Mocidade Independente

Veröffentlicht am 10. November 2009

Allgemeine Daten der Sambaschule GRES Mocidade Independente de Padre Miguel

bandeira-mocidadeGegründet: 10. November 1955
Vereinsfarben: Grün/Weiss
Symbol: ein Stern
Aus dem Stadtteil: „Padre Miguel“

Präsident: Wandyr Trindade
Karnevalist/In: Alexandre Louzada und Edson Pereira
Sänger: Wander Pires
Leiter der Perkussions-Gruppe (Mestre de bateria): Mestre Dudu
Begleiter der Fahnenträgerin (Mestre-sala): Diogo Jesus
Fahnenträgerin (Porta-bandeira): Cristiane Caldas
Königin der Perkussion (Rainha da Bateria): Camila Silva
Karnevalsdirektor: Marquinho Marino
Chorographie: Jorge Texeira und Saulo Finelon

Samba-Enredo 2017 (Themen-Samba)
As mil e uma noites de uma “Mocidade” pra lá de Marrakesh
Die Tausend und eine Nächte einer “Mocidade“ jenseits von Marrakesch

Zahlen Karneval 2017
Mitwirkende: 3.300
Alas (Themen-Gruppen zu Fuss): 33
Allegorische Wagen: 6

Probelokal: Rua Coronel Tamarindo 38 — Padre Miguel
Proben: Samstags ab 22h
Werkstatt: Rua Rivadávia Correa 60 – Cidade do Samba – Gamboa
Telefon: (21) 3332 – 5823 (Quadra) und (21) 2516 – 3215 (Werkstatt)

Karnevalssieger Grupo Especial
1996, 1991, 1990, 1985, 1979

Impressionen Karnevalsparade 2017

Impressionen Karnevalsparade 2016

Impressionen Karnevalsparade 2015

Impressionen Karnevalsparade 2014

Impressionen Karnevalsparade 2013

Aus der Vereinsgeschichte

Jede Spitze des Sterns der „Mocidade“ – mit komplettem Namen „Mocidade Independente de Padre Miguel“ – dem Symbol der grün-weissen Schule des Padre Miguel, steht für eine besondere Phase ihrer Geschichte. Ursprünglich entstanden aus einer Fussballmannschaft, wurde die Schule im Jahr 1955 gegründet und, zwei Jahre später, machte sie bereits Geschichte mit der berühmten Parade des Mestre André, einer Neuheit unter den rhythmisch vereinheitlichten Paraden jener Epoche.

„Mestre André“, einer der berühmten Köpfe dieses Vereins, war es, der die inzwischen überall imitierten Schlagpausen in der Perkussions-Gruppe einführte: im Jahr 1957 instruierte er seine Rhythmiker, den Sound ihrer Instrumente, auf sein Kommando, ganz plötzlich vor der Tribüne der Jury zu unterbrechen, während lediglich die „Caixa-Tarol“ (kleine Holzkiste, die mit Holzschlegeln bearbeitet wird) den Rhythmus für den allgemeinen Wiedereinsatz durchzieht.

Dieser plötzliche Abbruch des ohrenbetäubenden Sounds und nach kurzer Pause exakte Wiedereinsatz sollte die Jury in ihrer positiven Bewertung beeinflussen und tat es nachweislich auch. Die „Kunstpausen“ des Mestre André wurden die Marke der „Mocidade“.

Jedoch besteht eine Samba-Schule nicht nur aus dem „Baticumbum“ ihrer Percussion. Und in den 70er Jahren zeigte die „Mocidade“, dass sie ausser einem fehlerfreien Rhythmus auch etwas vom Karneval machen verstand. Unter der Leitung von Arlindo Rodrigues präsentierte die Schule so erinnerungswürdige Paraden wie „A festa do Divino“ (1974), „Mãe Meninha do Gantois“ (1976) und „Descobrimento do Brasil“ (1979) – mit letzterer wurde sie zum ersten Mal Champion auf der Avenida!

Auch die 80er Jahre wurden von einer neuen Phase der Mocidade geprägt. Die Schule trennte sich von der barocken Präsentation und setzte nunmehr auf zeitgenössische Themen – mit Kritik, Unehrerbietigkeit und gutem Humor. Der Verantwortliche? Kein anderer als der verehrte Fernando Pinto, ein Karnevalist, der schon bei „Império Serrano“ Champion geworden war. Der Wagemut lohnte sich: Die Mocidade beehrte das Publikum mit unvergessenen Paraden wie „Mamãe eu quero Manaus“ (1984), „Tupinicópolis“ (1987) und natürlich „Ziriguidum 2001“ (1985) – der zweite Spitzensieg dieser Schule!

