Aranã

Veröffentlicht am 1. April 2013

Das Volk der “Aranã” – oder vielmehr “die Überlebenden dieses Volkes“ – wurden in der Region des “Vale do Jequitinhonha“ identifiziert, nachdem sie unter der nicht-indianischen Bevölkerung als “Índios“ oder “Caboclos“ bekannt waren – die lokale Gruppe besteht aus zwei Familien. Die Einbindung der Aranã in die indigene Bewegung und ihre Ansprüche auf eine ethnische Identifizierung und Anerkennung sind relativ neu, sie stammen aus dem Jahr 1990.

“Der Indio ist dreifach ein Teil Brasiliens. Zum ersten ist er hier geschaffen worden – als die Weissen hierherkamen, fanden sie die Indios bereits vor. Zum zweiten wollten die Weissen die Indios von hier verjagen – sie schlugen, folterten und töteten sie, aber weil sie nirgendwo anders hingehen konnten, gelang es ihnen trotz alledem zu bleiben, nicht wahr? Und zum dritten war es die Rassenmischung – und die verursachte das grösste Chaos in Brasilien – weil die Weissen die Indiofrauen packten und vergewaltigten. Und eine Kreuzung zwischen Indio und Weissem wurde geboren – ein Blonder, genau wie dieser Junge dort. Er ist ein Indio, aber er ist blond. Also woher kommt dieser blonde Junge, wenn ein Indio nicht blond ist? Und so geht die Geschichte weiter… die Weissen vergewaltigten die Mädchen, die Frauen – die Kinder waren anders, und die Mütter wussten nicht mehr, was sie diesen Kindern sagen sollten, nicht wahr? Bis heute gibt es viele Leute, die eigentlich Indios sind – aber sie sind weiss…“
(Ein Aranã-Indio der Fazenda Campo im Jahr 2001).

Aranã

nach obenLebensraum und Bevölkerung

Die Aranã haben sich auf zahlreiche landwirtschaftliche und urbane Regionen von Minas Gerais und São Paulo verteilt. Allerdings hat sich diese Gruppe in grösserer familiärer Konzentration in den urbanen und ländlichen Gebieten der Munizipien “Araçuaí“ und “Coronel Murta“, im Tal von “Jequitinhonha“ (Minas Gerais) erhalten.

Die Fazendas “Campo, Alagadiço, Lorena, Cristal” und „Vereda“ sind die bedeutendsten ländlichen Anwesen, die von den “Aranã“ bewirtschaftet werden – darunter weist die Fazenda Alagadiço die grösste Konzentration an Familien auf durch die Protektion der Diozöse Araçuaí, die diesen Personen im Jahr 1980 einige Parzellen ihres Landbesitzes abgetreten hat. Die Städte Araçuaí, Coronel Murta, Pará de Minas, Juatuba, Betim, Belo Horizonte und São Paulo sind die urbanen Areale, in denen Aranã-Indios heute leben.

Auf der Basis einer groben Zählung vom Jahr 2000, durch den „Conselho Indígena Aranã Pedro Sangê (CIAPS), setzt sich das Volk der Aranã aus mehr als 30 Familien zusammen.

nach obenEthnogese und Geschichte

Die Einbindung der Aranã in die indigene Bewegung und ihre Ansprüche auf eine ethnische Identifizierung sind jüngerem Datums, sie werden mit Ende der 90er Jahre angegeben, nachdem eine Familie der “Pankararu“ – die aus Pernambuco stammt – auf der Fazenda Alagadiço, im Munizip Coronel Murta, zugewandert und von den dortigen Aranã aufgenommen worden war.

Bis zu dieser Zuwanderung der “Pankararu“ waren die Aranã bekannt gewesen als “Índio“ oder “Caboclo“ von Jequitinhonha – jenen üblichen, volkstümlichen Bezeichnungen mit erniedrigendem Unterton. Das Zusammenleben mit den Indigenen aus Pernambuco, die Mitglieder der Bewegung für indigene Rechte waren, stimulierte den lange schon gehegten Wunsch der Aranã-Gruppe, ihre ethnische Abstammung zu untersuchen. Insbesondere weckte die Begegnung mit den Pankararu in diesen Familien eine allgemeine Überlegung hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen und historischen Situation. In einem wachsenden Prozess der Aufwertung ihrer ethnischen Identität ersuchte diese indigene Gruppe um Unterstützung bei der nicht-staatlichen Organisation CEDEFES (Centro de Documentação Eloy Ferreira da Silva), um ihre Herkunft zu enthüllen und um ihre Rechte zu kämpfen.

Nach Auskunft von Dona Rosa Índia, Präsidentin des CIAPS (Conselho Indígena Aranã Pedro Sangê), existierte der Wunsch zu erfahren, zu welchem ethnischen Volk ihre Familie gehörte, schon seit langer Zeit. Aber erst seit dem Zusammentreffen mit den Pankararu und durch die Unterstützung der Indio-Beauftragten Geralda Soares und der Anthropologin Izabel Mattos gelang ihrem Volk die notwendige Nachforschung und schliesslich die Entdeckung ihrer ethnischen Wurzeln.

nach obenDie Volksbezeichnung “Aranã”

Die offizielle Geschichtsforschung deutet darauf hin, dass das Aranã-Volk noch im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Trotzdem leitet die gegenwärtige Aranã-Gruppe ihre Geschichte von einem Vorfahren ab, der als “Manoel Índio“ (auch als “Manoel Caboclo“) bekannt war – er war, nach der mündlichen Überlieferung seiner Verwandten, einer der Indios, die im Dorf “Itambacuri“ ansässig waren, einer Region im Tal des Rio Mucuri, im Bundesstaat Minas Gerais.

