Kloster von Caraça

Veröffentlicht am 22. Oktober 2009

Ein empfehlenswerter Ausflug, um sich einmal ganz in sich selbst zu versenken – in einer wunderschönen Waldregion mit vielen grünen Bergen und Wasserfällen spazierenzugehen, anbetungswürdige Architektur aus dem 18. Jahrhundert inmitten der erhabenen Landschaft zu bewundern und mit den Mönchen beim selbstgekelterten Wein über weltumspannende Probleme zu diskutieren. Das alles ist „Caraça“ – einst gegründet und erbaut von französischen Klosterbrüdern, unter Leitung von „Freire Laurent“ – den die Brasilianer in „Irmão Lourenço“ umbenannten.

Sein grosser Traum war ein Ort, an dem die Menschen ungestört verweilen, beten und studieren könnten – und als er ihn gefunden, schuf er zwischen 1774 und 1780 an dieser Stätte einen Gebäudekomplex von erhabener architektonischer Harmonie. Fünfzig Jahre lang versuchte er vergeblich, hier eine Hochschule für Knaben einzurichten und plötzlich, im Jahr 1820 – zwei Jahre nach seinem Tod – ging sein Wunsch endlich in Erfüllung: seine Nachfolger, zwei portugiesische Padres, gründeten das „Colégio de Caraça“ – die „Hochschule von Caraça„, die im Lauf von 150 Jahren ihrer Existenz grosse Persönlichkeiten der mineirischen Elite hervorgebracht hat. Wissenschaftler und Schriftsteller, Männer, die es zum Gouverneur und Staatspräsidenten brachten – unter ihnen „Afonso Pena“ und „Artur Bernardes“.

1870 entschloss man sich, die antike Barock-Kapelle abzureissen – sie war zu klein geworden für die wachsende Zahl der Studenten. Die Kirche „Nossa Senhora dos Homens“ wurde erbaut, die erste Kirche Brasiliens in gotischem Stil. Die Seitenaltare der antiken Kapelle allerdings, hat man erhalten. Eins der drei französischen Vitreaus, die das Gotteshaus verschönern, ist ein Geschenk Dom Pedros II. Details in Marmor und Seifenstein sind Teil der feinen Architektur. Eine exklusive Orgel mit 700 Pfeifen wurde vom Padre „Luiz Gonzaga Boavida“ für das Heiligtum konstruiert und vervollständigt, zusammen mit holzgeschnitzten Heiligenfiguren und vom Meister „Ataíde“ mit Gold bemalten Altären, die sehenswerte Innendekoration.

Das Ende der erzieherischen Berufung kam mit einem Brand, 1968, verursacht durch den Heizofen eines nachlässigen Studenten. Niemand wurde verletzt, aber zirka 10.000 Bände der 25.000 umfassenden Bibliothek wurden durch das Feuer vernichtet, dem praktisch das gesamte Gebäude zum Opfer fiel – heute ist es wieder restauriert.

Nach dem Brand wurde die Hochschule geschlossen. Eine Alternative bot sich in der Idee, den Naturpark zusammen mit dem historisch-kulturellen Kloster-Komplex für interessierte Besucher zu öffnen.

Dem entsprach man ab 1976, mit der Einweihung der asphaltierten Strasse – der Umweltschutz und die Toleranz der Padres hatten einen Weg gefunden, diese wunderbare Stätte physischer und psychischer Erbauung und Erholung nicht nur zu erhalten sondern auch einem Publikum zugänglich zu machen, das sicher dankbar ist für dieses Körper und Seele reinigende Erlebnis.

Der „Parque Natural do Caraça“ liegt 120 km von Belo Horizonte – in südöstlicher Richtung – in der Nähe von „Barão do Cocais“. Man erreicht diesen kleinen historischen Ort über die Bundesstrasse BR-162. Die durchschnittliche Temperatur in dieser Bergregion der „Serra do Espinhaço“ liegt bei 15º C – es kann also, je nach Jahreszeit, empfindlich kalt werden – besonders nachts!

