Das Gesicht Brasiliens

Veröffentlicht am 26. Oktober 2009

Woher kommt eigentlich unser “Jeitinho”, unsere Art und Weise zu reden, unsere Gerissenheit? Nach einer weiteren Saison politischer Skandale, ist die Diskussion um die Herkunft des nationalen Charakters wieder aufgeflammt.

Letztendlich, wer sind wir eigentlich, wir die Brasilianer? Auf den ersten Blick scheint die Antwort auf diese Frage einfach: wir sind das Produkt einer genetischen Mischung aus portugiesischen Kolonisatoren, aus den Indianern, die hier lebten und den Afrikanern, die man als Arbeitssklaven eingeschleppt hat – inklusive der Emigranten, welche zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert einwanderten – Deutsche, Italiener, Japaner. Soweit so gut. Wir sind also genetisch und kulturell ein Volk von Mestizen das, abgesehen von seiner Diversifikation, auch gewisse Gemeinsamkeiten aufweist.

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Die Antwort auf dieselbe Frage wird jedoch ein bisschen komplizierter, wenn es darum geht, die Essenz dessen zu entdecken, was man üblicherweise als “nationalen Charakter“ bezeichnet – jene Züge, die eine Reihe von Verhaltensweisen erklären, welche wir uns angewöhnt haben, als durchaus natürlich und normal zu betrachten, die aber fast immer unter ausländischen Besuchern ziemliches Befremden auslösen.

“Die Leute hier gehen mit mehr Affekt miteinander um – und das ist nicht nur ein Klischee. Die Brasilianer reden miteinander auf der Strasse, während in Europa an den Bus- und U-Bahnstationen das Schweigen dominiert“, sagt der spanische Journalist Juan Arias, der seit sieben Jahren als Korrespondent der Zeitung El País in Rio de Janeiro lebt. “Aber ich war schockiert über die kafkasche Bürokratie, um meine Daueraufenthaltsgenehmigung zu bekommen, nachdem ich eine Brasilianerin geheiratet hatte. Ich musste mehr als 600 Tage warten, 6 Kilo an Dokumenten erstellen und begegnete ausserdem der verführerischen Lockung: alles ginge viel schneller, wenn ich 8.000 Reais zahlen würde“!

Brooke Unger, Korrespondent der englischen Zeitschrift The Economist in São Paulo, ist noch einer, der sich zum einen als angezogen, zum andern als abgeschreckt, von den Gepflogenheiten der Brasilianer bezeichnet. “Als ich zum ersten Mal nach Brasilien kam, sah ich Müllmänner, die über den Strand von Rio flanierten, eine unvorstellbare Szene für einen Amerikaner“. Im Gegenzug kann er die brasilianische Art von kollektiver Amnesie gegenüber schweren Gewaltdelikten, die nicht bestraft werden, überhaupt nicht verstehen. “Die Mehrheit der Brasilianer weiss mehr über das Terror-Attentat des 7. Juli in London, als über das Gemetzel in der “Baixada Fluminense“ (Umgebung von Rio) bei dem am 31. März 29 Personen abgeschlachtet wurden.“

Kreativ oder schwatzhaft, extrovertiert oder indiskret, herzlich oder gerissen, boshaft oder korrupt? Nach einem erneuten Regen von Korruptionsvorwürfen ist die Diskussion über den Inhalt unseres Charakters erneut entbrannt. Woher kommt dieses unser “Jeitinho“ (nicht direkt übersetzbar – “Tricksen“ oder “Trickserei“ trifft es am besten) oder unsere lockere, nicht formale Art des Umgangs miteinander (bei uns wird sogar der Präsident der Republik mit seinem Spitznamen angeredet), unsere Gleichgültigkeit gegenüber der Misere, unsere Vorurteile, unsere Kapazität an mehr als eine Religion zu glauben?

