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Eigentlich lag es nicht in meiner Absicht, die Anfahrt zum Dorf der Yawalapiti in die Dunkelheit der Nacht zu verlegen, aber die Deutschen waren leider viel zu spät am Treffpunkt in Canarâna, Mato Grosso, angekommen – wegen eines Streiks der Airline hatten sie in São Paulo umbuchen müssen – und, weil wir dadurch knapp in der Zeit geworden, entsprachen wir dem Vorschlag unseres erfahrenen eingeborenen Bootspiloten Jonas, am selben Abend noch loszufahren. Ich bin mit Jonas seit langem befreundet – wir haben zusammen schon viele Angelsportler zu den besten Fischgründen im Mato Grosso gebracht – daher weiss ich, dass er die Position jeder einzelnen Sandbank im Fluss genau kennt und man sich seiner grossen Erfahrung und seinen Luchsaugen getrost auch nachts anvertrauen kann. Also verabschiedeten wir uns endlich von meinen lieben Freunden, den Besitzern einer Fazenda am Ufer des Rio Xingu. Unser Boot schiesst in die Mitte des Flusses – zusammengekauert, und trotz ihrer dicken Schwimmwesten noch zusätzlich in Decken gehüllt, starren unsere Gäste auf einen imaginären Horizont, der zwischen dem dunklen Wasserspiegel und dem kaum beleuchteten Himmel in dieser Nacht kaum auszumachen ist. Die Dunkelheit ringsherum, die wärmende Decke und das gleichmässige Brummen des Aussenborders sind überzeugende Argumente für ein kleines Nickerchen, selbst in dieser wenig bequemen Sitzposition – die Schwimmweste stützt den müden Rücken ein bisschen. Zwischendurch werde ich wieder wach und bemerke, dass im Fluss jetzt mehrere weiss schimmernde Sandbänke zu erkennen sind. Jonas, am Steuer im Heck, hat sie längst gesehen und die Geschwindigkeit zurückgenommen – zu mir nach vorne macht er ein beruhigendes Handzeichen – und nach einem Blick auf meine zusammengekauerten, dösenden Schäfchen, nicke auch ich wieder ein. Und dann bin ich plötzlich hellwach – irgendetwas hat fürchterlich gekracht – oder hab' ich das nur geträumt? Alle andern sind auch wach – schlaftrunkene Fragen schwirren herum – niemand weiss sie zu beantworten, ich auch nicht. Der Motor brummt unverändert – aber Jonas steuert jetzt in einem Bogen das Ufer an, auf einer Landzunge können alle aussteigen, um die müden Glieder zu strecken. Wir ziehen das leere Boot ganz aufs Land, Jonas klappt den Aussenborder hoch und besieht sich besorgt die Antriebsschraube, mit Hilfe einer Taschenlampe. Dann macht er wieder ein zufriedenes Gesicht und erzählt mir endlich, was eigentlich los war – und ich muss sagen, noch im Nachhinein sträuben sich mir die Haare bei der Vorstellung, was da hätte passieren können: ein riesiger, im Wasser treibender Baumstamm war plötzlich aus der Dunkelheit vor dem Boot aufgetaucht – zu spät, um ihm mit einem Ausweichmanöver zu entgehen, also hatte Jonas den Motor voll aufgedreht und das aus dem Wasser ragende Drittel des Urwaldriesen im rechten Winkel übersprungen – es hatte gekracht als die Kielspitze des starken Alubootes von dem Baumstamm nach oben gedrückt wurde und der Rest unbeschadet über den schlüpfrigen Stamm schlidderte – eine Sache von Sekunden – und schon passiert, als unsere Gäste wach wurden. Kein Grund mehr sie nachträglich noch zu beunruhigen. Wir belassen es bei der Erklärung, dass wohl ein Ast oder ein Stein mit der Bootsschraube in Berührung gekommen sei. Als wir uns erneut im Boot einrichten, dämmert es bereits, und dann wird die Sicht von Minute zu Minute besser – Nebelfetzen hängen in den von der Nacht noch verteidigten Buchten – es ist feuchtkalt, und bevor Jonas den Motor startet, sehe ich, wie er sich flüchtig bekreuzigt. Ich ziehe meine Decke enger, den Hut tiefer ins Gesicht und nicke langsam wieder ein. Diesmal werde ich durch das Klicken eines Kameraverschlusses wach – die ersten Strahlen der Sonne beleuchten eine Idylle, die unseren Gästen wie eine Szene aus dem Paradies erscheinen muss: an einem Flussstrand, ein splitterfasernacktes indianisches Paar mit ihrem kaum dem Babyalter entwachsenen Sohn, beim morgendlichen Bad. Ich schaue auf meine Uhr – es ist 5h30. Andere Indianer kommen hinzu – unter ihnen erkenne ich meinen Freund Takumã, Häuptling und Medizinmann des Kamaiurá-Stammes – die Begrüssung ist herzlich – meine Gäste sind fast ausser sich vor Entzücken. Mir fallen meine ersten Begegnungen mit den Xavante-Indianern vom Rio das Mortes wieder ein – ich weiss, was in ihnen in diesem Moment vorgeht. Wir setzen unsere Bootsreise in Richtung des Yawalapiti-Dorfes ohne weitere Zwischenfälle fort – gegen 9h30, nach acht Stunden Fahrt auf dem grossen Fluss Xingu, erreichen wir die Mündung des kleineren Rio Tuatuarí, an der das Dorf liegt. Alle helfen, das Boot auf den Sand zu ziehen und mit einer Kette an einem überhängenden Ast zu befestigen. ![]() Foto Copyright by Klaus D. Günther Niemand muss sein Gepäck schleppen – die halbwüchsigen Knaben der Yawalapiti tun das für uns, nachdem wir von den gerade im Dorf anwesenden Männern begrüsst worden sind. Die meisten kennen mich von anderen Besuchen, lächeln mir zu, halten sich jedoch bescheiden zurück. Wir werden zur Oca (Hütte) von Waripirá und seiner Frau Keheri geführt, sie sind Cousins des Häuptlings Aritâna und seiner Schwester Yâna. Unser Gepäck wird auf einer Art Holzgrill auf Beinen, dem Jirau, abgestellt, vor unseren Hängematten, die vom Herrn des Hauses persönlich aufgespannt werden. Und dann servieren uns die Gastgeber ein Frühstück – mit gebackenen Maniok-Fladen, geräuchertem Fisch, einem Brei aus Tapioca und – man höre und staune – Kaffee! Ich schaue mir unsere Gäste