Rund 20 km weiter, inmitten eines Waldgebietes von 11.233 Hektar Ausdehnung, entdeckt man plötzlich den Gebäudekomplex von einmaliger architektonischer Schönheit: Das Kloster, die Hochschule, die Bibliothek und die Kapelle von „Caraça“. Eine unbeschreiblich friedliche, fast unwirkliche Athmosphäre liegt über ihren neogotischen Türmen.

Man wandelt die stillen Bogengänge entlang, unter denen so viele grosse Persönlichkeiten sich auf die Veränderung der Welt vorbereiteten. Eine heilsame Gelassenheit und völlige Entspannung stellen sich beim Besucher ein.

Es gibt enorm viel zu sehen an diesem wunderbaren Ort in 1.220 Metern über dem Meer – sowohl für den Natur- als auch für den Kulturliebhaber: zum Beispiel die Kirche mit Originalen des brasilianischen Rembrandt „Manuel da Costa Ataíde“ und ihren unterirdischen Katakomben, in denen viele Mönche bestattet wurden. Oder das Kloster selbst und seine reichhaltige Bibliothek – 30.000 Bände – unter ihnen seltenste, handbearbeitete Werke aus dem Mittelalter!

Das Mittagessen wird in der Klosterküche zubereitet und für die Gäste im Refektorium serviert, dazu kredenzen uns die Mönche einen selbstgekelterten Wein. Die Atmosphäre ist fast unwirklich – märchenhaft – besonders empfindet man das nach Einbruch der Nacht am Kaminfeuer und einem guten Wein im Glas. Vielleicht liegt es daran, dass man sich hier nicht wie ein Tourist fühlt – eher wie ein aussergewöhnlicher Gast, dem sich, auf Wunsch, die Mönche auch persönlich widmen. Und dann kommen sie leicht ins Erzählen.

Zum Beispiel die Geschichte mit den Wölfen, die einer ihrer Mitbrüder, „Francisco“, mit viel Ausdauer daran gewöhnt hat, sich die Küchenabfälle im Vorgarten, von einem dafür präparierten Holzklotz, abzuholen. Wir waren platt, als sie uns in der Abenddämmerung tatsächlich ihre Wölfe präsentierten – man stelle sich vor: echte, wilde „Guará-Wölfe“ (Chrysocyon brachyurus), die andernorts schon ausgestorben sind oder so selten geworden, dass man sie auf die Liste der bedrohten Tierarten gesetzt hat.

Nachdem die Sonne untergegangen ist kommen sie aus ihrem Versteck, dem dichten Atlantischen Regenwald rund um das Kloster. Erst einer, dann die beiden andern, alle drei etwa gleich gross. Leider kann ich von ihrem fuchsroten Fell mit der schwarz abgesetzten Zeichnung nicht mehr viel erkennen. Völlig lautlos schreiten sie auf ihren scheinbar viel zu langen Beinen daher, verharren misstrauisch – die grossen Ohren drehen sich nach allen Richtungen – wieder ein paar lautlose Schritte in Richtung des gewohnten Fressplatzes vor dem Küchenfenster – noch einmal verhoffen – der Bruder „Francisco“ lockt sie jetzt mit Lauten, die niemand versteht – nur er und seine Wölfe.

Sowie sie seine beruhigende Stimme vernehmen geben sie ihre Vorsicht auf, machen die letzten Schritte, schnappen nach einem Stück Fleisch, Huhn oder Fisch und springen dann ein paar Schritte zurück in den Schatten der Nacht, um dort in Ruhe ihre Mahlzeit zu verzehren. Leichtfüssig kommen sie dann zurück – einer nach dem andern, ohne Hast, nehmen sich wieder ein Stück und gehen wieder auf Sicherheitsabstand. Kein Laut bisher, keine Rauferei untereinander, sehr anständiges Benehmen – oder nur Vorsicht?

