Aus der Geschichte des Bundesstaates São Paulo

Veröffentlicht am 24. Oktober 2009

Die Kolonisierung von São Paulo begann im Jahr 1532, als Martim Afonso de Sousa am 21. Januar die Siedlung gründete, welche sich zur Vila de São Vicente entwickeln sollte, einem der ältesten Orte Brasiliens und einem der ersten der Kolonie überhaupt. In Erfüllung ihres missionarischen Auftrags, der sie in die Neue Welt geführt hatte, stieg eine Gruppe von Jesuiten, unter ihnen die Manuel da Nóbrega und José de Anchieta, die Serra do Mar hinauf bis zum Planalto de Piratininga, wo sie „eine sehr gesunde, frische Erde, mit guten Wassern“ vorfanden – wie sie in einem Bericht an Portugal bemerkten. Auch vom Gesichtspunkt der Sicherheit war die topografische Lage dieses Ortes perfekt: er befand sich auf einer Hügelkuppe – hoch und plan – und begünstigte so die Verteidigung gegen feindliche Indianer. Also gründeten sie dort ein Kolleg – am Tag des Apostels Paulus, dem 25. Januar 1554 – um dessen Standort sich die ersten Häuschen aus Taipa (Holzgerüst, mit Häcksel gemischtem Lehm überzogen) gruppierten, eine Siedlung, die São Paulo de Piratininga genannt wurde, und im Jahr 1560 vom portugiesischen König den Status einer Vila (Dorf) verliehen bekam.

Die Kolonialzeit

In ihren Anfängen schlugen sich die Bewohner von São Paulo de Piratininga mit ein bisschen Landwirtschaft zum Eigenbedarf durch. Wenn es ihnen gelang, Indianer einzufangen, wurden diese als Sklaven auf den Feldern eingesetzt – der Versuch, Zuckerrohr-Plantagen in Serie anzulegen, scheiterte an dem für diese Pflanzen ungeeigneten Boden und zu kühlem Klima. Sowieso hatten sich die Siedler ihre Entwicklung in der Neuen Welt ganz anders vorgestellt – Träume von Gold und edlen Steinen, die sie hier finden wollten, waren nie ganz aus ihren Köpfen gewichen und entzündeten sich neu an den wachsenden Schwierigkeiten, denen sie sich bei der Feldbearbeitung gegenüber sahen. Und so stellten sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die ersten Expeditionen zusammen, deren Auftrag es war, das Hinterland zu erkunden, Indianer einzufangen und nach Edelsteinen und wertvollen Metallen in denselben Regionen Ausschau zu halten. Diese Expeditionen wurden Bandeiras genannt (ein Trupp mit einer Fahne = Bandeira) und ihre Mitglieder, in der Mehrzahl erfahrene Soldaten, nannte man Bandeirantes.

Im Jahr 1681 wurde Vila São Paulo de Piratininga zum Kopf der Capitania São Paulo, eines riesigen Territoriums, welches damals mehr als die doppelte Fläche des heutigen Bundesstaates umfasste – und, vor allem, die von jenen Bandeirantes im heutigen Bundesstaat Minas Gerais entdeckten Gold- und Edelsteinminen einbegriff.

Während das Dorf São Paulo dann 1711 in den Status einer Stadt erhoben wurde, führten die zunehmenden Goldfunde in den Minen dazu, dass die Krone die gesamte Capitania von der Administration der Stadt abtrennte, um selbst die exklusive Kontrolle über diese Region zu behalten. Der Stadt São Paulo selbst fiel lediglich die Rolle eines Militärlagers zu, aus dem, während des gesamten 17. Jahrhunderts, die Bandeiras loszogen, um das brasilianische Territorium im Süden und im Südwesten zu erforschen und zu erweitern. Dass sie dabei weit über die im Vertrag von „Tordesilhas“ (Vertrag zwischen Spanien und Portugal vom 7. Juli 1494) festgehaltene Demarkationslinie vorstiessen, störte niemand – nur die Indianer stellten sich ihnen in den Weg, konnten die gut bewaffneten Truppen allerdings kaum aufhalten, geschweige denn zur Umkehr bewegen, sondern wurden umgebracht oder als Sklaven verschleppt.

