Martinho da Vila

Veröffentlicht am 3. November 2009

Martinho da VilaMartinho José Ferreira – mit dem späteren Spitznamen „Martinho da Vila“ – wurde in Duas Barras, im Bundesstaat Rio de Janeiro, geboren – aber gleich darauf zog seine Familie um in den Stadtteil, der den Künstler als „seinen illustren Sohn“ aufnahm – Vila Isabel. Obgleich er sich in einer Karriere als Industrielaborant und dann sogar als Sergeant des Heeres versuchte (man stelle sich vor: Martinho mit seiner typisch gutmütigen Art und seiner weichen Ausdrucksweise als Kommandeur einer Truppe?), fand er schliesslich innerhalb einer Samba-Gruppe seine wahre Berufung.

Eine Berufung, die sich in brillanten „Sambas-enredo“ (Themen-Sambas zum Karnevalsaufmarsch) ausdrückte, die er jährlich für seine Samba-Schule „Unidos de Vila Isabel“ komponierte – und ihr sogar zum Gewinn des Titels „Campeã do Carnaval de 1988“ verhalf. In jenem Jahr schrieb Martinho als Autor den unvergessenen Song „Kizomba, a festa da raça“.

Und während er sich seiner „Herzens-Schule“ widmet, nimmt er gleichzeitig auch neue Platten auf. Und wie aktiv er ist! Im Ganzen sind es 27 Scheiben seit 1968 – als er die erste im Verlag der RCA Victor herausbrachte. Das Ende dieses Plattenverlags, der 1988 von der BMG geschluckt wurde, führte ihn zur CBS (gegenwärtig Sony Music), mit der der Sänger einen neuen und haltbaren Vertrag einging. Zur Feier seines neuen Vertrags, und auch zum Jubiläum des „Jahrhunderts der Sklavenbefreiung“, brachte er seine Platte „Festa da Raça“ (das Fest der Rasse) auf den Markt. Indem er sich des Mestre Rildo Hora als einem Meister des Arrangements bediente, präsentierte der Sänger bedeutende Elemente der afrikanischen Kultur in seiner ebenfalls historischen Musik – wie zum Beispiel den Samba-Enredo „Xica da Silva“, der der Samba-Schule Salgueiro 1962 den Sieg gebracht hatte.

Stets bemüht, seinem Werk einen persönlichen Touch zu geben, lancierte Martinho da Vila im folgenden Jahr die LP „O Canto das Lavadeiras“ (der Gesang der Wäscherinnen). Dem lag eine kritische Untersuchung von verschiedenen Regionen Brasiliens und ihrer Rhythmen zugrunde, mit der er den Gegnern der „Brasilidade“ (Brasilianischem Selbstverständnis) zeigen wollte, dass die eigene Folklore ihre Ablehnung nicht verdient. Martinho gelang es, die Charakteristika jeder Region in die entsprechenden musikalischen Schöpfungen einzubinden, was besonders mit Hilfe der technischen Möglichkeiten der Studios von heute beeindruckend gut gelang. Eine dieser enthaltenen Songs, „Dancei“ von Argemiro aus der „Alten Garde“ der Samba-Schule „Portela“, wurde später als Titelmusik zur Novelle „Tieta do Agreste“ (Jorge Amado) ausgewählt.

Das Jahr 1990 trifft auf einen Martinho da Vila, der ruhiger geworden ist, sich öfter in sich selbst versenkt und nachdenkt. Sein Album „Martinho da Vida é“ (Martinho des Lebens) ist, wie der Titel selbst bereits suggeriert, eine Sammlung von existenziellen Themen. Das Repertoire umfasst Neuschöpfungen von Werken, welche bestimmte Momente seines Lebens markierten – wie zum Beispiel der Xote (Tanz) „Adeus, Mariana“ aus den 40er Jahren, oder der Fado „Rosinha dos Limões“, der zwischen den 50 er und 60er Jahren populär war und damals von der begnadeten Stimme des Portugiesen Francisco José interpretiert wurde.

Eine andere gelungene Platte von Martinho bewies, dass der Samba seine Kraft nicht eingebüsst hatte, obwohl er sich zu jener Zeit von den Medien ziemlich vernachlässigt zeigte. Indem er sich wieder einmal der wertvollen Hilfe des Meisterarrangeurs Rildo Hora bediente, suchte Martinho mit der CD „Vai Meu Samba Vai“ nach neuen Wegen, dem Samba die Türen wieder weit zu öffnen, mittels einer ungewöhnlichen Orchesterbesetzung: einem Streichorchester mit acht Geigen, vier Violas und zwei Celli – dazu neun Blechbläser. Das Ergebnis war ein einzigartiges Werk, das sogar einen „Samba-Rap“ enthielt, mit dem Titel „Eh, Brasil“.

