Pindorama

Veröffentlicht am 28. Dezember 2009

pindorama-kleinKann man das Instrument als maximal soziologischer Interpret einstufen? Guta Menezes, Flávio Paiva, Ronaldo Diamante und Élcio Cáfaro von der brasilianischen Gruppe Pindorama behaupten, “die Instrumental-Musik kann Bilder entstehen lassen”. Wir schliessen und dem an. Aber eben nur durch Talente von Musikern, wie sie! Dem BrasilienPortal standen die „Instrumentalisten“ nun bereitwillig Rede und Antwort …

Also, wenn man von der o.a. Behauptung aus geht, kann ich nur sagen, dass ihr es wirklich geschafft habt. Die entstandenen Bilder sind mehr als klar und deutlich, ohne aber offenbar zu sein… Geben wir denn dem Leser ein bisschen von den Komponenten der  Bilder dieses von Pindorama geformten Universum…

Pindorama

Guta Menezes

pindorama2Guta Menezes spielt Trompete, Flügelhorn und Harmonika. Sie spielt in einer nur aus Frauen bestehenden Band bei dem Haupt-TV-Sender Brasiliens. Ausserdem produziert und macht sie Aufnahmen in ihrem eigenen Studio.

Flávio Paiva

pindorama3Flávio Paiva spielt Klavier und Querflöte, ist Komponist und Arrangeur. In Partnerschaft mit seiner Ehefrau Guta arbeitet er auch als Produzent und zwar in seinem Label und Studio, wo übrigens die Pindorama CD aufgenommen wurde.

Ronaldo Diamante

pindorama4Ronaldo Diamante ist Komponist und Produzent, spielt E- und Akustisch-Bass und er ist ein echter Session Man, der schon mit den grössten Namen der brasilianischen Musik gespielt hat.

Elcio Cáfaro

pindorama5Elcio Cáfaro ist unser Schlagzeugspieler. Ein Virtuose dieses Instrumentes, hat er schon mit fast jedem grossen Namen der brasilianischen Musik gearbeitet..

Wenn wir Bilder entstehen lassen, kommen sie aus unserem Universum, welches wesentlich musikalisch ist. Eigentlich waren es die Töne und Rhythmen, die uns zu den Texten geführt haben. Als brasilianische Musiker sind die Einflüsse vielfältig: aus dem Nordosten, vom Frevo und vom Baião; aus Rio de Janeiro, vom Samba, vom Choro und der Bossa Nova usw. Diese musikalischen Einflüsse beziehen sich auf affektiven, literarischen, zärtlichen Erinnerungen. Kurz gefasst: es sind individuelle Gefühle, die gleichzeitig gemeinsam der Gruppe gehören, und welche sich in der Musik übersetzen lassen.

Jeder von euch hat eine brillante Karriere. Das individuelle Curriculum würde hier zu viel Platz beanspruchen… Vorbei ziehen unübersehbar grosse Namen, sowohl in der brasilianischen, wie der internationalen Musik. Waren es diese Partnerschaften, wo ihr euch kennen gelernt habt? Wie entstand die Gruppe als solches?
Diese Frage erklärt genau wie die Gruppe entstanden ist. Als in der Branche aktive professionelle Musiker, trafen wir uns manche Male im Laufe der Jahre. Daher haben wir festgestellt, dass es eine musikalische und persönliche Identität gab und darüber hinaus entstand die Gruppe.

Pindorama hatte als  Ausgangspunkt “Contos de Belazarte”, von Mário de Andrade. Trotzdem überwindet ihr die Grenzen der Paulicéia und seiner Einwohner (die “zufälligen“ oder nicht…), obwohl ihr bewahrt eine tief poetische musikalische Sprachweise, genau wie Mário. War das euch schon seit dem Anfang des Projektes klar, als ihr vorhattet, diese Geschichte erzählen, oder setzten sich die Figuren im Laufe der Arbeit nach und nach durch?
In diesem Projekt versuchten wir es, das inspirierende Stichwort mit dem Zuhörer zu teilen, und gleichzeitig eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende zu erzählen, wie ein Film, der verschiedene getrennte Episoden hat, ohne die Einheit zu verlieren. Der Prozess war voll Variationen: Manche Geschichten oder Figuren sind vor den Kompositionen entstanden; in anderen Fällen nahmen wir die in einem Lied sich selbst erzählende Geschichte erst nach der Aufnahme wahr.

Schon zu Beginn, vermittelt die CD gleich ein Bild von einem Geschichten-Erzähler, der Brasilien von Nord bis Süd durchquert hat, in einer alten Kneipe, vielleicht im  Landesinneren von Minas Gerais. Aber wie man auf dem Cover der CD lesen kann, liegt dieser Ausschank in Mangaratiba (Bundesstaat Rio de Janeiro) und wurde im Jahr 1920 fotografiert, und das Brasilientum, welches vermittelt unter scheinbarer Einfachheit, zeigt nach und nach ein sehr seltenes musikalisches und konzeptuelles Raffinement…… Wie war die Erfahrung, zu diesem Konzept zu kommen?

pindorama6Wir hatten einen unwirklichen Belazarte… Wir haben viel darüber miteinander geredet und wir fantasierten viel darüber, wie das Gesicht dieser Figur sein mochte. Daher entschieden wir uns, ihn auf den Umschlag der CD darzustellen. Ab dieser Entscheidung holte sich jeder alte Familie-Fotos von zu Hause. Der Mann auf dem Umschlag ist der Grossvater von Flávio Cousins. Er schien uns ein sehr brasilianischer Typ. (Eigentlich wurde er auf Ilha Grande geboren und die auf dem Bild zu sehende Kneipe war tatsächlich seine “Venda“ – eine Art Tante Emma Laden – in der Stadt Mangaratiba). Wir haben uns in das Sepia farbene Foto verliebt und, obwohl es gar nichts mit dem Belazarte des Buches zu tun hat, dieses Foto vermittelt ein unmessbares Brasilientum, welches viel mit unserer Art und Weise von komponieren und spielen zu tun hat.  

