Aus der Geschichte des Bundesstaates Rio de Janeiro

Veröffentlicht am 23. Oktober 2009

In der Geschichte des Bundesstaates Rio de Janeiro – der lange Zeit „Estado da Guanabara“ hiess – hat besonders seine geografische Lage eine bedeutende und richtungweisende Rolle gespielt. Nicht nur seine Position zwischen der Küste und den Goldminen (in Minas Gerais), sondern, darüber hinaus, auch die klare Differenzierung zwischen seinen vier physischen Regionen:

  • die unterbrochene Küste mit vielen guten Naturhäfen
  • die warme, feuchte Küstenebene, flach und von Lagunen und Feuchtgebieten durchsetzt, wunderbar geeignet für Zuckerrohrpflanzungen – an bestimmten Stellen auch für die Salzgewinnung
  • das Bergmassiv, ein ideale natürliche Festung gegen Eindringlinge ins Hinterland
  • und schliesslich die Hochebene, mit gutem Wasser und tropischen Wäldern, einem hohen Fruchtbarkeitspotential, mit besten biologischen Konditionen für den Kaffeeanbau.

nach obenDie Entdecker

Die erste Schiffs-Expedition mit dem Ziel, die brasilianische Küste zu erforschen, verliess Portugal im Jahr 1501 unter dem Kommando von André Gonçalves – am 1. Januar 1502 erreichte er die Bucht von Guanabara, der er den Namen „Rio de Janeiro“ gab. Diese Namensgebung entsprang einem Irrtum: als die Seefahrer in die lang gezogene Bucht einliefen, glaubten sie sich in der Mündung eines gewaltigen Flusses, und mit ihrem Habitus, Neuentdeckungen mit dem entsprechenden Datum zu belegen, war der Name perfekt: „Fluss des Januar“ – lange bevor an derselben Stelle die eigentliche Stadt gegründet wurde.

Zwei Jahre später (1503) lief die nächste Expedition unter Gonçalo Coelho in die Bucht ein. Mit ihm, als Kosmograph und Navigator, Américo Vespúcio, der vom König Dom Manuel persönlich beauftragt worden war, sich das Land ein wenig näher anzusehen. Er berichtet, dass Gonçalo Coelho am Ufer eines Baches ein Haus aus Steinen errichten liess, welches die Tamoio-Indianer mit „Cari-oca“ bezeichneten – „Haus des weissen Mannes“.

nach obenDie Kolonisatoren

Schon in den ersten Jahren der Entdeckung Brasiliens hatten die Portugiesen bemerkt, dass die Küste kontinuierlich von französischen Schiffen frequentiert wurde. Entweder als Piraten oder in Handelsschiffen, hatten diese sich die Guanabara-Bucht als bevorzugten Ankerplatz ausgesucht – hier nahmen sie Frischwasser an Bord und tauschten mit den Tamoio-Indianern frische Feld- und Baumfrüchte ein. Sie fühlten sich hier als die absoluten Herren, zumal sie mit den Indianern eine Handelsverbindung aufgebaut haben, die ihnen unter diesen Eingeborenen auch freundschaftliche Beziehungen eingebracht hatte.

Das wurmte Dom João III. von Portugal gewaltig, und er rüstete 1530 eine Expedition aus, die unter dem Kommando von Martim Afonso de Souza den königlichen Auftrag mitbrachte, die brasilianischen Ländereien zu kolonisieren. Dem Kommandanten, in seiner Eigenschaft als „Capitão-Mor“, kam die vielgestaltige Aufgabe zu, unbekannte Regionen und Flüsse zu entdecken, irgendwelche Eindringlinge militärisch aus dem Gebiet der Krone zu verweisen, die permanente Verteidigung der gesamten Küste zu organisieren, Siedlungen zu gründen, in denselben eine militärische und zivile Administration zu schaffen, und, wo immer er hintrat, die Markierungen und Kreuze der portugiesischen Krone, zum Zeichen ihrer Inbesitznahme, einzupflanzen. Darüber hinaus wurde ihm die Macht übertragen, Personen, die sich um die Krone verdient gemacht hatten und daran interessiert waren, sich in der Kolonie niederzulassen, mit Ländereien zu beschenken – den so genannten „Sesmarias“.

