Luís Eduardo Matta

Veröffentlicht am 28. Dezember 2009
IRA IMPLACÁVEL –  Indícios de uma conspiração (Erbarmungsloser Zorn – Indizien einer Konspiration)
und
120 Horas (120 Stunden)

Von: Tânia Gabrielli-Pohlmann ©
Deutsche Version: Tânia Gabrielli-Pohlmann + Clemens Maria Pohlmann ©
Link: Luís Eduardo Matta

Die Geschichte der brasilianischen Literatur analysierend, kann man verifizieren, dass spezifischen Genres kein Platz gegeben wurden, wie beim suspense não-policial, oder wie in den Medien als Thriller oder suspense fiction bekannt. Es gibt seltene Ausnahmen, jedoch nicht als primäre Elemente, aus denen der Stil dieses oder jenes Autors besteht. Es wäre sogar möglich zu behaupten, dieser Stil sei präsent in “Dom Casmurro”, von Machado de Assis, durch seinen von Geheimnissen geprägten Diskurs im Bezug zur Figur Capitu, aber es besteht nicht aus dem Tonikum des Autors. Und so war es in unserer Literatur.

iraVor Kurzem bekam ich ein Exemplar des Buches “Ira Implacável – Indícios de uma conspiração”, von Luís Eduardo Matta (Editora Razão Cultural Editora, Rio de Janeiro, 2002, 234 Seiten), dessen Lektüre mich schon ab den ersten Seiten gefasst und überrascht hat. Mit einer extrem gut bearbeiteten Ausgabe, Umschlagsgestaltung von Julio Maurizzio und einer mustergültigen Revision von Jane Castellani des Buches bestätigen die Professionalität mit welcher das Werk produziert wurde und noch bekannt machen wird.

Ein Mord in der Stadt Rio de Janeiro. Etwas Übliches im brasilianischen Alltag? Nicht so, aber, und wenn es darum geht, den Kanzler Libanons, der bei einem offiziellen Besuch in Brasilien auf einem Cocktail-Empfang im Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro war? Und das trotz aller Sicheheitsmassnahmen? Tja… Aber das würde diese Situation nicht so kritisch machen, wäre da nicht ein Brief, der ein paar Stunden nach dem Attentaten beim General-Sekretär der UNO abgegeben wurde. Der Inhalt dieses Briefes ist doppelt erschreckend: der Absender erklärt sich als Urheber des Mordes und dazu noch etwas Schlimmeres… Er teilt seine Absicht mit, welche die generalisierte Verzweifelung auslöst. Nichts weniger als einen gleichzeitigen Anschlag über Beirut und Tel-Aviv. Aber noch erschreckender ist die Urheberschaft des Briefes. Der furchtbare Ali Ahmad, der sich wieder meldet und wie immer mit genauem und deutlichem Datum, wie er bisher immer getan hat, ohne dass ihn jeder weltweite Sicherheits-Dienst oder Intelligence-Service an seinem Ziel hätte hindern konnte. Nach einer so langen Stille von Ali Ahmad wäre eine solche Mitteilung nicht zu verachten. Er würde bestimmt seine Vorhaben einlösen. Daher bildet die UNO ein  diplomatisch-militärisches Komitee, dessen Aufgabe ist, in den übrigen sechs Monaten Strategien zu finden, um das erste Mal in der Geschichte, Ali Ahmad von seinem Ziel fern zu halten. Was unmöglich scheint. Und die Hoffnung auf Erfolg wird noch ferner, als eine anscheinende positive Nachricht veröffentlicht wird, aber welche eine noch kompliziertere Situation bringen könne, die eine noch grössere Krise auslösen könnte. Während die Mitglieder des Komitees fieberhaft in Beiruth arbeiten, kam die Nachricht über den Friedenskompromiss zwischen Iran und Israel, der in der gleichen Zeit des vorgesehenen Attentats unterschrieben werden soll. Euzébio Vianna, in Rio de Janeiro geborener General, der in das Komittee berufen wurde, ahnt, dass etwas zu diesem in solchem unabhängig erscheinenden des vorgesehenen Geschehens irgendwie passt. Darüber hinaus kann er jeden Schritt, sei es in Beirut, Tel-Aviv, Paris oder Jerusalem, nur unter vorsichtigen Strategien geben, die ihm nicht hindert, die laufende Zeit ausser Sicht zu verlieren. Das Narrative entwickelt sich im gespannten, raffinierten und realistischen Diskurs – realistisch auch im literarischen Sinn. Der Autor beendet jeden der 26 Kapitel in einer Art und Weise, welche dem Leser nicht erlaubt, das Buch zuzumachen, ohne dass er sich aufgehetzt, gestört und aufgeregt fühlt, bis dass er es weiter liest.

