Indio Kontakte

Veröffentlicht am 7. November 2009

Kontakte im 17. und 18. Jahrhundert

Seit den mittleren Jahren des 17. Jahrhunderts, infolge des Rückgangs der eingeborenen Bevölkerung am unteren Amazonasstrom – in Konsequenz der Pocken-Epidemien und der Versklavung – fehlte es an Arbeitskräften für die Plantagen und “Fazendas“ der Region. Kolonisten und Missionare aus São Luís (Maranhão) und Belém (Pará) begannen also das Inland um den Amazonas und Rio Negro nach Eingeborenen zu durchstreifen, versklavten die angetroffenen Indianer, und die sich zur Wehr setzten massakrierten sie: das waren die so genannten “Tropas de Resgate“ (Rettungstruppen) und ihre Unternehmen nannten sie “Guerras justas“ (Gerechte Kriege). Die Festung „Fortaleza da Barra de São José do Rio Negro” (wo sich heute die Stadt Manaus befindet), konstruiert 1669, diente als Basis für diese Sklaven-Jäger.

Siegerehrung

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts – nachdem die Portugiesen die Manao und die Mayapena vernichtend geschlagen hatten, Völker, die den unteren und mittleren Rio Negro beherrschten und zuvor mit ihnen kollaboriert hatten – erreichten sie das Gebiet des oberen Rio Negro und seiner grösseren Zuflüsse, wie Uaupés, Içana und den Rio Xié, welche zu jener Zeit stark besiedelt und noch nie von Weissen betreten worden war. Wenige Zeit später installierten die Karmeliter Missionen bis hinauf zum oberen Rio Negro, im Umkreis der heutigen Stadt São Gabriel da Cachoeira. Der Handel mit indianischen Sklaven erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 1740 – man schätzt, dass bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zirka 20.000 Indianer gefangen und den Rio Negro stromab transportiert worden sind, um in Städten wie Belém oder São Luís zu arbeiten. Auf den Listen der Sklaven aus dieser Region finden sich Tukano, Baniwa, Baré, Maku, Werekena und andere, deren Nachkommen noch heute in ihrer angestammten Region leben.

In Konsequenz dieses Kontakts mit den Portugiesen wütete eine Pocken-Epidemie am oberen Rio Negro im Jahr 1740, die eine grosse Zahl Indianer tötete – und es ist wahrscheinlich, dass sich die Krankheit in vielen Teilen der Region nicht durch den direkten Kontakt mit “Weissen“ sondern durch Stoffe und Kleider aus Baumwolle verbreitet hat, die von den Missionaren unter “ihren Schäfchen“ verteilt wurden, denn nackt herumzulaufen wurde von den Kirchenmännern verurteilt. Zwischen 1749 und 1763 beutelten immer noch verschiedene Epidemien von Pocken und Masern die Region – die von 1749 war die schlimmste, sie ging in die Geschichte als “Sarampo Grande“ (Grosse Masernepidemie) ein.

Die bekannteste Eingeborenenrevolte dieser Zeit, war die im Jahr 1757, geführt von den Lamalonga vom mittleren Rio Negro. Es war ein Aufstand der Indianer gegen die Missionare, sie zerstörten ihre Kirchen, töteten mehrere Karmeliter-Missionare und verbrannten alle übrigen religiösen Paramente. Endlich hatten ein paar ihrer intelligentesten Führer die Zusammenhänge verstanden, und sie hatten begriffen, was es sie gekostet hatte, und noch kosten würde, sich dem Willen jener “scheinheiligen Selbstbeweihräucherer“ zu fügen.    

