Aikewara

Veröffentlicht am 31. März 2012

Die “Aikewara“ erreichten ihren gegenwärtigen Lebensraum am Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem sie vor den wiederholten Angriffen der “Xicrin“ geflohen waren, als sie noch am Ufer des Rio Vermelho wohnten, einem Nebenfluss des Rio Itacaiúnas (Bundesstaat Pará). Sie nahmen definitiven Kontakt auf mit den Weissen im Jahr 1960, als eine Grippe-Epidemien zwei Drittel der Bevölkerung dahinraffte, von 126 Personen blieben noch 40 übrig. 1962 tötete eine Masern-Epidemie weitere sechs Personen. Von da an verzichteten die Aikewara auf ihre Massnahmen zur Geburtenkontrolle und leiteten ein verblüffendes Bevölkerungswachstum ein – 1997 war ihre Bevölkerung auf 185 Personen gewachsen.

Aikewara

Andere Namen: Suruí, Sororó
Linguistische Familie: Tupi-Guarani
Population: 330 (2010)
Region: Bundesstaat Pará
INHALTSVERZEICHNIS
Name
Sprache
Lebensraum
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftspolitische Organisation
Kosmologie und Schamanentum
Quellenangaben
Zeitungsartikel
Solenidade de Abertura do Mês de Vacinação dos Povos Indígenas
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nach oben Name

Den ersten Namen, unter dem dieses Volk bekannt wurde, hatte ihm der Dominikaner Frei Antonio Sales 1923 gegeben – er nannte diese Indios “Sororós“. In den 50er Jahren nahm der Dominikaner Frei Gil Gomes erstmals mit ihnen Kontakt auf und nannte sie “Suruí“, und dies ist bis heute die gebräuchlichste Namensform. Die Kaiapó-Xicrin nannten sie “Mudjetíre“. 1961 wurde das Wort “Akwáwa“ als ihre Selbstbezeichnung identifiziert, aber die Anthropologin Iara Ferraz hält den Terminus “Aikewara“ für passender.

Sprache

Nach Aryon Dall’Igna Rodrigues in seinem Buch “Línguas Brasileiras“ (Brasilianische Sprachen – erschienen bei Loyola in São Paulo, 1986) sprechen die Suruí den Akwáwa-Dialekt, denselben der “Asuriní“ vom Rio Tocantins und der “Parakanã“. Sprachfamilie ist Tupi-Guarani, wie die Sprachen der “Tenetehára, Tapirapé“ und “Avá-Canoeiros“, die einander ähnlich sind. Heutzutage spricht die Mehrheit der Suruí auch Portugiesisch.

Lebensraum

Als sie zum ersten Mal kontaktiert wurden, befanden sich die Suruí am Ufer des kleinen Igarapé (Bach) “Grotão dos Caboclos“, einem Zufluss des Rio Sororozinho, der wiederum zum Rio Sororó fliesst, der ein Nebenfluss des Rio Itcaiúna ist. 1998 befand sich ihr Dorf in der Nähe einer Strasse, welche die “Transamazonica“ mit dem Ort “São Geraldo do Araguaia“ verbindet. Das Indianer-Territorium (IT) Sororó befindet sich im Südosten des Bundesstaates Pará, im Munizip von “São Jorge do Araguaia“, zirka 100 km von der Stadt Marabá entfernt, dem grössten urbanen Zentrum der Region.

