Carnaval Brasileiro

Veröffentlicht am 9. November 2009

DER BRASILIANISCHE KARNEVAL – DIE GRÖSSTE SHOW DER WELT

RIO DE JANEIRO

thumb_brasilien-karnevalIn Rio de Janeiro hat sich das ausgelassene Fest, das übrigens auf dasselbe Datum fällt wie in Europa (vom Freitag der Fastenwoche bis zum Aschermittwoch einschliesslich), zu einer spektakulären Show der artistischen wie technischen Superlative entwickelt – “highly sophisticated“ und das beliebte Ziel von Touristen aus aller Welt.

Am Freitag händigt der Bürgermeister von Rio de Janeiro dem König der Narren “Rei Momo“ die Schlüssel der Stadt aus – dies ist der Anfang einer 5-Tages-Party: Menschliche Vorstellungskraft gebiert unglaubliche Verrücktheiten, gesellschaftliche Schranken werden durchbrochen, und die Avenidas der Stadt, gestopft voll mit Erwachsenen und Kindern in bunten Kostümen, sind farbig beleuchtet. Die öffentlichen Plätze der Stadt werden für Shows, Musikdarbietungen und Tanz genutzt. Bands und so genannte “Blocos“ (organisierte Karnevals-Gruppen) scheinen überall aus dem Boden zu wachsen – sie tanzen, trommeln und singen.

Es gibt zahlreiche Samba-Schulen in Rio, unterteilt in total vier “Ligen“ – beide paradieren im “Sambódromo“, einem extra für Rios grösste Show vom Stararchitekten Oscar Niemeyer konzipierten Freilicht-Theater inmitten der Stadt. Die 12 Schulen der “Grupo Especial“ (Spitzengruppe) marschieren dort am Sonntag und am Montag auf – vor Tausenden von Einheimischen und Touristen, die sich auf den erhöhten Tribünen drängeln – während die “Grupos de Acesso A“ und “B“ (Zweit- und Drittplatzierte) schon am Freitag und Samstag ebenfalls dort paradieren. Darüber hinaus findet am Faschings-Dienstag die Parade der “Mirins“ statt – der jüngeren Mitglieder der entsprechenden Schulen). Am Aschermittwoch werden dann von einem Schiedsrichter-Gremium die vom ganzen Volk mit Spannung erwarteten Punktzahlen für jede Parade vergeben – die ersten Drei paradieren dann noch einmal am darauf folgenden Samstag in der “Parada dos Campiões“ (der Champion-Parade).

Carnival dancer

Jede Samba-Schue präsentiert zwischen 2.500 und 4.500 Teilnehmer, die in so genannte “Alas“ (Flügel) eingeteilt sind – jeder Flügel in anderen Kostümen – sowie 5 bis 9 “carros alegóricos“, herrlich geschmückte und bestückte Festwagen. Jede Schule wählt ein “Enredo“ (Parade-Thema) und komponiert einen Samba-Song – poetisch, rhythmisch und leicht verständlich – auf dieses Thema. Dasselbe Thema findet ausserdem optischen Ausdruck in der Festwagenflotte und in jedem einzelnen Kostüm der Mitwirkenden. Die Percussion-“Batterie“ legt über die gesamte Parade einen vibrierenden Beat, der die gesamte Schule, zusammen mit dem Publikum, während der Präsentation unter Strom setzt und in Bewegung hält.

