Telenovelas

Veröffentlicht am 5. November 2009

…IN DENEN TRÄUME WAHR WERDEN…

Novelas_2005_2
Also wenn Sie mich fragen – ich bin eigentlich gänzlich ungeeignet, für diese Rubrik des BrasilienPortals ein paar passende Worte zu schreiben. Erstens, weil es mir schon zuviel ist, wenn ein TV-Film nur eine einzige Fortsetzung hat, denn ich mag Filme, die an einem Stück, das heisst, auch ohne hinterlistige Werbungsintervalle, zur Sache und zum Ende kommen. Zweitens, weil ich jenen Herzschmerz-Romanheftchen noch nie zugetan war, mit der viele Leute sich in Bahn, Bus oder Flugzeug, manche auch beim Warten auf der Klobrille, die Zeit vertreiben, die aber zweifellos als pseudo-literarische Vorläufer jener Massenpsychose anzusehen sind, die heutzutage ganze Stadtteile in Brasilien leer fegt, wenn es auf acht Uhr abends zugeht – dann fängt dort aber nicht etwa die „Tagesschau“ an, sondern die “Novela das Oito“ (die Acht-Uhr-Novela), eine Domäne der allmächtigen “TV-Globo“, dem viertgrössten Fernsehkanal der Welt – und der lockt mit seinen gnadenlos auf die tief romantische Seele der Brasilianer zielenden Seifenopern nicht nur die gesamte Grossfamilie vor den Fernseher, sondern auch das Heer der Hausangestellten, Portiers, Putzfrauen, Aufzugführer und Chauffeure – jeder vor seinen, versteht sich. Selbst Hund und Katze räkeln sich dann vor der Mattscheibe – in gebührendem Abstand natürlich – denn die Werbungsintervalle für Chappy und Kite-kat sind auch für sie interessant, ausserdem fällt von den vielen glotzenden und Chips kauenden Menschen immer mal etwas für sie auf den Boden. Es soll aber auch schon das eine oder andere sensible Haustier geben, dem die Tragik der Handlung solcher Seifenopern offensichtlich an die Nieren geht: Zum Beispiel wollte der Basset meiner Nachbarin tagelang nichts mehr fressen, weil in der “Acht-Uhr-Novela“ der rosafarbene Toy-Pudel “Lulu“, verhätschelter Liebling einer Gruppe von halbseidenen Damen in einem Prostibül aus den zwanziger Jahren, vor seinen Augen von einem Lastwagen überrollt wurde.