Ursprünglich lebten sie in einer Region mit tropischem Regenwald, aber in den letzten Jahrzehnten wurde der Regenwald zerstört, um Weideflächen für das Vieh der Fazendeiros anzulegen – was davon übrig ist, befindet sich innerhalb der Grenzen des Indianer-Territoriums. Die Demarkation ihres neuen, gesetzlich garantierten Lebensraums hat keine Rücksicht auf die bereits bestehenden Dörfer genommen, und auch nicht auf verschiedene Paranuss-Baumgruppen, die in der Ernährung der Indios eine Rolle spielen – sie verblieben ausserhalb der neuen Grenzen und waren damit für sie verloren.

nach obenBevölkerung

Im Jahr 1960 – vor dem Erstkontakt – betrug die Bevölkerung 126 Personen. Eine Grippe-Epidemie, infolge der Ansteckung durch den Kontakt, tötete 86 Personen. Die Zählung, die 1961 vorgenommen wurde, ergab ein Gesamt von 40 Personen – 14 Männer, 7 Frauen und 21 Kinder. Kurz darauf befiel eine Masern-Epidemie die Gruppe und tötete weitere 6 Personen. Die medizinische Versorgung unter Dr. João Paulo Botelho Vieira Filho, von der “Escola Paulista de Medicina“, der die Suruí seit den 60er Jahren regelmässig besuchte, stabilisierte sie und ermöglichte ein schnelles Wachstum ihrer Bevölkerungszahl. 1985 registrierte Iara Ferraz ein Gesamt von 109 Personen – davon 52 Männer und 57 Frauen. 1997 war die Bevölkerung bereits auf 185 Personen angewachsen, so wies es die von dem Arzt Dr. João Paulo Botelho Vieira Filho angefertigte Aufstellung aus.

nach obenGeschichte des Erstkontakts

Seit den 20er Jahren gibt es prekäre Informationen über die Existenz der Suruí am Oberlauf des Rio Sororó, nach Berichten von Frei Antonio Sales in der Dominikaner-Zeitschrift “Cayapós e Carajás“. Darüber hinaus informierten einige antike Bewohner, dass die Suruí sich in der Mitte der 20er Jahre im Umkreis einer Fazenda zu zeigen pflegten, die “Altos Montes“ heisst – in der Nähe von Santa Isabel. Jedoch verstärkten sich diese Kontakte erst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, als die Region von Mineraliensuchern überschwemmt wurde, die auf der Suche nach Bergkristall waren, einem Material von strategischer Bedeutung. Im Jahr 1947 versuchten die Indios, sich Paranuss-Sammlern zu nähern, an einem Ort, der “Cajueiro“ heisst – der Führer des Trupps gab Feuerbefehl und verwundete einige von ihnen.

Der erste organisierte Kontaktversuch fand 1952 statt durch den Dominikaner Frei Gil Gomes Leitão, der mit ein paar Männern der Carajá-Xambioá aufbrach und das Suruí-Dorf erreichte – es stand leer. Man hinterliess verschiedene Geschenke. Tage später tauchten die Suruí in den Behausungen von Siedlern am Igarapé Xambioá auf und hinterliessen dort Schildkröten, Bananen, Körperschmuck und Federkronen (als Gegengeschenke). Diese Geschenke führten zu einer Panik unter den Bewohnern. Im folgenden Jahr gelang Frei Gil der erste Kontakt. In der Nähe eines Bächleins, im Umfeld des Dorfes, traf er sich mit mehr als 100 Personen, die ihn erwarteten. Allerdings erlaubten sie ihm nicht, in ihrem Dorf zu übernachten, was ihm erst im Jahr 1960 gelang. Vorher, im Oktober 1957, begeistert durch den positiven Kontakt mit jenem Missionar, versuchten die Indios einen Kontakt mit den Paranuss-Sammlern am Ufer des Rio Sororozonho, in der Nähe eines Ortes, der “Fortaleza“ genannt wird – und wurden mit einem Kugelhagel empfangen, ein Indio starb und drei weitere wurden schwer verwundet.