Fernando Pinto starb 1986 und vererbte der Grün-Weissen einen einzigartigen Stil den Karneval zu gestalten. Und um diesen Erfolgsstil beizubehalten, engagierte die Schule die Karnevalisten Renato Lage und Lílian Rabelo. Wieder ein Riesenerfolg! 1990 wendete sich die Schule der Vergangenheit zu, um ihre eigene Geschichte zu erzählen – und verliess die Avenida als Champion – jetzt mit einem High-Tec-Stil, welcher eine weitere Phase der Schule prägte.

Seit damals waren es 13 Renato-Lage-Jahre und zwei weitere Spitzenpositionen („Chuê, chuá“, im Jahr 199,1 und „Criador e criatura“ 1996). 2003 eine weitere Neuerung: Ein Thema über die Organspende – die Mocidade engagierte sich in einer politisch korrekten Kampagne. Der Karnevalist Chico Spinoza überbrachte seine Botschaft und platzierte die Schule unter die ersten fünf jenen Jahres! Soziales Engagement inspirierte den Karneval des folgenden Jahres – über die Verkehrserziehung – jedoch ohne ähnlichen Erfolg: die Mocidade landete auf dem achten Platz.

Die letzte Spitze ihres Sterns ist noch am Werden. Vielleicht wird sie eine Schule enthüllen, die auf der Suche nach ihrer Geschichte, ihrer Kommune, dem Publikum und ihren Titeln ein Comeback feiern wird? 2006, dem Jahr ihres 50-jährigen Jubiläums, präsentierte die Schule auf der Avenida ihre Parade „A vida que pedi a Deus“, des Karnevalisten Mauro Quintaes. Aber sie schnitt nicht gut ab: landete auf einem bitteren zehnten Platz – ihre schlechteste Platzierung in der „Grupo Especial“. Aber schon 2007 rutschte sie mit ihrem Thema der „Ankunft der Kaiserfamilie in Brasilien“ wieder auf den siebenten Platz.

Mit dem Motto „Do paraíso de Deus ao paraíso da loucura, cada um sabe o que procura“ (Vom Paradies Gottes zum Paradies der Verrückten, jeder Einzelne weiss, was er sucht) zeigte die Schule 2010 Fantasiewelten unterschiedlichster Natur. So wurde zu Beginn der Garten Eden symbolisiert, Engel begleiteten Adam und Eva aus dem Paradies heraus. Die Protagonisten der Comissão da frente (Begrüssungskommission) wurden von zwei jugendlichen Tänzern dargestellt, die ihre Sache mehr als gut machten. Im Anschluss ging die Reise auf den afrikanischen Kontinent, in dem die Menschen des Mittelalters das Paradies vermuteten und vor dort in die neue Welt bzw. ins heutige Südamerika. Aber auch Konsumtempel und der Karneval können für die Menschen das persönliche Paradies darstellen, wie weitere Allegoriewagen verdeutlichten. Der 7. Schlussrang war es am Ende.

2011 hiess das Motto „Parabel der göttlichen Sämänner“. In ihrer Parade ging es um alte und junge Rituale in Zusammenhang mit der Natur. So wurden unter anderem der heilige Stier Apis aus dem alten Ägypten und Bacchus, der römische Gott des Weines auf den Motivwagen dargestellt. Die Begrüssungskommission demonstrierte, wie die Natur im Frühling wieder zum Leben erwacht und Blütenknospen die verbliebenen Eiskristalle des letzten Winters verdrängen. Auch wenn Karneval heute im christlichen Sinne als Beginn der Fastenzeit gefeiert wird, stand doch in der Antike das Frühlingserwachen im Mittelpunkt. Dass daraus sich dann irgendwann das heutige Fest entwickelt hat, zeigte die Schule am Ende der Parade mit einer ausgelassen feiernden Kostümgruppe.

Die Samba-Schule “Mocidade Independente de Padre Miguel“ (Unabhängige Jugend des Padre Miguel) brachte 2012 Farben, Graffitti, Spiegel und eine erneuerte Equipe, unter dem Kommando des Karnevalisten Alexandre Louzada, auf die Sapucaí – um den brasilianischen Maler Cândido Portinari mit ihrer Parade zu ehren.

Ihr Thema “Port Ti, Portinari“ (Für Dich Portinari), inspiriert durch die Werke des Künstlers, wurde von ihnen dargestellt mit vielen Kristallen, Federn und Pailletten, die einige der gigantischen Wagen der Schule schmückten.