einzeln an, wie sie da im Schneidersitz vor dem grossen Keramik-Tablett sitzen, das Keheri uns hingestellt, und auf dem sie unter den Speisen eine grüne Tischdecke aus frischen Bananenblättern eingezogen hat – wir schlingen mit Appetit und leuchtenden Augen. Keheri legt ab und zu ein Stück Holz in dem stets brennenden Feuer nach, um unseren Kaffee warm zu halten oder verscheucht eine Fliege, die sich am Fisch gütlich tun will – der übrigens allen zu schmecken scheint. Ich nehme die Gelegenheit wahr, um unseren Gästen in dieser Umgebung noch mal auf den Zahn zu fühlen. Gewiss, sie wurden schon vor Antritt ihrer Brasilienreise zu Hause über alle Umstände informiert, mit denen sie während eines Besuchs bei diesen Naturmenschen zu rechnen haben, aber es kann nicht schaden, jetzt noch mal nachzuhaken, in dieser realistischen Umgebung der Oca – nur ein Dach über dem Kopf, eine Hängematte zum Schlafen, einen Fluss zum Baden. Es gibt keine Toilette, keine Dusche, kein Bett, keinen Ventilator, keinen Herd und noch viel weniger Mineralwasser, Cola oder gar Bier! Der Herr Knöpfli, aus der Schweiz – wir dürfen ihn Andreas nennen – bringt es auf den Punkt: "Wir sind so überwältigt von dem, was uns vergönnt ist mit eigenen Augen zu sehen, dass sämtliche anderen Begleitumstände ihre bisherige Bedeutung verlieren. Man könnte unter diesen Menschen glatt sich selbst vergessen!" Genau das war es, was ich bei meiner ersten Begegnung mit den Xavante damals auch gespürt hatte – und es gibt kaum etwas Schöneres für mich, als wenn ich Mitmenschen entdecke, die so sensibel sind wie ich selbst. Danke Andreas! Nach dem Frühstück verlassen wir das dämmrige Halbdunkel unserer Oca und gehen die kurze Strecke zurück zum Fluss, um nunmehr unser Morgenbad zu nehmen. Auf dem sandigen Pfad begegnen wir ein paar Frauen, die vom Wasserholen kommen, mit gefüllten Aluminiumtöpfen auf dem Kopf, die heutzutage ihre schweren Keramikkrüge ersetzen – die eine oder andere trägt noch dazu einen Säugling auf dem Arm – gelbe Hunde springen zwischen ihnen herum. ![]() Es ist schon recht warm, das Wasser ist herrlich, ganz klar und sauber, der Grund feinsandig – sieben Caraíbas, wie die Indianer uns weisse Zeitgenossen nennen, bei der Morgentoilette, in Badehosen und Bikinis. Nur ein paar Kinder sind mitgekommen, an die muss man sich gewöhnen, sie verfolgen einen neugierig auf Schritt und Tritt, sind aber auch willige Laiendarsteller bei den Filmaufnahmen des Herrn Knöpfli, der sie dirigiert, wie ein Regisseur – interessant ist, dass sie immer sofort verstehen, was er von ihnen will, obwohl Andreas nicht mal portugiesisch spricht. Martin, der Deutsche, und seine Frau Evelyn, haben sich an einen Indianer herangemacht, der bis zum Hals im Wasser steht und sie anlächelt – sie fotografieren seinen aus dem Wasser ragenden Kopf, dessen helmartig geschnittene schwarze Haare von allen Seiten, etwa eine Handbreit, mit der roten Farbe der Urucum-Pflanze (Bixa orellana) getränkt sind. Jetzt fährt er mit zwei Fingern in die Farbe, nähert sich Martin lächelnd und beginnt ihm eine Linie auf die Brust zu zeichnen – aus der Linie werden zwei, drei – es kommen Kurven und Kreise dazu – ein Ornament in roter Farbe entsteht – Evelyn verknipst den ganzen Film vom Indianer, der ihren Martin bemalt, indem er immer wieder seine Finger in die dicke Urucum-Paste auf seinen Haaren taucht – und der Knöpfli steht dahinter und filmt das Ganze. Jonas ist das Stück zurückgefahren, um bei den Kamaiurá seine Mutter zu besuchen, die freut sich immer so, wenn er mal ein bisschen Zeit hat, vorbeizuschauen – und ausserdem will er seinen Freunden dort natürlich die Geschichte vom Sprung über den Baumstamm erzählen. Es wird langsam Zeit, dass ich ein bisschen von dem eigentlichen Motiv berichte, das uns hierher geführt hat: Einmal im Jahr findet unter den Stämmen im Xingu-Gebiet der Quarup statt – das Fest zu Ehren ihrer Toten, welches für Touristen im allgemeinen nicht zugänglich ist – der gesamte Parque Indigena do Xingu ist für den Tourismus off-limits, und das hat seine Gründe: Die Indianer werden von den Behörden nicht als touristische Attraktion angesehen, sondern als Teil der brasilianischen Bevölkerung in einem sehr sensiblen Übergangsstadium, in dem eine Störung von aussen, besonders durch einen unkontrollierten Tourismus, verheerende Folgen an Identitätsverlust für die Indianer haben würde. Deshalb ist eine Besuchserlaubnis auch kaum, oder nur in Ausnahmefällen, zu bekommen. Unsere beiden Männer waren eine solche Ausnahme – Andreas ist Ethnologe aus Bern und Martin Anthropologe aus Marburg – mit einer Erklärung ihrer Institute, übersetzt ins Portugiesische und von der brasilianischen Botschaft beglaubigt, darüber hinaus Gesundheitsattests und Impfbescheinigungen von allen mitreisenden Familienmitgliedern – bekam ich für sie eine Sondererlaubnis, das Xingu-Gebiet während vierzehn Tagen besuchen zu dürfen. Ein besonderer Glücksfall war, dass wir gerade zum Quarup-Fest zurechtkommen würden – deshalb auch unsere Eile. Der Quarup findet jedes Jahr in einem anderen Dorf statt, dessen Bewohner die anderen Stämme per Boten zur Teilnahme einladen. In diesem Jahr 2002 waren die Yawalapiti die Gastgeber, und das bedeutete für sie, reichlich Fische heranzuschaffen, um die zahlreichen zu erwartenden Gäste – zirka Eintausend – verpflegen zu können. Zehn Tage vor dem Fest transportieren die Männer ein riesengrosses Netz mit mehreren Kanus bis zum Abfluss einer Lagune und spannen es dort über die gesamte Breite des Kanals. Hier bleibt es über mehrere Tage