Bei ihren Nachforschungen in den Archiven der Kapuziner-Mission “Nossa Senhora da Conceição de Itambacuri“ fand die Anthropologin Izabel M. Mattos die Eintragung des “Manoel Índio de Souza“, identifiziert als “Índio Aranã“, einer Untergruppe der bekannten “Botocudo-Indios“.

Die dokumentierte Nachforschung von Mattos ergab im “Livro de Matrícula das Alunas do Colégio Santa Clara” (Matrikulations-Buch der Schülerinnen des Kollegs Santa Clara) im Ort Itambacuri, im Jahr 1918, ein Namensregister der Schülerin Idalina Índia dos Santos, der Tochter des verstorbenen Manoel Índio de Souza (Buch im Jahr 1908/1927, Seite 29). Im selben Buch, mit dem Datum 1923, wird das Namensregister von Idalina Índia dos Santos durch eine ethnische Identifizierung ergänzt: “Aranã“. Diese Daten weisen auf die Möglichkeit hin, dass es sich bei dem zitierten Manoel Índio de Souza um dieselbe Person handelt, die in der mündlichen Überlieferung der Gruppe mit dem Familiennamen “Ìndio“ präsent ist.

Izabel M. Mattos, die systematisch sämtliche Dokumente in Bezug auf die Bürger von Itambacuri durchstöberte, gibt an, dass sie den Familiennamen “Índio“ nicht mehr in anderen ethnischen Angaben gefunden hatte – nur bei “Aranã“. Die Verbindung zwischen dem Familiennamen (des Vaters) “Índio“ und der Volksbezeichnung “Aranã“ wird noch durch eine andere dokumentierte Nachforschung untermauert, welche vom Geschichtsprofessor José Carlos Machado in der Pfarrei von “Capelinha“ durchgeführt wurde. Im “Livro de Casamento“ (Heiratsregister) Nummer 1 derselben Pfarrei ist im Register No. 140, Seite 203, folgendes zu lesen:

“Am einundzwanzigsten Oktober achtzehnhundert und sechsundachtzig, in Ausübung meines mir vom ehrwürdigen Senhor Bischof der Diözese übertragenen Amtes, in der Kapelle von “Santo Antônio do Surubim“, in meiner Gegenwart und der Zeugen Santos Alves dos Santos und Lucas Pereira de Souza, schlossen den heiligen Bund der Ehe Manoel Miguel und Claudiana, Indios, er, Sohn von Miguel Ìndio und gebürtig aus den Wäldern von Surubim, Stamm der Aranã – sie, Tochter von Joaquim Gomes, Indio, und von Luzia, India, und gebürtig aus den Wäldern von Bonito. Ich gab ihnen meinen ehelichen Segen. Die Brautleute anerkannten als ihre Kinder Savina und Delfina, dieselben habe ich durch die nachträglich vollzogene Ehe als legitim erklärt. Um dem Gesetz zu entsprechen, mache ich diese Erklärung. Vikar João Antônio Pimenta.

Obwohl die oben zitierten Dokumente auf eine mögliche gesellschaftliche Herkunft der Gruppe hindeuteten, gibt es nicht notwendigerweise eine direkte “historische Kontinuität“ zwischen den Aranã von Itambacuri und den Aranã aus dem Tal des Jequitinhonha.

Die gegenwärtigen Familien “Índio“ und “Caboclo“ des Jequitinhonha-Tals – bzw. die aktuellen “Aranã“ – haben sich mittels eines langwierigen Prozesses von Verehelichungen und der Vermischung zweier indigener Familien entwickelt, von denen lediglich eine ihre Vergangenheit auf das Missionsdorf Itambacuri zurückführen kann.

Indessen führten die deutlichen Referenzen des Dorfes Itambacuri, zusammen mit dem Forschungsdaten hinsichtlich einer möglichen Verbindung des Nachnamens “Índio“ mit der Volksbezeichnung “Aranã“ dazu, dass die Gruppe sich insgesamt, in einem dynamischen Prozess zur Entdeckung ihrer ethnischen Herkunft, mit der “offiziellen“ Geschichte des Aranã-Volkes identifizierte.

Indem sie die Herkunft der Gruppe auf das Dorf Itambacuri und die indigene Besetzung der Region des Jequitinhonha-Tals zurückführt, ist die Geschichte des Aranã-Volkes geprägt vom Zusammenschluss indigener Gruppen, die man in Städte und auf Fazendas der Region verschleppte, und die sich im Lauf des 20. Jahrhunderts als Kommune mit einem indigenen Bewusstsein zusammenfanden.

Im Fall “Aranã“ figurieren die Bezeichnungen “Ìndio“ und “Caboclo“ als offizielle Familiennamen – besonders im Fall der Familie Ìndio – und als “Familien-Rufname“ (Mattos, 2002b) im Fall der Familie “Caboclo“. Für die Aranã-Familien, die den Zunamen “Índio“ besitzen, symbolisiert dieser den “Beweis“ der indigenen Identität, das Merkmal ihres Unterschieds. Während die Bezeichnung “Caboclo“ (Waldmensch) nicht direkt als Zuname eingeordnet werden kann – sie ist jedoch so stark präsent bei der inneren und äusseren Identifikation der Gruppe, dass wir ihn getrost als “Familien-Zunamen“ verstehen können.

nach obenDie Patriarchen

Ihrer mündlichen Überlieferung zufolge soll der Urahn der gegenwärtigen Aranã, Manoel Índio oder Manoel Caboclo, einst von einem grossen Fazenda-Besitzer der Region des mittleren Jequitinhonha “angefordert“ worden sein – er wohnte dann in dem kleinen Ort “Virgem da Lapa“, wo man ihn als “Tropeiro“ (fahrender Händler) kannte. Für die Aranã bedeutet Manoel das historische Bindeglied zwischen dem “Leben im Wald“ und dem “Leben in der Stadt“ ihres Volkes.