horas-120Als ich dieses Buch gelesen habe, kommt noch eins. Grösser, länger. Es geht um einen Thriller namens “120 Horas” (120 Stunden), mit einem intrigierenden Umschlag, auf welchem eine von einer Explosion bestehende Wolke zu sehen ist, die sofort mit der Idee der Atombombe verbunden wird. In einem ersten Moment hatte ich die erwartete Reaktion, als ich den Kommentar auf dem hinteren Buchdeckel las: “noch einmal internationale Konspirationen … Wahrscheinlich wird dieses Buch das andere “Ira Implacável – Indícios de uma conspiração” nicht überstehen, da es vielleicht um einen Autor geht, der plötzlich auftritt und der ganz schnell langweilig und redundant wird. Obwohl es unter dem Gewicht eines Namens wie des Verlages Planeta, ein  multinationeller Verlag, der zur Zeit in einem besonderen Masse in brasilianischen Autoren auch für den europäischen Markt investiert”… Als ich begann, das Buch zu lesen, stellte ich dann fest, wie ich mich irrte. Wenn ich mich vom vorherigen Buch gefesselt fühlte, bei diesem erlebte ich das Gefühl, von ihm entführt geworden zu sein. Ich konnte einfach nicht “raus aus dem Buch”… Es sind 440 Seiten in kleiner Schrift, die ich in einem Wochenende “verschlang”. Ohne Pause. Es ging einfach nicht! Es war schauderlich. Die Szenerien umfassen nicht nur den Nahe Osten, sondern noch viele andere Länder – Brasilien inklusive. Und sie sind in Ambiente wie der Hintergrund vom Waffen-Schmuggel, wie auch noch die Welt der Haute Couture, wo sich Figuren von kalten Manövern und Entscheidung mit dem Glamour mischen, und viele davon treffen sich nicht überdingt zufälligerweise, sondern merkwürdigerweise in einer Modenschau Diesmal ist Syrien an der Reihe Genau dort wird ein brasilianischer Wissenschaftler kaltblütig ermordet, nach dem er sich jahrelang einem tückischen Projekt widmet: die Entwicklung der waghalsigen Hydrogen Bombe für Syrien. Diese Ermordung löst neue Geschehnisse aus, viele davon noch erschreckender und überraschender, besonders ab dem Moment, in welchem der Bruder des Wissenschaftlers Rio de Janeiro verlässt, um nach ihm zu suchen. Zwischendurch werden weitere Figuren noch tiefer in das Geschehen involviert, so dass jedes Kapitel Aspekte und Schritte enthüllt, die nur von einem der voll Kreativität und Talent für die  offensichtlich ungleichen Fakten Zwischenverbindungen schafft. Besonders nach der Entführung eines Hubschraubers und einem Brief mit einem makaberen Gedicht. Dadurch wird eine Frist bestimmt. Es werden 120 Stunden gegeben. 120 Stunden bis zu dem radioaktiven Anschlag, genau zu der katholischen Heiligen Woche geplant. Was der Leser noch nicht ahnt – es geht nicht nur um dem Countdown und den schon vorsehenen Massnahmen, die Zeit zu gewinnen. Eigentlich wird es zu einem Detail, weil was parallel passiert, das führt den Leser dazu, die 120 Stunden für Momente sogar fast zu vergessen. Man schafft es nicht, Luft zu holen!!!

luis-mattaDie Lektüre von “Ira Implacável – Indícios de uma conspiração” und von “120 Horas”  führte mich dazu, an die Rolle dieses jungen Autors in einem solchen literarischen Kontext wie den unseren zu denken. Luís Eduardo Matta kommt, um eine neue Tradition in unserer Literatur zu erschaffen. Er besetzt eine literarische Nische, die in unserem Land noch unexistent ist, mit einem aussergewöhnlichen Talent, durch seine tiefe Reife der Übung des Schreibens. Man kann das Werk als “Unterhaltungs-Literatur”, aber die Raffinesse mit welcher der Autor die Sprache behandelt, Aufbau der Geschichte, die Mischung von Realität und poetischen Momenten, also, das alles fügt bei solcher Definierung einen solchen Verdacht, eine Ungerechtigkeit einzugehen, hinzu.

Die Definition über Literatur, die Afrânio Coutinho so gut registrierte
(1)
Welche lautet: “Literatur ist eine Kunst – die Kunst des Wortes –, Wort, welches eine besondere Behandlung von rethorischen, poetischen und Stilistischen Kunstgriffen bekommt, – eine neue Dimension, die es zu einer literarischen Sprachweise wandelt, welche die Standard-Sprache übersteigt und einen eigenen ‘Sinn’ bekommt (…)”

(2)
Bestätigt die Übersteigerung gegenüber der Standard-Sprache durch den Aussergewöhnlichen des Genres dieses Buches in unserer Literatur. Ebenfalls behandelt Luís Eduardo Matta manche rethorischen Kunstgriffe in einer sehr besonderen Art und Weise und sein Werk ist bestimmt “… Produkt der schöpferischen Imagination…”

(3)
Obwohl er  u.a. journalistische, pädagogische, philosophische, geschichtliche Ressourcen nicht zur Seite lässt, wie Coutinho in seiner Literatur-Definition verlangt, was zur Bestimmung des Werkes als literarisch wieder konvergiert, da er tief damit verbunden ist, “… mit weiteren Produktionen dieser Bereiche, die sich nebenan stellen, und den Literatur Bereich vergrössert, und dazu beitragen, die Aufklärung der Literatur unter dem Licht der Kenntnis und der Interpretierung, welche ihr spezifisch ist und zu ihr gehört”.

(4)
Mehr als “Ira Implacável – Indícios de uma Conspiração” und “120 Horas”, Luís Eduardo Matta hat das alles. Er kommt, um zu bleiben. Und um Tradition zu werden.

“Enciclopédia de Literatura Brasileira” Volume 1, 2a.
Edição, páginas 23 e segs.
Direção: Afrânio Coutinho e J. Galante de Sousa.
Co-edição Global Editora
Fundação Biblioteca Nacional/DNL, Academia Brasileira de Letras.
Idem
Ibidem
Ibidem