Interview mit Aricy Curvello

Veröffentlicht am 28. Dezember 2009

aricy-curvello-kleinTradition und Modernität im ständigen Disput?
Sicherlich ist das Interview geben kein Vergnügen für diesen Autor, der als einer der am präsentesten und aktivsten in der zeitgenössischen brasilianischen Literatur bezeichnet wird.  Seine Vielfältigkeit, versehen mit dem tiefsten Bewussten über die semantischen und existenziellen Risiken, die sie ihm bringen können, begrenzt ihn weder auf der Flucht, in eine Schublade gesteckt zu werden, noch auf dem Verewigen von Symbolen, die vom Existenziellen entbunden sind.

Interview: Tânia Gabrielli-Pohlmann ©
Deutsche Version: Tânia Gabrielli-Pohlmann + Clemens Maria Pohlmann ©

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Du wurdest in Uberlândia geboren, hast schon in Belo Horizonte, Rio de Janeiro, Amazonien gelebt und heute wohnst du im Bundesstaat Espírito Santo. Haben deine Wurzeln dich jedoch immer begleitet? Erzähle ein bisschen über deine in Minas Gerais erlebte Kinderzeit…

Aricy Curvello
Ich bin im extremen Westen Minas Gerais geboren, also in der Region, die als Triângulo Mineiro bezeichnet, wegen des dreieckigen Formats der grossen Flüsse (der Paranaíba, an der Grenze mit dem Bundesstaat Goiás, und dem Grande, an der Grenzen zum Bundesstaat São Paulo). Wenn sich die Gewässer beider Flüsse am Scheitelpunkt des Dreiecks treffen, entsteht der Fluss Paraná, der Richtung Süden fliesst. Das heisst, ich bin in einem Mesopotamien geboren, obwohl es eine Region von Hochland und Cerrado (buschiger Region) ist, wo der Wald aus niedrigen und verzerrten Bäumen besteht, wie in der Region Brasílias. Meine Heimatstadt liegt fast tausend Meter hoch, auf einer riesigen Hochebene, auf welcher man den Horizont auf jeder Seite sieht. Das war, was mich am intensivsten von der Heimat-Landschaft geprägt hat,  so viel Horizont vor den Augen sah für mich immer aus, als eine Einladung zum Reisen, um mich wie unsere beiden grossen Flüsse zu bewegen. Und dazu noch die extreme Helligkeit unseres Lichtes. Das werde ich immer mitnehmen.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und wie hast du die Entdeckung der Poesie erlebt?

Aricy Curvello
Meine Eltern und meine Grossmutter waren gute Leser. Zuhause gab es immer Bücher, die mich anzogen. Eines davon, ein in Rot eingebundener Band, meiner Mutter gehörend, der Zeitung “Tarde“, mit Gedichten von unserem grössten Dichter des Parnasianismus  Olavo Bilac. In der Schule mussten wir Gedichte aufschreiben, die unsere Lehrerin uns vorliest und die wir später interpretieren mussten. Die Gedichte des Buches von Olavo Bilac konnte ich damals nicht begreifen, aber ich merkte, dass in diesen Gedichten eine Art Faszination war, die ich vorher noch nicht wahrgenommen hatte.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Konntest Du zu dieser Zeit schon ahnen, dass du selber schreiben würdest?

Aricy Curvello
Damals war ich in diesem Bereich noch ein Neuling, und ich ignorierte fast alles.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Dein erstes Buch wurde 1979 veröffentlicht. Wie viele Bücher hast du schon publiziert?

Aricy Curvello
Insgesamt neun.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Alles Gedichtbände?

Aricy Curvello
Vier davon: “Os Dias Selvagens te Ensinam” (1979); “Vida Fu(n)dida” (1982); “Mais que os Nomes do Nada” (1996) und “O Acampamento”, welches mein am bekanntestes langes Gedicht ist, welches schon ins Spanische, Italienische und ins Französische übersetzt wurde und dessen zehnte Ausgabe in Portugiesisch bald veröffentlicht wird. Dieses Gedicht  bekam seine “Solo-Karriere“…   
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Tânia Gabrielli-Pohlmann
Ausser diesen Büchern ist deine Präsens in verschiedenen Anthologien, auch im Ausland, festzustellen. Wie viele Partizipierungen bisher?