Aus dieser Politik resultierte die sprichwörtliche Armut der Provinz São Paulo während der Kolonialzeit. Während die Zuckerrohr-Plantagen des Nordostens ihre Besitzer zunehmend wohlhabender machten, fehlte in São Paulo eine solche lukrative Produktion, die der Provinz einen wirtschaftlichen Aufschwung hätte bescheren können. Darüber hinaus waren sie auf ihre indianischen Sklaven angewiesen, deren Arbeitsmoral – verständlicherweise – keine besonders brauchbare war – alle jüngeren tatkräftigen Männer waren von den Bandeirantes rekrutiert worden, um mit ihnen in den Sertão zu ziehen und Brasiliens Grenzen zu erweitern.

Während der ersten drei Jahrhunderte der Kolonisation übertraf die Zahl der Indianer und Mamelucos (Mischlinge zwischen Indianern und Weissen) die der Europäer bei weitem. Und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war die so genannte „Lingua Geral“ auf der Basis der indianischen Tupi-Guarani-Sprache überall beherrschendes Idiom. Allerdings schätzt man, dass während der Periode zwischen 1580 und 1640, der Vereinigung der beiden iberischen Königshöfe, auch in São Paulo das Spanisch als Zweitsprache gebräuchlich gewesen ist. Nach der brasilianischen Unabhängigkeit von 1822 machten die Afrikaner zirka 25% der Bevölkerung aus und die Mulatten (Mischung zwischen Schwarzen und Weissen) bereits mehr als 40%. Auf der anderen Seite war zu dieser Zeit die Zahl der Indianer in den von den Kolonisatoren besetzten Gebieten bereits stark zurückgegangen, und auch auf den Zuckerrohr-Plantagen, die man inzwischen mit Erfolg im nördlichen Küstengebiet der Provinz, sowie in der Region zwischen Itú und Sorocaba betrieb, hatte man sich längst an die bessere Arbeit der schwarzen Sklaven gewöhnt. Aber der grosse Umschwung der paulistanischen Wirtschaft sollte erst mit dem Übergang des 18. ins 19. Jahrhundert stattfinden, als Kaffee-Plantagen anfingen die des Zuckerrohrs zu verdrängen und der Kaffee sich in zunehmendem Masse zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor des Landes entwickelte.

nach obenDas Imperium

Noch während der so genannten Kolonialperiode wird ihr Ende sichtbar: im Jahr 1808 flüchtet die portugiesische Königsfamilie und der ganze Hofstaat, vor dem Vormarsch der Truppen Napoleons, von Europa nach Brasilien:
12.000 Menschen werden in aller Eile auf nur 26 Schiffen untergebracht – mit bedrohlichem Tiefgang segeln sie hinaus auf den Atlantik. General Junot, von Napoleon ausgeschickt, Dom João VI. festzunehmen, sieht gerade noch die Mastspitzen der Flotte am Horizont verschwinden. Junot flucht – Napoleon tobt – die Engländer reiben sich zufrieden die Hände.

Der Empfang in Rio de Janeiro ist triumphal. Die bessere Gesellschaft will unbedingt dem König vorgestellt werden und engagiert Tanzlehrer, die den züchtigen Senhoritas Menuett und Tischsitten in Schnellkursen beibringen. Nachdem er sich häuslich eingerichtet hat, gibt König Dom João VI. eine Reihe von Reformen in Auftrag, welche, von fortschrittlicher Architektur bis zum höheren Schulwesen, vom stadtbürgerlichen Benehmen bis zu Einrichtungen für die Kunst, das Land einem Vize-Königtum würdig machen sollen, welches die Ehre hat, den gesamten portugiesischen Hof beherbergen zu dürfen. Mit der Wirtschaft geht’s wieder bergauf – Zoll-, Export- und Importbarrieren fallen, die Häfen dürfen zum ersten Mal auch von Schiffen anderer Nationen angelaufen werden, die Verkehrswege ins Innere des Landes werden ausgebaut, der Handel wird wieder belebt. Auch São Paulo profitiert enorm von diesen Reformen, die in Wahrheit eine ideale Basis für die kommende Unabhängigkeit des Landes darstellen.