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entzog die portugiesische Regierung, unter der Führung des Marquês de Pombal (derselbe, der auch die Jesuiten in Südbrasilien aus dem Land jagte) den Missionaren die “Macht auf Zeit“ (Poder temporal) – und damit auch die Kontrolle über die Administration ihrer Missionen, die fortan von Siedlern, Militärs oder Zivilisten geleitet wurden, denen man den Titel “Diretores dos Índios“ (Indianer-Direktoren) verliehen hatte. Den Missionaren gestand man allerdings noch zu, dass sie in ihren Missionen bleiben durften, um ihr Werk der Evangelisierung fortzusetzen, sowie die Indianer aus dem Gebiet der Quellflüsse zu bewegen, sich in diesen Dörfern des mittleren und unteren Rio Negro anzusiedeln. Trotzdem bahnte sich ein spürbarer Niedergang der missionarischen Tätigkeit an. Die erfolgreichsten Dörfer wurden in den Status einer “Vila“ erhoben und erhielten einen portugiesischen Ortsnamen, oft den eines Heiligen. Das so genannte “Lei Pombalina“ (Gesetz des Marquis de Pombal) sollte der Sklaverei ein Ende machen und die Integration der Indianer in die koloniale Gesellschaft vorantreiben.

Was der Marquis de Pombal wirklich beabsichtigte war, den Indianern dieselben Rechte wie den Europäern zuzubilligen, aber bald verstand er, dass die Kolonisten, um zu überleben, der indianischen Arbeit bedurften – sowohl für die Landwirtschaft, wie für die Extraktion der “Drogen aus dem Sertão“. Also führte er ein Arbeitssystem ein, nachdem ein Teil der Männer mit guter Gesundheit während einiger Monate pro Jahr beim Bau von Häusern in den kolonialen Dörfern und Städten helfen sollten, während die anderen auf den Pflanzungen zur Hand gehen sollten. Jedoch wurde dieses System der Arbeitsverteilung nie respektiert, und die Indianer wurden weiterhin von den Kolonisten ausgenutzt. Hunderte von ihnen wurden in die kolonialen Städte verschleppt – auch während dieser Zeit.

Von ihrer Basis in den Festungen São Gabriel und São José de Marabitanas (konstruiert 1763) ausgehend, unternahmen portugiesische Militärs aufreibende Expeditionen auf den Nebenflüssen des oberen Rio Negro, einer strategischen Region, weil sie sich im Grenzgebiet zwischen den Ländereien der beiden Kolonialmächte Spanien und Portugal befand – besonders nach der Unterzeichnung des “Traktats von Madrid“, im Jahr 1750.

Für die Indianervölker brachte diese Periode eine fast totale Durchkämmung ihres Territoriums durch die portugiesischen Söldner und einen starken Rückgang ihrer Bevölkerung infolge der trotz Gesetzeserlass fortdauernden Versklavung, die man jetzt nach aussen zu vertuschen suchte, indem man die Indianer an Orten einsetzte, die zu weit vom kaum über die Stadtbezirke hinaus reichenden Arm des Gesetzes entfernt waren. Aber diese Politik forderte einen hohen Preis von den Sklavenhaltern, denn sie führte zu zahlreichen Revolten der eingepferchten Indianer – und stets fehlten Arbeitskräfte auf den Maniok- und Kakaopflanzungen.

nach obenKontakte im 19. Jahrhundert

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts waren in der Rio-Negro-Region Missionare tätig: der Karmeliter Frei José dos Santos Inocente (1832/52), der Kapuziner Frei Gregório José Maria de Bene (1852/54) und verschiedene Franziskaner (1880/83), letztere beteiligten sich, zusammen mit den Militärs, an der Unterdrückung der Indianer und der Ausnutzung ihrer Arbeitskraft, besonders in der Extraktion von Naturprodukten. Die Aktionen der Missionare fielen in dieselbe Zeit wie die Invasion von Geschäftemachern, man nannte sie “Regatões“ (Hökerer), am Rio Negro – und deren Aktionen waren nur allzu oft begleitet von brutaler Gewalt – “man nahm sogar Indianerkinder gefangen um sie an die Händler aus Manaus und Belém zu verschachern“, wie der Naturalist Alfred Russel Wallace 1853 berichtet.

