Sprachen und Religion

Veröffentlicht am 7. November 2009

In Nordwest-Amazonien spricht man in mehr als 20 verschiedenen Sprach-Dialekten, (mehr über die Sprachen erfahren Sie hier)  die drei linguistischen Familien entstammen: dem Tukano-Oriental, dem Aruak und dem Maku. Die Dialekte der Familie Tukano-Oriental bezeichnet man so, um sie vom Tukano-Occidental zu unterscheiden, das von Völkern gesprochen wird, die in den Grenzgebieten zwischen Kolumbien, Ekuador und Peru leben. Erstere beherrschen das Gebiet um den Rio Uaupés und den Rio Apapóris, während am Rio Içana eher das Aruak die beherrschende Sprache ist. Einige Sprachen, wie das Tukano und das Baniwa, werden von mehreren Tausend Personen gesprochen, während andere, wie das Dow, nur von wenigen Dutzend Personen angewendet wird.

Es gibt wenigstens 16 unterschiedliche Dialekte, die als “Tukano-Oriental“ klassifiziert werden. In Brasilien leben die meisten Menschen dieser linguistischen Familie im Einzugsgebiet des Rio Uaupés. Hier zeigt sich ein interessantes Phänomen: eine Konvergenz zwischen den exogamen Regeln und den verschiedenen linguistischen Gruppen – jene, die für eine eheliche Verbindung infrage kommen, sprechen in der Regel eine andere Sprache. Solche Dynamik resultiert in dem für die Region charakteristischen Multilinguismus – sodass man in einer und derselben Gesellschaft sehr oft verschiedene Indianersprachen gleichzeitig benutzt – ausserdem noch Portugiesisch und Spanisch! Einige Ethnien, oder Teile von ihnen, haben auch ihre Originalsprache vergessen und sich andere Sprachen angeeignet. Dies ist zum Beispiel der Fall bei den Tariana vom Rio Uaupés, oder der Tukano, die zum mittleren Rio Negro umgezogen sind und sich das “Nheengatu“ angeeignet haben.   

Die herausragende Sprache der Familie Tukano-Oriental ist das Tukano selbst. Es wird nicht nur von den Tukano-Indianern gesprochen, sondern auch von den anderen Gruppen der brasilianischen Seite des Rio Uaupés, sowie seiner Nebenflüsse Tiquié und Papuri. Nachdem verschiedene Originalsprachen sich verloren hatten, breitete sich das Tukano als “Lingua Franca“ (Allgemeinsprache) aus, und erlaubte so eine Kommunikation zwischen Völkern ganz unterschiedlicher Muttersprachen, die sich in den meisten Fällen untereinander nicht verstanden.

Andere Dialekte dieser Familie werden von kleineren Populationen gesprochen, die auch in abgelegeneren Gebieten leben. Dies ist zum Beispiel der Fall bei den Wanana und den Kubeo des oberen Rio Uaupés, oberhalb von Iauareté – oder der Pira-tapuya des mittleren Rio Papuri – der Tuyuka und der Bará des oberen Tiquié – und der Desana, deren Dörfer am Rio Tiquié, Rio Papuri und ihren Nebenflüssen zu finden sind.

Die Familie Aruak wird in erster Linie von den Baniwa, Kuripako, Baré, Warekena und Tariana repräsentiert. Letztere – wie schon erwähnt – sprechen inzwischen eher das Tukano als ihre Muttersprache, durch den Umstand, dass sie schon Jahrhunderte mit den Tukano-Völkern des mittleren Uaupés zusammenleben. Auch die Baré sprechen ihre Muttersprache nicht mehr – im Laufe des Kontakts mit Missionaren und der Kolonisation haben sie die “Língua Geral“ (Nheengatu) übernommen – eine vereinfachte Form des antiken “Tupi“ – die von den Jesuiten verbreitet wurde.

