Paulistas und Paulistanos

Veröffentlicht am 24. Oktober 2009

Zur Zeit der Armut während der Kolonialzeit hätte man sich sicher noch keine Vorstellung von der Zugkraft und der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Dynamik machen können, die inzwischen so charakteristisch für São Paulo geworden sind. Wer hat eigentlich diesen ganzen Reichtum geschaffen?

Antwort
In erster Linie ein gewisser „Espirito Bandeirante“ (Geist der Bandeirantes), der in allen Bürgern dieses Bundesstaates präsent zu sein scheint. Denn, besonders bemerkenswert seit den Anfängen der Kolonisation ist, dass es einer Minderheit von portugiesischen Siedlern, auf einem unwirtlichen Stück Land, gelungen ist – trotz ihrer Mischung mit Indianern und später mit schwarzen Sklaven – sich von einer simplen Capitania zur kolonialen Provinz zu entwickeln und noch genügend Ambition und Abenteuergeist aufzubringen, ein solch ungewisses und gleichzeitig wagemutiges Unternehmen, wie die Organisation jener „Bandeiras“ in die Wege zu leiten – welche, unter anderem, auch das gesamte brasilianische Territorium innerhalb seiner aktuellen Grenzen neu definiert haben. Und es ist diese Landbevölkerung, in ihrer Mehrheit Mestizen, die sich über drei Jahrhunderte lang ihre traditionelle Paulista-Kultur bewahrt hat – die Cultura Caipira (Bauernkultur) – welche man noch heute im Hinterland des Bundesstaates antrifft.  

Aber es irrt der, welcher in dieser Kultur eine Art Rückständigkeit vermutet. Sie setzt sich vielmehr aus einer Mischung von Ehrlichkeit und massvoller Beharrlichkeit zusammen, eine Kultur von Männern und Frauen, die es stets verstanden, sich die jeweiligen Umstände als Instrument des eigenen Überlebens zunutze zu machen, selbst unter solch sprichwörtlich miserablen Zuständen, in denen sich die paulistanische Provinz bis zum 19. Jahrhundert befand. Diese traditionelle Kultur ist es, welche am Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer grossen Emigrationswelle zusammentrifft, die zu dem Leben in São Paulo und jener Beharrlichkeit, ihren unüberwindlichen Dynamik miteinbringt.

nach obenWelches ist die Grundlage der kulturellen Mischung des Paulistas?

Die richtige Antwort ist: die Welt! Es haben sich schliesslich, zu Anfang der Einwanderung, Männer und Frauen aus 60 Ländern in São Paulo niedergelassen – alle auf der Suche nach einer Arbeitsgelegenheit. Und sie wurden alle aufgenommen, weil die paulistanische Provinz Arbeitskräfte für die Kaffee-Plantagen brauchte. Heute schätzt man, das São Paulo die drittgrösste italienische Stadt der Welt ist, die grösste japanische Stadt ausserhalb Japans, die drittgrösste libanesische Stadt ausserhalb des Libanon, die grösste portugiesische Stadt ausserhalb von Portugal.

Und die grösste spanische Stadt ausserhalb von Spanien. Die Mischung der Rassen, Ethnien und Kulturen hat sich im Lauf der Zeit akzentuiert und das kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Stadt zutiefst geprägt.

Das Ende des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts wurden durch eine Periode weltweiter Veränderungen geprägt. Kriege und Revolutionen erzeugten Arbeitslosigkeit und Hunger in Europa. Ganze Völker liessen ihre Länder hinter sich, auf der Suche nach Schutz vor ethnischer, politischer oder religiöser Verfolgung. In Brasilien wurde nach der Freilassung der Sklaven (1888), eine Einwanderung in Massen notwendig, um die Arbeit der Sklaven ersetzen zu können.

Die Nachricht von einem neuen Land voller Möglichkeiten erreichte auch die überseeischen Länder. Und sie verliessen ihre Heimatländer in Scharen, wurden in der Dritten Klasse, ganz unten im stickigen Bauch der Dampfschiffe untergebracht, wo die Überbelegung, schlechte Verpflegung und prekären sanitären Konditionen zu grassierenden Krankheiten führten – der Vergleich mit den Sklaventransporten drängt sich auf – und wie diese, starben viele der Emigranten während der 30 Tage dauernden Höllenfahrt. Die Überlebenden wurden dann in provisorischen Auffanglagern untergebracht – bis zu ihrem Weitertransport in die verschiedenen Kaffee-Anbaugebiete.

Von 1887 an wurden durch den Komplex Hospedaria do Imigrante, in São Paulo, um die drei Millionen Personen. Diese Unterkunft besass Betten, Refektorien, Kinderabteilung, Erste-Hilfe-Station und ein Hospital. Im selben Komplex war ausserdem die Agência Oficial de Colonização e Trabalho (Offizielle Agentur für Kolonisierung und Arbeit) untergebracht, verantwortlich für die Weiterleitung der Familien zu ihren jeweiligen Arbeitsstätten im Hinterland. Ab 1930 begann diese Abteilung auch interne Emigranten aufzunehmen, die aus anderen Bundesstaaten Brasiliens gekommen waren.