Im 20. Jahrhundert versuchten Bücher wie “Casa Grande & Senzala“, von Gilberto Freire, “Raízes do Brasil“, von Sérgio Buarque de Holanda und “Formação do Brasil Contemporâneo“, von Caio Prado Júnior, einigen dieser Fragen auf den Grund zu gehen. Aber haben solche klassischen Interpretationen über “Wer ist der Brasilianer“ heute noch Gültigkeit? “Die Basis dieser Interpretationen ist immer noch bedeutend, aber man sollte bedenken, dass der so genannte Charakter eines Volkes kontinuierlichen Veränderungen unterworfen ist“, sagt die Anthropologin Lilia Schwarcz von der USP (Universidade de São Paulo).

Brasilien (und erweiternd der Brasilianer) “ist nichts für Anfänger“, wie Tom Jobim in seinem Lied behauptet. In Zusammenarbeit mit Spezialisten in Sachen unserer Wurzeln und Herkunft haben wir einen kleinen “Führer“ ausgearbeitet, nach dem man sich selbst hoffentlich ein bisschen besser verstehen lernt – von der Genetik bis zum “Jeitinho“:

Woher unser Gesicht stammt

Dass der Brasilianer ein Mischling ist, kann man ohne weiteres sofort erkennen. Aber zu wie viel Teilen? In welchen Proportionen? Noch während des Imperiums pflegten die ethnischen Mischungen Europäer, die hier an Land gingen, zu entsetzen. In einer Epoche, welche von rassischen Theorien beeinflusst war, sahen sie in der Rassenmischung eine Bedrohung der Degenerierung aller in unserem Land lebenden Völker. Inzwischen haben die Biologen eine Beurteilung nach Rassen längst aufgegeben. Heute weiss man, dass es in einer Gruppe ebenso viele genetische Variationen gibt wie gemeinsame physische Eigenheiten – der Begriff der Rasse hat seinen Sinn verloren – jetzt zieht man zum Zweck der genetischen Erbforschung die DNA-Analyse heran.

Der Genetiker Sérgio Danilo Pena von der “Universidade Federal de Minas Gerais“ führt in Brasilien die Forschung hinsichtlich unserer 500 Jahre alten Völkermischung an. Nachdem er mehr als 300 genetische Muster von Brasilianern aus den verschiedensten Regionen unseres Landes untersucht hat, wobei er und seine Mitarbeiter solche Eigenschaften isolierten, welche von Müttern und Vätern über Jahrhunderte praktisch unverändert auf Söhne und Töchter übertragen worden sind, standen sie vor einigen Überraschungen: Die erste war die genetische Ladung der Vorfahren väterlicher und der Vorfahren mütterlicherseits. Während die grosse Mehrheit der väterlichen Linie weisser Brasilianer aus Europa stammt (zirka 90%), sind die Wurzeln der mütterlichen Linie amerindisch und afrikanisch (zirka 60%). Mit anderen Worten: Die Mehrheit besitzt europäische Gesichtszüge, die von den maskulinen Vorfahren ererbt wurden, sowie indianische und afrikanische, ererbt von der Mutter. Die Wissenschaft beweist, dass der europäische Einwanderer sich nicht zurückgehalten hat, sondern sich an einen Schwarm von Sklavinnen und Eingeborenen für seine sexuellen Ausschreitungen hielt.

Die zweite Überraschung war das Fehlen einer Beziehung zwischen der Hautfarbe eines Brasilianers und seiner genetischen Herkunft. “Die Farbe sagt wenig über die Abstammung einer Person in diesem Land aus“, erklärt Sérgio Pena. “Zirka zwei Drittel der genetischen Muster von weissen Personen stammten nicht aus europäischen Wurzeln“. Diese Daten enthüllen, dass eine Klassifikation von Personen anhand ihrer physischen Erscheinung in Brasilien nutzlos ist – sogar, dass genetisch gesehen viele Weisse als Schwarze eingestuft werden könnten . . . und viele Schwarze als Weisse!