Die Familie Maku bezieht sich auf sechs unterschiedliche Dialekte von Völkern, welche das grösste Territorium des oberen Rio Negro besetzen – vier dieser Gruppen innerhalb des brasilianischen Territoriums. Die linguistische Familie Maku hat keinerlei Ähnlichkeit mit den Familien Tukano oder Aruak, wenn wir von ein paar wenigen Zufällen und Leihbegriffen absehen. Praktisch alle Angehörige dieses Volkes sprechen ihre Originalsprache. Infolge der Nähe zu den Tukano beherrschen die Maku aus der Uaupés-Gegend aber auch die Tukano-Sprache und ergänzen so den Multilinguismus der Region.
(*) Stämme, die auf kolumbianischem Gebiet leben.

Ethnisch/linguistische Gruppen Linguistische Familie Lebensräume
Tukano Tukano Oriental (Tukano) …Rio Uaupés
Desana Tukano Oriental (Tukano) …Rio Tiquié
Kubeo Tukano Oriental (Tukano) …Rio Papuri
Wanana Tukano Oriental (Tukano) …Rio Querari
Tuyuka Tukano Oriental (Tukano) …Oberlauf des Rio Negro
Pira-tapuya Tukano Oriental (Tukano) … zwischen Santa Isabel und der Mündung des Rio Uaupés, inklusive der Stadt von São Gabriel de Cachoeira
Miriti-tapuya Tukano Oriental (Tukano) … zwischen Santa Isabel und der Mündung des Rio Uaupés, inklusive der Stadt von São Gabriel de Cachoeira
Arapaso Tukano Oriental (Tukano) … zwischen Santa Isabel und der Mündung des Rio Uaupés, inklusive der Stadt von São Gabriel de Cachoeira
Karapanã Tukano Oriental (Tukano) … zwischen Santa Isabel und der Mündung des Rio Uaupés, inklusive der Stadt von São Gabriel de Cachoeira
Bará Tukano Oriental (Tukano) …Gruppen am Rand der Strasse, die São Gabriel mit Cucuí verbindet.
Siriano Tukano Oriental (Tukano) …Gruppen am Rand der Strasse, die São Gabriel mit Cucuí verbindet.
Makuna Tukano Oriental (Tukano) …Gruppen am Rand der Strasse, die São Gabriel mit Cucuí verbindet.
Barasana (Panenoá) Tukano Oriental (Tukano) …Rio Curicuriari
Tatuyo* Tukano Oriental (Tukano) …Rio Curicuriari
Yuruti* Tukano Oriental (Tukano) …Rio Curicuriari
Taiwano (Eduria)* Tukano Oriental (Tukano) …Rio Curicuriari
Baniwa Aruak …Rio Içana, Aiari, Cuiari und Cubate
Kuripako Aruak …Rio Içana, Dpto. de Guainia (COL)
Baré Aruak …Mittlerer + oberer Rio Negro
Warekena Aruak …Rio Xié
Tariana Aruak …Mittellauf des Rio Uaupés, zwischen Ipanoré u. Periquito
Hupda Maku …zwischen den Rios Tiquié, Uaupés und Papuri
Yuhupde Maku …zwischen den Rios Tiquié, Uaupés und Papuri
Dow Maku …Zuflüsse des rechten Ufers des Rio Tiquié (besonders an den grossen Bächen Castanha, Cunuri u. Ira)
Nadöb Maku …Zuflüsse des rechten Ufers des Rio Tiquié (besonders an den grossen Bächen Castanha, Cunuri u. Ira)
Kakwa* Maku …Rios Apapóris und Traíra
Nukak* Maku …In der Umgebung der Stadt von São Gabriel (andere Seite des Flusses) bis zur Mündung Rio Curicuriari und des Rio Marié
…Rio Uneiuxi und am Paraná Boa-Boá (mittlerer Japurá)
…Rio Téa
…Departement von Vaupés u. Guaviare (in Kolumbien)