Dom João VI. indes schielt immer noch nach Europa. 1811 verjagt Wellington die Franzosen aus Portugal. 1815 wird Napoleon nach Elba verbannt. Europa beruhigt sich und Portugal will seinen König zurückhaben. 1821 segelt der wieder nach Hause – mit nur noch der Hälfte seiner ursprünglichen Begleiter. Seinen Sohn Pedro, den er zurücklässt, glaubt er genügend geschult, um die Staatsgeschäfte in der nunmehr „konstitutionellen Monarchie Brasilien“ leiten zu können. Pedro, im Alter von neun Jahren nach Brasilien gekommen, fühlt sich hier heimisch und identifiziert sich mit den Menschen. Er erlässt eine Fülle liberaler Bestimmungen – das bringt ihm von den Freimaurern viel Lob ein, vom Kronrat in Lissabon einen Rüffel und von seinem Vater den Befehl, sofort zum Rapport nach Lissabon zu reisen. Pedro reist nicht. Daraufhin erklärt ihn der Kronrat zum Rebellen und stuft Brasilien wieder in den Rang einer Kolonie zurück.

Pedro erhält diese Nachricht auf dem Territorium São Paulos – am 7. September 1822, am Ufer des Rio Ipiranga – hoch zu Ross reisst er den Umschlag auf, bebt vor Zorn und schreit: „Unabhängigkeit oder Tod“!

Dann erklärt er öffentlich die Unabhängigkeit Brasiliens von der Portugiesischen Krone und sich selbst zum Imperador (Kaiser) mit dem Titel Dom Pedro I. So wird, eigentlich eher durch gekränkte Eitelkeit denn durch politische Einsicht, Brasilien endlich selbständig – und frei! Sein persönlicher Triumph dauert allerdings nicht lange. Die Freiheit, das ist so eine kuriose Sache – jeder versteht darunter etwas anderes – sie wird solange hin und her interpretiert, bis sie sich in Chaos verwandelt. Ein Sturm von liberalen Ideen fegt plötzlich durch die Köpfe aller – sogar die Kirche denkt plötzlich laut über die Abschaffung des Zölibats nach. Die Stunde der Phantasten ist gekommen – drei Jahrhunderte lang aufgestaute  Gedanken und Schlagworte sprudeln befreit hervor.

Der junge Kaiser zögert und ist verwirrt. Sein als Befreier Brasiliens erworbenes Vertrauen verbraucht sich anhand seiner Unsicherheit. Er benötigt einen Achtungserfolg. Also mischt er sich in einen Streit um Uruguay ein, verkracht sich mit den Argentiniern – seine Flotte wird von den stolzen Nachbarn zusammengeschossen – seine ersten Schritte auf internationaler Ebene enden mit einer Blamage. Die nächste, im Innern, folgt auf dem Fuss: er löst die verfassungsgebende Nationalversammlung auf und befiehlt die Verfolgung seiner schärfsten Kritiker – als man ihn darüber hinaus noch eines „ausschweifenden Lebenswandels“ bezichtigt, dankt er erbost ab, segelt (1830) zurück nach Portugal und übernimmt dort den verwaisten Thron, auf dem seit 1926, dem Tod seines Vaters, sein kleines Töchterchen als Regentin sitzt.