Im Lauf der Jahre 1835 bis 1840 erreichte die grösste Revolution Brasiliens, die “Cabanagem“ – die mit der Besetzung von Belém durch die Aufständischen begann – auch den Rio Negro. Aber die Revolutionäre wurden mit Militärmacht in ihre Schranken gewiesen, ihre Anführer hingerichtet, und 1840 war wieder Ruhe im Land. Danach entsandte das militärische Oberkommando in Belém eine Truppe zum oberen Rio Negro, welche die Aufgabe hatte, die beiden Festungen São Gabriel und Marabitanas wieder aufzubauen, die durch die Revoluzzer völlig zerstört worden waren – diese Arbeit wurde allein von den Indianern der Region geleistet. Dasselbe Militärkommando schuf auch die “Companhia dos Trabalhadores“ (Arbeiter-Kompanie) in der die “Índios ladinos“ zusammengefasst wurden, das waren die, welche schon portugiesisch sprechen konnten. Diese Massnahme des Militärs provozierte eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Indianern und Weissen in der Region (1840-42).

Verschiedene Epidemien von Pocken und Masern leerten weite Gebiete des Rio Negro in jenem Jahrhundert und führten zu Massenfluchten der Indianer aus ihren Dörfern und den kolonialen Ansiedlungen. In dieser Zeit der wiederholten Epidemien, trugen plötzliche, bösartige Fieberanfälle sehr zur hohen Sterblichkeit in der Region bei.   

In der Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte die Regierung der gerade gegründeten Provinz Amazonas die Indianer zu bewegen, die abgelegenen und schwer zugänglichen Regionen zu verlassen, um in Siedlungen oder Orten an den Ufern der grösseren Ströme zu wohnen, ausserdem brauchte sie in Manaus eine gewisse Zahl von Indianern für Bauarbeiten – diese Massnahme führte zu einer Entleerung vieler indianischer Kommunen an den Flüssen Uaupés, Içana und Xié, denn als die Indianer dem Aufruf nicht nachkommen wollten, entführte man ganze Familien mit Gewalt zum mittleren und unteren Rio Negro.

Bei verschiedenen Gelegenheiten erhoben sich die Indianer gegen diese Behandlung und unternahmen Rachefeldzüge gegen die Weissen, die aber nicht zögerten, Soldaten und Indianer anderer Ethnien einzusetzen, um die Rebellionen zu unterdrücken.

Die Revolten fanden auch in religiösen Bewegungen ihren Ausdruck. Es gibt eine signifikante Tradition von religiösen Bewegungen in diesem Gebiet, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen. Ihre spirituellen Führer erarbeiteten die unterschiedlichsten Botschaften und messianischen Ideologien, organisierten Rituale und Zeremonien, in denen sie die Jahrtausende alten Hoffnungen ihrer Völker artikulierten. Einige dieser Führer des 19. Jahrhunderts – zum Beispiel der Messias der Baniwa-Indianer, Venâncio Kamiko, sie nannten ihn auch Venâncio „Christu“, war ein mächtiger Medizinmann dieses Volkes, der am Rio Içana lebte – sie predigten die Befreiung aus der politischen und wirtschaftlichen Unterdrückung der Weissen.

Diese Bewegungen verbreiteten sich über die gesamte Region und drohten die Weissen hinaus zu werfen. Die lokalen Militärs und die der Provinz reagierten mit Gewalt und Unterdrückung, endlich schickte die Regierung der Provinz 1858 eine offizielle Kommission in dieses Gebiet, um die Situation zu entschärfen. Im Jahr 1880 erzählte ein Medizinmann der Arapaso-Indianer vom unteren Rio Uaupés – er nannte sich Vicente Christu – dass er mit “Tupã“ und den Toten gesprochen habe – Tupã ist der “Geist des Donners“ aus der Mythologie der Tupi-Völker, welcher von den Missionaren, zusammen mit der “Lingua Geral“, unter den Indianern des oberen Rio Negro eingeführt wurde. Dieser Vicente Christu predigte das Ende der Ausnutzung der Indianer durch die Gummibarone, durch die Militärs und die Geschäftemacher. Ausserdem proklamierte er eine kommende neue Gesellschaftsordnung, in der die Indianer die Herren und die Weissen ihre Sklaven sein würden. Es gab viele weitere Bewegungen dieser Art in der Region am Anfang des 20. Jahrhunderts, einige wurden von den Militärs blutig unterdrückt.