Ja, dramatisch und tragisch sind die “Novelas“ allemal. Wenn da zum Beispiel der junge Held und Traumprinz aller weiblichen Zuschauer einen Autounfall hat – so wie im wirklichen Leben und in der Regel erst fünf Minuten vor Schluss der 151 Folge – dann rollen im ganzen Land Tränen der Erschütterung und des Mitleidens über Millionen verhärmter Wangen der vom Schicksal gebeutelten oder in irgendeinem Abseits vergessenen Weiblichkeit. Dann bangen sie vierundzwanzig Stunden lang um sein Leben – und die halbdunklen Innenhöfe der dicht aneinander gedrängten Wolkenkratzer von Copacabana hallen wieder von Zweifeln und Hoffnung, die beim Aufhängen der Wäsche oder dem Polieren der Möbel in erschütterten Herzen von Hausangestellten keimen und zwischen Küchenfenstern und Balkongittern hin und her irren. Bis die “Realität“, in der einhundertdreiundfünfzigsten Folge, am nächsten Abend, ihre Ungewissheit endlich verscheucht: Aufatmend, unter Entzückungsschreien, entdecken sie ihren Helden unter dem blendenden Weiss der Leinentücher: es hat ihn schlimm erwischt, selbst sein unwiderstehlich blonder Schopf ist von einem dicken Verband umwickelt, ein Bein in Gips ist fotogen, in einem fünfundvierzig Grad Winkel, unter einem Galgen aufgehängt, jedoch, kaum zu glauben, unter seinem Leidens-MakeUp von mehreren Blutergüssen gelingt ihm doch tatsächlich ein Lächeln – wenigstens mit dem einen Auge – nicht für die Kamera, sondern für seine Millionen weiblicher Fans, für alle mit ihm leidenden Anamarias, Rosas, Magalis, Eunices, Raimundas, Gertrudes, Sônias, Aparecidas, Elisabetes, Roselis, Grisaldas, Clodetes, Creuzas und so viele andere, die jetzt wieder ruhig schlafen können, denn auch der Arzt meint, dass er durchkommt. Und als der abtritt, schlägt die plappernde Woge der ungewöhnlich attraktiven Krankenschwestern wieder über dem Bett unseres bemitleidenswerten Helden zusammen – Schnitt und Globo-Gong: Werbungsintervall – den die Hausfrau dazu benutzt, nach ihrem Kuchen im Ofen zu sehen oder ein bisschen Salzgebäck zum nebenbei Knabbern zusammenzustellen. Derweil trocknet die Angestellte verstohlen ihre Tränen ab und geht mit dem Hund vor die Tür – Papa schenkt sich Bier nach und die Kinder stehen Schlange vor der Klotür, weil die älteste Tochter ihren Lidstrich vor dem Spiegel nachzieht und die Tür abgeschlossen hat. Der Globo-Gong holt sie dann alle wieder zurück auf ihren Stammplatz im Wohnzimmer – und das Drama geht weiter…

Allerdings sind Novelas in Brasilien nicht allein ein Privileg von TV-Globo, sondern es gibt eine Reihe weiterer TV-Kanäle, die eigene Seifenopern drehen oder eingekaufte Produktionen mit Untertiteln ausstrahlen – die beliebtesten ausländischen Produktionen kommen aus Mexiko.

Jeder Tag, mit Ausnahme des Sonntags, ist Novela-Tag – und zwar, wenn man will, rund zehn Stunden hintereinander (sogar übereinander) – von morgens bis spät abends kann man die verschiedensten Seifenopern auf unterschiedlichen Kanälen empfangen, und es gibt tatsächlich Experten (vielleicht sollte ich wahrheitsgetreuer sagen: Expertinnen), die, sage und schreibe, vier bis sechs verschiedene Novelas regelmässig verfolgen und auseinander halten können, obwohl schon jede Durchschnittsproduktion in der Regel mindestens vier Monate lang läuft, also schon allein auf mehr als einhundert Folgen kommt. Und die werden nicht etwa im Voraus alle abgedreht, sondern man beginnt mit der Ausstrahlung einer ersten Serie und dreht parallel dazu die nächste. Das hat verschiedene Vorteile: Man kann vor allem die Einschaltquoten und Kritiken beobachten, Inhalte und Personen flexibel halten, erstere je nach Geschmack der Zuschauer in kommenden Drehtagen verändern – letztere sogar abtreten lassen, sollten sie in Ungnade gefallen sein. Auf diese Weise lassen sich auch aktuelle Ereignisse in das Geschehen einbeziehen – und letztlich hängt es ebenfalls von den Einschaltquoten ab, wie lange eine Novela läuft. Es waren schon Dauerbrenner dabei, die länger als sechs Monate, in mehr als einhundertfünfzig Folgen, die Herzen der Brasilianer höher schlagen und das Abendessen anbrennen liessen, überall Tagesgespräch waren, kurz vor acht Uhr abends zu einer erhöhten Quote von Verkehrsunfällen führten, Hochzeiten stimulierten und Scheidungen provozierten – kurz, die Geschichte schrieben und sich so in der brasilianischen Kultur der Gegenwart einen festen Platz erobert haben. Die gesellschaftspolitische Rolle der Novelas ist eine brasilianische Realität.