Warum wir so eigenartig sprechen

Niemand würde behaupten, dass die portugiesische Sprache in Brasilien souverän regiert. Aber wie kommt es, dass die Brasilianer in einer so ganz anderen Art und Weise miteinander kommunizieren als die Menschen in anderen Ländern – anders sogar als in Portugal? Und warum eigentlich ziehen wir es vor, uns von allem, was uns in die Finger kommt, ein eigenes Bild zu machen und unsere Zweifel selbst zu beseitigen – anstatt die Gebrauchsanleitung zu lesen?

Nach Meinung der Forscherin Eni Orlandi, vom “Instituto da Linguagem da Unicamp“, ist die Bevorzugung der gesprochenen Sprache in Brasilien nicht allein eine psychologische Marotte oder Ergebnis des weit verbreiteten Analphabetismus im Land. “Diese Präferenz leitet sich von der Tatsache ab, dass wir während Jahrhunderten mit 2 Sprachen gelebt haben: der portugiesischen – die man in der Dokumentation verwendete – und die so genannte “Lingua Geral“ (Allgemeinsprache), die aus der Tupi-Indianersprache stammte, welche von den Jesuiten angewandt wurde, um die Indianer zu missionieren – sie war tägliche Umgangssprache zuhause“, sagt Eni.

Und weil die “Lingua Geral“ nie als Schriftsprache verwendet worden ist, glaubt Eni aus dieser Tatsache unsere Tendenz ableiten zu können, der mündlichen Form zur Regelung aller Dinge den Vorzug zu geben. “Im Gegensatz zu dem, was man so in den Schulbüchern liest, ist der Einfluss des Tupi auf unsere heutige Sprache nicht nur auf wenige Vokabeln wie “Abacaxi“, “Jibóia“, “Açaí“ etc. beschränkt“, sagt sie. “Die Lingua Geral hat einen entscheidenderen Einfluss auf unsere Art zu sprechen gehabt, als wir uns das bisher bewusst gemacht haben.“

Wenn es nicht ein Dekret des Marquis de Pombal gegeben hätte, der im Jahr 1757 die Ausbreitung der Tupi-Sprache verbot und Portugiesisch als Landessprache festlegte – ausserdem entzog er den Jesuiten sämtliche Machtbefugnisse – dann wäre wohl dieser Einfluss noch viel grösser gewesen. “Dieser Schritt war entscheidend, um eine linguistische Einheit auf portugiesischer Basis zu schaffen“, sagt Bethania Mariani, Forscherin an der “Universidade Federal Fluminense“. “Das war das Ende des Sprachenchaos im Land und verhalf Portugal zu einer besseren Kontrolle seiner Kolonie“, bestätigt die Wissenschaftlerin.

Wäre die Entscheidung vom Marquis de Pombal damals nicht von Erfolg gekrönt gewesen, dann würde man heute vielleicht in Brasilien zwei offizielle Sprachen sprechen: Portugiesisch und Tupi. “Aber ehrlich gesagt, ich weiss nicht, ob das ein Vorteil wäre“, wirft Eni Orlandi ein. “Schliesslich würde das zu einer weiteren gesellschaftlichen Trennung im Land führen. Auf der einen Seite wäre Tupi wahrscheinlich die Sprache der ärmeren Volksschichten, während Portugiesisch von der Elite gesprochen würde, die nur allzu oft ihren “Bakkalaurismus“ als Instrument der Ausgrenzung missbraucht.

Unter “Bakkalaurismus“ versteht man jenen wenig objektiven und pompösen Ton, welcher immer noch in den Ansprachen eines grossen Teils der brasilianischen Politiker präsent ist. Der hat seinen Ursprung, so sagen die Historiker, in der Präferenz der Elite des 19. Jahrhunderts für das Diplom der Rechtswissenschaften – dieser “Bakkalaurus“ war der wichtigste Passierschein zur Besetzung von öffentlichen Ämtern im Land seit des Imperiums.

