Dr. Wilson Gonzaga

Veröffentlicht am 28. Dezember 2009

wilson-gonzaga-kleinPsychiatrie, Radio und Strasse?
Die Geschichte des brasilianischen Radios wurde im Laufe des Jahres 2007 in der Sendung Revista Viva erzählt. Die informativen, sozialen und interaktionellen Aspekte des Radios im Brasilien waren immer mein Fokus. Dadurch begegne ich Dr. Wilson Gonzaga.

Montags. 7.30 Uhr. Radio Mundial FM und AM. Die Sendung “Religare“ öffnet er immer mit einem langen und liebvollen “GUUUUUUUUUUUUUUUUUTEN MORGEN!“. Und in der Folge grüsst er alle – von seinen Familienmitgliedern bis zum Taxifahrer, der seine Fahrgäste mit Gedicht und Sympathie fährt. Der Psychiater, Coatch, Autor und Direktor des Instituto Hermes de Transformação Humana erzählt uns noch dazu, was ABLUSA, das Projekt für Menschen in Strassensituation treibt.

Interview: Tânia Gabrielli-Pohlmann ©
Deutsche Version: Tânia Gabrielli-Pohlmann + Clemens Maria Pohlmann ©

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Guuuuuuuuten Abend, Wilson und sei super willkommen hier in unsere Sendung! Es ist eine grosse Freude, dich als Gast in dieser Ausgabe von Revista Viva zu haben.

Wilson Gonzaga
Guten Abend, Tânia! Ich freue mich sehr, die Vorteile der Technologie zu verwenden und dadurch mit dir da in Deutschland live reden zu können. Es ist mir ein Vergnügen!

Tânia Gabrielli-Pohlmann
So ist auch für mich. Wir bedanken uns auch noch intensiver, weil wir wissen, dass du ein Seminar ausserhalb São Paulo unterbrochen hast, um mit uns zu reden. So, bei deinem Lebensrhythmus hast du immer noch Zeit für uns! So, wie unser deutschsprachiges Publikum im Radio schon weisst, habe ich eine Reihe Ausgaben dieser Sendung präsentiert, in welchen ich die Geschichte des brasilianischen Radios erzählt habe, und mehrfach habe ich die informative, soziale und interaktive Rolle des Radios in Brasilien erwähnt. Da habe ich auch erzählt, dass montags, schon um 7.30 Uhr, könnte man einen Mann hören, der immer sein Publikum mit einem liebvollen “Guuuuuuuuuuuuten Morgen!“ begrüsst. Ich habe auch berichtet, dass du kein Journalist bist,  sondern ein Psychiater. Jetzt lasse ich die Frage: Was macht ein Psychiater im Radio, in Multinationalen Unternehmen, auf den Strassen und in Favelas in São Paulo?  Wer ist Wilson Gonzaga und was macht der Dr. Wilson Gonzaga im Radio?

Wilson Gonzaga
Obwohl ich die Frage nicht gut gehört habe, da die Verbindung schlecht ist, geht’s los: Da wir den Beruf aussuchen, also es gibt doch Menschen, die das Privileg haben, ihren Beruf aussuchen zu können… Die Arbeit als Psychiater hat als Achse das Bewusstsein der Menschen einzustellen, ihr Bewusstsein zur Expansion zu bringen. Sowohl von den Menschen, die mich in der Praxis aufsuchen, als auch in der Arbeit bei Unternehmern. Immer wenn wir das Konzept der Expansion des Bewusstseins, der Ethik, des sozialen Gefühlen  bei einem Unternehmer erreichen, ist die Menge der Vorteile, die dieser Mann seinen Mitarbeitern gegenüber auch bringt, auch sehr gross. Dann mit der selben Liebe, mit welcher mit Unternehmern arbeiten gehen, damit gehen wir auch auf die Strassen der Stadt São Paulo, wie du selber gesagt hast, in den Favelas oder mit den Menschen, die sogar aus der Favelas sind, die auf der Strasse leben. Die Sendung im Radio dient auch dazu, dieses Konzept der Transformation einer besseren Welt auszubreiten. Der Name der Sendung ist “Religare – religando você a você mesmo” (“Religare – dich mit sich selbst verbinden”). Wenn wir diese Verbindung des Menschen mit sich selbst erreichen, in der Strasse, in dem Unternehmen, in der Praxis, dann arbeiten wir gerade für eine bessere Welt. Und das ist mein Ziel, sei es in der Sendung, in meinem Beruf und in meinem Leben als Ganzes.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Durch deine Sendung erreichst du bestimmt ein grosses Publikum, Wilson, weil die Rolle des Radio in Brasilien sehr wichtig ist. Es scheint, dass die Menschen öfter Radio hören als fernsehen, oder?

