Kunsthandwerk in Brasilien

Veröffentlicht am 3. November 2009

Das brasilianische Kunsthandwerk entspringt einer Fülle von Quellen, welche sich im Lauf der Zeit in vielen Fällen auch ineinander verflochten haben. In diesem Abschnitt möchte ich lediglich die wichtigsten Strömungen aufführen, um Ihnen ein paar Referenzen zu geben, wenn Sie entsprechende Ausstellungen, Märkte oder Kunsthandwerks-Läden besuchen. Dort können Sie dann auch Ihre eigenen Entdeckungen machen.

HOLZSCHNITZEREI

7_ArtesanatoDie Bearbeitung von Holz stammt prinzipiell aus zwei unterschiedlichen Quellen: aus Afrika und aus der Schule der Jesuiten. Im brasilianischen Nordosten stammen viele der Holzbearbeitungstechniken aus der Zeit der afrikanischen Sklaven, die man über den Atlantik verschleppt hat, um in den Zuckerplantagen zu arbeiten. Eines der prominentesten Beispiele ist die „Carranca“, ein holzgeschnitzter Figurenkopf, der am Schiffsbug befestigt wurde, um Dämonen und böse Geister fernzuhalten. Diese Carrancas werden in alter afrikanischer Maskentradition angefertigt – viele andere holzgeschnitzte Masken kann man im Nordosten entdecken.

Die Jesuiten verstanden es, ihren eingeborenen Schülern neben der spirituellen Schulung auch die verschiedensten handwerklichen Fähigkeiten zu vermitteln – dazu gehörte auch die Fertigkeit des Schnitzens und Bemalens von religiösen Figuren und Szenen, und die Relikte aus dieser Epoche beweisen, dass aus diesen einfachen Menschen viele wahrhafte Künstler hervorgegangen sind. Die Holzschnitzerei ist in Pernambuco und Bahia (beide Nordosten) weit verbreitet. In Rio de Janeiro arbeiten verschiedene neuzeitliche Künstler mit Holz und die Stadt Embu (São Paulo) gilt als ein bedeutendes Zentrum für Holzskulpturen und antike Möbel. Brasiliens bedeutendster Holzbildhauer allerdings ist schon lange tot: das begnadete Werk des „Aleijadinho“ (1738-1814) kann man in den berühmten Barockkirchen des Bundesstaates Minas Gerais bewundern – in Ouro Preto, Congonhas do Campo, Mariana, São Joao del Rei oder Tiradentes – für Kunstkenner auf seinen Spuren zu wandeln, ist allein eine Brasilienreise wert (siehe „Aleijadinho„).

nach obenKERAMIK

klein_cermica marajoaraIm Nordosten Brasiliens findet man religiöse Figuren auch aus Ton hergestellt – zum Beispiel die nicht glasierten, lebensgrossen Heiligen aus rotem Lehm in Tracunhaém, in der Nähe von Recife (Pernambuco). Ein anderes Zentrum für ähnliche Arbeiten ist Goiana, ebenfalls in Pernambuco. Ein dritter Ort, aus dem gegenwärtig die berühmtesten Handarbeiten in Ton stammen, ist der kleine Flecken Alto da Moura, ein Vorort des folkloristischen Caruaru – rund 125 km von der Hauptstadt Recife (Pernambuco). In diesem kleinen Ort wurde der Meister Vitalino geboren – hier begann er aus Lehm vom nahen Fluss kleine Tiere und menschliche Figuren zu modellieren – Szenen aus dem täglichen Leben der einfachen Menschen um ihn herum zu gestalten (aus der Arbeit, den Festen, den Tänzen und sogar politischen Ereignissen) – seine Originale sind heute alle entweder in Museen gelandet oder in Privatsammlungen. Er starb 1963, aber die Tradition, welche er begründet, wurde von den Angehörigen seiner Familie fortgeführt und ihre Keramik-Figuren sind inzwischen weltbekannt (siehe BrasilienPortal: „Der Markt von Caruaru“).

