Amanayé

Veröffentlicht am 30. April 2013

“Amanagé” ist die gegenwärtige Selbstbezeichnung der Indios, die den Oberlauf des Rio Capim bewohnen, man kennt sie jedoch eher unter dem Namen “Amanayé“. Der Name bedeutet “Vereinigung von Menschen“ und erscheint in den Quellen unter den Varianten “Manajo“ und “Amanajo“. Ein Teil der “Amanayé“ soll den Namen “Ararandeuara“ angenommen haben, eine Referenz auf den Wasserlauf an dem diese Gruppe lebt.

Amanayé

Andere Namen: Amanagé, Amanaié, Araradeua
Sprachfamilie: Tupi-Guarani
Population: 134 (2010)
Region: Bundesstaat Pará
INHALTSVERZEICHNIS
Sprache
Geschichte des Erstkontakts
Bevölkerung und Lebensstil
Produktive Aktivitäten

nach obenSprache

Die Sprache der Amanayé gehört zur linguistischen Familie Tupi-Guarani, klassifiziert vom Linguistiker Aryon Rodrigues (1984), zusammen mit den Sprachen “Anambé“ und “Turiwara“, von Gruppen aus derselben Region. Aufgrund der intensiven und kontinuierlichen Kontakte mit der nationalen Bevölkerung – seit 1940 – benutzen die Amanayé ihre Muttersprache heutzutage nicht mehr – inzwischen sind viele von ihnen mit Weissen und Schwarzen Bewohnern der Region am Rio Capim verheiratet – letztere stammen aus dem antiken “Quilombo (Fluchtsiedlung von ehemaligen Sklaven) Badajós“.

Obgleich sie ihre Sprache im Umgang nicht mehr verwenden, erinnern sich die Ältesten noch an sie, und die Jungen verwenden hie und da ein paar der alten Termini gemischt mit dem regionalen Portugiesisch.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Zum ersten Mal wurden die “Amanayé“ in einer Region erwähnt, welche wahrscheinlich den ursprünglichen Lebensraum dieses Tupi-Volkes darstellt: das Gebiet am Rio Pindaré. Dort widerstanden sie lange Zeit den Versuchen des Padre David Fay, Jesuiten-Missionar unter den “Guajajara-Indios des Dorfes “São Francisco do Carará“, sich in einem festen Dorf anzusiedeln, bis sie 1755 endlich auf seinen Vorschlag eingingen, und sich in der Nähe ihrer traditionellen Feinde, den Guajajara, niederliessen.

Kurz danach spaltete sich eine Gruppe der Amanayé ab und zog friedlich um zum Rio Alpercatas, an der Grenze der Bundesstaaten Maranhão und Piauí, wo sie sich in der Nähe des Dorfes “Santo Antônio“ niederliessen. Um 1815 gab es von dieser Splittergruppe nur noch 20 Überlebende, gemischt mit Schwarzen. Andere Amanayé vom Rio Alpercatas setzten ihre Wanderung fort entlang des Rio Parnaíba und erreichten Piauí im Jahr 1763 – ab diesem Datum hat man nie mehr etwas von ihnen gehört.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich die Amanayé der Flüsse Pindaré und Gurupi innerhalb des Einflussgebietes der so genannten “Diretorias Parciais“ niedergelassen, wo sie von dem Reisenden Gustavo Dodt besucht wurden. Die “Diretorias Parciais“ wurden durch eine Vorschrift von 1845 als verlängerte Arme der Regierung gegründet, um den Ausschreitungen der “Regatões“ (fahrende Händler) Einhalt zu gebieten, von denen die Waldbewohner immer wieder schmählich betrogen wurden. In Wahrheit stellte sich jedoch heraus, dass diese lokalen Kontrollorgane nun ihrerseits die Unterwürfigkeit der Indios ausnutzten und sie als gutwillige und billige Arbeitskräfte missbrauchten. Die Niederlassungen jener “Diretórios“ hatten nur wenige Jahre Bestand – besonders auch wegen ihrer chaotischen Administration (bis 1889).

Umgeben vom Territorium der “Tembé“, waren die Amanayé zu jener Zeit auf drei Dörfer verteilt, am Ufer des Rio Caju-Apará, einem Quellfluss des Rio Gurupi. Zahlenmässig wesentlich kleiner als die Tembé, wurde ihre Gesamtbevölkerung damals auf 300 bis 400 Personen geschätzt. “Sie unterhielten regelmässigen Kontakt mit der zivilisierten Bevölkerung mittels der fahrenden Händler, von denen sie aufgesucht wurden, um mit ihnen Copaíba-Öl, Cravo-Rinde, “Breu“ (Baumharz) und andere Naturprodukte einzutauschen“.