Bruder „Francisco“ sitzt mit baumelnden Beinen auf einem Mauervorsprung, etwa fünf Meter vom Holzklotz mit den Küchenabfällen entfernt – wir andern beobachten die Szene durch das Fenstergitter. Die Tiere sind überaus scheu und es hat Francisco sehr viel Geduld gekostet sich ihnen auf diesen Abstand zu nähern. Ab und zu spricht er beruhigend auf die Tiere ein – mit jenen Tönen, deren Worte man nicht versteht (wenn es überhaupt Worte sind), aber deren Melodie irgendwie beruhigend wirkt – auch auf mich. Inzwischen ist der Holzklotz leer – wir können im Lampenlicht, das aus den Fenstern fällt, gerade noch seine Umrisse erkennen – die Wölfe hat die Nacht verschluckt. Ob sie nochmal zurückkommen, um zu betteln? „Erst wieder morgen Abend“, sagt Bruder Francisco.

In dem robusten Bauernbett einer für Gäste vorbereiteten ehemaligen Mönchszelle verbringe ich die Nacht. Und mir träumt vom Heiligen Franziskus, auf dessen Kopf, Schultern und Armen sich viele Vögel niedergelassen haben – und dann springen plötzlich Guará-Wölfe an ihm hoch und schnappen nach den Vögeln, die erschreckt davonflattern. Davon bin ich dann aufgewacht – drehe die schwere Tür in den Angeln und trete nach draussen in die schwarze Nacht. Das fahle Sternenlicht reicht kaum um in der näheren Umgebung etwas zu erkennen – ich setze mich in einen Korbstuhl und warte. Der trommelnde Chor der Frösche gefiel mir schon immer ganz besonders – überall in Brasilien ist er anders – als ob man jedes Mal einem neuen Konzert lauscht, mit unterschiedlicher Instrumentierung. Es soll Leute geben, die sich von dieser wunderbaren Melodie der Natur gestört fühlen?!

Aber die meisten Besucher von „Caraça“ möchten vor allem die herrliche Natur ringsherum kennen lernen, durch den Wald wandern, in den Seen und Wasserfällen baden oder auf die Berggipfel klettern. Einer dieser Gipfel hat dem Ort seinen Namen gegeben: „Caraça“ bedeutet „grosses Gesicht“ und der Berg zeigt dem Besucher ein riesiges Gesicht aus Felsgestein, das zum Himmel aufblickt. Um einen schönen Überblick von der Landschaft um das Kloster herum zu bekommen, gibt es gleich in der Nähe gute Aussichtspunkte: man kann zum „Cruzeiro“ hinaufklettern, einem kleineren Gipfel mit aufgestellte Holzkreuz, man kann den „Calvário“ besteigen oder den „Mirante“, alle in der Nähe der Gebäude.

Eine liebliche Attraktion, in der Nähe des Klosters ist die „Cascatinha„, ein Wasserfall von 50 m Höhe, dessen Fallbecken man nach einer Wanderung von weniger als einer Stunde, über gut markierte Pfade erreicht.

Das Wasser ist rötlich, eisenhaltig und bildet verschiedene natürliche Bade-Pools, bevor es als kleineres Flüsschen dem Rio Caraça zuströmt, in dessen Verlauf man ebenfalls verschiedene Wasserfälle innerhalb des Parkgeländes entdecken kann. Vom oberen Rand des „Cascatinha“ hat man einen schönen Ausblick über die Landschaft, mit verschiedenen Berggipfeln am Horizont, wie zum Beispiel dem „Pico da Canjerana“ (1.868 m), dem „Campo de Fora“ (1.530 m) und den drei Gipfeln, welche die „Trindade“ bilden – mit mehr als 1.600 Metern Höhe.   

