Luis Fernando Verissimo

Veröffentlicht am 31. Oktober 2009

DER BRASILIANISCHE SCHRIFTSTELLER UND HUMORIST:
luis fernando verissimo“Er ist ein Champion der intelligenten Satire und des zwerchfellerschütternden Humors – versteht es meisterhaft, den Einheimischen nicht nur auf den Mund sondern auch in die Seele zu schauen, wobei er nicht nur brasilientypische Skurrilitäten aufstöbert, sondern auch ganz allgemein menschliche. Und wenn er diese Beobachtungen dann seinen, schon in Vorfreude schmunzelnden, Lesern präsentiert, können diese oft nicht umhin, sich in seinen Geschichten selbst zu entdecken.

Auch mir ging es so – Luis Fernando Verissimo ist gewissermassen mein brasilianischer Lieblings-Schriftsteller geworden. Und ich habe schon so viele seiner Geschichten für das BrasilienPortal übersetzt, dass ich es nunmehr an der Zeit finde, unseren verehrten Besuchern diesen Meister der Satire vorzustellen – also habe ich Ihnen nachfolgend eine chronologische Biografie zusammengestellt – und gleich noch eine Geschichte von ihm angehängt, in der er sich besonders typisch artikuliert“.

Klaus D. Günther

LUIS FERNANDO VERISSIMO – BIOGRAFISCHE SKIZZE

1936
Luis Fernando wird am 26. September in Porto Alegre (Bundesstaat Rio Grande do Sul) als Sohn des Schriftstellers Erico Verissimo und Mafalda Volpe Verissimo geboren.

1943
Er zieht mit den Eltern und seiner Schwester Clarissa nach Kalifornien um, denn sein Vater wird eingeladen, an der staatlichen Universität von Berkeley und Los Angeles zu unterrichten. Luis Fernando besucht die Argonne School in San Francisco und später die Canfield School in Los Angeles.

1945
Sie kehren alle nach Porto Alegre, der “Hauptstadt der Gaúchos“, zurück.

1950
Er bringt, zusammen mit seiner Schwester und dem Cousin Eduardo Martins “O PATENTINO“ heraus – eine Hauszeitung mit Nachrichten über die Familie, welche an die Wände des Familien-Closetts geklebt wurde. Er besucht das Fussballspiel – Jugoslawien x Mexiko – in Porto Alegre, sein erstes von den zahlreichen Spielen, die er noch sehen sollte.

1953
Er kehrt mit seinen Eltern in die USA zurück – jetzt nach Washington – wo sein Vater einen Posten als Kulturattaché der Pan American Union übernimmt. Weil es Luis Fernando nicht gelingt, eine Trompete zu leihen – sein Lieblingsinstrument – beginnt er das Saxophonspiel zu erlernen. Häufig fährt er nach New York, wo er sich definitiv für den Jazz begeistert – in Aktion erlebt er im “Birdland“ die Musiker Charlie Parker und Dizzy Gillespie bei einem gemeinsamen Auftritt.

1956
Er beendet die Zweitstufe auf der Roosevelt High School. Kehrt dann zurück nach Porto Alegre und beginnt im Sektor für Kunst und Programmplanung der EDITORA GLOBO (Verlagswesen) als Angestellter. Eine seiner Aufgaben betraf auch, die Titelseite für seines Vaters Werk “O RETRATO“, von Erico Verissimo, zu gestalten.

1959
Erste Reise nach Europa in Begleitung der Eltern. Danach verbringt er die meiste Zeit des Jahres in Washington, wo seine Schwester lebt.

1960
Er wird Mitglied seiner ersten Musik-Band “RENATO UND SEIN SEXTETT“. Mit seinen Worten “das grösste Sextett der Welt, weil es neun Mitglieder hatte“. Die Band spielt auf Bällen in der Heimatstadt Porto Alegre.

1962
Er zieht um nach Rio de Janeiro, wo er im Haus der Schwester seiner Mutter wohnt, im Stadtteil Leme. Er arbeitet als Übersetzer und Redakteur von kommerziellen Publikationen – unter ihnen auch das “Boletim da Câmera de Comércio do Rio de Janeiro“. Er verliebt sich in Lúcia Helena Massa, eine Kollegin des “Boletim“.

