Madalena Salles

Veröffentlicht am 28. Dezember 2009

madalena-salles-kleinDie Magie der Musik
“Als ich Madá kennengelernt habe, da habe ich gespürt, dass ich die definitive Freundin gefunden hatte. Schon bei der ersten Probe dachte ich: “… bis zum Ende meines Lebens werde ich mit diesem Menschen spielen und zusammen sein“. Madalena hat zwei wesentliche Eigenschaften, die über ihrem enormen Talent stehen. Die erste ist der Mut und die zweite ist eine Würde, die noch den Mangel an Ethik unserer Zeit übersteht. Sie hat eine mittelalterliche Ethik; einen  Anspruch  an Ehrlichkeit, eine Verantwortung gegenüber der Wahrheit, die uns zum Nachdenken führt, dass es sich alles lohnt. Das ist ohne Zweifel ihr grösster Wert. Für mich bedeutet Madá, diese Begleitung länger als zwanzig Jahren und eine bedingungslose Begleitung. Unter allen Talenten Madalenas ist das Lachen das grösste. Madalena hat ein Lachen welches von der Möglichkeit von Erwartung und Spass gekennzeichnet ist…..  Madalena ist für mich die definitive Begleitung“.
Oswaldo Montenegro.

Interview: Tânia Gabrielli-Pohlmann ©
Deutsche Version: Tânia Gabrielli-Pohlmann, Clemens Maria Pohlmann ©
Link: Oswaldo Montenegro
Fotos Copyright by: Madalena Salles

madalena-salles1Die Menschen, die mich persönlich kennen, wissen Bescheid über meine Bewunderung gegenüber diesen beiden brasilianischen Künstlern. Irgendetwas in mir sagte immer, dass es um Menschen ginge, die besonders von der Kunst geprägt wären, als Reflektion von delikaten, sensiblen und von einer schon fast vergessenen Ethik geprägten Seelen. Der Kommentar von Oswaldo Montenegro über Madalena Salles und der direkte Kontakt mit dieser faszinierenden Künstlerin haben mir meine Intuitionen immer bestätigt….

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Am 27. März 1957 in Rio de Janeiro geboren. Tochter des Journalisten Heráclio Salles und der Lehrerin Josyra Sampaio. Madalena, du kommst aus einer Familie, die sich intensiv um die Erziehung (insbesondere der musikalischen Erziehung) ihrer sieben Kinder  gekümmert hat. Als siebenjähriges Mädchen fingst du an, Musiktheorie und Klavier zu lernen. Wie war dein erster Kontakt mit der Musik: war er nur ein Teil einer Familientradition, Pflicht oder die Entdeckung eines grossen Vergnügen obwohl du noch ein kleines Mädchen warst?

Madalena Salles
Meine Eltern sind immer Liebhaber von Musik gewesen. Da wir eine sehr grosse Familie mit wenigen finanziellen Ressourcen waren, hatten wir eine private Lehrerin, die zu uns wöchentlich kam, und während sie einem von uns Klavierspielen beibrachte, lernten die anderen die Musik-Theorie mit meiner Mutter und zwar auf einer Tafel mit einem von ihr selbst gemalten Pentagramm. Von allem hörten wir, besonders ernste und populäre Musik. Später, als wir nach Brasília umgezogen waren, konnten wir eine städtische Musikschule besuchen und in der jeder von uns sich sein Instrument gesucht hat. Ich habe mich für die Flöte entschieden. Die Präsenz der Musik in meinem Leben seit meiner Kinderzeit hat dazu beigetragen, dass ich Augen bekam, um Sachen zu sehen und zu spüren, die die meisten Menschen vielleicht entweder nicht erreichen oder keine Zeit sie wahrzunehmen haben. Ich versuche den Wert der Praxis in irgendeiner Form der Kunst meinen Kindern beizubringen, sei es Musik oder nicht, damit sie ihre Seele nähren können, damit sie ein Ablassventil entwickeln für die Beklemmungen in unserer schwierigen, trotzdem schönen Welt.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Als Zehnjährige der Umzug nach Brasília und vier Jahre später beginnst du Querflöte zu lernen. Kurz danach nimmst du an den “Concertos para a Juventude“ (Konzerte für die Jugend) teil. Woher kommt deine Leidenschaft für die Kammer- und Orchestermusik?