nach obenKontakte des 19. und 20. Jahrhunderts

Die Aktivitäten der Missionare wurden 1883 wieder aufgenommen, als die Franziskaner den Rio Uaupés erreichten. Erste Amtshandlung: sie bestimmten einen Tag der Woche, an dem sich die Indianer der Konstruktion der Häuser für die religiösen Autoritäten und Militärs widmen mussten und dem Bau von Kirche und Gefängnis. Dann versuchten die Franziskaner alle Aktivitäten lokaler Schamanen zu unterbinden, und übernahmen die Kontrolle über jene Händler und Geschäftemacher – letztere mussten sich von nun an eine Erlaubnis bei ihnen holen, um mit den Indianern zu kommunizieren.

Einer dieser Franziskaner, Frei Illuminato Coppi, wird von historischen Quellen als intoleranter und reizbarer Mann beschrieben, der nicht zögerte, die Sitten und den Glauben der Indianer an ihre Naturgötter öffentlich lächerlich zu machen. Und bei verschiedenen Gelegenheiten zwang er Frauen und Kinder, sich die Masken und heiligen Musikinstrumente anzusehen – seine letzte Provokation dieser Art, am 28. Oktober 1883, in Ipanoré, führte zum Aufstand der lokalen Indianer und zum Rauswurf der Franziskaner-Missionare.

Nachdem sie den Franziskaner Coppi fast totgeschlagen und die anderen Missionare per Boot geflüchtet waren, kehrten die Indianer in ihre Malocas zurück. Erst 1914 wurden die missionarischen Aktivitäten in dieser Region wieder aufgenommen, mit der Gründung der “Prefeitura Apostólica do Rio Negro“  in São Gabriel da Cachoeira und dem Einzug der Salesianer. Die Kongregation des Don Bosco präsentierte sich gut organisiert, mit klaren Strategien und Zielen und gut dispositionierten Leuten – vorbereitet “für sämtliche zu erwartenden Schwierigkeiten dieser apostolischen Mission“.

Die ersten Jahrzehnte ihrer missionarischen Aktivitäten waren geprägt von unternehmerischem Schwung und Einsatz. Zweifellos erreichte ihr Engagement einen Rückgang der Ausnutzung der Indianer durch die weissen “Patrone“, die bis dato die Region beherrscht hatten. Andererseits benutzten die Salesianer ihrerseits das Stadium der Unterwürfigkeit und der Angst, in dem sich diese Völker befanden, um ihr so genanntes “Zivilisations-Projekt“ zu starten. Auch sie entpuppten sich als profunde Verächter der Organisationsformen und Denkweise der Indianer – sie versuchten von Anfang an, ihre kulturellen Manifeste zu dezimieren. Diese ignorante Haltung gegenüber der Kultur der Eingeborenen kann man den diversen Publikationen der Salesianer überall entnehmen!   