Für den Grammatiker Ulisses Infante hat in Brasilien die irrige Idee überlebt, dass „diffizil zu schreiben und zu sprechen“ Synonyme für den adäquaten Gebrauch der Sprache sind. “Erst in letzter Zeit scheinen ein paar Mitglieder der Justiz sich darauf zu besinnen, dass es keinerlei Sinn macht, Sentenzen in einem Stil zu verfassen, den niemand versteht“.

Warum wir “Bons Vivants“ sind

Es geschah im Jahr 1943, nach einem Besuch von Walt Disney in Brasilien. Dieser Besuch war Teil einer Politik der “guten Nachbarschaft“ der USA, die vorsah, die Bindungen mit den Südamerikanern während des Zweiten Weltkriegs zu verstärken. In jenem Jahr präsentierte Donald Duck seinen neuesten Kameraden in dem Film “Hello, Friends“: sein Name für die Amerikaner war “Joe Carioca“ – die Brasilianer nannten ihn “Zé Carioca“ – ein sympathischer, sprechender Papagei. Von da an festigte sich die Vorstellung vom Brasilianer als einer Art von tropischem Bon Vivant, nur mit Unsinn im Kopf, der sich nicht an eine normale Anstellung gewöhnen kann, sondern mit “Gelegenheitsarbeit“ seine Existenz bestreitet.

Aber schon viele Jahre vorher gab es die typische Figur des “Bom Malandro“ (guten Gauners) im Vorstellungs-Repertoire Brasiliens. Die Anthropologin Lilia Schwarcz, die das Thema erforscht, sagt, dass die Erscheinung des “Malandro“ mit der Rassenfrage des Landes zusammenhängt. Der “Malandro“ wäre eine Figur des brasilianischen Mulatten, den die Vorurteile nicht abschrecken, und der einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg schafft, indem er sich mit viel Trickserei und Sympathie gewisse Vorteile verschafft.

Noch vor dem erwähnten “Zé Carioca“ hatten bereits die Abenteuer des Helden “Macunaíma“, von Mário de Andrade, herausgegeben 1928, die leichtlebige Essenz des gemischten nationalen Charakters entlarvt. Für den Kritiker Antônio Cândido, wurde der erste “Malandro“ unserer Literatur sogar noch viel früher geboren, nämlich im 19. Jahrhundert in Person des “Leonardo Pataca“ aus dem Buch Memórias de um Sargento de Milícias, von Manuel Antônio de Almeida.

Wenn nun aber die Figur des “Malandro” (auch als “Gauner“ zu übersetzen) so eine Art von kreativer Überlebensstrategie für Ex-Sklaven und Abkömmlinge von Sklaven sein soll, mit anderen Worten, für alle diejenigen, welche sich nicht gleich nach Aufhebung der Sklaverei (1888) in brave Bürger verwandelten – wie soll man da aber die gegenwärtigen Gaunereien verstehen, die sich längst auch unter der nationalen Elite breit gemacht haben ? Was treibt zum Beispiel einen Abgeordneten wie Severino Cavalcanti, Präsident der Abgeordnetenkammer, dazu, auf der Höhe des 21. Jahrhunderts eine Verteidigung des Nepotismus zu präsentieren – und damit seinem Sohn einen bedeutenden Posten der Regierung zuzuschanzen – in absoluter Nichtachtung der öffentlichen Meinung?

1936 widmete der Historiker Sérgio Buarque de Holanda eines seiner Kapitel des Buches “Raízes do Brasil“ dem Studium des so genannten “Homem Cordial“ (verbindlichen Menschen), ein Terminus, mit dem man bis dato den Charakter des Brasilianers zu erklären versuchte. Einer der Eigenschaften des verbindlichen Brasilianers wäre, so der Historiker, seine Tendenz, die familiären und persönlichen Beziehungen über die beruflichen und öffentlichen zu stellen. Der Brasilianer tendiere dazu, auf gewisse Art und Weise, die Unpersönlichkeit von administrativen Systemen abzulehnen, in denen die Gesamtheit wichtiger genommen wird als das Individuum. Daher die Schwierigkeiten, Beamte zu finden, welche die Trennung zwischen Publikum und Privatleben respektieren und die Interessen des Staates über jedwede freundschaftliche Beziehung stellen.