Martim Afonso erreichte die Guanabara-Bucht im April 1531 und blieb dort über drei Monate. Von hier aus erforschte er das Land und drang auch ins Inland ein. Seine Flotte lag an dem Strand vor Anker, der später seinen Namen bekam, und wo sich heute der „Yachtclub von Rio de Janeiro“ befindet. Schliesslich verliess die Expedition die Bucht und wandte sich Richtung Süden, bis sie das äusserste Ziel der Reise erreichten: den „Rio da Prata“. Auf dem Rückweg geht er in „São Vicente“ (nahe des heutigen Hafens von „Santos“, im Bundessstaat São Paulo) vor Anker – sein Bruder segelt weiter zu den nordöstlichen Küstengebieten Brasiliens, um von dort nach Portugal zurückzukehren – und trifft beim König Dom João III. ein, zusammen mit einem Brief seines Bruders Martim Afonso aus Rio de Janeiro, in dem dieser seinem König berichtet, was seine Expedition bezüglich ihres Auftrags bisher ausgerichtet.

Am 28. September 1532 expediert der König ein Schreiben an seinen „Capitão-Mor“ Martins Afonso de Souza, in dem er ihn beauftragt, die brasilianische Küste von Pernambuco, im Norden, bis zum Rio da Prata, im Süden, in „Capitanias Hereditárias“ (vererbbare Administrationsgebiete) von je fünfundfünfzig „Léguas“ (1 Légua = 6.600 Meter) aufzuteilen – für ihn selbst seien einhundert Léguas um die Guanabara-Bucht vorgesehen.

Damit war die Formel geschaffen, durch die sich Portugal die Franzosen vom Hals zu schaffen gedachte – und mit einem Minimum an Ausgaben für die Krone. Um sich beim König persönlich zu bedanken, beschliesst Afonso de Souza nach Lissabon zu reisen – die zivile Administration lässt er in den Händen eines Priesters, dem Padre Gonçalo Monteiro, zurück, und die militärische übergibt er seinen Waffenbrüdern Pêro de Góis und Rui Pinto.

nach obenRückschritte

Niemand weiss etwas genaues darüber zu berichten, warum Martim Afonso in Lissabon dann plötzlich zum „Capitão-Mor“ von Indien berufen wurde, wohin er im März 1534 segelte, im November desselben Jahres bestätigt wurde und am 20. Januar 1535 als „Donatário“ in einer indischen Provinz verschwand. Ein taktisch unkluger Schachzug des portugiesischen Königs, denn in Brasilien gab es niemand, der seinen „Capitão-Mor“ hätte ersetzen können – die, auf die Martim Afonso gesetzt hatte, gerieten in Streit – die Tamoio-Indianer waren die erklärten Todfeinde der Portugiesen und die Franzosen breiteten sich wieder aus an der Küste. Niemand konnte verhindern, dass sie sich erneut in der Guanabara-Bucht festsetzten.

Das portugiesische Regime der Capitanias war am Ende – die Ländereien des Martim Afonso den französischen Freibeutern ausgeliefert, und andere Gebiete in Nord wie Süd vom Feind bedroht.

Die Situation verlangte nach einer schnellen Lösung. Dom João III. brauchte einen starken Mann, einen ihm treu ergebenen Mann, einen, dem er die zentrale Autorität als Vermittler zwischen der Krone und jenen verängstigten Landbesitzern anvertrauen könnte, den letzten Resten seiner Kolonisation. 1549 nominierte er Tomé de Souza für diese Aufgabe und machte ihn zum „Gouverneur von Baia de Todos os Santos (dem heutigen Salvador) und allen anderen Capitanias und Ländereien der brasilianischen Küste“. Tomé de Souza brachte die ersten Jesuiten mit sich – unter ihnen den unvergessenen Padre Manoel da Nobrega, dessen Lehren ein neues kollektives Gewissen in den verschiedenen Capitanias keimen liess, die er, von Salvador ausgehend, bereiste – und er kam schliesslich auch nach Rio de Janeiro.