(*) Stämme, die auf kolumbianischem Gebiet leben.

nach obenDIE BEHAUSUNGEN MALOCAS

MalocasDie Konstruktion von “Malocas” (Gemeinschaftshäusern) ist eine Sitte, die allen unterschiedlichen Gesellschaften des Oberen und Mittleren Rio Negro gemeinsam war. Während vieler Jahre wurden diese Konstruktionen aber von den Missionaren heftig kritisiert, bis sie schliesslich von der Mehrheit der Indianer auf der brasilianischen Seite dieser Region verlassen und nicht mehr gebaut wurden. Gegenwärtig kann man an einigen Orten Rekonstruktionen beobachten – am oberen Tiquié und am oberen Uaupés – in Verbindung mit einem Prozess zur Wiederbelebung der Traditionen und zum Zeichen der Identität innerhalb der Indianerbewegung, wie zum Beispiel die Maloca beim Sitz der FOIRN (Federação das Organizações Indígenas do Rio Negro), in São Gabriel da Cachoeira.

Malocas1Die traditionelle Maloca ist in verschiedene laterale Abschnitte unterteilt, jeder wird von einer so genannten Kern-Familie bewohnt. Regel ist, dass der “Chef“ der lokalen Gruppe (am Xingu der “Hausherr“) im Abschnitt an der Rückwand des Hauses wohnt, und zwar links von demjenigen, der durch die Hintertür eintritt. Seine jüngeren Brüder besetzen, in der Reihenfolge wie sie heiraten werden, die angrenzenden Abschnitte – von beiden Seiten der Rückwand nach vorn. Die unverheirateten, aber schon als Erwachsene geweihten Männer, dürfen den Wohnbezirk ihrer Eltern verlassen und ihre Hängematten von der Mitte bis nach vorn im Haus aufspannen. Und schliesslich jene Personen, welche vorübergehend oder als Gäste in der Maloca untergekommen sind, halten sich im vorderen Bereich der Maloca auf. Anlässlich irgendwelcher Zeremonien, zu denen die erwachsenen Männer tanzen, wird die Raumaufteilung neu vorgenommen – dabei ist das Zentrum der Maloca das wichtigste Areal, denn die Tänze finden dort statt.

Der Salasianer-Missionar Alcionilio Bruzzi hat eine detaillierte Beschreibung einer solchen Maloca am Rio Tiquié geliefert, die er im Jahr 1947 dort antraf. Sie kann durchaus verallgemeinert werden und für die anderen Malocas gelten, die damals in grosser Zahl die Region bedeckten.

“Ihre Konstruktion folgt antiken, Jahrhunderte alten Kenntnissen, die mündlich überliefert werden. Sie ist rechteckig, 27,60 m lang und 18,00 m breit. Die Dachbedeckung besteht aus zwei Lagen Schilf, mit einer Neigung in steilem Winkel, zum schnellen Abfliessen des Regenwassers. Die Giebelhöhe innen beträgt 7,30 m, während die Aussenwände nur noch 1,52 cm hoch sind. Das Dach war über den Eingängen ist etwas überhängig, um den Regen abzuweisen. Die Trennwände innen sind aus Baumrinde, bis in 2,50 m Höhe und anschliessend aus einem Bastgeflecht bis nach oben. Die lateralen Wände werden mit Schilf abgedeckt.      

Sie ist sehr solide auf fünf Paar Trägerpfosten aufgebaut – drei zentrale, und die anderen zwei stützen die Wände der Front und der Rückseite der Maloca – die zusammen das zentrale Schiff unterteilen. Sie sind aus runden, naturgewachsenen Stämmen gefertigt (noch mit der Rinde), schön regelmässig und proportional, ebenfalls die entsprechenden Dachträger und Querverbindungen.

