingen seine Schwiegersöhne auf den Sack und, während er seine Tawari (Pfeife) rauchte, verwandelte er sie in Tiere. Sein Verhalten zwang Mahira, weit weg vom Dorf zu ziehen, denn die Dorfbewohner ärgerten sich ihrerseits sehr über ihn. Schliesslich beschlossen sie, Mahira zu töten, und der entschied sich, in den Himmel zurück zu kehren: “Es kamen schreckliche Ungewitter über die Menschen – und Mahira wurde vom Sturm erfasst. Er wollte sich an einem Ast festhalten, um nicht hochgewirbelt zu werden, aber der brach ab und der Wind trug ihn fort – da öffnete er die Arme und verschwand”. Dann, nach der Rückkehr Mahiras in den Himmel, brachen unter den Menschen Krankheiten aus – vorher war nie jemals ein Mensch krank gewesen, nicht einmal Schamanen hatte es gegeben.

Heute wohnen Mahira und seine Frau im Himmel, an einem Ort, der “Tupana” heisst. Zu diesem Ort begeben sich auch die Toten: “wer stirbt, baut sein Haus dort – man sagt, dass es viele Häuser dort gibt. Auch Weisse gehen dorthin. Dort wohnen alle, die gestorben sind”. Nach Auffassung der Asurini gibt es dort, wo Mahira wohnt, Himmel, Sonne, Mond: “alles, was es hier gibt, gibt es dort auch. Dort oben gibt es Jagd, Mahira jagt selbst. Es gibt viele Leute dort oben, es gibt Felder, es gibt alles”.

Und von dort oben verfolgt Mahira das Leben der Menschen auf der Erde, spielt weiter seine Rolle als Schöpfer. Wie schon berichtet, ist Mahira der Vater aller Asurini. Und er zeugt nicht nur die Kinder, sondern sorgt sich auch um deren Wachstum. Wenn zum Beispiel ein Kind kontinuierlich von seiner Mutter schlecht behandelt wird, lässt Mahira sie aufsteigen: er macht, dass sie krank wird, stirbt und holt sie zu sich, um ihr die Leviten zu lesen. Weil er vor allem die Kinder liebt, verhindert er, dass sie schlecht behandelt werden.

Mahira hat demnach die Macht über Leben und Tod der Menschenwesen. Und das Leben derer ist nicht mehr und nicht weniger als ein Kreislauf, der mit Mahira beginnt und endet: die Menschenwesen werden durch ihn geboren und kehren nach ihrem Tod zu ihm zurück.

Nach Auffassung der Asurini ist die übernatürliche Welt in zwei unabhängige Sphären geteilt: die von Mahira und jene von Sawara (dem Jaguar-Geist). Die Herrschaft Mahiras begreift den Kreislauf des Lebens und des Todes ein, die biologische Reproduktion der Menschenwesen, verbunden mit dem Himmel und den Frauen – den einzigen Lebewesen, die auf der Erde in Beziehung mit Mahira stehen, durch den sexuellen Akt vollzogen im Traum. Die Sphäre von Sawara, auf der anderen Seite, begreift das Schamanentum und den Glauben an eine Wiedergeburt der Schamanen ein – sie ist verbunden mit dem Wald und dem männlichen Universum.

Die schamanistischen Aktivitäten sind unter den Asurini stark entwickelt und von grosser Bedeutung. Damit ein Mann sich in einen Schamanen verwandeln kann, ist es notwendig, dass er in seinen Träumen einen Weg voller Gefahren hinter sich bringt, um schliesslich bis zu Sawara, dem Jaguar-Geist vorzudringen. Durch den Kontakt mit Sawara erhält Macht über die “Karowara” (Unheil bringende, übernatürliche Kräfte) – die Macht, Kranke heilen zu können. Zur Realisierung dieses Traums jedoch, muss der Schamanen-Anwärter einen langen Prozess durchlaufen, welcher ihn befähigt, mit den übernatürlichen Mächten umzugehen, und er muss seine Kenntnisse der Mythen und der entsprechenden Tänze und Gesänge vertiefen.