Auf der CD ist ein sehr ausgeprägter Einfluss des Jazz. Kommt es von eurer Ausbildung/Formation her?
Der Jazz ist ein unvermeidlicher Einfluss für die Musiker der ganzen Welt. Jeder Instrumentalist, der mit Improvisierung arbeitet, hat den Jazz als grössere oder kleinere Referenz. Man kann davor nicht weglaufen, glücklicherweise…

Heisst es auch eine Prise Pau-Brasil?
Wenn du die Gruppe meint, ja, die ist eine unserer Einflüsse.

Text von Mário de Andrade und sehr besondere Präsenzen, wie die von Roberto Menescal. Ist der wortlose Geschichte-Erzähler wie ein Magier, der uns immer aus Faszinierung und Überraschungen, die Luft raubt?
Die Faszinierung der textlosen Musik ist subtiler, denn der Zuhörer schafft seine eigenen Bilder ab einer Töne-Kombinierung, die abstrakt ist. Das verhindert es aber nicht, dass wir durch die Text-Aussagen und die beiläufigen Töne ein paar Tipps gegeben haben.

Die CD mischt humorvolle Arrangements und Geschichte, aber es gibt auch Momente tiefer Poesie, Empfindlichkeit und Introspektion, wie bei dem makellosen Klavier-Spiel vom Flávio Paiva im Stück “Origami“. Reflektiert es ein bisschen den jeweiligen Stil, oder war diese Mischung absichtlich?
Die Individualität der Musiker in der Instrumental-Musik ist wichtig und gewünscht. Die Unterschiede in der Einigkeit sollen dann als “Stil“ bezeichnet werden.

Und apropos Geschichte… Ihr präsentiertet euch schon neben Ikonen unserer MPB… Jeder von euch hat bestimmt etwas zu erzählen. Könntet ihr eine von diesen interessanten Geschichte dieser Zeit erzählen?
pindorama7Hin und wieder geben wir, also Roberto Menescal und Pindorama, ein gemeinsames Konzert, Übrigens eine Art Konzert, welches für Deutschland sehr geeignet wäre… Bei dem ersten Konzert mit Roberto Menescal vergass Guta den Namen von Ronaldo Diamante und daher begann sie zu erzählen, dass er ein grosser Freund wäre und so weiter und so fort… Aber der Name, das fiel ihr nicht ein. Als Flávio die Situation sah, machte er ein solches “Ehemann-Gesicht“ und sehr ernst sagte er dann endlich Ronaldo Diamente. Kurz danach musste er den Auftritt von Roberto Menescal auf der Bühne ansagen, aber er war wegen des Geschehens so nervös, dass er einfach Ronaldo Menescal sagte.

Ist diese eure erste CD? Und gibt es schon einen Konzept für die nächste?
Das ist unsere zweite CD und für die nächste haben wir schon ein paar Ideen. Unsere erste CD hatte ein  traditionelleres Format. Es ging um eine CD brasilianischer Instrumental-Musik, auf welcher keine eindeutige konzeptuelle Sorge ausser der musikalischen Einheit präsent war.

Konzerte?
Wir spielen ständig, da wir eine feste Arbeit immer samstags hier in Rio de Janeiro haben. Aber Konzerte so in Theatern, das ist schon ein bisschen schwieriger, deswegen suchen wir einen Weg für unsere Musik im Ausland.

Nochmals komme ich zum Thema: Immer wieder muss man es hören, dass die Instrumental-Musik in Brasilien keinen Platz habe. Glaubt ihr wirklich daran, dass es kein Publikum für die Instrumental-Musik gebe,  nur weil sie kaum bei brasilianischen Sendern zu hören ist?
Ein Publikum gibt es bestimmt, obwohl in einer kleineren Masse als das der gesungenen Musik. Eigentlich ist die Kultur-Industrie, welche kein grosses Interesse hat, in Produkte zu investieren, die einen gewissen Risiko-Faktor enthalten. Es gibt ausserdem auch noch so viele weitere Motive und sie umfassen so viele Variationen, dass wir ein zweites Interview brauchen würden, um diese Diskussion ausführlich zu vertiefen… 

Aber warum investiert man trotzdem noch soviel in das Komponieren?
Die Musik ist eine Sache, viel zu stark in einem Menschen drin. Du kannst nicht wählen, ein Komponist zu sein… Das “Komponist-Sein“ wählt dich. Aus diesem Schicksal zu fliehen, ist sogar für die Gesundheit gefährlich.

Welche ist die soziale Rolle des Künstlers, besonders des brasilianischen Künstlers?
Man redet viel über diese Rolle, über die soziale Gegenleistung. Wir glauben, die unter einer echten und ehrlichen Art und Weise gemachte Kunst, sie trägt mit zu der Erziehung und der Erweiterung der kulturellen und emotionellen Horizonte bei. Das heisst, die nach solchen Prinzipien künstlerische Arbeit selbst ist schon die soziale Gegenleistung.

Das Interview führte Tãnia Gabrielli-Pohlmann