In derselben Epoche hört man von anderen Amanayé am Rio Moju, die dort ebenfalls mit Tembé-Indios zusammentrafen, die sich auf der Wanderung in Richtung Pará befanden. Von da an gibt es keinerlei Informationen mehr über die Amanayé von Maranhão. Diese Indios, die sich an den Flüssen Moju und Capim niedergelassen hatten, wurden von Händlern betrogen und von Fazendeiros gejagt. Schliesslich flüchteten sich die Überlebenden in die Mission “Anauéra“ oder “São Fidelis“ am Rio Capim. Weil sie als “rebellisch“ eingestuft wurden, überliessen ihnen die Missionare ein von den “Tembé“ und “Turiwara“ getrenntes Territorium.

Im Jahr 1873 töteten die Amanayé den Missionar des Dorfes Candido de Heremence und einen belgischen Ingenieur, der die Region besuchte. Die Repressalien gegen die Indios veranlasste eine Gruppe von ihnen, sich zum “Igarapé (Wasserlauf) Ararandeua“ zurückzuziehen, um fortan jeglichen Kontakt mit der regionalen Bevölkerung zu meiden. Wie Nimuendaju erzählt, nahmen diese Amanayé dann eine neue Identität als “Ararandeuara“ oder als “Turiwara“ an, um einer Verfolgung zu entgehen.

Was die in jener Mission verbliebenen Amanayé betrifft, so fügten sie sich vorerst einer Administration der “Diretoria Parcial de Índios“ am gleichen Ort. Bald aber kamen sie mit benachbarten Indio-Völkern in Konflikt, und im Jahr 1880 töteten sie eine Gruppe von Tembé und Turiwara, die als “Índios mansos“ (zahme Indianer) jener Region bekannt waren. Diese Begebenheit motivierte den damaligen Präsidenten der Provinz Pará, Waffen und Munition an jene zahmen Indios zu verteilen, “damit die sich gegen die Angriffe der Amanayé verteidigen können“. Nach diesen Konflikten vermutet man, dass sich die Amanayé definitiv von den Tembé und den Turiwara zurückzogen und zum Oberlauf des Rio Capim abwanderten. Ab Ende des 19. Jahrhunderts hörte man dann kaum noch etwas von dieser Gruppe – hie und da mal durch ein paar Ethnologen, die sich in jener Region umsahen, oder durch den SPI (Indianerschutz-Organ jener Zeit).

Eine kleine Gruppe aus Amanayé-Indios und Überlebende einer Epidemie der Dörfer am Arapari trafen sich am Ende des 19. Jahrhunderts unweit der letzten Wasserfälle des Rio Tocantins. Der grössere Teil der Amanayé-Gruppe war allerdings am Rio Capim verblieben, wohin der Inspekteur Luiz Horta Barbosa gleich nach Gründung des SP (im Jahr 1910) eine Expedition geführt hatte. Er traf auf eine Amanayé-Gruppe, die von einer Mulattin mit Namen Damásia angeführt wurde, am Igarapé Ararandeua. Damásia hatte die Führung dieser Gruppe noch vor Ende des 19. Jahrhunderts übernommen und wird als Repräsentantin derselben bis ins Jahr 1930 erwähnt. Zu jener Zeit zählten Amanayé und Ararandeua um die 300 Personen, verteilt auf vier Dörfer. Nach einem Dokument des SPI fand in jener Region im Jahr 1941 ein Überfall der Indios vom Rio Capim durch “Amanaja-Indios“ aus der Region der Flüsse Surubiju und Carandiru statt – diese bis dato “unbefriedeten“ Indios waren zirka 200 Mann stark und waren schon einmal am Igarapé Pimental, einem Zufluss des Rio Gurupi, gesichtet worden. Das Dokument weist dann auf die Notwendigkeit hin, in diesem Gebiet einen “Indianerposten“ zu errichten.

Die Gründung der “Reserva Amanayé“, im Jahr 1945, geschah wahrscheinlich in erster Linie wegen jener Gruppe von 200 “ungezähmten“ Amanayé, aus deren Überlebenden wahrscheinlich die gegenwärtige indigene Bevölkerung am Oberen Capim hervorgegangen ist. Was die Gruppe von Damásia betrifft, so stammt die letzte Information von 1942 – sie erwähnt 17 Überlebende, die von ihrem Sohn geführt wurden – “die Mehrheit Mestizen“.

Die Amanayé aus der Region des Rio Moju identifizierten sich als “Ararandeuara“ – so berichtet Lange. Dieser Reisende publizierte 1914 die einzige existente ethnografische Beschreibung des Amanayé-Volkes.

