Mythen und Legenden

Veröffentlicht am 17. Februar 2012

Mythen, Legenden – oder ihr Sammelbegriff, die Mythologie – sind so alt wie die Menschheit selbst. Sie stellen ihre geistige Vorstellungswelt dar aus einer Zeit, in der man noch keine schriftlichen Bekenntnisse kannte, sondern Informationen ausschliesslich mündlich weitergab. Durch die Mythen eines Volkes erfahren wir etwas über dessen Weltanschauung weit vor unserer Zeitrechnung – sie erschliessen uns gemeinschaftliche Erfahrungen und den Ursprung ihrer Naturreligionen.

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Phänomene, die auch dem modernen Menschen noch unfassbar erscheinen, wie zum Beispiel die Entstehung der Welt, finden sich in der Mythologie der meisten Völker – auch bei den Eingeborenen Südamerikas. Und die Mythen dieser Urvölker sind deshalb so bedeutend, weil sie Rückschlüsse auf die Denk- und Lebensweise der antiken Kulturen erlauben – sie haben oft sogar einen historischen Kern bezüglich der Werkzeuge und Gerätschaften, die von diesen Menschen benutzt wurden – und sie geben sogar Aufschluss über ihre Sprache.

Wegen ihres oft nicht logischen Inhalts ist ihr Informationswert allerdings heftig umstritten. Und schon in der historischen Vergangenheit haben unterschiedlichen Mythen zu kriegerischen Konflikten zwischen einzelnen Völkern geführt. Und selbst in unserem “aufgeklärten Zeitalter“ erleben wir immer noch die scheinbare Diskrepanz zwischen der Mythologie und den Naturwissenschaften. Eigentlich handelt es sich hier lediglich um unterschiedliche Arten der Interpretation, die durchaus nebeneinander koexistieren können.

Mythen sind Erzählungen mit einer stark symbolischen Komponente. Weil die Völker der Antike zum Beispiel die Naturphänomene nicht wissenschaftlich erklären konnten, schufen sie Mythen in der Absicht, sich und anderen die Welt, in der sie lebten, erklären zu können. Die Mythen dienten ausserdem dazu, Kenntnisse zu vermitteln und die Mitmenschen auf Gefahren, Schwächen und Qualitäten des menschlichen Wesens aufmerksam zu machen. Götter, Helden und übernatürliche Figuren mischen sich mit realen Geschehnissen, um dem Leben und der Umwelt Sinn und Zweck zu geben. Ein Mythos ist etwas Unglaubliches – etwas Irreales. Mythos und Legende gehen Seite an Seite, aber in der Regel ist es der Mythos, der sich zu einer Legende entwickelt.

Legenden sind weiterentwickelte Geschichten, oft heroische oder gefühlvolle Episoden mit einem verherrlichenden oder fantastischen Element, erzählt von Personen, die sie wiederum von anderen Personen gehört haben – sie sind durch alle Zeitläufte mündlich überliefert worden. Was Wunder also, dass der eine oder andere Erzähler den realen oder historischen Fakten noch ein paar Früchte seiner eigenen Vorstellungswelt untergemischt hat – zum Beispiel, um seine Zuhörer besonders zu beeindrucken. In der Regel zeichnen sich diese volkstümlichen Legenden durch vier charakteristische Elemente aus: Sie sind mündlich überliefert, zweideutig, beständig und anonym.

Die ältesten Legenden Brasiliens stammen natürlich aus der Mythologie seiner Ureinwohner, deren erstmaliges Erscheinen auf dem südamerikanischen Subkontinent die moderne Forschung auf 10.000 bis 12.000 Jahre zurück datiert hat. Die europäischen Invasoren dagegen entdeckten Südamerika erst vor etwas mehr als 500 Jahren, jedoch brachten auch sie ihre Legenden mit in die “Neue Welt“ – und als sie dann etwas später ihre schwarzen Sklaven aus Afrika importierten, wurden die brasilianischen Legenden durch ein weiteres ethnisches Element beeinflusst, das jedoch im Vergleich zur indigenen Komponente eher gering ausfiel – der Einfluss der Afrikaner war nämlich wesentlich stärker im religiösen und künstlerischen Bereich. Tatsache ist, dass Brasiliens Legenden mit mythologischem, historischem und naturbezogenem Hintergrund zu zwei Dritteln von den Indios stammen – und etwa ein Drittel wurde von den portugiesischen Einwanderern aus ihrer Heimat mitgebracht, und die haben ihre erzählerische Form im Lauf der Zeit der brasilianischen Umgebung und den neuen Lebensgewohnheiten angepasst. Der Beitrag der Afrikaner liegt eher in Schauergeschichten von bösen Geistern und Spukgestalten, die besonders unter den schwarzen Kindermädchen kursierten, die damit die ihnen anvertrauten Sprösslinge ihrer Herrschaft an der Kandare hielten.