Die Evolution der Grün-Weissen dürfte allerdings in der Beurteilung der Juroren etwas gelitten haben durch die Probleme, welche die Schule ausgerechnet mit einem ihrer schönsten allegorischen Wagen zu überwinden hatte: Der “Abre-Alas“, mit dem Titel “Por ti, Portinari – o Universo“ (Für Dich Portinari – das Universum), bedeckt mit Spiegeln von zirka 22 Metern Länge, geriet ausser Kontrolle und kollidierte mit dem lateralen Schutzgitter, welches die Paradierenden vom Tribünenpublikum trennt. Zirka 40 Mitglieder der Schule mussten rennen und helfen, den Wagen wieder in seine normale Laufbahn auf der Avenida zurück zu schieben. Mocidade erreichte den 9. Schlussrang an den Karnevalsparaden 2012 in Rio de Janeiro.

Das Thema der Mocidade Independente 2013 hiess: “Eu vou de Mocidade com samba e Rock in Rio – Por um mundo melhor“ (Ich geh’ mit der “Mocidade”, mit Samba und “Rock in Rio” – für eine bessere Welt.). Das Thema präsentierte Idole aus verschiedenen Generationen des nationalen und internationalen Rocks.

Erzählte wurde auch die Geschichte des “Rock in Rio“. Roberta und Roberto Medina, Vizepräsidentin und Präsident des Rock in Rio, nahmen an der Parade teil.

Die Parade wartete mit einer Reihe von Musen auf: Ângela Bismarchi und Denise Rocha, die als “Taifun der CPI“ bekannt wurde, demonstrierten den Samba zu Fuss in der Parade der “Mocidade“. Gleich dahinter wurde das erste Festival dargestellt, in Erinnerung durch jene Schlammkuhle, die sich in der “Cidade do Rock“ wegen des Dauerregens gebildet hatte, der damals niederging. Ein Auto, dekoriert mit Jeans-Hosen symbolisierte jene Periode. 500 Jeans waren so drapiert, als wären es Beine. Die Hosen werden später mittels einer Kampagne im Internet verschenkt.

Der dritte Sektor z.B. erinnerte an das zweite Festival im Jahr 1991, im Maracanã-Stadion. Im allegorischen Wagen bewegten sich schwarze Teile eines Fussballs so, als ob sie wie ein Herz pulsieren. Die vier bedeutendsten Teams von Rio wurden herausgestellt. Der Club Flamengo wurde von “Heavy-Metal-Geiern“ repräsentiert. Gitarren mit den Vereinswappen von Fluminense, Botafogo und Vasco wurden von Mitgliedern der Schule gespielt.

Wegen fehlender finanzieller Mittel nach dem Brand im Barracão der “Mocidade“, blieben dem Karnevalist Louzado gerade mal zwei Monate, um die Allegorien fertig zu bekommen. “Ich vertraue mehr auf die Ausstrahlung der Mocidade mit dieser Arbeit. Mit der neuen Werkstätte, die wir bekommen haben, werden wir unsere Schwierigkeiten bald überwunden haben“, meinte er. Am Ende reichte es für den 11. Rang und dem Verbleib in der Grupo Especial.

Mit dem 2014 Thema “Pernambucópolis“ (Pernambukopolis) hofft die Schule auf ihren ersten Titel im 21. Jahrhundert. Mit Turbulenzen hinter den Kulissen, die den Präsidenten Paulo Vianna zum Rücktritt zwangen (er wurde beschuldigt, bei Versammlungen der Schule Unterschriften gefälscht zu haben), wollten ihre Mitglieder einfach ihre Probleme beiseite lassen und sich auf ihre diesjährige Parade konzentrieren.

Mit fünf bereits gewonnenen Titeln – der letzte 1996 – wollte es sich die “Mocidade“ nicht erlauben, den Kampf um einen der vorderen Plätze um ein weiteres Jahr zu verschieben. Und um den zu erreichen, passte die Ehrung eines Karnevalisten-Champions ihnen genau ins Bild. Fernando Pinto, gestorben bei einem Autounfall 1987, war verantwortlich für eine Parade, die er 1985 auf die Avenida brachte, und die Geschichte im Karneval von Rio machte: “Ziriguidum 2001“. Ihre diesjährige Präsentation enthielt verschiedene Referenzen auf jenes Jahr.