Mehr als 190 Millionen Menschen hat dieses Riesenland Brasilien – die sich jedoch auf einer Fläche verteilen, die fünfundzwanzig Mal grösser ist als die Bundesrepublik Deutschland. Ausser einem geringen Prozentsatz jegliche Kultur ablehnender Individuen und einer noch geringeren Zahl isoliert lebender Indianer, besitzen heutzutage fast alle Familien einen Fernseher, und die übrigen Personen haben zumindest Zugang zu einem solchen Gerät – selbst unter den Indianern des Xingu-Nationalparks gibt es inzwischen wenigstens einen Fernseher pro Dorf. Die Brasilianer sind eine Fernseh-Nation. Und ich möchte noch ein Stück weiter gehen und behaupten: die Brasilianer sind eine “Novela-Nation“. Nicht nur als Konsumenten – nein, besonders auch als “Macher“, die fast alle ihre Drehorte im eigenen Land finden – und was für Drehorte! Eine grosse Mehrheit der Zuschauer aus den Grossstädten hat das eigene Land überhaupt erst mittels der Novela entdeckt: zum Beispiel das Tierparadies “Pantanal“, an Hand der Novela gleichen Namens, die Indianer vom Rio Xingu, in der unvergesslichen Novela “Aritana“, den tropischen Regenwald und viele seiner Geheimnisse in der aufwühlenden Novela „Amazonas“, die weite, reizvolle Landschaft des Mittelwestens in “O Rei do Gado“ (Der Rinder-König) oder das Brasilien der Kolonialzeit in “Die Sklavin Isaura“. Allen voran der mächtige TV-Globo-Konzern stellt inzwischen Produktionen auf die Beine, die sich in jeder Hinsicht mit der cinematografischen Weltspitze messen können, und deren besonderer Reiz die gut gewählten brasilianischen Landschaften und regionalen Sitten und Gebräuche ihrer Bewohner sind – wenigstens gilt dies für mich selbst, wenn ich mir schon mal ein paar Folgen der “Novela-das-oito“ anschauen muss, weil auch mein Liebling erst danach zu einem kleinen Nachtbummel mit mir zu bewegen ist.

Die beängstigende Geburtenexplosion Brasiliens ist in den letzten zehn Jahren erfreulich zurückgegangen. Nicht nur wegen der Kondome und Anti-Babypillen, die von der Regierung gratis verteilt werden, sondern vor allem wegen des Fernsehers in jedem Haushalt und, nicht zuletzt, wegen der Novelas für jeden Bürger. In den Stories selbst werden neben dem beliebten Herzschmerz-Melodram oft auch aktuelle Probleme, wie Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Aids-Gefahr, Umweltverschmutzung, elterliche Gewalttätigkeit u. a. angesprochen – und das Thema des sexuellen Umgangs miteinander ist für Brasilianer und Brasilianerinnen längst kein Tabu mehr, weil es inzwischen in mehreren Novelas von den Protagonisten schonungslos aufgearbeitet wurde. Man vermutet sogar, dass auch in diesem Fall der Novela, oder vielmehr ihren Produzenten, eine Prämie für gewisse erzieherische Aufklärung gebührt.

Was Wunder, dass der Ruf der “brasilianischen Seifenopern“ auch über den Atlantik nach Europa gedrungen ist, allerdings nehme ich nicht an, dass ihnen dort so hohe Einschaltquoten wie bei uns in Brasilien beschieden sein werden, die hierzulande immerhin zwischen 50% und 70% bei der “Novela-das-oito“ liegen – die “Sklavin Isaura“ erreichte sogar die Traumgrenze jedes Produktionschefs von 95% – mehr als das Endspiel zur Fussball-Weltmeisterschaft!!!

Weil wir vom BrasilienPortal von unseren Besuchern nun schon wiederholt auf jene “Novelas“ angesprochen wurden, haben wir uns ein bisschen näher mit der Materie beschäftigt und für Sie im Anschluss alle brasilianischen Telenovelas ab 1965 bis aktuell erfasst und die interessantesten von diesen über 400 „Seifenopern“ auch mit einer kurzen Inhaltsangabe versehen. Bei allen haben wir allerdings auch die Titel ins Deutsche übersetzt, um Ihnen die Thematik wenigstens andeuten zu können.