Die nächste kaiserliche Majestät, Dom Pedro II., ist erst fünf Jahre alt und spielt im Sommerpalast von Petrópolis Ball, als sein Vater ihn als Thronfolger zurücklässt. Vorerst müssen also die Amtsgeschäfte einem Gremium erlauchter Greise übergeben werden, die sich schwer tun, im Land Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten – zumal ein junger Nachfahre italienischer Emigranten, im Süden, bereits die Errichtung der Republik fordert – Garibaldi ist sein Name. 1840 verlangen die Umstände und das Volk dermassen eindringlich nach einer starken Führung, dass man Pedro befragt – Pedro hat sich zum ersten Mal rasiert – er ist gerade 14 Jahre alt – am 23. Juli 1840 wird er offiziell zum Kaiser von Brasilien gekrönt – Dom Pedro II.

Wider Erwarten geht alles hervorragend. Pedro hat eine exzellente Erziehung genossen und ist selbst von klarer Intelligenz, gutem Einfühlungsvermögen, diplomatischem Geschick und liebenswertem Wesen. Er liest alle Veröffentlichungen und korrespondiert mit europäischen Geistesgrössen. Überall macht er sich schnell Freunde, hinter sich weiss er die besten Denker des Landes. Brasilien, riesig und reich, erreicht jetzt auch eine gewisse Stabilität. Eine lange, erfolgreiche Entwicklung im Land leitet sich ein, die zu wirtschaftlichem Wohlstand führt, denn inzwischen hat der brasilianische Kaffee den Weltmarkt nicht nur erobert sondern nimmt auch die Monopolstellung ein.
Die Kaffee-Plantagen im Territorium von São Paulo werden die grössten und ertragreichsten des Landes und ihre Produktion die Nummer Eins des brasilianischen Exports.

Die Provinz São Paulo entwickelt sich ganz aussergewöhnlich in dieser Zeit, und ihr städtisches Zentrum erlebt eine wahre urbanistische Revolution, durch die Notwendigkeit, es aus dem Dämmerschlaf eines besseren Handelspostens, höchstens einer Kleinstadt, in den Status einer Hauptstadt der neuen Wirtschaftselite zu heben. Schon um 1860 herum ist die ehemalige Kolonialstadt nicht wieder zu erkennen: Die ersten Strassenlaternen verbrennen Rhizinusöl oder Waltran, um den Bürgern eine nächtliche Beleuchtung zu bieten. Die Stadt besitzt den ersten öffentlichen Park – den Jardim da Lúz – den man gegen Ende des Jahrhunderts vollkommen umgestaltet und reformiert. Im gleichen Rhythmus, wie sich die Stadt nun nach allen Seiten hin ausbreitet, entsteht auch ein moderner urbaner Kern um einige der symbolischen Monumente herum – wie der Bahnhof der São Paulo Railway oder der schon erwähnte Jardim da Lúz. In ihrem Umkreis entstehen Wohngebiete der Elite – zum Beispiel die Campos Elíseos, mit ihren Boulevards im besten Pariser Stil – Mittelachse damals die Avenida Tiradentes. Aber auch die Schienenwege begünstigen die Entstehung neuer Stadtteile, wie der von Bom Retiro oder Brás, deren Bevölkerungszahl schnell steigt, durch die Hospedaria dos Imigrantes (Unterkunft für Einwanderer) in ihrem Einzugsbereich. Auch die öffentlichen Gebäude vervielfältigen sich: das Rathaus entsteht, die Sitzungs-Kammer, das Justiz-Forum, verschiedene Schulen, Militär-Kasernen, Gefängnisse, Unterkünfte für Strassenkinder. Dutzende von Kirchen, Klöstern und Türmen werden, wie damals in der Kolonialzeit, weiterhin gebaut. Auch Künstler beanspruchen kulturelle Parzellen innerhalb der Entwicklung dieser grossen Stadt – Zirkusartisten, Schauspieler des Theaters, Dichter und Sänger fangen an, sich einen festen Platz im Gefüge der Stadt zu suchen, und eine erste Zeitung erscheint ebenfalls.