Jede Parade folgt einer genau vorgeschriebenen Aufmarsch-Ordnung: die Spitze bildet die “Commisão de Frente“ (Front-Kommission), eine sich nach sorgfältiger Choreographie bewegende Truppe, welche dem Publikum die jeweilige Schule und ihr Thema präsentieren. Es folgt die “Abre Alas“ (Öffnung der Flügel) – eine phantasievoll gestaltete bunte Flotte, an deren Spitze gewöhnlich der Name und das Wappen der entsprechenden Schule präsentiert wird. Dann folgen die einzelnen “Alas“ (Flügel) die gruppenweise die unterschiedlichsten Kostüme präsentieren – dazwischen immer wieder neue Festwagen von gigantischen Ausmassen, besetzt von tanzenden und winkenden, knapp bekleideten Menschen zwischen ganzen Themen-Landschaften – die Wagen werden übrigens von unzähligen Helfern während der Parade geschoben. “Porta Bandeira“ und “Mestre Sala“ sind der Mittelpunkt jeder Schule – ein in klassische Kostüme aus dem 18. Jahrhundert gekleidetes, tanzendes Paar: sie präsentiert die Standarte ihrer Samba-Schule, er macht ihr andauernd Referenzen, indem er sich tanzend vor ihr verbeugt und seinen Hut schwenkt. Um sie herum die beliebten Mulata-Tänzerinnen, deren Temperament sämtliche Zuschauer auf den Tribünen in die Höhe reisst. Eine “Ala“ der “Baianas“ kündigt das Ende einer Parade an: ältere Frauen, gekleidet in klassische Trachten aus Bahia, ihre weissen Kreolinenröcke schwingen eindrucksvoll im Takt der getanzten Rhythmen. Das End einer Parade bildet die “Velha Guarda“ (Alte Garde) – die hoch ehrenwerten Senioren und Administratoren der Schule.

Jeder Schule stehen zwischen 65 und 80 Minuten für ihre Parade zur Verfügung – wer diese vorgegebenen Zeiten unter- oder überschreitet, verliert Punkte! Preisrichter aus den verschiedensten Berufsgruppen vergeben Punkte für die Prozession – so zum Beispiel für die Kostüme, die Musik, das Design – und sie machen auch Abzüge für fehlende Energie, Enthusiasmus oder Disziplin beim Aufmarsch. Die Gewinner der “Grupos de Acesso“ steigen im nächsten Jahr zur nächst höheren Kategorie auf – inklusive in die “Grupo Especial“ – während die Verlierer in die nächst niedrigere Gruppe absteigen. Der Wettbewerb ist hektisch und intensiv, und die Gewinner-Gruppen erhalten einen Geldpreis aus den Einnahmen des Spektakels.

Die Karneval-Paraden sind der Höhepunkt monatelanger Vorbereitungen und intensiver Arbeit von kommunalen Gruppen, meist in den ärmsten Distrikten der Stadt. Wenn Sie die Tradition der Samba-Schulen, die Bedeutung der verschiedenen Teile einer Parade und den Karneval als Ganzes besser verstehen möchten, dann besuchen Sie mal das “Museu do Carnaval“ wenn Sie in Rio de Janeiro sind – es befindet sich im “Sambódromo“, dem Parade-Theater. Es ist 600 Meter lang und bietet Platz für 43.000 Zuschauer.

Rios Karnevals-Parties reichen von extravagant bis wild. Die meisten Clubs und Hotels bieten mindestens eine. Die im Copacabana Palace, zum Beispiel, ist elegant und teuer, während jene im Scala-Club – an jedem Karnevalstag eine – für jedermann erschwinglich und besonders ausschweifend sind. Es ist nicht unbedingt notwendig, kostümiert zu erscheinen, obwohl man sich besser fühlen wird, wenn man nur ein Minimum am Körper trägt! Die berühmtesten Parties sind: “Vermelho & Preto“ (Rot & Schwarz) am Freitag und der “Baile Gay“ (Gay-Ball) am Dienstag – die beide vom Fernsehen übertragen werden.