und wird kurz vor dem Fest eingeholt. Da ist dann das ganze Dorf auf den Beinen, jeder schnappt sich einen Korb oder einen Aluminiumtopf und rennt in Richtung des Flussstrandes, zu dem die Männer das Netz vorsichtig hindrehen, während sie es stetig und gleichmässig einholen. Rund um den Sandstrand sitzt die gesamte Dorfgemeinschaft und versucht aufgeregt, aus den Minen der Männer und ihren gespannten Muskeln die Menge der Fische zu ergründen, die man vom Netz erwarten kann. Es waren bisher immer mehr als genug, denn das grosse Netz benutzen sie nur einmal im Jahr – nur für den Quarup. Für den Eigenbedarf erlegen sie ihre Fische mit dem Bogen, und Pfeilen mit vielfachen Widerhaken – das lernen die Söhne von ihren Vätern, gleich nachdem sie laufen können. Wenn schliesslich die gesamte Beute auf dem Sandstrand zappelt, wird sie verlesen – Männer, Frauen und Kinder beteiligen sich an der Arbeit – alle grossen Fische werden auf die Seite gelegt, sie sind für die Speisung der Gäste reserviert und gehören dem Häuptling, der in diesem Jahr den benachbarten Stamm der Waura als Ehrengäste eingeladen hat. Die kleineren Fische werden von Frauen und Kindern in ihren improvisierten Behältern nach Hause geschleppt – in der Regel reicht der Fang für alle. Anschliessend riecht es im ganzen Dorf nach geräuchertem Fisch: grosse Holzgrills sind vor den Ocas aufgebaut, auf denen die grossen Fische für die Gäste im beizenden Rauch liegen. Die Frauen sitzen davor, beschäftigt mit einer Handarbeit, legen Holz nach und verscheuchen die Hunde, die ab und zu mal einen sehnsüchtigen Blick riskieren. ![]() Unser erster Tag im Dorf vergeht für uns viel zu schnell. Die Indianer sind vollbeschäftigt mit den Vorbereitungen für ihre Gäste, die morgen Nachmittag eintreffen werden und nehmen deshalb kaum Notiz von uns. Evelyn und Martin sind beim Fotografieren auf dem Dorfplatz – er läuft stolz mit seiner neuen Urucum-Bemalung herum. Andreas ist auch mit seiner Filmkamera beschäftigt und macht Nahaufnahmen von Keheris geschickten Händen, die Palmblätter ineinander flechten, für eine Matte. Seine Frau Agnes hat ein bisschen Kopfweh und liegt in ihrer Hängematte, im Schatten der Oca. Seine beiden Söhne, Peter (12) und Robert (15) lernen von den Indianerkindern Fische mit Pfeil und Bogen zu erlegen – in einem seichten Tümpel, in den die Väter, für eben dieses Training, immer wieder lebende kleine Fische einsetzen: faszinierend zu beobachten, mit welcher Geschicklichkeit schon die kleinsten Jungs – nicht älter als fünf bis sechs Jahre – mit ihrem kleinen Flitzbogen umgehen, den ihnen der Vater angefertigt hat. Sie warten einen Moment mit aufgelegtem Pfeil am Rand des Tümpels, bis ein kleiner Fisch zwischen den Wasserpflanzen sichtbar wird – Pfeil spannen und abschiessen geschieht dann überraschend schnell hintereinander und mit einer unvergleichlich grazilen Bewegung. Und wenn dann dieser bronzefarbene Knirps seinen Pfeil mit dem Bogenende herausgefischt hat, zappelt doch tatsächlich ein winziger Fisch an der Spitze! Auch Andreas hat jetzt die Gruppe der braunen Knirpse entdeckt, zwischen denen sich seine beiden Jungs wie weisse Riesen ausnehmen – und seine Filmkamera schnurrt. Nach unserer gemeinsamen Toilette im Fluss, bei der wir Gelegenheit haben, einen dieser malerischen tropischen Sonnenuntergänge zu erleben, fällt die Dunkelheit fast ohne Übergang auf die Natur und das Dorf. Die Stimmen der Nacht erwachen – der vielstimmige Chor der Trommelfrösche, der hohe Diskant der Zikaden – während die Menschen im Dorf langsam ruhig werden und sich in ihre Ocas zurückziehen. So einer Oca wird man eigentlich nicht mit dem Begriff Hütte gerecht, denn erstens ist sie riesig – zwischen 20 bis 30 Meter Längsdurchmesser, 10 bis 15 Meter Breite und in ihrer Mitte zirka 8 bis 10 Meter hoch – und zweitens viel solider konstruiert als jedwede vorstellbare Hütte. Sie hat etwa die kugelige Form einer riesigen, ovalen Käseglocke und besteht aus einem soliden Holzgerüst, über das mehrere Lagen Palmstroh, bis zum Boden, so angebracht sind, dass der Regen abläuft – die Oca bleibt auch bei wochenlangen Regengüssen, zwischen November und März, vollkommen dicht. Ihr Giebel besitzt mehrere windgeschützte Rauchabzüge, die bei Bedarf verschlossen werden können. Ausser einem niedrigen Eingang, den man mit einer Matte ebenfalls zuhängen kann, gibt es in der gesamten Konstruktion keine Öffnungen oder Fenster, sodass im Innern stets ein kühles Halbdunkel herrscht – vier bis sechs Feuerstellen im Zentrum werden von den Bewohnern täglich benutzt und sind so perfekt konzipiert, dass ihr Rauch senkrecht zu den Abzügen aufsteigt, ohne die Augen zu reizen. In diesem riesigen Rund, von schätzungsweise 200 bis 450 Quadratmetern Raum, wohnen mehrere Familien – rund herum, zwischen der Aussenwand und den etwa drei Meter nach innen versetzten Stützpfosten, haben alle Mitglieder ihre Hängematten aufgespannt – davor jeweils ein hölzerner Tragerost, der Jirau, auf dem jeder seine paar Habseligkeiten verstauen kann. Bogen und Pfeile, Lanze oder Keule, stecken im nachgiebigen Stroh der Wandverkleidung. Waripirá und Keherí kümmern sich rührend um uns. Unser Gastgeber, hat einen frischen Pintado-Fisch für uns gefangen, den Keherí wahrhaft köstlich in Bananenblättern gegart hat – es gibt sogar "Indianer-Salz" – so nennen sie selbst eine aus Pflanzen gewonnene Substanz, die sie zum Salzen von Fisch oder Fleisch manchmal benutzen – in unserem Fall bedeutet dies eine willkommene Bereicherung. Das Trinkwasser stammt aus einer Quelle und wird in