Wilson Gonzaga
Das Publikum ist sehr gross. Die Menge Menschen, die wir durch eine Radiosendung erreichen, ist kaum zu berechnen. Wenigstens für mich, der die Daten nicht hat. Der Effekt ist besonders die ärmeren Ebenen zu erreichen, weil sie noch häufiger Radio hören. Das Radio bietet keine Konkurrenz den Aktivitäten gegenüber. Die Hausfrau kann dabei ihre Hausarbeit machen, sie kann kochen und gleichzeitig kann sie Radio hören. Das Radio wird daher eine Art täglicher Kumpel für viele Menschen. Und der Mensch genau dort in seinem Alltag, er kann die Sendung hören, auch wenn er gerade fährt, im Stau steht, oder wenn er zu Hause ist. Unser Ziel ist, durch die Sendung  jede Ebene zu erreichen, weil die Botschaft genau die Botschaft, die über die menschliche Seele ist, und jede soziale Ebene diese Art Thema gut gebrauchen kann.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Wilson, eine sehr interessante Charakteristik deiner Sendung ist, und ich merke, auch eine Eigenschaft von dir als Person, als Mensch, ist die Zärtlichkeit, mit welcher du mit den Menschen um dich herum umgehst, egal aus welcher sozialen Ebene sie seien. Das spürt man auch durch das Radio, durch die Sprache, die du verwendest, und du schafft damit sogar technische, Fachinformationen in Bereich der Psychiatrie, der Inneren Medizin, in einer sehr angenehmen und voll Humor Art und Weise zu vermitteln.

Wilson Gonzaga
Tânia ich konnte kaum verstehen, was du mich gefragt hast, aber ich glaube es ging um die Frage der einfachen Sprache, oder?

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Genau das…

Wilson Gonzaga
Das ist genau, was wir suchen: Fachkenntnis in eine einfache Sprache zu übersetzen, die jeder Mensch verstehen kann. Weil eine einfache Sprache, die ganz anders ist als eine simple oder simplizitsische Sprache, sie erreicht die Essenz der Menschen. Und ich muss immer erstaunen mit dem Resultat, weil ich eine Menge E-Mails bekomme, und zwar von Menschen anspruchsvoller Kultur und von sehr einfachen Menschen, die mir immer Fragen stellen oder die Themenvorschläge für die Sendung schicken. Das ist ein Zeichen, dass das Radio verschiedene Ebenen der Gesellschaft erreicht. Die einfache Sprache erreicht sowohl den einfachen Menschen als auch den hochentwickelten Doktor. Deswegen habe ich mich dafür entschieden. Übrigens: Die Natur ist einfach, die Wahrheit ist einfach, die grossen Meister sind einfach, warum sollte die Sprache kompliziert sein?

An diesem Punkt haben wir das Telefon-Interview unterbrochen und eine neue Verbindung hergestellt.
nach oben
Tânia Gabrielli-Pohlmann
So,Wilson, jetzt können wir uns besser hören und zurück zu deiner Arbeit kommen. Du bist der Direktor des Instituto Hermes. Was ist das Instituto Hermes?

Wilson Gonzaga
Das Instituto Hermes heisst Instituto Hermes de Transformação Humana (Hermes Institut für Menschliche Transformation). Der Name selbst ist Programm. Es geht darum Menschen dabei zu helfen, diese Transformation zu erreichen, also nicht nur in urbane Wesen, sondern auch als spirituelle Wesen, als produktive Wesen, als bewusste Wesen. Deswegen arbeiten wir auch im Radio, mit einem Publikum, in dem Verein (ABLUSA) mit einem anderen Publikum, und mit den Unternehmen, wo man die Rolle des Instituts fokussiert, Manager, die ein Auge auf das Ergebnis, also dem Gewinn haben, aber das andere Auge auf die Prozesse, die menschlichen Beziehungen, in der Sorge  um die  Umwelt. Es heisst Geld mit Eleganz verdienen und durch eine  Haltung, die die Gesundheit bei den Arbeitsbedingungen fördert. Das ist unsere Gabe. Wir arbeiten mit Leadern, mit Fabrikarbeitern, mit Abteilungsleitern, wir arbeiten mit Konflikt, mit Entwicklung von Fähigkeiten. Wo es Menschen gibt, in den Unternehmen, wo es Menschen gibt – und sie alle haben Menschen – da gibt es unsere Arbeit.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Tja… Wenn man ein bisschen überlegt, auch wenn wir deine Kenntnisse hat… Ein Manager, der diese von dir angebotene Sicht bekommt, er erreicht natürlich mehr Gewinn, weil er ein ganzes Team um sich herum hat, welches unter einer Harmonie und einer gleichen Frequenz arbeitet, oder?