Wie der Senhor Jumá Índio berichtet, ein Enkel von Manoel, wurde sein Grossvater “aus dem Wald verschleppt“ – im Gebiet von Itambacuri, schon als Erwachsener. Das Bild von Manoel Índio wird von den Aranã mit der Vorstellung eines “wilden Índios“, eines Índio aus den Wäldern, verquickt. Gefangen genommen und ins Dorf Itambacuri verschleppt, musste er anschliessend für die Familie Murta arbeiten – Manoel musste einen Grossteil seines Lebens fern von seinem Volk und als Sklave im Gebiet des Ortes “Virgem da Lapa“ zubringen.

Als Opfer eines erzwungenen Entwurzelungsprozesses hätte Manoel dann Isabel geheiratet, die, so die mündliche Überlieferung der Aranã, ebenfalls eine India aus Itambacuri gewesen sein soll. Wie der Senhor Jumá erzählt, hatten Manoel und Isabel drei Söhne, der Jüngste war Pedro Inácio Figueiredo, der Patriarch der heutigen Aranã aus dem Jequitinhonha-Tal. Jumá sagt, dass er die Brüder seines Vaters nie kennengelernt hat, obwohl er weiss, dass sie in “Virgem da Lapa“ leben – in jener Region sind sie unter dem Spitznamen “Boquinha“ oder “Boquim“ bekannt, einer Bezeichnung, die wahrscheinlich vom Wort “Caboclo“ abgeleitet ist, und unter der übrigens auch Grossvater Manoel bekannt war.

Nach Informationen der Aranã und einer kurzen Dokumenten-Untersuchung durch die Equipe der “CEDEFES, ANAI (Associação Nacional de Ação Indigenista)“ und der “PRMG (Procuradoria da República em Minas Gerais)“ im Ort Virgem da Lapa, erscheint der Familienname “Índio“ nicht im offiziellen Register der Nachkommen von Manoel Índio, der wahrscheinlich in seinen offiziellen Papieren den Namen seines Patrons und “Besitzers“ geführt hat – so war es zu jener Zeit üblich.

nach obenDer Kulturheld Pedro Sangê

Pedro Inácio Figueiredo, Pedro Inácio Izidoro oder Pedro Sangê wurde wahrscheinlich 1883 auf der Fazenda Alagadiço geboren – er starb gegen Ende der 1960er Jahre. Pedro Sangê verbrachte den grössten Teil seines Lebens mit Arbeit für die traditionelle Familie Figueiredo Murta, die ihm eine formelle Erziehung ermöglichte. Wie seine Nachkommen berichten, musste Pedro nie auf dem Feld oder in der Viehzucht arbeiten. Er heiratete zweimal und hatte 13 Kinder, alle mit dem Familiennamen “Índio“.

Gross ist die Bewunderung des Pedro Sangê unter den Aranã. Seine Kinder präsentieren eine endlose Liste von Qualitäten und Ehrenbezeichnungen ihres Vaters, die er von der lokalen Bevölkerung verliehen bekam. Wie seine jüngste Tochter Rosa berichtet, besass ihr Vater einen enormen Verstand und war sehr religiös, was ihm die verschiedensten Beinamen einbrachte, inklusive den des “Pedro Conselheiro“ (Pedro der Ratgeber). Ausserdem war er ein vorzüglicher Koch und Kunsthandwerker in Leder – von verschiedenen Fazendeiros wurde er für temporäre Dienstleistungen gerufen.

Die Tatsache, lesen und schreiben zu können und kunsthandwerkliche Fähigkeiten entwickelt zu haben, hat Pedro Sangê ganz sicher aus der Masse des lokalen Arbeitervolkes hervorgehoben – auch seine starke Verbindung mit der Katholischen Kirche und seine Nähe zu den Padres. Diese Eigenschaften zusammen mit seinen anderen Talenten, und seine anscheinende Ablehnung auf dem Feld zu arbeiten, scheinen ihm in seiner Jugend ein unabhängiges und bewegtes Leben zwischen den Fazendas der Region beschert zu haben. Jedoch nach seiner zweiten Heirat, nach der Geburt seiner Kinder, nach Einschränkungen wegen Gesundheitsproblemen und fortschreitendem Alter, unter anderem, blieb Pedro auf der “Fazenda Campo“. Dort nahm er wahrscheinlich den Posten eines Administrators ein. Eine seiner täglichen Aufgaben bestand darin, seinem Patron, Senhor Miguel Izidoro Murta, aus Büchern und Zeitungen vorzulesen, denn dieser hatte bereits im Alter von 25 Jahren sein Augenlicht verloren. Eine ungewöhnliche Beschäftigung, von der er erst Abstand nahm, nachdem er selbst erblindet war. Mit den verschiedensten Argumenten leiten die Nachkommen von Pedro Sangê ihre eigene visuelle Schwäche von ihrem Patriarchen ab.

Es muss noch erwähnt werden, dass Pedro Sangê trotz seiner visuellen Defizients weiterhin auf der Fazenda blieb und dort seine administrative Rolle beibehielt – stets war er ein Vorbild für seine Kommune. Durch seine besondere Persönlichkeit und die Fähigkeit, seine Nachkommen zusammenzuhalten, verwandelte er sich in eine heroische Figur für die Aranã.