grossen, zugedeckten Tonkrügen, aufbewahrt. Dadurch hält es sich kühl und schmeckt angenehm. Wie die Indianer, ziehen auch wir uns bald nach dem Essen in unsere Hängematten zurück – jeder ist müde, nach der letzten zusammengekauerten Nacht im Boot und unseren vielen neuen Eindrücken von heute. Mir scheint, dass der erste Schock meiner Gäste mit der indianischen Realität besser überstanden ist, als ich gedacht hätte – die Nacht ist ruhig und die Indianer sind ruhige Schlafgenossen. Noch bevor die Sonne aufgeht, sind alle wieder auf den Beinen – Keherí röstet schon unsere Beijus fürs Frühstück und lächelt uns zu. Ein ruppiger, noch ganz junger Papagei sitzt geradezu malerisch auf ihrer Schulter. Ab und zu kaut sie eine kleine Portion Maniokmehl gut durch, wendet dann ihren Kopf dem Vogel zu, und der nimmt ihr den gekauten Brei von den Lippen – klar, dass Andreas, noch vor dem Frühstück, wieder einen Film einlegt, um diese Szene nicht zu verpassen – und Keherí lässt sich ausgesprochen gern fotografieren – dem Papagei ist es offensichtlich egal. Diesmal erzählt uns ihr Mann, Waripirá, der mit uns frühstückt, eine Geschichte, die sich als Appell an die Umweltverschmutzer dieser Welt entpuppt: "Als ich klein war, wusste ich gar nichts – wusste nicht, was die Welt ist und nichts von der Erde. Ich sorgte mich nicht um die Gewässer, die Wälder, die Tiere, die Fische oder andere Reichtümer der Natur. Die Nacht bedeutete für mich Ausruhen, der Tag war für mich Freude – nur Spiel mit den andern, ohne an etwas anderes zu denken. Für mich waren alle Flüsse sauber, und wer an den Ufern der Flüsse wohnte, war bei guter Gesundheit. Heute bin ich dagegen sehr in Sorge um die Flüsse, die Fische und um die Luft. Hier am Xingu leben wir zwar auf einem für uns reservierten Territorium, aber der Fluss kommt von weit her, und er nimmt unterwegs viele schädliche Dinge auf. Sein Oberlauf liegt ausserhalb unseres Reservats. Wir können seine Quellen nicht sehen, viele Quellen befinden sich innerhalb von Städten ... Vom Regen wird auch die Luft verschmutzt, denn die Sonne strahlt und das Wasser der Welt verdampft. Der Wasserdampf steigt hoch, mit der verschmutzten Luft zum Himmel – wird vom Wind mitgenommen und in Wolken verwandelt. Dann regnet es, und das verschmutzte Wasser kehrt zur Erde zurück. Die Verschmutzung der Luft kommt von weit her, von anderen Ländern, in denen es Krieg gab – in denen Bomben explodiert sind. All das verschmutzt die Luft und wir sehen es nicht. Es gibt Orte auf dem Planeten, wo keine Flüsse mehr existieren und keine Wälder. Deshalb müssen wir verhindern, dass man unseren Vater Xingu und unsere Mutter Wald verletzt." Dem gibt es nichts hinzuzufügen, höchsten, dass Jonas uns bei der Übersetzung half, der an diesem Morgen plötzlich wieder aufgetaucht war. Als wir von unserer Morgentoilette im Fluss zurückkommen, stehen auf dem Dorfplatz bereits viele Indianer herum, die wir noch nie gesehen – sie scheinen dunkler als die Yawalapiti, wie aus Bronze gegossen. Es sind die vom Häuptling Aritâna geladenen Ehrengäste für den Quarup – die Waura – damit sie die besten Plätze für ihr Camp bekommen, wurden sie etwas früher hergebeten. Die Boten, welche alle Stämme des Oberen Xingu zum grossen Quarup der Yawalapiti offiziell einladen sollen, sind immer noch unterwegs – ab Mittag wird mit dem Erscheinen vieler weiterer Gäste gerechnet – bis zum Sonnenuntergang müssten dann die letzten eintreffen. Und genau so geschieht es: die Kamaiurá und die Kalapâlo erscheinen zuerst, denn ihr Dorf ist nur wenige Kilometer von unserem entfernt. Dann die Meinaco – Matipú – Nahukuiá und Auweti – einige von ihnen kommen in schwer beladenen Einbäumen über den Fluss – und selbst die Kuikúro schaffen ihren längeren Marsch auch noch vor dem Sonnenuntergang. Ihnen allen werden Parzellen zwischen dem Dorf und dem Badeplatz am Fluss angewiesen, wo sie sich niederlassen können – zum Schlafen werden sie allerdings in den beiden bevorstehenden Nächten kaum kommen. An diesem Freitagabend, als die letzten Strahlen der sinkenden Sonne hinter dem jenseitigen Ufer des Xingu verlöschen, beginnen die Indianer zu singen – erst die Yawalapiti, als Gastgeber und dann die Waura, als Ehrengäste. Dann präsentieren sich alle teilnehmenden Gäste gemeinsam auf dem grossen Platz vor den Ocas, auf dem morgen der Quarup stattfinden wird. Zum ersten Mal sehen wir den Häuptling Aritâna in vollem Ornat – ein breitschultriger, muskulöser Mann, mit einem kronenartigen Federschmuck in Rot, Gelb und Schwarz, befiederten Holzpflöcken in den Ohren, dicken Oberarmbändern aus weisser Baumwolle, und ebensolchen Baumwollbändern oberhalb der Wadenmuskel. Ein mit Federn verzierter Baumwollgürtel vervollständigt seine Festtracht – sein Gesicht, von der Stirn bis unter die Nase, ist mit der Farbe der Jenipapo (Jenipa americana) geschwärzt und sieht ziemlich furchterregend aus. Glücklicherweise brauche ich Andreas und Martin nicht zurückzuhalten, ihnen ist schon selbst bei der Beobachtung dieser von allen Beteiligten sichtbar ernst genommenen Zeremonie klar geworden, dass hier Zurückhaltung angebracht ist. Inzwischen erklären wir – Jonas und ich – unseren Gästen ein paar Details zu ihrem besseren Verständnis dessen, was sie gesehen haben und noch sehen werden. Das heisst, Jonas erklärt es mir in Portugiesisch, und ich übersetze es ins Deutsche: "Quarup" (man kann ihn auch "Kuarup" schreiben), ist das Fest der Indianer vom Xingu-Gebiet zu Ehren Verstorbener, die allgemein bekannt und beliebt waren, die sowohl politisch als auch wirtschaftlich