Madalena Salles
Eigentlich habe ich eine besondere Leidenschaft für das gemeinschaftliche Arbeiten, bei welchen man die “Konstruktion” für ein Ergebnis geteilt wird. Ich bin immer sehr gern mitten in einem Orchestra und fühle von dort den gemeinsamen Klang, als Ergebnis von jeden Einzelnen. Es ist schön, eine Flöte zu spielen, neben anderen Instrumenten zu sein und einen grösseren Klang, der sich daraus ergibt, zu hören. Die Kammermusik zieht mich sehr an, auch wegen des Kontaktes der Instrumentalisten miteinander und auch wegen der unter unserer Verantwortung stehenden Gewissenhaftigkeit. Obwohl ich schon seit Langem keine Zeit mehr gehabt habe, mich damit zu beschäftigen, finde ich es extrem angenehm Kammermusik zu machen.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
madalena-salles2Die erste Einladung von Oswaldo Montenegro geschah auch in Brasília als du siebzehn Jahre alt warst. Ab dieser Einladung kamen viele andere und dadurch kamst du in Kontakt mit grossen Namen der brasilianischen Musik, wie Alcione, Maria Creuza und Dori Caymmi. War es der Moment, sich “zu Hause“ zu fühlen?

Madalena Salles
Für mich war es nie ein Problem, mich wohl mit der Musik zu fühlen, auch als ich nur die ernste Musik machte. Noch in Brasília hatte ich schon ein bisschen Kontakt mit der populären Musik gehabt, durch Einladungen zu Lieder-Festivals in Brasília. Aber eigentlich fühlte ich mich nie vollkommen zufrieden, weder nur mit der Ernsten, noch nur mit der Populären. Als ich Oswaldo kennenlernte, dann begann ich die populäre Musik zu erleben, die fast wie ernste Musik bearbeitet wurde, wegen der Arrangements, der genauen Arbeit während der Proben. Mehr wegen des Kontaktes mit den Professionellen, was mich intensiver angezogen hat, war die Art und Weise wie Oswaldo arbeitete. Ausserdem gab es dadurch auch noch den Kontakt mit dem Musik-Theater, was für mich eine wesentliche Rolle gespielt hat für meine Leidenschaft gegenüber seiner Arbeit. Das Theater ermöglichte mir, die Künste zu mischen und daher stellte ich fest, dass ich meinen Weg wirklich gefunden habe. Aber natürlich sind auch wesentlich bis heute in meinem Leben die grossen Künstler, die ich kennen gelernt habe, wie Roberto Menescal, Isabela Garcia, Paulo Mendonça u.a.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Als ihr dann wieder nach Brasília zurückkehrtet, kam noch eine Einladung von Oswaldo Montenegro: die Zusammensetzung eines Musicals – “João sem nome“ (“Namenloser João“) -, welches sehr erfolgreich war und dich motiviert hat, an dem Konzert “Ponta de Areia“ teilzunehmen. Wie ist denn die Biologie-Universität geblieben?   

Madalena Salles
Dann liess ich die Biologie immer mehr zur Seite. Ich lernte fleissig für die Prüfungen, aber besuchte die Vorlesungen nicht, um zu den Proben zu gehen. Als ich festgestellt habe, dass meine Priorität nicht mehr dieses Fach war, wechselte ich zum Musikstudium, auch an der UnB , Universidade de Brasília. Später wechselte ich zur Musikfakultät der Universidade Federal do Rio de Janeiro, um an den Konzerten und Stücken, die wir in Rio vorstellten, teilnehmen zu können.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Wegen so vieler Einladungen und Reisen musstest du wieder nach Rio umziehen, wo du an dem Projekt “Vitrine“, von FUNARTE teilgenommen hast. Gibt es noch einige Wurzeln von dir in Brasília?   

Madalena Salles
Dort habe ich noch viele Freunde und Verwandte. Meine Mutter und drei Geschwister mit ihren Familien, Neffen, usw. leben immer noch dort. Immer wenn ich kann, besuche ich sie alle in Brasília.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Schon im Jahr 1978 kamst du nach Deutschland, um Flöte zu studieren. Erzähle ein bisschen über deine Erfahrungen in diesem Land…   