Die zentrale Etappe dieser Lehre sind die Tabakfeste, wo die Neulinge in den Kontakt mit dem Karowara eingeführt werden. In diesen Ritualen gibt es auch Momente, die dem Kennenlernen der mythischen Geschichten und den Gesängen gewidmet sind – nacherzählt und vorgesungen vom Schamanen. Dieses Vorgehen rundet einen Prozess ab, der schon ganz informell im Haus eines jeden Schamanen-Lehrlings begonnen wurde, wo er den Eltern und Grosseltern bereits bei ihren “Geschichten von damals” zugehört hatte.

Die Tabakfeste werden von einem Schamanen koordiniert. Er ist es, der den richtigen Moment für diese Veranstaltung bestimmt – oft folgt er damit auch dem Wunsch eines anderen Mannes, der den Wunsch hat, zu tanzen. Nach Aussage der Asurini sorgt der Schamane dafür, dass die Männer von Zeit zu Zeit tanzen, “damit sie sich nicht vergessen”.

Der Schamane (Medizinmann) ist der Spezialist, der die Krankheiten behandelt, welche von den “Karowara” verursacht werden. Die Asurini-Ethiologie unterscheidet zwei Basis-Kategorien von Krankheiten. Auf der einen Seite jene, die aus einem Kontakt mit dem Übernatürlichen entstehen (die so genannten Karowara-Krankheiten) und, auf der anderen Seite, alle anderen bekannten Übel. Zu dieser zweiten Kategorie gehören auch solche Krankheiten, die als “Krankheiten des Weissen/Christen” klassifiziert werden (Grippe, Masern, Lungenentzündung, Pocken u.a.), und die müssen in der Sanitätsstation der FUNAI behandelt werden oder im Hospital in Tucuruí. Wenn der Schamane eine Krankheit dieser Untergruppe diagnostiziert, empfiehlt er dem Patienten, die Sanitätsstation aufzusuchen, wo man allerdings “nur diesen Typ von Krankheit zu heilen versteht”!

Neben den “Krankheiten der Weissen” gibt es in dieser zweiten Kategorie andere, die mit Heilkräutern behandelt werden können. Solche Übel diagnostiziert man in der Regel selbst und behandelt sie im familiären Bereich – entweder macht das der Kranke selbst (wenn er erwachsen ist) oder ein naher Verwandter hilft dabei. Die Kenntnisse der Anwendung solcher Heilpflanzen sind allgemein verbreitet – allerdings besitzen die Älteren Mitglieder auch die besten Kenntnisse auf diesem Gebiet.

Die Asurini zitieren Rezepte zur Heilung einer grossen Vielfalt von Krankheiten, wie: Malaria, Fieber, Zahnweh, Kopfschmerzen, Biss der Tocandeira-Ameise, Wurmbefall, Schlangenbiss, Durchfall, Husten, Spinnenbiss, Schnittverletzungen, Ohrenschmerzen und Halsweh. Die Art und Weise der Anwendung der Heilpflanzen ist ganz verschieden, es können die Blätter verwendet werden, der Stängel oder auch die ausgepresste Flüssigkeit der jeweiligen Pflanze – in gewissen Fällen wird diese auch direkt auf die schmerzende Stelle gelegt. In anderen Fällen bereitet man ein Bad aus den Blättern oder man kocht die Pflanze in Wasser und lässt den Patienten den Sud trinken.

Es ist üblich, dass die Kranken erst einmal solche erfahrenen “Hausmediziner” aufsuchen, bevor sie zum Schamanen rennen. Erst wenn die Krankheit mit den Hausmitteln nicht zurück geht, vermutet die Familie eine Karowara-Krankheit hinter dem Übel und begibt sich zum Schamanen, damit dieser eine Diagnose stelle – das ist sogar bei hartnäckigen Kopfschmerzen und Fieber üblich. Auf der anderen Seite verzichtet man trotz Anwendung von Heilpflanzen nicht auf die gleichzeitige Benutzung von Arzneien, die man von der FUNAI erhält – besonders wenn der Patient ein Kind ist.