Wilson Gonzaga
Genau… Es ist kein Zufall, dass die Unternehmen, die mehr Rentabilität aufweisen, diejenigen sind, die die bessere Atmosphäre zu arbeiten haben. Und der Verantwortlich dafür, eine bessere Atmosphäre zu schaffen, das ist der Leiter, der Manager, derjenige, der die Macht hat.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Das ist eine sehr interessante und wichtige Arbeit. Und mir scheint es aus, dass diese Arbeit auch eine starke Verbindung mit ABLUSA hat. Natürlich in einer anderen Ebene, in einem anderen Sinn, aber mit demselben Ziel, richtig?

Wilson Gonzaga
Genau so ist das… Das Ziel ist dasselbe. Vielleicht sind die Sprachen ein bisschen unterschiedlich, klar. Die eine dient dazu, das Bewusstsein den Unternehmern anzubieten, und die andere ist das Bewusstsein denjenigen zu bringen, die auf der Strasse leben, um beiden in Erinnerung zu bringen, dass der einzige Unterschied, den es zwischen einem Manager und einem Strassenbewohner  gibt, ist, dass der Strassenbewohner es vergessen hat, dass er auch ein Gotteskind ist. Unsere Arbeit besteht darin, beide daran zu erinnern, und zusammen mit Unternehmern den Strassenbewohnern die Möglichkeit anzubieten, dass er seine Würde wieder hat. Das Ziel ist, jedem zur Wahrnehmung zu bringen, dass der eine für das Wohlgefühl des anderen verantwortlich ist. Das ist die Grundlage der Gesundheit als ein Ganzes. Wenn wir nach der Definition von Gesundheit suchen, laut der WHO, Gesundheit bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern einen vollständigen Wohlstand und zwar körperlich, psychisch und sozial. Und leider haben sie es vergessen, spirituell dazu hinzufügen, weil ohne spirituelle Gesundheit haben wir die anderen Gesundheiten nicht. Daher, wer nichts hat zusammen mit wem was hat zu bringen, damit wir alle eine würdiges Leben haben. Das ist unsere Absicht.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Seit wann gibt es ABLUSA?

Wilson Gonzaga
Als eingetragenen Verein seit ca. zehn Jahren. Wir bemühen uns sehr zu überleben, weil das ist eine freiwillige Arbeit ist und wir sind von den Spenden der Mitgliedern abhängig sind. Ausserdem befinden wir uns gerade in einer Phase, in welcher wir nach Unterstützung von Unternehmern suchen, seien sie National oder International.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und wie ist genau diese Arbeit? Gehst du auf die Strassen mit den Menschen zu reden, interagierst du mit ihnen? Könntest du ein bisschen mehr über ABLUSA berichten?

Wilson Gonzaga
Wir haben vor, einen 360° Ansatz. Das bedeutet: wir gehen auf die Strassen, wir stellen die Verbindung mit ihnen her. Ab dieser Verbindung, kommen sie zum Verein, wo wir odontologische, soziale, psychologische Betreuung anbieten. Und für die gravierenderen Fälle, und das umfasst fast alle, wo es um chemische Sucht geht, wie Alkohol, Craque, haben wir schon ein Grundstück gekauft, wo eine therapeutische Gemeinschaft gebaut wird, wo sie dann für ein Jahr leben würden. Dort werden sie behandelt, lernen einen Beruf, und nach einem Jahr kommen sie wieder in einer Art Herberge nach São Paulo, weil die Gemeinschaft in Moji das Cruzes liegt, also ausserhalb von São Paulo, an den Gebirgen, nah der Küste. Und das Ziel dabei ist, dass der Mensch zurück in die Stadt kommt, aber schon in einem sozialen und beruflichen Kontext komme. So, diese Arbeit funktioniert zur Zeit nicht im Ganzem, wie ich gerade erläuterte. Aber Teile davon laufen schon. Aber wir haben vor, den Mensch von der Strasse zu holen, ihn zu empfangen, behandeln, trainieren, ihn integrieren und wieder zu der Gesellschaft bringen, aber schon in einem anderem Zustand. Es ist gerade in diesem Punkt, dass wir Hilfe von Unternehmen brauchen, damit diese therapeutische Gemeinschaft weiter gebaut wird, wo die Menschen ein Jahr leben könnten. Und das alles, weil wir es nicht wollen, noch eine assistentialistische Institution zu werden. Unser Ziel, Lust und Gabe ist, das Leben dieser Menschen zu transformieren, und nicht nur ihnen den Fisch zu geben. Also, ihnen das Fischen beibringen und dazu auch noch für die Nachhaltigkeit des Flusses zu sorgen…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Das ist ein mehr als produktives Ziel… Aber als Psychiater arbeitest du schon seit 29 Jahren?