Ihre Strategie war es, ins Bewusstsein der Erwachsenen und Alten mit Hilfe ihrer eigenen Kinder einzudringen, nachdem sie diese mittels einer rigorosen christlichen Erziehung entsprechend vorbereitet hatten. Deshalb war das Leben dieser Kinder auf der Salesianer-Mission geprägt von extremer Disziplin und blindem Gehorsam: alle Aktivitäten waren einem rigorosen, kontrollierten Zeitraum unterworfen, der befolgt werden musste – die Trennung der Geschlechter war absolut, es war ausdrücklich verboten, sich in der Muttersprache zu unterhalten – selbst für solche, die gerade erst angekommen waren und noch kein einziges Wort Portugiesisch sprachen. Die Salesianer insistierten und hatten sogar Erfolg, die Indianer zum Verlassen ihrer Malocas zu bewegen, um sich Häuser zu bauen, in denen jeweils nur eine Familie zu wohnen hatte – unter dem Vorwand der sexuellen Promiskuität und fehlender Hygiene. Darüber hinaus entmutigten sie die Indianer, die Initiations-Rituale (Jurupari) der Knaben beizubehalten. Sie organisierten Diffamierungs-Kampagnen gegen die Aktivitäten der lokalen Medizinmänner, verboten den Konsum von Halluzinationen erzeugenden Getränken und entfernten aus den indianischen Malocas Körperschmuck und Musikinstrumente für zeremonielle Anlässe.

(1964 hielt ich mich mit meiner Frau über mehrere Monate auf der Salesianer-Mission von “Santa Isabel“ am oberen Rio Negro auf und möchte an dieser Stelle ausdrücklich vorhergehenden Text, aus brasilianischen Quellen, über die ignoranten Machenschaften der Salesianer gegenüber der Jahrhunderte alten Kultur der Eingeborenen bestätigen. Ich hatte ausgiebig Gelegenheit, das “Wirken dieser Vatikangesellschaft“ zu beobachten, und liess mich auch dazu hinreissen, der Missionsleitung meine Meinung über verschiedene Verhaltensweisen gegenüber den Indianern und ihren Kindern zu sagen. Der Direktor widmete mir ein Bibelwort – ich sei “die Schlange, welche man am Busen nährt, und die einen dann in die Ferse sticht“ – es war Zeit, die Mission zu verlassen und zu den “Menschenwesen“ (Selbstbezeichnung der Yanomami-Indianer) weiter zu reisen, die wir von Santa Isabel aus, nach einer gepaddelten Kanufahrt von fünf Tagen erreichten – am Oberlauf des Rio Marauiá. Klaus D. Günther).

Wie auch immer, aufgrund ihrer permanenten Installation am oberen Rio Negro, und aufgrund der Tatsache, dass sie in dieser Zeit die einzige Infrastruktur zur Betreuung der Indianer darstellten, erweiterten die Salesianer-Missionen Schritt für Schritt ihre Aktivitäten, gingen auch dazu über, eine Zeit lang die medizinische Kontrolle und Versorgung, die Erziehung und den Kommerz der Region zu übernehmen. Sie halfen, die Situation der Ausnutzung der Indianer zu kontrollieren, aber mit wenig Wirkung am Rio Içana, wo ihre direkte Präsenz erst ab 1950 begann.     

Das Jahr 1970 war ein bedeutendes Jahr für die jüngere Geschichte des brasilianischen Amazonasgebiets. Die von den Militärs kontrollierte Zentralregierung proklamierte öffentlich den “Plano de Integração Nacional (PIN)“ – Plan zur nationalen Integration – ein Programm zur Schaffung von Infrastruktur, mit der Absicht, Amazonien geopolitisch in den Rest des Landes zu integrieren, mit Auswirkungen bis hinauf zum oberen Rio Negro. Zwischen 1972 und 1975 erfuhr die Region des oberen Rio Negro die ersten Veränderungen – mit der Errichtung von Posten der FUNAI (Indianerschutz-Organisation) und der Ankunft von Soldaten des Ingenieurs-Korps, sowie Arbeitern von engagierten Unternehmen, um die BR-307 (Bundesstrasse) zwischen  São Gabriel und Cucuí (Grenze zu Venezuela) anzulegen – ausserdem ein Stück der “Rodovia Perimetral Norte“ (BR-210), heute wieder zugewachsen.