Tomé de Souza tat während seiner Administration nicht viel, um die Grundlagen für eine Kolonisierung zu schaffen – weder gründete er irgendeine neue Siedlung, noch baute er irgendein Fort zur Verteidigung der verwaisten Küste. Und am Ende seiner Administrationszeit übergab er das Amt an seinen Nachfolger Duarte da Costa, der mit einem weiteren Trupp Jesuiten an Land ging, unter denen sich auch der Padre Luiz de Gran und der Laienbruder José de Anchieta befanden – letzterer sollte später zu einer der Hauptfiguren in der Entwicklung von Rio de Janeiro werden. Mit Duarte da Costa allerdings kam vorläufig keinerlei Hilfe für die von den Franzosen und ihren Tamoio-Freunden besetzte Guanabara-Bucht, aber, als dieser sich ein Bild gemacht hatte von den dortigen Zuständen, forderte er immerhin Verstärkung aus Lissabon an, um die Franzosen aus dem Land zu werfen.

nach obenDie Franzosen

In der Bucht von Guanabara liefen französische Schiffe inzwischen ein und aus, als ob sie hier zuhause seien, trieben Handel mit ihren Freunden, den Tamoios und schmuggelten auch so wertvolle Güter wie Gold, edle Steine und Edelhölzer ausser Landes, die ihren Ausrüstern, in der Normandie und Bretagne, gute Gewinne einbrachten. Aber alle wussten, dass mit diesem Handel auch die Gefahr verbunden war, von den Portugiesen, in deren Augen sie räuberische Piraten waren, überrascht und getötet zu werden.

Angesichts dieser Gefahr, entschlossen sich Normannen und Bretonen, in Rio de Janeiro eine Kolonie zu gründen, mit einer Festung, die sie gegen die Portugiesen verteidigen sollte. Aus politischen Gründen blieb dabei die Unterstützung des Königs von Frankreich im Hintergrund, aber Nicolas Durand de Villegaignon, Abkömmling einer adeligen Familie aus der Provence, bot sich an, in Rio de Janeiro ein Kolonisations-Projekt zu verwirklichen, das den Franzosen schon seit längerer Zeit vorschwebte – sie nannten es „France Antarctique“.

1555, im besten Mannesalter von 45 Jahren, war es dann soweit: sein Unternehmen stand unter der Protektion des Admirals Coligny und des Kardinals de Lorraine, Nicolas Barré, wurde als Steuermann engagiert, der Franziskaner André Thevet als Kosmograph, und die Mannschaft suchte er sich aus der „Bastille“ und anderen Gefängnissen aus – gesund und stark mussten die Männer sein, der Rest war uninteressant. Henry II., der König von Frankreich, gab Befehl, ihm für diese gewagte Unternehmung zwei Schiffe mit allem nötigen Kriegsgerät zur Verfügung zu stellen.

Villegaignon verlässt Le Havre am 12. Juli 1555 und erreicht die Guanabara-Bucht am 10. November – nach einer schwierigen Reise mit vielen unangenehmen Zwischenfällen. Seine Männer verlassen die Schiffe auf einer felsigen Insel, die er „Le Rattier“ benennt (heute Forte Lage) – auf ihr zelebriert er eine kurze Zeremonie der Inbesitznahme, gefolgt von einer Messe. Weil die anbrandende Flut die Männer bereits mit ihrer Gischt besprüht, verlassen sie die unsichere kleine Insel und segeln weiter zur „Ilha de Serigipe“ (die man heute „Villegaignon“ nennt). Hier gründen sie den Sitz ihrer Kolonie, und bald darauf errichten sie zu deren Schutz eine Festung, die sie „Fort de Coligny“ nannten – zu Ehren ihres Admirals und Protektors.

