Gonzaguinha

Veröffentlicht am 28. Oktober 2013

GonzaguinhaLuiz Gonzaga do Nascimento Júnior (Gonzaguinha) wurde am 22.9.45 in Rio de Janeiro als Sohn des bekannten Sängers und Komponisten Luiz Gonzaga do Nascimento oder “Gonzagão” und der Sängerin und Tänzerin Odaleia Guedes geboren.

Der Vater Gonzagão machte die derzeit noch unbekannte regionale Musik des brasilianischen Nordostens (Bundesstaat Pernambuco) mit seinem Akkordeon und seinen Liedern in ganz Brasilien bekannt. Dazu gehören typische Musikrichtungen wie der “Baião”, der “Forró”, von dem man sagt, dass sein Name “for all = für alle” heissen soll, der “xote” und noch einige mehr. Seine wohl bekannteste Komposition ist “Asa branca”, in der er von der Dürre und der Not im trockenen Pernambuco singt und die jedes Jahr zur Zeit der “Juni-Feste” (Sankt Johannis, Sankt Antonius und Sankt Peter) allerorten zu hören ist.

Gonzaguinha komponierte sein erstes Lied mit 14 Jahren und 1961, mit 16 Jahren, zog er nach Cocotá (Stadtviertel im Norden Rio de Janeiros) zu seinem Vater zum Studium. Vorher hatte ihn der Vater nach dem frühen Tod seiner Mutter bei Paten untergebracht, während er auf Tournee war.

“Dina und Xavier, der Gitarrist aus Bahia auf dem Pflaster der Copacabana. Sie waren es, die mich grossgezogen haben und ihretwegen spiele ich Gitarre.” (Gonzaguinha)

Vom Vater hatte er den Namen auf der Geburtsurkunde, Geld, um in die Schule zu gehen und ab und zu etwas zu unternehmen. Eingebettet in den Alltag der normalen Bevölkerung lernte Gonzaguinha die Härte eines Lebens am Rande der Gesellschaft kennen, die tägliche Ungerechtigkeit, die ein grosser Teil der Gesellschaft erlebt, die zu nichts Zugang hat.

Direkt nach Rio zog er wieder, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Im Haus des Psychiaters Alúzio P. Carrero lernte er Ivan Lins (Musiker und Komponist) sowie seine erste Frau Angela kennen, mit der er 2 Kinder hatte: Daniel und Fernanda. Später bekam er noch eine Tochter von der Schauspielerin Sandra Pêra, die Schauspielerin und Sängerin Amora Pêra. Während dieses Zusammenlebens im Haus des Psychiaters gründete er die Studentische künstlerische Bewegung (movimento artístico universitário=MAU) mit Aldir Blanc, Ivan Lins, Márcio Proença, Paulo Emílio und César Costa Filho. Diese Bewegung spielte eine grosse Rolle in der MPB=Música popular brasileira der 70er Jahre.

Bekannt für seine kritische Haltung gegenüber der Militärdiktatur (1964-1985), unterzog er sich der Zensur. So wurden von den 72 vorgelegten Liedern 54 zensiert, unter ihnen sein erster Erfolg “Comportamento geral” (Allgemeines Verhalten), in dem er das Duckmäusertum der armen Bevölkerung anprangert und die Angst davor, aufzubegehren. An diesem Beginn seiner Karriere trugen ihm seine in den Augen der Medien aggressive und wenig angenehme Darbietung den Spitznamen “Cantor rancor” (der verärgerte Sänger) ein mit eher rauhen Liedern wie “Piada infeliz” (unglücklicher Witz) und anderen. Mit dem Beginn der politischen Öffnung in den späten 70er Jahren, begann er seinen Ton etwas zu ändern und Lieder in gefälligerem Ton für das Publikum dieser Zeit zu komponieren wie z.B. “Começaria tudo outra vez” (Ich würde alles noch einmal so tun), “Grito de alerta”(Hilfeschrei) oder auch Reggae-Themen.

Seine Kompositionen wurden von vielen der grossen Interpreten der MPB aufgenommen, wie Maria Bethânia, Simone, Elis Regina, Fagner etc.

1975 beendete er seine Verträge mit seinen Arbeitgebern und wurde unabhängiger Künstler.