Das gesamte Holzgerüst ist durch Lianen miteinander verbunden. Im Innern teilen handgeflochtene Matten – alle schön ausgerichtet – den Platz in fünf “Schiffe“ (der Breite nach). Die drei zentralen sind für die gemeinsame Nutzung: Durchgang, Versammlungen, Tänze, Besucher und Hausarbeiten. An ihrem Rand befinden sich Utensilien des gemeinsamen Gebrauchs, wie die grossen Keramikkrüge zur Wasseraufbewahrung, die Holztröge zur Fermentierung des “Caxiri“ (alkoholisches Getränk aus Maniok) und der Herd für die Zubereitung des Maniokmehls. Innerhalb dieser drei “Schiffe“ werden auch die Rituale zelebriert. Die zwei äusseren “Schiffe“, die auch mit dem niedrigsten Teil des Daches nach oben abschliessen, sind den einzelnen Familien vorbehalten: jedes der äusseren Schiffe hat vier Unterteilungen.

Der Bereich des “Tuxaua“ (Hausherrn) ist ein bisschen geräumiger, stört aber den die Gesamtübersicht nicht. Es gibt auch Malocas, in denen keinerlei Trennung der einzelnen Wohnbereiche vorgesehen ist. In diesem Fall sind diese Bereiche imaginär – das heisst, sie werden durch die einzelnen Querbalken in etwa markiert“.

Gegenwärtig organisiert sich die Mehrheit der an den Flussufern lebenden Indianern in so genannten “Comunidades” (Kommunen), diese Bezeichnung wurde ihnen schon vor einigen Jahrzehnten von den katholischen Missionaren gegeben – und auch von den protestantischen übernommen – die damit die Wohngemeinschaften meinten, die ehemals in den kommunalen Malocas lebten. Eine solche Kommune setzt sich heute im Allgemeinen aus einer Hüttengruppe zusammen, die auf einem grossen, offenen Platz errichtet ist – mit Wänden aus Baumrinde, Lehm mit Häcksel vermischt oder manchmal auch aus Brettern – die Dachbedeckung ist entweder aus Wellblech oder doppeltem Schilfbelag, nach altem Muster. Oft hat das Dorf auch eine Kapelle (katholisch oder protestantisch), eine Schule und eventuell auch einen Sanitätsposten. Jede dieser Kommunen stellt einen “Capitão“ (Chef, Häuptling) – einen Mann, der die Rolle eines Animateurs für die gemeinschaftlichen Arbeiten innehat, und der auch für deren Ausführung verantwortlich ist. Jedoch handelt es sich dabei nicht um einen “allmächtigen Kommandanten“, der die Ordnung aufrecht erhält und Leute bestraft, sondern er orientiert lediglich, ohne dabei seine Position als Druckmittel zu benutzen. Und er ist in der Regel auch der bevorzugte Dolmetscher mit den Weissen.

nach obenRELIGION UND RITUALE

Charakteristisch für die Region ist ein Komplex von Ritualen, welche Flöten oder heilige Trompeten einbegreifen, die einer Mythologie entstammen, deren zentrale Themen die Initiation der Knaben, die Vorfahren, die Kriegführung und die verschiedenen Jahreszeiten einbegreifen. Mittels der Macht der Schamanen, mit Hilfe von Halluzinationen hervorrufenden Substanzen und durch den Kontakt mit den Musikinstrumenten tauchen die Teilnehmer jener Rituale ein in die mythologische Vergangenheit und ihre gesellschaftliche Struktur gewinnt an Visibilität.

Abgesehen von unzähligen lokalen Variationen, gibt es einige rituelle Strukturen, die von den Stämmen der linguistischen Familien Tukano, Aruak und Maku, welche die kulturelle Region Nordwest-Amazonien bestimmen, ähnlich ausgeführt werden.

Originaltext der ISA „Instituto Socioambiental
Deutsche Bearbeitung/Übersetzung, Klaus D. Günther für BrasilienPortal