Solange Castro

Veröffentlicht am 28. Dezember 2009

logo-alo-musik“ALÔ MÚSICA“ – Ein Hallo für die brasilianische Musik weltweit
Über Neuigkeiten, über die Neuerscheinungen, Konzerte, Künstler, Produzenten, Labels usw. Bescheid zu wissen… Für Recherchen über Sänger, Musiker, Künstler des musikalisch brasilianischen Universums, es reicht ein Klick und da ist alles zur Verfügung: im Portal “ALÔ MÚSICA“!  

Das ist aber immer noch nicht alles, was das Portal anzubieten hat. Es hat noch die Sympathie von Solange Castro, die zu jeder Zeit da ist, um Alle zu informieren, Gedanken und Tendenzen zusammenzuverbinden, und unter einem tadellosen Kriterium, deren Charakter auch tadellos ist.    

Interview: Tânia Gabrielli-Pohlmann ©
Deutsche Version: Tânia Gabrielli-Pohlmann, Clemens Maria Pohlmann ©
Link: Alô Música

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Hallo, Solange… Ha,ha… Jetzt wechseln sich die Rollen und du bist dran, ein bisschen über dich selbst zu erzählen…

Solange Castro
Tânia, es ist mir eine Ehre, von dir interviewt zu werden…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Es ist mir auch eine Freude, über dich und deine Arbeit dem Publikum zu erzählen… Sag mal, wie entstand die Idee, ein so gut strukturiertes Portal über unsere Musik aufzubauen?

Solange Castro
Als Veranstaltungsmanagerin und Produzentin seit dem Jahr 1987 habe ich alle Schwierigkeiten dieses Berufes ganz nahe erlebt. Ich wohne in Rio de Janeiro und jedes Mal, wenn ich eine Veranstaltung ausserhalb des Bundesstaates organisieren wollte, musste ich mich tierisch bemühen, um die entsprechende Infrastruktur zu finden, wie z.B. Bühne, Ton- und Beleuchtungsgeräte, spezielle Effekte, Probenräume usw. Ende 1999 / Anfang 2000 hörte ich von MP3 und dachte: “Wenn es Musik speichert, dann müssen auch Adressen zu speichern sein, die man immer braucht und nirgends findet…“ So hat es begonnen. Fast ein Jahr habe ich gebraucht, um Adressen von Künstlern, Komponisten, Managern und Instrumentalisten zu recherchieren, und auch noch dazu im Bereich der Dienstleistung, von Klavierstimmern, Spezialisten für Bühne, Ton, Beleuchtung, Studios, Grafiken, Labels usw. Im Jahr 2001 startete “Alô Música“ mit 3.800 Informationen und heute sind es mehr als 18.000 – es ist die grösste Dateibank über die brasilianische Musikproduktion im Web.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Welche sind die Kriterien, um die CDs in dem Portal bekannt zu machen? Berichtest du darüber, was du nicht gehört hast? Ich frage dich, weil viele Menschen mir nur Releases schicken und danach sich beschweren, weil ich über die entsprechenden CDs nichts geschrieben habe…

Solange Castro
Auf gar keinen Fall – wir bekommen jedem Monat viele CDs, aber wir können nicht über alle berichten, und das bedeutet nicht, dass sie keine gute Qualität haben, sondern hat es mit dem zum zur Verfügung stehenden Platz zu tun. Aber nun, ein Werk bekannt zu machen, ohne es gehört zu haben, das geht nicht – wir haben zu viel Verantwortung gegenüber unserer Arbeit…  

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Wie schaffst du es, “Alô Música“ zu managen, für Jornal das Gravadoras (die Zeitung der Labels) regelmässig zu schreiben, Veranstaltungen zu organisieren und noch dazu, so viel Aufmerksamkeit denjenigen zu geben, die dir schreiben? Wann schläfst du?   

Solange Castro
(Lächelnd)   Ach, Tânia, das weiss ich selber nicht… “Alô Música“ hat ca. 2000 Besuche pro Tag, und das, weil wir erst langsam ein Publikum bekommen, das von ausserhalb des Musik-Bereiches ist. Das bedeutet, unsere Nutzer sind meisten Musiker, Komponisten, Produzenten, Agenten, Intellektuelle, Journalisten, Presse-Assistenten, Kritiker usw… Und, wie du es selber weisst, dieses Publikum ist sehr anspruchsvoll… Um den Ansprüchen dieses Publikums auf Dauer gerecht zu werden , das bedeutet für mich ganz viel Arbeit, aber ich klage nicht, weil ich einfach sehr gerne arbeite…
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Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und die Musiker, bekommen sie auch Termine für Konzerte nach dem sie in “Alô Música“ publiziert wurden?