Bands und “Blocos“ entdeckt man während diesen Tagen allerdings auch in der gesamten Nachbarschaft. Einige der populärsten und spassigsten sind “Cordão da Bola Preta“ (Bruderschaft der schwarzen Kugel) am Samstag, “Simpatia é Quase Amor“ (Sympathie ist fast Liebe) am Sonntag und die Transvestiten-Band von Ipanema am Samstag und Dienstag. Das Schönste: Jedermann ist willkommen und kann mitmarschieren!

nach obenSALVADOR DA BAHIA

In Salvador (Bahia) fängt der Karneval offiziell am Donnerstagabend (20:00 h) an, mit der Übergabe der Schlüssel der Stadt an den “Rei Momo“ – die inoffizielle Eröffnung ist allerdings schon am Mittwochnachmittag davor, sie beginnt mit der “Säuberung des Hafens von Barra“ – die Menschen kommen auf dem kleinen Stadtstrand zusammen und beginnen zu tanzen. Später am Abend, gegen 23:00 Uhr, eröffnet der “Baile dos Atrizes“ (Ball der Schauspieler) das Fest – er geht bis in die frühen Morgenstunden – etwas für Bohemiens und mit viel Spass!

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Karneval in Bahia ist der grösste Strassenkarneval der Welt – und er verlangt geradezu nach aktiver Beteiligung. Man schätzt, dass zirka 1,5 Millionen Menschen während der tollen Tage, rund um die Uhr, sich tanzend und singend durch die Strassen von Salvador bewegen! Zwei unterschiedliche Musikrichtungen bewegen dabei die Massen: Die AFRO-BLOCKS und die TRIOS ELÉTRICOS. Erstere bestehen aus langen, mit Trommeln ausgerüsteten Gruppen (einige mit mehr als 200 Trommlern), die sich auf den Strassen vorwärts bewegen, begleitet von die Menge anfeuernden Lead-Sängern auf mobilen Sound-Trucks. Die ersten dieser Spezies waren die “Filhos de Gandhi“ (gegründet 1949), und deren Teilnahme ist bis heute eines der Highlights des Karnevals. Ihre 6.000 Mitglieder tanzen am Sonntag und am Dienstag durch Salvadors City, gekleidet in ihre traditionellen Kostüme, ein “Strom von Weiss und Blau in einem Meer von bunten Karnevals-Fans“. Die bekanntesten unter den neueren Afro-Blocks sind: “Ilé Aiyé“ – “Olodum“ – “Muzenza“ und “Malê Debalê“. Sie alle präsentieren sich während des übrigen Jahres zu kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Anlässen. “Ilê Aiye“ allein bringt zum Karneval (Samstagnacht) zirka 2.100 Mitglieder auf die Strasse!

Die enormen TRIOS ELÉTRICOS – 12 Meter lange Sound-Trucks, mit bis zu zehn fast ununterbrochen spielenden Musikern, deren Präsentationen durch ebenfalls auf der Ladefläche montierte, Trommelfell marternde Lautsprecher zwischen den die Strassen säumenden Gebäuden widerhallen – sind, wie gesagt, die zweite massenbewegende Sound-Kulisse. Sie bewegen sich im Schritttempo durch Strassen und Gassen, und die ekstatisch angeheizten Menschen im Karnevalsrausch folgen ihnen.

nach obenRECIFE

In Recife (Pernambuco) ist es ebenfalls der Strassenkarneval, welcher den besonderen Reiz dieses Festes ausmacht. Und das begreift sowohl Samba-Schulen, als auch Trios Elétricos und seine eigenen, aus der Kultur des Nordostens gewachsenen Tänze und Rhythmen, wie den “Maracatu“ und den “Frevo“, mit ein. Die Avenida Guararapes in Recife, Pina, in der Nähe von “Boa Viagem“, der “Largo do Amparão” und der “Mercado Eufrásio Barbosa” in Varadouro (Olinda) sind die bedeutendsten Karnevals-Zentren.

Hier gibt es eine Vor-Karnevalswoche, die vom “Bloco da Parceria“, in Boa Viagem, eingeleitet wird – sie präsentieren “Axé-Musik“ aus Bahia – und die “Virgens de Bairro Novo“, in Olinda, präsentieren Männer in Frauenkostümen. Es folgen Karnevals-Bälle, zum Beispiel der “Baile dos Artistas“ (Künstlerball – sehr populär bei der Gay-Kommune) und der “Bal Masque“ im Portugiesischen Club. Am folgenden Samstagmorgen eröffnet der “Bloco Galo da Madrugada“ (Hahn der Morgenfrühe), mit fast einer Million Teilnehmern, offiziell den Karneval (wild und lebendig) – seine Route kann man der Lokalpresse entnehmen. Die teilnehmenden Gruppen bestehen aus “Caboclinhos“ (Caboclos) – “Tribos de Índios“ (Indianer) – “Escolas de Samba“ und “Frevo“ (pernambukanischer Volkstanz).