viel für ihr Volk getan haben – kurz: grosse Führer, mutige Kämpfer und geschickte Diplomaten. Das alles war der alte Häuptling der Yawalapiti, Parú, Vater des jetzigen Häuptlings Aritâna, der Ende des Jahres 2001 in den xinguanischen Himmel aufgestiegen ist – um ihn und sein Andenken zu ehren, kommen alle die vielen Stämme zum diesjährigen Quarup. Und dann fügte Jonas noch hinzu: "Um 1950 herum gab es vom grossen, tapferen Stamm der Yawalapiti nur noch sechs Mitglieder, unter ihnen Parú und eine Schwester von ihm. Es ist dem grossen weissen Kämpfer für die Sache der Indianer und Gründer des Parque Indigena do Xingú, Orlando Villas Boas, zu verdanken, dass die Yawalapiti heute wieder zu einem Volk von rund 200 Mitgliedern angewachsen sind: es gelang ihm nämlich, alle persönlichen und kulturellen Differenzen zwischen dem Volk der Kamaiurá und den Yawalapiti zu überwinden und Parú mit der Schwester des heutigen Häuptlings der Kamaiurá, Takumã, zu verheiraten und seine Schwester, mit einem Mann vom Stamm der Kuikúro. Auch die anderen Vier heirateten Mitglieder aus diesen beiden Ethnien, und so sprechen die Yawalapiti heute, ausser ihrer eigenen, auch zwei Fremdsprachen!" Wir schlafen in dieser Nacht nicht so tief, wie in der vorigen. Einerseits sind meine Gäste besorgt, dass sie etwas verpassen – wir halten es aber für besser, dass sie nicht mit ihren Blitzgeräten zwischen den tanzenden Indianern herumspringen, und Jonas versichert ihnen glaubwürdig, dass das eigentliche Fest morgen erst beginnt. Andererseits lässt uns das an- und abschwellende kehlige Grölen kein Auge zutun – zwischenzeitliche schrille Schreie, die anscheinend auch zum Zeremoniell gehören, jagen uns eine Gänsehaut über den Rücken. Trotzdem haben alle diese Nacht irgendwie überstanden. Agnes hat kein Kopfweh mehr – dafür hab ich's jetzt – habe kaum ein Auge zugetan. Ein Jammern und Klagen liegt in dieser Morgendämmerung über dem Dorf. Keherí ist nicht da, aber der gute Waripirá bringt uns unser Frühstückstablett – wir erkennen ihn kaum wieder, unter seiner Bemalung und mit seinem farbigen Kopfschmuck. Lächelnd stellt er sich ein paar Blitzaufnahmen im Innern unserer Oca. Diesmal schlingen wir nur schnell ein paar Happen herunter und schlüpfen dann gespannt nach draussen. Scheint aber nicht viel los zu sein. Auf den ersten Blick erscheint der grosse Platz leer. Dann entdecken wir eine Gruppe Männer, Frauen und Kinder, die sich an einem etwa meterlangen Stück Baumstamm zu schaffen machen – die Männer haben ihn hochkant auf den gestampften, glatten Boden des Dorfplatzes gesetzt und so verkeilt, dass er nicht umfallen kann. In seinem oberen Drittel haben sie rundherum die Rinde etwa drei Handbreit entfernt. Das gelb schimmernde, glatte Holz wird nun an dieser Stelle von den Frauen mit schwarzen und roten Ornamenten bemalt – auch unsere Keherí ist unter ihnen und nickt uns verstohlen zu. Die ganze Gruppe – es sind auch Kinder dabei – ergeht sich dabei in einem traurig anzuhörenden Singsang, der von allen Seiten aus den umstehenden Ocas begleitet wird – jenes Jammern und Klagen, das wir schon während unseres Frühstücks bemerkt haben. Während wir der kleinen Gruppe bei ihrer dekorativen Arbeit zuschauen, ist es an Jonas, uns ein bisschen erklärend auf die Sprünge zu helfen: "Ein heiliger Baum – sie nennen ihn "Kam'ywá" – liefert den Stamm, welcher den zu verehrenden Geist verkörpert – in diesem Jahr den Geist von Parú, der ein Yawalapiti war. Deshalb veranstalten seine Angehörigen und seine Stammesmitglieder den Quarup. Die den Stamm für das Fest herrichten, das heisst bemalen und schmücken, sind seine direkten Familienangehörigen – die Söhne, Töchter, Geschwister und Ehepartner. Der Veranstalter des Festes, in diesem Fall Aritâna, der Sohn von Parú, wählt einen befreundeten Stamm als Ehrengäste und schickt Boten aus, um alle die einzuladen, die Parú geschätzt haben – dass so viele gekommen sind, bedeutet für Aritâna und die Yawalapiti eine grosse Ehre."Erst jetzt bemerke ich, dass auch Aritâna selbst sich zwischen die kleine Gruppe gehockt hat und letzte Hand an die Bemalung des Baumstamms legt. Sein Gesicht ist abgeschminkt, nur auf dem helmartigen Haarschopf glänzt jener handbreite Streifen dicker roter Urucum-Paste. In der Hand hält er ein dünnes Stöckchen, umwickelt mit Rohbaumwolle, das er als Pinsel benutzt und immer wieder in eine Kalebasse mit schwarzer Farbe taucht, wenn der Farbkopf trocken geworden ist. Von der Gegenseite malt Keherí das gleiche schwarze Ornament auf das Holz – auch ihre Farbe stammt von der Jenipapo-Frucht. Es ist erstaunlich, welche Geschicklichkeit beide Künstler dabei entwickeln – Andreas verfolgt ihre Arbeit, Abschnitt um Abschnitt, mit seiner Kamera – Evelyn und Martin fotografieren – die Jungen Peter und Robert werden von zwei kleinen bronzefarbenen Knirpsen im Gesicht bemalt und haben sich dafür in die Hocke begeben müssen – Agnes schaut fasziniert zu. Und Jonas erzählt uns noch etwas aus der Mythologie der Indianer vom Xingú: "Der grosse Geist Maivotsinim schüttelte seinen weissen Haarschopf und schuf zwölf Baumstämme, die er in einem Kreis anordnete. In ihrer Mitte entzündete er ein Feuer. In der Nacht weinte er und sang in Erwartung der Schöpfung. Erst mit der aufgehenden Sonne wurden die Stämme lebendig. Männer und Frauen der reinsten Linie. Die ersten Menschen des Xingu waren geschaffen." Und er fährt fort – denn unsere Gäste lauschen aufmerksam jedem seiner Worte: "1961 wurde dieser Lebensraum zwar für 15 verschiedene Stämme gegründet, aber drei davon waren bereits