In unserem Beitrag stellen wir Ihnen brasilianische Bundesstaaten vor, in denen wir in Bezug auf die alten, historischen Mythen und Legenden fündig geworden sind – und das sind, aus den schon dargelegten Gründen, in erster Linie Bundesstaaten des Nordens, Nordostens und Mittleren Westens, denn in ihnen hat sich das mythologische Erbe der indigenen Bevölkerung in relativ unverfälschter Weise erhalten – aber auch die Legenden der europäischen Einwanderer sind in diesen geringer besiedelten Regionen unbeeinflusster geblieben als zum Beispiel in den urbanen Zentren, die ihrerseits moderne “Lendas urbanas“ (urbane Legenden) hervorgebracht haben, hinter denen jene “alten Geschichten“ langsam verblassen.

Bei diesen “urban legends“ – man kann sie auch Grossstadtlegenden oder –sagen nennen – handelt es sich in der Regel um, sagen wir, skurrile Geschichten, die inzwischen nicht nur von Mund zu Mund, sondern auch per Email weitergegeben werden, ohne dass man ihre Quelle noch zurück verfolgen kann. Manche sind so interessant pointiert, dass man sie sogar in den Medien wiederfindet, und es gibt nicht wenige Leser – besonders in Brasilien – die solche Grossstadtlegenden auch ernst nehmen.

Daraus kann man ohne weiteres ableiten, dass Mythen, Legenden, und der in der modernen Erzählforschung verwendete Begriff “Sagen“, nicht nur unter primitiven oder traditionellen Gesellschaften aus der Vergangenheit zu finden sind, sondern eigentlich stets mit der humanen Weiterentwicklung Schritt gehalten haben – man könnte sagen, dass sie ein Teil des natürlichen Mitteilungsbedürfnisses sind – und es schon immer waren. Übrigens bevorzugt man den Begriff “Sage“, sowohl für moderne wie traditionelle Erzählungen mit Wahrheitsanspruch – im Gegensatz zum “Märchen“, das als frei erfunden gilt.

Manche modernen Sagen sind eigentlich uralt – wie eh und je erzählen sie von den klassischen Themen Krankheit, Krieg, Tod oder Wahnsinn – aber nachdem man ihnen ein zeitgemässes Umfeld verpasst hat, interpretieren sie aktuelle Geschehnisse durchaus glaubwürdig. In dieser Sammlung gibt es zum Beispiel:

Kriminal-Stories

Erzählt wird vom Erfindungsreichtum krimineller Energie – gewarnt wird vor Unvorsicht und Leichtgläubigkeit.

Rache-Stories

Ein häufiges Motiv in den Grossstadtlegenden, die sich oft über das ungerechte Rechtssystem auslassen und deshalb zur Selbstjustiz greifen, die im realen Leben verboten wäre – und sie verleiten den Leser zur Sympathie für den Rächer.

Horror-Stories

Handeln von der menschlichen Angst, und nicht nur vor lebenden Wesen, sondern auch vor Naturgewalten, gefährlichen Viren und sogar vor undurchschaubarer Technik. Auch die Angst vor Fremden und Fremdem haben zahlreiche Sagen zum Thema, die auf ethnische oder gesellschaftliche Minderheiten zielen. Zahlreich sind auch Legenden, die im Ausland spielen, in denen fremde Sitten und Gebräuche Ängste schüren – kuriose Essgewohnheiten, Bedrohungen, Diebstahl, verschwundene Mitreisende, makabre Riten – auch gefährliche exotische Tiere stehen im Mittelpunkt solcher Horror-Stories.

Eigentlich wollte ich gar nicht so weit abschweifen – also bleiben wir vorerst mal bei den alten bis uralten Mythen und Legenden Brasiliens, bevor wir demnächst den Bogen noch ein bisschen weiter spannen werden, um Ihnen auch eine Reihe von modernen “urban legends“ aus Brasilien zu präsentieren.

Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen dieser Mythen, Legenden und Sagen aus Brasilien!