Das Jahr 1975 war auch der Beginn seiner Exkursionen durch ganz Brasilien, in denen er das ganze Land mit seiner Gitarre bereiste. So bekam seine Musik nationale Wurzeln und er entdeckte die Bedeutung seines Vaters in der brasilianischen Volksmusik.

In diesem ganzem Verlauf zeigte Gonzaguinha neben undiskutablen künstlerischen Qualitäten auch eine grosse Kohärenz in seinen Gedanken über die Kunst, das Leben und die politische Dimension des Menschen.

Die letzten 12 Lebensjahre verbrachte Gonzaguinha in Belo Horizonte (Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais im Landesinnern Brasiliens) mit seiner zweiten Frau Louise Margarete Martins (Lelete) und ihrer Tochter, dem Nesthäkchen Mariana.

Das ruhigere Leben in Minas Gerais markierte eine introspektive Zeit seiner Karriere. Er teilte seine Zeit zwischen langen kreativen Phasen und langen Tournee durch das Land.

Die wichtigste dieser Tourneen war vielleicht mit der Show “Vida de Viajante” (Leben eines Reisenden), an der Seite seines Vaters Luiz Gonzaga im Jahr 1981. Diese Tournee besiegelte das Wiedersehen zwischen Vater und Sohn, den Schnittpunkt zweier Musikstile: das Brasilien aus dem Sertão des “Baião” traf auf das urbane Brasilien der Lieder mit einer sozialen Verpflichtung, beide mit nur einer Leidenschaft – der Bühne.

Dort liessen Vater und Sohn ihre Verletzungen, ihren Groll, ihre Uneinigkeit hinter sich im Staub der Strassen zurück. Indem sie über fast ein Jahr zusammen reisten, vergaben sie sich nicht nur – sie wurden Freunde. Es gab keine Versöhnung, es gab Verständnis.

Nach einer Aufführung in Pato Branco im Bundesstaat Paraná (Südosten Brasiliens), starb Gonzaguinha mit 45 Jahren als Opfer eines Autounfalls am 29.4.1991. Seine letzten Lebensjahre widmete er dem musikalischen Werk seines Vaters.

Gonzaguinha wurde im April 1991 in Belo Horizonte begraben.

Text Fotografie:

Sieh sein lächelndes Gesicht
Sieh sein lächelndes Gesicht hinter der Mauer
Jetzt kann er Lächeln, denn die Angst ist vorüber
Sein Herz schlägt schon viel ruhiger
Anstatt des Lärms der Angst im Ohr
Hört er das Geräusch der Murmeln
Jetzt kann er Murmeln spielen
Wieder Kind sein.

Sieh im Gesicht des Andern die Anspannung
Im Gesicht des Andern die Aufmerksamkeit auf das, was kommt
Dieses zur Seite sehende Auge, aufpassend, es kommt jemand !
Der Mörder, der Folterer
Der Todes-Engel, der Schmerzens-Engel
Ô, ô, ô, ô, , ô, ô, ô, ô, ô
Sieh dieses schlimme Gesicht
Das Gesicht des Schreckens desjenigen und ein anderer mit einer 38er in der Hand
Sieh den Rauch aus dem Lauf aufsteigen
Der Körper eines weiteren Kindes, zu Boden gefallen
Sieh die verlassenen Murmeln auf dem Boden.
Ô, ô, ô, ô, , ô, ô, ô, ô, ô

Diskografie Gonzaguinha
  • A Viagem de Gonzagão e Gonzaguinha (1991)
  • Gonzagão e Gonzaguinha – Juntos (1991)
  • Luiz Gonzaga Junior (2001)
  • Cavaleiro Solitário (1993)
  • Luizinho de Gonzagão Gonzaga Gonzaguinha (1990)
  • Corações Marginais (1988)
  • Geral (1987)
  • Olho de Lince – Trabalho de Parto (1985)
  • Grávido (1984)
  • Alô Alô Brasil (1983)
  • Caminhos do Coração (1982)
  • Coisa Mais Maior de Grande – Pessoa (1981)
  • De Volta ao Começo (1980)
  • Gonzaguinha da Vida (1979)
  • Recado (1978)
  • Moleque Gonzaguinha (1977)
  • Começaria Tudo Outra Vez (1976)
  • Plano de Vôo (1975)
  • Luiz Gonzaga Junior (1974)
  • Luiz Gonzaga Junior (1973)