Für verschiedene Forscher erklärt sich solches Verhalten aus der Tatsache, dass der Staat in den Augen des Volkes während der Kolonialzeit mit der Figur des Zuckerrohr- und Kaffee-Plantagenbesitzers, des Herrn über weite Ländereien und meistens auch über das lokale Gesetz, verschwamm. Mit anderen Worten: Die Entscheidung über Leben oder Tod eines Sklaven, zum Beispiel, war eine Entscheidung von so privater Natur, wie der Ankauf einer Inneneinrichtung der Fazenda durch den Herrn und seine Familie, dessen Autorität über jedem anderen Gesetz stand. Vielleicht ist es deshalb bei uns “normal“ – wenn Freundschaft und “Jeitinho“ nichts ausrichten können – dass ein gesetzestreuer Beamter zugezischt bekommt: “Weisst du, wer ich bin“? oder: “Weisst du eigentlich, mit wem du es hier zutun hast?“ – bemerkt lachend der Anthropologe Roberto DaMatta.

In seinem Buch “Carnavais, Malandros e Heróis“, beschreibt der Anthropologe das vom Brasilianer ererbte Dilemma. Auf der einen Seite unterwerfen wir uns einem System von unpersönlichen Gesetzen, deren Befolgung durch die Bürger der reichen Länder wir mit Neid und Bewunderung beobachten. Intern allerdings, betrachten wir solche Gesetze eher als eine Art von Spielverderber – und die Bürokraten, die das wissen, scheinen sie nur zu oft anzuwenden, um das Leben des Mitbürgers zu erschweren. Auf der anderen Seite existiert da das System unseres „Kontaktnetzes“, in dem die Verwandtschaft, die Freundschaft oder sonst irgendeine persönliche Verbindung dominiert, mit der man das Gesetz umgehen kann. In Kurzform: Das Gesetz wird beachtet – oft auch angewendet – wie eine Art Bestrafung. Um der zu entgehen, sind Mittel wie “Malandragem“ (Gaunerei, Schwindel) und “Jeitinho“ (Trickserei) gerade recht.

Warum wir die Ungleichheit tolerieren

Da war nichts zu machen – nicht mal mit einem “Jeitinho“! Was immer der Korrespondent der spanischen Zeitung El País auch versuchte, er konnte seine Hausangestellte nicht dazu bewegen, sich mit seiner Familie an denselben Tisch zum Mittagessen zu setzen. “Für sie ist das undenkbar“, sagt Juan Arias. “Erst später habe ich das ambivalente Verhältnis des Brasilianers mit seinen Angestellten verstanden“. Auf der einen Seite die fast familiäre Intimität mit der Hausangestellten. Auf der andern die Rechte der Arbeitnehmerin, die meistens nicht respektiert werden und die Restriktion für ihren Aufenthalt im Küchen- und Service-Trakt der Wohnung. “Selbst in modernen Gebäuden wirkt dieser halboffene Service-Trakt immer noch wie eine “Senzala“, ein Überbleibsel der Sklavenhütten“, bemerkt der Architekt Nestor Goulart Reis Filho, Autor von “Quadro da Architetura no Brasil“. “Die Sklaverei hat ihre Narben nicht nur in der Architektur und im Städtebau hinterlassen, sondern in der gesamten Lebensweise und Lebensart des Brasilianers“.

