Fussball im Maracanã

Veröffentlicht am 23. Oktober 2009

An oberster Stelle der Beliebtheitsskala in Brasilien steht – wie könnte es anders sein – natürlich der Fussball: Überall tritt, beziehungsweise spielt, man ihn mit Begeisterung – in den Strassen und Gassen der mittelklassigen Wohnbezirke, wie zwischen den windschiefen Bretterbuden der Favelas – im weichen Sand der Stadtstrände genauso wie auf den Rasenflächen der Stadtparks – auf den Sportplätzen der Militärkasernen ebenso wie auf dem Gefängnishof. Der Fussball ist, so scheint es, Sinnbild einer Einheit im brasilianischen Volk, die man – nicht zuletzt auch aus Gründen der enormen Rassen- und Völkervielfalt – auf anderen Gebieten leider nur ganz selten findet. Und die, welche (ihn) richtig zu treten verstehen, werden als Künstler verehrt und geliebt – verdienen enorm viel Geld, und jede Karriere steht ihnen offen – vom TV-Star bis zum Staatspräsidenten.

maraca2Das Stadion „Maracanã“ – Estádio Jornalista Mário Filho ist eins der grössten Sportzentren der Welt: Hier ist aktuell Platz für 96.000 Fans, die sich an den Wochenenden dicht gedrängt und fiebernd, zweiunddreissig Meter hoch, auf zwei Rängen übereinander stapeln und aneinanderdrängeln. Die riesenhafte Anlage ist über den Zuschauerrängen teilweise überdacht, aber über dem Spielfeld offen – ein Vulkankrater, in dem die glühenden Leidenschaften für den Fussball im allgemeinen, und für den Lieblingsverein im besonderen, zum Kochen kommen – und manchmal auch zum Überlaufen.

Da wird die Vereinshymne gemeinsam gesungen oder lauthals geschrieen, wallende Fahnen und Wimpel in den Vereinsfarben geschwenkt, grosse Sambatrommeln dröhnen in frenetischem Rhythmus, Feuerwerkskörper und Rauchbomben in den Vereinsfarben zischen und zerplatzen über den Köpfen der Menge, Feuerballons werden gestartet, Toilettenpapier und sogar tote rohe Hühnchen fliegen ins Publikum – letztere sind mit einem „Macumba“ (Bannfluch) gegen den Gegner belegt und kommen erst bei einem ungleichen Tor-Verhältnis zum Einsatz – um die Vereinsmannschaft zu retten. Die Atmosphäre ist eigentlich kaum zu beschreiben – auf jeden Fall aber einzigartig!

Im Jahr 1950 wurde der Neubau, der eigentlich „Estádio Mário Filho“ heisst, mit einer monumentalen Pleite eingeweiht: Dem Endspiel um die Fussball-Weltmeisterschaft, in dem Brasilien 1:2 gegen Uruguay verlor – es war fast wie ein Weltuntergang für die Brasilianer, der eine Welle von Selbstmorden folgte. Inzwischen haben fünf Weltmeistertitel das Selbstbewusstsein des fussball-verrücktesten Volkes der Welt nicht nur wieder aufgerichtet, sondern regelrecht gestählt. Und hier überträgt sich die Euphorie, etwas besser zu können, als alle andern auf dieser Welt, sofort auf alle Lebensbereiche. Vielleicht, weil solche Erfolge so selten sind. Vielleicht, weil solche Erfolge Vorurteile abbauen helfen. Vielleicht, weil aus solchen Erfolgen auch ein kleines persönliches Glück geschöpft werden kann. Brasilien ist „Penta-Campião“!!!

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Was Wunder, dass innerhalb des Stadions auch ein Sportmuseum untergebracht ist, es heisst „Museu dos Esportes Emílio Garrastazu Médici“ – gleich hinter dem „Tor 18“ – man kann es unter der Woche zwischen 9:00 und 16:00 besuchen. Darin sind Reliquien der Weltmeisterschaften, der Ball, mit dem Pelé sein tausendstes Tor schoss, das Netz, welches ihn auffangen durfte und andere sportliche sowie kuriose Kult-Exponate zu bewundern. Wo gibt’s das sonst?

Überhaupt können Sie sich natürlich das Stadion auch leer unter der Woche ansehen, aber das wäre gerade so als ob Sie sich eine Theaterbühne ohne die Darsteller betrachteten! Der Besuch eines Spiels (meistens an einem Sonntag) lohnt sich auf jeden Fall, selbst wenn man kein Fussball-Fan ist. Denn allein die typisch brasilianische Begeisterung, die sich hier ein Ventil verschafft, ist erlebenswert. Hier wird Fussball nicht nur gespielt, sondern zelebriert.

Es gibt drei verschiedene Arten von Eintrittskarten:

Cadeiras“ – die sind für individuelle Stühle – dies sind die teuersten.

Arquibancadas“ – die sind für die Sitzterassen, mit guter Sicht aufs Spiel – aber setzen Sie sich auf keinen Fall ans Ende zwischen einer und der anderen rivalisierenden Fan-Gruppe (kann man an den unterschiedlichen Farben erkennen).

Geral“ – dies sind die billigsten Karten für Stehplätze – nicht empfehlenswert, weil nicht sicher. Die Preise können variieren, je nach Wichtigkeit des Spiels. Leider ist sonntags die Metrô ausser Betrieb, sodass Sie entweder mit einem Bus hinfinden müssen, oder ein Taxi nehmen – falls Sie nicht mit uns, alles schon inklusive, gebucht haben.

Hinter dem grossen, steht ein kleines Stadion, das „Maracanãzinho“. Es fasst nur 20.000 Zuschauer und wird hauptsächlich für Leichtatlethik-Wettkämpfe verwendet oder für grosse Kundgebungen und Shows vermietet.