aus anderen Gebieten eingewandert – so wie wir heute mehr als zwanzig verschiedene Indianervölker im Gebiet des Xingú geworden sind – wir haben die aufgenommen, welche vor der Gewinnsucht der weissen Bevölkerung aus ihren angestammten Gebieten fliehen mussten. Heute bewahren wir hier jahrhundertealte Sitten und Gebräuche und 17 verschiedene Indianersprachen. Der Quarup ist unser grösstes und wichtigstes Fest in Verehrung der Kinder der zwölf Baumstämme – und der Toten unserer Gemeinschaft. Aber es ist auch ein Fest des Lebens, das die Seelen der Toten befreit: wenn der Baumstamm zuletzt dem Wasser des Xingu übergeben wird, damit seine Seele ungestört entweichen kann, dann wiederholt sich die Schöpfung des grossen Maivotsinim – die Welt wird wiedergeboren, und der Friede – denn Friede ist etwas für die Lebendigen." Ein alter Mann bringt die meterlangen Baumwollbinden herbei – sie bestehen aus Hunderten von gedrehten Baumwollfäden, die zusammengefasst, wie Binden aussehen – in diesem Fall sind sie von dem alten Mann, einem Künstler des Stammes, in handbreite Abschnitte von Gelb und Rot eingefärbt worden – immer abwechselnd und über ihre gesamte Länge. Aritâna und der alte Mann umwickeln nun den oberen kürzeren Teil des Stammes, auf dem die Rinde stehen geblieben ist, mit einer Lage der eingefärbten Baumwolle – das abwechselnde Gelb und Rot kontrastiert gekonnt mit dem Schwarz der aufgemalten quadratischen Ornamente von beiden Seiten. Jetzt kommt der untere Teil dran – er bekommt drei Lagen der gefärbten Baumwolle untereinander, und zwar in den Farben so versetzt, dass sich auch über die drei Lagen nach unten die gelben Felder mit den roten abwechseln, also insgesamt eine schachbrettartige Musterung entsteht – der Rest des Baumstamms bleibt, wie er ist. Letzter Abschnitt der Dekoration: eine grosse Federkrone wird von Aritâna um den Stamm gebunden – und da wird es ganz deutlich: der Stamm sieht jetzt aus, wie ein riesiger Kopf auf einem langen Hals – die beiden schwarzen quadratischen Ornamente, rechts und links, sind die Augen, ein von der Stirn nach unten ragender Federbusch bildet den Nasenrücken. Sieben riesige Schwanzfedern von der Harpyie, Südamerikas grösstem Raubvogel, werden abschliessend in den Stirnteil der Federkrone eingesteckt – jetzt hat der Kopf sein dekoratives Gleichgewicht erreicht. Aritânas Schwester Yâna bringt in einem Deckelkorb die wenigen persönlichen Sachen ihres verstorbenen Vaters herbei, und zusammen breiten sie sie auf dem abgeflachten oberen Teil des Stammes aus, wie auf einem Tischchen: seinen Kopfschmuck aus Falkenfedern, eine grosse Halskette aus Muschelschalen, die Glasperlenschnur, die er als Gürtel trug, und einige andere Objekte. Wie zum Zeichen, dass die Vorbereitungen getroffen sind, erheben jetzt alle ihr Klagen zu einem weithin hörbaren Trauerchor, der wiederum von den Ocas her beantwortet wird – dann verschwinden alle in ihren Behausungen, um sich für das eigentliche Fest zu bemalen und zu schmücken.Andreas wird ungeduldig und fragt, ob schon alles vorbei sei! Jonas beruhigt ihn, dass es jetzt erst anfängt. Immerhin geht es bereits auf den Nachmittag zu, und keiner von meinen Gästen möchte zwischendurch etwas essen, um nichts zu verpassen – mir gefällt ihre Einstellung. Wir haben es uns unter einem schattigen Strohdach am Rand des Dorfplatzes bequem gemacht – Andreas hat ein riesiges Stativ aufgebaut, um absolut verwacklungsfreie Aufnahmen zu bekommen – Martin und Evelyn nehmen es gelassener – wir harren der Dinge, die da kommen sollen, während ich meine Feldflasche mit kühlem Wasser aus unserem Yawalapiti-Tonkrug kreisen lasse. Und sie kommen. Es ist 17h00 am Nachmittag, die Sonne steht für Andreas' Aufnahmen "leider" schon sehr tief, als aus allen Ocas gleichzeitig die Frauen auftauchen und der Mitte des Dorfplatzes zustreben, wo der geschmückte Stamm aufgestellt ist. Alle sind vollkommen nackt, mit kunstvoll bemalten Körpern, die Haare frisch eingeölt und mit den schweren Schnüren ihrer schönsten Keramikperlen behängt – wobei blau ihre bevorzugte Farbe zu sein scheint. In selben Moment müssen alle andern ebenfalls mit ihrer Bemalung fertig geworden zu sein, denn von allen Seiten strömen die Familien jetzt auf den Platz, um mit ihrem Wehklagen den Toten zu ehren der dort durch den heiligen Baum Kam'ywá repräsentiert wird. Und dann kommen die bronzefarbenen Waura mit ihrem Totengesang, den sie in beeindruckender Formation darbieten, und deren schrille Zwischenrufe ein besonderer Effekt sind, der ordentlich unter die Haut geht – bei uns allen. Nach Sonnenuntergang sind dann alle Anwesenden um den riesigen Dorfplatz gruppiert – im fahlen Licht der Gestirne leuchten die weissen Baumwollbänder und Gürtel auf der dunklen Haut, die partiell noch mit Jenipapo nachgedunkelt worden ist. Ein Feuer wird von jungen Kriegern vor dem dekorierten Baumstamm angezündet. Nachdem das Holz gut angebrannt ist und die Flamme den halben Dorfplatz beleuchtet, kauern sich die Pajés (Medizinmänner) aller anwesenden Stämme in einem Halbkreis um den Kam'ywá – sie rauchen aus tönernen Pfeifen und blasen ihren Rauch gegen den geschmückten Stamm – und anschliessend sprechen sie mit dem Geist von Parú. Zwischen 20h00 am Samstagabend und 4h00 in der Frühe des Sonntags, erweisen alle anwesenden Stämme dem davongegangenen weisen Häuptling der Yawalapiti die grösste aller Ehren – den grossen, gemeinsamen Quarup. Nur die Frauen schlafen in dieser Nacht – wir vorerst nicht, denn wir lauschen alle ganz ergriffen dieser Männerchordarbietung – einem