1979, mit der Sperrung aller Subventionen für die Salesianer aus Brasília, entschlossen sie sich, ihr Internats-System zu schliessen. Das erste war das Knaben-Internat des Missionssitzes in São Gabriel da Cachoeira. 1984 gab es nach einem Bericht der Salesianer noch 501 Internats-Schüler. Zwischen 1985 und 1987 schlossen dann die Internate von Iauareté, Taracuá, Pari-Cachoeira und Assunção do Içana, sowie das Internat für Mädchen in São Gabriel.

Im Jahr 1983 entdeckten Tukano-Indianer vom Rio Tiquié Gold in der Serra do Traíra und provozierten damit ein wahres “Fieber“, das sich über mehr als ein Jahrzehnt über verschiedene Orte der Region ausbreitete. Indianer wurden aus ihren Ländereien verjagt, Goldschürfer aus allen Teilen des Landes rückten an – auch Bewohner von São Gabriel waren dabei – und dann kamen Schürfunternehmen, um das Gebiet der Serra do Traíra und die Region am oberen Rio Içana zu besetzen.

Den Schock dieser plötzlichen Veränderungen bekamen alle zu spüren. Zum Beispiel beim schnellen Wachstum der Bevölkerung von São Gabriel da Cachoeira, die sich binnen kürzester Zeit verdoppelte – auf 4.500 Einwohner, nach Schätzungen vom Jahr 1985.

nach obenEvangelisation am Rio Içana

Ende 1940 fing Sophia Müller, eine nordamerikanische Missionarin der evangelischen „New Tribes Mission (NTM)“ mit der Evangelisation der Kuripako in Kolumbien an und breitete diese Arbeit auch auf die Baniwa vom Rio Içana aus – 1949 bis 1950. Wenigstens anfänglich hatte die Bekehrung der Baniwa zum evangelischen Glauben alle Anzeichen einer tausendjährigen Bewegung. Mit ihren antikatholischen Parolen und ihren Predigten für die Erlösung und das Ende aller Leiden, gelang es der Missionarin, die Mehrheit aller Indianer des Içana auf ihre Seite zu ziehen. Viele Baniwa hielten die Frau für eine Art Messias, und sie kamen aus allen Richtungen, um sie anzuhören und sich zum neuen Glauben bekehren zu lassen. Nachdem sie von den weissen “Patrões” und Geschäftemachern bisher nur benutzt und benachteiligt worden waren – obwohl sie sich stets bemühten, sich von Weissen fernzuhalten – akzeptierten die Baniwa den Evangelismus als eine Art Widerstand gegen die Herrschaft der Weissen.

In derselben Zeit konstruierten die Salesianer ihre „Missão Salesiana de Assunção“ am unteren Rio Içana. Damit wollten sie den evangelischen Einbruch aufhalten – und sie schufen, mitten im Regenwald, eine Grenze zwischen Evangelischen und Katholiken, die bis zum heutigen Tag besteht.

Die eingeborenen evangelischen Kommunen am Içana haben ein System eingeführt, das sich “Igrejas Bíblicas Unidas“ nennt, es wird geleitet von indianischen Diakonen und einem Ältestenrat, die in loco gewählt werden. Einmal im Monat nimmt eine Gruppe von Kommunen eines Flussabschnitts am heiligen Abendmahl teil – sie wechseln sich ab mit anderen Gruppen. Einmal pro Semester finden die “Konferenzen“ statt – Veranstaltungen, die von denselben Gruppen organisiert werden und für Besucher offen sind. (Weitere Details entnehmen Sie bitte dem Kapitel “Geschichte des Kontakts“ aus dem Text über die “Völker vom Rio Içana“).

nach obenIndianer-Territorien und Organisationen

Chronologisch geordnet eine Übersicht der signifikantesten Ereignisse in der Geschichte des Kampfes um die Demarkation der Indianer-Territorien am oberen Rio Negro:

1971
Die indianischen Führer des oberen Rio Tiquié und Rio Uaupés beginnen, angetrieben von den katholischen Missionaren, die Demarkation ihrer Lebensräume einzufordern. Die Antworten von Seiten der FUNAI sind langsam.

