Romãozinho

Veröffentlicht am 2. März 2012

Die ersten Spuren der Legende Romãozinho stammen aus dem Distrikt “Boa Sorte” im Munizip “Pedro Afonso” des Bundesstaates Goiás – sie datieren vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Man kennt die Legende im Osten Bahias, in ganz Goiás, einem Teil von Mato Grosso und auch im Grenzgebiet zwischen Goiás und Maranhão.

Einige Forscher sagen, dass der Mythos vom “Saci-Pereré“ diese Legende beeinflusst hat. Sie ist auch als “Fogo Fátuo“ und “Corpo-Sêco“ bekannt.

romaozinhoDie Legende erzählt von einem kleinen Jungen, der als Sohn eines Arbeiters geboren wurde und die Boshaftigkeit schon in seinem Blut hatte. Er hatte Spass daran, die Tiere zu quälen und die Pflanzen zu zerstören – seine Schlechtigkeit war offensichtlich.

Eines Tages schickte ihn die Mutter hinaus aufs Feld, um seinem Vater das Mittagessen zu bringen, der am Waldrand arbeitete. Der Junge ging, aber natürlich mit Unlust. Auf halbem Wege stieg ihm der Geruch des gebratenen Huhns in die Nase – er hob den Deckel ab vom Henkelmann und ass das Huhn auf. Dann legte er die abgenagten Knochen fein säuberlich zusammen, setzte den Deckel wieder oben drauf und übergab wenig später seinem Vater das “Essen“.

Als der nur Knochen auf dem Maniokbrei liegen sah, machte er seiner Enttäuschung Luft, indem er den Jungen anfuhr, ob das wohl ein Witz sei? Der boshafte Junge zuckte nur die Achseln und sagte: “Das war alles, was sie mir gegeben haben . . . ich glaube, dass meine Mutter das Huhn mit diesem Mann gegessen hat, der immer vorbeikommt, wenn du nicht da bist – dann haben sie eben nur die abgenagten Knochen geschickt . . .“

Der Vater, ausser sich vor Wut und Eifersucht, warf seine Hacke weg – rannte nach Hause, griff sich die Machete (Haumesser) von der Wand und hackte die Frau in Stücke. Bevor sie ihren Geist aufgab, verfluchte sie ihren Sohn, der sie grinsend betrachtete, als sie in ihrem Blut lag: “Du sollst niemals sterben. Du sollst weder Himmel noch Hölle je kennenlernen, noch dich je ausruhen können, solange noch ein einziger Mensch auf dieser Erde existiert“. Ihr Mann starb aus Reue und Verzweiflung – und Romãozinho verschwand, immer noch grinsend.

Und seither strolcht dieser Lausbub, der niemals wächst, auf den Strassen umher und tut alles, was anderen Schaden bringt: Er zerschlägt Dachziegel mit Steinwürfen, erscheint den Menschen als Spukgestalt, und nimmt den Hühnern die Eier weg. Er ist klein, schwarz (wie der “Saci“), lacht schadenfroh und ist durch und durch schlecht.

Solange noch ein Mensch auf dieser Erde wandelt, wird er nicht sterben – und weil er die eigene Mutter verleumdet hat, darf nicht einmal die Hölle ihn aufnehmen. Es gibt andere Versionen, in denen die Mutter des Jungen gerade am Spinnrad sass, als der Vater sich ihr von hinten näherte und sie erschlug – aber solche Retuschen der Legende verändern ihren Sinn und Inhalt nicht.

Von dem bösen Bürschchen wird auch gesagt, dass er auf einsamen Wegen wie ein tanzendes Irrlicht plötzlich erscheint und den Wanderer ängstigt. Manche Leute sagen von ihm, er sei der “Corpo-Sêco“ in Person – damit meinen sie eine Menschenseele, die so böse ist, das weder Himmel noch Hölle sie einlassen – deshalb strolcht er durch die Welt und erschreckt die Lebenden.