Das ist die Zeit, in der São Paulo zum Aushängeschild der Nation wird. Die Kaffee-Plantagen prosperieren besonders im Norden des Bundesstaates, in dessen roter Erde man die idealen Bedingungen gefunden hat. Die Ausbreitung der Kaffee-Kulturen verlangt nach einer Erweiterung des Schienennetzes, deshalb fängt man 1860-1861 in Santos und in São Paulo mit den Arbeiten an der Eisenbahnstrecke Santos-Jundiaí an – die Kompanie São Paulo Railway ist verantwortlich für die erste Eisenbahnverbindung zwischen diesen beiden Städten. Dies ist auch die Zeit grosser Veränderungen, die unter anderem zur Abschaffung der Sklaverei führt: Dom Pedro II. ist dagegen. Man kann mit ihm über alles reden – nicht aber über diesen Punkt – da bleibt er hart und unzugänglich, obwohl Brasilien das letzte Land ist, in dem noch die Peitschen der Aufseher knallen.

Sein Standpunkt ist insofern verständlich, als er auf die Unterstützung der Reichen angewiesen ist, und die Reichen auf die Arbeit ihrer Sklaven – verlieren diese ihre Sklaven, verliert er die Unterstützung der tonangebenden Gesellschaft. Mit anderen Worten: ohne Sklaven auch keinen Kaiser!

Darum warten die Abgeordneten, bis der Kaiser auf einer Reise im Ausland weilt, um im Jahr 1888, hinter seinem Rücken, das Gesetz der „Abolição“ zu beschliessen – jene fünf Millionen aus Afrika verschleppten Leibeigenen sind von einem auf den anderen Tag freie Bürger – aber sie stehen genauso zerlumpt und hungrig an den Strassenecken wie sonst auch, und es dauert viele Jahrzehnte, bis sie in der Lage sind, das Geschenk der Freiheit endlich zu leben.  

Pedro II. kehrt heim und erkennt sofort, dass seine Amtszeit zu Ende geht. Wie vorausgesehen lassen ihn die Reichen der Gesellschaft fallen – sie haben jetzt andere Sorgen, nämlich neue Arbeiter für ihre Kaffee-Plantagen zu finden. Progressive und Militärs machen gemeinsame Sache und rufen die Republik aus. Dem Kaiser ist’s recht – er begibt sich nach Europa, um mit seinen illustren Freunden in Frankreich endlich ungestört zu philosophieren. 58 Jahre lang Kaiser – länger als ein durchschnittliches Menschenleben!

nach obenDie Republik

Sie wird am 15. November 1889 ausgerufen – am 24. Februar 1891 tritt die neue republikanische Verfassung in Kraft: die „Bundesrepublik der Vereinigten Staaten von Brasilien“ ist damit offiziell gegründet. Feierlich wird die neue Fahne gehisst: Grüner Untergrund – wie der Amazonas Regenwald, darauf ein goldgelber Rhombus – wie die Tropensonne, ein himmelsblauer Kreis mit vielen Sternen darauf – für jeden Bundesstaat der Union einen. Ein Band mit der Inschrift „Ordem e Progresso“ (Ordnung und Fortschritt) darüber. Unglaublich: Bei diesem letzten Akt der nationalen Selbstverwirklichung ist kein Blut geflossen!

Ausserhalb der schnell wachsenden Grosstadt São Paulo, im so genannten Interior (Hinterland) wird durch das kontinuierliche Wirtschaftswachstum ebenfalls eine sehr positive Entwicklung eingeleitet, die in erster Linie der Einwanderung von Tausenden von Emigranten aus Europa zu verdanken ist. Sie lösen nicht nur das Problem der fehlenden Arbeitskräfte auf den Kaffee-Plantagen, sondern treiben auch die Entwicklung des Hinterlandes voran, indem sie sich dort niederlassen und ihre Siedlungen bald zu kleinen Städten zusammenwachsen. Die ersten kleinen Fabriken, Verarbeitungsbetriebe des Kaffees in der Hauptsache, machen ihre ersten Schritte in Richtung auf eine Industrialisierung. Jetzt muss man an die Konstruktion neuer Strassen denken, denn das sich entwickelnde Hinterland und seine Kaffee-Plantagen sollen schnellstens Anschluss an den Exporthafen in Santos finden.