Eine der peinlichsten Nachlässe aus der Sklavenzeit ist die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der man hierzulande der Misere begegnet. “Es ist als ob die Sklaverei eine Gewöhnung an die Existenz von Bürgern erster und zweiter Klasse bewirkt hat“, sagt die Anthropologin Lilia Schwarcz. “Dieses Zusammenleben mit der Ungleichheit über Jahrhunderte hinweg hat zur Folge, dass sich die Menschen mit der Misere nicht mehr auseinander setzen“.

Man schätzt, dass zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert mehr als 4 Millionen Sklaven aus Afrika nach Brasilien verschleppt worden sind. Schon im Rio de Janeiro der Kaiserzeit beobachteten ausländische Besucher, wie die Sklaverei das Leben der Brasilianer prägte.

Der Engländer Thomas Ewbank schrieb seine Beobachtungen über Brasilien, als er im Jahr 1846 dort weilte. In einem seiner Abschnitte des Buches “Life in Brazil“ erzählt er zum Beispiel, wie die Sklaverei jede Art von manueller Arbeit als “unehrenhaft“ für den normalen Bürger desklassifizierte. “Wenn ich einen jungen Brasilianer einer respektierlichen Familie frage, warum er sich aus seiner misslichen finanziellen Lage nicht dadurch befreie, indem er einen Beruf erlerne und dadurch sein Leben in Unabhängigkeit führen könne, so wette ich zehn zu eins, dass er mich fragt – und zwar zitternd vor Niedergeschlagenheit – ob ich ihn wohl beleidigen wolle! Arbeiten! Arbeiten! – schrie einer von ihnen mich an, “dafür haben wir die Schwarzen!“ Im Gegensatz dazu, so beschreibt derselbe Engländer, galt der Dienst für den Staat – selbst bei ziemlich miesem Salär – als Motiv des Stolzes. “Angestellt vom Staat ist ehrenhaft – aber unterhalb von Staatsämtern zu arbeiten, selbst um Geschäftsmann zu sein, ist dekadent“, schreibt der Engländer weiter – ohne zu ahnen, dass die Geringschätzung der technischen Berufe und der Traum des öffentlichen Amtes in vielen Regionen Brasiliens noch immer ihren Stellenwert nicht verloren haben – mitten im 21. Jahrhundert!

Warum wir alles vermischen

Anfang des 20. Jahrhunderts schien die Zukunft den brasilianischen Intellektuellen buchstäblich schwarz zu sein – sie träumten davon, hier eine europäische Zivilisation aufzuziehen. Und ihre Ängste waren durchaus berechtigt. Obwohl die Theorien jener Epoche predigten, dass die Rassenmischung das brasilianische Volk degradieren würden, war klar, dass die genetische Vermischung schon nicht mehr rückgängig zu machen war.

Die Anstrengungen der Urbanisierung und Sanierung, um aus unseren Städten eine Kopie der zivilisierten Städte dieser Welt zu machen, schlugen fehl. In Rio, zum Beispiel, dienten die Reste antiker Gebäude, die man zur Anlage von breiten Avenidas im Pariser Stil hatte abreissen lassen, als Baumaterial für die Miserablen ohne Dach über dem Kopf – sie konstruierten ihre improvisierten Behausungen an den Hängen der Berge und Hügel, welche das Stadtbild prägen – die ersten “Favelas Cariocas“ entstanden.

Und welche Vorstellung hat man nun von unserem Land als Ganzes? Welches Bild überwiegt? Ein urbanisiertes, weisses, europäisches, oder ein afrikanisches mit Favelas?

