Lobisomem

Veröffentlicht am 2. März 2012

Allein durch die Tatsache, dass es sich in der Originalfassung dieser Legende um einen Wolf handelt (Lobisomem), der einst in einer Vollmondnacht einen Mann gebissen hat, beweist, dass ihre Wurzeln nicht in Brasilien zu suchen sind, denn in Brasilien, und auch im übrigen Südamerika, gibt es keine Wölfe.

Und der harmlose, scheue “Lobo-guará“ (Chrysocyon brachyurus) – den der Volksmund zwar als Wolf bezeichnet, der aber eher einem hochbeinigen Fuchs gleicht, denn einem Wolf – hat mit jenem blutdürstigen Wesen eines Wolfes bestimmt nichts gemein – ausserdem ernährt er sich von kleinen Nagetieren und Vögeln, frisst auch manchmal deren Eier.

Full moonDie Legende erzählt weiter, dass sich der vom Wolf gebissene Mann von da an in jeder weiteren Vollmondnacht in ein Wesen halb Wolf und halb Mensch verwandelte, das nach Blut dürstete und in der Nacht Menschen und Tiere anfällt, um ihr Blut zu trinken. Im Morgengrauen verwandelt er sich dann wieder zurück in den Menschen, der er gewesen. Wer von ihm gebissen wird und überlebt, den ereilt das gleiche Schicksal: In einer Vollmondnacht verwandelt er sich in einen so genannten “Werwolf“.

Wahrscheinlich wurde auch diese Legende mit den europäischen Siedlern nach Südamerika eingeschleppt. In Brasilien – besonders im halbtrockenen Hinterland des “Sertão“ – hat sie eine Reihe von Modifikationen erlebt. An einigen Orten erzählt man sich, dass der siebente Sohn einer Reihe von sechs Kindern gleichen Geschlechts sich in einen Werwolf verwandeln wird. Eine andere Version gibt an, dass ein Sohn, der nicht getauft wurde, sich später in einen Werwolf verwandeln kann. Und eine weitere Version behauptet, dass dieses Monster vorzugsweise nicht getaufte Kinder anfällt – deshalb beeilen sich die Familien im Sertão, ihr Neugeborenes so schnell wie möglich taufen zu lassen.

Wenn ein solches Kind geboren wird, ist es auffallend mager, blasshäutig und seine Ohren sind etwas länger als gewöhnlich. Die Werwolfgestalt tritt ab seinem 13. Lebensjahr in Erscheinung. In der ersten Vollmondnacht nach seinem 13. Geburtstag schleicht sich der Junge still davon und verwandelt sich auf einer Wegkreuzung in einen Werwolf, der den Mond anheult – so wie ein Wolf es tut. Nach dieser ersten Verwandlung ist er stets in der an Dienstag- und Freitagsnächten als Werwolf unterwegs, um in sieben Munizipien der Region sein Unwesen zu treiben – sieben Kirchhöfe aufzusuchen, sieben Siedlungen und sieben Wegkreuzungen. Wo immer er vorbeikommt, hört man das klägliche Winseln der Hunde, gehen alle Lichter aus, und die Menschen erzittern vor seinem Haare sträubenden Geheul.

Wie die Legende berichtet, kann ein Werwolf nur durch eine Kugel oder ein anderes Objekt aus reinem Silber getötet werden.