So nimmt die erste republikanische Periode ihren Anfang in Brasilien. Bis 1930 wird die junge Republik von den landwirtschaftlichen Oligarchien aus São Paulo, Minas Gerais und Rio de Janeiro kontrolliert. Die wirtschaftliche Bedeutung des in São Paulo produzierten Kaffees und die der Rinder aus Minas Gerais prägt die so genannte „Milchkaffee-Politik“, in der sich Paulistas und Mineiros gegenseitig im Amt des Präsidenten der Republik abwechseln.

In Wirklichkeit hat São Paulo lediglich an dem festgehalten, was es durch die Konsolidierung der neuen wirtschaftlichen Grundlagen während der letzten Jahrzehnte des Imperiums an Macht erreicht hatte. Die Eisenbahn bringt die Expansion der Kaffeekulturen voran, transportiert Einwanderer und erlaubt die Besiedelung neuer Regionen – während in den Stadtgebieten die Industrie aufblüht, die urbanen Grenzen verschiebt und Platz für ganz neue gesellschaftliche Klassen schafft – zum Beispiel die Arbeiter-Klasse und die Mittel-Klasse. São Paulo, prosperierender denn je und jetzt ein richtiger Staat innerhalb der Föderation, sieht sich täglich irgendwelchen Neuerungen gegenüber: die Elektrizität verdrängt die Gaslaternen, die ersten Autos werden vorgeführt (das allererste Automobil in São Paulo gehörte dem Vater des brasilianischen Luftfahrt-Pioniers Santos Dumont), die elektrischen Strassenbahnlinien werden ausgebaut – in der Hauptstadt entstehen die ersten grossen Bau-Projekte, unter ihnen das Viaduto do Chá und die Avenida Paulista.

Die Einzigartigkeit dieser Periode besteht in der intensiven Art und Weise, mit der sich alles zu multiplizieren scheint – angefangen von den Einwanderern, die im Hinterland die Kaffee-Plantagen erhalten, bis zur rasanten Entwicklung der Städte, welche dem Bundesstaat São Paulo seinen Provinz-Anstrich nehmen und ihn zum dynamischsten Wirtschaftszentrum des Landes machen. Der gesamte Bundesstaat São Paulo verändert sich drastisch. Santos, Jundiaí, Itú, Campinas und einige andere „Vilas“ leben von nun an mit dem Ruf der Fabriksirenen und einer neuen Klasse von Arbeitern. Deren Streiks und die „Konflikte auf der Strasse“ füllen die Spalten der täglichen Polizeiberichte, während zur gleichen Zeit die fehlende urbane Infrastruktur von der Industrie-Lobby angeprangert wird. Eins der grössten Probleme wird die Erzeugung elektrischer Energie, deshalb nimmt man im Jahr 1900 eine kanadische Firma unter Vertrag und gründet die „Light“, deren zentraler Wirkungs-Sektor São Paulo wird – bis zum Jahr 1970. Unter der erfahrenen Administration dieser Gesellschaft gelingt dem Bundesstaat eine signifikante Energieerzeugung, ohne die jene enorme industrielle Entwicklung zwischen 1930 und 1940 nicht möglich gewesen wäre. Innerhalb dieser Periode wurden mehr als ein Dutzend kleiner Wasserkraftwerke gebaut und in Betrieb genommen – mehrheitlich mit Hilfe von ausländischem Kapital.

Während dieser Zeit der ersten Republik erlebt die Kaffee-Aristokratie ihren Climax. Aber die Revolution von 1930 macht ihrer Oligarchie ein Ende und fördert stattdessen die kleineren Bundesstaaten der Föderation, die unter der Führung von Rio Grande do Sul, unter Getúlio Vargas, aus dem bisherigen Schatten treten. Die Kaffee-Oligarchien von São Paulo begehren zwar noch einmal auf gegen ihre Zurechtweisung – mit der Revolução Constitucionalista, im Jahr 1932, werden aber trotz Androhung eines Boykotts vom Wirtschaftsgiganten São Paulo abgeschmettert.