Mit dem Tod des alten Häuptlings Mussenai, im April 1960, auch ein Opfer der Grippe, welche der Mehrheit der Suruí das Leben kostete, verfiel die Gruppe in Trauer und Desorganisation. Ein weisser Siedler der Region wollte von der Situation profitieren und erschlich sich das Vertrauen der Indios. Unter dem Vorwand, die Suruí nun zivilisieren zu wollen, überredete er sie, ihre Haare abzuschneiden, Kleidung anzulegen, Häuser nach brasilianischem Muster zu bauen und ihnen neue Nahrungsgewohnheiten schmackhaft zu machen. Sein Ziel war es, sie in Pelztierjäger zu verwandeln, die für ihn arbeiteten. Im September 1960 gelang es Frei Gil, den Eindringling aus dem Dorf zu jagen. Um neue Invasionen zu verhindern, stellte er ein Ehepaar an, die drei Kilometer vor dem Dorf in einer Baracke aufpassten. Dank dieser Idee nahmen die Suruí ihre Sitten und Gebräuche wieder auf. Die Häuser nach regionalem Muster wurden zerstört und der Stamm kehrte zurück zu seiner üblichen gemeinsamen Feldbearbeitung, die 1961 bereits gute Resultate brachte.

Von da an wurde der Kontakt zu den Weissen ein permanenter, und die Gruppe erlebte dramatische Momente Anfang der 70er Jahre, als die Region zur Bühne des berüchtigten “Guerilla-Krieges am Araguai“ wurde. Die Tatsache, dass die Suruí sich auf die Seite des Heeres geschlagen hatte, rettete ihnen das Leben.

Vor dem Kontakt mit den Weissen hatten sie zahlreiche Zusammenstösse mit den Kayapó-Gruppen. Sie bestätigen, dass ihr ursprüngliches Wohngebiet hinter dem Rio Vermelho gelegen habe, einem Nebenfluss des Rio Itacaiunas – dann flohen sie zum gegenwärtigen Platz, um den Angriffen der Indios zu entkommen, die sie “Karajá“ nannten. 1966 bestätigten sie mir, dass sie sich damals geirrt hatten – die vermeintlichen “Karajá“ waren in Wirklichkeit die “Xicrin“ (Untergruppe der Kaiapó) die gegenwärtig im Gebiet des Rio Cateté leben, einem Nebenfluss des Rio Itacaiunas, am Fuss der “Serra dos Carajás“.

nach obenGesellschaftspolitische Organisation

Anstelle von kleineren lokalen Gruppen – wie es die anderen Tupi-Stämmen zu halten pflegen – besitzen die Suruí nu rein einziges grosses Dorf, das sie „ Okara “ nennen. Es hat eine rechteckige Form, mit einem zentralen Dorfplatz, auf dem die Rituale und Zeremonien stattfinden.

In der Vergangenheit stellte die Landwirtschaft ihre bedeutendste wirtschaftliche Aktivität dar. Sie legten grosse Felder an, auf denen sie verschiedene Maniok-Arten pflanzten, dazu Bananen, Inhame, Süsskartoffeln, Mais, Pfeffer, Baumwolle und Tabak. Auch die Jagd gehörte zu ihren Privilegien in einem Gebiet, in dem Tapire, Hirsche, Wildschweine, Pacas, Gürteltiere, Affen und Agutis häufig waren. Unter den Vögeln bevorzugten sie die Auerhähne und Fasanen, aber wenn Not am Mann war, assen sie auch Aras und verschiedene Papageien-Arten. Der Fischfang war weniger wichtig, denn sie lebten abseits von grösseren Flüssen. Das Sammeln von Waldfrüchten ergänzte den Speiseplan. Heutzutage hat sich ihr Ernährungsprogramm geändert – durch den Rückgang des jagdbaren Wildes und durch die Einführung einer ärmlichen Viehzucht und dem Anbau von Reis.

Wie andere Tupi-Gruppen, richten sie ihr Leben aus nach einem patrilinearen System – das heisst, die Abstammung der Kinder, die verwandtschaftlichen Verhältnisse, richten sich allein nach dem Vater – das gründet auf ihrem Glauben, dass allein der Vater für die Fortpflanzung verantwortlich ist. Und aus diesem Grund der starken Verbindung, die zwischen dem Vater und dem Neugeborenen besteht, ist es bei ihnen Sitte, dass die Ruhe nach der Geburt für den Vater wichtiger genommen wir als für die Mutter.