Aus der Amazonasregion, zum Beispiel von der Insel Marajó, sind tönerne Bestattungsurnen, Töpfe, Schalen und Vasen aus Keramik in verschiedenen Stilen bekannt geworden – einige von ihnen in sehr eigenwilligem Charakter gehalten. Bahianische und nordöstliche Keramik präsentiert in der Regel einen afrikanischen Einfluss.

nach obenTEXTILIEN, KLEIDUNG UND LEDER

art_chapeuCeará, nördlichster Bundesstaat des Nordostens, ist berühmt für seine handgeklöppelte Spitze – und besonders schöne Stücke kommen in ganz Brasilien zum Verkauf. Dort selbst wie auch in anderen Teilen des Nordostens ist die Herstellung von Hängematten und anderen gewebten Stücken weit verbreitet. Besonders die Hängematten sind ein wichtiger Bestandteil des nordöstlichen Haushalts, und auch Sie werden sich für den Erwerb einer guten Hängematte interessieren, wenn sie zum Beispiel vorhaben, den Amazonas per Schiff zu befahren. Andere Gebrauchsartikel, die in Handarbeit hergestellt werden, sind Bettvorleger und Ponchos, die im Hochland weiter südlich angefertigt werden – zum Beispiel in Minas Gerais – um etwas gegen die Nachtkälte im Haus zu haben.

Die Verarbeitung von Leder – vom Rind und von der Ziege – hat im brasilianischen Nordosten ebenfalls Tradition, besonders in den halbtrockenen Gebieten des weiten „Sertao“. Wenn man mal einen Markt im Inland besucht, so werden einem sofort die ganz in Leder gekleideten „Vaqueiros“ auffallen, jene nordöstlichen Cowboys, deren einzige Beschäftigung aus der Pflege und dem Hüten der Herden ihres Patrons besteht. Ihre ledernen Jacken und Hosen – der komplette Anzug wird „Gibao“ genannt – schützen den Körper gegen Verletzungen durch fingerlange Dornen, denen die Männer täglich beim Treiben der Rinder durch das unwirtliche Buschwerk ausgesetzt sind. Sogar ihre eigenwilligen Hüte mit Kinnband sind aus Leder gefertigt, und selbstverständlich auch das Sattel- und Zaumzeug ihrer ausdauernden Pferde.

art_boiIm Nordosten wurzeln die traditionellen Sitten und Gebräuche in der Regel in den afrikanischen Ritualen, welche mit dem Sklavenhandel in Brasilien Fuss fassten. In den südlichen Landesteilen, wo die europäische Immigration am stärksten war, kann man viele traditionelle Gebräuche beobachten, die in Festen und Tänzen überlebt haben. Eine ganz eigenwillige Kleidung des Südens ist die der Gaúchos, der Rinderhirten aus Rio Grande do Sul, die ausser der Textilverarbeitung auch Lederarbeiten mit einbezieht. Hier findet man ausserdem bestes Sattel- und Zaumzeug für Pferde, Silber- und Goldarbeiten sowie originellen Zubehör für das Trinken ihres grünen Mate.

Lederarbeiten sind allerdings nicht begrenzt auf den Nordosten und Süden, sondern können überall dort in Brasilien gefunden werden, wo man sich mit der Rinderzucht befasst.

nach obenANDERE KUNSTGEWERBEARTIKEL

klein_art_bolsaBesonders in Amazonien wächst eine Fülle der verschiedensten Rohmaterialien zur Herstellung von Körben, Netzen, Fussmatten, Babytragen, Masken und Körperschmuck. Und so findet der Besucher auch in dieser Region die wahren Meister in der Verarbeitung von Pflanzenfasern für derlei Gegenstände des täglichen Bedarfs. Auch der Nordosten – besonders seine Bundesstaaten Bahia, Pernambuco und Piauí – sind für ihre Qualitäts-Korbwaren in allen Formen und Grössen bekannt.

Eine regionale Besonderheit des Nordostens sind die so genannten „Flaschenbilder“ – Darstellungen von Landschaften mit farbigem Sand, die innerhalb von gläsernen Flaschen angelegt werden. Die besten Angebote dieser eigenwilligen Kunst findet man in Lençois (Bahia) und Natal (Rio Grande do Norte).

In Minas Gerais sind die Skulpturen aus Seifen- oder Speckstein sehr populär. Schon der berühmte Barockkünstler „Aleijadinho“ hat dieses weiche Material zu einer Serie seiner berühmtesten Skulpturen verarbeitet: den zwölf Aposteln vor der Kirche von Matozinhos im Ort Congonhas do Campo (Minas Gerais). Auch die in der beliebten Küche desselben Staates verwendeten Kochtöpfe aus Ton sind ein Stück uralter traditioneller Handarbeit und zur Zubereitung der typischen Speisen unentbehrlich.