“Es ist das Bild des Mulatten, welches über den andern steht“, sagt die Anthropologin Lilia Schwarcz. Nach ihrer Meinung hat das verschiedene Gründe. Der erste sei die Akzeptanz der Vordenker des Landes, nach der die afrikanische Präsenz innerhalb unserer Formation etwas Positives war. Eine Veränderung dieser Ansicht habe mit der Publikation des Buches “Casa Grande & Senzala“, von Gilberto Freire 1933 stattgefunden. Schon lange vor der Einführung der modernen Genetik schrieb Freire damals: “Jeder Brasilianer, selbst der hellste mit blondem Haar, birgt in seiner Seele und in seinem Körper den Schatten, oder wenigstens einen Flecken des Eingeborenen oder des Schwarzen.“

In der Kultur – mit der Bewegung, die in der “Semana de Arte Moderna“ (Woche der Modernen Kunst) von 1922 ihren Anfang nahm – hatte man bereits jene Mestizen-Identität absorbiert, zum Beispiel in den Werken von bildenden Künstlern wie Tarsila do Amaral und Schriftstellern wie Mário de Andrade, dem Vater von “Macunaíma“. Es fehlte lediglich die offizielle Anerkennung der Regierung, dass wir letztendlich ein Volk von Mestizen sind.

“Das geschah dann mit der Einführung des “Estado Novo de Vargas“ (Neuer Vargas-Staat) im Jahr 1937“, sagt Lilia Schwarcz. “Damals erkannte man den “Capoeira“ (Fusskampf der Sklaven) als Nationalsport an, der “Samba“ wurde zur brasilianischen Musik par excellence erhoben, und die “Feijoada“ – mit dem Schwarz der Bohnen, dem Weiss des Reises, dem Grün des geschmorten Kohls und dem Gelb der Orangenscheiben – wurde zu unserem Nationalgericht.“ Jahre später bestätigte auch die Musik “Aquarela do Brasil“, von Ary Barroso, unsere gemischte Identität, welche die Tugenden des “mulato inzoneiro“ hervorhob und der Welt präsentierte. Die Verschiedenheit der Rassen, Kulturen und selbst der Religionen – in welchem Land sonst kann jemand ein bisschen katholisch und ein bisschen Spiritist sein und Angst vor Kreuzwegen haben? – war nicht länger ein Grund zur Scham, sondern man begann darauf stolz zu sein – so wie auf seine Athleten der “Seleção Brasileira“.

Das neue Gesicht Brasiliens

Aber wie sieht das Gesicht des Brasilianers im 21. Jahrhundert aus? “Ich glaube, dass einiges im Begriff ist, sich zu verändern“, sagt die Anthropologin Lilia Schwarcz. “Die Bevölkerung scheint inzwischen weniger geneigt, ein “Jeitinho“ anzuerkennen, wenn es sich dabei um die Promiskuität zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre handelt. Aber natürlich ist das je nach Region unseres Landes noch sehr verschieden, und noch ist es zu früh, um sagen zu können, dass diese Veränderung tatsächlich zu unseren Grundsätzen vordringt oder lediglich an der Oberfläche stecken bleibt.“

Nach Lilia besteht einer der Irrtümer des Brasilianers aus der Annahme, dass wir uns unterwürfig und unpersönlich verhalten müssten, damit sich das Land entwickeln kann und alle Zugang zum Bürgertum bekommen. “Ich finde, dass dies ein falsches Dilemma ist“, bemerkt die Anthropologin.

“Wenn unsere “Malandragem“ sich auf unsere humoristische Seite beschränken würde, auf die selbstkritische und tolerante, ausserdem Abstand von der Politik hielte, dann hätten wir keine Sorgen“, sagt sie schmunzelnd. “Den Holländern, zum Beispiel, gelingt es, flexibel zu bleiben und über sich selbst zu lächeln, ohne dass sie deshalb ihre Gesetze missachten.“ Der spanische Journalist Juan Arias pflichtet ihr bei. “Lange Zeit glaubten die Spanier auch, dass sie sich nicht so wie ihre Nachbarnationen entwickeln könnten, ohne dass sie dabei ihre iberische und katholische Identität verlören“, führt er aus. “Aber sowohl Spanien wie Irland und andere Länder haben gelernt, dass ihr Problem nicht die Identität war, sondern der fehlende Zugang zu qualitativer Erziehung und entsprechenden Arbeitsplätzen – und damit letztendlich zum Bürgertum.“