Enttäuscht zeigte sich Villegaignon von den Indianern, die seinen Leuten zwar freundschaftlich gesinnt waren, mit denen er aber persönlich nichts anzufangen verstand – in Briefen, an seinen Tutor Admiral de Coligny und an andere Freunde, bat er hinsichtlich der „Wilden“ um Rat. Die Antwort kam zusammen mit drei Schiffen zur Verstärkung, befehligt von seinem Neffen, Monsieur de Boissy, der einen Monsieur Bois-le-Comte mit sich brachte, ausserdem den Pastor Jean de Lory und Jean de Cointra, den Monsieur de Bolés.
Was als Verstärkung gedacht war, verkehrte sich in Zersetzung: polemische religiöse Diskussionen arteten aus in ernstliche Konflikte, in die jener Pastor Jean de Lory und der Monsieur de Bolés auch den Kommandanten Villegaignon verwickeln wollten – da machte dieser kurzen Prozess und verwies die beiden von der Insel.

Aber seine Truppe war bereits infiziert von Misstrauen und Indisziplin, und solche moralischen Schwächen trugen nicht gerade dazu bei, gegen einen bevorstehenden Angriff der Portugiesen die besten Karten zu haben.

Dom João III. starb in der Mitte des Jahres 1557, als sein Sohn und Thronfolger Dom Sebastião noch ein unmündiger Knabe war. Also übernahm seine Gattin Dona Catarina von Österreich vorläufig die Staatsgeschäfte – während der „Desembargador“ Mem de Sá bereits nach Brasilien unterwegs war, um die Nachfolge von Duarte da Costa, als General-Gouverneur, anzutreten. Er erreichte Salvador gegen Ende des Jahres 1557 und übernahm die Regierung in den ersten Tagen des Januar 1558.

Nicolas Durand de Villegaignon war bisher nicht ein einziges Mal von den Portugiesen belästigt worden, sondern wurde ein Opfer seiner eigenen administrativen Unfähigkeit, die sich schon bei seiner Zusammenstellung der Mannschaft durch Strafgefangene angebahnt hatte und jetzt im offenen Ungehorsam endete. Sein eigentlicher Konflikt entstand jedoch aus den Widersprüchlichkeiten seines Geistes – was er mit soviel Enthusiasmus und Gottvertrauen angefangen, drohte ein böses Ende zu nehmen. Er überlässt das Kommando des Forts de Coligny seinem Neffen Bois-le-Comte und kehrt, innerlich zerbrochen, 1559 nach Frankreich zurück.

nach obenDie Portugiesen

Dem neuen Gouverneur Mem de Sá gingen vom Anfang seiner Amtszeit an die Franzosen in der Guanabara-Bucht nicht mehr aus dem Kopf. Aber auch in seinem unmittelbaren Amtsbereich gab es genug Probleme, um die er sich kümmern musste – Kämpfe zwischen seinen Soldaten und aufbegehrenden Indianern waren an der Tagesordnung – also schickte er seinen Sohn Fernão de Sá und seinen Neffen Baltazar de Sá nach Espirito Santo, um die Truppe des Vasco Fernandes Coutinho, in seiner Capitania in „Vila do Espirito Santo“ zu verstärken, denn er konnte sich vorstellen, dass sich die Franzosen dort ebenfalls einzunisten gedachten.

Vorläufig fühlt sich Mem de Sá nicht stark genug, die Franzosen in Rio de Janeiro direkt anzugreifen, aber er fordert Verstärkung aus Lissabon an – die er auch von Catarina prompt bekommt. Ende 1559 kommt in Salvador eine Flotte von zwei Kriegsschiffen und acht kleineren Schiffen an, befehligt von Bartolomeu de Vasconcelos Cunha – mit ihm entwirft Mem de Sá seinen Angriffsplan. Knapp zwei Monate später segeln sie zusammen gegen Süden, an der Küste entlang – nehmen in „Ilhéus“, in „Porto Seguro“ und in „Vila do Espirito Santo“ weitere Truppen an Bord und erreichen die Einfahrt zur Guanabara-Bucht am 21. Februar 1560. Mem de Sá will ganz sicher gehen, deshalb verschliesst er mit seinem Kontingent den Eingang zur Bucht und wartet auf weitere Verstärkung aus den Capitanias von „Santos“ und „São Vicente“ – die endlich, am 15. März, in Form von zwei weiteren Kanonenbestückten Schiffen eintrifft.