Obwohl sich die heutige Gruppe intensiv mit dem Nachnamen “Ìndio“ präsentiert, machen die Aranã deutlich, dass sich ihr Volk nicht allein auf die Geschichte der Familie “Índio“ beruft. Die gegenwärtigen Aranã sind aus einer Verbindung zwischen den Familien “Índio“ und “Caboclo“ hervor gegangen, wie Tião Caboclo betont:

“Hier gibt’s viele Familien. Ausser denen gibt’s die Familie Caboclo und die Familie Sangê – aber wir sind nur ein Volk. So ist es… der Name Aranã gehört dem Volk der Aranã – bei der Familie ist es was anderes. Die Familie kann die Familie Caboclo sein oder die Familie Sangê… genau wie die Familie Índio. Jetzt sind wir das Volk Aranã“.
(Fazenda Taquaral – Versammlung mit den Aranã, am 31.03.2001).

Wie die Kinder von Pedro Sangê, Senhor Jumá und Dona Terezinha, berichten, nahm die Vereinigung der Familien “Caboclo“ und “Índio“ ihren Anfang durch die Heirat ihrer Eltern, Pedro Sangê und Maria Rosa das Neves. Maria soll auf der Fazenda Alagadiço im Jahr 1910 geboren sein, so steht es in der Heiratsurkunde mit Pedro Sangê, und sie stammte aus der Familie “Caboclo“. Dagegen seien alle Kinder aus der Ehe von Pedro Sangê und Maria Rosa auf der Fazenda Campo geboren, und die Verbindung der Familien “Caboclo“ und “Índio“ fand schon Anfang des 20. Jahrhunderts statt.

Die Familie “Caboclo“ führt ihre indigene Vergangenheit auf die Region von “Coronel Murta“ zurück. Nach Auskunft des über achtzigjährigen Senhor Hildebrando Freire Figueiredo Murta war die indigene Präsenz in diesem Gebiet allen bekannt, als der Ort von seiner Familie gegründet wurde. Die Indios identifizierte man mittels ihrer Stammeszugehörigkeit als “Tapuia“ und/oder “Tocoiós“ – wobei die letztere Bezeichnung sich auf ihr Dorf bezog, welches im 18. Jahrhundert in diesem Gebiet existierte.

Nach Dona Luzia Cabocla, die sich als engagierte Verteidigerin der mündlichen Überlieferung ihrer Familie erwiesen hat, geht die Geschichte ihrer Familie auf eine Vermischung von Indios, Schwarzen und Weissen zurück – Arbeitern im Gebiet von Coronel Murta. Die Fazendas “Vereda, Cristal” und “Alagadiço”, im Umkreis des Dorfes „Lorena de Tocoiós”, waren die Bezirke, in denen sich das Leben der Familie “Caboclo” abgespielt hat.

Bei den “Caboclos“ reichen die indigenen Wurzeln in eine noch weiter zurückliegende Vergangenheit als bei der Familie “Índio“ – so um die vier Generationen. In der Familie “Caboclo“ ist die Mischung verschiedener Ethnien ausgeprägter. Trotzdem bezieht sie sich auf ihre indigene Identität als Basis für ihre Verbindung und Affinität mit der Familie “Índio“. Auch Ihnen gibt das Bewusstsein einer gemeinsamen Vergangenheit das Gefühl für eine eindeutige ethnische Zugehörigkeit.

nach obenGesellschaftliche Organisation

Die Aranã halten ihre Einheit als ethnische Gruppe aufrecht mittels einer Abstammungsregel, die stets die indigene Seite privilegiert: Kinder aus Ehen zwischen Aranã und Nicht-Índios werden stets als Aranã-Angehörige eingestuft. Die indigene Herkunft ist in diesen Fällen die ausschlaggebende, unabhängig von Mutter oder Vater. Diese Regel wird auch bei Hochzeiten zwischen den Familien “Índio“ und “Caboclo“ eingehalten: Die Kinder aus solchen Mischehen werden immer als Indios identifiziert. Ausserdem konnte man feststellen, dass einige Frauen der Familie “Caboclo“ oder auch von Nicht-Indios sich selbst als Indios bezeichneten, nachdem sie ein Mitglied der Familie “Índio“ geehelicht hatten. So wird auch das relativ schnelle Wachstum der Aranã-Kommune verständlich, das ihren dringlichen Prozess der Aufwertung und Bestätigung ihrer ethnischen Identität begleitet.

Pedro Sangê, ein Indianer ohne definierte indigen-gesellschaftliche Bindung, hat damals, rückblickend auf seine Vergangenheit, die Basis für eine indigene Gemeinschaft durchdacht und erträumt – mit einer eigenen Geschichte und spezifischen Regeln für die Mitglieder. Das ist die Art und Weise, wie sich die Aranã heute als ethnische Gruppe darstellen und kämpfen, um gehört und respektiert zu werden.

nach obenVerhältnis zum Land und zu den Fazendeiros

Der Prozess der Verschleppung indigener Familien auf Fazendas ist eine antike Tatsache in der brasilianischen Geschichte, und er erklärt vor allem die Abwanderungen und das Auseinanderfallen unzähliger indigener Völker. Im Fall der Aranã, war die Biographie ihrer Patriarchen Manoel und Pedro Sangê selbst geprägt von der “Entwurzelung“ aus ihren ursprünglichen Familien und einer darauf folgenden persönlichen Abhängigkeit von Fazendeiro-Familien – es ist unwahrscheinlich, dass unter solchen Umständen bei ihren Nachkommen das Bewusstsein für ein Leben in Gemeinschaft wieder aufleben könnte.

Inzwischen ist es bei den Aranã wieder aufgelebt – seit ihrem Verbleib auf der Fazenda Campo, im Munizip von Araçuaí, seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Heirat von Pedro Sangê mit Maria Rosa das Neves war einer der Hauptgründe der Fixierung der Familie auf diesem Stück Land und prägte so auch den Beginn einer Union zwischen den Familien “Índio“ und “Caboclo“.