Solange Castro
Natürlich ist das eine der Ergebnisse. Das bringt Gewinn – aber trotzdem finde ich, ist es nicht die Hauptsache. Den grössten Vorteil, in “Alô Música“ zu inserieren ist, ständig im Markt “präsent“ zu sein – keiner trinkt eine Cola schon sofort im Moment, in welchem er ihre Werbung sieht, aber es fällt einem immer sofort ein, wenn man Durst hat oder wenn man ein Getränk beim Essen möchte. Ausserdem, da wir das einzige Portal mit “Musik Produktion Management“ sind und weil wir eine sehr seriöse Arbeit machen, wurden wir zu “Referenz“.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Mehrmals habe ich schon gehört, dass der Brasilianer weder gerne liest noch Instrumental-Musik gerne hört. Glaubst du daran, oder erkennst du, dass die Brasilianer eigentlich für beides keinen Zugang haben?   

Solange Castro
Wegen des Lesens kann ich nicht daran glauben – sehr häufig gehe ich in Buchhandlungen, die immer voll sind. Natürlich kann ich nicht sagen, dass es für alles gilt, da  die Kultur “überflüssig“ ist, für diejenigen, die jede Münze sparen müssen, um Essen auf den Tisch zu bringen, und leider kann man sagen, sie sind die Mehrheit. Aber wenn man von den sogenannten Klassen B und A spricht, dann gehört die Kultur zu ihrem alltäglichen Leben. Schon wegen der Instrumental-Musik, finde ich gemein – die Radiosender spielen nur was die grossen Labels befehlen – der „jabá“  (Schmiergeld)  ist unverschämt… Natürlich verschwindet dadurch die Instrumental-Musik, weil sie dem Publikum nicht präsentiert wird – und das ist eigentlich ein Recht der Bevölkerung, da die Radio- und TV-Konzessionen öffentlich sind. Die “Majors“ hätten eigentlich kein Recht, diese Szene zu beherrschen, wie sie es machen. Daher wurde die Instrumental-Musik zu “Luxus-Ware“, und wird nur denen bekannt, die in der Lage sind, eine gute CD zu kaufen.

Nur um eine Ahnung zu haben, kamen in der letzten Zeit CDs wie:
solange-castro1“Pixinguinha + Benedito”, von Mário Seve und David Ganc

solange-castro2“Boas Novas”,  von Alex Rocha

solange-castro3“Don Quixote”, von Willians Pereira

solange-castro4“Canção do Sol Nascente”, von Camilo Carrara

solange-castro5“Diz que fui por aí”, von Gabriel Grossi

solange-castro6“Sacopenapã”, von der Gruppe “No olho da rua”

solange-castro7“Tigres da Lapa”, mit Marcos Ariel

solange-castro8“Jubileu”, von Kim Ribeiro

solange-castro9“Lounjazz”, von Leo Gandelman

solange-castro10“Lá Freire & Bocato”

Ach, es sind so viele wunderschöne Werke…  Wir haben hervorragende Labels, wie “Delira Música”, mit Neuerscheinungen von hoher Qualität „Zungu“, von Fernando Martins und „Só pra contar pra você“, von Elder Costa, “Maritaca”, usw., welche wirklich sehr gute Musik haben – aber es ist so Schade, dass diese Kunst und Talente wahrscheinlich das Volk nie erreichen wird…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Wie sortierst du die CDs, die du bekommst?   

Solange Castro
Nach den ersten drei Noten…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Wie hoch ist die Anzahl der Pageviews des Portals?

Solange Castro
2.000 pro Tag, das ist nicht so viel, weil ich eine Pause in der Vermarktung des Portals gemacht habe, aus dem Grund, um festzustellen, wie der Markt reagieren würde… Aber ich glaube dieser Durchschnitt wird auf bis zu 2.500 pro Tag steigen, weil ich in den nächsten Tagen schon wieder mit der Werbung anfangen werde.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
“Alô Música“ hat auch im Ausland ein sehr grosses Publikum. Wie entwickelst du diese Kontaktarbeit mit dem Ausland?   