Um seine Überlegenheit zu demonstrieren fällt er nun nicht etwa über die Franzosen her, sondern schickt ein Schreiben an den Kommandanten Bois-le-Comte, mit der Aufforderung, „das von seinem Onkel unrechtmässig besetzte Land der Portugiesischen Krone friedlich zu verlassen“! Bois-le-Comte antwortet, „dass es ihm nicht zustehe zu beurteilen, wem dieses Land gehöre, aber er habe von seinem Onkel den Befehl erhalten, das Fort Coligny zu kommandieren und zu verteidigen, und dazu sei er auch dann bereit, wenn es ihn sein Leben kosten solle – er wünsche dem Gouverneur eine friedliche Rückkehr nach Salvador“!

Am Spätnachmittag des 15. März 1560 sprechen die Kanonen in der Bucht von Guanabara – und am folgenden Tag, gegen die Mittagszeit, ist der Kampf entschieden – die überlebenden Franzosen flüchten ins Hinterland, wo sie von ihren Freunden, den Tamoios aufgenommen werden. Dort formieren sie sich neu und verschanzen sich hinter zwei starken Verteidigungswällen. Mem de Sá seinerseits zerstört das französische Fort und segelt wenige Tage später zurück nach Salvador, ohne in Rio de Janeiro eine Besatzungstruppe zurückzulassen. Von Padre Manoel da Nobrega daraufhin angesprochen erwidert er, dass ihm dazu die Leute fehlen. Ein schwerer taktischer Fehler, dessen weitere Konsequenzen Nobrega voraussieht. Er schreibt einen Brief an den Kardinal Dom Henrique, in der er aus seiner Sicht die Notwendigkeit betont, Rio de Janeiro so schnell wie irgend möglich zu besiedeln und zu einer Stadt wie Bahia zu machen!

nach obenDie Armada

Catarina von Österreich versteht sofort, dass hier die Zukunft der gesamten Kolonie auf dem Spiel steht. Angesichts des offensichtlichen Fehlers ihres Gouverneurs handelt sie sofort und befiehlt eine Flotte zusammenzustellen, deren Kommando sie einem anderen Neffen von Mem de Sá anvertraut, dem jungen Estácio de Sá – dem sie ausserdem das Patent eines „Capitão-Mor“ ausstellt und ihm die Autorität überträgt, „alle in Rio de Janeiro befindlichen Franzosen definitiv des Landes zu verweisen, sowie dort, im Namen des Königs, eine Stadt zu gründen“. Die kleine Armada erreicht die „Baia de Todos os Santos“ von Salvador gegen Ende des Jahres 1563, und hier waren erst einmal verschiedene Reparaturarbeiten an den Schiffen fällig, wie immer, nach einer langen Atlantik-Überquerung.

Schliesslich sind Anfang 1564 alle nötigen Vorbereitungen abgeschlossen, alles was in Bahia entbehrlich war, hat sich ihr angeschlossen. Estácio de Sá segelt mit Verstärkung von Schiffen und Soldaten gegen Süden und legt in „Vila do Espirito Santo“ noch einen kurzen Aufenthalt ein, um dort weitere Verstärkung an Bord zu nehmen.

Besonders ein paar Administrationsexperten, wie zum Beispiel den Richter Braz Fragoso und den „Capitão Provedor“ Belchior de Azevedo, Männer, die das Zeug hatten, später die Capitania Rio de Janeiro aufzubauen.
Ausserdem schliesst sich ihm der Häuptling „Araribóia“ mit seinen Temiminó-Kriegern an – Indianer, die inzwischen mit den Portugiesen von Espirito Santo in gutem Einvernehmen lebten – was diese ihren unermüdlich für den Frieden tätigen Jesuiten-Patern zu verdanken hatten.