Madalena Salles
Als ich 1978 nach Deutschland ging, damals war ich noch sehr unreif, um alles was mir  das Land hätte anbieten können, auszunutzen. Trotzdem habe ich Vieles davon gut ausgenutzt. Zuerst habe ich zwei Monate in Staufen gewohnt und habe im Goethe Institut studiert, dann bin ich nach Freiburg gegangen. Freiburg ist eine wunderschöne Stadt, mit sehr bezaubernden Menschen. Dort habe ich wenige, aber tiefe Freundschaften geschlossen. Es war mir ein Glück, in einer solchen Stadt gewesen zu sein. Aber, meiner Unreife wegen, bin ich nur zehn Monate in Deutschland geblieben. Ich habe einen Test für das Musik Konservatorium Hannover gemacht und  am Tag, an welchem ich dort mit dem Studium anfangen sollte, kehrte ich nach Brasilien zurück.
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Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und der Kontakt mit dem musikalischen Universum in Deutschland, hat es deine spätere Arbeit beeinflusst?

Madalena Salles
Die Erfahrung in Deutschland war wesentlich für meine Entwicklung, sowohl als Mensch, als auch als Professionelle. Einen tiefen Kontakt mit den Musik-Professionellen aus Deutschland hatte ich nicht, aber ich habe in einigen Amateurorchestern gespielt, Flöten-Stunden mit der Dozentin der Hochschule Freiburg gehabt, Kammermusik gemacht, und sogar auf  Strassen gespielt… Eigentlich hat mich das Sein in Deutschland und den Geist des deutschen Volkes zu kennen, sehr tief berührt und beeinflusst – als Mensch und bzw. als Professionelle. Bis heute finde ich Rückwirkungen meines Aufenthaltes in Deutschland in manchen Gedanken, Verhalten und Aktionen von mir.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
madalena-salles3Dann wurdest du vom Musik Konservatorium Hannover angenommen, aber du entschiedest dich für die Rückkehr nach Brasilien, wo du in der Escola Nacional de Música, der Universidade Federal do Rio de Janeiro deine Studien weiter geführt hast. War es dir nicht möglich, weit weg von Brasilien zu bleiben? War der Heimweh stärker?

Madalena Salles
Ja. Wie schon gesagt, das war eine Konsequenz meiner damaligen Unreife. Aber ich bedauere es nicht, weil ich auch nach meiner Rückkehr nach Brasilien gute Erfahrungen für meine Entwicklung erlebt habe. Damals erlebte das Land einen sehr einzigartigen musikalischen Moment, welcher für meinen beruflichen Wünsche sehr geeignet war. Es war ein Moment, dem bald grosse Veränderungen folgen würden. Genau in dieser Zeit gelang ich in Kontakt mit dem Professionellen, die wirklich zu meiner Entwicklung beigetragen haben, oder mit welchen ich wirklich lernen, Informationen und Erfahrungen austauschen usw. konnte. In dieser Zeit haben wir uns intensiver mit den Zusammenstellungen der Musicals beschäftigt. Oswaldo wurde Brasilienweit berühmt, was uns zu solchen dreisten Unternehmungen Türen und Toren öffnete.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Dann kamen die Festivals, die Musicals… Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, ich habe dich das erste Mal beim Festival von TV Tupi gesehen, als das Lied “Bandolins“ trotz des 3. Platzes sofort in jeder Radiosendung zu hören war…     

Madalena Salles
Du hast mich vielleicht zum ersten Mal beim Festival MPB-80 von TV Globo im Juno 1980 gesehen, als ich beim von Mongol komponierten und von Oswaldo gesungenen Lied “Agonia“ , mitspielte. Das Lied bekam den ersten Platz und Oswaldo wurde Gewinner als Bester Interpret. Beim Festival von TV Tupi sass ich im Publikum, da habe ich bei “Bandolins“ nicht mitgespielt. Aber der Name von Oswaldo wurde Landesweit bekannt durch das Festival von TV Tupi, Ende des Jahres 1979, mit dem Lied “Bandolins“ als drittbestes Lied. Wir sagen nicht “trotzdem“, aber für Oswaldo war es einfacher und leichter der Dritte gewesen zu sein. Als er den 1. Platz für das Lied “Agonia“ bekam, setzen Verlangen, Kritiken usw. ein…. wie es immer nach 1. Plätzen zugeht.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Warum funktionieren die Festivals nicht mehr wie damals? Fehlt es Glaubwürdigkeit, Kreativität, oder beides?