Solange Castro
Am Anfang war es eine so zu sagen körperliche Arbeit.. Sechs Monate lang habe ich “Alô Música“ in verschiedenen Portals und Sites weltweit angemeldet. Das Portal “Alô Música“ ist sogar in Aserbaidschan angemeldet. Überall im Internet, wo man nach  “brasilianischer Musik“ sucht, wird “Alô Música“ gezeigt. Danach habe ich Kontakt mit Sites über Musik und Musikmanagement der Welt aufgenommen. Da “Alô Música“ sehr seriös ist und einen sehr guten Ruf hat, wird es von Künstlern und Intellektuellen aus der ganzen Welt nachgefragt. Und dazu gibt es auch die so genannte “Mund zu Mund Propaganda“. Als Produzentin kenne ich auch viele Produzenten, Musiker und Dienstleistungsspezialisten. Wie schon erwähnt, unsere Werbung für das Laienpublikum ist noch nicht gross, aber wir sind in dem Musikbranche sehr bekannt – sowohl in Brasilien, als auch in vielen anderen Ländern.
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Tânia Gabrielli-Pohlmann
Auf “Alô Música“ gibt es auch Platz für internationale Labels, welche brasilianische Musik produzieren. Wer hat Priorität?   

Solange Castro
Natürlich gibt es Platz auch für sie – unser Pflicht ist es, über die brasilianische Musik zu berichten – egal auf welchem Punkt dieses Planeten sie produziert wird.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Viele Brasilianer, die hier leben, klagen über meine Sendungen, weil ich kaum “Musik des Meanstreams” spiele. Wie findest du das Programm der brasilianischen Sender?   

Solange Castro
Also, über die anderen Bundesstaaten kann ich nicht viel sagen, weil Brasilien viel zu gross ist und daher haben wir Tausende von Sendern, aber die Sender hier in Rio de Janeiro lassen viel zu wünschen übrig. Wir haben den JB FM, Globo FM,  Paradiso,  Rádio MEC und Antena Um – und das war’s, mit interessanten Programmen …  Der Sender MPB FM war hervorragend, aber leider hat das System “jabá“ auch dort Einzug gehalten und nun wiederholt MPB FM manche Lieder so oft, dass man sie nicht mehr hören kann. Ausser diesen kann ich keinen weiteren empfehlen.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Glaubst du, dass es möglich ist, den “jabá” abzuschaffen?

Solange Castro
Es muss möglich sein. Wenn es im Rundfunkgesetz Brasiliens steht, dass nur 25% der Sendezeit für Werbung erlaubt sind, und trotzdem spielen sie Musik auch noch in “bezahlten Zeiträumen”, das bedeutet, sie achten auf das Gesetz nicht, was ein “Verbrechen” ist. Und wenn es “Verbrechen” ist, muss es beendet werden.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Deiner Meinung nach, Solange, welche ist die soziale Rolle des Künstlers, besonders des brasilianischen Künstlers?   

Solange Castro
Die Gesellschaft, das alltägliche Leben und die Tendenzen zu schildern. “Identität”! Und in diesem Fall meine ich den “Autor”, mehr als den “Interpreten“.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Du bist intensiv in unsere Kultur, in unser Land und, natürlich, in unsere Musik verliebt. Macht es Sinn, nicht stolz zu sein, eine Brasilianerin zu sein?   

Solange Castro
Für mich, Tânia, NIE! Ich liebe Brasilien und bin sehr stolz, eine Brasilianerin zu sein. Ich liebe mein Volk, unsere Kultur, unsere Kunst, unseren Boden, unsere Meere, Flüsse, Wälder, Früchte, Obst, alles. Tja, es gibt auch eine grosse Menge korrupte Menschen, aber das ist auch überall auf diesem Planet zu finden. Ich kann nur dieses Volk bewundern – ein fleissiges Volk, das in seinem Alltag kämpft und trotzdem so grosszügig, gutgelaunt, gastfreundlich, intelligent und sehr, aber wirklich seeeeeeeeeeehr musikalisch ist…     

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Danke, Solange. Und viel Erfolg wünsche ich dir! Die LeserInnen, die dieses Interview in Portugiesisch lesen möchten, können es im Boletim “A Casa dos Taurinos” und auf “Protexto” lesen. Es ist mir eine Ehre, deine Arbeit meinem Publikum zu präsentieren!     

Solange Castro
Tânia, wie ich schon am Anfang erwähnt habe, es ist auch mir eine Ehre. Du weisst, wie ich deine Arbeit bewundere. Noch dazu kommt unsere Identität im Bereich “Liebe zu Brasilien und zu unserem Volk”. Deswegen ist es so schön, unsere Kunst zusammen bekanntzumachen.