1979
Die FUNAI erklärt drei aneinander grenzende Areale als “von Indianern besetzt“: Pari-Cachoeira, Iauareté und Içana-Aiari. Führer vom Tiquié überbringen der FUNAI einen Vorschlag zur Eingrenzung des Gebiets “Oberer Rio Negro“ als ein einziges Indianer-Territorium (Vorschlag 1981 zurückgezogen).

1984 bis 1985
Die FUNAI schlägt die Demarkation von weiteren drei Arealen vor: Taraquá, Cubate, Içana-Xié, ausserdem die Einbegreifung des Indianer-Territoriums Pari-Cachoeira im Gebiet der Serra do Traíra, anerkannt als permanentes Territorium der Maku. Im Januar 1985 überbringen die Führer nach einer Konferenz in Taraquá erneut den Vorschlag einer Demarkation des Gebiets des “Oberen Rio Negro“ als Gesamt-Areal. Eine Gruppe der FUNAI erarbeitet darauf hin einen Plan, die Region des “Oberen Rio Negro“ als “kontinuierliches Indianergebiet mit identischer Oberfläche“ zu registrieren.

1986 bis 1987
Es wächst der Widerstand aus den Reihen der Militärs – besonders des CSN (Conselho de Segurança Nacional – Nationale Sicherheit) gegen die Demarkation eines kontinuierlichen Indianergebiets direkt an den zu sichernden Grenzen des Landes. Die CSN vertreibt die Administration der FUNAI von ihren Posten. Das Gebiet des “Oberen Rio Negro“ wird zum ersten Laboratorium der Militärs hinsichtlich ihrer Demarkations-Strategie, und sie reduzieren und fragmentieren prompt das Indianer-Territorium im Grenzgebiet. Der CSN handelt mit den Tukano vom Tiquié, eine grosse Versammlung von Führungspersönlichkeiten wird für April 1987 einberufen – 300 Indianerhäuptlinge der verschiedensten Ethnien treffen sich in São Gabriel da Cachoeira zur „2ª Assembléia dos Povos Indígenas do Alto Rio Negro“ – präsent sind Repräsentanten der Landesregierung, die Regierung des Bundesstaates Amazonas, der Kirche, der Unternehmen zur Mineralienförderung und der pro-indianischen Organisationen – um das Projekt “Calha Norte“ (nördliche Schiene) zu diskutieren – die Aktivitäten der Schürfunternehmen und die Regulierung der Indianer-Territorien. Die Versammlung war sich einig, dass die Demarkation eines einzigen Indianer-Territoriums schnellstens vorzunehmen sei – und sie widersprachen damit dem Vorschlag des CSN. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die “Federação das Organizações Indígenas do Rio Negro (FOIRN) gegründet, deren wichtigste Aufgabe es sein sollte, für die beschlossene Demarkation einzutreten. Als Antwort schlug der CSN eine vermittelnde Lösung vor, die sich aus einem Mosaik von Indianer-Kolonien und National-Forsten (FLONAS) zusammensetzen sollte.

1989 bis 1990
Von der Präsidentschaft abgesegnete Dekrete anerkennen die administrative Demarkation von drei Indianer-Arealen in Pari-Cachoeira und schaffen zwei FLONAS Pari-Cachoeira. Es folgen weitere Dekrete der Anerkennung von Indianergebieten in den antiken Reserven von Iauareté, Taraquá, Içana-Xié, Içana-Aiari und Cubate. Andere Dekrete schaffen neun weitere FLONAS (National-Forsten) in derselben Region. Die Indianergebiete, auch “Inseln“ genannt, wurden vor Ort von Soldaten des Heeres mit Zementblöcken markiert, die aber später von den empörten Indianern alle in den Fluss geworfen wurden. Und die Indianer gingen jetzt vor Gericht, indem sie sich der Möglichkeiten der neuen brasilianischen Verfassung bedienten. (Anmerkung: Die Aufsplitterung des Indianer-Territoriums in mehrere, inselartige Teilstücke war aus vielen Gründen ein Unding – besonders aber, weil der Indianer ein zusammenhängendes Gebiet braucht, um seiner gewohnten Lebensweise nachzugehen).