Die Armada des Estácio de Sá geht in der Deckung eines grossen Felsens vor der Guanabara-Bucht vor Anker und wartet dort auf den Einbruch der Nacht. Dann schickt der Kommandant ein kleineres Schiff unter dem Befehl des couragierten Paulo Dias Adorno aus, die Lage innerhalb der Bucht zu erkunden.

Sie stellen fest, dass die einzige unmittelbare Bedrohung von einem grossen französischen Kriegsschiff ausgeht, das wegen seines grösseren Tiefgangs etwas abseits vom Land vor Anker liegt. Angesichts der totalen Stille an Bord und nicht eines einzigen Lichtscheins, fasst er den tollkühnen Plan, das Schiff für die Krone zu kapern. Das sich dieser Plan allerdings so einfach, und ohne die geringsten Verluste, durchführen lassen würde, überrascht auch ihn: allen voran die Geschicktesten seiner „Marinheiros“ (Seeleute), sie werfen ihre an langen Tauen befestigten Enterhaken ins Holz der dem Festland abgewandten Seite der Bordwand, dann hält einer das Tauende fest, während der andere sich am Seil in die Höhe schiebt – mehr als ein Dutzend seiner Leute sind bereits an Bord, als sich der erste verschlafene Franzose zeigt und, angesichts der Säbelstarrenden Männer an Deck, sein Heil in der Flucht sucht und laut schreiend über die Reling ins Wasser springt.

Zwei weitere Franzosen werden von den Portugiesen in ihren Kojen überrascht und über Bord geworfen – sonst ist niemand da, sie aufzuhalten, und an Land scheint noch niemand den Überfall bemerkt zu haben. Trotzdem müssen sie sich beeilen, denn wenn der erste über Bord gesprungene Franzose schwimmen kann, dürfte der Tanz bald losgehen. Paulo Dias Adorno besetzt zwei der dem Festland zugewandten Haubitzen mit seinen Kanonieren, die andern Leute braucht er zum Setzen der Segel, am Steuer und um die beiden Anker zu lichten – damals alles harte Handarbeit, die Erfahrung und Geschicklichkeit verlangte und relativ viel Zeit in Anspruch nahm.

Der Bug des grossen Seglers weist bereits in Richtung auf die Ausfahrt – so entfällt das langwierige Wenden eines so grossen Schiffes innerhalb der Bucht, ein glücklicher Umstand der dieses gefährliche nächtliche Unternehmen besonders begünstigt. Als der Nachtwind in der Guanabara-Bucht die Segel des gekaperten Franzosen bläht, schickt Dias Adorno seinen Steuermann mit seinem Schiff voraus, um nicht von den eigenen Leuten angegriffen zu werden, wenn diese plötzlich das französische Kriegsschiff auf sich zusegeln sehen. Der ganze Plan wird ein grosser Erfolg – sie erreichen, von den Franzosen unbehelligt, die Reihen ihrer Landsleute und Estácio de Sá ernennt Dias Adorno zum Kommandanten des von ihm gekaperten französischen Kriegsschiffes.

nach obenUngewissheiten

Estácio de Sá schickt eins seiner Schiffe nach „São Vicente“, um die beiden Missionare Manoel da Nobrega und José de Anchieta abzuholen, die er bei seiner Gründung von Rio de Janeiro als Berater dabei haben will. Inzwischen erfährt er, dass die Tamoio-Indianer erneut das Kriegsbeil gegen die Portugiesen in „São Vicente“ ausgegraben haben und beschliesst, seinen Landsleuten in der Capitania São Paulo erst einmal zu Hilfe zu eilen – also wendet er seine Armada gegen Süden. Inzwischen näherte sich das auf dem Rückweg von São Vicente befindliche Schiff mit den beiden Missionaren bereits Rio de Janeiro – die letzte Nacht wollen sie auf der Insel verbringen, die heute „Ilha dos Franceses“ heisst.