Aricy Curvello
Die in unserem Land erwähnungswerten wären u.a. “Cem Poemas Brasileiros“ (Anthologie mit den Ausgezeichneten Werken des Bundeswettbewerbs, von der literarischen Zeitschrift “Escrita“ aus São Paulo veranstaltet);  “Brasília na Poesia Brasileira“ (eine Zusammenarbeit zwischen Editora Cátedra und dem Instituto Nacional do Livro), “A Poesia Mineira no Século XX“ (vom Kritiker Assis Brasil organisiert).

Diese Anthologien mit grossen Editionen  auf dem Markt.
Im Ausland wurde ich in viele Anthologien einbezogen. In Portugal wurden vier Anthologien von Universitária Editora (Lissabon), eine von Editora Granito (Universidade do Porto), zwei der literarischen Zeitschrift “Anto“ (aus Amarante, im Norden Portugals), veröffentlicht. Unter den vieren von Universitária Editora aus Lissabon sind drei zweisprachig (Portugiesisch und Französisch). Sie wurden vom Dichter, Essayisten und Professor der Sorbonne Jean-Paul Mestas organisiert. Eine davon namens “Povos e Poemas / Peuples et Poèmes“ (2002) mit  Dichtern aus 101 Ländern aller Kontinente. Aus dieser nahm die französische Schauspielerin und Diseuse Eve Cazala ein paar Gedichte (das meinige war das längste), mit welchen sie eine CD in Frankreich aufgenommen hat.

In Spanien nahm ich in zwei Anthologien teil. Eine davon wurde von dem grossen spanischen Spezialisten für portugiesischsprachige Gedichte Xosé Lois García organisiert, dessen Initiative von unserer Biblioteca Nacional (Rio de Janeiro) und vom brasilianischen Kultur-Ministerium unterstützt wurde. Es ist die „Antología de Poesía Brasileña“ (2002) mit 44 Autoren und vom Edicións Laiovento (Santiago de Compostela) herausgegeben. Die andere Anthologie wurde vom uruguayischen Schriftsteller Federico Nogara, der in Spanien lebt,  organisiert:  “Poemas y Relatos desde el Sur“ (Barcelona: Ediciones Carena, 2001), mit lateinamerikanischen Dichtern und Fiktion Autoren.     

In Frankreich bin ich in der Anthologie “Brésil 500Ans“ von Christiane und Jean-Paul Mestas, in Nantes, im Jahr 2000 vertreten. Aus der in Lissabon herausgegebenen zweisprachigen Anthologie “Povos e Poemas/ Peuples et Poèmes“ (Lissabon, Unversitária Editora) hat die französische Schauspielerin und Diseuse Eve Canzala einige Gedichte ausgewählt  (das meinige war das längste), mit welchen sie eine CD aufgenommen hat.

In den USA wurde im März 2000 eine Sammlung mit 15 zeitgenössischen brasilianischen Dichtern in der Professorenzeitung der Abteilung Neulateinischen Sprachen der Universität Oregon, in Eugene, veröffentlicht. Die Auslese wurde von den Professoren Paul Dresman und Jesús Sepúlveda organisiert. Von jedem Dichter wurde das selbe Gedicht in Portugiesisch, in Spanisch und in Englisch veröffentlicht. Die Ausgabe war so gross, dass ein Teil davon als Beilage der spanischen Tagzeitung “El País“, Madrid, am 12. März 2000 zirkulierte. Ein weiteres Gedicht von mir wurde auch noch in einer Publikation veröffentlicht, die von der Professorin der Universität Colorado Teresinka Pereira herausgegeben wurde.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Zahlreiche Essays, Artikel, Rezensionen von dir sind in der Presse überall zu lesen. Hast du feste Rubriken in irgendeiner dieser Publikationen?

Aricy Curvello
Nein, ich nahm die Einladungen nie an.  Es gäbe nicht genügend Zeit für die Studien von Fragen, die mich aufregen. Manche davon wurden schon von Denkern wie u.a. Heidegger, Derrida, Wittgenstein, Vilém Flusser gestellt.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
In der Zeit der Diktatur in Brasilien wurdest du auch verfolgt. Der Kunst wegen?