1992 macht sich Martinho wieder an seine Arbeit als Autor, mit einer CD auf der ausschliesslich eigene Kompositionen zu hören sind. Unter dem Titel „No Templo da Criação“ (Der Tempel der Schöpfung) wendet er sich etwas ab vom Orchestralen und unterstreicht dagegen seine Herkunft als „Sambista“. Im Gegensatz zu seinem vorhergehenden Album, das fast ohne Trommeln auskam, lassen die gegenwärtigen Arrangements viel Platz für Pandeiros (Tamburins), Cavaquinhos (Ukuleles) und Surdos (grosse Trommeln). Martinho ehrt die über ganz Brasilien verstreuten „Rezedeiras“ (Gesundbeterinnen) mit dem Titel „Benzedeiras guardiãs“ – und seine Kompositionen werden von Paulo Mouras Klarinette wunderbar untermalt. Ausserdem benutzt Martinho die Gelegenheit, seinem Lieblings-Team Vasco da Gama eine musikalische Referenz zu erweisen – mit einem Text, der diese Mannschaft besonders lobt. Sogar das Tor von Jorginho Carvoeiro wird erwähnt, mit dem er den Titel gegen den Cruzeiro im Jahr 1947 gewann, und ein anderes von Roberto Dinamite, geschildert von José Carlos Araújo – alles auf dieser Platte.

Übrigens war jenes Lob für Vasco nicht umsonst: schon rotierte in Martinhos Kopf eine Idee, mit der er der Stadt Rio de Janeiro, die er so sehr liebte, eine musikalische Referenz erweisen wollte. Und als „Ao meu Rio de Janeiro“ (An mein Rio de Janeiro) herauskommt, erleben seine Fans die Postkartenidylle, die Martinho da geschaffen hat, indem er die Musik bedeutender Stars der Carioca-Szene neu arrangiert und interpretiert hat. Mit dieser Platte hatte er den Weg für eine triumphale Rückkehr in die Charts der Erfolgsinterpreten vorprogrammiert. Mit einer sensationellen Zusammenstellung von bisher unveröffentlichten und kaum bekannten Sambas, konnte er auf die technische Perfektion der gesamten Sony Music zählen – eine Platte, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Wieder mit dem unvergleichlichen Touch des Produzenten und Arrangeurs Rildo Hora – „Tá Delícia, Tá Gostoso“ präsentierte einen amourösen Martinho da Vila, den man bisher nicht kannte, und der alle seine Fans lehrte, dass Liebe, Leichtigkeit und Humor nicht unbedingt mit dem üblichen poetischen und rhythmischen Mangel der „Pseudo-Sambas“ einher gehen müssen, welche die Charts bis dato belegt hatten. Und von dem Moment an, als seine köstliche Schöpfung „Mulheres“ explodierte, entdeckte auch Martinho endlich den Geschmack am Verkauf „wie warme Semmeln“ – in allen Teilen Brasiliens.

Und er hat alles, um so weiterzumachen! Wie einer seiner beliebtesten Titel sagt: „Devagar, devagarinho . . . se chega ao longe . . “ (Langsam, ganz langsam, kommt man sehr weit).

Diskographie Martinho da Vila
  • MARTINHO DA VILA – 4.5 ATUAL (2012)
  • POETA DA CIDADE (2010)
  • FILOSOFIA DE VIDA – O PEQUENO BURGUÊS (2010)
  • O PEQUENO BURGUÊS (2008)
  • DO BRASIL E DO MUNDO (2007)
  • MARTINHO JOSÉ FERREIRA – AO VIVO NA SUIÇA (2006)
  • BRASILATINIDADE AO VIVO (2005)
  • CONEXÕES AO VIVO (2004)
  • VOZ E CORAÇÃO (2002)
  • MARTINHO DA VILA DA ROÇA E DA CIDADE (2001)
  • LUSOFONIA (2000)
  • O PAI DA ALEGRIA (1999)
  • 3.0 TURBINADO – AO VIVO (1998)
  • COISAS DE DEUS (1997)
  • TÁ DELÍCIA, TÁ GOSTOSO (1995)
  • AO RIO DE JANEIRO (1994)
  • MARTINHO DA VILA (1992)
  • VAI, MEU SAMBA, VAI! (1991)
  • MARTINHO DA VIDA (1990)
  • O CANTO DAS LAVADEIRAS (1989)
  • FESTA DA RAÇA (1988)
  • CORAÇÃO MALANDRO (1987)