1964
Er heiratet Lúcia, seine Ehepartnerin bis zum heutigen Tag.

1965
Seine erste Tochter wird geboren – Fernanda.

1967
Ein Jahr nachdem er nach Porto Alegre zurückgekehrt ist, tritt er dem Team der Zeitung “ZERO HORA“ bei – als “Copy-desk“ – beschafft hat ihm den Job ein freund der Familie, Paulo Amorim. Seine zweite Tochter kommt auf die Welt, Mariana.

1969
Er wird Redakteur der MPM PROPAGANDA. Die Zeitung ZERO HORA verpflichtet ihn zu einer täglichen Kolumne. Hier veröffentlicht er seine ersten Texte über die “BEIRA-RIO“, das erst kurz zuvor eingeweihte Stadion des INTERNACIONAL – seinem Fan-Club.

1970
Er wechselt, ebenfalls als Tages-Kolumnist, zur Zeitung FOLHA DA MANHÃ. Sein drittes Kind wird geboren – sein Sohn Pedro. Beim “1o Salão Gaúcho de Arte Publicitária“ erreicht er den Ersten Platz in den Kategorien “Institutionelle Werbung“ und “Institutionelle Anzeigen“.

1971
Er gründet mit einer Gruppe von Freunden die alternative Zeitung “O PATO MACHO“ (die männliche Ente), die fortan in Porto Alegre zirkuliert – mit Nachrichten, Reportagen, humoristischen Texten und Cartoons.

1973
Der Verlag “José Olympio“ bringt sein erstes Buch auf den Markt “O POPULAR“ – gesammelte Texte aus seinen Presseveröffentlichungen.

1974
Der Kritiker Wilson Martins, einer der bedeutendsten des Landes, lobt sein erstes Buch in der Zeitung O ESTADO DE SÃO PAULO.

1975
Kurz bevor die Zeitung “Folha da Manhã“ ihre Tore schliesst, kehrt er als Kolumnist zur “Zero Hora“ zurück – und diesen Posten hat er bis heute inne. Sein zweites Buch der Chroniken “A GRANDE MULHER NUA“ (Die grosse nackte Frau) erscheint. Er publiziert im “Caderno B“ des JORNAL DO BRASIL eine sonntägliche Kolumne und auch Cartoons an jedem Montag. Er beginnt mit den Skizzen der “As cobras“ (die Schlangen) und bringt sein erstes Buch heraus, welches Streifen dieser “Persönlichkeiten“ präsentiert. Sein Vater, Erico Verissimo, stirbt in Porto Alegre.

1976
Er beginnt seine lange Zusammenarbeit mit der Zeitschrift “Domingo“, des JORNAL DO BRASIL.

1977
Er veröffentlicht das Buch “AMOR BRASILEIRO“ (Brasilianische Liebe).

1978
Er veröffentlicht “A MESA VOADORA“ (der fliegende Tisch) – eine Sammlung von Chroniken über gastronomische Themen.

1979
Es kommt ein Buch heraus, in dem er den Detektiv “Ed Mort“ vorstellt (Ed Mort = brasilianisch ausgesprochen klingt wie “Er ist des Todes“) – in “ED MORT E OUTRAS HISTÓRIAS“ (Ed Mort und andere Geschichten).

1980
Er veröffentlicht “SEXO NA CABEÇA“ (Sex im Kopf). Lebt mit seiner Familie in New York zwischen August 1980 und Februar 1981 – danach schreibt er “TRAÇANDO NEW YORK“ (New York skizziert) – erstes einer Serie von Büchern über das Reisen, mit Illustrationen von Joaquim da Fonseca.

1981
Publiziert von L&PM, dem Verlag, der die meisten seiner Bücher auf den Markt gebracht hat, ist die erste Auflage des “O ANALISTA DE BAGÉ“ innerhalb von zwei Tagen ausverkauft. Die von Luis Fernando geschaffene Persönlichkeit des skurrilen Psychiaters wird vom Komiker Jô Soares in seinen humoristischen TV-Programmen dargestellt und landesweit in der Volksseele verankert.

1982
Verissimo publiziert “O GIGOLO DAS PALAVRAS“ (der Gigolo der Worte) – diese Chronik inspiriert den Philologen Celso Pedro Luft, in seiner Kolumne über Grammatik der Zeitung “CORREIO DO POVO“, Luis Fernando Verissimo fortan mit diesem Namen zu belegen. Der bekommt eine humoristische Seite in der grossen Zeitschrift “VEJA“ – für die er bis 1989 schreibt. Luis Fernando gewinnt den Preis des grössten brasilianischen Zeitungsverlags “ABRIL“ für journalistischen Humor.