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Die Maracatu-Gruppen (afrikanischen Ursprungs) tanzen vor sämtlichen Kirchentüren, an denen sie vorbeikommen – auf einem kleinen Wagen an der Spitze des Zuges ist eine Tierfigur montiert, gefolgt vom König und der Königin unter einem breiten, schattigen Sonnenschirm. Die “Baianas“ (Bahianerinnen) in schneeweissen Spitzenblusen, tanzen in langer reihe zu beiden Seiten des Herrscherpaares. Dann folgt die “Dama do Passo“ (schrittmachende Dame), welche eine kleine Puppe trägt, die “Calunga“. Hinter ihr schreitet der “Tirador de Luas“, der Lead-Sänger der Gruppe – er gibt einen Text vor, und die Gruppe antwortet im Chor. Den Abschluss macht die Band mit lokalen Perkussions-Instrumenten.

Ein besonderes Spektakel bieten die “Caboclinhos“ – eine Gruppe in traditioneller Indianertracht, mit vielen Federn und in Baströcken, bunte Federkronen auf dem Kopf, Halsketten aus Fruchtkernen und Tierzähnen. Die Tänzer akzentuieren den Rhythmus mit Pfeil und Bogen, andere spielen auf primitiven Musikinstrumenten – aber das Beste ist ihr Tanz: Sie springen, überschlagen sich im Salto und stampfen mit einer fast mathematischen Präzision.

In Olinda (Pernambuco) – in unmittelbarer Nachbarschaft von Recife – trifft manch einer den für ihn “schönsten Strassen-Karneval Brasiliens“ an: Tausende von Menschen tanzen in den schmalen Gassen der historischen Stadt zum Sound des “Frevo“ – einer Musik des Nordostens, die normalerweise von einem lebendigen Tanz begleitet wird, der aus vielen akrobatischen Sprüngen besteht, die man mit einem bunten Sonnenschirm in der Hand ausführt – eine wahre Augenwaide.

nach obenOLINDA

Der Karneval in Olinda ist eine Gelegenheit, an der die ganze Einwohnerschaft teilnimmt: Die historische Stadtkulisse und die Tatsache, dass sich hier die Bürger alle gut kennen, schafft eine Intimität, die man in den übrigen Millionenstädten Brasiliens sonst nicht findet. Man findet hier auch als Besucher besonders schnell Kontakt und fühlt sich unter diesen Menschen sehr gut aufgehoben. Der Karneval dauert hier 11 Tage, und er spielt sich hauptsächlich auf der Strasse ab – das ist das Schöne dabei für den Besucher von ausserhalb. Einfach jeder verkleidet sich zu diesem Anlass – die offizielle Eröffnungsfeier ist fast so pompös wie bei den Olympischen Spiele: Ein “Bloco“ von “mehr als 400 Jungfrauen“ (verkleidete Männer) setzt sich in Szene – Preise werden für die gewagtesten und die prüdesten Kostüme vergeben!

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In vielen anderen Orten Brasiliens (zum Beispiel in São Paulo) werden Sie während der Karnevalstage besonders viel Spass haben und vielleicht ganz neue, und bisher unbekannte, Varianten im Leben der Brasilianer entdecken. Und so wie dieses riesengrosse Land innerhalb seiner einzelnen Regionen voller überraschender landschaftlicher und kultureller Kontraste steckt, so werden Sie auch in jedem Zipfel einen neuen, einen bisher nie erlebten Karneval entdecken – lassen Sie sich anstecken von dem Geist, der allen Brasilianern gemeinsam ist: sie verstehen es, zu feiern und ihre Probleme in einem Meer von Freudentränen zu ertränken!