Nimuendaju traf 1926 auf eine lokale Gruppe mit derselben Selbstbezeichnung, an einem Ort, der “Munduruku“ genannt wird, im Umkreis des Rio Moju. Die Indios des Rio Cairari, die Nimuendaju ebenfalls besuchte (1943), wurden von ihm als “Amanayé“ und “Turiwara“ identifiziert – waren aber in Wirklichkeit eine Untergruppe der “Anambé“.

In den 50er Jahren besetzten die Amanayé weiterhin die Ufer des Rio Candiru-Açu, innerhalb des Reservats. Dort wurden sie von dem “Sertanista“ (offiziell vom SPI eingesetzter Kontaktmann) João E. Carvalho besucht, der zu jener Zeit an der “Front zur Befriedung der Urubu-Kaapor-Indios“ im Auftrag des SPI wirkte. 1976 gab es wenigstens 10 Überlebende der Gruppe verteilt innerhalb des Reservats zwischen den Flüssen Ararandeua und Surubiju.

nach obenBevölkerung und Lebensstil

Wie Eneida Assis berichtet, sind die Amanayé-Familien nuklear und “wer im Haus den Ton angibt, ist die Frau – der Mann widmet sich den externen Dingen“ (2002:66). Der zur Verfügung stehende Wohnraum wird von isoliert stehenden Behausungen ausgefüllt, die umgeben sind von ihren jeweiligen bepflanzten Feldern, verteilt auf verschiedene Stellen des Areals. Die Häuser sind vom Typ “Pau-a-pique“ (Wände aus einem Stangenskelett, dessen Zwischenräume mittels einer Masse aus Lehm und Häcksel ausgefüllt werden) – mit oder ohne Verputz. Die interne Nutzung entspricht den jeweiligen Anforderungen der Familie, aber der Mittelpunkt häuslichen Lebens findet in der Küche statt – rund um den aus Ton geformten Ofen, der mit Holz befeuert wird. An der Seite des Wohnhauses befindet sich in der Regel das “Casa de farinha“ (ein Haus zur Herstellung des Maniokmehls in einem aufwendigen Arbeitsprozess). Hier finden ebenfalls Zusammenkünfte statt zwischen jenen, die arbeiten und auch eventuellen Besuchern.

Die Mehrzahl der Frauen heiratet zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr – innerhalb dieser Zeit bekommen sie auch ihr erstes Kind. Sie stillen es bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres – jedoch schon ab dem zweiten Monat bekommen die Babys zusätzlichen Gemüsebrei.

Das Dorf des ITs (Indianer-Territorium) “Saraua“ besteht aus sechs Häusern, in denen 12 Familien wohnen – insgesamt 72 Personen, was mit jenen zwei Familien, die auf der “Fazenda Tabatinga“ (ausserhalb des IT) leben und arbeiten, ein Gesamt von 87 Amanayé ergibt (Zählung von 2002). Das Dorf hat eine Schule, die unter der Administration der Präfektur von Ipixuna do Pará steht. Im Moment gibt es noch keine weiteren Informationen über das IT “Barreirinha“, wo die restlichen Amanayé zuhause sind.

nach obenProduktive Aktivitäten

Im IT “Saraua” bilden Flüsse, Bäche und Seen ein “Wasser-Territorium“, so drückt es die Ethnologin Eneida Assis aus, in dem sich sowohl Arbeit wie auch Freizeit der indigenen Kommune abspielen. Der Wald ist allerdings genauso bedeutend, als Quelle für Nahrung, Heilmittel und die Jagd. Der gerodete und in Pflanzungsparzellen verwandelte Wald wird als eine Art verlängertes Heim angesehen, wo jeder sich gefahrlos Nahrungsmittel holen kann.

Die Igarapés (kleine, im Wald versteckte Wasserläufe) sind privilegierte Orte zur Jagd, die aus zwei Ordnungen besteht: die grosse Jagd (auf Tapir, Wildschwein und Rothirsch) und die kleine Jagd (auf Agutis oder Capivaras). Und es gibt eine Menge interessanter Vögel, die man jagt. Jedoch hat die illegale Waldabholzung ihrem produktiven Schema sehr geschadet – auch ihr Fischfang, der die bedeutendste Nahrungsquelle der Amanayé darstellt, wurde durch die Versandung von Seen und Wasserläufen stark beeinträchtigt, was wiederum mit der Abholzung der Bäume zusammenhängt. Ausserdem wird der Fischfang der Indios noch durch ein intensives Abfischen von illegalen Invasoren aus “São Domingos do Capim“ zusätzlich geschädigt.

© Text der Editions-Equipe der “Enciclopédia Povos Indígenas no Brasil”
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther

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