1983
Sein Buch “A VELHINHA DE TAUBATÉ“ (das alte Mütterchen von Taubaté) verleiht einer anderen seiner Persönlichkeitsschöpfungen Ruhm und Ehre. Der “O ANALISTA DE BAGÉ“ kommt als Cartoon heraus – mit Illustrationen von Edgar Vasques. Luis Fernando gewinnt wieder den Preis für den besten journalistischen Humor.

1984
Er publiziert “A MULHER DO SILVA“ (Die Frau vom Silva) und “O REI DO ROCK“ (Der König des Rock).

1985
Er bringt “A MÃE DE FREUD“ (Freuds Mutter) heraus – mit Illustrationen von Miguel Paiva, “ED MORT EM PROCURANDO O SILVA“ (Ed Mort auf der Suche nach Silva) – die erste einer Serie von fünf Bilder-Geschichten, in denen der von ihm geschaffene Detektiv die Hauptrolle spielt.

1986
Verissimo verbringt mit seiner Familie sechs Monate in Rom. Er schreibt für die Zeitschrift “Playboy“ über den Fussball-Worldcup in Mexiko.

1987
Sein “O MARIDO DO DR. POMPEU” (Der Ehemann des Dr. Pompeu) wird veröffentlicht.

1988
Auf Antrag der Werbeagentur MPM schreibt er seinen ersten Roman “O JARDIM DO DIABO“ (Der Garten des Teufels).

1989
Er beginnt in der Zeitung “O ESTADO DE SÃO PAULO“ eine Sonntagsseite zu übernehmen, für die er bis heute verantwortlich ist – inklusive einer Bilder-Serie, die heisst “Aventuras da Família Brasil“ (Abenteuer der Familie Brasil). In Rio erscheint sein erster Text exklusiv geschrieben fürs Theater “Brasileiras e Brasileiros“ (Brasilianerinnen und Brasilianer). Er erhält den Preis “PRÊMIO DIREITOS HUMANOS DO MOVIMENTO DE JUSTIÇA“ (für Menschenrechte der Justiz-Bewegung). Er veröffentlicht “ORGIAS“ (Orgien).

1990
Verissimo schreibt über die Fussball-Weltmeisterschaft in Italien für die Zeitungen JORNAL DO BRASIL – O ESTADO DE SÃO PAULO und ZERO HORA. Er bringt “PEÇAS ÍNTIMAS“ (Intime Stücke) heraus.

1991
Er erhält von der Präfektur der Stadt Porto Alegre die “Medaille der Stadt“ und vom Syndikat der Journalisten von Rio Grande do Sul den Preis für “Journalistische Unabhängigkeit“. Er veröffentlicht das Buch “O SANTINHO“ (Der Heilige) für Kinder – mit Illustrationen von Edgar Vasques – und die Anthologie “PAI NÃO ENTENDE NADA“ (Vater versteht gar nichts) für Jugendliche.

1992
Er veröffentlicht “O SUICIDA E O COMPUTADOR“ (Der Selbstmörder und der Computer) sowie “TRAÇANDO PARIS“ (Pariser Skizzen).

1993
Er veröffentlicht “TRAÇANDO ROMA“ (Römische Skizzen).

1994
“COMÉDIAS DA VIDA PRIVADA“ – 101 crônicas escolhidas“ (Komödien aus dem Privatleben – 101 ausgewählte Chroniken) wird ein Riesenerfolg. Verissimo berichtet von der Weltmeisterschaft in den USA für die Zeitungen JORNAL DO BRASIL – O ESTADO DE SÃO PAULO und ZERO HORA – und was er diesmal dort erlebt, verwandelt er in sein Buch “AMÉRICA“. Er veröffentlicht das Kinderbuch “O ARTEIRO E O TEMPO“ (Der Ungezogene und die Zeit) – mit Illustrationen von Glauco Rodrigues – sowie “TRACANDO PORTO ALEGRE“ (Skizzen aus Porto Alegre). Zum zweiten Mal erhält er den “PRÊMIO DIREITOS HUMANOS DO MOVIMENTO DE JUSTIÇA“ von Rio Grande do Sul.