Die Suruí unterteilen sich selbst in fünf Gruppen patrilinearer Abstammung: “Koaci-arúo“ (Nasenbär), “Saopakania“ (Falke), “Pindawa“ (Palme), “Ywyra“ (Holz) und “Karajá“ (Nachkommen eines Indio vom Stamm der Karajá, den sie gefangen nahmen – aber wahrscheinlich war es ein “Xicrin“, da sie die beiden nicht unterscheiden konnten). Die Genetik weist auf zwei weitere Gruppen hin, die “Sakariowara“ und die “Uirapari“, die heute ausgestorben sind. Es gibt Indizien, dass die “Saopakania“ und die “Ywyra“ Untergruppen besitzen. Durch die von allen Gruppen praktizierte Exogamie, und andere Charakteristika, erlauben es, sie als Clans zu klassifizieren.

Die Häuptlingswürde ist vererblich – aber exklusiv unter den Männern des “Koaci-Clans“. Die Bezeichnung für Häuptling ist “Morobixawa“. Dieses Wort kann man übersetzen mit “Grossartig“ – es findet sich auch in der Beschreibung des Vollmondes: “Sahi Morobixawa“. Noch zur Zeit des Erstkontaktes wurden die Suruí geführt von Musenai, einem alten, weisen Mann, der 1961 während der Grippe-Epidemie starb. Die Nachfolge trat sein Sohn Kuarikwara an, der wenig später ebenfalls starb. Apia, der Sohn von Kuarikwara, war noch zu klein, um die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Und weil die Koaci-Männer fehlten, wurde die Häuptlingswürde ausnahmsweise von einem Mann aus dem Saopakania-Clan, mit Namen Uareni, übernommen. Am Anfang der 70er Jahre, als die Suruí in die Guerilla vom Araguaia verwickelt wurden, spürten sie die Notwendigkeit eines Häuptlings, der die Weissen gut kannte – deshalb übernahm Amaxu, ein Karajá-Indio, die Führung in jener besonders schwierigen Zeit. Wenn man zu jener Zeit die Suruì allerdings gefragt hätte, wer ihr Morobixawa ist, so hätten sie so hätten sie den Namen des kleine Apia genannt. Als dieser das erwachsene Alter erreicht hatte, wurde er zwar offiziell zum Häuptling geweiht, zeigte jedoch nicht das geringste Interesse an dem Job – und wurde ersetzt von Mahyra, aus dem Koaci-Clan, Enkel des Bruders von Kwarikuara, genannt Sarakoa, der ebenfalls Anfang der 60er Jahre verstarb.

In der Vergangenheit praktizierten die Suruí die Polygamie, aber das Fehlen von Frauen, das sogar zu polyandrischen Arrangements führte – das heisst, die verheiratete Frau hatte die Möglichkeit, sich einen Junggesellen als zweiten Sexualpartner zu wählen – setzte der Polygamie ein Ende. Die bevorzugte Ehe geht ein Mann ein mit einer Tochter des Bruders seiner Mutter, oder mit einer Tochter der Schwester seines Vaters, oder mit einer Tochter seiner Schwester. Die Residenz betreffende Regel war patrilocal – heute bemühen sich die jung Verheirateten, sich eine neue Residenz zu schaffen.

