Mythologie Amazonas

Veröffentlicht am 17. Februar 2012

Der sorgfältig untersuchte und hinsichtlich seiner Legenden und Mythologie meist zitierte Bundesstaat ist zweifellos Amazonas. Er wurde von zahllosen Naturalisten, Künstlern und Wissenschaftlern besucht und bereist – und jeder von ihnen hat auf seine Weise zur Entdeckung und zur Beschreibung der regionalen Folklore beigetragen.

2caaporaIn der aus Weissen und Mestizen bestehenden Bevölkerung sind die europäischen Mythen lebendig – mit lokalen Zusätzen. Geschichten der Katechese haben sich mit den religiösen Traditionen der Indigenen gemischt. Der unverwundbare “Mapinguari“ stirbt durch eine Wachskugel, die aus einer Altarkerze angefertigt wurde, welche zur Christmesse leuchtete. Ein Kreuz aus geweihtem Stroh der Sonntagsmesse (Domingo de Ramos) vertreibt die Waldzwerge aus den Häusern. Die zahlreiche indigene Bevölkerung, von Natur aus aufmerksame Zuhörer, übernehmen und verbreiten – schon ein bisschen in ihrem Sinne verändert – jedwede Geschichte, und die vervielfacht jene fantastische Welt der Mythen, verleiht ihnen neue Nuancen, je nach der Einbildungskraft ihrer Schöpfer.

Die von den portugiesischen Siedlern mitgebrachten Legenden haben sich ebenfalls mit den schon existierenden gemischt und so das grosse mythologische Szenario Amazoniens bereichert.

Keine einzige dieser Legendenvielfalt entkam dem Einfluss des nordöstlichen Elements – das sich seinen Weg durch Wälder und Flüsse bahnte und mit dem Spuk aufräumte. Und weil Gespenstergeschichten schon ein Teil nordöstlicher Tradition sind, wurde all das verändert, was man nicht verstand, und nach nordöstlicher Tradition neu zusammengesetzt. Auf diese Weise entstand auch der “Caapora“ – ein Riese, der auf die wilden Tiere aufpasst, stolz und mächtig – unzugänglich für humane Interessen, beschützt er Wildschweine, Hirsche, Tapire und andere Tiere vor ihren Jägern, die er furchtbar bestraft, wenn er sie erwischt – er ist der Hüter der Fauna des Regenwaldes.

Allerdings in Amazonien kennt diesen Riesen niemand. Wer hier den Ton angibt, verhandelt, verbietet und bestraft, ist die “Caipora“, jene “Caboclinha“ in Kindergestalt, mit harten, schwarzen Haaren bis zu den Knien, die Tabak liebt und dem Jäger wohlgesinnt ist, der ihr respektvoll einen Teil seiner Jagdbeute überlässt.

Paraíba, Rio Grande do Norte und Ceará, alle drei Nordoststaaten haben ihre Bewohner zu Tausenden nach Amazonien exportiert und damit sogar das gesellschaftliche Gleichgewicht ihrer Heimat geopfert. Und mit ihren Söhnen und Töchtern haben sie auch ihre Mythen und Legenden in diese weit weg liegenden Regionen mit eingebracht. Nachdem sie in Amazonien angekommen waren, haben sich diese Legenden fast unverändert ausgebreitet, haben hier und da ein paar lokale Retuschen erfahren, die aber ihren originalen Inhalt kaum veränderten.

Dem gemäss haben sich die ethnischen Einflüsse in der Amazonasregion folgendermassen verteilt: Die Weissen mit dem nordöstlichen Kontingent bilden die erste Gruppe – die Indios, durch ihr Volumen die zweite Gruppe, obwohl abhängig von der ersten – die Afrikaner sind lediglich mit leichten Skizzen ihrer Präsenz beteiligt, weil sie sich eher ihrer religiösen Tradition widmen, aber wenn sie in Erscheinung treten, dann innerhalb der ersten beiden Gruppen.