Heutzutage beherbergt der Komplex das Museu de Imigração (Museum der Einwanderung), welches in vielen interessanten Exponaten die Saga der Einwanderer nachvollzieht und jene anonymen Helden ehrt, die geholfen haben, den paulistanischen Staat von heute aufzubauen. Um die Jahrhundertwende bestand das Gros der paulistanischen Arbeiter aus Einwanderern. 1901 zählte der Bundesstaat zirka 50.000 Industrieangestellte – weniger als 10% waren Brasilianer. Die absolute Mehrheit gehörte unter anderen den Italienern, gefolgt von den Portugiesen, Spaniern, Deutschen und den Polen. Jeder von ihnen hatte ein gutes Motiv, um sich den Portugiesen, anwesend seit ihrer Entdeckung des Landes – den afrikanischen Sklaven, mit Gewalt über den Atlantik hergeholt – und den Indianern, den angestammten Ureinwohnern, anzuschliessen und an dem Abenteuer teilzunehmen, dieses Land zu kolonisieren.

nach obenDie Portugiesen

Verantwortlich für die Invasion der Neuen Welt, waren sie praktisch schon immer hier. Erst gemischt mit den Ureinwohnern, den Indianern, später auch mit den afrikanischen Sklaven, bilden sie den europäischen Kern dieser Mischkultur, die wir als brasilianische bezeichnen. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens, und im Verlauf des 19. Jahrhunderts, wurden die Portugiesen infolge der Schwierigkeiten, denen sie in Portugal gegenüberstanden – der allgemeinen Armut des Landes, das sich in immer neue Kolonialkriege verstrickte und seine Kolonien nacheinander wieder verlor – erneut von Brasilien angelockt. Und die Gleichheit der Landessprache war bei der Entscheidung aus- beziehungsweise in Brasilien einzuwandern, ein zusätzliches Argument. Ihre Einwanderung ist während des 20. Jahrhunderts kontinuierlich. Diese Emigranten wurden auf verschiedenen Gebieten tätig, ihr bevorzugtes Arbeitsfeld ist jedoch der Kommerz.

nach obenDie Spanier

Die Präsenz der Spanier in Brasilien reicht weit zurück. Jedoch die grosse spanische Einwanderungswelle kommt gegen Ende des 18. Jahrhunderts – um auf den Kaffee-Plantagen zu arbeiten. In dieser Epoche wandern auch die Andalusier ein, wenig später die Katalanen, die Basken und die Valenzianer. Die Spanier waren diejenigen, welche sich am meisten auf den Bundesstaat São Paulo als neue Heimat konzentrierten – eine Zählung von 1920 enthüllte, dass sich 78% der Spanier in São Paulo angesiedelt hatten.

nach obenDie Italiener

Die Massenauswanderung der Italiener nahm ihren Anfang nach der Vereinigung Italiens, im Jahr 1871. Die erste grosse Welle von Einwanderern wurde auf die Kaffee-Plantagen im paulistanischen Hinterland geschickt. Zusammen mit den Spaniern ersetzten sie die schwarzen Sklaven auf den Feldern. Sie hatten das Versprechen eines kleinen Grundstücks und guter Bezahlung in der Tasche, wurden aber von der Realität, die sie vorfanden, meist bitter enttäuscht. Deshalb gingen viele von ihnen wieder zurück in die Städte und fingen an in Fabriken zu arbeiten oder im Kommerz. Die ersten Grossindustrien São Paulos – die Matarazzos oder die Crespi – bildeten die Gruppe der italienischen Grafen. Erst Jahre später verloren sie ihre Titel. Die Prägung dieses Volkes war aber nicht nur auf die Industrie begrenzt. Die italienischen Emigranten beeinflussten ebenfalls stark die Essgewohnheiten aller Regionen, in denen sie sich festsetzten. Die Maccaroni, die Pizza und ihr Wein wurden rasch in die brasilianischen Menus integriert und vom Paulista adoptiert.

nach obenDie Japaner

Es war im Jahr 1908 als die ersten Japaner nach Brasilien kamen. Dies war eine von Brasilien subventionierte Einwanderung: weil damals die italienische Regierung Schwierigkeiten machte, ihre Landsleute auswandern zu lassen – andererseits die brasilianischen Kaffee-Plantagen dringend Arbeitskräfte brauchten – wendete man sich an Japan mit einem Subventionierungs-Vorschlag. Auch die japanischen Emigranten konzentrierten sich im Bundesstaat São Paulo – anfänglich wurden sie als Arbeitskräfte auf die Plantagen geschickt, innerhalb kurzer Zeit entwickelten sie sich jedoch selbst zu kleinen bis mittleren Landbesitzern.

Anders als die übrigen Einwanderer, welche im Lauf der Jahre das Hinterland gegen eine Wohnung in der Stadt einzutauschen pflegten, blieb der grösste Teil der Japaner der Landwirtschaft treu. Dort vervielfältigten sie die Produktion von Gemüsen, Früchten und Federvieh. Sie sind heute unentbehrliche Produzenten der meisten landwirtschaftlichen Produkte im Bundesstaat São Paulo.

nach obenDie Deutschen

Bald nach der Unabhängigkeit Brasiliens (1822) erreichten die ersten deutschen Einwanderer brasilianischen Boden. Und im Laufe von 100 folgenden Jahren haben insgesamt 250.000 deutsche Emigranten Brasilien gegen ihre Heimat getauscht. Verglichen mit der Zahl der Italiener oder Japaner ist diese erste Einwanderung der Deutschen, besonders im Bundesstaat São Paulo, relativ gering. Aber es kommt eine zweite Welle – ausgelöst durch die Nazi-Verfolgungen in Deutschland in den 30er Jahren – die hauptsächlich aus deutschen Juden besteht. Die setzen sich in der Hauptstadt São Paulo in so genannten ethnischen Stadtteilen, wie Bom Retiro und Santo Amaro fest. Die Kolonie konzentriert sich auf kommerzielle und industrielle Aktivitäten.