1990 bis 1992
Das “Ministério Público Federal“ leitet eine erklärende Aktion vor dem Bundesgericht gegen die Regierung, die FUNAI und die IBAMA ein, mit dem Ziel der Anerkennung eines zusammenhängenden Areals entsprechend der traditionellen Lebensgewohnheiten der Indianer des Oberen Rio Negro – gleichzeitig die Aufhebung der Dekrete, die ihnen 14 Indianer-Areale und 11 FLONAS zugeteilt hatten. Zwei Jahre darauf verlangte dann die Regierung ein anthropologisches Gutachten über besagte Region.
Eine neue Systematik der Demarkation von Indianer-Territorien erlaubte, dass man die einzelnen, auseinander gezogenen “Inseln“ und “FLONAS“ zu einem Ganzen zusammenfügte – jetzt zog man die Grenzen einer “Área Indígena Alto Rio Negro“ neu, und siehe da, es war ein Indianer-Territorium entstanden, welches den Forderungen ihrer Besetzer jetzt weitgehend entsprach.

1993 bis 1995
Der Vorschlag einer administrativen Revision der Indianer-Territorien am Oberen Rio Negro liegt weiterhin beim Justiz-Ministerium, er passiert diverse Verhandlungen mit den militärischen Sektoren, bis endlich, zwischen Dezember 1995 und Mai 1996, das Ministerium jene Region zur permanenten Besetzung durch die Indianer erklärt und die FUNAI damit beauftragt, fünf aneinander grenzende Indianer-Territorien am oberen und mittleren Rio Negro zu demarkieren.   

1996 bis 1998
Die FUNAI gibt die direkte Administration der Demarkation an das „Instituto Socioambiental (ISA)“ ab, die von der FOIRN für diese Aufgabe empfohlen wird. ISA und FOIRN formulieren ein Projekt zur Konsolidierung der Demarkation, sowie einen Plan zum Schutz und zur Kontrolle des Indianergebiets. Die eigentliche Demarkation wird zwischen April 1997 und April 1998 durchgeführt. Schliesslich, am 15. April 1998, während der „6ª Assembléia Geral da FOIRN”, übergibt der Justiz-Minister die abgesegneten Dekrete der fünf demarkierten Indianer-Territorien, ein Moment, der von den Stammesführern als ein historischer Sieg gefeiert wird.

Nachdem die Demarkations-Etappe endlich geschafft war, macht sich die FOIRN daran, zusammen mit verschiedenen Sponsoren, sich einer grossen Herausforderung zu stellen: ein Programm zur ökologischen Entwicklung des Oberen und Mittleren Rio Negro zu schaffen, mit Aktivitäten zum Naturschutz und seiner Kontrolle, zur Entwicklung technischer Kapazitäten, zum kulturellen Ausdruck und der Selbsterhaltung der indianischen Kommunen (Handhabung von Land- und Forstwirtschaft, Fischzucht, Kommerzialisierung von Kunsthandwerk und anderen Produkten, Einrichtung indianischer Schulen, Ausbildung von indianischen Sanitätern, Publikation von Arbeiten indianischer Autoren und andere.
Wenn Sie dieses Kapitel interessiert, erfahren Sie mehr unter “Programme zur selbsterhaltenden Entwicklung “

Originaltext der ISA „Instituto Socioambiental
Deutsche Bearbeitung/Übersetzung, Klaus D. Günther für BrasilienPortal