Aricy Curvello
Meiner Aktivität in der damaligen Studenten-Bewegung wegen, die für soziale Änderungen war.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Glaubst du wirklich, dass Brasilien heute eine Demokratie erlebt?

Aricy Curvello
Für den der unter einer langen militärischen Diktatur (1964-1985) gelebt hat, insbesondere in den sogenannten “Blei Jahren” (1964-1974), ist das heutige politische Regime auf den Weg zu einer wahren Demokratie. Ich kann nicht ignorieren, dass noch viel fehlt, um eine Situation zu erreichen, in welcher die Menschenrechte respektiert werden, besonders die Rechte der Armen und der Minderheiten. Gleichensfalls ignoriere ich auch nicht den Fakt, dass es noch viel fehlt, um die effektiven Lösungen für Wohnungen, die Schulen, die Gesundheit und die Arbeit für die ärmsten Menschen in die Praxis umzusetzen, insbesondere für diejenigen, die aus dem Land in die Städte zuwandern.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und im Bezug zur Kunst? Viele Autoren reklamieren mehr Platz für die Literatur, da sie sagen, die so genannte Kultur-Industrie zu dicht sein, zu allem was dem Publikum eine eigene Entscheidung ermöglicht, was es diesem Bereich zu erleben wünscht.

Aricy Curvello
Wir haben in Brasilien ein grosses Problem: sowohl die Kultur-Industrie als auch die Medien veröffentlichen nur diejenigen, die im Achse Rio de Janeiro – São Paulo leben. Es ist nicht so leicht, diese Blockade zu überqueren. Als noch komplizierendere Faktoren, gibt es auch noch so zu sagen Filter und Strategien, um die existenziellen und Ästhetischen Werten bestehen zu lassen oder zu privilegieren, welche von in Rio de Janeiro und São Paulo geborenen spezifisch sind. Die Kultur-Industrie und die Medien sind absichtlich dicht gegen alles, was nicht “carioca-paulistano“ sei und was sie als “provinziell“, “regional“ oder “primitiv“ bezeichnen.
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Tânia Gabrielli-Pohlmann
Deine poetische Sprachweise ist hermetisch, konkret, obwohl sie noch Platz der Lyrik widmet. Wie leben Tradition und Modernität in deinem Kreationsprozess zusammen?

Aricy Curvello
Sich der Tradition zu beugen ist ein konservatorischer Extremismus. Ich versuche es, das in der Tradition noch existierende Geltende auszunutzen, ohne ihm unterwürfig zu werden oder ohne in Formen gefangen zu bleiben. Wir leben in einer Zeit der Überbewertung des Neuen, was auch schon ein weiteres Extrem ist. Es ist nötig, für jedes Gedicht eine geeignete Sprachweise zu erschaffen. Mit geeigneten Formen, ohne das der Ausgangspunkt ein Vorurteil oder etwas a priori sei.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
“O Acampamento” wird immer von zahlreichen Kritikern sehr positiv kommentiert. Es ist in diesem Gedicht der Aspekt so zu sagen ein wenig entgegengesetzt der Hinsichten in Bezug zu den gegenseitigen Aktionen zwischen Menschen und Natur. Erzähle ein bisschen über dieses Gedicht und dein Erlebnis in Amazonien…

Aricy Curvello
Das Leben in der Weite von Amazonien war eine einzigartige Erfahrung. Der Änderungsprozess der Natur ist konstant. Man weiss, dass jene Region vor hunderttausend Jahren sehr anders war. Durch lange und andauernde natürliche Prozesse wurde sie dazu, was man heute sieht. Die Aktionen des Menschen aber verursachen in einem sehr kurzem Zeitraum Veränderungen in solchen Prozessen. Andererseits gibt es ständigen Druck der Bevölkerung gegen Missbräuche, wie, zum Beispiel die erfolgreiche Aktion gegen die Initiative des Gouverneurs des Bundesstaates Mato Grosso (Zeca, PT), dessen Ziel die Erlaubnis zur Einrichtung von Alkoholkraftwerken in Regionen des Pantanal war, die fast komplett amazonische Flächen sind.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Die semantischen Ressourcen sind einer deiner Stärken. Hat das Wort dich schon Matt gesetzt?