Die Suruí besitzen eine Verwandtschafts-Terminologie, in der ein Mann, ausser den Kindern seiner Eltern, auch die Kinder der Schwester seiner Mutter und die Kinder des Bruders seines Vaters als Bruder und Schwester bezeichnet – während die Kinder der Brüder seiner Mutter und die Kinder der Schwester seines Vaters anders bezeichnet werden. In der ersten aufsteigenden Generation bezeichnet er seinen Vater und dessen Brüder mit einem Terminus, mit einem andern werden die Mutter und ihre Schwestern bezeichnet, aber der Bruder der Mutter und die Schwester des Vaters bekommen wieder andere Bezeichnungen. In der ersten absteigenden Generation benutzt ein Suruí dieselbe Bezeichnung für seinen Sohn und den Sohn seines Bruders, ebenso eine gleiche Bezeichnung für seine Tochter und die Tochter des Bruders – während Sohn und Tochter seiner Schwester eine andere Bezeichnung bekommen, die keinen geschlechtlichen Unterschied macht. In der zweiten aufsteigenden Generation erhalt alle Männer einen Terminus im Sinne eines “Grossvaters“ und alle Frauen einen Terminus im Sinne einer “Grossmutter“. In der zweiten absteigenden Generation existiert lediglich ein genetischer Terminus, der für alle Individuen beider Geschlechter Verwendung findet.

Die Suruí verfügen anscheinend über eine begrenzte Anzahl von Eigennamen, ein Umstand, der sich in vielen genealogischen Wiederholungen niederschlägt. Ein Junge erhält einen Namen im Moment seiner Geburt – in der Regel so eine Art Kosename – dann erhält er seinen Definitiv-Namen, im Alter zwischen 13 und 14 Jahren, während eines Rituals, bei dem seine Unterlippe perforiert wird.

nach obenKosmologie und Schamanentum

Wie auch andere Tupi-Gruppen der Region, glauben die Suruí an “Mahyra“, den mythologischen Helden, Vater der Zwillinge “Korahi“ und “Sahi“ (Sonne und Mond). Es sind diese Zwillinge, welche die von Mahyra begonnene Arbeit der Unterteilung der Natur und der Kulturen fortsetzen. Mahyra ist der Held der Zivilisation der Völker, er war es, der das Feuer dem Urubu (Geier) stahl und es den Menschenwesen gab. Wenige Mythen wurden bisher unter den Suruí gesammelt, dies ist ein noch offenes Forschungsgebiet.

Auch die Suruí sind Anhänger des Schamanismus: Mussenai, der alte Häuptling, und Kuarikwara, der ihm nachfolgte, waren “Pai’és“ (Schamanen) – dasselbe betrifft auch Uassaí und Mikuá, zwei der ältesten Überlebenden der Epidemie. Der Schamanismus in seiner Praxis unter den Suruí unterscheidet sich nicht von jenem, den Eduardo Galvão (1961) unter den “Tenetehára“ antraf. Das bedeutendste Ritual nennt sich “Tokasa “ – es findet gleich nach dem Anlegen der Felder statt. Dazu wird eine kleine Zeremonienhütte im Zentrum des Dorfplatzes aufgebaut. In der Nacht suchen die Männer – die Anwesenheit von Frauen ist untersagt – den Kontakt mit den Geistern ihrer Vorfahren, die sie in ihrem Gesang aufzählen.

Der Schamane raucht riesige Zigarre aus Tabakblättern, um seine Trance zu provozieren. Wenn Fremde anwesend sind, werden sie mit dem Rauch dieser Zigarre eingenebelt.

Wie bei anderen Tupi-Guarani-Gruppierungen werden die Toten innerhalb des Hauses beerdigt. Wenn der Boden voll ist mit “Gräbern“, wird das Haus verlassen – das geschah zum Beispiel während der Grippe-Epidemie. Im Normalfall werden Haus und Tote erst verlassen im Fall einer Dorfverlegung, wenn die Felder ausgelaugt sind und nichts mehr hergeben. Die Geister der Toten werden mit “Owera“ bezeichnet, die fürchtet man nicht, sondern verehrt sie – im Gegensatz zu den “Karuara“, das sind Geistwesen, die niemals menschlich waren, und die den Menschen Krankheiten bringen können. “Tupã“ wird als Dämon des Donners und der Blitze eingestuft, deshalb ist er besonders gefürchtet.