Die “Karowara” sind eine bedeutende übernatürliche Kraft, welche in den Menschen und in den übernatürlichen Wesen gleichermassen zirkuliert – verbunden mit Aktionen sowohl der Kooperation als auch der Aggression. Die Karowara sind sowohl die Quelle der Macht der Schamanen, (die sich dafür entscheiden, sie in sich zu tragen), als auch der Auslöser von Krankheiten.

In diesem zweiten Fall werden die Karowara den Menschen von den “Takwitimasa“ angehängt, einer Klasse von übernatürlichen Wesen, die sich im Wald aufhalten. Ein Grund, den die Asurini für dieses aggressive Verhalten der Takwitimasa gegenüber den Menschen angeben, ist deren Verhalten gegenüber den Tieren. So sagt man, dass die Takwitimasa jeden mit Krankheit schlagen, der Tiere schlecht behandelt.

Nur der Schamane hat die Macht, die von den Takwitimasa in die Menschen injizierten Karowara zu entfernen – und sie in seinen eigenen Körper und den seiner Schamanen-Eleven zu integrieren. Die Aquise solcher Macht, wie vorher berichtet, hängt von einer dritten Form des Karowara-Empfängnisses durch den grossen Jaguar-Geist Sawara ab. Die Beziehung zu diesem Geist überträgt auf den entsprechenden Mann die Fähigkeit zur Wiedergeburt: Die Asurini glauben, wenn der Leichnam eines Schamanen in Übereinstimmung mit einem genau vorgeschriebenen Zeremoniell bestattet wird – dessen Ausführung Aufgabe der Frauen ist – dann wird er wiedergeboren. Und die Wiedergeburt gehört zu einem Ideal aller Männer.

Dieselbe Möglichkeit haben die Frauen jedoch nicht, sie gehen nach ihrem Tod notwendigerweise ins “Tupana” ein, wo sie sich um Mahira versammeln. Die Existenz der Frauen folgt einem Kreislauf, der mit Mahira beginnt und endet.

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Mit dem Studium der Asurini begann man erst in den 60er Jahren. Mitglieder des “Summer Institute of Linguistics“(SIL) machten zu jener Zeit erste Untersuchungen der Asurini-Sprache: Carl Harrison, Robin Solly, Velda Nicholson, Catherine Aberdour und Anette Tomkins. Ergebnis waren Publikationen wie die “Asurini-Grammatik“ von Harrison (SIL 1980) und noch “Cartilha Asurini“ (1977) sowie “Aspekte der Asurini-Sprache“ (1978), beide erarbeitet von Nicholson und veröffentlicht vom SIL.

Ebenfalls in den 60er Jahren begannen Roque Laraia und Expedito Arnaud mit ihren antropologischen Studien. Zu jener Zeit veröffentlichte Arnaud einige Artikel, die allgemeine Informationen über die Gruppe enthalten – bezüglich des Kontakts, der verwandtschaftlichen Terminologie und der existenziellen Aktivitäten.

Roque Laraia führte seine Forschungen bei den Asurini im Jahr 1962 durch, indem er sich vier Monate lang in ihrer Gemeinschaft aufhielt. Zu diesem Zeitpunkt litt die Kommune unter den Konsequenzen einer tragischen Entvölkerung, Resultat von sukzessiven Epidemien, von denen die Indianer nach ihrer “Befriedung” durch die Weissen befallen wurden. So wurde die Gruppe, 1953 kontaktiert mit 190 Mitgliedern, bis 1962 durch übertragene Krankheiten auf 34 Mitglieder dezimiert, die in der Umgebung des SPI-Postens wohnten – 10 hielten sich unter Nicht-Indianern auf und weitere 14 waren zurück in den Wald geflüchtet – diese letzteren bildeten die Gruppe am Pacajá, mit denen Laraia keinen Kontakt hatte.