Hier werden sie von einer Übermacht von Tamoio-Indianern, zusammen mit ihren Franzosen-Freunden in Kanus überrascht und vom Wasser aus mit einem Pfeilregen überschüttet. Einige von ihnen werden tödlich verwundet und die andern sehen sich bereits den Gräueln der wilden Indianer ausgeliefert, als die Flotte des Capitão-Mor Estácio de Sá in Sicht kommt, und die Indianer und Franzosen in ihren Kanus Reissaus nehmen. Die Unterredung zwischen dem Capitão-Mor und den beiden Missionaren ergibt hinsichtlich der Situation die übereinstimmende Meinung, dass es im Moment wichtiger ist, nach São Vicente zu segeln, um dort zu helfen, die Lage zu klären und sich anschliessend mit der Besiedelung von Rio de Janeiro zu befassen.

Estácio de Sá blieb einige Monate in São Vicente, kümmerte sich um die nötigen Reparaturen an den Schiffen seiner Flotte und um die nötigen Mittel für die Rückeroberung von Rio de Janeiro. Verschiedene ernste Probleme taten sich auf, die seine Absichten zu vereiteln drohten. Die Capitania von São Vicente war, infolge der überstandenen Angriffe der letzten Zeit, ziemlich erschöpft, sowohl an materiellen Mitteln als auch an kampfbereiten Männern. Aus seinen eigenen Reihen versuchte man, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, die Franzosen und die Tamoios erneut in Rio de Janeiro zu konfrontieren. Alle diese Bedenken beunruhigten den Kommandanten über alle Massen, und er begann, die endgültige Entscheidung hinauszuschieben.

In dieser Zeit der Ungewissheit, in der es so aussah, als ob die Idee der Eroberung von Rio de Janeiro sich in Luft auflösen würde, begann die starke Willenskraft des Padre Manuel da Nobrega dem Unternehmen wieder Richtung und Ziel zu weisen: Er begab sich mit Estácio de Sá und einigen Leuten seines Kommandos nach „Piratininga“, wo sie Verpflegung im Überfluss vorfanden. Dann schickte er Boten zu den Häuptlingen der Tupiniquim-Indianer des Hinterlandes, bat alle Bewohner von São Vicente um Unterstützung des Unternehmens, schickte Schiffe nach Bahia und Espirito Santo, um Lebensmittel und Soldaten heranzuschaffen – und überzeugte die Mischlingsjugend, dass ihnen vor dem Richter alle ihre Übertretungen der Gesetze erlassen würden, wenn sie sich dem Unternehmen anschlössen. Und so bekam er ein Kontingent von Verteidigern der Krone zusammen, die der Armada nunmehr das nötige Gewicht verliehen.

nach obenDie Besiedelung

Nach einem Aufenthalt von zirka neun Monaten in São Vicente segelt Estácio de Sá am 22. Januar 1565 gegen Rio de Janeiro. Unterwegs schliessen sich ihm aus „Bertioga“ der Padre Gonçalo de Oliveira und der Frei José de Anchieta mit fünf kleineren Schiffen an, welche Mestizen und Indianer transportieren.

Zur selben Zeit verlassen die Temiminós ihre Heimat in Espirito Santo und aus „Piratininga“ schliessen sich die Tupiniquins und christianisierten indianischen Schüler Anchietas der Truppe an – alle folgen sie dem Appell des genialen Padre Manuel da Nobrega. Am 1. März 1565 gehen sie an einem Strand an Land, der sich zwischen dem Fuss des „Pão de Açucar“ (Zuckerhut) und einem Berg erstreckt, den sie „Cara de Cão“ (Hundegesicht) nannten. Vorläufig unbehelligt, beginnen sie gleich nach der Landung mit dem Bau von Verteidigungswällen. Estácio de Sá erklärt die Stadt „São Sebastião do Rio de Janeiro“ für gegründet.