Sollten Sie bemerkt haben, dass ich mich nicht unbedingt mit den Inhalten von Seifenopern identifiziere, so lag das durchaus in meiner Absicht, und ich habe auch gleich am Anfang meiner Betrachtung darauf hingewiesen. Trotzdem muss auch ich anerkennen, dass die Novelas durchaus ihren berechtigten Platz im Fernsehprogramm verdient haben – ja, ich sehe sie sogar als willkommene Strömung gegen jene inhaltsöde Mord- und Totschlag-Krimiwelle an, die einen sensiblen und kreativen Fernsehzuschauer heutzutage in die TV-Abstinenz zu treiben droht. Während letztere es fast immer vorziehen, mit Faust und Revolver zu argumentieren, kann man von einer gut gemachten Novela wenigstens wieder menschliche Regungen und durchaus auch stellenweise ergreifende Dialoge erwarten. Der Revolver ist in diesem Fall eher ein selten benötigtes Instrument, die breite Skala menschlicher Gefühle wird dagegen wieder ihrer eigentlichen humanen Rolle gerecht und kann bei den Zuschauern, die ihre natürliche Sensibilität nicht in einer dunklen Ecke als „altbacken“ abgestellt haben, viel mehr Erregung und Anteilnahme hervorrufen, als monotone Polizeietüden und ihre Killer-Protagonisten.

Und da es unbestreitbar zu den liebenswertesten Eigenschaften des brasilianischen Volkes gehört, gefühlsbetont zu sein und auch so zu reagieren, trifft man mit den Telenovelas ebenso unbestritten auf ihre empfindlichste Stelle. Und wer sich in der Realität nicht mit dem, für einen Grossteil der Brasilianer unerreichbar wohlhabenden Milieu der einen oder anderen Novela identifizieren kann, der träumt sich vor dem in seiner Holzhütte aufgebauten Fernsehgerät in die Handlung hinein – schlüpft heimlich in die kleine Nebenrolle eines Kindermädchens in der Villa des reichen Unternehmers und träumt mit ihr von einem flüchtigen Kuss seines Sohnes, des Protagonisten der „Novela-das-oito“. Und machen wir uns doch nichts vor: die ewigen Revolverschüsse, Morde und Leichen der Krimis sind mindestens ebenso realitätsfremd wie die multiplen Liebesbeziehungen, Heiraten, Seitensprünge und daraus entstehenden Verwicklungen der Novelas. Aber ich sehe zwischen den beiden TV-Genres einen durchaus bemerkenswerten Unterschied, den ich mal kurz und krass ausdrücken möchte: die einen appellieren an unsere niederen Instinkte, die andern an unsere edleren Gefühle! Oder empfinden Sie das nicht so?

Nun können Sie zwar mit unserer Novela-Übersicht noch kein Experte auf diesem Gebiet werden, aber vielleicht reicht sie doch, um Ihnen die brasilianische Seele ein bisschen weiter zu erschliessen, denn die zeigt sich ziemlich offen in den Themen und der gefühlsbetonten Handlung solcher Telenovelas. Und nach all dem, was die europäischen Medien mit ihrer einseitigen Berichterstattung an Gewaltvorstellungen über Brasilien provoziert haben, ist es doch tröstlich zu wissen, dass das Gros der Brasilianer eben keine Killertypen verehrt sondern in solchen Menschen ihre Helden sieht, die Liebe und Zärtlichkeit auf der Mattscheibe verströmen, und die auch mal verzeihen können. Und solche Helden bringen in Brasilien Einschaltquoten bis zu 90%! Sollten Sie ebenso empfinden, dann sind Sie bei uns in Brasilien genau richtig – also besuchen Sie uns bald einmal!