Die enorme Bevölkerungsschwund der Asurini auf der einen Seite, und die theorethisch-metodologische Orientiereng von Laraia auf der andern, erklären, warum er keine spezifische und detaillierte Monographie über die Asurini erarbeitet hat. Seine Forschungen wurden auch im Projekt “Gebiete der interethnischen Friktion“ einbegriffen – dirigiert von Roberto Cardoso de Oliveira, dessen Resultate im Artikel “Die Interethnische Friktion am Mittleren Tocantins“ (1964) und im Buch “Índios e Castanheiros“ (Indianer und Paranuss-Sammler) veröffentlicht wurden – das Buch publizierte der Autor 1967, zusammen mit Roberto da Matta. In diesen Arbeiten sind die bedeutendsten Informationen jene, die sich auf die Geschichte des Erstkontakts beziehen. Die Daten über die gesellschaftliche Organisation begnügen sich mit der Terminologie der Verwandtschaft und den Regeln der Heirat, die vom Autor analysiert werden.

Ein anderer Aspekt, welcher die Arbeiten von Laraia beeinflusste, war eine vergleichende Perspektive. So fusste seine Entscheidung des Studiums der Asurini auf Informationen über deren Ähnlichkeit mit den Suruí – und unter letzteren hatte Laraia bereits Studien betrieben. Das Ergebnis dieser vergleichenden Studien kann man im Artikel des Autors “Akuáwa-Asuriní e Suruí – Analyse zweier Tupi-Gruppen“ (1972) nachlesen, der auch kurze, aber bisher unveröffentlichte, Informationen über die materielle Kultur, die wirtschaftlichen Aktivitäten und das Schamanentum der Asurini präsentiert.

Die vergleichende Perspektive findet sich ebenfalls in seiner Doktorarbeit “Organização Social dos Tupi Contemporâneos” (Gesellschaftliche Organisation der gegenwärtigen Tupi) publiziert unter dem Titel “Tupi – Ìndianer Brasiliens der Gegenwart”. Und wie man von einem vergleichenden Werk erwarten kann, sind die Informationen über die indigenen Gruppen allgemein gehalten. Der Autor stellt nicht das kulturelle System der Asurini als Ganzes dar, wie es nur in einer spezifischen Monographie über diese Gruppe möglich wäre. Trotzdem bietet Laraia in seiner These eine grössere Anzahl von Daten über die Asurini, handelt andere Aspekte der gesellschaftlichen Organisation ab, als nur die verwandtschaftliche Terminologie und die Regeln zur Heirat in seinen vorhergehenden Werken.

In jüngerer Zeit, in den 80er Jahren, wurden die Asurini von der Anthropologin Lúcia Andrade studiert. Diese Untersuchung fand innerhalb einer notwendigen Erneuerung des Studienmaterials über die Tupi-Völker statt, durchgeführt von einer Reihe von Antropologen diverser wissenschaftlicher Lehranstalten bei Tupi-Gruppen in Amazonien, zu jener Zeit erstmals kontaktiert, sowie bei schon bekannten Völkern, wie zum Beispiel den Asurini.

Lúcia Andrade realisierte ihre Feldforschungen zwischen 1982 und 1989, die in ihrer Dissertation “O Corpo e o Cosmos” und “O Sobrenatural entre os Asuriní do Tocantins” (Der Körper und der Kosmos und Das Übernatürliche unter den Asurini vom Tocantins) resultierte, präsentiert im “Departamento de Antropologia Social” der Universität von São Paulo 1992. Diese Dissertation beschäftigt sich mit zwei zentralen Themen: dem Schamanentum und der Beziehung zwischen den Geschlechtern, durch welche die Kosmologie der Asurini und ihre Auffassung als Person analysiert werden.

© Lúcia Andrade, Comissão Pró-Índio – São Paulo, Februar 1999
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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