1995
Jetzt belegt Verissimo eine tägliche Kolumne auf der Seite für Meinungsumfragen des JORNAL DO BRASIL. Er wird von einer Intellektuellen-Jury zum “Ideen-Mann des Jahres“ gewählt. Er veröffentlicht “COMÉDIAS DA VIDA PÚBLICA“ (Komödien des öffentlichen Lebens) und “TRAÇANDO O JAPÃO“ (Japan-Skizzen). Die Band “JAZZ 6“ formiert sich, in der Luis Fernando Saxophon spielt.

1996
“NOVAS COMÉDIAS DA VIDA PRIVADA“ (Neue Komödien des Privatlebens) – diese Neuveröffentlichung setzt die Serie fort. Verissimo erhält die “Widerstands-Medaille Chico Mendes“ von der Gruppe “Tortura Nunca Mais“ (Nie mehr Folter). Die Abgeordneten-Kammer von Rio de Janeiro überreicht ihm die “Ehrenmedaille Pedro Ernesto“. Die “Associação Brasileira de Empresas de Relações Públicas“ ehrt ihn mit dem “Preis für Meinungsbildung“.

1997
Er bringt “A VERSAO DOS AFOGADOS“ (Die Version der Ertrunkenen) heraus und “TRACANDO MADRID“ (Madrider Skizzen). Erhält den Preis “Juca Pato“ der “União Brasileira de Escritores“ als Intellektueller des Jahres.

1998
Er berichtet von der Fussballweltmeisterschaft in Frankreich für JORNAL DO BRASIL und ZERO HORA.

1999
Sein Gesamtwerk wird vom Verlag Objetiva herausgegeben – angefangen von den Chroniken “A ETERNA PRIVAÇÃO DO ZAGUEIRO ABSOLUTO“ – “AQUELE ESTRANHO DIA QUE NUNCA CHEGA“ (Jener fremde Tag, der niemals kommt) und “HISTÓRIAS BRASILEIRAS DE VERÃO“ (Brasilianische Sommer-Geschichten). Innerhalb der Serie “PLENOS PECADOS“ (Vollkommene Sünden), des Verlags, publiziert er “GULA“ (Gier) – “O CLUBE DOS ANJOS“ (Club der Engel). Er wird Tageskolumnist der Zeitung “O GLOBO“, dort schreibt er auf der Meinungsseite. Er ist einer der Auserwählten für den “3o Prêmio Multicultural Estadão“, organisiert von der Tageszeitung O ESTADO DE SÃO PAULO.

2000
Verissimo schreibt “BORGES E OS ORANGOTANGOS ETERNOS“ (Borges und die ewigen Orangutans) für die Serie “LITERATURA OU MORTE“ (Literatur oder Tod) der “Companhia das Letras“. Der Verlag Objetiva beginnt sein Gesamtwerk zu reorganisieren und veröffentlicht “AS MENTIRAS QUE OS HOMENS CONTAM“ (Lügen, die die Männer erzählen).

2001
Die Anthologie “COMÉDIAS PARA SE LER NA ESCOLA“ (Komödien zum Lesen in der Schule) kommt heraus. Seine Romane “GULA“ – “CLUBE DOS ANJOS“ und “BORGES E OS ORANGOTANGOS ETERNOS“ werden in viele Sprachen übersetzt.

2002
Es erscheinen weitere drei Chroniken: “SEXO NA CABECA – A MESA VOADORA und TODAS AS HISTÓRIAS DO ANALISTA DE BAGÉ“ (Alle Geschichten des Psychiaters von Bagé). Zum ersten Mal publiziert er seine Poesie im Buch “POESIA NUMA HORA DESSAS?!“ (Poesie in einer solchen Zeit?!). Er berichtet von der Weltmeisterschaft in Japan/Südkorea für die Zeitungen “O GLOBO – O ESTADO DE SÃO PAULO und ZERO HORA“.

2003
Er entscheidet sich, die bisherigen sechs Kolumnen pro Woche in der Presse auf zwei zu reduzieren – seine Texte erscheinen also nur noch an Donnerstagen und Sonntagen. Er wird Titel-Thema in der Zeitschrift VEJA als der meist verkaufte Schriftsteller in seinem Heimatland Brasilien. Es erscheint “BANQUETE COM OS DEUSES“ (Bankett mit den Göttern), ein Buch, in dem Chroniken über Kino, Literatur und andere Künste zusammengefasst sind.

2004
Luis Fernando Verissimo nimmt am “Internationalen Literatur-Festival von Paraty“ teil.