Der Pater Gonçalo de Oliveira stellt in einer der ersten Hütten aus Holz und Lehm eine Figur des Heiligen Sebastian auf, den sie zum Schutzheiligen der Stadt erklären. Der Name „São Sebastião“ wurde der Stadt auch zu Ehren des jungen portugiesischen Herrschers Dom Sebastão verliehen, und es war Estácio de Sá selbst, der in das Wappen der Stadt jene drei Pfeile des Märtyrers Sankt Sebastian einfügte.

Am 6. März, fünf Tage nach ihrer geglückten Landung und noch während der Errichtung der ersten Befestigungen, erleben die aus allen möglichen Ethnien zusammengewürfelten Seeleute, Soldaten und Siedler ihre erste Feuertaufe: sie werden von Tamoio-Indianern angegriffen, die sie erfolgreich in die Flucht schlagen können – und als sie sich gerade wieder zuversichtlich dem Ausbau der kleinen Siedlung zuwenden, sehen sie sich am 10. März plötzlich weit gefährlicheren Angreifern gegenüber – drei grossen französischen Kriegsschiffen und mehr als einhundertdreissig Kriegskanus, der mit den Franzosen verbündeten Tamoios, die über Nacht aus „Cabo Frio“ herübergekommen waren.

Ihr überraschendes Auftauchen begünstigt die Franzosen – es gelingt ihnen, drei von den portugiesischen Schiffen zu versenken, die in der Bucht vor Anker liegen, während sich die Männer an Land mit den unermüdlich anstürmenden Tamoio-Indianern herumschlagen. Die hereinbrechende Nacht unterbricht dann die Feindseligkeiten und Capitão-Mor Estácio de Sá hat den entscheidenden Einfall, nun seinerseits zur Offensive überzugehen, bevor seine Truppe so geschwächt sein wird, dass es dafür zu spät ist.

Die Nacht ist relativ dunkel, der Himmel bedeckt und günstig für sein Vorhaben, die drei riesigen Silhouetten der französischen Kriegsschiffe heben sich schwarz gegen den lichteren Himmel ab, sodass sie von den Kanonieren seiner viel kleineren Schiffe anvisiert werden können. Nach einem ersten Signalschuss feuern sie alle gleichzeitig. Dicht über der Wasserlinie graben sich die schweren Geschosse in den hölzernen Schiffsrumpf, und zwei der grossen Fregatten beginnen zu sinken, während die dritte die vor Schreck ins Wasser gesprungenen Franzosen einsammelt und dann Kurs auf die Ausfahrt der Bucht nimmt.

Ein paar Kanonenschüsse feuert sie noch auf die in der Deckung des dunklen Ufers verborgenen Feinde ab, aber die sind viel zu hoch gezielt und richten weiter keinen Schaden an. Als eine portugiesische Kanonenkugel die Takelage ihres Mittelmastes zerreist, haben die Franzosen genug – die arg lädierte Fregatte verschwindet hinter dem Zuckerhut und strebt dem offenen Meer zu. Der erwartete Angriff der Tamoio-Indianer, am nächsten Morgen, kommt nicht – sie haben sich, als sie die grossen Schiffe ihrer unbesiegbaren Freunde sinken sahen, noch während der Nacht aus der Bucht zurückgezogen.

Dies war nur der Anfang der turbulenten Stadtgründung von Rio de Janeiro, die endlich, mehr als 60 Jahre nach der Entdeckung der Guanabara-Bucht, gelungen war. Von da an ging die Besiedelung der Capitania von „São Sebastião do Rio de Janeiro“ voran, aber sie hatte sich, noch länger als ein Jahrhundert, immer wieder gegen Invasoren aus Ländern jenseits des Ozeans, und gegen die feindlichen Tamoios vor den Toren der Stadt, zu behaupten. Rio entwickelte sich zum wirtschaftlichen Zentrum und wurde 1834 Hauptstadt des Landes Brasilien – was es 125 Jahre lang blieb – und heute heimlich immer noch ist!