Aricy Curvello
Nein, aber es quält mich. Unsere Konzepte über die Realität sind eine linguistische Konstruktion. Sie sind Sprache, aber nicht das Wirkliche selbst. Die Sprachweise führt sogar bei Philosophen zu bedauerlichen Verwechslungen. Dazu reicht es, die Metaphysiker zu beachten.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Ist das der geeignete Moment, in welchem der ironische Humor Ressourcen anbieten könnte?

Aricy Curvello
Ja, ohne Zweifel. In diesem Fall ist der Humor eine Ressource im Extremen, ein letzter Versuch an der Grenzen, welche die Verneigung des Unklaren und des Absurden, vor dem Irrationellen und dem Mystischen heisst.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Deine dichotomischen Explorationen führen uns dazu, Schönheiten aufzudecken, bei denen es man als unmöglich bezeichnen kann, schöne Elemente zu enthalten. Geht es darum, immer die beiden Seiten der Münzen wahrzunehmen, was dir die Möglichkeit gibt, die Wörter sogar in ihren Formen und Klängen zu erschöpfen?

Aricy Curvello
Es geht um die Versuche, das Unermessliche des Wirklichen, dass das Leben ist, ohne zu vergessen, dass ich immer von der Reichweite der Wörter, der Sprache begrenzt sein werde, und von den Konzepten, die zu dieser Epoche gehören.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Schon im Buch “Mais que os nomes do nada” (“Mehr als die Namen des Nichts”) ausser aller den schon erwähnten Ressourcen und Diskurse stellt man eine solche Lyrik fest, welche Entzauberung darstellt. Was befindet sich oder “ist“ ausserhalb der Sprachweise?

Aricy Curvello
Im ewigen Zustrom der Dinge, alles wird vergänglich, alles verschwindet. Wir alle werden eines Tages vergänglich. Unser Mutter-Planet, die Erde, wird eines Tages auch nicht mehr existieren, genau wie unsere Sonne, unser Planetensystem. Es gibt in der Suche nach der Poesie, wie Carlos Drummond schon geschrieben hat, ein unersterbliches Wimmern des Lebens.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Es gibt noch einen Aspekt, in der Frage der relativen Realität, welche die literarischen Grenzen begrenzt: Die zwischen verschiedenen Völkern bestehenden Bilder und Mythen. Kann das Internet bei der Entmystifizierung kommt das Internet hilfreich sein?

Aricy Curvello
Nicht immer. Nur wenn es ein gegenseitiges Bewusstsein gibt, was sehr selten passiert. .

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Und wie würdest du die brasilianische Literatur für einen ausländischen Leser definieren?

Aricy Curvello
Es ist gar nicht einfach, sie zu definieren und zusammenzufassen, besonders weil es um eine noch sehr junge Literatur geht. Vielleicht können noch unsere Grössten wie Drummond in der Poesie, Machado de Assis und Guimarães Rosa in der Fiktion symbolisieren. In einer allgemeinen Art und Weise kann man sagen, es gibt zwei Tendenzen in unserer Literatur, welche hin und wieder in Konflikt miteinander geraten: die eine neigt dazu, was spezifisch Brasilien und Brasilianisches ausdrückt; die andere sucht nach der europäischen Matrize oder was Mode in den USA ist.

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Dein Werk, inklusiv deinem Engagement für die Bekanntmachung, spiegelt ein tiefes sozial-politisches Bewusstsein. Wäre dem Aricy eine so riesige Revolution möglich, die nicht die Poesie wäre?   

Aricy Curvello
Ich glaube aber nicht, dass ich schon eine “so riesige Revolution“ erreicht habe…

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Aber du hast dich weder der Trägheit, noch den Wörter ergeben…

Aricy Curvello
Ich muss weiter auf der Suche und mit den Versuchen. Das bedeutet aber noch und immer viel arbeiten.   

Tânia Gabrielli-Pohlmann
Welche ist die soziale Rolle des Schriftstellers, besonders des brasilianischen Schriftstellers?

Aricy Curvello
Zuerst und vor allem das gute Schreiben. Und sowohl unseren Leuten, unserem Landen und Lateinamerika treu zu bleiben. Ohne es zu vergessen, dass die Sprachenweise nicht das Wirkliche ist, und dass ein Schriftsteller vor allem an der Sprachenweise arbeitet und genau sie muss er aufdecken.