Auf der Fazenda Campo arbeiteten die Aranã für den Besitzer Senhor Miguel Figueiredo Murta. Obwohl sie auch auf der Fazenda Alagadiço wohnten und dort selbst ebenfalls für die Familie Murta arbeiteten, schlossen sie sich auf der Fazenda Campo zu einer Gemeinschaft zusammen, angeführt von der markanten Persönlichkeit des Pedro Sangê.

An das Verhältnis mit dem Fazenda-Besitzer, dem alten Miguel, wie er genannt wurde, erinnern sich die Nachkommen von Sangê als freundschaftlich, gut. Wie sie berichten, gab es Fröhlichkeit und Überfluss auf der Fazenda solange der alte Miguel noch lebte. Während die Aranã nach seinem Tod von erlebten Schwierigkeiten auf der Fazenda erzählen. Ausser der Gesundheitsfürsorge verschlechterten sich auch das Arbeitsklima und die Arbeitsbedingungen.

Wie die Aranã berichten, investierten die Erben des alten Miguel nach seinem Tod nicht mehr in die Fazenda Campo – sie verteilten den Besitz und verkauften die Teile an andere Fazendeiros der Region. Die zunehmende Trockenheit des Jequitinhonha-Tals, dazu die grosse Entfernung der Fazenda von den urbanen Zentren hinsichtlich medizinischer Behandlung und schulischer Bildung, werden heute als die bedeutendsten Gründe angegeben, welche einen Verbleib der Gruppe in diesem Gebiet erschwerte – Gründe, die in der Abwanderung einiger Familien in die urbanen Zentren und Fazendas im Umfeld der Städte gipfelten.

Die Fazenda Campo liegt auf der linken Seite des Rio Jequitinhonha, zirka 15 km vom Fluss entfernt, in einem schwierig zu erreichenden Gebiet innerhalb der Becken von Rio Santana und Rio Areia. Die Archäologin Alenice Baeta hat noch ein paar Überreste gefunden, als sie das Gebiet des ehemaligen Wohngebäudes der Fazenda aufsuchte – einen alten Friedhof, ein Kreuz mit einem Steinsockel, Lehmöfen, Schnapsbrennerei, Maniok-Verarbeitung und die Grundmauern des Wohngebäudes.

So wie die Fazenda Campo, befand sich auch die Fazenda Alagadiço im Besitz der Familie Murta – bis in die Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Dona Mariquinha Murta diese Fazenda der Diözese von Araçuaí stiftete (1942). Die Diözese nahm den Besitz der Fazenda zwar an, aber es scheint, dass sie von Anfang an Schwierigkeiten hatte, sie zu verwalten. Zu Beginn der 1980er Jahre machte die Diözese dann Anstrengungen, diesen Besitz in einzelne Grundstücke zu unterteilen und an ihre Angestellten zu verteilen – um Kosten zu minimieren. Dieser Prozess tangierte auch ein paar Aranã-Familien, die trotz ihrer Dankbarkeit für das Geschenk dieser Grundstücke, auch deren Unzulänglichkeit für ihre Selbstversorgung erklärten. Es handelt sich um kleine Grundstücke, auf schmalen Erdstreifen, zu deren Bewässerung man eine Kanalisation bräuchte.

nach obenDas angestrebte Territorium

Durch ihre historische Subordination gegenüber den Grossgrundbesitzern, ihre konstante Wanderung von einer Fazenda zur andern und ihre Erinnerung an ein Leben in Gemeinschaft, aber voller Schwierigkeiten auf der Fazenda Campo, hat dazu geführt, dass die Aranã ein ganz besonderes Verhältnis zur Erde haben. Seit ihrem Erstkontakt mit der CEDEFES-Equipe bestätigen die Aranã, dass ihr Kampf dem Ziel gilt, ein Stück Land zu bekommen, auf dem sie im Kollektiv leben können. Die Aranã, die im Ort Araçuaí wohnen, erklären durch ihre Sprecherin Dona Rosa Aranã (am 07.07.2002):

“Das Problem ist, dass wir kein Land besitzen. Wir leben gezwungenermassen in der Stadt. Zusammenleben ist was anderes. Das Land ist für uns viel besser – noch wichtiger als die offizielle ethnische Anerkennung. Aber alles hängt von dieser Anerkennung ab, nicht wahr“?

Die angestrebte Gemeinschaft der Aranã vom Jequitinhonha braucht ein Territorium, um ein neues Band mit der Erde zu knüpfen. In diesem Kampf für den Zusammenschluss ihres Volkes ist es für die Aranã nicht relevant, ob Teile ihres Volkes in der Stadt oder auf Fazendas leben. Dies ist kein Kriterium zur Definition ihrer Identität. Für sie sind die verwandtschaftlichen Bindungen, die Erinnerung und ihre Beteiligung am Kampf um ein Stück Land die bedeutendsten Elemente zur Identifizierung. Und die utopische Dimension ihrer erträumten Gemeinschaft definiert den Kampf dieses Volkes um seine Rechte:

„Wir sind Indios an jedem Ort… überall. Egal, wo wir uns befinden – ob wir anerkannt werden oder nicht… wir fühlen uns anders als die Andern. Unsere Art zu sein ist anders. Ich weiss nicht, weiss nicht ob es tatsächlich so ist… aber wir fühlen uns so. Wir müssen zusammensein“.
(Dona Rosa Aranã, am 07.07.2001)

Am 25. Januar 2000 sandten die Aranã ein Dokument an die Direktion für Grundstücksangelegenheiten der FUNAI, in dem sie ihre Situation mitteilten und um eine Lösung der Territoriums-Frage für die Gruppe ersuchten – aber sie erhielten keine Antwort.