Wilson Gonzaga
Ja, seit 29 Jahren.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und wer kann ABLUSA unterstützen? An wen sollte man sich anwenden? Also, wie, wo, wann?

Wilson Gonzaga
O, Danke! Also, jeder Mensch kann dabei helfen, besonders die grossen Unternehmern, die unser Partner dabei sein wollen.

Kontakt durch das Institut
Kontakt durch E-Mail: institutoherme(a)institutohermes.com.br
Telefon: 00xx5511 3926 58 44.
nach oben
Tânia Gabrielli-Pohlmann
Ich weiss, dass es Schwierigkeiten gibt, Kontakt in Portugiesisch zu knüpfen, deswegen für die Menschen, die dieses Interview in Deutsch lesen, stellen wir unsere E-Mail auch zu Verfügung. So… neugierig wie ich es bin, habe ich in deiner Seite gesurft und dort habe ich noch etwas Interessantes gefunden, für die Menschen, die Portugiesisch lernen, für die Menschen, die ihre innere Sprache transformieren wollen, und für die Menschen, die visuelle Schwierigkeiten haben. Es gibt ein Boletim, welches die Menschen erhalten können. Wie funktioniert es?

Wilson Gonzaga
Das ist eine Sendung, die wir auf der Site haben, “Inteligência Corporativa” genannt. Es sind zweiminutige  “Pillen”, die man sowohl als Text als auch als Audio erhalten kann, mit Tipps über Alltag, Verhalten, Reflexion, die man ganz gut gebrauchen kann. Man muss sich in der Site einfach anmelden. Das ist kostenfrei. Aber auch leider nur in Portugiesisch, weil ich kein Deutsch kann…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Noch nicht… Aber ich werde versuchen, ein paar zu veröffentlichen, auch mit der deutschen Version… Es wird ein bisschen lang dauern, aber sobald ich Zeit habe, versuche ich es. Ich habe auf deiner Seite auch gelesen, dass du Bücher geschrieben hast… Los, jetzt musst du alles erzählen… (Lachen)

Wilson Gonzaga
Das stimmt…. Das erste Buch heisst “A Senhora e o Menino” (“Die Dame und der Junge”). Die Geschichte… Also, es sind vier Jahren Studien über die apokyphen Evangelien, jene, die aus der Bibel ausgeschlossen wurden. Ich habe dieses Kenntnis “übersetzt” und damit einen urbanischen Roman geschrieben, über einen Strassenjungen, der aus der FEBEM kam (die Intituition, die sich um Strafenkinder kümmert), also ein FEBEM-Flüchtling, der bei einer “Drogenreise” der Heiligen Maria begegnet. In einem gewissen Punkt stellt er fest, dass er keine Halluzination gehabt hat, sondern eine Vision, und diese Begegnung bringt beide dazu, also den Jungen und Maria, diese Evangelien durchzusehen und zwar mit dem Hintergrund der Szenerien von São Paulo, und in einer einfachen Sprache, die ein 14-jähriger Heranwachsender gut verstehen kann, weil der Heranwachsende der Protagonist ist. Und die beiden reden miteinander weiter, bis dass der Junge feststellt, dass er die Reenkarnation von Judas Iskariotis ist, und das Buch wird auch zu einem Plädoyer für Judas Iskariot ist, weil es erklärt, das Judas kein Verräter war, sondern, dass er eine Mission hatte. Aber das alles in dem zeitgenössichen Leben in São Paulo. Das ist das erste Buch. Das zweite Buch heisst “O Executivo que Executou a sua Execução” (“Der Unternehmer, der seinen Tod getötet hat”, durch ein Wortspiel zwischen “Executivo, Executou und Execução”). Es geht um die Geschichte eines Managers, der einem Strassenbewohner begegnet. Der Strassenbewohner führt den Manager dazu, über seine soziale Rolle nachzudenken, und auch über seine Art und Weise, seine Geschäften zu verwalten. Und er transformiert sich… Der eine transformiert den anderen: der Strassenbewohner den Manager und der Manager den Strassenbewohner…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Wilson, da gibt es noch vieles zu erzählen… Noch eine Frage… Es geht um das Konzept der Psychiatrie in Brasilien. Gibt es immer noch die Stigmatisierung gegenüber den Menschen, die psychische Erkrankungen erleiden? Wie ist heute die Frage besonders in São Paulo? Und die Figur des Psychiaters wirkt immer noch Angst aus?