elementaren, gutturalen, tristen und gleichzeitig hinreissenden Sound, den man im Leben nie mehr vergessen kann. Ob ich mal Indianer war in einer früheren Inkarnation? Schliesslich waren wir so um Mitternacht trotzdem in unsere Hängematten gekrochen, und geschlafen hatten wir auch – trotz der Männerchöre, die während der ganzen Nacht anhielten – aber unsere Körper verlangten einfach ihr Recht. Beim Frühstück zieht Andreas plötzlich ein Tonbandgerät aus seinem Gepäck und wir hören ein paar Ausschnitte von Aufnahmen, die er zwischen den singenden Männern gemacht hat – jetzt geht mir ein Licht auf: deshalb war er plötzlich nicht mehr zu sehen – und ich dachte, ihn trösten zu müssen, wegen der nicht möglichen Filmaufnahmen bei Nacht! Er hat sich selbst getröstet – die Aufnahmen sind wirklich gut geworden – und plötzlich stehen alle Bewohner unserer Oca um uns und das Gerät herum und wollen sich ausschütten vor Lachen, wenn sie den einen oder anderen Vorsänger an seiner Stimme erkennen. Jonas macht dem ein Ende, indem er erklärt, dass wir keine Batterien mehr hätten, und Andreas stellt das Gerät ab. Wer weiss, ob uns sonst die Aufnahmen und das Gelächter der Nachbarn nicht noch in Misskredit gebracht hätten – vielleicht hätte Andreas vorher fragen sollen – sind doch immerhin Gesänge zu Ehren eines Toten! "Andreas! Film einlegen, in einer knappen halben Stunde fängt der Huka-Huka an!" Heute beim Ringkampf, der den Quarup beschliesst, bekommen Andreas und Martin ihre Chance für Fotos von allen Teilnehmern – und bei bestem Tageslicht! Punkt 8h00 an diesem schönen Sonntagmorgen soll die Show beginnen. Unser Bad im Fluss lassen wir für später, sind zu knapp in der Zeit. Also begeben wir uns wieder zu unserem Schattendach am Rand des Dorfplatzes. Diesmal müssen wir um viele wartende Männergruppen herummanövrieren und bemerken den einen oder anderen ihrer eingeölten Ringer-Champions dazwischen. In diesem Moment formieren sich die Yawalapiti zu einem grossen Halbkreis – sofort schliessen die Waura, als Ehrengäste, ihrerseits diesen Kreis, die anderen Teilnehmer verteilen sich gleichmässig hinter dieser Front, die eine innere kreisrunde Arena freihält. Die Kalapâlo sind die Favoriten dieses Wettkampfes, den sie letztes Jahr schon zum zweiten Mal gewonnen haben – wenn man ihre relativ grossen, gut proportionierten Körper betrachtet, kommen einem keine Zweifel an ihrer Überlegenheit, höchstens an den Chancen der andern. Tafukumã, ihr Häuptling, führt seine Kämpfer in die Mitte des Platzes – gleich acht kräftig gebaute Krieger, die, so scheint es mir, jetzt schon siegessicher in die Runde blicken – jedenfalls haben sie den Hals gereckt und das Kinn vorgeschoben und blicken drein, als ob sie Kinder erschrecken wollten. Ein anerkennendes Raunen geht durch die Menge. Die Kalapâlo-Champions sind nackt bis auf einen Baumwollgürtel und dicke Knieschützer, ebenfalls aus Baumwolle. Ihre Körper sind mit kleinen roten und schwarzen Ringen bemalt – "das Zeichen des Jaguars", raunt mir Jonas zu. Es scheint endlich loszugehen. Aritâna spricht ein paar Worte – das heisst, er schreit sie eher, damit sie auch von allen Anwesenden gehört werden können – mehr als 1.100 Indianer sind zum Quarup seines Vaters Parú hier zusammengekommen. Dann tritt sein Ehrengast, der alte Häuptling der Waura etwas vor in den Kreis. Seine Worte spricht er, auf eine grosse Keule gestützt. Beide Ansprachen, die auch die Aufforderung an alle Teilnehmer enthalten, sich dem Ringkampf zu stellen, dauern nur wenige Minuten. Als der Häuptling der Waura sich aus dem Kreis zurückzieht, lassen die Zuschauer ihr rhythmisches "HukaHukaHukaHuka" hören – die ersten Gegner für die Kalapâlos erscheinen etwas zaghaft in der Kreismitte. Sie sind alle ebenso spärlich bekleidet – jeder in seiner bevorzugten Bemalung – jedoch fällt der eine oder andere durch seinen eingeölten Körper auf. Mit diesem Trick will er wohl einem überlegenen Gegner das Zupacken erschweren. So an die fünfzig Athleten zähle ich, die sich innerhalb des Kreises eingefunden haben, es sind zwar auch ein paar furchterregende Muskelprotze darunter, aber die meisten sind ganz normal gebaute junge Männer. Aritâna, der Herr und Gastgeber des Festes und auch der Kämpfe, begibt sich unter die Ringer und ruft zwei Namen auf – diese beiden knien sich voreinander auf den Boden (jetzt verstehen wir alle den Sinn der Knieschützer), während sich der Rest der Kandidaten in die äussere Kreisperipherie zurückzieht. Das aufreizende "HukaHukaHuka!" der Menge ertönt wieder – die beiden Gegner umkreisen sich jetzt, entgegen dem Uhrzeigersinn, aber immer auf den Knien. Dann halten sie einen Moment inne – starren sich an – packen zu und versuchen nun sich gegenseitig auszuhebeln, hochzuheben und auf den Rücken zu werfen. Gleich bei diesem ersten Kampf können wir die Überlegenheit des ersten Kalapâlo beobachten, mit der er den fettglänzenden Yawalapiti-Mann überlistet: er packt zuerst dessen ölige Arme, klatscht dann die eine Hand in den Staub des Bodens und gleich darauf die andere, während er sich den Gegner mit nur einem Arm vom Leibe hält. Dann packt er mit den jetzt abrutschfesten Händen erbarmungslos zu und wirft den Yawalapiti blitzschnell auf den Rücken – aus ist der Kampf. Es gibt keinen Schiedsrichter, sondern obliegt den Athleten selbst, Sieg oder Niederlage anzuerkennen. Es gibt auch keine Trophäen für die Gewinner – nur die Anerkennung ihres Volkes und den Respekt. Der Yawalapiti zieht sich zurück – der Kalapâlo bleibt. Er wird an weiteren Kämpfen teilnehmen.Nach diesem Eröffnungskampf