Weil es ihnen bewusst ist, dass die FUNAI nicht die mindesten Referenzen bezüglich einer ethnischen Identifizierung ihrer Gruppe besitzt, dass Prozesse zur Regulierung von indigenen Territorien in Brasilien lange dauern, und weil sie sich weigerten, in das von ihnen zuvor besetzte Gebiet der Fazenda Campo zurückzukehren, suchten die Aranã nach Alternativen für ihren Kampf um ein Territorium – eine davon war die Kontaktaufnahme mit der Diözese von Araçuaí. Im Jahr 2000 fragten sie an, ob die Diözese ihrer Gruppe möglicherweise ein Stück Land zur Verfügung stellen könnte, wo sie als Gemeinschaft im gleichen Gebiet leben könnten, in dem bereits einige ihrer Verwandten und eine Gruppe Pankararu Land besassen. Aber das Gesuch wurde abgelehnt.

Zur Zeit der Erarbeitung jener mündlich überlieferten Geschichte der Aranã, im Jahr 2001, war es der allgemeine Wunsch der Gruppe, in der Gegend von Coronel Murta und Araçuaí bleiben zu wollen. Trotz des intensiven und historischen Hin- und Herwanderns zwischen den grossen Fazendas, waren die Aranã zu jener Zeit davon überzeugt, dass ihre Wurzeln aus dieser Gegend stammten, ihre verwandtschaftlichen Verbindungen dort entstanden, ihre Freundschaften, ihre Kenntnisse des Bodens und der Medizin.

Indessen durch den Druck, ihr territoriales Problem in den Griff zu bekommen, suchten die Aranã weiter nach alternativen Lösungen, die auch die Möglichkeit offen liessen, die Gruppe eventuell in andere Gegenden der Region zu verlegen – dafür wandten sie sich auch an Institutionen der Regierung, die sich nicht direkt mit indigenen Fragen beschäftigen, wie zum Beispiel die ITER (Staatliches Institut für Bodennutzung) und dieselbe Institution des Munizips von Capelinha.

Ein paar Mitglieder der Aranã sind bereits im Besitz eines kleinen Grundstücks auf der Fazenda Alagadiço und sagten währen der Arbeit des CEDEFES/ANAI/PRMG aus, das sie es sich nicht vorstellen können, diesen Platz zu verlassen.
Das Verhältnis der Aranã zur regionalen Gesellschaft wird beschrieben – sowohl von Seiten der Indios als auch der Nicht-Indios – als ein freundschaftliches. Obgleich besonders die Ältesten der Aranã angeben, dass nach ihrem Eintritt in den Kampf um ihr Land und in Konsequenz um die offizielle Anerkennung ihrer ethnischen Zugehörigkeit, die Bevölkerung nicht besonders positiv reagiert habe. Befragungen, Zweifel und Diskriminierung hätten die Reaktionen der Bevölkerungsmehrheit geprägt – und diese Reaktionen haben die Aranã überrascht.

Rosa Aranã erklärt sich die negative Reaktion der regionalen Einwohner auf das Ersuchen ihres Volkes als Signal einer Besorgnis der Fazendeiros hinsichtlich der Grundbesitz-Situation. Wegen der Tatsache, dass die ethnische Identitätsfrage ein Recht auf Grundbesitz mit einschliesst, verbreitet die Bevölkerung Zweifel und Missachtung bezüglich der indigenen Identität der Gruppe.

nach obenReligion und Gebräuche

Als Katholiken sprechen die Aranã mit Stolz von Pedro Sangê, der auf der Fazenda Campo auch das Amt des Küsters innehatte. In gemeinsamer Anstrengung bauten sie damals eine Kapelle auf jener Fazenda, wo bis heute seine Söhne und Enkel für die wenigen Bewohner Gottesdienste abhalten.

Dona Terezinha, eine Naturheilerin, die das spirituelle Leben der Aranã leitet, bezeichnet sich selbst als Katholikin. Als Verantwortliche für alle Versammlungen ihres Volkes, segnet sie ihre Verwandten, singt und betet, und ihre Träume werden als göttliche Zeichen verstanden.

Antônio und ihr Sohn Raimundo, bekannt als Mundinho, sind die Hauptverantwortlichen für die katholischen Zeremonien der Aranã. Wenn man die Gruppe begleitet, kann man die grosse Bedeutung spüren, welche der liturgische Kalender der Katholischen Kirche für die Organisation ihrer Zeremonien darstellt. Intensiv bemühen sich die Aranã im Verlauf ihres religiösen Lebens, katholischen Praktiken eine persönliche Auslegung zu geben, um sie mit den Besonderheiten indigener Identität zu verbinden.

Die teilweise weit entfernt voneinander wohnenden Aranã-Mitglieder haben in ihren katholischen Zeremonien die bedeutendsten gesellschaftlichen Momente der Gruppe. Dazu gehören allerdings auch manchmal stattfinde Feste und gelegentliche Kartenspiel-Runden als einzige Unterhaltungsmöglichkeiten.

Der “Chamego“, ein fermentiertes Getränk aus einer Frucht, die “Quiabinho“ genannt wird, ist nur durch die Aranã bekannt und gilt als eines ihrer Markenzeichen ethnischer Identifikation, er ist ein bedeutendes Integrationselement des festlichen Beisammenseins der Gruppe. Inbegriff der indigenen Versammlungen und nicht wegzudenken, fördert der “Chamego“ die gemeinschaftlichen Aktivitäten schon bei seiner Zubereitung, der sich alle Anwesenden widmen. Mit Unterhaltungen und Spässen aus dem typischen Aranã-Alltag wird sowohl die Zubereitung als auch der spätere Konsum des “Chamego“ zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt, wie ihn die Aranã so selten erleben.