Madalena Salles
Das ist eine Frage, die nicht mit Sicherheit beantwortet werden kann. Nur vermuten kann man die Gründe, von denen es mir sehr viele zu geben scheint. Diese unsere Zeit ist eine Zeit von Veränderungen, die in viel zu kurzen Zeiträumen geschehen. Das Publikum hat viele Unterhaltungsoptionen. Durch das Internet hat es auch noch einen extrem einfachen Zugang zu allem, was es hören wünscht. Es verlangt immer mehr das Audio-Visuelle, die DVD’s, die Clips. Man kann CD’s zu Hause machen oder aufnehmen, immer unter grösseren Einfachheiten, auf den Computern und in selbst gebauten Studios. Gleichzeitig erscheint mir so, dass die grossen professionellen Musik-Unternehmer in diesem Zusammenhang des so starken Auftritts des Internets, des MP-3 usw. in Bezug der Vermittlung der Medien verloren sind. Meiner Meinung nach gibt es viele Gründe dafür. Ich würde nicht sagen, dass es an Kreativität fehlt, aber meine Sicht der Glaubwürdigkeit befindet sich mitten im Abschied, sicherlich.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Mitte der 80er Jahre habe ich mir ein Konzert von Oswaldo Montenegro in Curitiba angeschaut. Ich habe jemandem, der neben mir sass, deine Bühnenpräsenz kommentiert und dieser Mensch hat es bestätigt und hinzugefügt: “Schade, dass die Instrumental-Musik in Brasilien keine grosse Chance hat, sonst würde man eine Solo-CD von Madalena hören können.“. Deiner Meinung nach, warum hat die Instrumental-Musik keinen Zugang zu den Radiosendern, wenn es für sie ein Publikum gibt?

Madalena Salles
Ich denke, die Instrumental-Musik erreicht das Publikum nicht, welches ein niedriges Informationsniveau und wenig Zugang zur Qualitätsmusik hat, egal welcher Musik-Richtung. Das kann als eine falsche Haltung von mir erscheinen, besonders weil ich eine Musikerin bin, aber ich glaube wirklich daran. In Brasilien ist der Zugang zu der Information, zur Qualitätsmusik noch ein Privileg von wenigen. Man hört in den meisten Radiosendern, was den Unternehmern dieses Bereiches Profit bringt. Das Gleiche gilt für die TV-Sendungen. Daher wird alles nicht überdingt von der Qualität her ausgesucht, sondern von der Investition her, für jenes Produkt, welches für einen solchen Träger der Werbung gemacht wurde. Dadurch nivelliert das Publikum in seiner Mehrheit seinen Geschmack, seine Meinung, seine Beurteilung,  mit dem, was seine Ohren ständig angewöhnt wird zu hören und nicht unbedingt durch die freiwillige Auswahl, die möglich wäre, wenn es eine grössere Anzahl von Optionen hören könnte.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und nun eine Solo CD, gibt es Pläne?

Madalena Salles
Ja, gibt es Pläne. Vor ca. drei Jahren lud mich Roberto Menescal ein, eine Solo-CD mit Liedern von Oswaldo Montenegro aufzunehmen. Die Einladung habe ich wahrgenommen, aber unsere Lebenswege hat uns die Produktion dieser Arbeit erschwert, und letztendlich aufgaben – etwa bei der Hälfte. Aber ich möchte noch eine CD mit Flöten aufnehmen, mit Liedern von Oswaldo.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und du, Madalena, was hörst du gerne?

Madalena Salles
Ich liebe MPB. Sehr. Und wenn ich zu Hause alleine bin (das sind sehr besondere und gute Momente für mich), dann höre ich viel Vivaldi, Bach, Beethoven, Chopin, Grieg, Villa-Lobos… also, ernste Musik im Allgemeinen. Aber ich höre auch gerne Elton John, Eric Clapton, Beatles, Enia, Tuck und Patti… Konzert-DVD’s schaue ich sehr gern. Ab und zu höre ich irgendeine CD von Oswaldo, um die Arrangements in Erinnerung zu rufen und Momente zu vergleichen, aber es fällt mir viel schwerer, unsere CD’s zu hören als die von anderen Komponisten, vielleicht weil sie meine alltägliche Arbeit sind.
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Tânia Gabrielli-Pohlmann
Das Theaterstück “Léo e Bia“ ist seit 2005 wieder auf den Bühnen zu sehen. Das Thema ist immer noch aktuell und die Besetzung ist neu. Hast Du an dieser Wiederaufführung mitgewirkt?