Im Jahr 1930 erreichten die Schienen das Ufer des Rio Paraná, und die Kolonisation besetzte bereits ein Drittel des Staatsterritoriums. Die Städte hatten sich multipliziert. Gesellschaftlich hatte sich der Bundesstaat, mit mehr als einer Million Einwanderern, zu einer Art „Turm von Babel“ entwickelt, gezeichnet von den verschiedensten Kulturen, die aus mehr als 60 verschiedenen Ländern hier eingeschleppt wurden. Schon während des letzten Jahrzehnts der ersten Republik, zeigte sich das wirtschaftspolitische Modell, nach dem man die Vorherrschaft São Paulos ausgerichtet hatte, als verbraucht und überholt. Nach der Revolution von 1930 erlebte das ganze Land eine Epoche der Instabilität, die der Diktatur des Getúlio Vargas Vorschub leistete – eine Periode von acht Jahren, die mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende ging und den Anfang einer Redemokratisierung brachte, in der sich die so genannte Zweite Republik durchsetzten konnte.

Was den Kaffee betrifft, so überwand man die Krise, in die er am Anfang der 30er Jahre gesteckt hatte – schon während des Krieges erzielte er wieder interessante Preise und war für die Weiterentwicklung São Paulos, nach wie vor, einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren. Doch jetzt kam die Zeit der Industrie-Produktion, motiviert durch das geschaffene Kapital der Landwirtschaft und, vor allem, beflügelt von einer Reihe guter Absatzmärkte in den benachbarten Ländern, entwickelte São Paulo ein industrielles Potential, das in ganz Lateinamerika nicht seinesgleichen hatte. Und der nächste Schritt war schon in Vorbereitung: Mit den Niederlassungen der ersten europäischen und amerikanischen Automobilfabriken in den 50er Jahren wurde São Paulo definitiv zum Zugpferd der brasilianischen Wirtschaft und entwickelte sich zum grössten Industriepark des Landes und ganz Lateinamerikas – eine Position, die es, trotz vieler durchgestandener politischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten, bis heute unangefochten gehalten hat.

nach obenNachwort

São Paulo dürfte einer der wenigen Bundesstaaten in der brasilianischen Staatenunion sein, in dem  der internationale Tourismus bis dato keine grössere Bewegung hinterlässt und auch keinen spürbaren Wirtschaftsfaktor darstellt.

Die Stadt selbst wird für Geschäftsreisen besucht – während einer Messe oder zur Eröffnung eines internationalen Tochter-Unternehmens – oder den Besuch von Familien, Freunden und Bekannten.

Tour-Operatern in der Stadt São Paulo, die sich vorgenommen haben, mit internationalen Touristen zu arbeiten, fällt es denn auch einigermassen schwer, diesen ein für sie wirklich interessantes Programm zu bieten, denn Bank- und Versicherungs-Hochhäuser, Kunstgalerien, Shopping-Center und Verkehrs-Chaos haben die meisten von ihnen auch zu Hause. Deshalb leben solche paulistanischen Operater in der Regel auch von Zusatzprogrammen wie „Iguassú“, „Ouro Preto“ und vor allem „Rio de Janeiro“.

Für den internationalen Besucher – der sich natürlich in den Hotelpalästen und Galerien der Stadt wie zu Hause fühlen wird (aber deshalb ist er wahrscheinlich nicht nach Brasilien gekommen) – haben wir an São Paulos Küste und in seinem Hinterland Sehenswürdigkeiten zusammengestellt, die ihrerseits beweisen, dass zumindest die Interior-Paulistas, Gott sei Dank, noch weit davon entfernt sind, ihren ganzen Bundesstaat mit Beton überzogen zu haben. Im Gegenteil – durch vernünftigen Naturschutz sind hier ein paar einzigartige landschaftliche Kleinodien erhalten geblieben, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen.