Tiradentes der Nationalheld

Veröffentlicht am 22. Oktober 2009

tiradentesTiradentes – mit vollem Namen Joaquim José da Silva Xavier – wurde zum Nationalhelden, als er 1789 die Widerstandsbewegung „Inconfidencia Mineira“ anführte, die eine Unabhängigkeit Brasiliens von der portugiesischen Krone forderte. Man hat ihn am 21. April 1792 hingerichtet. Als dann später 1889 endlich die Republik ausgerufen wurde, änderte man ihm zu Ehren den Namen der Stadt in „Tiradentes“ um.

Der 21. April ist ein „feriado“ (Feiertag) in Brasilien. Es ist Tiradentes, der Tag des „Zahnziehers“, in Erinnerung an den 21. April 1792. An diesem Tag zog besagter Tiradentes nicht etwa der portugiesischen Königin Dona Maria I. einen Zahn, nein! Auf Befehl der Monarchin, die etwa zur gleichen Zeit im fernen Portugal für verrückt erklärt und abgesetzt wurde, zog man Tiradentes zuerst eine Schlinge um den Hals, diese dann dermassen fest zu, dass dem Armen die Luft für immer weg blieb, und später dann seine Extremitäten in sich entgegengesetzte Richtungen, was gemeinhin als Vierteilung bekannt ist.

Alle anderen ebenfalls zum Tode Verurteilten hatte die Königin vor ihrer Entmachtung im fernen „Mutterland“ begnadigt, sie durften zwischen lebenslangem Gefängnis und der Deportation nach Afrika wählen. Nur Tiradentes, mit bürgerlichem Namen Joaquim da Silva Xavier, musste mit seinem Leben für das büssen, was in Brasilien seitdem als die „Inconfidência mineira“, der Verrat von Minas Gerais, bekannt ist.

Seitdem ist sein Name ein Synonym für Verrat, ein brasilianischer Judas. Tiradentes stammte aus der Nähe von São João do Rei in Minas Gerais. Aus armen Verhältnissen kommend und früh zum Waisen geworden, verdiente er sein Geld als Zahnzieher. Danach wurde er Soldat im Dragonerregiment von Minas Gerais, doch aufgrund seiner Abstammung verwehrte man ihm eine militärische Karriere. Einen weiteren Rückschlag erfuhr er bei dem Versuch der Durchsetzung eines von ihm für die Kanalisation der Abwässer von Rio de Janeiro entworfenen Projektes, welches am Widerstand der portugiesischen Beamten scheiterte.

Frustriert schloss sich Tiradentes daraufhin einer Gruppe von Verschwörern an, die dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika folgend die kolonialen Fesseln sprengen wollten. Es handelte sich dabei um angesehene Persönlichkeiten; unter ihnen waren Rechtsanwälte, Dichter, Intellektuelle, Adelige und Männer der Kirche, die sich des als „unschuldigen Idealisten“ charakterisierten Tiradentes bedienten. Der hatte sich – wie sein Tod auf besonders plastische Weise zeigte – mit Leib und Seele der Revolution verschrieben.

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts förderten schwarze Sklaven in den Bergwerken von Minas Gerais Edelsteine und Gold zu Tage, zwischen 1740 und 1744 alleine über 17 Tonnen. Die Hauptstadt „Vila Rica de Nossa Senhora do Pilar do Ouro Preto“ war zu dieser Zeit die reichste und grösste Stadt der südlichen Hemisphäre. Als seinen ihm zustehenden quinto („Fünftel“) setzte der portugiesische Königshof daraufhin eine jährliche Tributzahlung von 1,5 Tonnen Gold fest, unabhängig von der tatsächlichen Produktion. Als der Goldfluss ab 1760 immer stärker versiegte, verarmte die Region unter der Last des quinto zusehends.

Und so regte sich der Unmut, vor allem unter den Reichen von Minas Gerais. In Vila Rica versammelten sich im Dezember 1788 die Verschwörer, unter ihnen auch Tiradentes, um über die Form ihres zukünftigen unabhängigen Staates zu beraten. Wenig später verhaftete man sie, brachte sie nach Rio de Janeiro, wo ihnen der Prozess gemacht wurde.

Tiradentes nahm die alleinige Verantwortung für die geplante Revolution auf sich, um seine Mitverschwörer zu schützen. Erst als er dem Verräter „Joaquim Silvério dos Reis“ gegenüber gestellt wurde, musste er erkennen, dass die Behörden bereits alles über die Verschwörung wussten.

Warum gerade Tiradentes sterben musste und seine Mitverschwörer dem Tode entgehen konnten, bleibt die grosse Fragen. Jedenfalls war er der einzige, der mit seinem Leben bezahlte. Sein Kopf wurde zur Abschreckung auf dem zentralen Platz (heute die Praça Tiradentes) Vila Ricas, dem heutigen Ouro Preto, zur Schau gestellt. Mit der Unabhängigkeit am 15. November 1889 wurde Tiradentes zum ersten Nationalhelden Brasiliens erklärt.

Das älteste Theater Südamerikas ist das „Teatro Municipal“ von Ouro Preto. 1769 von „João de Souza Lisboa“ erbaut.  
Für die, welche Gefallen an einer anstrengenden Klettertour finden, empfiehlt sich die Wanderung auf den „Itacolomi“: Man braucht für die 18 Kilometer, vom Stadtzentrum aus zu Fuss, etwa 3 Stunden. 