Der höchste Gipfel von Caraça ist 2.070 m hoch und heisst „Pico do Sol“. Nach einer Wanderung von etwas mehr als zwei Stunden – oberhalb am „Cascatinha“ vorbei – kann man ihn ohne grössere Mühe erreichen. Andere Berge können per markierten Pfaden erwandert werden: zum Beispiel der „Carapuça“ (1.900 m). Auf dem Weg kommt man an der Höhle „Gruta de Lourdes“ vorbei, einer Quarzit- Grotte mit einem riesigen Eingang. Andere zu erwandernde Berge sind: der „Inficionado“ (2.068 m) und der „Verruginha“ (1.700 m) und einige kann man nur von weitem bewundern, wie zum Beispiel den „Conceição“ (1.810 m).

Den „Cascatona“ – grösster Wasserfall des Parks, mit 100 Metern Fallhöhe, im nördlichen Abschnitt, kann man nach einer Wanderung über 6 km, nur an seinem oberen Rand erreichen. Hier stürzt der Rio Caraça in Richtung Norden zu Tal und von dort aus nimmt er seinen Weg über ein kilometerlanges steiniges Bett. Um hinunterzusteigen, sollte man in guter körperlicher Verfassung sein, denn der Weg führt über einen schlüpfrigen und steilen Pfad nach unten. Und besonders der Rückweg hinauf ist ermüdend, denn nur von oben führt der Pfad zurück ins Kloster. Geht man den Pfad der „Cascatona“ ein Stück weiter, erreicht man ein kleines Oratorium, von dem aus man einen besonderen Panoramablick auf die Landschaft geniesst.

Nur die Wanderung durch den umgebenden Atlantischen Regenwald ist schon ein ganz besonderes Erlebnis für den, der Augen hat zu sehen und Ohren, um zu hören. Ausser den Mähnenwölfen kann man hier Gruppen von Nasenbären (Coatis) und Eichhörnchen (Esquilos) begegnen, auf den Ästen sieht man Gruppen von Pinselohräffchen (Saguís) und hie und da auch einen Kapuzineraffen (Macaco Prego). Schwerer zu entdecken sind Tapir, Puma, Ozelot, Wildhunde, Füchse und Ameisenbären, die ebenfalls im Park eine der letzten Zufluchten in dieser Region gefunden haben.

Die verschiedenen Vogelarten machen eine Wanderung im Park ebenfalls sehr interessant. Da gibt es winzige Kolibri-Arten, bunte Singvögel, Tukane, Papageien und Sittiche, grosse Raubvögel und Eulen, aber weder die Fauna noch die Flora dieses Parks sind bis heute katalogisiert worden, sodass wir in diesem Fall lediglich auf die vagen Angaben der Mönche zurückgreifen können.

Die üppige Vegetation präsentiert ausschweifende Areale mit Atlantischem Regenwald, unterbrochen von Cerrado-Flächen, besonders in den höhergelegenen Regionen. Niedriges blühendes Buschwerk, verteilt über sämtliche freien Flächen, kontrastiert mit den unzähligen Nuancen in gelb und Grün. Dazwischen entdeckt der aufmerksame Beobachter verschiedene Spezies von Orchideen, „Canelas-de-Ema“ (Lauraceae) und „Sempre-Vivas“ (Helichrysum bracteatum, Andr.), die auf den Cerrado-Flächen blühen. Die grösstenteils sekundären Wälder enthalten noch Edelhölzer, wie zum Beispiel den „Cedro“ (Pouparia amazonica, Ducke) und den „Jacarandá“ (Machoerium villosum, Vog.), neben „Samambaiaçus“ (Eufilicineae) und einer ungezählten Vielfalt anderer Arten.

Die Wanderwege zu verschiedenen Landschaften und um Tiere zu beobachten, sind gut markiert und leicht zu verfolgen. Ein Guide ist allerdings eine gute Idee.

Der brasilianische Kaiser „Dom Pedro II“ hat die einmalige Schönheit und Erhabenheit dieses Ortes mit folgenden Worten wiedergegeben: „Ein Besuch in Caraça ist bereits eine Reise nach Minas Gerais wert!“