nach obenQuellenangaben

Die ethnologische Bibliographie über die Suruí ist verschwindend gering. Dieser Text basiert vor allem auf dem Buch “Ìndios e Castanheiros“, das in zwei Teile unterteilt ist: der eine über die “Suruí “ (geschrieben von Roque de Barros Laraiam), der andere über die “Parkatêjê“ (geschrieben von Roberto Da Matta. In meinem Buch “Tupi – ìndios do Brasil atual“ veröffentliche ich eine vergleichende Studie der gesellschaftlichen Organisation der Tupi – inklusive der Gesellschaft der Suruí.

Ausserdem schrieb ich die Artikel “Arranjos poliândricos na sociedade suruí“ (Polyandrische Arrangements in der Suruí-Gesellschaft), der von der Lösung handelt, welche die Suruí fanden, um dem Ungleichgewicht zu begegnen, das durch den Erstkontakt ausgelöst wurde – “A fricção interétnica no médio Tocantins“ (Die interethnische Friktion am Mittleren Tocantins) – “O homem marginal numa sociedade primitiva“ (Der marginalisierte Mann in einer primitiven Gesellschaft), eine Studie über den gesellschaftlichen Ausschluss, der einem Jungen widerfuhr, der sich geweigert hatte, am Ritual der Durchbohrung der Unterlippe teilzunehmen – “Akwáwa-Asurini und Suruí: análise comparativa de dois grupos tupi“ (Akwáwa-Asurini und Suruí: Vergleichende Analyse zweier Tupi-Gruppen) – “Encontro e reencontro etnográfico“ (Ethnographisches Treffen und Wiedersehen), beschreibt meinen Besuch bei den Suruí – 35 Jahre nach meiner ersten Feldarbeit unter ihnen.

Schliesslich gibt es noch das Kapitel “Suruí“, geschrieben von Iara Ferraz für das Buch “Sudeste do Pará“ (Südosten von Pará) aus der Kollektion “Povos indígenas do Brasil“, herausgegeben vom CEDI.

nach obenZeitungsartikel

Einen interessanten Artikel über die “Suruí“ entdeckten wir in der Frankfurter Rundschau mit dem Titel: Das Monster-Auge ist wachsam

“Zuerst dachten wir, diese Bilder würden vom Auge eines Monster geliefert, das unseren Wald auffrisst“, schildert Almir Narayamoga Suruí einem Filmteam der Umweltschutz-Organisation Living on Earth den ersten Kontakt mit der Satelliten-Fotografie. „Aber dann kamen wir auf die Idee, dass wir das Auge des Monsters vielleicht nützen könnten, um unseren Wald zu schützen“. Das Augen-Monster war Google Earth – in dessen Abbild der Erde fand Almir, der Häuptling der Suruí-Indianer, die Satellitenaufnahmen von den 2428 Quadratkilometern des Indianer-Territoriums “Sete de Setembro“ in West-Brasilien, das den Suruí gehört.

Es ist ein wie mit dem Lineal gezeichnetes Stück Landschaft, das tiefgrün herausleuchtet aus roter Umgebung – rot wird gerodetes, besiedeltes, bewirtschaftetes Land dargestellt. Die Alarm-Farbe reicht bis an die schnurgeraden Grenzen der “Terra Indígena“, und an einigen Stellen hat sich das Rot bereits über die Grenzen in das Stammesgebiet der Suruí hineingefressen. Die Suruí, das sind nur 1300 Menschen. Sie können unmöglich ihr grosses Waldgebiet kontrollieren, ohne sich dazu moderner Methoden zu bedienen. Immerhin sind 93 Prozent ihres Landes noch nicht von der Zivilisation geschädigt.

