Der Mond

Veröffentlicht am 2. März 2012

Zu jener Zeit gab es weder Mond noch Sterne. Und die Nacht war stockfinster, sodass alle Menschenwesen sich in ihren Behausungen vor Angst aneinander drängten in dieser totalen Dunkelheit. Aber es gab eine Indianerin im Dorf, die hatte keine Angst. Sie war aussergewöhnlich hellhäutig und wohlgestaltet – ganz anders als die übrigen Frauen im Dorf.

Jedoch war ihre Schönheit wie ein Fluch – keiner der Männer hatte den Mut, sich ihr zu nähern, und die Frauen beneideten ihre Schönheit und wichen ihr aus. Und da sie sich einsam fühlte, begann sie, in der Nacht umher zu wandern. Die Dorfbewohner waren entsetzt über ihre Kühnheit, aber sie lachte nur und versicherte ihnen, dass die Dunkelheit nicht gefährlich sei.

MoonlightIm Dorf lebte auch eine Indianerin, die war besonders hässlich und dunkelhäutig, und sie beneidete – ja sie hasste die Schönheit der Andern. Eines Nachts raffte sie sich ebenfalls auf zu einem Spaziergang in dunkler Nacht. Aber da sie nichts sehen konnte, stolperte sie über Steine, zerschnitt sich die Füsse an umherliegenden Zweigen und erschreckte sich an den umherhuschenden Fledermäusen. Voller Zorn unterhielt sie sich mit der Klapperschlange: “Ich will, dass du diese weisse Indianerin in die Ferse beisst – sie soll dunkel, hässlich und alt werden, sodass niemand mehr sie bewundert“!

Die Klapperschlange rollte sich ein und erwartete die hellhäutige Indianerin. Und als diese in der Nacht vorbeikam, schlug sie zu – und brach sich die Giftzähne ab, denn die Füsse der Frau steckten in zwei schützenden Muscheln. Die Schlange fing an, sie zu verwünschen, und die schöne Indianerin fragte sie nach dem Warum ihrer Feindseligkeit. “Weil die Dunkle es befohlen hat“, antwortete diese, “sie mag dich nicht leiden und will, dass du dunkel, hässlich und alt wirst“! Darüber wurde die schöne Indianerin sehr traurig – sie wollte nicht unter Menschen leben, denen sie nicht näherkommen konnte – sie ertrug es nicht mehr, anders zu sein als die übrigen Menschen ihres Dorfes – hellhäutig und ohne Angst vor der Nacht.

Also flocht sie eine feste Leiter aus Lianen und bat ihre Freundin Eule, sie am Himmel zu befestigen. Dann begann sie hinauf zu steigen – stieg höher und höher, und oben angekommen, waren ihre Kräfte erschöpft, und sie schlief auf einer Wolke ein. Tupã gefiel ihr Mut und er hatte Mitleid mit der einsamen Indianerin – er verwandelte sie in einen hell leuchtenden, runden Planeten, den die Menschen später “Lua“ (Mond) nannten.

Die dunkle, hässliche Indianerin schaute zu ihm auf und erblindete. Sie verbarg sich mit der Klapperschlange in einer Höhle. Alle anderen Indianer waren begeistert vom Licht des Mondes, der ihre Nächte von nun an erhellte.