nach obenBeteiligung an der indigenen Bewegung

Mit ihrem Beitritt zur indigenen Bewegung – durch Unterstützung des CIMI (Indigener Missionsrat), des GTME (Gruppe Evangelischer Missionsarbeit) und des CEDEFES (Dokumentationszentrum Eloy Ferreira da Silva) – haben die Aranã den Anstoss zu einem Investigations-Prozess ihrer eigenen Geschichte gegeben, der ihre Kenntnisse hinsichtlich der indigenen Realität im zeitgenössischen Brasilien erweitern wird. Indem sie an den Wochen der indigenen Völker in Belo Horizonte teilnahmen, an den Versammlungen des “Rates der Indigenen Völker“ von Minas Gerais, an der “Kommission der Indigenen Frauen des Ostens“, am “Marsch zum 500-jährigen Jubiläum Brasiliens“, unter anderen Events, haben sich die Aranã ihre politische Nische erobert und den Kampf der resistenten indigenen Völker des Landes gestärkt. Geschichten wurden neu entzündet, Rechte wurden entdeckt, Zukunfts-Projekte wurden neu dimensioniert. Der Traum von einem gemeinschaftlichen Zusammenleben hat endlich eine Perspektive bekommen. Engagiert in der indigenen Bewegung haben sich die Aranã organisiert, um ihre Geschichte und ihre ethnische Herkunft zu erforschen und ihre Rechte zu erobern – zu allererst ein Stück Land.

Am 19. Oktober 2000, zusammen mit dem Volk der “Caxixó“, reichten sie bei der Nationalen Gesundheits-Stiftung (FUNASA) ein Dokument ein, in dem sie um ihre Aufnahme in das Programm “Atenção à Saúde do Índio“ (Indigene Gesundheitskontrolle) ersuchten, um eine Beteiligung an den Versammlungen von demselben Organ, einer Beteiligung an den Kursen zur Ausbildung von indigenen Gesundheits-Agenten, einer Bewertung ihrer traditionellen Heilmittel und einer Erfüllung der nationalen Richtlinien hinsichtlich der indigenen Gesundheitskontrolle. Natürlich bekamen sie auch von der FUNASA keine Antwort – und weil sie wussten, dass sie ohne eine “offizielle ethnische Anerkennung“ nicht weiterkommen würden, richteten sie am 25. Oktober 2000 ein neues Dokument an die Staatsanwaltschaft, in dem sie eine Erklärung bezüglich ihrer “ethnischen Identität“ einforderten.

Noch im gleichen Jahr wendeten sich die Aranã an den CEDEFES, der ihnen Unterstützung zugesagt hatte, sich doch für die Gruppe beim Staatsanwalt zu verwenden. Im Januar 2001 begann der CEDEFES mit der Zusammenstellung der vorhandenen historischen und mündlich überlieferten Dokumentation, und im Verlauf des ersten Semesters – im Dialog mit der Staatsanwaltschaft – wurde eine Partnerschaft zwischen beiden Institutionen vereinbart, mit dem Ziel, einen Bericht zu produzieren, welcher den entsprechenden Behörden alle Informationen über die Geschichte und ethnische Identität des Aranã-Volkes darlegen würde.

Im März 2001, in der Absicht, sich eine grössere Legitimität und politische Autonomie zuzulegen, gründeten die Aranã den CIAPS (Indigener Rat des Aranã-Volkes “Pedro Sangê“).

Im Juli 2001, in der Absicht, die Kontakte mit dem offiziellen indigenen Organ (FUNAI) aufrecht zu erhalten und den Prozess der “Offizialisierung“ der Anerkennung ihrer indigenen Identität zu optimieren, schickten die Aranã ein Dokument an die Regionale Administration der FUNAI in Governador Valadares (Minas Gerais), in dem sie ihre derzeitige Situation schilderten und um ihre Aufnahme in die Regierungs-Programme für indigene Völker ersuchten.

Am 1. Oktober 2001, noch ohne Antwort von der FUNAI, ersuchten die Aranã um ein Treffen mit der Staatsanwaltschaft, um ihre Situation darzulegen und sich auch über die fehlenden Antworten der Regierungsstellen auf ihre zahlreichen Eingaben zu beklagen. Darüber hinaus ersuchten sie die Institution um ihre Unterstützung bei der Weiterleitung des Falles. Am 8. Oktober antwortete ihnen Doktor Álvaro Ricardo de Souza Cruz, der Staatsanwalt persönlich, dass er an den regionalen Koordinator der “Fundação Nacional de Saúde“ eine Empfehlung (Nr.8/2001) weitergeleitet habe, “das indigene Volk der Aranã, welches sich in einer Phase der Anerkennung befindet, in das Programm zur indigenen Gesundheitskontrolle im Bundesstaat Minas Gerais aufzunehmen“.

Und so wurden die Aranã ab dem Jahr 2002, innerhalb des “Programa de Saúde do Índio“, vom Staat untersucht und versorgt – und das entsprach einem ersten Sieg der Gruppe im Kampf um die Aufnahme und den Zugang zu der öffentlichen indigenen Politik.

Nach einer Aufstellung der FUNASA werden inzwischen zirka 30 Aranã-Familien in der Region von Coronel Murta und Araçuaí vom “Programa de Saúde dos Povos Indígenas“ versorgt. Die wirtschaftliche Basis jener Familien, die in den ländlichen Bezirken leben, beruht auf Dienstleistungen in Fazendas der Munizipien Colonel Murta und Araçuaí, auf Landwirtschaft zur Selbsterhaltung – besonders Mais, Maniok, Bohnen, Melonen, Kürbis und Kräutergarten – und einem Rentenbezug. Die Haupteinnahmequelle von Familien, die in urbanen Zentren leben, sind ihre Renten, während die Jüngeren verschiedene Aktivitäten ausüben: zum Beispiel Lehrer an staatlichen Schulen, Wachpersonal in Wohnblocks, Hilfsarbeiten in Büros und sonstige Dienstleistungen.