Madalena Salles
Ja. Ich habe dabei als Oswaldos Regieassistentin gearbeitet. Es war eine sehr schöne Montage. Dynamisch, der ganze Text wurde komplett umgeschrieben und intensiver vertieft als der Text der ersten Fassung. Dieses Jahr sind wir noch auf den Bühnen mit einer Re-Montage von “A Aldeia dos Ventos“, welches auch umgeschrieben wurde. Bei diesem Musical habe ich auch als Regieassistentin gearbeitet, gespielt und dargestellt. Es ist eine sehr gute Erfahrung für mich, da ich schon seit langen Jahren nicht mehr als Schauspielerin tätig war, und ich liebe es. Ausserdem ist Oswaldo heute ein viel grösserer und reiferer Regent und Autor, mit neuen Ideen, aber wie immer ohne sein Konzept der visuellen und musikalischen Schönheit und Feinheit zu verlassen, die so traditionell in seinen Musicals sind.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Welche ist die Rolle des Künstlers, besonders des Brasilianers?

Madalena Salles
madalena-salles4Brasilien, wie auch noch die ganze Welt, erlebt einen sehr schwierigen Moment. Besonders hier erleben wir einen Moment sehr grosser Unsicherheit. Es ist viel Elend um uns herum, Armut an jeder Ecke, Korruption und die Gewalt rücken immer näher an unser Haus, unsere Kindern, also immer näher an die Ober- und Mittelschicht. Ein positiver Aspekt dabei ist (wenn man nur in solchem Fall das Wort “positiv“ nutzen sollte) ist, wenn man die Gewalt neben sich sieht, viele, die nie bereit waren, sie als eine wahres und ein Problem von uns allen anzuerkennen, müssen jetzt ihre Meinung ändern. Die Menschen ertragen nicht mehr die Angst, die latente Bedrohung, die Ausnutzung, die Ungerechtigkeit, die Korruption, welche das alles verursacht. Das Volk ist müde. Die Kunst spielt  in solchem Zusammenhang  die wichtige Rolle, die Probleme zu zeigen. Wenn man in Favelas geborene und aufgewachsene Musiker sieht, die Lieder oder Theaterstücke über Gewalt schreiben, kann man zuerst schockiert sein, aber eigentlich sind solche Lieder und Stücke sehr wichtig, damit wir einen Kontakt mit solcher Realität erleben, und damit die in solch gewalttätigen Orten lebenden Menschen eine mächtige Stimme für ihre Probleme haben. Das funktioniert praktisch wie eine Katharsis. Und es ist sehr wichtig, dass es so etwas gibt. Gleichzeitig gibt die Kunst und den Künstler, der kommt, um das Publikum von seinen Problemen zu erleichtern, wenn auch nur für eine kurze Weile. Jede Art Kunst und Künstler ist wichtig. Heut zu Tage haben wir in Brasilien wichtige Bewegungen (wie Afro-Reggae, der international berühmt ist), welcher die armen jungen Menschen anzieht. Die Mehrheit dieser jungen Menschen hätten das kriminelle Leben und die Drogen als Schicksal, aber durch die Kunst – Tanz, Musik, Bildhauerei, Theater usw. – werden sie orientiert, informiert und es ermöglicht ihnen, eine Ausbildung zu erreichen, ihr Überleben und ihre Integration in der Gesellschaft unter Massstäben, die nicht vereinbar mit ihrer Wirklichkeit. Viele Heranwachsende wurden schon von der Kunst “gerettet“. Das ist wunderschön.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Pläne, Projekte, Konzerte?

Madalena Salles
Immer. Davon leben wir. Dieses Jahr noch wahrscheinlich die neue CD von Oswaldo mit neuen Liedern, dann beginnen wir eine Tournee mit einer Show dieser CD. Sie ist sehr schön, stark, sehr stark – auf dieser CD haben wir den vor langem bekannt starken Oswaldo, aber mit der Reife von 50 Lebensjahren. Sehr gut.
Im Oktober 2005 haben wir eine Theatergruppe, die “Aqui Entre Nós“, gegründet, mit welcher wir Musicals produzieren, immer unter der Regie von Oswaldo und mit weiteren.

Ab August 2006 wird Oswaldo die Musik-Fernsehsendung “Letras Brasileiras” präsentieren. Diese Sendung war eine Idee von ihm zusammen mit Roberto Menescal. Beide werden in der Sendung Geschichten von Komponisten oder über den Moment der Kreation mancher Lieder der MPB, deren Texten besonders interessant sind und sie werden diese Lieder natürlich auch spielen.