Häuptling Almir, 36 Jahre alt, ist geradezu ein Star auf der internationalen Bühne des Urwald-Schutzes. Er ist auf der Klimaschutz-Konferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 aufgetreten, er hat mit Prinz Charles und Al Gore zusammen gesessen. Er ist heute der prominenteste Vertreter einer Generation von Indianern, die sich der technischen Hilfsmittel der Weißen bedient – nicht nur um den Wald, sondern auch um die Kultur, die Identität, die Existenz ihrer Völker zu sichern.

Dass die Technik der Weissen den Identitätsverlust der Indianer beschleunigt, gehört zu den gängigen Thesen der Kulturkritik. Falsch ist sie nicht, denn da wo Radio und Fernseher im Busch plärren, kommt das Singen aus der Mode, und damit geraten die traditionellen Mythen in Vergessenheit. Aber gerade junge Indianer empfinden den Widerstand gegen die Technik der Weißen oft als sinnlos. Viele von ihnen fürchten, auf diese Weise zum lebenden Inventar eines ethnologischen Freiluft-Museums degradiert zu werden. Die Chancen nutzen, den der Kontakt mit den Weißen bietet, um die eigene Identität zu bewahren – das halten viele als die beste Lösung des Kulturkonfliktes.

Und das ist eine Formel, die auch den Beifall der Nicht-Indianer findet. In Brasilien gibt es in Indianer-Siedlungen rund 2700 Schulen, von denen die meisten Computer haben, wo sie fehlen, stehen oft die Rechner der staatlichen Gesundheitsposten zur Verfügung.

Der Staat fördert die technischen Ansätze zur Integration der Indianer, und auch die Internationale der Spender und Sponsoren mag diese Art der Modernisierung durch Einsatz von Technik – speziell jene aus der Informatik-Branche.

So sind seit zehn Jahren Blogs und Websites entstanden, die von Indianern verantwortet werden – sei es, um ihre Produkte zu vermarkten oder ihre Interessen zu verteidigen. Denn so viel Aufmerksamkeit die Indianer im Ausland auf sich ziehen – in Brasilien sind die knapp 500 000 Indianer eine Minderheit, die zwar auf dem Papier eine Menge Rechte hat, die aber oft von den Nicht-Indianern verachtet und verfolgt werden. Außer der halben Million Indianer haben die anderen knapp 190 Millionen Brasilianer alle einen Migrationshintergrund.

Auch Almir machte sich Feinde. Vor einigen Jahren setzte die Holz-Mafia ein Kopfgeld auf ihn aus. Er ging in die USA ins Exil. In Kalifornien stattete er, mit seinem Federschmuck auf dem Haupt, dem Informatik-Riesen Google einen Besuch ab – die zuerst entgeisterten, dann begeisterten Computer-Freaks rückten mit jeder Menge Hardware bei den Suruí an. Seitdem überwachen die Indianer ihren Wald aus dem All. Sie identifizieren die Orte, an denen Holzfäller eindringen und vertreiben sie.

Almir und seine Leute wollen in den nächsten Jahrzehnten eine Million Bäume pflanzen – dort, wo die Weißen illegal gerodet haben. Und dafür möchten die Suruí kassieren. Sie haben ausrechnen lassen, dass sie mit der Erhaltung und Pflege des Waldes verhindern, dass 16,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen.

Damit könnten sie durch den so genannten REDD-Mechanismus Geld verdienen. Hinter dem Kürzel für “Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation“ verbirgt sich ein gerade beginnender Emissions-Handel, bei dem CO2-Vermeider wie die Suruí für ihren Beitrag zum Klimaschutz bezahlt werden.

Damit wären die Suruí nicht nur technologisch, sondern auch wirtschaftlich die Speerspitze der Moderne im Amazonas-Urwald. Denn 120 Millionen US-Dollar, meint Almir, könnten dabei herausspringen – genug für neue Häuser, Gesundheitsposten und Computer für alle.

© Roque de Barros Laraiam, Universität von Brasilia – September 1998
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther

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