Im Verlauf ihrer drängenden ethnischen Anerkennung werden die Aranã nach ihrer Lebensweise befragt, nach ihrer besonderen Art und Weise das Leben zu betrachten, und über einen Vergleich ihres Lebens mit dem Alltag der Landarbeiter derselben Region. Und sie kommentieren (Versammlung mit den Aranã auf der Fazenda Taquaral, am 31.03.2001):

Paulinho Aranã (Jibóia – Schlange): “Was zählt, ist das Aussehen. Wenn ein Kerl nicht wie ein Indio aussieht, dann sagen die Andern: “Du bist kein Indio! Du willst absahnen! Das sagen sie wirklich! (…) Damals beim Treffen in Cuiabá [Kursus zur Ausbildung von indigenen Führungskräften, organisiert vom GTME] (…), als es anfing brachte mich dieses Mädchen in Verlegenheit, als sie von jedem Teilnehmer eine Botschaft in unserer eigenen Sprache verlangte – Jesus, Maria, war das eng… einer konnte ein paar Brocken, ein anderer murmelte vor sich hin… dann war sie fast bei mir… der vor mir stotterte, dass er seine eigene Sprache nicht kann… sie ging weiter… ich sagte gar nichts und die hinter mir auch nicht…“

Manuel: “Ich bin beim Fazendeiro aufgewachsen, hab’ mit dem Fazendeiro gearbeitet mein Leben lang – wie sollte ich eine Indio-Sprache kennen…“?

Paulinho: “So ist es… Wir standen da wie doof. Hätten sagen können: “Guten Tag Euch allen, die ihr gekommen seid“. Aber in Portugiesisch, der Sprache, die wir gelernt haben. Wenn die plötzlich mit der traditionellen Sprache anfangen… dann fällt uns nichts ein“.

Ein anderer Aranã: “Nun, wenn sie dich fragen, dann sagst du: Ich hab das so gelernt”.

Manuel Aranã: “Nach so vielen Massakern, die wir überlebt haben,… soviel Leid…“

Eine Aranã-Frau: “Ich hab’ keine andere Sprache gelernt… das ist sie, die ich kann…“

Für die Aranã besteht der Unterschied zwischen ihrem Volk und der nationalen Gesellschaft nicht aus der Art und Weise zu leben, der Sprache oder des Aussehens. Für sie besteht der Unterschied aus anderen Kategorien, so wie es auch anderen indigenen Völkern geht, die in Regionen jahrhundertealter europäischer Kolonisation verschleppt wurden. Für die Gruppe heisst Aranã zu sein, eine gemeinsame Geschichte zu besitzen, eine gemeinsame indigene Herkunft, die mittels verwandtschaftlicher Bande eine kleine Personengruppe eint. Und in diesem Sinne organisieren sich die Aranã, mit der Unterstützung von Indios und Nicht-Indios fordern sie heute ihr recht ein, in einer Gemeinschaft zu leben und das Recht auf einen Lebensraum in Form eines Stück Bodens.

Die Aranã wurden endlich von der Brasilianischen Regierung offiziell anerkannt im Mai 2003. Zwei Faktoren wurden als entscheidend für diesen Erfolg eingestuft: Die Einsendung des Berichts “Aranã: a luta de um povo no Vale do Jequitinhonha“ (Aranã: der Kampf eines Volkes im Tal des Jequitinhonha), verfasst vom CEDEFES/ANAI/PRMG, mit zusätzlichen Informationen des offiziellen indigenen Organs über die Geschichte dieser ethnischen Gruppe – sowie die politische Tatsache, dass Brasilien die “Konvention 169“ der OIT (Internationale Organisation der Arbeit) unterzeichnet hat, die eine “Selbsterklärung“ als einziges Kriterium für eine offizielle ethnische Anerkennung vorsieht.

Gegenwärtig (2003) erwarten die Aranã den Beginn der Identifizierung eines IT (Indianer-Territorium) durch das offizielle indigene Organ (FUNAI). Nach Auskunft eines Technikers des DAF (Landmarkierungs-Abteilung der FUNAI) wurde eine technische Equipe in die Region des Jequitinhonha-Tals im Jahr 2004 geschickt, um die Demarkierungsarbeit im Dialog mit dem indigenen Volk der Aranã einzuleiten.

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Die Geschichte der gegenwärtigen Aranã findet sich ausführlicher beschrieben in einem Bericht von 2003, erarbeitet unter der Leitung von Vanessa Caldeira, Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen CEDEFES (Centro de Documentação Eloy Ferreira da Silva) und PRMG (Procuradoria da República em Minas Gerais), sowie der ANAI (Associação Nacional de Ação Indigenista). Das Dokument präsentiert VI Sektionen, Resultat einer Feldstudie und bibliografischen Recherche von 12 Monaten. Die interdisziplinäre Equipe aus Anthropologen (Vanessa Caldeira, José Augusto Sampaio und Izabel Mattos), Historikern (César Moreno und Alenice Baeta) und einer Archäologin (Alenice Baeta), verlieh dem Bericht reiches Quellen- und Analyse-Material.

Betreffs der historischen Aufzeichnungen über das Aranã-Volk, siehe Izabel M. Mattos (2002a). In ihrer Doktorarbeit für Soziale Anthropologie führt Mattos eine weitläufige Untersuchung rund um das Dorf “Nossa Senhora da Conceição de Itambacuri“ durch, dem Ort aus der mündlichen Überlieferung der Aranã, zur Zusammensetzung ihrer Geschichte.

© Vanessa Caldeira, Anthropologin, OPAN (Operação Amazônia Nativa), August 2003
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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