Wilson Gonzaga
Hier gibt es das Stigma immer noch. Es wird immer weniger, aber die psychiatrische Erkrankung, sie wird immer noch unter einer stigmatisierten Sicht gesehen. Aber die Figur des Psychiaters eher weniger, weil er auch mit den Menschen arbeitet, die man so zu sagen als “normal” bezeichnet, durch die Psychotherapie. Heute wird die Psychotherapie so verstanden, wenigstens hier in São Paulo, nicht mehr als “Etwas für Verrückte”. Da hat man den Abhang des Heilens, aber es gibt auch den Abhang der Entwicklung. Viele Menschen suchen mich nicht wegen Krankheit, sondern weil sie sich entwickeln wollen, um ihr Potential zu verbessern, und dieser Aspekt hat das Stigma dem Psychiaters gegenüber gemindert, aber eher als Psychotherapeut, als Arzt. Als Arzt, Psychiater als ein medizinische Spezialität, das wird noch mit Vorurteil gesehen: “Wer den Psychiater sucht, der ist verrückt”…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Aber deine Arbeit im Radio hat auch dazu beigetragen, damit dieses Stigma beseitigt wird. Auch wegen deiner Art und Weise mit den Menschen umzugehen. Das entfernt die Angst, so zu sagen. Ich selber würde dich suchen, falls ich es brauche und zwar ohne Angst. (Lachen)

Wilson Gonzaga
Genau. Die Absicht ist, das zu entmystifizieren und die Menschen zu motivieren, sich selber besser zu kennen, ihre Potentiale zu übernehmen und raus ins Leben, wie wir umgangssprachlich sagen: “Zur Umarmung laufen”. Das heisst,  erfolgreich leben, ein besserer Mensch zu sein. Das ist unsere Arbeit im Radio.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Auch interessant in deiner Sendung ist etwas, was ich auch als Motivation für die Menschen spüre, dich anzusprechen, ist der affektive Inhalt, den du ausstrahlst. Auch zum Beispiel, wenn du deine Tanten, deinen Bruder begrüsst, wenn du über deine Familie erzählst. Die Tante Totó finde ich gut… (Lachen) Man fühlt Saudade, den Kaffee auf der Veranda. Wenn du über deine Liebe für deine Frau Nísia Maria syprichst, die Art und Weise wie du deine Sekretärin Cleo ansprichst. Also, das alles wirkt nur so, dass man sogar die Lust hätte, zum Psychiater zu gehen, ohne Angst glücklich zu sein (Lachen)…

Wilson Gonzaga
Aber genau das ist die Idee: es im Radio in einer Art und Weise zu machen, die zeigt,, wie ich natürlich bin, in meinem Leben. Und ich liebe es, mit den Menschen zu sprechen, Bescheiden sagen, Küsse schicken… Das ist auch ein Traum von mir. Auch schon als Kind hatte ich immer davon geträumt, Radio zu machen und heute verwirkliche ich diesen Traum. Ich versuche es zu senden, was ich selber bin, mit Einfachheit, an die Luft. Und das ermutigt die Menschen. Sie sagen es mir auch…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und das beseitigt ein bisschen das Bild, dass der Psychiater nur in seiner Praxis sitzt oder forscht… Ich denke, deine soziale Rolle, um nur vom Radio zu reden, schon vollkommen erfüllt ist. Und mit Klasse! Wilson leider vergeht die Zeit viel zu schnell, wenn man etwas macht, wo das Herz dabei zuerst ist. Jetzt müssen wir uns leider verabschieden, aber ich möchte mich sehr bedanken, und zwar für deine Geduld und für deinen Takt, besonders wegen des technischen Problems, welches wir hier heute gehabt haben. Und auch nochmals dafür, dass du dein Seminar unterbrochen hast, mit uns zu reden. Ich wünsche dir, dass deine Arbeit immer erfolgreicher wird!

Wilson Gonzaga
Danke sage ich, für diese so aussergewöhnliche Gelegenheit, an einer Radiosendung in Deutschland live teilnehmen zu dürfen. An euch allen: GUUUUUUUUUUUUTEN Abend!!!