Ouro Preto bezaubert zu jeder Jahreszeit. Mit ein ganz klein bisschen Einfühlungsvermögen kann man hier die Gegenwart eine Zeitlang vergessen. Es liegt soviel Poesie in den plätschernden Brunnen, in den ungleichmässigen Basaltköpfen des Pflasters, den schattigen Winkeln der Gassen, den verschachtelten Dächern, den Brückchen und den antiken Fassaden, dass man tatsächlich nach Vergleichen sucht, wo man schon einmal in ähnlich romantische Stimmung verfallen und sich ähnlich verführt gefühlt hat, einfach dazubleiben.

Das Osterfest wird in ganz Brasilien traditionell gefeiert. Nirgendwo sonst so, wie in Ouro Preto. Wer zu dieser Jahreszeit das Land bereist, sollte sich, wenn irgend möglich, das Osterfest in der kleinen Kolonialstadt verbringen (bitte lange im Voraus buchen!!). Es ist kein über die Massen orthodoxes Fest, sondern hat eher einen volkstümlichen Charakter. Die Osterwoche in der Kleinstadt Ouro Preto ist eher ein Volksfest mit religiösem Hintergrund.

In aller Herrgottsfrühe am Palmsonntag fährt ein mit Palmwedeln vollbeladener Lastwagen durch die schmalen Gassen – die Spende eines Grossgrundbesitzers. In den Strassen, durch die die österliche Prozession defilieren wird, herrscht eitel Hektik – Grüppchenweise stecken die Anwohner die Köpfe zusammen, um das Muster des Blumenteppichs auf dem Pflaster vor ihren Häusern zu entwerfen und festzulegen – das macht einer von ihnen mit Kugelschreiber und Papier. Der „Blumenteppich“ besteht jedoch nicht nur aus Blüten und Blumenblättern, sondern es kommen auch andere Materialien zur Anwendung, wie Sägemehl und Sägespäne, gehackte Lederreste, übers Jahr gesammelter Kaffeesatz, Kieselsteine und vieles andere, mit dem man fehlende Blütenblätter-Farbtöne erzielen kann.

Kinder zerschneiden Buntpapier zu Konfetti – zwischen Bergen von buntem Stoff sitzen die beiden Chef-Schneiderinnen auf der Strasse und verteilen die Gewänder an die siebzig Laiendarsteller des Alten und des Neuen Testaments. Besonders begehrt sind die Rollen der Apostel. Niemand will allerdings die Rolle des Judas spielen – also bleibt diese Person anonym und bekommt ein besonderes Entstellungs-Make-up verpasst.

Am Gründonnerstag werden die auf dem Papier vorher festgelegten Muster von einem geschickten Nachbarn aufs Pflaster übertragen und dann knien die Nachbarn überall entlang der Prozessionsroute auf den Kopfsteinen und legen die vorgezeichneten Felder gemeinsam aus – auch die entsprechenden Farben eines jeden Feldes sind schon auf dem Papier sehr geschmackvoll festgelegt worden. Fahnen und Wimpel werden an Simsen Erkern und Balkonen befestigt – und vor allem die Palmwedel vor jeder Tür. In den Zufahrtsstrassen zur Prozessions-Route stehen aufmerksame Wächter und leiten den Verkehr um.

Am Karfreitag, abends, genau um 20:00, beginnt die Kreuzabnahme neben der Kirche „Nossa Senhora do Pilar“. Dabei entdeckt der ahnungslose Besucher, dass die aus Portugal stammende, lebensgrosse Christusfigur (von 1720) einen beweglichen Kopf hat, der jetzt auf die Brust sinkt, und ebenso realistisch bewegliche Arme, die sich zum Körper hin anlegen – nach einem Blick in die Runde stellt man ergriffen fest: die ganze Gemeinde und alle Zuschauer erleben hier den Tod Christi! Und als die Veronika das Schweisstuch emporhält und ihre Klage anstimmt, sieht man in vielen Augen Tränen schimmern.

Nach Mitternacht verkünden ein paar Kanonenschläge den Tag der Auferstehung. Und die Morgendämmerung hallt wider vom vielstimmigen Geläute der Glocken – den Sound müssen Sie unbedingt mal erlebt haben, wenn alle Glocken von Ouro Preto Ostern einläuten! Etwas später marschiert mit Trommeln und Pfeifen die Ortskapelle auf, hinter ihr alle Akteure der Kreuzabnahme. In Reih und Glied stehen auf dem Trottoir kleine Buben in brandroten Gewändern und an die zweihundert kleine Mädchen mit glitzernden Strassdiademen im Haar und Engelsflügeln aus Gänsefedern, deren Drahtgestelle unter den weissen Kleidchen hier und da auf der Haut zu zwicken scheinen.

Auch sie folgen dann der Monstranz. Der rote Baldachin über dem Allerheiligsten hängt allmählich durch von dem vielen Konfettis, das aus den Fenstern ringsum herunterrieselt. Tausende von Füssen zertreten die Blumenmuster auf dem Pflaster.

Nachmittags wird der Judas hingerichtet – nicht zwischen Ölbäumen, sondern zwischen Palmen und Bananen eines leeren Grundstücks. Dieser Judas ist eine Stoffpuppe, voll mit Feuerwerk und Knallfröschen. Er wird, wie er es verdient, an einer der Palmen aufgehängt und angezündet – unter Beifallsgeschrei und Schmährufen explodiert er nach allen Seiten – ein Riesenspass.

Die Palmwedel werden mit ins Haus genommen und verstauben in irgendeinem Winkel, bis sie am Aschermittwoch des folgenden Jahres in einem gemeinsamen Feuer verbrannt werden – mit den noch warmen Aschenresten malt man sich gegenseitig ein Kreuz auf die Stirn – und dann beginnt die Fastenzeit.