gruppieren sich drei bis vier Ringer-Paare auf einmal im Kreis – alle von Aritâna aufgerufen und dirigiert. Die einzelnen Durchgänge dauern lediglich ein paar Minuten, aber alles läuft geordnet und sehr diszipliniert ab – kein Aufbegehren eines Muskelprotzes, keine Schmährufe aus den Reihen der Zuschauer – nur ihr anfeuerndes "HukaHukaHuka!" Jedes Mal, wenn sich die siegreichen Ringer zu einer Pause in die äussere Kreisperipherie zurückziehen, eilen ihre Frauen, Mütter oder Schwestern herbei, um ihnen Mingau (Maniokbrei) zur Stärkung anzubieten, denn während des Kampfes trinken die Männer kein Wasser. Und während sie ihm die Kalebasse an den Mund führt singt sie ihm eine liebliche Weise ins Ohr – "einen Kraft spendenden Kriegsgesang", erklärt Jonas. Die Kämpfe dauern an bis etwa gegen Mittag. Solange, bis nur noch Kämpfer von einem Stamm übrig sind, der dann den Kollektivgewinn für sich verbucht. Die Gewinner sind – keiner hat es anders erwartet – wieder die Kalapâlo: mit sechs von ihren acht Kämpfern haben sie alle Gegner geschafft – ein überragender Sieg! Auch beim grossen Finale flippt niemand aus, man sucht seine Stammesbrüder auf und hat jetzt Zeit bis zum nächsten Jahr, sich zu überlegen, wie man die Kalapâlo besiegen könnte. Jonas vertraut mir an, dass die meisten den Sieg dem Mingau des Pequi zuschreiben – "und die Kalapalo essen mehr Pequi-Früchte (Cariocar brasiliensis, Camp.) als sonst was !" Die einzelnen Stammesverbände formieren sich wieder und marschieren dann, wie in einer grossen Prozession, quer über den Platz zum Kam'ywá – Aritâna beugt seine Stirn für einen Augenblick und berührt die Federkrone seines Vaters – es ist unglaublich still in diesem Moment, die Stille von mehr als eintausend Menschen – und sie bleiben so still, bis er allen Schmuck vom Stamm abgenommen und wieder in jenem Bastkorb mit Deckel verstaut hat. Dann ruft er die Namen der sechs Kalapâlo-Ringer und Sieger des Huka-Huka, sie legen den Kam'ywá um, auf drei Seilstücke, nehmen ihn dann an den Seilenden vorsichtig auf und tragen ihn der Prozession voran, die sich jetzt auf das Ufer des Xingu zu bewegt. Dort angekommen, lassen sie den Stamm ins Wasser gleiten – der taucht erst mal unter, kommt dann wieder hoch, treidelt langsam aus der Bucht und wird schliesslich von der Strömung erfasst – jetzt kann der Geist von Parú erlöst die Erde verlassen. Unter dem Strohdach, das normalerweise als Versammlungsort für die Männer dient – es steht nur auf Stützen und ist von allen Seiten offen – haben die Frauen doch tatsächlich ein riesiges Buffet aufgebaut. Die Gäste haben wahrscheinlich seit sie ankamen nicht mehr richtig gegessen! Auch wir haben Hunger, halten uns aber zurück – wollen auf keinen Fall unangenehm auffallen. Das Buffet ist auf einem mit frischen Bananenblättern bedeckten, riesigen Jirau aufgebaut – sicher fünf Meter lang – und besteht aus Beiju-Fladen und unglaublichen Mengen geräuchertem Fisch. Mehrere Tonkrüge, mit Deckel und einer Trinkkalebasse davor, enthalten frisches Quellwasser. Und ich entdecke Bananen – riesige Rispen mit reifen Bananen. Jeder bedient sich schweigend, und zwar mit einem Beiju-Fladen, auf den ein grosses Stück Fisch gelegt wird – und zieht sich dann in irgendeine Ecke des Dorfplatzes zurück, um dort in der Hocke, ruhig und gelassen, seine Mahlzeit zu vertilgen – nur ein paar kleinere Indianerkinder schnattern aufgeregt, aus einem mir nicht ersichtlichen Grund. Unsere beiden Schweizer Jungs haben sich schon selbst bedient und kauen, wie mir scheint, genüsslich. Der Fisch ist wirklich gut, und man kann sich an seinen rauchigen, fast salzlosen Geschmack leicht gewöhnen. Andreas saust nur herum und filmt, Hunger scheint der überhaupt nicht zu haben, während Evelyn und Martin sich genauso brav wie die Indianer bedienen, die gute Agnes schält sich eine Banane. Alles in allem scheint unser Versuch aufzugehen, trotz dieser bescheidenen Verpflegung machen eigentlich alle recht zufriedene Mienen. Am Nachmittag wollen wir uns gemeinsam in unserer Badebucht treffen. Auf dem Weg dorthin kommen wir an den letzten aufbrechenden Indianern vorbei. Den einen oder anderen Stamm möchten wir noch während der folgenden Tage besuchen, deshalb ist es gut, dass sie uns hier unter dem Schutz Aritânas schon angetroffen haben – das erleichtert den Kontakt, der dann schon fast ein Wiedersehen wird. Sie nicken uns freundlich zu – wir nicken zurück – manche heben die Hand zum Gruss. Im Wasser sind wir diesmal ganz für uns. Ich freue mich, dass alle durcheinander schnattern – sie scheinen erregt von den Geschehnissen, was sie gesehen appelliert an ihre Gefühle, keiner meckert über die bescheidenen Umstände, alle sind gesund und voller Lebensfreude – ich brauche also nichts zu fragen, sie sagen mir schon alles. Jonas, diesmal mit zum Baden gekommen, ist jetzt ihrer aller Held – mich brauchen sie nur noch zum Übersetzen. Aus dem Tagebuch: Meine ersten Kontakte mit Indianern, Text und Fotos by Klaus D. Günther
Der Häuptling Aritâna, einundfünfzig Jahre alt, ist heute der am meisten respektierte Führer des Oberen Xingu. Seit er die Führung der Yawalapiti übernahm, vor zirka zwanzig Jahren, kämpft er für die Erhaltung der Kultur und der Sitten und Gebräuche aller Indianer des Xingu-Gebiets. "Es ist überaus schwer, unserer Jugend die Bedeutung der Erhaltung unserer Kultur klarzumachen, aber mit ein bisschen Geduld verstehen und sehen sie, dass es besser ist, das zu bleiben, was wir sind: Indianer" – erklärt der Häuptling. |
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