In der Parade 2014 kehrte Fernando Pinto auf die Erde zurück, in einem futuristischen allegorischen Wagen, um seinen Bundesstaat Pernambuco zu besuchen. Pernambuco wurde portraitiert im Folklore-Thema “Boi-bumbá“ des zweiten Wagens und in begleitenden “Alas“, wie der “Folia de Olinda“ und einem anderen berühmten Block aus Recife, dem “Galo da Madrugada“.

Mit all diesen Problemen vor ihrem Karneval belastet erlebte man hier in der Marquês de Sapucaí eine wahre Show der Überwindung! Und kein Wunder, dass viele der 3.800 Teilnehmer nach ihrer gelungenen Parade den Tränen freien Lauf liessen. Mocidade erreichte 2014 den 9. Schlussrang.

Ohne Sieg im Karneval seit 1996, hat die Mocidade Independente de Padre Miguel gewaltig in diesen Karneval 2015 investiert. Hat den Karnevals-Champion von 2014, Paulo Barros (Ex-Unidos da Tijuca) engagiert und Claudia Leitte als Königin der Percussion neu gewonnen.

Mit dem Thema ”Se o mundo fosse acabar, me diz o que você faria se só te restasse um dia?” (Wenn die Welt unterginge, sag mir, was du tun würdest, wenn dir nur noch ein Tag bliebe) zeigte die Schule eine Parade mit einer Demonstration des Endes der Welt und der apokalyptischen Voraussagen, um danach vorzuschlagen, intensiv zu leben, so als ob jeder Tag der letzte wäre.

Paulo Barros, dreifacher Champion von Rio, hat einmal mehr sein Können gezeigt, indem er eine Parade auf die Beine gestellt hat, die voller “Begebenheiten“ aufmarschierte, eine theatralische Präsentation mit choreografierten Bewegungen auf den allegorischen Wagen, die so genannten “humanen Allegorien“.

Obwohl die Absichten der Parade leicht zu verstehen waren, brachte die Mocidade eine Innovation mit, indem sie erklärende Texte auf den allegorischen Wagen präsentierte, ausserdem auch Beschriftungen auf den Ballons der Alas, auf denen die suggestiven Kostüme erklärt wurden.

In der Endabrechnung stand Mocidade mit 268,5 Punkten auf dem 7. Schlussrang.

Mocidade de Padre Miguel schickte 2016 “Don Quixote de la Mancha“ auf die Piste, um mit ihm die Wunden Brasiliens und Unverschämtheiten seiner Politiker zu denunzieren.
Damit will die Sambaschule allerdings nicht nur Anprangern.

Vielmehr soll es eine Botschaft sein, dass noch Zeit für Änderungen ist. Das Samba-Thema heisst: ”O Brasil de La Mancha: Sou Miguel, Padre Miguel. Sou Cervantes, Sou Quixote Cavaleiro, Pixote Brasileiro.” (Das Brasilien von La Mancha: Ich bin Miguel, Pater Miguel. Ich bin Cervantes, bin der Kavalier Quixote, ein brasilianischer Lausbube).

Die begehrte Trophäe gewann die Schule zum letzten Mal vor 19 Jahren. Die 266,5 Punkte ergaben am Ende den 10. Schlussrang.

Mit Ah- und Oh-Rufen wurden die Spezialeffekte der Frontkommission der Mocidade 2017 quittiert, bei der Aladin auf dem fliegenden Teppich abgehoben hat. Geschehen ist das nicht wirklich, auch wenn es so ausgesehen hat. Um den Effekt zu erreichen wurde vielmehr eine Drohne mit dem Konterfei des Aladinakteurs verkleidet und mit einem “Teppich“ bestückt.

Bei den sechs alegorischen Wagen stach besonders die über den Bodenreichtum Marokkos hervor. Dargestellt wurde dies mit Alibaba und den 40 Räubern, die immer wieder im Felsen verschwunden sind. Auch die Gelehrsamkeit und das Wissen des arabischen Volkes wurden mit einer Alegorie bedacht.

Allerdings gab es auch bei der Parade von Mocidade ein Problem. Auf einem der alegorischen Wagen hat sich ein Podest gelöst, auf dem eine Tänzerin gestanden hat. Diese ist in die Tiefe gefallen, soll sich aber nicht groß verletzt haben und wohlauf sein, wie es hieß. Videoaufnahmen zeigen, dass sie glücklicherweise auf dem unteren Teil des Wagens gestanden hatte.

Die kreative und farbige Parade hätte es beinahe geschafft den Sieg einzufahren… dafür fehlten 0.1 Punkte, was den 2. Schlussrang hinter der Siegerschule Portela bedeutete.